1.
Sascha ist im April drei Jahre alt geworden. Seit drei Jahren ist sie die
Herrin des alten berühmten Schlosses von Sadory und des ganzen Olenowschen
Landes mit der weiten Steppe, den Feldern, Wiesen und Wäldern bis zu
Großmutters Kirschgarten in Gajewo, den Sascha auch zu ihrem Besitz zählt.
Drei Jahre brennt nun nach langer Zeit wieder Licht in dem einen
Schloßturm, und tagsüber hallt der Garten wider von einer hellen
Kinderstimme; abends aber guckt aus dem Turmfenster ein Mädchenköpfchen
unter einer roten, goldgestickten Mütze heraus. Und alle, Groß und Klein,
die Großmutter Euphrosyne Iwanowna, und der Onkel Andrej, und Tante Wera
und Tante Lena, und die Wärterin Halka und das ganze Gesinde mit der
Haushälterin Nadeshda, der Kuhmagd Fedoßja, der alten Zofe Polja und den
jungen Tagelöhnerinnen Marja, Warwara, Fima und Katharina, und der Kutscher
David und der Nachtwächter Taras und der Landmesser Becker, und der
Gutsnachbar Bruch und dessen Tochter Manja und ihr Lehrer, der Student
Michail Petrowitsch, und der Pfarrer, Vater Eutychios nebst dem ganzen
Klerus, und der alte Jagdhund Kadoschka und die beiden Hofhunde Butzik und
Mischka und das kleine Hündchen Dranka und endlich die Ziege Maschka, --
mit einem Wort alle Bewohner des Schlosses und alle Nachbarn meilenweit
herum bis zur Eisenbahn haben das Mädelchen als ihre Königin anerkannt und
fügen sich demütig ihren Launen.
Einzig und allein die Tante Tatjana Afanasjewna, die in ihrem Stolz und
Eigensinn keinen Willen über dem ihren gelten läßt außer dem Gottes und des
Zaren, widersetzte sich lange Zeit, zuletzt aber gab auch sie nach, und zu
Weihnachten hat sie Sascha einen goldenen alten Löffel geschenkt.
Und Sascha hütete dieses Spielzeug mit aller Sorgfalt. Sie verwahrte es
ganz hinten in ihrem roten Schränkchen, wo es von dem kahlköpfigen
Trommelhasen und zwei vom letzten Christbaum übrig gebliebenen goldenen
Nüssen treulich bewacht wurde. Und Sascha sorgte für ihren kostbaren
Schatz, so gut sie irgend konnte: sie badete den Löffel in ihrer kleinen
Wanne zusammen mit den zwei glatten Steinen, dem schwarzen und weißen; und
mit dem Kamel, dem grünen Aufziehfrosch, dem Radfahrer, dem Brummkreisel
und den drei Puppen: der Katja mit dem Loch im Kopf, der armlosen
Alexejewna, und der am heißesten geliebten Wera, die aus Lappen genäht war
und überhaupt keinen Kopf mehr besaß, -- warf sie den Löffel zum Fenster
hinaus, damit die Ziege Maschka auch ein bißchen mit all den schönen Sachen
spielen könne, wie sie auch Tantens klirrende Schlüssel zu den vielen, mit
allerlei köstlichen Dingen vollgestopften Kisten und Truhen immer
hinauswarf, damit sie sich draußen am schönen grünen Grase satt essen und
etwas frische Luft schnappen.
In Saschas rotem Schränkchen gibt es unzählige kostbare Dinge. Von oben bis
unten ist er vollgepfropft.
Wenn man Sascha fragt: »Wie liebst du?« drückt sie gleich irgendeinen
Teddy-Bären an ihr Herz oder den Springhasen, der keine Ohren mehr und nur
noch zwei Beine hat, und sagt:
»So lieb ich!«
Jeden Tag wird das Schloß belagert: alle wollen die Königin von Olenowo
sehen.
Und Sascha begrüßt alle gleich freundlich, spricht mit allen und schenkt
denen, die sich ihrer besondern Huld erfreuen, den ganzen Inhalt ihres
roten Schrankes. Später aber nimmt sie alles wieder zurück.
So ist nun einmal der Wille dieses weißen Mädelchens in der roten,
goldgestickten Mütze, der Königin von Olenowo.
Sascha ist hübsch rundlich und ihre Backen sind dick und die Lippen auch,
und über den Lippen guckt das Näschen frech in die Höhe. Wenn man's sieht,
kommt einen die Lust unwiderstehlich an, mal daran zu zupfen. Aber zugleich
ist einem doch bang: so klein und weich ist das Stuppsnäschen. Sascha sagt:
»Sie ist buttrig.« Und wenn man sie an der Nase faßt, dann kneift sie die
Augen zusammen und verzieht den Mund, und sieht aus wie ein kleines wildes
Tier, ein Tierchen mit blauen, schlauen Äuglein.
Saschas Haare aber sind für ihr Alter zwar nicht zu kurz und nicht zu dünn,
sie wachsen ganz ordentlich, wie sie wachsen sollen, aber einen Zopf kann
man aus ihnen doch noch nicht flechten, -- es sei denn einen ganz winzigen,
wie ein Schwänzchen.
Sascha hatte sich angewöhnt, sich die Härchen auszuzupfen.
