Junkerchen nebeneinander gedrängt, denn der Nachtwind pfiff ganz
ungewohnt und scharf aus der Finsternis durch ihre sonst so gemütliche
Kinderstube, und sie drehten dem ungemütlichen Blaser, den durch die
Flügel besser und wärmer gedeckten und geschützten Rücken zu und
schauten gerade richtig in den Turm hinein auf die Kamera (Abb. 2). In
der Mitte saß ziemlich breitspurig der älteste der Brüder und reckte
den Kopf. Er fühlte sich verantwortlich für die Sicherheit der Burg.
Er hatte doch ein ungewohntes Geräusch gehört, auf das er lauschen
wollte. Halb hinter ihm der kleine Dicke, der den Mäusespeck so gern
hatte, schlief schon halb und klappte ab und zu die runden Augen auf.
Er war der satte Phlegmatiker, der ruhig für sich sorgen ließ, am
wärmsten saß, dabei aber den jüngsten Bruder, das Nesthöckchen, ganz
selbstverständlich und gemütlich noch an die Wand drängte, um recht
bequemen Platz für sich zu haben, und der dazu noch sein dümmstes
Gesicht aufsetzte. Das kleine ängstliche Nesthöckchen aber hob ergeben
das kleine scharfe Schnäbelchen, zufrieden, daß es wenigstens noch ein
Plätzchen hatte dicht bei den Brüderchen in dieser kalten unheimlichen
windigen Nacht voller Unruhe. Dem vierten älteren Bruder war die
Spannung des ältesten nicht entgangen, und mit ihm gemeinsam lauscht
er hinaus in die unheimliche Finsternis, aus welcher eine ungekannte
Gefahr sich zu nahen schien. Eben will er sein Bedenken und finstere
Ahnung mitteilen, da blitzt es plötzlich blendend und grell auf, als
wollte das Licht ihre Augen verbrennen und pechschwarze Finsternis
folgt. Sie fahren entsetzt auseinander, Dickbrüderchen ist hellwach
geworden und reißt die runden Augen auf, als wäre er eine Eule mit
den großen Telleraugen. – Erst gestern Nacht hatte er ja eine mit
leisem Flug um den Turm streichen seh’n! – Sie wenden sich rückwärts
und wollen auf und davon im ersten Schrecken, Nesthöckchen ist schon
fast am Rande des Horstes; da blitzt es zum zweiten Male auf, ebenso
grell, ebenso schnell und dann bleibt es dunkel (Abb. 3). Wie gelähmt
bleiben sie sitzen und können sich nicht rühren. Wohin sollen sie
flüchten? Erst allmählich, als kein neues Entsetzen folgt und alles
still bleibt, fällt die bannende Angst ab. Nur leise Geräusche im
Turme, wie sie schon oft gehört, vernehmen sie noch, das Fenster wird
geschlossen und plötzlich hört auch der kalte zugige Wind auf und sein
unangenehmes Zausen, Zupfen und Wühlen in ihrem Gefieder. Der Wind,
der ungebärdige böse Zausegeselle, ist wieder aus der Kinderstube der
Falken ausgeschlossen. Sie drängen sich wieder zusammen, daß eins am
andern sich wärmt, vergessen den Schrecken und schlafen dann ruhig im
warmen Winkel ein, bis morgen früh die Sonne sie weckt oder die liebe
Mutter Turmfalk mit dem heißbegehrten Frühstück kommt. – – –
»Es gingen drei Jäger wohl auf die Pirsch
Sie wollten erjagen den weißen Hirsch«
Froher hätten die drei Jäger auch nicht nach Hause wandern können,
_wenn_ sie den weißen Hirsch erlegt hätten – sie haben ihn aber nicht
erlegt!! – als wie unsere Photographen, als sie nach langem geduldigen
Mühen den Lohn wohlgelungener seltener Aufnahmen nach Hause trugen.
Sie fühlten sich beim Herabsteigen auf der schwarzen Wendelstiege des
Turmes zu mitternächtiger Stunde wie Schillings, als er »mit Blitzlicht
und Büchse« aus dem finsteren Urwald heimkehrte. Hellauf flammte der
Mut: »In den nächsten Tagen oder Abenden wiederholen wir die Aufnahme
und stellen untrüglich fest, wie die Entwicklung vorgeschritten ist!«
»Natururkunden!« Doch Hindernisse treten ein: Als nach acht Tagen die
Forscher zur Tat schreiten wollten, da war das Nest leer, und die
jungen Falken hatten ihren Flug in die Welt angetreten.
