Die Krawatte

1.

Schon ganz zu Anfang des Semesters hatte man auf dem Newskij-Prospekt einen

schwarzhaarigen Studenten bemerkt, der sich von den andern eleganten

Studenten in ihren neuen Uniformen scharf unterschied. Die neu

immatrikulierten Studiosi, die zum erstenmal nach Petersburg gekommen sind,

pflegen scharenweise auf dem Newskij spazieren zu gehen, gucken neugierig

nach allen Seiten und stehen lange vor den Schaufenstern.

Der Student, der allen auffiel, war auch ein Neuling und auch elegant

gekleidet, aber sein Gesicht und seine Haltung unterschieden ihn von den

andern.

Er hatte so feurige schwarze Augen und so schwarzes Haar -- es gab keinen

zweiten so schwarzen auf dem ganzen Newskij.

Seine Augen behielten, auch wenn er lächelte und sogar sehr schelmisch

lächelte, immer denselben Ausdruck: ein alter Schmerz, eine Wehmut, die

Jahrhunderte überdauert zu haben schien und immer wieder durch ein

verborgenes nie verlöschendes Feuer genährt wurde, sprach aus diesen Augen.

Und wenn er, ohne den Kopf zu wenden, nach einer vorübereilenden Dame

schielte, dann sah man von den Augen nur das Weiße.

Sein Gang war sehr sicher und solide; er schritt gleichmäßig, ohne hin und

her zu wackeln und ohne mit den Armen zu fuchteln. Und doch hatte man das

Gefühl, als müßte er von allen Spaziergängern der tollste und

phantastischeste sein.

»Abdul Achad,« sagte der schwarze Student einmal, als er sich einem

semmelblonden, ängstlich dreinschauenden Kommilitonen vorstellte.

»Ein Türke,« zwinkerten die Kellner in den Kaffeehäusern und die

Ladendiener einander zu, wenn sie Abdul Achad zu Gesichte bekamen.

Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie

zufällig mit Abdul Achad zusammen kamen, -- dem Türken, wie er nur noch von

den Kameraden genannt wurde.

Vom Newskij kam der Türke auf Wasili-Ostrow. In der zwölften Linie mietete

er sich ein Zimmer. Und schon im November kannte der ganze Stadtteil den

Türken.

Der Türke war reich und freigebig. Der Türke fiel allen auf. Und es gab

kaum ein junges Mädel im ganzen Stadtteil, in das der Türke sich nicht

verliebt hätte; es gab kein einziges, das nicht für den Türken geschwärmt

hätte.

Es gingen die unglaublichsten und lächerlichsten Geschichten über den

Türken um.

Allerdings liebte er selbst sehr von sich zu sprechen und allerlei

unglaubliche, lächerliche Geschichten zu erzählen, von Reisen und

Abenteuern jeder Art, -- und immer wollte er alles selbst gesehen und

selbst erlebt haben.

Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie

zufällig eine Geschichte des Abdul Achad zu hören bekamen.

Und der semmelblonde ängstliche Studiosus, zu dem der Türke sich besonders

hingezogen fühlte und den er protegierte, der semmelblonde ängstliche

Studiosus, der stete Begleiter des Türken, berichtete einmal voll

herausfordernden Stolzes von seinem Beschützer, dieser sei schon als

Quintaner Vater gewesen und hätte sich in dieser Rolle keineswegs wohl

gefühlt.

Übrigens hatte auch der Türke selber in einem Augenblick besonderer

Offenherzigkeit etwas Ähnliches von sich erzählt, und sogar geschildert,

wie peinlich es ihm war, als Vater eines kräftigen Jungen vom Lehrer in den

Winkel gestellt zu werden.

Man schenkte der Geschichte nicht eben viel Glauben, aber man amüsierte

sich köstlich.

»Nun freilich,« sagte man, »ein Türke!«

»Der Türke ist da!« rief man mit frohem, freundlichem Lachen, wenn Abdul

Achad in der Kneipe erschien.