Und so oft schon war der Mohr gekommen, ganz schwarz, mit gefletschten
Zähnen und hatte nach den ausgerissenen Haaren gefragt. Aber Sascha hatte
gar keine Angst vor dem Mohren, im Gegenteil, sie machte ihn zum ersten
Mann in ihrem Hofstaat und hörte natürlich nicht auf, sich die Härchen
auszuzupfen, sondern tat es nach wie vor jeden Tag.
Der eine Finger war dran schuld, der Daumen an der linken Hand, -- der hieß
auch der Zupfer.
Und so ging es immer weiter, bis Sascha schließlich eine ganz kahle Stelle
auf ihrem Kopf hatte. Da mußte Tante Lena auf den Rat desselben Mohren
Sascha ganz kurz scheren. Und nun war Sascha ganz kahl mit winzigen
Haferstoppeln auf dem runden Kopf. Aber es half alles nichts: auch diese
Stoppeln wußte sie noch festzukriegen, als wären es ganz lange Haare: immer
wieder rückte der Zupfer an und riß auch die kürzesten Härchen heraus.
Sascha hat ganz kleine Hände, wie Mama und Großmama, und Nägel wie Perlen,
und da ist nun wieder ein Unglück: der Daumen an der rechten Hand ist auch
ungezogen: immer muß er in Saschas Mund stecken, und Sascha saugt an ihm,
wie ein Bär. Man versuchte es ihr durch allerlei Kunstgriffe abzugewöhnen,
bestrich den Finger mit Senf und mit Chinin. Aber es half alles nichts:
Sascha leckt den Finger ab, spuckt aus, und dann ist der Daumen gleich
wieder im Mund.
Man holte den Mohren, glaubte, er würde sie zur Raison bringen, -- aber es
kam ganz anders. Es erwies sich, daß der Mohr auch lutschte und zwar mit
Hochgenuß, denn -- so erklärte Sascha -- »der Daumen schmeckt noch viel
schöner als Schokolade.«
Was war da zu machen? Nichts war zu machen. Es blieb nichts übrig, als die
Indianer zu holen. Diese Indianer überfallen jene Buben und Mädel, die
allein in den Garten schleichen und dort Erdbeeren mit Milch essen. Und
solange die Indianer drohten, lutschte Sascha nicht am Fingerlein. Aber es
verging einige Zeit, die Indianer verschwanden, es tauchte irgendein
Zauberer auf, oder der Ägypter oder der Grüne Kater aus dem Theater, die
Gefahr war vorüber -- und Sascha machte sich von neuem an ihren Finger. Der
Zupfer und der Lutscher sind eine wahre Plage. Und wie lustig Sascha ist,
-- so ganz ohne jeden Grund, bloß weil sie nicht anders kann. Und wenn sie
lächelt, dann gibt ein dunkles Leberfleckchen über der Oberlippe dem
Lächeln etwas ganz besonders Liebliches. Man möchte es immer nur anschauen
und küssen, dieses Fleckchen, das an heißen Tagen immer etwas feucht ist.
»Sascha, ich fresse dich auf!«
»Was?«
»Ich fresse dich auf, weil . . . was soll ich denn mit mir anfangen, du
bist so.«
»Makig?« -- und der kleine Mund mit den spitzen Zähnchen lächelt wieder.
»Grad so ein Leberfleckchen«, sagte Tatjana Afanasjewna und sah ihre
schelmisch lächelnde Urgroßnichte scharf an, »hatte die Großtante Elisabeth
Michailowna. Die verstorbene Gräfin Lydia Petrowna aber legte an dieser
Stelle eine Mouche auf, -- das bedeutete Leichtsinn. So ist sie auch
gestorben.«
Von den Mouches redete die Tante sehr oft und immer mit großer Rührung.
Sascha aber wollte dann sofort eine Mouche haben und beruhigte sich nicht
eher, als bis man ihr eine lebendige Fliege gefangen hatte.
»Ganz die Mutter,« sagte die Tante und erging sich weiterhin für sich
allein in köstlichen Erinnerungen an ferne schöne Zeiten, die den jetzigen
so gar nicht glichen.
Du magst die ganze Welt nach einem zweiten Mädel absuchen, das ebenso
eigensinnig wäre, -- du findest keins.
Was Sascha haben will, das setzt sie alles durch.
Und auch eine so wilde Hummel findest du nirgends mehr. Wenn es mal über
sie kommt, dann gibt es kein Halten. Dann läuft sie die Hände waschen, und
ehe man ihrer habhaft geworden ist, ist sie bis an die Schultern
pitschenaß. Dann maust sie dem Onkel Andrej den Tabak und macht sich ans
Zigarrettendrehen, -- und natürlich ist in wenigen Augenblicken der ganze
Tabak auf dem Boden verstreut.
Sascha geht gern in die Kirche zur Messe. Kaum hört sie die Glocken läuten,
so hat sie keine Ruhe mehr. Sie wird von Mama begleitet. Oder von Tante
Lena. Im Winter geht sie seltener, im Sommer öfter. Im Sommer bringt sie
auch Blumen für Großvater auf den Friedhof.
Alle wissen, daß Sascha und der Pfarrer gute Freunde sind. Der Pfarrer,
Vater Eutychios, schickt ihr oft eine Hostie, und zu Pfingsten bekam sie
Blumen vom Altar. Als dann der Pfarrer am ersten Weihnachtstage mit dem
Kreuz ins Haus kam, sang Sascha ihm den ganzen Weihnachtschoral vor und
sprach alle Worte richtig aus.