[Illustration:
Blitzlichtaufnahme von A. Schreiber, Freiberg
Abb. 3 =Junge Turmfalken im Horst, einem Fensterschlitz am Petriturm in
Freiberg=]
Den 27. Juli, einen schönen Sonntag, hatten sie zu ihrem ersten
Ausflug auf eigenen Flügeln sich ausgesucht. Bis zu den benachbarten
Dachfirsten hatten sie ihre jungen Schwingen zunächst abwärts getragen.
Dort saßen sie dann mehr ängstlich und erstaunt über ihren eigenen Mut
und warteten, daß die Eltern ihnen den gewohnten Braten brachten. Die
Maus auf dem Dachfirste, von den Eltern zugetragen, war ihnen so lieb
wie die Maus im Turmhorst. Auch hier auf dem Dachfirste hielt aber die
gestrenge Frau Mutter scharf die Reihenfolge ein, so daß nicht etwa
ein kleiner Frechling doppelt erhalten konnte, während ein anderer
leer ausging. Wenige Tage nur ging es von Dachfirst zu Dachfirst, auf
Essenköpfe in immer gewandterem Fluge, dann hinüber in die benachbarten
Gärten und Promenaden. Auf hohen Bäumen hat man sie noch bemerkt, bis
eines Tages ihre erstarkten Flügel sie in die Ferne trugen zu eigenen
Fahrten, Jagden und Abenteuern.
Die Kindheit war vorüber. Sie hatten gelernt, daß Mäusebraten jedem
anderen Braten vorzuziehen, ja das einzige würdige und ritterbürtige
Essen ist, daß die Mäusejagd der einzige Turmfalkensport ist, in
dem Kraft, Gewandtheit, Schnelligkeit, scharfe Augen und Fänge sich
rühmlich und nützlich betätigen können.
[Illustration:
Aufnahme von K. Reymann in Freiberg
Abb. 4 =Petrikirchtürme in Freiberg= Von Süden]
Drei Monate etwa hatten Ritter Turmfalks auf dem Petriturm gehorstet
und täglich wohl mindestens durchschnittlich zehn Mäuse geschlagen.
Das sind etwa tausend Mäuse in kurzer Zeit! Ruhm und Dank darum dir du
wackrer, schneller Held!
Wenn aber ihr jungen Falken über den Feldern schwebt, wenn ihr in die
blaue Höhe steigt, wenn ihr eure Beute schlagt, möge kein Schießer euch
treffen, kein Feind euch verderblich werden! Eure Burg und Kinderstube
auf dem Petriturm ist leer. Bald braust der Wintersturm um seine Ecken.
– Wenn der Frühling kommt und das Birklein an der Brust des alten
Riesen grünt und die Kinder nach dem Sonnenstrählchen auf dem Turmknopf
spähen, wird dann ein Paar von eurem ritterlichen Geschlecht dort oben
wieder horsten auf stolzer Burg über dem Treiben und der Unruhe der
Welt? (Abb. 4).
Willkommen seid ihr uns, uns und der heimlichen neugierigen Kamera!
Fußnote:
[1] Nach eigenen Beobachtungen und Mitteilungen der Herren
Kantor Bretschneider, Obersekretär Walter, Kirchendiener
Klemm, Glöckner Lohse und des Herrn A. Schreiber in
Freiberg.
Ins Trappengebiet
Von _Friedrich A. Bäßler_
Acht wetterfeste Ornithologen, ein Weiblein und sieben Männlein
begrüßten sich am frühen Morgen auf dem Bahnhof in Großenhain.
