Was war geschehen? Der edle Ritter Herr von Turmfalk und Fra

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Buches.

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

11 bis 12

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XIII

_Inhalt_: Um Lugstein und Kahleberg – Aus Ritter Turmfalks Burg und

Kinderstube – Ins Trappengebiet – Aus einem alten Stammbuche –

Unsere alte Linde – Leineweber-Weihnachten auf der Neusorge vor

fünfzig Jahren – Flurnamen im Dienste der Ortsgeschichte – War sich

a Kuh kaafn will, muß erscht in Schtall hom! – Eine vergehende

Windmühlenlandschaft in der südlichen Oberlausitz – Zur

Steinkreuzfrage – Warum muß der Dresdner Zwinger erhalten werden? –

Bücherbesprechung – Naturdenkmäler

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Dresden 1924

Band XIII, Heft 11/12 1924

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 31. Dezember 1924

Um Lugstein und Kahleberg

Von Dr. _Kurt Schumann_, Dresden

Mit Bildern von _Walter Möbius_, Dresden

Ich fahre gern mit der Kleinbahn. Man kann sich in Ruhe alles ansehen,

was draußen vorgeht, kann die Gesteinsarten und ihre Pflanzendecke

gründlich studieren, sich mit der Bevölkerung, ihren Sitten und ihrer

Sprache vertraut machen, ist gegen Zusammenstöße mit Schnellzügen

geschützt, wenn es auch vorkommt, daß die Lokomotive mit dem ersten

Wagen in die Müglitz fällt, und man fährt vor allen Dingen sein Geld

ordentlich ab. Die Mehrzahl dieser Vorteile fällt im Winter, wenn man

zum Skilauf ins Gebirge fährt, weg. Draußen sieht man nichts, weil es

bei der Bergfahrt wie bei der Talfahrt finster ist, die Bevölkerung

im Wagen verschwindet unter Bretterhaufen und Rauchschwaden, und die

lange Fahrt wird, wenn man sich nach sportlicher Betätigung sehnt, ein

zweifelhaftes Vergnügen. Deshalb ist es außerordentlich zu begrüßen,

daß in dieser Jahreszeit die Bahnverwaltung Züge fahren läßt, die

statt der üblichen fünfzehnmal nur dreimal zwischen Heidenau und

Altenberg halten. Daß sie trotzdem dieselbe Zeit brauchen wie die

fünfzehnmal haltenden Züge, liegt diesmal nicht an der wohlmeinenden

Bahnverwaltung, sondern an der klimatischen Eigentümlichkeit

unsrer Gebirge, die doppelt soviel Niederschläge erhalten wie die

vorgelagerten Niederländer, und zwar im Winter in Form von Schnee,

weshalb man ja zum Wintersport ebendahin fährt. Dazu kommt noch,

daß in diesen Gebirgen, namentlich da, wo sie der Mensch abgeholzt

hat, der Wind in unfreundlicher Weise bläst, was zur Folge hat,

daß auf den Feldern, wo man den Schnee zum Fahren braucht, der

Sturzacker herauskommt, während er an anderen weniger zum Skifahren

geeigneten Stellen meterhoch liegt. Zu diesen anderen Stellen gehört

die Bahnstrecke Geising–Altenberg. Trotzdem waren wir, als wir am 1.

März nach dem üblichen Mord und Totschlag beim Umsteigen in Heidenau

im Sportzug saßen und durch eine merkwürdige Fügung auch noch einen

Sitzplatz erhalten hatten, auf den sich niemand zu setzen gewagt hatte,

weil es niemand für möglich hielt, daß zehn Sekunden nach Ankunft des

Dresdner Zuges es noch einen freien Platz geben könnte, guter Hoffnung

voll, zumal es in den letzten Tagen nicht geschneit hatte. Um das

Versäumte nachzuholen, fing es hinter Bärenstein derartig an Schnee

zu schütten, als hätte es den ganzen Winter noch nicht geschneit, und

so geschah wieder einmal das Unausbleibliche. Als das Zügel mühsam

an dem Hang des Geisinger Tals hinaufgeklettert war und nun auf der

Westseite vom Geisingberg die Hochfläche erreicht hatte, die das Tal

des Roten Wassers von dem der Biela trennt, stand es trotz seiner zwei

Maschinen still. Es fuhr noch einmal zurück, nahm einen gewaltigen

Anlauf und blieb abermals stecken. Dann fuhr eine Maschine allein los

und soll der Sage nach auch in Altenberg angekommen sein. Zurück kam

sie jedenfalls nicht, und so schneite die andre Lokomotive samt Zug

und Passagieren langsam ein, spuckte noch eine Weile verzweifelt Dreck

und Feuer und ergab sich dann in ihr Schicksal. Ich ergab mich auch

in das meine, zumal ich es als eine gerechte Strafe des Himmels dafür

empfand, daß ich der Mahnung meines Söhnleins (Vater, du könntest

eigentlich auch einmal zu Hause bleiben) wieder einmal nicht gefolgt

war, obwohl ich den Winter in der Sächsischen Schweiz, in der Dresdner

und Dippoldiswaldaer Heide, auf dem Carolasee und der Waldparkbahn

wirklich zur Genüge schon genossen hatte. Ich wäre vielleicht auch

diesmal zu Hause geblieben, wenn nicht Beelzebub in der Gestalt

des Wandergenossen, der die schönen, diesen Aufsatz schmückenden

Bilder geschaffen hat, mir mit dem Versprechen genaht wäre, daß er

mit mir am Sonntag nach der Strobnitz fahren wollte, jenem schönen

Aussichtspfeiler am böhmischen Hang, der durch Schiffners und Wagners

begeisterte Schilderung zum Traum meiner schlaflosen Nächte geworden

war. Reue und Gram im Herzen verließen wir schließlich den warmen

Wagen, um uns gegen den Südweststurm nach _Altenberg_ hineinzukämpfen.

Glücklicherweise klebte es wenigstens nicht, und so kamen wir schon

nach einer Viertelstunde in die Altenberger Vorstadt, die den ebenso

unerklärlichen wie anheimelnden Namen »Polen« führt, stolperten an

verschiedenen Hausgiebeln vorbei, liefen manchmal Gefahr, in einen zu

irgendwelcher Haustüre führenden Tunnel zu fallen, erblickten ab und zu

tief unter uns am Grunde von kunstgerecht ausgeführten Schächten (wir

sind hier im Zinnbaugebiet) einen Lichtschein, der sich hinterher als

Stubenfenster erwies, rutschten noch über einige gewaltige Schneewogen

und standen plötzlich vor unserem Quartier. Drinnen fanden wir eine

warme Küche und zwei alte Weiblein, die nach vorsichtiger Schätzung

den Einbruch der großen Binge schon mit erlebt haben mußten, dazu drei

alte Katzen, die teils blind und teils zahnlos waren und sich auch

sonst sehr würdig benahmen im wohltuenden Gegensatz zu einer vierten,

die sich mit ihrem noch wohlerhaltenen Gebiß über den in der üblichen

liederlichen Weise eingepackten Rucksack des, abgesehen vom Namen,

ganz unprophetenhaften Wandergenossen Elias hermachte und ihm den Belag

von den Bemmen fraß. Das wurde für uns zum willkommenen Anlaß, den Rest

unseres am Morgen gefaßten Gehaltes in Gewiegtem anzulegen und uns

auf die Weise für die Strapazen des Sonntags zu stärken. Hätten wir

allerdings gewußt, was uns bevorstand, so hätten wir zweifellos noch

ein paar Eier an das Fleisch gerührt.