Der Türke lebte sich in Petersburg ein, wie die andern Türken, die

»Schopftürken« --so nannte Abdul Achads Zimmerwirtin die Sphinxe an der

Nikolaibrücke -- sich an die kalte Newa, an den bleichen Himmel, an den

Rauhreif und an den Petersburger Wind gewöhnt hatten.

Der Türke fand es immer heiß und knöpfte seinen kostbaren Pelz nie zu.

»Natürlich,« hieß es, »ein Türke.«

»Der Türke, der Türke!« wurde Abdul Achad mit frohem, freundlichem Lachen

auf der Straße begrüßt.

Aber der Türke war launisch: heute konnte er lustig sein, und tags darauf

war er traurig; heute erzählt er die tollsten Geschichten und macht die

abenteuerlichsten Pläne, und morgen sieht man nur das Weiße seiner Augen.

Und alle kennen das -- sie kennen sein Lachen und seine Tränen und sie

liebkosen den Türken, wenn er weint.

»Lieber Türke, laß doch!« -- Und sie streicheln ihn wie eine Katze.

Zu Weihnachten tanzte der Türke auf Maskenbällen und nach Weihnachten

setzte er sich an die Kolleghefte.

Aber was ist das Kolleg für den Türken? Und was ist der Türke dem

Polizeiwachtmeister?

Ganz unerwarteterweise kam der Türke eines schönen Tages nicht mehr nach

seiner zwölften Linie und nicht zu den Schopftürken, den Sphinxen, an denen

er sonst so oft vorübergegangen war, sondern an das Arsenal-Ufer in das

Gefängnis von Kresty.

2.

Man gelangt auf sehr einfache Weise nach Kresty.

Auf dem Newskij gab es eine Straßendemonstration. Unter den Demonstranten

befand sich auch der Türke. Wie wäre eine Demonstration ohne den Türken

möglich gewesen? Bei Demonstrationen trifft man eine Unmenge Bekannte und

es ist sehr lustig, wie auf keinem Ball, keiner Maskerade.

»Der Türke! Der Türkei« riefen die Kameraden freudig, als sie Abdul Achad

zu Gesicht bekamen.

Und anfangs ging alles sehr nett und lustig her, aber vor dem Rathause

hatte die Polizei den Demonstranten eine Falle gestellt, und nun gab es

Knuten- und Säbelhiebe.

Der Türke ist alles, was ihr wollt; er ist nicht erst in der Quinta,

sondern schon in der Sexta Familienvater gewesen; das ist alles wahr. In

China war er allerdings nicht, wenn er auch sehr schön von lebendig

gebratenen Fischen zu erzählen weiß, die ihm irgendein vornehmer Chinese

vorgesetzt haben soll. Aber der Türke ist ein Ritter, der Türke kann es

nicht zulassen, daß ein hübsches Mädel, noch dazu eins, das er sehr gut

kennt, von einem Soldaten mit dem flachen Säbel geschlagen wird.

Drei junge Studentinnen stürzten auf die Treppe des Rathauses, legten die

Hände vors Gesicht und knieten nieder, den Soldaten den Rücken zukehrend.

Ein Soldat stieg ihnen nach und begann sie der Reihe nach mit seinem

schweren, harten Säbel zu schlagen.

Der Türke geriet in Raserei.

In der Menge lachte jemand laut auf und sagte etwas Kränkendes über die

unglücklichen, geduldig unter den Säbelhieben knienden Mädchen. Und von

allen Seiten tönte Geschrei und Gewinsel. Man stieß sich, rannte,

stolperte, fiel.

Der schwarze Türke mit den schwarzen brennenden Augen lief nicht, wie die

andern, er schrie nicht, wie die andern, er rollte nur seine großen

brennenden Augen.

Und seine Raserei erreichte den Höhepunkt.