Wetterfest, denn auf dem Wege zum Bahnhof in Dresden war man schon
einmal »durch« geworden vom Schnee und Regen, den der launische April
herunterschüttete. Da es aber jetzt nicht mehr regnete, ging’s mit
gutem Mute voraus ins Trappenrevier. Aus dem Park am Ufer der Röder
begrüßte der Zilp-Zalp als erster Vertreter der Ornithologie ihre
getreuen Jünger. Weitere Namen konnte der Buchführer bald in seine
Liste eintragen. Dicht vor der Mühle von Kleinraschütz flog ein
Ringeltäuber vom Boden auf, ließ sich in einem Baume nieder und machte
so die Beobachter auf sein Nest aufmerksam, in dem seine bessere
Hälfte brütend saß. Vom Mühlendach herab ließ der Hausrotschwanz sein
krächzendes Liebesliedchen erschallen. Rechts der Straße breitete
sich nun die kahle Fläche des Exerzierplatzes aus, spärlich bewachsen
mit Gräsern und fruchtendem Moosrasen, nur hie und da durchsetzt
von niedrigem Gebüsch. Mehrere Steinschmätzerpärchen trieben dort
ihr Wesen. Ein Männchen war sogar so freundlich, vom Telephondraht
herunter sein wenig bekanntes Lied zum besten zu geben. Aus einem
Wiesengraben der Röderniederung erhob sich ein Stockentenpärchen, um
bald wieder plätschernd in dem Überschwemmungsgebiet einzufallen.
Langgeschwänzte Elstern, diese bösen Nesträuber im schmucken Kleide,
kreuzten schwerfälligen Fluges den Weg, und ein Bussard zog über den
Wiesenflächen seine Kreise.
Weiter wandern wir auf Skassa zu, das von drüben über der Röder
herübergrüßt. Die Straße biegt jetzt links ab und führt über eine
Brücke ins Dorf. Wir halten uns rechts auf einem Feldweg, an großen
Kartoffelmieten vorbei, der Neumühle zu. Ein mächtiger Eichenstamm,
der gefällt am Wege liegt, bietet willkommene Gelegenheit zur
Frühstücksrast. Selbst während der Rast bietet sich dem Vogelfreund
Gelegenheit zum Beobachten. Vor uns liegen überschwemmte Wiesen,
über denen dreißig bis vierzig Rauchschwalben hastigen Fluges
durcheinanderfliegen. Für diese armen Tierchen, die ja nur fliegende
Insekten fangen können, ist noch karge Zeit. Mücken und Fliegen halten
sich vor der Kälte noch verborgen in ihren Schlupfwinkeln. Drüben
jenseits des Wassers erfreuen Fasanen das Auge der Beobachter. Frisch
gestärkt geht’s nun weiter. Ein prächtiges Bild bietet die Neumühle
drüben am andern Ufer. In breitem Bette strömt das Wasser schäumend
über ein flaches Steinwehr, über dem dicht der schmale Steg in den
Mühlenhof führt, während der Fahrweg durch das rauschende Wasser am
Fuße des Wehres nebenherläuft. Weit kann das Auge dem Laufe des Flusses
folgen, der sich von Auwald umsäumt nach Norden wendet.
Nun gehts aber ernstlich hinein ins Trappengebiet. Auf Feldwegen
nähern wir uns Weißig, dessen Windmühle schon über den Höhenrücken
herüberschaut. Auffällig viele Hasen treiben hier auf den Feldern ihr
Wesen. Bald links, bald rechts sucht einer, aufgescheucht durch unser
Nahen, das Weite. Dicht beim Dorfe sind mindestens zwanzig Vertreter
dieser Sippe auf engstem Raume versammelt und lassen sich beim
»Karussell« bewundern, das heißt sie jagen sich unermüdlich im Kreise
herum, einer hinter dem andern.
Wir haben nun Weißig durchschritten und vor uns in einiger Entfernung
liegen die Häuser von Roda im schönsten Sonnenschein. Dort, vor jener
schiefergedeckten Scheune balzten die Trappen im vorigen Jahre.
Jetzt also die Prismengläser zur Hand, und aufgepaßt! Aufmerksam
durchforschen wir das Gelände. Nichts ist zu sehen von den stattlichen
Vögeln. Also näher heran! Wir folgen der Straße nach Wildenhain. Von
da haben wir die Felder vor Roda in günstigster Beleuchtung vor uns.
Aller paar Schritte bleiben wir stehen, um die Gegend zu durchmustern.
Endlich ruft jemand: »Dort sind sie.« In einer Bodentelle bewegen sich
braune Gestalten und schneeweiße Flecken leuchten im Sonnenschein
herüber. »Ja, jetzt habe ich sie auch.« So ruft einer nach dem andern.