Wenn Sascha das Abendmahl bekommen soll, passiert allemal was: entweder
fängt sie irgend etwas zu erzählen an, und zwar so laut, daß man es in der
ganzen Kirche hört, oder sie verlangt, daß der Priester zuallererst zu ihr
komme, oder sie singt, aber nicht was vorgeschrieben ist, sondern was ihr
gerade einfällt.
Singen tut Sascha überhaupt sehr gerne. Sie liebt es auch, wenn andere
singen.
Und so singt das ganze Schloß von früh bis spät. Großmutter Euphrosyne
Iwanowna muß singen, und Tante Wera und Tante Lena und Mama.
Wer aber wirklich sehr schön und sehr gerne singt, das ist der Onkel
Andrej. Früher brauchte er bloß den Mund aufzutun, dann geriet alles in die
größte Aufregung und bat flehentlich, er solle lieber nicht singen. Jetzt
aber hat sich alles geändert, jetzt muß er singen was das Zeug hält, denn
Sascha findet es sehr schön und will immer mehr haben.
Wie geht es aber erst zu Weihnachten her, wenn im Schloß der Christbaum
angezündet wird und im Ofen das Stroh knistert und draußen der Wind heult
und den weißen Schnee in dichten Massen gegen die Fenster treibt!
Dann hallt das alte Schloß von wehmütigen Koljadkas[*] wider. Schon
fünfundzwanzig Jahre ist es her, daß der Vater Eutychios das Koljadkasingen
streng verboten hat, aber insgeheim wird immer noch gesungen. Und der
langgedehnte Refrain, der noch wehmütiger klingt, als das Lied selbst,
verschmilzt in eins mit dem Sturmwind draußen:
»Heiliger Abend . . .«
Sascha setzt sich zu den Mägden und hockt unbeweglich da, ganz Spannung.
Und es ist, als verstünde sie alles und sähe alles: wie die Muttergottes in
der Schenke den Sohn in Windeln wickelt, und wie Christus gekreuzigt wird,
und wie das falkenschnelle Roß Abschied nimmt . . .
»Heiliger Abend . . .«
[Fußnote *: Volkstümliche Weihnachtgesänge, z. T. noch an heidnische
Sonnwendgebräuche anknüpfend.]
»Noch!« verlangt die Königin und läßt die Sängerinnen nicht einmal zu Atem
kommen.
Die Mägde sind schon ganz heiser geschrien, aber Saschas strenges »Noch«
und abermals »Noch« hört nicht auf.
Auf die Koljadka folgt der Kasatschok. Fedorka tanzt famos. Und sie tanzt
bis zum Umfallen, bis Sascha sich die Pfötchen wund geklatscht hat.
Zur Bescherung kommen auch die Nachbarskinder, die Bruchs, denn außer der
Manja gibt's da noch gute zehn Stück. Sascha macht mit ihnen, was sie will:
sie läßt sie singen und tanzen und singt und tanzt selber mit, dann gibt
sie ihnen ihre Geschenke und schickt sie nach Hause.
Zu Sylvester spricht Sascha den Segen.
»Heiliger Sylvester, liebster, bester, mach uns stark, gib uns Butter und
Quark. Ist die Suppe weg, so gib uns Speck, gib uns Mehl und Honigseim, das
tragen wir alles heim!«
So klingt es vom frühen Morgen bis zum Abend.
Am Neujahrstage aber, wenn Sascha »sät«, wird ebenso oft der Neujahrssegen
wiederholt:
»Herr Gott im Himmel, segne die Saat, daß dein Volk was zu essen hat!
Frohes Fest, glückliches Neujahr!«
Zu Weihnachten geht's munter zu, -- es ist eine »makige« Zeit.
Die Großmutter spielt im langen Winter viel mit Sascha. Morgens fahren sie
die Puppen im Saal spazieren und geraten bald ins Eßzimmer, bald ins
Schlafzimmer, bald ins Kabinett, bald in die Bibliothek, denn es sieht im
Saal immer so nach Regen aus. Und jedesmal werden die Fahrgäste ausgeladen
und dann wieder in den Wagen gesetzt. Und dann muß das Essen für die Puppen
bereitet werden und sie müssen alle abgefüttert werden. Die Puppen tanzen,
gehen in die Schule, werden krank, laufen davon. Und überall muß man
aufpassen, immer muß man zusehen, daß die Puppen zufrieden sind.
Kaum ist es draußen ein bißchen wärmer geworden und der Schnee im Garten
beginnt sich grau zu färben, so bittet Sascha schon um Erlaubnis, auf der
Heuwiese spazieren gehn zu dürfen, und dann träumt sie vom Sommer, wo -- so
meint Sascha -- auch Großmutter ganz jung sein und im Garten herumhüpfen
wird.
Mit Tante Lena spielt Sascha oft Heuernte: Tante muß sich auf den Fußboden
setzen und ist der Heuschober, und Sascha läuft um sie herum und harkt das
Heu zusammen.
Aber nun nehmen die Tage wirklich zu und die Sonne wärmt schon tüchtig. Und
tagtäglich versichert Sascha, die Puppen wären draußen gewesen und hätten
gesagt, es sei schon ganz trocken, und der Wind habe versprochen, ganz
still zu sein und der Regen desgleichen.
Der Schnee schwindet immer mehr, nur noch hier und da sieht man ein weißes
Fleckchen, an den gelben Narzissen zeigen sich schon große Knospen.
Und Sascha geht im Garten umher und erzählt lange Geschichten vom vorigen
Sommer, wie Mama baden ging, und wo sie mit Lena gespielt hat, und wie sie
den Krug in den Brunnen fallen ließen.