[Illustration: Abb. 1 =Altenberger Binge im Schnee=]

[Illustration: Abb. 2 =Der Kleine Lugstein=]

Am nächsten Tage brach nämlich im Flachland der Frühling aus, was

die Dresdner veranlaßte, schöne Spaziergänge in den Großen Garten zu

machen. Wir aber erlebten nach dem bekannten Gesetz von der Tücke

des Objekts wieder einmal die Kehrseite von der Medaille, indem es

fürchterlich pappte, als wir am Morgen am Raupennest (Name einer alten

Bergherrenfamilie) emporkletterten. Ich gedachte zunächst wie immer

an dieser Stelle meiner schönen Konfirmationsuhr, die ich vor zehn

Jahren hier beim Hinabrollen nach Altenberg verlor, ohne sie jemals

wiederzusehen, und dann faßten wir angesichts der zwanzig Zentimeter

dicken Schneeschicht, die an den Brettern klebte, den männlichen

Beschluß, die geplante Strobnitzexpedition aufzugeben und einen

Spaziergang nach den nahegelegenen Lugsteinen zu machen. Also begaben

wir uns zunächst nach _Georgenfeld_, dessen spaßige Häuselreihe im

Winter noch putziger aussieht als sonst. Auch die übrigen Siedelungen

der Hochfläche, Alt-Georgenfeld und Zinnwald mit ihren zerstreuten

Schindelhäusern hatten in dem Winterkostüm nur gewonnen, zumal die

sonst die Landschaft verunzierenden Halden der Wolframwerke auch

mildtätig vom großen weißen Tuch eingehüllt worden waren. Einen

besonders schönen Überblick über dieses Kammgebiet wie über die

böhmischen Riesen hat man von dem glücklicherweise noch nicht mit

Wegweisern bedachten _Kleinen Lugstein_, der nur um zehn Meter hinter

der höchsten Erhebung dieses Gebiets, dem Kahleberg zurücksteht. Seine

schroffen Porphyrklippen ragten nur mit den Spitzen aus dem dicken

Schneepanzer heraus, der ihn jetzt umgibt, so daß er geradezu alpin

aussah. Vielleicht könnte man mit Hilfe einer Tafel mit der Inschrift:

»Nach dem sächsischen Matterhorn« den Fremdenverkehr an dieser

Stelle etwas heben und für die Herbeischaffung der Konservenbüchsen,

Apfelsinenschalen und Bemmenpapiere sorgen, die diesem in jeder

Hinsicht reizvollen »Gipfel« zur Zeit noch fehlen.

[Illustration: Abb. 3 =Der Böhmische Lugstein=]

[Illustration: Abb. 4 =»Betrieb« am Kahlebergturm=]

Seinen etwas niedrigeren Bruder, den Großen Lugstein, ließen wir

diesmal rechts liegen und schoben uns gleich über das Georgenfelder

Moor, den »See«, der den Neugraben speist, mit seinen kaum noch

sichtbaren Legföhren in den Märchenwald am Niklasberger Weg, von

dessen bizarren Baum- und Schneeformen, die Menschen, Bären, Embryonen

und Riesenschnecken glichen, unser Bild einen bessern Begriff gibt,

als es irgendwelche Worte vermöchten. Auf der Suche nach immer

neuen Überraschungen waren wir so tief ins Dickicht geraten, daß

wir erst nach langem Suchen die Lichtung entdeckten, an deren Rande

der _Böhmische Lugstein_, eine dreigeteilte Porphyrklippe, die von

schönen Wetterfichten gekrönt wird, wie eine Burg sich aufbaut. Unter

wehmütigem Gedenken an die Heidelbeermengen, die ich einst mit meinen

Kursteilnehmern an dieser Stelle vertilgt hatte, schlugen wir den Weg

nach dem oberen Weißeritztal ein. Merkwürdigerweise funktionierte

trotz des mäßigen Schnees die Abfahrt nach _Kalkofen_ ausgezeichnet,

was meinem Schneeschuh veranlaßte, gerade in diesem Augenblick sich

der Bindung mit Hilfe einer abgebrochenen Schraube zu entledigen, so

daß ich tiefen Groll im Herzen in dem gemütlichsten Gasthaus des

östlichen Erzgebirges anlangte, als meine Gefährten bereits beim

zweiten Gang angekommen waren. Die nicht erst aus neuester Zeit

datierende Bekanntschaft mit dem Kalkofener Gasthaus verdanke ich einem

mir auch durch andere touristische Qualitäten sehr lieb gewordenen

Schnapspascher, der sich unterdessen wieder seinem Originalberufe

zugewandt hat, zumal die Früchte seiner beschwerlichen Tätigkeit ihm

zerrannen, als er schließlich doch einmal erwischt worden war. Trotzdem

mußten auch die Stammgäste das Lokal meiden, als die tschechische

Krone so gestiegen war, daß selbst alles Entgegenkommen des Wirts

die Valutadifferenz nicht mehr ausgleichen konnte. Nun sind wir die

Hochvalutarischen geworden, und damit ist das freundliche Gasthaus aus

seinem Dornröschenschlaf erwacht. Kaum kann die kleine Stube die Fülle

der Gäste fassen, und ich sehe schon den fürchterlichen Augenblick

nahen, wo die kleine Grenzkneipe dem Schicksal verfällt, dem schon

so manches stille Grenzwirtshaus verfallen ist. Glücklicherweise hat

unter dieser Entwicklung die Qualität bisher nicht gelitten, wie wir

in ausführlicher Weise feststellten, indem wir die einst durch die

Mitarbeit an Prager und Teplitzer Zeitungen verdienten Kronen hier in

Sachwerten anlegten. Wir beschlossen darauf einstimmig, daß unsre noch

unbeweibten Gefährten in Bälde eine »Böhmische« zu ehelichen und uns

wöchentlich mindestens einmal zu Gansbraten mit Knödeln einzuladen

hätten.