Was doch die Suggestion ausmacht! Keiner will’s glauben, als der Führer
behauptet, das seien nur Rehe, deren Spiegel so hell leuchte. Endlich
hat sich aber auch der letzte Zweifler überzeugen müssen, daß drüben
elf »Feld«-Rehe an der jungen Saat sich gütlich tun und dabei hin und
her treten. »Aber dort, weiter rechts, das sind Trappen.« Ja, das sieht
doch ein wenig anders aus, als vorhin die Rehe. Dort stehen unsre
größten einheimischen Hühnervögel. Ein Trapphahn in Balzstellung zeigt,
den Kopf von uns abgewendet, den gefächerten Schwanz, unter dem das
reine Weiß der Unterschwanzfedern wie ein Wattebausch hervorschimmert.
Jetzt dreht er sich langsam um und über dem Braun der herabhängenden
Flügel und des Rückens wird der graue Hals sichtbar. Mehrere Hennen,
wesentlich kleiner als der Hahn, stehen und liegen um ihn herum. Nun
ist das »Jagd-« oder besser »Beobachtungs«-Fieber erwacht. Wir müssen
noch näher heranzukommen suchen. Auf Rainen und Feldwegen pirschen
wir uns heran. Von Zeit zu Zeit tun wir einen Blick durchs Glas, dann
geht’s weiter. Da streichen von Weißig her zwei Trappen heran, und
jetzt entdecken wir immer mehr der großen Vögel. Einunddreißig Stück
zählen wir mit Befriedigung, darunter auch noch einige Hähne, doch sie
haben uns eräugt, und langsam ziehen sie von uns weg. Auf einem Umweg
gelingt es uns noch einmal, auf einhundertfünfzig Meter heranzukommen,
so daß wir den ganzen Trupp mit einem Blick überschauen können. Alle
Einzelheiten können wir durchs Prismenglas erkennen: die grauen Hälse,
die braunen Rücken, die schwarzgesäumten Flügel und den Backenbart der
Hähne. Fürwahr, ein prächtiges Bild fürs Ornithologenherz und für jeden
Naturfreund.
Doch die Trappen lieben es nicht, daß der Mensch sich so eingehend
mit ihnen beschäftigt. Langsam machen sie kehrt und bewegen sich von
uns weg, und als wir noch näher herangehen, da erhebt sich einer der
scheuen Vögel nach dem andern. Ruhigen Flügelschlages geht’s fort. Ein
Bild, nicht weniger wirkungsvoll als vorhin, so fünfundzwanzig der
großen Flieger in dichtem Schwarm beieinander in der Luft zu sehen.
Den Hals gerade nach vorn gestreckt, die Ständer nach hinten gelegt,
so ziehen die schweren Vögel scheinbar mühelos dahin, den neugierigen
Beobachtern zu entgehen, um nach kurzer Zeit wieder Fuß zu fassen.
Voll befriedigt verschnaufen wir ein Weilchen. Wir suchen noch die
Stelle auf, wo vorhin der Hahn balzte. Dort liegen einige der großen
schneeweißen Dunenfedern, die wir uns zur Erinnerung an die Trappenbalz
mitnehmen.
Und während wir rasten, da erörtern wir das Thema, ob hier nicht eine
lohnende Aufgabe für den Verein Heimatschutz wäre, diese einzigartigen
»Hühnerstelzen«, die in solcher Zahl wohl nirgends mehr in Sachsen
vorkommen, zu schützen. Denn es wäre jammerschade, sollte dieser
Steppenvogel etwa ganz verschwinden. Doch ist wohl noch kein Grund
für ein Eingreifen vorhanden. Die Zahl hat sich in den letzten Jahren
immer auf derselben Höhe gehalten. Der Vogel weiß sich selbst am
besten zu schützen. Seine Größe läßt ihn den Feind schon von weitem
erkennen. Jetzt wo Klee und Getreide noch niedrig sind, kann man näher
nicht herankommen als wir. Wenn dann gegen Ende Mai die Äcker kniehoch
bewachsen sind, dann kann man sich wohl auf fünfzig bis fünfundsiebzig
Meter heranschleichen, dann sind aber auch die Tiere viel schwerer zu
entdecken. Und wie klug die Tiere sind, das konnten wir im vorigen
Jahre beobachten. Zum Greifen nahe flogen sie über die arbeitenden
Bauern und Pferde hinweg, während sie uns nicht näher heranließen als
auf einhundertfünfundzwanzig bis einhundertfünfzig Meter. So kommt es,
daß nur selten einmal eine Trappe zur Strecke kommt, wie erfahrene
Jäger der dortigen Gegend versichern.