»Wenn der Schnee ganz weg ist,« sagt Sascha, »holen wir ihn wieder, wir
binden einen Lappen an einen Stock und holen ihn raus.«
So wartet man sehnsüchtig und ungeduldig auf den Frühling, auf die warme
Zeit.
Und der Frühling zieht in Olenowka ein, mit Pflug und Egge, rote Blumen im
Haar, strahlend und lachend, und bringt das Osterfest mit.
2.
Alte Leute und kleine Kinder -- der Unterschied ist wahrhaftig nicht groß.
Die zwei gehören zusammen -- Sascha und Tante Tatjana Afanasjewna.
Immer wieder verschwindet Tantens Krückstock, ohne den sie kaum gehen kann.
Tante will hinaus an die frische Luft -- der Stock ist weg, als hätte die
Erde ihn verschluckt.
Überall sucht man ihn, und Sascha sucht mit! Und nicht einmal lächeln tut
sie dabei, der Schelm!
Tante weiß sich aber schon zu rächen: Saschas Spielsachen fangen an zu
verschwinden.
Die Tante ist gern allein. In der Schummerstunde setzt sie sich in einen
Winkel im Bildersaal, der schwarzäugigen Somowschen Kokette mit Löckchen
und Bändchen gegenüber, und macht sich an ihr Geduldspiel: Ziegen und
Schafe. Die hölzernen Ziegenböcke klappern im Takt, aus dem Rahmen lächelt
die Kokette und die Tante lächelt auch, -- wieviel lustige Bälle hat sie
mitgemacht, und was gab es dazumal für Kavaliere, was für Walzer . . .
Wenn das Spiel der Tante überdrüssig wird, legt sie es fort und holt ein
anderes heraus -- den Bären als Schmied. Und der Bär schmiedet ihr die alte
goldene Zeit neu.
Dann denkt die Tante nicht daran, daß sie doch bald ins Grab muß. Nein, sie
ist sechzehn Jahre alt, vielleicht auch noch viel, viel jünger.
Sascha steht morgens ganz früh auf mit Großmama und der Tante. Nur das
Zimmermädchen Polja steht noch früher auf.
Jeden Morgen begibt sich die Tante in den Saal, um vor dem wundertätigen
Marienbild von Sadorino zu beten. Mit der linken Faust macht die Tante eine
»Feige«, den bösen Geist abzuwehren, und die Faust fest an den Rücken
gepreßt, fängt sie zu beten an. Sascha, noch nicht ganz angekleidet, nur in
Strümpfen und Leibchen, kommt vom Turme auch in den Saal hinunter gelaufen
um zu beten, bekreuzigt sich ungeschickt, beugt sich nieder und hascht mit
der linken Hand nach Tantens zitternder Feige.
Mit Angst und Beben, ihr Gebet vergessend, sieht die Tante sich um: daß ihr
Schutzengel nur nicht davonfliegt!
Und oft scheint es ihr, als flöge der Engel davon. Dann wird's ein böser
Tag, alle kränken die Tante, Tante kriegt ihren geliebten Nabel nicht.
Tante kennt nämlich kein schöneres Essen, als gekochten Hühnernabel. Und
Sascha denkt ganz wie Tante. Mit dem Hühnernabel kann man viel erreichen:
man kann Sascha dazu bringen, daß sie auch Suppe und Fleisch ißt und nicht
bloß Milch ohne Brot; man kann sie dazu bringen, daß sie sich umkleiden
läßt, ihr Frätzchen wäscht, -- obgleich es dann mit dem Waschen nicht immer
sein Bewenden hat: es kommt vor, daß Sascha verlangt, alle sollten sich
waschen, und ohne jeden Grund. Aber ein Tag ist eben nicht wie der andere,
und das Wichtigste ist doch, daß man Sascha mit diesem Nabel zwingen kann,
nicht im Regen spazieren zu gehen.
Tante holt den Nabel von Saschas Teller weg und so geschickt, daß man sie
gar nicht dabei ertappen kann. Eben war noch alles in schönster Ordnung, --
und mit einemmal ist von dem Nabel nur eine harte Sehne geblieben.
»Man muß es auf einen andern Teller legen,« sagt Tante Wera streng.
Aber Tante Tatjana Afanasjewna schaut ganz unschuldig drein. Sie hat den
Nabel schon aufgegessen.
Mit dem Mittagessen hat man überhaupt sein Kreuz. Zu Mittag geht immer
etwas schief.
Sascha wird auf das hohe Klappstühlchen gesetzt, man bindet ihr die
Serviette um. Tante Lena fängt an, endlose Geschichten zu erzählen. Der
Inhalt dieser Geschichten ist dem Alltagsleben entnommen, er ist ganz
einfach und mit so klaren Details, wie man sie höchstens im Traum sieht. Da
wird etwa erzählt, wie Manja Bruch in die Stadt ins Töchterpensionat kam.
Manja, Onkel Andrej, der Nachbar Bruch, der Landmesser Becker müssen in
jeder Geschichte vorkommen. Und nur wenn solche Geschichten erzählt werden,
ißt Sascha ordentlich. Gott bewahre, wenn Tante Lena stecken bleibt oder
auf eine der Zwischenfragen keine Antwort weiß! Warum? wo? wieviel? wann?