[Illustration: Abb. 5 =Kahleberg= Blick nach Westen (Stürmer)]

[Illustration: Abb. 6 =Kahleberg= Wetterfichten am Nordhang]

Dieses sonnige Zukunftsbild im Herzen reparierten wir zunächst den

unzuverlässigen Schneeschuh in musterhafter Weise (ich hatte schon

vorsichtshalber einen erprobten Fachmann mitgenommen), und damit war

der Nachmittag gerettet, der sich nun zu einem Gipfel des Naturgenusses

auswuchs. Zunächst gings hinab in die Weißeritzaue und auch irgendwo

über die _Weißeritz_, die nicht zu sehen war, hinweg. Der Schnee

pappte zwar auch hier noch im unbefahrenen Gelände nicht anders als

am Vormittag. Aber glücklicherweise war hier überall so gründlich

gespurt worden, daß die Bretter glänzend liefen, wenn man sich an

die ausgefahrenen Gleise hielt. Noch besser wurde es im Tale des

Warmbachs, das im Schatten lag. Auch hier hatte der Schnee allerhand

Veränderungen hervorgebracht. Der übliche Weg auf dem rechten Ufer

war durch eine mächtige Schneewächte gesperrt, und erst da, wo als

Zeugen des einstigen Kalkabbaus mächtige Halden im Walde liegen,

konnten wir wieder auf den geordneten Pfad zurückkehren. Da wo die

Quellbäche des Warmbachs, der trotz seiner geringen Länge infolge

der starken Niederschläge ziemlich wasserreich ist, sich vereinigen,

ist eine breite Aue, deren Nordseite durch einen steilen Hang, wie

wir ihn im Porphyrgebiet oft finden, begrenzt wird. Jetzt deckte ihn

eine einheitliche Schneemasse, so daß wieder ein Bild entstand, wie

man es sonst nur in den Gletschergebieten der Alpen findet. Und über

der überhängende Wächte, die ihn krönte, spannte sich als Künder des

nahenden Frühlings ein ganz unwinterlicher geradezu italienisch blauer

Himmel. In langen Kehren schoben wir uns an der Schneewand empor. So

gelangten wir wieder auf die hier ungefähr achthundert Meter hoch

liegende Rumpffläche, von der aus sich ein herrlicher Blick auf das

obere Weißeritztal, den buchenbestandenen Hemmschuh, Bahnhof Moldau,

Böhmisch-Ullersdorf und Neustadt und die beiden Eckpfeiler des

Niklasberger Tals, Stürmer und Bornhau, bot. Am alten Teich kamen wir

auf die um die Abendzeit schon etwas verödete »Heerstraße«, die uns an

unsern alten Freund _Kahleberg_ heranbrachte. Auch er hat leider unter

der großen Mode, die dazu führte, daß es in Dresden bald so viele

Schneeschuhe gibt wie in Amerika Automobile, etwas gelitten. Nach neun

Uhr vormittags und vor fünf Uhr abends kann man ihn neuerdings nicht

mehr besuchen, wenn man nicht zuviel von dem Volk dort treffen will,

das überall besser hin paßt als in die freie Gottesnatur, während man

in den stillen Stunden höchstens ihre Visitenkarte findet, und auch

diese nur an dem allgemeinen Lagerplatz am Turm. Die Aussicht von

dort aus bietet aber am Abend die geringsten Reize, weil der Osten

dann im Dunkel liegt. Unsere Feierstunde erlebten wir diesmal am

entgegengesetzten Ende des Berges, wo die Neunundzwanzig seinen Rücken

erreicht. Wie gestochen zeichneten sich Burg und Kirche von Frauenstein

am Westhimmel ab. Von da zog sich die einförmige für das Erzgebirge

so charakteristische Rumpffläche bis zum Stürmer, neben dem unser

ursprüngliches Ziel, der Turm der Strobnitz auftauchte. Und dann gabs

noch ein besonderes Geschenk. Weit im Südwesten über langgestreckten

Waldflächen hoben sich zwei Gipfel heraus, die alle andern überragten.

Im Zeiß zeigten sich auf dem rechten Turm und Schutzhaus. Kaum wagten

wir auszusprechen was alle dachten. Der höchste Berg der Heimat und

sein stolzer böhmischer Bruder sandten uns freundlichen Abendgruß beim

Abschied von winterlichen Gebirge. Und über dem allen ein Himmel,

der frühlingsselig grün und blau und rot leuchtete und sich in den

Zapfen spiegelte, die zu Hunderten an den Rauhreiffichten um uns herum

hingen. Als ich im vergangenen Herbst in der Dresdner Volkszeitung

einen Bericht über meine Algerienfahrt veröffentlichte, schloß ich mit

den Worten: Was sind alle Schätze des Orients neben dem bescheidenen

Grün der Zäunlinge, das jetzt wieder unsere Anlagen schmückt, und was

sind selbst die hundertfünfzigtausend Palmen Biskras neben _einer_

rauhreifgeschmückten Fichte am Kahleberg! Daß selbst dieses kühne Wort

noch nicht genug sagte, lehrte mich diese Stunde, als das Abendlicht

über Schnee und Eis und Rauhfrost seine letzten grellen Lichter warf

und damit einen Schönheitsgarten um uns schuf, aus dessen Verzauberung

wir uns nur schweren Herzens losreißen konnten. In sausender Fahrt

trugen uns die nun wieder ganz brav gewordenen Bretter den Schlängelweg

hinab nach der Einunddreißig und von da nach Altenberg, wo unser Zügel

immer noch nicht angelangt war, so daß uns wohl oder übel noch die

Abfahrt nach Geising blühte. Eine Viertelstunde später langten wir über

den glattgefahrenen und gefrorenen Schnee der Vorwerkswiesen am Bahnhof

an.

[Illustration: Abb. 7 =Kahleberg= Blick nach Norden]

Als wir nach Absolvierung der fünfzehn Stationen in Reick landeten,

war alles schwarz: Himmel und Erde. Ein Ahnen von nahen Veilchen und

Schneeglöckchen stieg aus der feuchten dampfenden Elblandschaft auf.

In unseren Herzen vermählte sich das Lenzhoffen des Niederlands mit

dem Glanz, den vor wenigen Stunden der scheidende Gebirgswinter um

uns ausgebreitet hatte. Am nächsten Morgen aber wußte Karl nicht,

was ihn von dem Winter-Frühlingsglück am meisten freuen sollte: der

steckengebliebene Zug mit den zwei Lokomotiven oder der Kalkofener

Streuselkuchen, den er aus den Tiefen des Rucksacks ausgegraben hatte.

[Illustration: Abb. 8 =Kahleberg= Blick nach Altenberg und dem Geising]

Aus Ritter Turmfalks Burg und Kinderstube

Von Stadtbaurat _Rieß_, Freiberg[1]

Hoch über alle Dächer der alten Bergstadt recken sich die Petritürme

zum Himmel und schauen weit in die Ferne. (Abb. 1.) Weit liegen Wiesen

und Felder und im immergrünen Kranze die Wälder gebreitet. Blinkende

Teiche blitzen auf mit silbernem Spiegel und die Halden des alten

Bergbaues grüßen herauf als Zeugen vergangener Bergherrlichkeit und

harter Arbeit hundert zäher Bergmannsgeschlechter.