Und das Weiße seiner Augen schimmerte so schauerlich, daß dem Schutzmann,

der aus seinem zufälligen Opfer die letzten Lebensgeister herausprügeln

wollte, plötzlich der Gedanke kam:

»Ist das nicht der Teufel selber, der nicht umzubringen ist?«

Die Lebensgeister ließ der Türke sich nicht herausprügeln, aber nach Kresty

kam er doch.

3.

Mit dem Türken hatte man von der Demonstration noch viele Studenten nach

Kresty gebracht, und bald zeigte es sich, daß von allen der Ungebärdigste,

der Schwierigste Abdul Achad, der Türke, war.

Als alle Beulen, Quetschungen, Risse, Schrammen geheilt waren, wurde auch

der Türke wieder lebendig. Und er war wie ein kleines Kind . . . Was konnte

man auch von einem Türken anders erwarten?

Der Türke bekam Besuch von zwei Bräuten. Der Türke war in die eine ebenso

verliebt, wie in die andre, und er wußte selbst nicht mehr genau, welche

von beiden die schönere war und welche er lieber hatte.

Die Bräute brachten ihm Blumen, Schokolade, Kuchen ins Gefängnis. Die

Zusammenkünfte dauerten immer sehr lange. Aber der Türke war immer noch

unzufrieden. Er bat, daß ihn noch eine dritte Braut besuchen dürfe. Und so

erhielten drei Bräute die Erlaubnis, den Türken zu besuchen, jede zu ihrer

bestimmten Stunde.

Aber auch das war ihm noch nicht genug. Der Türke gab keine Ruhe.

Wie wäre das auch möglich gewesen, da er in Wahrheit doch nicht drei,

sondern dreiunddreißig Bräute hatte.

Die Zelle des Türken befand sich im Hintergebäude im vierten Stock. Das

Fenster war hoch. Vom Fußboden aus konnte man nicht durchsehen. Der Türke

stellte seinen Stuhl auf den Tisch, kletterte hinauf und schaute abends aus

dem Fenster.

Dort am Ufer, von den Schopftürken, den Sphinxen, bis zum Arsenal gingen

seine Bräute spazieren, alle dreiunddreißig.

Der Türke dachte nur an sie, erwartete ihren Besuch und träumte nachts von

ihnen.

Und dann kam der Frühling. Es ward streng verboten, aus dem Fenster zu

sehn. Aber wie konnte der Türke nicht aus dem Fenster sehn, wenn der

Frühling gekommen war?

Der Türke kümmerte sich um die Vorschriften nicht.

Man drohte ihm mit Karzerhaft -- er ließ sich nicht bange machen. Man

sperrte ihn in den Karzer -- es half nichts. Da ließ man ihn in Frieden.

Was sollte man auch mit ihm anfangen? Früher, als er noch frei war, hatte

er die ganze Welt in drei Gruppen geteilt: hübsche Mädel, junge Mädel und

Weiber überhaupt. In die ersten verliebte er sich, in die zweiten war er

nicht abgeneigt, sich zu verlieben, und den dritten war er stets bereit,

den Hof zu machen.

Und nun, da der Frühling gekommen war, da liebte er sie alle, alle gleich

und machte keinen Unterschied mehr zwischen hübschen und jungen und Weibern

überhaupt.

Und am Ufer gingen abends nicht mehr dreiunddreißig, sondern mindestens

dreihundertdreiunddreißig Bräute spazieren, er sah sie mit seinen eigenen

Augen.

Alle Frauen waren seine Bräute.

Zu Ostern weinte der Türke sogar. Er weinte, weil man ihn nicht auch in die

Kirche gehen ließ, wie alle seine Mitgefangenen, und auch weil er abends,

als er aus dem Fenster seine am Ufer spazierenden Bräute sah, ein so großes

Mitleid mit ihnen empfand.

Es kam der Mai und die hellen Nächte.

Aus dem Fenster sah der Türke den Mai, die hellen Nächte.