Oder wenn sie auf das unaufhörliche: und dann? und weiter? nicht sofort
einfällt. Dann gibt es ein Geschrei und Tränenströme, denen gegenüber
selbst Manja, die im Sommer regelmäßig zur ersten Speise erscheint, ganz
hilflos ist, und die kein Nabel, kein Pfefferkuchen stillen kann. Manchmal
kommt es auch so: man setzt sich zu Tisch, und Sascha ist nicht da. Man hat
sie eben noch gesehen, aber nun ist sie mit einemmal verschwunden, wie
weggeblasen. Und alles macht sich auf die Suche. Man läuft durch den ganzen
Garten, guckt in die Scheune, in Pferde- und Kuhstall, und wenn alle schon
ganz außer Atem sind, kommt sie plötzlich aus dem Ofen herausgekrochen,
schwarz, wie ein Mohrenkind, und lacht so, daß selbst ein Toter im Sarge
mitlachen müßte, und die Lebendigen vor Lachen sterben möchten.
Auch in der Küche muß man sich vorsehen. Da wird der Teig ausgerollt, damit
man die Brote in den Ofen schieben kann; alle Vorsichtsmaßregeln sind
ergriffen; die Haushälterin Nadeshda hat die Tür verriegelt und eine Bank
vorgeschoben, Halka singt Kosaken- und Zigeunerlieder. Was kann man noch
mehr tun? Aber durch irgendeine Ritze ist Sascha doch durchgeschlüpft, und
sie muß durchaus ein Brötchen mit ihren kleinen Pfoten formen. Und dann
klatscht der Teig auf den Boden und wälzt sich im Staub und Schmutz, -- und
das soll nun gebacken werden!
Nur der Hund Kadoschka hat was davon -- o dieser Kadoschka! Er läßt sich
nicht anrühren, nicht aus dem Zimmer jagen. Kadoschka kriegt zuguterletzt
alles.
Sadory war von je durch seine Gastfreundlichkeit berühmt. Seit aber Sascha
da ist, ist dieser Ruf noch gewachsen. Nicht nur Kadoschka, -- jeden, der
ihr in den Weg kommt, muß sie füttern und tränken, ob er will oder nicht.
Sie stopft es ihm einfach mit Gewalt hinein: iß und trink, bis du platzest.
Und da hilft kein Weigern und Sträuben.
Sascha will alles selbst mit ihren eigenen Händen tun. Sie hat einen
eigenen kleinen Besen aus Steppengras, damit fegt sie jeden Morgen die
Stube. Der Besen macht mehr Staub, als daß er den Staub wegschaffte, --
aber wieviel Mühe macht sich Sascha dabei! Unter jedes Bett kriecht sie,
vor jedem Sofa bückt sie sich mindestens zehnmal.
Ordnung muß eben sein.
Nach dem Essen spielt Sascha mit Manja »Stöckchen gib acht!«, Versteck und
Kuchenbacken.
»Stöckchen gib acht!« wird so gespielt: man holt sich irgendwo aus einem
alten Lattenzaun ein Stöckchen, stellt es senkrecht auf den Zeigefinger,
sagt: »Stöckchen gib acht! Wieviel Stunden sind's noch bis Mitternacht?«
und zählt dann, bis das Stöckchen vom Finger heruntergefallen ist. Bei
welcher Zahl das geschieht, so viel Stunden sind's noch bis Mitternacht.
Sascha bringt es immer zu sehr hohen Zahlen, denn sie zählt auf ihre
besondere Art. Eins, zwei, drei, zehn, zwanzig, zehn, hundert. Außerdem
mogelt Sascha: mit dem Daumen, dem Lutscher, stützt sie das Stöckchen
heimlich.
Wie man Versteck spielt, weiß jeder. Verstecken kann man sich überall: im
Kuhstall und in Drankas Hundehütte, -- aber nur nicht lauern! Sascha
versteckt sich hinter der Tür. Das ist ganz einfach, aber man kommt nicht
so leicht drauf.
Das alles sind friedliche Spiele, aber beim Kuchenbacken gibt es oft
Mißverständnisse. Sascha läßt die Möglichkeit nicht gelten, daß irgend
jemand außer ihr etwa einen Baumkuchen aus Sand formen könnte. Und wenn
Manja Bruch ihr ein Pralinee aus Sand überreicht, dann hätte sie's lieber
nicht getan!
Wird das Spiel draußen langweilig, geht man ins Zimmer. Dort »liest«
Sascha, das heißt, Tante Lena liest ihr vor. Aber Sascha weiß schon eine
Menge auswendig und sie hört so zu, als wäre sie selbst der Struwwelpeter
und der Hans-Guckindieluft und das schlaue Häschen. Und was sie für
Gesichter dazu schneidet! Wo sie die nur alle her hat! Diesen Sommer hat
Mama ihr eine Fibel geschenkt mit einem Mohr, einem Indianer und einem
Ägypter. Und die Fibel ist jetzt Saschas Lieblingsbuch.
Bilder besehen macht Sascha immer Spaß. Sämtliche Jahrgänge der »Niwa« sind
schon durchgeschmökert. Jedes Bild wird in Zusammenhang mit dem Leben auf
dem Schlosse gebracht, und wenn das garnicht angeht, so werden neue
Geschichten geschaffen, die sich ebenfalls auf dem Schlosse abgespielt
haben, und bloß nicht im Gedächtnis der Schloßbewohner haften geblieben
sind.