Und zu Füßen drängen sich die Dächer und Häuser, die Höfe und Gassen

zusammen, und es wimmeln dort unten die Menschen im eiligen Hin und Her

und scheinbar so zweckloser Hast, von der es nur wie das Rauschen einer

Brandung verworren heraufklingt.

Diese ruhevolle Höhe mit weitem Blick in alle Himmelsfernen ist so

recht ein Platz für Leute, die über die Alltäglichkeit sich erheben

wollen, denen Einsamkeit mehr gibt als Zwang und Drang des engen

Zusammenhausens, als das Rennen und Hasten mit und in der Menge.

Freilich muß man gut Freund sein mit dem Sturm, der um die Mauern

manchmal fegt und heult als wollte er die Türme mit starken Fäusten

schütteln, wie ein wilder Bub den Apfelbaum schüttelt, der schnaubend

auch durch Ritzen und Schlitze und Winkel pfeift und faucht, daß im

Gebälk es knistert und knackt, der prasselnd Regen und Hagel an Dach

und Mauern und Luken wirft. Man muß Freund sein mit den Glocken,

die dort oben leise summen und brummen und dann gewaltig wieder mit

ehernen Stimmen hinausrufen, daß Menschenstimmlein ganz versinken und

ertrinken im Schwalle der Brandung dieser flutenden Tonwellen. Auch

der Klang der Orgel, die in Feierstunden unten im Kirchenschiff in an-

und abschwellenden Akkorden dröhnt, darf ihn nicht stören. Wer dort

oben wohnen will, darf auch den Blitz nicht fürchten, der mit grellen,

funkelnden Augen hereinschaut und mit wildem Geknatter vorbeispringt

und als feurige Schlange mit züngelndem Kopfe knisternd die Leitung

herabgleitet.

[Illustration:

Aufnahme von K. Reymann in Freiberg

Abb. 1 =Petrikirchtürme in Freiberg= Von Westen]

Ja, wer seine Ziele hochsteckt und aus einsamer Höhe das Land und die

Welt der Lebendigen überschauen will, wer auf sich selbst gestellt,

allein stolz das Leben meistern will, muß scharfe Augen haben,

raschen Entschluß und Kräfte zum Zupacken, darf Wind und Wetter und

Sonnenbrand nicht scheuen, der muß früh wach sein und unermüdlich am

Tage, bis die Nacht mit geheimnisvollem Dunkel die Gründe der Erde

deckt. –

Frühling wars geworden in der alten Bergstadt nach langer schwerer

Wintersnot. Der Schnee war wirklich auch am letzten schattigen

Grabenrande getaut und verschwunden, und der Ring der alten

Wallpromenaden lag wie ein frischer, grüner, duftender Kranz

geschlungen um das graue Häusergewimmel der Altstadt. Wie atmete

so mancher auf, viel mehr als sonst wohl in früherer Zeit, dem in

unerbittlicher schwerer Wohnungsnot Winterkälte, Nässe, Schnee und

Regen in engen, dumpfen Räumen die Tage und die Seele verfinstert und

den Leib siech und matt gemacht hatten. Frühling wars geworden auch

in der alten Bergstadt! Die harzigen Knospen der mächtigen Kastanien

am alten Herzogsschlosse Freudenstein öffneten sich mit tausend

Fäustchen, die ihre grünen Blätterfingerlein der Sonne, dem Lichte

entgegenstrecken und ihre goldenen Strahlen greifen wollen. Die Birken

hatten ihren lichtgrünen Schleier angelegt und das weiße Atlasgewand

ihres bräutlichen Frühlingskleides schimmerte wie Silber.

Die Lerchen hingen im Himmelsblau und ihre Lieder rieselten wie

kristallene Tropfen hernieder auf das Frühlingsland und die graue

Stadt. Und die in den Straßen gingen und standen, lachten, und ihre

Augen leuchteten, sie nickten sich zu und sagten: »Der Frühling ist da,

nun wird es wieder besser werden!«

Die Mädchen sangen Lieder vom Lenz und vom Wandern und die Kinder

spielten und tanzten auf dem Petriplatz zu Füßen der alten Turmriesen.

Sie schauten hinauf nach dem in der Sonne funkelnden Turmknopf, denn

»Sonnenstrählchen«, das Frühlingsengelchen aus dem Bilderbuche,

hatte eins der Kleinen soeben dort oben sitzen und die weißen

schimmernden Flügelchen heben sehen. Sie schauten auch nach dem

grünen Birkenbäumchen, das dort oben aus der grauen, harten Mauer des

südlichen niedrigeren, des »faulen« Turmes hervorgewachsen war und dort

prangte, wie ein Frühlingssträußchen, das der graue Riese sich an die

steinerne Brust gesteckt hatte. Wieder trieb es seine grünen Knospen

und Blättlein stark und lebensfreudig, wo doch kein nahrhaftes Krümchen

Erde es stärkte, kein Gärtner es pflegte und mit Wasser erquickte,

sondern nur der Sturm es zauste. Ein kleiner Dreikäsehoch fragte, ob es

der Pfarrer oder der Kirchner oder der liebe Gott gepflanzt habe, und

woher sie die lange, lange Leiter dazu wohl genommen hätten! –

Da kamen zwei große Vögel schwebend vom blauen Himmel hernieder, so

groß, wie noch keines der Kleinen in den Lüften geschaut, und stolze

Kreise zogen sie, wie die bunten Tauben und die schwarzen Dohlen und

alle die kleinen lustigen Vögel noch nie geflogen waren. Stumm, mit

großen Augen und offenem Mund schauten die Kinder empor und, husch,

verschwanden die Vögel gerade über dem jungen Birkenbusch am Turm in

einem schmalen Fensterschlitz.