Einmal, als die Kontrolle eben vorüber war, und der Türke auf den Stuhl

geklettert war, um nach den Bräuten Ausschau zu halten, bemerkte er einen

schwarzen Bart, der aus dem Gitterfenster nebenan heraushing. Der Nachbar

hatte den Türken auch bemerkt und suchte ihm durch Zeichen zu verstehen zu

geben, daß er nicht reden solle.

Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen?

Er war so erfreut über den schwarzen Bart.

»Sitzen Sie schon lange hier?«

»Zwei Jahre.«

»Woher?« »Aus Wilejki.«

»Wofür?«

»Denunziation. Ich weiß selbst nichts Genaues.«

»Besucht Sie jemand?«

»Nein. Ich habe daheim eine Frau und ein kleines Mädel.«

»Was war Ihr Beruf?«

»Melamed. Lehrer.«

»Langweilen Sie sich nicht?«

»Ich klebe Schachteln.«

»Sehnen Sie sich nicht nach Ihrer Frau?«

Aber der Nachbar antwortete nicht. Der schwarze Bart verschwand hinter dem

Gitter. Und da klopfte auch der Wächter an die Tür. Der Türke mußte von

seinem Stuhl herunter.

Als der Wächter vorübergegangen war, kletterte der Türke wieder hinauf und

rief wieder den Nachbar an, aber der schwarze Bart zeigte sich nicht mehr,

man sah durch das Gitter nur einen gekrümmten müden Rücken. Dann vergaß der

Türke den Bart, und endlich wurde der Türke freigelassen. Es war doch

nichts mit ihm anzufangen.

4.

Aus Kresty begab der Türke sich geradewegs auf den Newskij. Er wußte gar

nicht, was er mit sich anfangen, wo er sich lassen sollte. Seine Bekannten

aufsuchen? Dazu war auch morgen noch Zeit genug. Drei Tage war ihm Frist

gegeben, drei Tage durfte er sich in Petersburg aufhalten, und in drei

Tagen konnte er alles erledigen, alle besuchen.

Der Türke ging auf dem Newskij und lächelte, alle lächelte er an, die Alten

und die Jungen.

»Türke, lieber Türke, wie geht es dir?« lächelten die Leute ihm entgegen,

oder zum mindesten schien es ihm so.

Er ging in ein Kaffeehaus nach dem andern, trank Kaffee, aß Kuchen, guckte

in ein paar Kinos hinein, aber nirgends hielt er's lange aus.

»Türke, lieber Türke! Wie schön, wie herrlich ist die Freiheit!« summten,

brummten, flüsterten die Passanten -- zum mindesten schien es ihm so.

In einer Schaubude am Newskij gab es wilde Menschenfresser zu sehen. Aus

Neu-Guinea hatte man sie nach Petersburg gebracht.

»Das allerwildeste Volk auf dem Erdball!« verkündete das Plakat. Der Türke

ging hinein, sich die wilden Menschenfresser anzusehen. Die Menschenfresser

sahen ganz wie Theaterteufel aus und lächelten, wie der Türke selbst. Und

der Türke konnte nicht anders -- er kletterte zu ihnen auf das Podium

hinauf. Die Wilden verstanden nicht, was der Türke zu ihnen sagte, und auch

die andern, die zahmen Zuschauer, ja der Türke selbst, verstanden kaum

etwas, aber die Wirkung war eine ganz unerwartete: die Wilden hielten ihn

wohl für einen Gott, sie spannten ihre Bogen, schossen ihre Pfeile ab,

reckten sich lang aus, wie Peter der Große, und machten so wüste

Kängurusprünge, daß dem Publikum angst und bange wurde und alles in größter

Hast zum Ausgang drängte.

Im Gedränge kam auch der Türke hinaus.

»Türke, lieber Türke, wie lustig ist es, wie lustig!« rief man ihm nach --

oder zum mindesten schien es ihm so.