Und immer muß Sascha fragen. Und wenn sie auch alle Fragen selbst auf ihre
Weise beantwortet, so überschüttet sie doch jeden, der in ihre Nähe kommt,
mit Fragen ohne Zahl. Wenn ein Lied gesungen wird, ein Märchen erzählt,
oder überhaupt nur von irgendetwas gesprochen, dann kann man auf die Fragen
gefaßt sein:
»Warum ist Herbst? Warum muß man essen? Warum muß man gesund sein? Warum
muß man beten?«
Und das nimmt kein Ende.
Sascha kennt die russischen Dichter. Sie zeigt Puschkins Bild und nennt ihn
Putzekin. Lermontow kann sie auch richtig zeigen, aber seinen Namen vermag
sie nicht auszusprechen.
Wenn das Lesen und Bilderbesehen und Fragen erledigt ist, setzt sich Sascha
an Tantens Klavier, läßt sich Noten aufs Pult legen und fängt an zu
spielen. Die Notenblätter müssen umgewendet werden, die Hefte gewechselt,
sonst wird Sascha sehr böse.
Sie wird überhaupt sehr leicht böse, sie ist grimmiger als der alte
Landmesser Becker, den die Leute im Dorfe den Feuerspeier nennen.
So geht der Tag hin, man merkt es gar nicht, wie. Der Abend kommt heran.
Nun geht man noch spazieren. Tante Lena, Manja und Sascha spazieren ins
Feld hinaus.
Im Schlosse wird es still. Tante und Großmama spielen Schwarzen Peter, im
Garten oder in der Küche wird Fruchtsaft gekocht, dafür sorgt Tante Wera.
Und gerade, wenn den Fliegen der süße Schaum über dem Kessel am schönsten
schmeckt, wird es im Schlosse wieder laut und lebendig. Vom Felde bringt
man Blumen, Kränze und eine Unmenge Geschichten: irgend jemand hat man
sicher unterwegs getroffen, -- natürlich nur von jenen Leuten, die bloß
Sascha und dem Mohren, ihrem getreuen und ergebenen Kavalier, bekannt sind
und nur von ihnen gesehen werden.
Wenn die Sonne sinkt, wird es für Sascha Zeit, zu Bett zu gehen.
Bei dieser Gelegenheit wird sie von den unglaublichsten Krankheiten
heimgesucht. Am häufigsten tut ihr der Fuß weh. Sascha hinkt dann. Eine
Zeitlang war man ganz unruhig, aber weder der Student Michail Petrowitsch,
noch der Doktor Korotok konnten etwas Gefährliches entdecken. Wenn jemand
der Fuß wehtat, so allenfalls nur der Großmama, die immer ihr Reißen
bekommt, wenn das Wetter sich ändern will.
Ehe Sascha zu Bett geht, müssen alle Puppen zur Ruhe gebracht werden. Wenn
sie fertig sind, kommt die Reihe an Sascha.
Vor dem Schlaf, auf dem Töpfchen, erzählt Sascha mit schläfrigen Lippen der
Tante Lena, was sie Neues erfahren und gelernt hat, und wen sie heute
gesehen und allerlei vom Sandmann und wie die Hunde bellen.
Wenn es am Tage gewittert hat, erzählt Sascha vom Donner; wenn es regnete,
so berichtet sie Dinge vom Regen, die ein Erwachsener nur schwer versteht,
-- Tante Lena nicht ausgenommen, obgleich sie an Saschas Geschichten
gewöhnt ist, mit ihr in einem Zimmer schläft und sie fast nie allein läßt.
»Der Donner wohnt über dem Himmel,« berichtet Sascha, »wo auch die Wolken
sind. Der Regen wohnt auf dem Dach. Da wohnen auch die Vöglein.«
Sascha schläft ein, und auch die Großmutter Euphrosyne Iwanowna schläft und
die Ziege Maschka, damit Sascha morgen früh wieder frische Milch hat.
Nur die Tante Tatjana Afanasjewna schläft nicht. Die Tante legt Karten aus.
Sie hat ihre besonderen Karten, die lügen nie. Da gibt es im Spiel eine
Amazone und einen Spanier, auf die kommt es vor allem an. Die Karten werden
in vier Reihen zu je neun ausgelegt. Und wie traurig kann die Arme sein,
wenn plötzlich irgendein Astrolog oder die Sphinx oder die Kanone nicht da
sind -- alles Saschas böse Streiche.
Aus dem Wächterhäuschen kommt der Nachtwächter Taras mit seiner Klapper.
Und Butzik und Mischka und Dranka bellen bald laut auf, bald sind sie
mäuschenstill, bald heulen sie dreistimmig, daß es weit widerhallt.
Tags schläft der Sandmann, aber nachts wird er lebendig. Abends steht er
von seinem Lager auf, und wenn es ganz dunkel geworden ist, kommt er ins
Schloß. Er geht geradewegs die Treppe hinauf in Saschas Turm, und selten
kommt er allein. Der Sandmann erzählt Märchen oder er nimmt Sascha an der
Hand und führt sie aus dem Turm hinaus ins Feld spazieren, im Winter über
das weiße Gras, im Sommer über rote Blumen. Der Sandmann kann gerade so,
wie Mama, aus Malven Damen machen. Er reißt eine rosa Blüte ab, dreht sie
um, bindet die Staubfäden mit einem Grashalm zusammen -- und die Dame im
Reifrock ist fertig.
Einmal gingen Sascha und der Sandmann über das Feld nach den Tatarengräbern
-- so nennt man in Olenowka die Hünengräber -- und da kam ihnen der Wolf
entgegen.