Was war das? –

Was war geschehen? Der edle Ritter Herr von Turmfalk und Frau Gemahlin

waren von weiter Fahrt aus fernen Landen gekommen, hatten hier einen

Hochsitz gefunden, wie er ihnen, den Hochgeborenen, gefiel und darum

gleich hier Wohnung genommen, ohne nach Wohnungs- oder Meldeamt erst

lange zu fragen, ohne den Hauswirt erst artig und höflich zu bitten,

aber auch ohne Ansprüche an seinen Geldbeutel zu stellen. »Kiii–je,

Kiii–je!« das war der Ruf, mit dem sie sich anmeldeten, ihren Turm

umkreisten und mit dem sie in den blauen Himmel emporstiegen oder in

die Weite davonflogen, mit dem sie auch dem Gesindel zänkischer Dohlen

begegneten, die ihnen eifersüchtig den bisher nicht beachteten Platz

nun streitig machen wollten. Etwa zehn dieser ruppigen Gesellen traten

mehr mit Geschrei und Gezeter als Mut auf, um den wehrhaften Ritter von

seinem Burgsitz zu vertreiben. Das edle, hochgeartete Paar ließ sich

aber durch das Geschrei nicht anfechten, denn sie wußten wohl: Feigheit

flieht und fürchtet scharfe Fänge! Ritter Turmfalk von Scharfenklau

ließ in überlegener Ruhe und Kraft die Dohlen flattern, kreischen und

schimpfen, und fuhr nur selten einmal durch den auseinanderstiebenden

Schwarm vor oder über seiner Haustür. –

Der Hochsitz, den er sich hier vierhundertdreißig Meter über dem

Meere erkoren, war sehr einfacher Art. Ein kleiner Fensterschlitz

in der Turmmauer unterhalb der großen Schalluke des niedrigeren

Südturmes (Abb. 1), fünfundzwanzig Meter etwa über der Erde gelegen,

von fünfunddreißig Zentimeter Breite und fünfundsiebzig Zentimeter

Höhe und fünfzig Zentimeter Tiefe war seine Burg. Wie der harte Mann

im siebenbürgischen Jägerliede hat er sich hier »den Stein zum Bett

gemacht« und ohne Halm und Ästchen, ohne Blatt, Feder oder andere

weiche Dinge auf dem rauhen Gneis des Fensterquaders seinen Hausstand

zwischen engen, harten Wänden eingerichtet. Einfach, enge, rauh und

schlicht zwar war der Burgsitz, aber doch gut gewählt und sicher gegen

die Feinde und die Wetter, welche Ritter Turmfalk kannte, denn starke

Mauern schützten sein Heim von oben, unten und den Seiten und hart

war auch die Rückwand seines Horstes, nach seinen mineralogischen

Kenntnissen auch von blankem, glattem Stein.

Doch dieser harte, blanke, glatte Stein war blankes Glas, durch

welches neugierige, freundliche Menschenaugen heimlich schauten

und zudringlicher und frecher als jene ruppigen Dohlen in seine

Familienverhältnisse einzudringen suchten, aber immer heimlich, ganz

heimlich mit dem höflichen, stillen Ersuchen: »Bitte, bitte, gnädige

Frau, sich nicht stören zu lassen.«

Mitte Mai legte Frau Turmfalk ein schönes bräunliches Ei. Nach dieser

Leistung schwang sie sich mit dem Herrn Gemahl fröhlich in die Lüfte,

um noch einmal vor weiteren Familienereignissen einen frischen, flotten

Jagdzug in die Felder zu machen, wo zwischen grünenden, wogenden Saaten

so recht runde, fette Mäuslein liefen. Erfrischt, gesättigt, angeregt

kehrte sie mit hellem Kiii–je zum Horst zurück. – – Wehe! Das Ei, das

erste Ei, das einzige Ei, der Stolz des jungen Ehepaares war fort!

Spurlos verschwunden, geholen, gestohlen! Leer der steinerne Horst!

Wer war der freche Dieb? – Gewiß diese Nesträuber, diese Dohlen! Doch

nein, Frau Turmfalk, Sie sind im Irrtum! Das hatten die schwarzen

Burschen mit dem lauten, frechen Schnabel doch nicht gewagt, heimlich

in Ihr festes Haus, die Burg des Ritters Turmfalk von Scharfenklau

einzudringen. Nein, ein wissensdurstiger Knabe hatte heimlich das

Fenster hinten geöffnet, rasch das Ei geholt und freudestrahlend

seinem Lehrer gebracht, der es der Schulsammlung einverleibte. Ja,

auch im Menschen stecken oft schon frühe Dohlentriebe! Leider! – Frau

Turmfalk war nun aber gewarnt! Sie blieb daheim und hütete den Horst

und beschenkte nach und nach mit vier Eiern ihren Herrn Gemahl. Die

hochgeborene Dame, die im stolzen Fluge nur in den höchsten Kreisen zu

verkehren gewohnt war, die weite Reisen und ein buntes, ungebundenes

Leben liebte, zog sich von der großen Welt zurück, verließ das feste

Haus nur selten und ward ein braves, gewissenhaftes Hausmütterchen.

Herr Turmfalk war um seine Eheliebste recht besorgt. Er mußte für die

Nahrung sorgen und brachte treulich seiner trauten Gattin manchen

saftigen Braten, feines Wildbret von delikater Feldmaus, der sorglich

und glatt der Kopf mit scharfem Schnabel abgeschnitten war. Nur wenn

der warme Sonnenschein nachmittags am Turm anlag, vermochte er sein

Hausmütterchen zu bewegen, vom Brutplatz aufzustehen, die Schwingen zu

schütteln und zu kurzem Fluge in die Luft und in das grünende, üppige

Frühsommerland zu schweben. Mutter Sonne hielt inzwischen für die

Lieblinge der strahlenden Höhe die Eier warm, bis sie von ihrem Fluge

in die Höhe und die Weite zurückkehrten und Frau Turmfalk gewissenhaft

den Platz ihrer Hoffnungen mit neuer warmer Mutterliebe wieder einnahm.

Was kümmerte es sie, daß mittags um zwölf Uhr und abends um sieben

Uhr das Häuerglöckchen eine Viertelstunde dicht über ihrem Horste und

Haupte läutete und mit seinem traulichen Bimbam die Lüfte erfüllte! Was

ging es Frau Turmfalk an, wenn hinter ihrem Rücken so oft ein seltsames

Gepolter sich erhob, wenn die Läuter der großen Kirchenglocken die

hölzernen Treppen im Turme heraufstolperten oder herunterpolterten und

es dann plötzlich stille wurde und mit Rascheln und Scharren dunkle

Gestalten an ihrem Fenster sichtbar wurden und wieder verschwanden.

Was kümmerte es sie, wenn Sonntags und in der Woche die großen Glocken

tönten und dröhnten und wie ein wunderbares Klanggewitter über sie

dahinging! Sie duckte sich fester und schmiegte sich mit schirmendem

Flügel über ihren kostbaren Besitz mit der göttlichen Muttertreue,

welche den brütenden Vogel zum rührenden Sinnbilde der aufopfernden

Liebe macht. –

Vier Wochen gingen vorüber, nachdem sie die Eier gelegt, da, acht Tage

nach Pfingsten etwa, mitten im wonnigen Junimonat, in den Tagen der

Rosen wurde Frau Turmfalk unruhig. Es war ihr so eigen zumute, als

sollte nun das Sitzen im engen Burggemach zu Ende sein, als sollte

die fröhliche Jagd in Feld und Flur, das Kreisen in blauer Luft, das

scharfe Spähen aus schimmernder Höhe und das Niedersausen zu scharfem

Stoß, Griff und Fang wieder beginnen, aber eine ganz andere, höhere

Bedeutung gewinnen, einen Zweck, den dunkel keimende Mutterliebe ahnte.