Unerwartet schnell hatte uns der Vormittag einen so guten Erfolg
beschert, und da wir den Tag noch vor uns hatten und das Wetter gut
war, so beschlossen wir, den Teichen zwischen Koselitz und Frauenhain
im Norden unsres Gebiets noch einen Besuch abzustatten. Am Glaubitzer
Pfarrbusch vorbei, über Radewitz strebten wir dem Höhenzuge zu, an
dessen Fuße der Grödel-Elsterwerdaer Floßgraben von Süd-West nach
Nord-Ost sich hinzieht. Die feuchten Wiesen wären so recht ein Gelände
für den Brachvogel gewesen und die sandigen Äcker auf der Höhe für den
Triel, aber keiner von beiden zeigte sich uns. Nur Kiebitze riefen uns
im wuchtelnden Flug ihren Namen zu.
An windgeschützter Stelle wurde aus dem Rucksack ein »Promenadendiner«
eingenommen, dann gings weiter in Richtung Koselitz. Ein Schnee- und
Regenschauer erinnerte uns daran, daß der April noch am Ruder sei.
Es war aber eine letzte, schüchterne Mahnung, denn ein wundervoller
Nachmittag war uns noch beschieden. Allerhand boten uns noch die
Koselitzer Teiche. Schwarz-, Rothals- und Haubentaucher, Bläßhühner,
Stock-, Schell- und Tafelenten belebten die Wasserfläche. Die
freudigste Überraschung bot uns aber der Neue Teich bei Frauenhain,
als wir im Schilf Freund Adebar »herumstorchen« sahen. Als wir dann
im Dorfwirtshause bei einem Schälchen »Heeßen« von den Strapazen der
Wanderung uns erholten, da erfuhren wir, daß ein besetztes Storchnest
im Dorfe vorhanden sei. Ein Besuch bei ihm sollte den würdigen
Abschluß des so erfolgreichen Tages bilden. Im Garten hinter der
Scheune von Nummer einundvierzig steht es auf einer hohen Eiche.
Drei mächtige Äste, die schräg emporwachsen, bilden eine vorzügliche
Unterlage für den massigen Horst. Frau Adebar saß – wie es schien
brütend – darin. Und während wir schauen und uns berichten lassen vom
Besitzer des Grundstückes, daß das Nest seit vierzig bis fünfzig Jahren
immer besetzt gewesen ist, da kommt auch der Gatte herangestrichen,
fußt auf dem Nestrande und verflicht einen mitgebrachten Zweig ins
Gewirr der schon vorhandenen.
Lange stehen wir und freuen uns des in unsrer Heimat so selten
gewordenen Anblicks und übersehen dabei auch die Spatzen nicht, die im
Neste des großen Vettern ihre winzige Kinderstube aufgeschlagen haben.
In halbstündigem Marsch ist dann die Station Frauenhain erreicht, und
rasch bringt uns das Berliner »Zügle« den heimischen Penaten zu. Die
Fahrt gibt uns noch einmal Gelegenheit, zu überdenken, was uns an
Schönem der Tag alles beschert hat.
Aus einem alten Stammbuche
Von Geh. Reg.-Rat _Benno von Polenz_
Vor mir liegt ein altes Stammbuch aus dem letzten Drittel des
achtzehnten Jahrhunderts. Es trägt den Titel
Denkmahl der Freundschaft
gestiftet von Christian Ferdinand von Reiboldt.
Reinsdorff 1772.
Die Einträge sind aus den Jahren 1772 bis 1777.
Christian Ferdinand von Reiboldt entstammte einem inzwischen
ausgestorbenen vogtländischen Adelsgeschlechte, an welches noch
jetzt die Ortsnamen »Reiboldsruhe« und »Reiboldsgrün« erinnern. Die
Überlieferung berichtet, es habe früher »das halbe Vogtland« der
Familie von Reibold (so schrieb sie sich zuletzt) gehört. Der Vater
Christian Ferdinands besaß Reinsdorf, ein Gut in nächster Nähe von
Plauen. Hier ist unser Christian Ferdinand im Jahre 1754 geboren
worden. Den ersten Unterricht erhielt er von Haushofmeistern, wie es
damals bei jungen Kavalieren der Brauch war. Es waren Kandidaten der
Theologie. Ihre Namen sind am Schlusse des Buches verewigt. Sie haben
sich bescheidentlich auf den letzten Blättern eingetragen, obwohl die
Einträge der Zeit nach zu den ersten gehören. Christian Ferdinand hat
dann (offenbar im Jahre 1773) die Universität Leipzig bezogen und dort
seine Studien bis zum Jahre 1777 fortgesetzt.