»Nehmt mich mit,« sagte er, »ich will auch spazieren gehn.«
»Gut.«
Und so gingen sie. Alles war in bester Ordnung. Der Wolf kannte die ganze
Gegend ausgezeichnet und führte sie zu den schönsten Plätzchen. Aber auf
einmal verlor der Wolf seinen Schwanz. Und da wurde er ganz betrübt. Ohne
Schwanz fühlt man sich ganz scheußlich, und nun schrie Sascha jede Nacht
aus Furcht, sie könnte auch ihr Schwänzchen verlieren.
Tante Lena hörte das Geschrei und dachte, Sascha hätte Magenweh, und man
schob die Schuld auf die Ziege und ihre zu süße Milch. Der Student Michail
Petrowitsch erschien wieder, der Doktor Korotok untersuchte Sascha, beide
verordneten eine Mixtur, alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll. Sascha nahm
die Mixtur und schrie nachts doch.
Gott sei Dank, daß die Boitschicha da war, sonst hätten sie das Mädel ganz
zugrunde gerichtet.
Die Boitschicha ist ein ur-uraltes Weibchen im Dorf. Ihre Hütte ist dicht
beim Schloß. Man erzählte, sie sei eine Hexe, die heilen und verzaubern
könne. An sie wandte man sich.
»Der Wolf hat sie erschreckt,« sagte die Alte. »Das läßt sich wieder
gutmachen.«
Die Boitschicha kam in aller Frühe ins Schloß, als der Ofen eben angeheizt
war. Die Hexe murmelte allerlei vor sich hin, trug Sascha durch das Zimmer,
strich mit ihren erdigen, harten Fingern über die rosige Brust und den
Rücken, dann nahm sie ein Büschel Bandgras und ließ den Schrecken sich ans
Gras hängen. Das Gras aber warf sie sofort ins Feuer. Das Gras verbrannte
-- und alles war wieder gut. Wenn Sascha auch nur ein einziges Mal in der
Nacht geschrien hätte. Wahrscheinlich war dem Wolf sein Schwanz wieder
angewachsen, so daß Sascha sich jetzt nicht mehr zu fürchten brauchte.
Ein andermal brachte der Sandmann einen Mönch zu Sascha. So einen hatte
Sascha schon auf Bildern gesehen. Ein ganz einfacher Mönch in einer
schwarzen Mütze mit gekreuzten Armen. Der Sandmann stellte den Mönch vor
Saschas Bett am Fußende hin und verschwand selbst.
Sascha machte die Augen auf und rief Tante Lena. Tante Lena stand auf,
zündete das Lämpchen an, sah aber keinen Mönch. Doch der stand immer noch
da, wie der Sandmann ihn hingestellt hatte, mit gekreuzten Armen und
starrte Sascha an.
Seitdem brennt im Turmzimmer nachts immer das Lämpchen.
Der Mönch aber mag das Licht wohl nicht, denn er ist nicht mehr
wiedergekommen. Dafür brachte der Sandmann die Maka zu Sascha.
Maka gefiel der Sascha sehr gut, und auch Sascha gefiel der Maka. Und Maka
gewann Sascha so lieb, daß sie zu jeder Zeit auch ohne den Sandmann bei ihr
zu erscheinen begann. Sie tritt ganz dicht an Sascha heran und spricht mit
ihr. Makas Stimme kann niemand hören außer Sascha, und was Sascha zu Maka
sagt, das hören zwar alle, aber keiner versteht es, denn es sind ganz
besondere Worte, keine russischen.
Wenn Sascha an irgendetwas besonderen Gefallen findet, sagt sie: »das ist
makig.« Mama ist makig, Tante Lena ist makig, die Ziege Maschka ist makig,
und Onkel Andrej ist es, wenn er singt oder aus der Stadt Schokolade
mitbringt.
Die Freundschaft zwischen Sascha und Maka ist einfach rührend. Die beiden
sehen sich sehr oft.
»Lena,« sagte Sascha und unterbricht ihr Spiel oder irgendeine interessante
Geschichte, »ich muß zu Maka gehen.«
Und sie begibt sich nach dem zweiten Schloßturm, wo das Familienarchiv und
die Bibliothek sich befinden und wo einst der Großvater Jurij
Alexandrowitsch gewohnt hat.
Hier haust jetzt Maka.
3.
Sascha ist drei Jahre alt oder dreitausend, oder vielleicht auch dreimal
dreitausend. Sascha zählt ihr Alter nicht nach Jahren.
Sascha meint, sie hätte von Ewigkeit an im Schlosse gelebt, sie wäre die
Enkelin nicht der Großmama Euphrosyne Iwanowna, sondern der Tante Lena; sie
hält sich für groß und alt, älter als das ganze Geschlecht, das im Schloß
gewohnt hat, älter als die Tante Tatjana Afanasjewna, denn die Tante ist ja
nicht hundert Jahr alt, sondern erst sechzehn, oder vielleicht noch
weniger.
Sascha steigt oft in Makas Turm hinauf.
Der Turm ist alt, und eine Unmenge von Mäusen haust darin: in der
Bibliothek und im Archiv haben sie genug zu fressen, und man hört sie Tag
und Nacht kratzen und krabbeln. Dort unterhält sich Sascha mit Maka, dort
guckt sie nach den kleinen Mäuschen und freut sich, wenn eins ohne die
geringste Furcht ganz dicht an sie herankommt und sich den Bart mit den
Pfötchen streicht.