In den Eiern unter ihr war es schon so merkwürdig unruhig gewesen in

den letzten Tagen. Jetzt sprangen die harten Schalen und sie fühlte,

wie krabbelnde weiche Bällchen sich an ihre wärmenden Federn drückten,

erst eins, dann zwei, dann drei und schließlich noch am nächsten Tage

ein viertes, das Nesthöckchen, welches besonders warm und weich es

haben wollte.

Wann Frau Turmfalk dieses frohe Ereignis ihrem ritterlichen Gatten

mitgeteilt hat und wie er es aufgenommen hat und seinen Schnabel

verzogen, wissen wir leider nicht, hoffen wir, fröhlicher als ein

menschlicher Vater, dem Vierlinge angemeldet werden.

Genug, eines Tages, nicht lange nach Pfingsten, bemerkten die

heimlichen Beobachter hinter der verräterischen Glasscheibe, daß vier

kleine weiße Bällchen mit großen schwarzen Augen, großen Schnäbeln

und ganz zartem Flaumkleid in ihrer Kinderwiege umherkrabbelten, sich

zusammendrängten und noch recht unbehilflich ihre Köpfchen drehten.

Die liebe Mutter war davongeflogen, den Vater kannten sie noch nicht

recht, ihr schwaches Kinderstimmchen reichte noch nicht weit, der kalte

Wind blies in ihr Eckchen, und ihr kleiner Magen hatte so seltsame,

unangenehme Gefühle, daß die Schnäbelchen öfter ganz wie von selbst

trichterartig sich öffneten und wieder schlossen. Ja, sie merkten,

wie warm und wohl Mutterliebe und Muttersorge tut! Doch da kam sie

schon herangeschwebt wie ein schneller Schatten und saß am Rand, an

der Tür ihrer lieben Kinderstube. Und was hatte sie mitgebracht! Ein

schönes, zartes, junges Mäuslein, so recht für den jungen Magen ihrer

kleinen Brut geeignet und leicht verdaulicher Leckerbissen! Den Kopf

hatte sie draußen schon abgeschnitten. Nun faßte sie das Mäuslein mit

den Krallen, indem sie sich auf die Fußgelenke oder gleichsam auf

die Ellenbogen setzte, um die Hände frei zu haben, und als wäre das

tote Mäuslein ein Sack, aus dem sie allerlei Gutes hervorholt, holte

sie mit dem spitzen Schnabel das Fleisch und die Eingeweide aus dem

grauen Mäusewams heraus. »Sie hat das Fell ausgehöselt,« sagte der

Kirchendiener Klemm. Das leere Fell wurde in die Tiefe befördert, und

öfter fand man später am Fuß des Turmes in den Gebüschen und am Boden

solch sauberen Mäusebalg, an dem nur noch die vier Beinchen und das

Schwänzchen hingen.

Der Reihe nach bekamen die Jungen ihr Häppchen in ihren

Schnabeltrichter und jedes wartete fein geduldig, bis sein Trichterlein

an der Reihe war. Und wenn doch einmal das Nesthöckchen von den drei

älteren Geschwistern zurückgedrängt war, dann überging Mutter Turmfalk

auch einmal die drei vordringlichen dicken Brüder und nahm Nesthöckchen

zuerst vor und füllte ihm den kleinen Hals mit einem Leckerbissen,

und Dickbrüderchen mußten warten. O ja! in der Kinderstube von Ritter

Turmfalk und Frau Gemahlin herrschte Ordnung und Zucht, Verträglichkeit

und Reinlichkeit. Schon während der Brutzeit hatte Frau Turmfalk

fleißig dafür gesorgt, daß das Haus rein war, damit der Herr Gemahl

nichts zu tadeln fand: Keine Speisereste, kein Mäusewams, kein Schmutz

und Kot wurde geduldet, sondern über die Schwelle des Hauses gekehrt.

Auch die Kinder mußten dies lernen und waren in wenigen Tagen, lange

ehe sie rechte Federn hatten und fliegen konnten, stubenrein und besser

erzogen als manches kleine Menschenkind, das schon laufen kann. Wenn

die braven, jungen Fälklein spürten, daß ein kritischer Augenblick

nahte, dann krabbelten sie zum Rande des Mauerschlitzes vor, drehten

sich um und hielten das Schwänzchen in die freie Luft hinaus und – –

Klex – die Sorge war vorüber! Die liebe Mutter brauchte nicht das

Kinderstübchen auszuputzen, denn das tat sie wohl nicht besonders gern.

Fleißig war nun das Elternpaar auf der Jagd, um ihre junge Brut zu

sättigen. In zwanzig Minuten oder einer halben Stunde war eine Maus

erlegt und zum Horst getragen. Doch es wurde nicht wahllos den ganzen

Tag über gefüttert, denn das hätte dem jungen Magen der Fälklein

geschadet. Die Stunden der Mahlzeit hielt Mutter Turmfalk streng

inne, nämlich morgens etwa um sieben Uhr, mittags um zwölf Uhr und

abends auch wieder um sieben Uhr, wenn oben im Turme das Bergglöckchen

läutete. Die Mahlzeiten dehnten sich natürlich über längere Zeit aus,

denn es ist nicht leicht und rasch getan, für vier hungrige Kinderlein

die Nahrung herbeizuschaffen, sie zu füttern und zu sättigen, und

schließlich selbst auch noch dabei satt zu werden. Ausschließlich

Mäusebraten war die Nahrung unserer ritterlichen Familie Turmfalk.

Trotz eingehender Beobachtung wurde nie ein Vogel oder ein Restlein

Geflügelbraten oder auch nur eine Feder im Nest oder bei der Atzung

bemerkt. Was ist denn auch ein Vögelchen für ein dürftiger Braten,

mehr Knochen und Haut als Fleisch, gegen eine runde, appetitliche

Feldmaus mit speckigem Rücken! Nur wenn es gar nichts Besseres gibt

und der Hunger weh tut, mag auch mal ein Vogel als »Mausersatz« auf

Turmfalks Speisezettel stehen. Unser Ritter vom Petriturm hatte solchen

»Ersatzbraten« jedenfalls nicht nötig, sondern sein Jagdgebiet bot ihm

reichlich die gesuchte Beute.

Im stillen Garten des benachbarten Logenhauses war es schon seit

längerer Zeit den Mäusen unheimlich geworden. Sie hatten so lange ein

friedliches, ungestörtes Leben geführt, waren umhergehuscht auf Besuch

bald hier, bald da, hatten Hochzeiten und fröhliche Feste gefeiert, von

allem genascht und niemals gehascht, und nun kam ein blitzschneller

Schatten vom Himmel herabgeschossen, ein ängstliches Piepen und

eine Maus aus ihrem Volk, eine Hauptmaus mit besonders ausgeprägtem

Speckrücken war verschwunden, blitzschnell wie der Schatten! Wo war sie

geblieben! Aufgeregt lief man zur Nachbarin, die schon allerlei erlebt

hatte und zu erzählen wußte! Dieses unerhörte Ereignis mußte gründlich

besprochen werden! Wie konnte so etwas im friedlichen Logengarten

vorkommen?!