Er hat – den Einträgen nach zu schließen – einen großen Bekanntenkreis
gehabt. Wiegt zunächst der grundbesitzende Adel der näheren und
weiteren Umgegend von Plauen vor, so treten von dem Augenblick an, wo
Christian Ferdinand von Reiboldt nach Leipzig kommt, das Bürgertum und
die gelehrten Kreise sowie die Studentenschaft in den Vordergrund.
_Leipzig_ stand im achtzehnten Jahrhundert im Mittelpunkt des geistigen
Lebens. Darum hatte Goethes Vater im Jahre 1765 mit solchem Nachdrucke
verlangt, daß Leipzig die erste Universität sei, die sein Sohn
besuchen solle. Allerdings waren inzwischen zwei der berühmtesten
Professoren – _Gottsched_ und _Gellert_ – gestorben. Immerhin besaß
Leipzig noch eine Anzahl von Männern, deren Namen einen guten Klang
hatten, vor allem die Professoren _Clodius_ und _Ernesti_, sowie
den Singspieldichter und Jugendschriftsteller _Weiße_, einen der
vertrautesten Freunde Lessings, der auch auf den jungen Goethe nicht
ohne Einfluß gewesen war. Noch immer standen jedem Kunstbegeisterten
die Kunstanstalten und die reichen Sammlungen Leipziger Bürger zur
Verfügung. Noch immer war Leipzig der Mittelpunkt des deutschen
Buchhandels und Buchgewerbes, wo die wichtigsten Erzeugnisse deutschen
Geisteslebens gedruckt, verlegt und vertrieben wurden. Noch immer
kamen bedeutende Leute von auswärts herbei, um für einige Tage oder
Wochen die Luft Leipzigs zu atmen, denn die einmal geschaffene geistige
Atmosphäre verflüchtigt sich nicht so leicht, um so mehr als die
Abzugskanäle – Verkehrs- und Zeitungswesen – damals viel enger waren
als heutzutage.
Neben Wissenschaft und Kunst blühte in Leipzig der gesellige Verkehr.
Goethe hatte ihn selbst in reichem Maße genossen. In den Familien der
großen Handelsherren, nicht zum wenigsten in denen der Buchhändler,
waren Studenten, die sich dem Tone des Hauses anzupassen wußten,
gern gesehene Gäste. Wie herzlich sich die Beziehungen Goethes zu
der Familie des feinsinnigen Buchdruckers und Musikalienhändlers
Johann Gottlob Immanuel _Breitkopf_ gestaltet hatten, geht aus dem
achten Buche von »Dichtung und Wahrheit« hervor. Weniger bekannt ist
die Tatsache, daß Goethe, nachdem er Leipzig verlassen hatte, in
brieflicher Verbindung mit der Familie Breitkopf blieb, hierbei den
jüngeren Sohn mit »Bruder Gottlob« anredete und des älteren unter der
gleichen Bezeichnung – »Bruder Bernhard« – gedachte[2].
Daß der Verkehr der Studenten untereinander sich gleichfalls immer
in so gesitteten Bahnen bewegt habe, muß, wenn man sich die Szene in
Auerbachs Keller vor Augen hält, billig bezweifelt werden. Immerhin
wissen wir aus »Dichtung und Wahrheit«, daß auch innerhalb der
Studentenschaft Quellen geistiger Anregung flossen.
Dies war die _Umwelt_ auch unsers jungen Reiboldt. Die Einträge
im Stammbuche reden eine deutliche Sprache. Der Zahl nach
überwiegen naturgemäß die Einträge von _Studenten_. Aus allen
Gegenden Deutschlands stammen sie. Aber auch Ausländer haben sich
verhältnismäßig häufig eingezeichnet. Man würde sie nach ihrem Namen
und nach der Art ihres Eintrags nicht immer als solche erkennen, wenn
nicht viele der Einzeichner nach guter alter Sitte bei ihrem Namen
die Heimat angegeben hätten. Wir finden Leute aus Holland, England,
Dänemark, Schweden, Norwegen, Kurland, Livland, Estland, Polen und dem
eigentlichen Rußland.