In Großvaters Kabinett hängen Bildnisse: eins zeigt Großvater als jungen
Mann in Leutnantsuniform; auf dem andern ist er ganz alt und hat einen
langen Bart und helle blaue Augen, ganz wie Saschas Augen.
Sascha kennt Großvater, sie hat Großvater gesehen: einmal nachts kam
Großvater mit dem Sandmann an ihr Bett und unterhielt sich mit ihr,
Großvater sagte zu Sascha, er werde nach anderthalb Jahren ganz zu ihr ins
Schloß kommen. Und wenn Sascha jetzt in das Kabinett läuft, denkt sie
immer, Großvater würde einmal da sein.
Mama erzählt Sascha ganz wunderschöne Märchen: von dem Fischer und seiner
Frau und vom gestiefelten Kater und vom kleinen Däumling, vom Froschkönig
und vom schlauen Fuchs.
»Willst du, Mama? Ich erzähle dir auch ein Märchen,« sagt Sascha, als die
Mutter mit ihrer Geschichte zu Ende ist.
»Erzähl' mal!«
Und Sascha erzählt ihr Märchen:
»Es waren einmal zwei Bauern, die gingen ans Meer, um Fische zu fangen. Sie
fingen aber nichts, und da gingen sie wieder nach Hause und legten sich
schlafen.«
Damit ist das Märchen aus.
Sie hat noch ein anderes ebenso schönes Märchen vom Hahn und vom Bären, wie
der Hahn den Bären auffraß.
Sascha hat es auch sehr gerne, wenn Mama erzählt, was sie alles gemacht
hat, als sie, die Mama, noch klein war.
»Als ich klein war, war ich sehr unartig,« erzählt die Mutter zum
hundertsten Male. »Einmal kam ich in die Küche, als gerade alle
hinausgegangen waren. Da stand der Samowar auf der Bank. Ich griff nach dem
Krahn, drehte ihn um und blieb mit der Schulter am Samowar hängen, so daß
er umfiel -- gerade auf mich. Da fing ich furchtbar zu schreien an, denn
ich hatte mir die Beinchen verbrüht. Großmama kam gelaufen und Großpapa und
Tante und die Urgroßmama. Man legte mich ins Bett und holte den Doktor. Als
der Doktor gekommen war, nahm man mir die Strümpfe ab, aber mit den
Strümpfen ging auch die Haut ab. Das tat furchtbar weh und ich weinte und
schrie. Lange mußte ich im Bett liegen, dann wurden die Beinchen allmählich
gesund, eine neue Haut wuchs drüber.«
»Und dann noch eine?« unterbricht Sascha die Mutter.
»Nein. Anfangs konnte ich nur kriechen. Ich hatte das Gehen ganz verlernt.
Erst nach und nach lernte ich wieder fest auf meinen Füßen stehn.«
Sascha hört mit zusammengezogenen Brauen zu, und wenn die schöne Geschichte
zu Ende ist, die Beine wieder heil sind und die Mama wieder laufen kann --
dann strahlt Sascha über das ganze Gesicht und lacht.
»Noch einmal!«
Und Mama erzählt die schöne Geschichte zum zweitenmal.
»Aber als ich klein war,« fängt Sascha dann an, »da lag ich mit dir im
Kinderwagen, und dann zog ich dich an . . .«
Aber das ist schon so lange her, so lange, daß Sascha klein war! Und wenn
Sascha ihrer Kindheit gedenkt, behauptet sie, daß sie wieder einmal klein
sein werde.
»Wer wird dich liebkosen, wenn ich tot bin?« sagte Sascha einmal, als sie
wieder in Kindheitserinnerungen schwelgte und umarmte die Mama so innig,
als wäre sie ihr Teddy-Bär.
Jeden Morgen nach dem Gebet begibt sich Sascha gewöhnlich mit der Tante zu
Mama, um sie aufzuwecken, und dann geht es hoch her: sie kriechen als Bären
auf allen Vieren, stoßen sich als wilde Kühe mit den Hörnern, stellen
Gewitter, Sturm, Regen, Hagel dar. Und Sascha sucht der Mama Angst zu
machen: sie bläst die Backen auf und sagt mit hohler Stimme, sie wäre nicht
Sascha, sondern der Froschkönig. Und dann kratzt Mama Sascha den Rücken und
die Schulter: Sascha hat das über alle Maßen gern.
Einmal sagte Mama zu Sascha:
»Weißt du, Sascha, ich habe Maka gesehn.«
Da drohte Sascha mit dem Finger, kletterte der Mutter auf den Schoß und
flüsterte ihr ganz leise ins Ohr:
»Still du, Mama, das darf man nicht laut sagen.«
»Warum denn nicht?«
»Man darf nicht,« wiederholte Sascha nun ganz streng und furchte die Stirn.
»Weißt du denn, wie deine Maka aussieht?«
»Sprich nicht so laut, Mama, sag es niemandem,« flüsterte Sascha. »Maka ist
ein ganz altes zahnloses Fräulein. Immer bittet sie um Zigaretten, und kann
doch gar nicht rauchen, denn Maka hat keinen Mund, sondern bloß zwei
Zungen.«
Und wie sie so von ihrer geliebten geheimnisvollen Maka erzählte, lächelte
Sascha, und der dunkle Leberfleck auf der Oberlippe ließ dieses Lächeln
unbeschreiblich süß erscheinen.