Wie sollte man sich dagegen schützen? – Doch die Tür der weitgereisten

Nachbarin war noch nicht erreicht, da fuhr es plötzlich wie scharfe

Dolche durch den Leib der neugierigen Mäusedame! Ein Zappeln und

pfeifender Aufschrei und alle Neugierde ihres Lebens war befriedigt.

Die unfehlbaren, nadelscharfen Krallen Ritter Turmfalks trugen sie

zum nahen Horst. Tagaus, tagein minderte sich so das Mäusevolk. Eine

unheimliche Stimmung und Angst breitete sich aus. Die tapfersten

Mäusemänner wurden kleinlaut und sehr häuslich und ihre langen

Schnurrhaare wurden stumpf und grau. Die blanken, schwarzen Äuglein

matt und trüb! Die ganze Staatsordnung kam ins Wanken! Von Auswanderung

wurde heimlich in den Gängen gewispert, denn man durfte sich bei

Tage nicht mehr ins Freie wagen, da das fast an Selbstmord grenzte.

Kein Mäusegatte ließ seine Gattin mehr zum Einholen aus dem Loche

heraus. Der Speisezettel wurde täglich dürftiger, und der bisher so

prall sitzende graue Leibrock wurde merklich weiter und unangenehm

bequem! Ausgestellte Wachen an versteckten Eingängen zur Mäusesiedlung

hatten mit zitternden Schwänzen und bebendem Fell beobachtet, daß der

blitzschnelle Schatten ein großer Vogel gewesen war! Als erstes habe er

stets ohne Unterschied dem erbeuteten, schmählich geraubten Mauseherrn

oder Dame mit dem Schnabel haarscharf den Kopf abgeschnitten, wie mit

einem Messer oder Schere, und das warme Blut sei umhergespritzt!

Furchtbar! Solche Kopflosigkeit war nicht nach ihrem Geschmack! – – Ja,

es ist nicht gut, einen stark bewehrten Feind mit scharfem Schnabel

und spitzen Fängen als Nachbar zu haben, wenn man schwach und wehrlos

ist! Wehrlosigkeit zeugt Feigheit, Nachgiebigkeit, Ehrlosigkeit, Armut,

Hunger, Auswanderung, Untergang! – –

So war Ritter Turmfalk und Gemahlin der Schrecken des ganzen

Mäusevolkes der Umgegend. Doch auch die Vogelwelt blieb nicht ganz

unbeeinflußt. Obgleich man nie beobachtete, daß er einen Vogel gejagt

oder geschlagen hätte, hatten sich doch auch die kleineren Vögel,

welche sonst in den grünen Lindenwipfeln des Kirchplatzes fröhlich

sangen und zwischen den Zweigen umherschlüpften und spielten,

vorsichtig aus der unmittelbaren Nähe der Burg des reisigen Ritters

zurückgezogen. Ob die neidischen Dohlen ihn verleumdet hatten? Ob

den Vögelchen die Mäuse etwas von ihren Sorgen gepfiffen hatten? Ob

alte Sagen und Aberglauben überliefert waren, die nun noch in den

kleinen Vogelköpfchen spukten, und den bisher niegesehenen Vogel dort

oben verdächtig machten? Ob der Anblick seiner scharfen Krallen und

des spitzen Schnabels sie allein schon furchtsam machte? Ob sie den

unfehlbaren Stoß bei der Mäusejagd beobachtet hatten und ihn nun für

sich fürchteten? Ob sie aus Vorsicht nur die unheimliche Nähe des

Raschen und Starken mieden, um nicht einem plötzlichen Begehren oder

Einfall des Unberechenbaren ausgesetzt zu sein? – Der Schluß ihrer

Vogelphilosophie war jedenfalls, daß sie sich drückten, denn geh zu den

mächtigen Herren nur, wenn sie dich rufen, und bleib in ihrer Nähe nur,

wenn du mußt. Der Schwache ist neben dem Starken leicht in Gefahr! – – –

Unermüdlich trieben so Herr und Frau Turmfalk ihre Mäusejagd, um ihre

edelste Aufgabe in rechter Weise zu erfüllen, nämlich ihre Jugend

aufzuziehen zu rechter Kraft und echtem Falkentum, um allen Aufgaben

des Falkenlebens gewachsen zu sein. Sie waren auch vorsichtig und

vorausschauend wie ein rechtes Elternpaar, das nicht nur für heute

sorgt, sondern auch für die Zukunft, und daran denkt, daß für jede

Mahlzeit genügender Vorrat zur Verfügung stehen muß, daß die Kinder

nicht lange auf die Beschaffung warten und schließlich gar hungern

müssen. Turmfalks hatten ihre Vorratsschränke und ihren Vorratsboden,

die eifrig gefüllt wurden mit blutfrischen Braten, solange nicht

die Atzung der Kinderlein sie in Anspruch nahm. In den seitlichen

Wandungen rechts und links ihres steinernen Horstes befanden sich die

Speiseschränke, das heißt etwa zehn Zentimeter tiefe aus den breiten

Fugen des Gneissteinmauerwerks ausgewitterte Löcher, in welche sie

sorgfältig erlegte Mäuse hineinlegten, ein Mäuslein über das andere

gepackt, öfter drei oder vier in jedem Mauerschrank, alle Mäuse

selbstverständlich ohne Kopf. Die braven Kinder konnten leicht an die

offenen Schränke, wo das appetitliche Wildbret lag, aber Naschen und

Stehlen lag ihnen fern. Sie warteten geduldig, bis die gute Mutter an

den Vorrat ging und ihre aus dem Mäusewams »ausgehöselten« Leckerbissen

verteilte. Mit dem raschen Wachstum der Falken wurden diese Happen

größer und größer, bis sie schließlich Mann für Mann bei jeder Mahlzeit

eine Maus bekamen und selbst an ihr das »Aushöseln« lernten. Da kam

es auch vor, daß zwei Fälklein sich mit einer Maus beschäftigten und

mit den Eingeweiden ihre liebe Not hatten. Das eine Brüderchen zog an

einem Ende des Darmes, das andere am anderen Ende. Es wurde erst einmal

»Tauziehen« gespielt, bis jedes seinen Happen sich einverleibt hatte.

Das war nicht leicht und für Fälkleins vielleicht ebenso schwierig, wie

wenn kleine Menschenkinder faserigen Stangenspargel oder glatte weiche

Makkaroni essen sollen, ohne mit den Fingern nachzuhelfen!

Die Speiseschränke reichten manchmal nicht aus bei dem gesunden Hunger

der kräftigen Falkenjugend und wenn die Jagd besonders ergiebig war.