Von den _Universitätslehrern_ haben sich eingetragen:
Der in Gottscheds Bahnen wandelnde Christian August _Clodius_,
Professor der Philosophie und Poesie (Goethe hatte seine Vorlesungen
besucht, ihn aber als Dichter nicht allzuhoch einzuschätzen gewußt und
ein seine dichterischen Eigenheiten nachahmendes Spottgedicht verfaßt),
Johann August _Ernesti_, berühmter Philolog und Theolog (Goethe, dessen
Sinn ursprünglich nach Göttingen stand, hatte sich mit Leipzig in der
Erwartung abzufinden gewußt, daß er dort unter anderen auch Ernesti
würde hören können),
Hofrat Johann Gottlob _Böhme_, Professor der Geschichte (hatte für
Goethe den Studienplan aufgestellt, freilich ohne sich dessen Beifall
zu erwerben; anderseits war »Madame Böhme« bemüht gewesen, dem
jungen Studenten die für Leipzig unbedingt erforderliche Lebensart
beizubringen),
Hofrat Carl Andreas _Bel_, Professor der Poesie und
Universitätsbibliothekar,
Dr. Christian _Rau_, Professor der Rechtswissenschaft,
der Universitätsfechtlehrer (~maître des armes de l’academie~) Georg
Gottfried _Michaelis_ (Reiboldt vermerkt: »Einer der seltenen Edeln!«).
Ferner finden sich Einträge des schon erwähnten Jugendschriftstellers
Christian Ferdinand _Weiße_, der im Hauptberufe Kreissteuereinnehmer
war und sich als solcher eingezeichnet hat, sowie des Lustspieldichters
Johann Friedrich _Jünger_, der allerdings damals noch studierte.
Gleichfalls Student war zur Zeit seiner Einzeichnung C. F. _Ludwig_,
offenbar Christian Ferdinand Ludwig, der Sohn jenes Hofrats Ludwig,
bei dem Goethe zunächst seinen Mittagstisch gehabt hatte. Der Sohn
wurde später Professor der Chirurgie und fruchtbarer Schriftsteller
in der Heil- wie in der Pflanzenkunde, bei dem sich Goethe für seine
Forschungen Rat holte. Zu den damals noch unentdeckten Gestirnen
gehört ferner Wilhelm _Becker_, der sich im Oktober 1776 eingetragen
hat. Er wurde 1795 Inspektor der Dresdner Antikengalerie und des
Münzkabinets und erhielt 1805 auch die Aufsicht über das Grüne Gewölbe.
Goethe erwähnt in einem Briefe an Schiller Beckers Schilderung des
Tales von Seifersdorf, die durch Kupferstiche[3] erläutert in dem
von Becker herausgegebenen »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen«
erschienen war. In diesem Zusammenhange muß auch eines Eintrags
des Kunstschriftstellers und Generaldirektors der Sächsischen
Kunstakademieen Christian Ludwig von _Hagedorn_ gedacht werden. Goethe
war ihm vorgestellt worden, als er im Jahre 1768 von Leipzig aus
Dresden besuchte, und Hagedorn, erfreut über seine Kunstbegeisterung,
hatte ihm persönlich seine Sammlungen gezeigt. Auch Reiboldt, der in
so mancher Hinsicht auf Goethes Spuren gewandelt zu sein scheint, hat
Hagedorn offenbar bei einem mehrwöchigen Besuche in Dresden kennen
gelernt, den er während seiner Studienzeit ausführte.
Bemerkenswert ist, daß sich unter den Einzeichnern auch ein
Schauspieler befindet, der zur Bondinischen Gesellschaft gehörende
Friedrich _Günther_. (Der Besitzer des Buches kennzeichnet ihn in einem
Randvermerke: »Einer der ersten deutschen Schauspieler im komischen
Fach und ein braver Mann).« Das gesellschaftliche Vorurteil gegen die
Schauspieler, unter dem noch die Neuberin (gestorben 1760) zu leiden
hatte, war also damals doch schon stark geschwunden.