Als man eines Tages die Holzläden an den Fenstern des Glockenbodens auf

dem Turme hoch über dem Horste öffnete, sah man auf einem hölzernen

Sims oben eine Reihe von blutfrischen Mäusen liegen, nebeneinander

kopflos und friedlich aufgereiht, wie der Wildhändler seine Hasen auf

dem Schaubrett auslegt. Ob dieses Vorratslager der alte Herr Ritter

Turmfalk nun heimlich für sich zu besonderen Genießerzwecken angelegt

hatte, oder ob er in treuem Vaterpflichtgefühl hier seine Jagdbeute für

die Jungen niederlegte, solange die Gattin mit der Atzung der Kinder

beschäftigt war, damit sie ohne Mühe und ohne Zeitverlust die Nahrung

von dem verabredeten Platze rasch herbeiholen könnte, das läßt sich

nicht genau feststellen. Wir glauben aber, daß solche Arbeitsteilung

und die gemeinsame Sorge für ihren hoffnungsvollen Nachwuchs durchaus

in dem ritterlichen Charakter unserer geflügelten Helden liegt. Es ist

auch nicht ausgeschlossen, daß auch an anderen Stellen Ritter Turmfalk

sich solch Lager von Wildbret anlegte, denn man sah ihn öfter um den

Turm kreisen und auch durch eine fehlende Scheibe im unbewohnten

Kämmerchen des ehemaligen Türmers auf der Ostseite des hohen nördlichen

Turmes verschwinden und bald wieder herausfliegen. Was suchte er in

dem öden engen Raume, wo höchstens Spinnen ihre Nester bauen und ihr

Dasein kümmerlich fristen? Er hat sein Geheimnis nicht verraten!

Vielleicht hatte er dort auch eine Niederlage eingerichtet, um auf alle

Fälle gerüstet zu sein und seine hungrige Gesellschaft stets reichlich

versorgen zu können, wenn die Jagd einmal nicht so ergiebig sein

sollte. –

Die jungen Falken hatten sich in wenigen Wochen so kräftig entwickelt,

die kleinen Schnäbel hatten sich hakenförmig gekrümmt und eine

nadelscharfe Spitze bekommen, das zarte, weiche Daunenkleid war einem

Federkleide gewichen, dessen Weiß mit feinen braunen Streifchen

gesprenkelt war und allmählich namentlich auf dem Rücken mehr und mehr

in Braun überging. Die kleinen Gesellen waren immer lebhafter geworden

und der enge Raum der Fensternische wollte kaum mehr reichen. Vater

und Mutter Turmfalk hatten schon auswärts Wohnung suchen müssen, weil

für sie der Platz nicht mehr reichte. Wer weiß, ob nicht in wenigen

Tagen die Kraft der jungen Flügel erprobt werden sollte – und dann

war es zu spät, eine photographische Aufnahme zu machen! Am 18. Juli

stiegen nachmittags drei Uhr Herr Kantor Bretschneider und Herr A.

Schreiber mit photographischem Apparat die enge Wendeltreppe zum

Turme hinauf, um die vier Junker Turmfalk auf die Platte zu bannen.

Die Aufgabe war nicht leicht, denn die Aufstellung des Apparates war

durch das Gebälk und die Treppe im Turme stark behindert. Die jungen

Falken hatten scharfe Augen und scharfes Gehör. Auf jedes Geräusch

und jede Bewegung antworteten sie durch Stutzen. Leise, ganz leise

nur durfte das Fenster geöffnet werden, um nicht die Fälklein durch

plötzliche Bewegungen zu erschrecken und dadurch etwa ein Zurückweichen

und einen Absturz aus der engen Kinderstube über den Mauerrand in die

Tiefe zu verursachen. Die Hand ging leise und langsam stückweise am

Fensterrahmen innen hoch mit Ruhepausen und oben am Rahmen allmählich

entlang und wieder abwärts, um Wirbel und Knopf zu erreichen, aber

unverwandt folgten die funkelnden Falkenaugen, die Köpfe und die sich

hebenden Hälse voll Mißtrauen der Bewegung, bis die Hand verschwunden

und die dunkle Gestalt am Fenster nicht mehr sichtbar war.

Da die Aufnahmen jedoch aus dem dunklen Raume gegen das helle

Tageslicht gemacht werden mußten, ergaben sie leider nur dunkle

Schattenbilder ohne Durchzeichnung, die nicht befriedigen konnten.

Eine Wiederholung der Aufnahme gleich am Abend wurde beschlossen zu

einer Zeit, wo die nun bald flügge Junkerschar reichlich und fertig

geatzt, satt, ruhig und behaglich im Horste saß und der gestrenge Herr

Ritter von Turmfalk nebst Frau Gemahlin schon beruhigt fern von der

Kinderstube sich einen sicheren Ruheplatz gesucht hatten.

Einhalbneun Uhr abends ging es nun wieder leise die dunkle gewundene

Turmtreppe hinauf, ausgerüstet mit Blitzlicht, um, wie Schillings

es nennt, eine »Natururkunde« zu gewinnen. Leise und vorsichtig

beim Scheine einer Taschenlampe wurde der Apparat gerichtet, das

Blitzlicht fertig gemacht und das Fensterchen am Horste geöffnet. Es

war nicht leicht, die Linse scharf einzustellen, da ein scharfer Wind

und Gegenzug durch das geöffnete Fenster sauste und alle Vorsicht

zu Schanden zu machen drohte, auch das Holzwerk des Turmes innen

Unbequemlichkeiten bot. Auch die geringste Bewegung und das leiseste

Geräusch merkten die jungen Falken, wurden unruhig, zogen sich bis an

den Außenrand der Nische, den Rand des finsteren Abgrundes zurück,

wobei ein oder zwei der Tierchen verdeckt waren und die Absturzgefahr

drohte.

Das machte eine Aufnahme zunächst unmöglich. Es galt die scheuen und

ängstlichen Tierchen zu beruhigen, an das Geräusch und das Blitzen zu

gewöhnen. Der Apparat wurde öfters »blind« abgedrückt, so daß ihnen das

Knipsgeräusch nicht mehr auffiel und mit der elektrischen Taschenlampe

wurde ein kleines Wetterleuchten veranstaltet, dessen Blitze die

Falkenbrüder manchmal blendete, aber nicht weiter erschreckte, denn

von ihrem Hochsitz aus hatten sie schon andere Flammenstrahlen die

Dunkelheit zerreißen sehen. Nach ein und einer halben Stunde, etwa um

einviertelelf Uhr, waren die Tierchen so beruhigt über das merkwürdige

geheimnisvolle Treiben im Turm, daß sie zuletzt ihre Stellung nicht

mehr verließen.

[Illustration:

Blitzlichtaufnahme von A. Schreiber, Freiberg

Abb. 2 =Junge Turmfalken im Horst, einem Fensterschlitz am Petriturm in

Freiberg=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 11-12 · 第 1 / 7 段