Die Newa hatte das Eis vom Ladogasee schon ins Meer hinaus befördert. Es

war warm. Übrigens hätte der Türke es auch warm gefunden, wenn das Eis noch

nicht abgegangen wäre.

Die weiße, durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen Sternen.

Es war Kaisers Geburtstag. Auf dem Newskij flammten längs dem Bürgersteig

bunte elektrische Laternchen auf, an den Häusern leuchtende Monogramme und

Wappen. Das Gedränge der Spaziergänger wurde immer größer.

Der Türke sah nach allen Seiten und lächelte. Alles schien ihm so reich

geputzt, so jung und rein, er hätte alle ohne Unterschied küssen können.

An der Ecke beim Katharinenkanal blieb der Türke stehen.

Von der Kasankathedrale her kamen Gardekürassiere.

Riesengroß, auf prächtigen Pferden, in silbernen Harnischen, bewegten sich

die schimmernden Reiter wie Gespenster vorwärts.

Der Türke sah auf die Kürassiere und lächelte. Und lange noch schimmerten

die silbernen Harnische durch die weiße Nacht, die bunten grünen Laternchen

und die dunkeln, wie Bärte herabhängenden Fahnen. Als die Kürassiere

vorüber waren, ging der Türke mit der Menge weiter.

Auf der Brücke fiel ihm ein Mädel auf -- schwarzhaarig, schlank, fast wie

ein Backfisch, nicht geschminkt, mit Augen, die glänzten, wie die Harnische

der Kürassiere. Er lächelte sie an und sie lächelte auch. Er faßte sie

unter den Arm. Sie ließ ihn lächelnd gewähren. Und sie gingen weiter.

Sie gingen und lachten, wie alte Bekannte.

Warum auch nicht? Sie war ja seine Braut! Alle waren sie seine Bräute.

Die weiße durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen Sternen.

»Wohnen Sie weit von hier?«

Sie nannte ein Hotel.

Ihre Antwort belehrte den Türken, daß sie erst seit kurzem auf der Straße

war: sie empfing noch keinen Besuch in ihrer Wohnung.

Sie gingen nach dem Gasthaus. Ließen sich ein Zimmer anweisen.

Und noch deutlicher ward es dem Türken, daß sie erst seit kurzem auf dem

Newskij war: sie wollte kein Bier trinken.

Der Kellner brachte Limonade. Sie tranken die Limonade. Dann kleideten sie

sich aus.

Sie war eine Jüdin und hieß Rosa.

»Sind Sie auch Jude?«

»Nein.«

»Grieche?«

»Nein!«

Sie sah ihn mit großen erstaunten Augen an und zählte alle Völker auf, die

sie kannte. Sie kam schließlich bis auf die Chinesen und die

menschenfressenden Papuas, die sie sich ebenso angesehen hatte wie der

Türke.

»Ein Papua?«

»Nein.«

»Ein Türke?«

Der Türke konnte sich nicht mehr beherrschen und fing laut zu lachen an.

»Ein Türke! Ein Türke!« rief Rosa erfreut, wie Kinder sich freuen, wenn sie

einen Spielgefährten endlich in seinem gar nicht mal besonders schlau

gewählten Versteck aufgestöbert haben, und immer wiederholte sie mit

gutmütigem Lachen, wie die Kameraden, wenn sie den Abdul Achad irgendwo

trafen, wo sie ihn am allerwenigsten erwartet hatten: »Ein Türke! Ein

Türke!«

Rosa hatte nur noch das Korsett abzunehmen.

Der Türke schwatzte allerlei tolles Zeug, behauptete, er sei kein Türke,

sondern ein ganz richtiger Kannibale und er werde sie gleich mit Haut und

Haar auffressen, und dabei lachte er so, daß er ganz außer Atem kam.

Aus Rosas Korsett fiel plötzlich etwas auf den Boden. Der Türke bemerkte

es. Aber Rosa bückte sich in größter Hast und verbarg den Gegenstand in

ihrer hohlen Hand.

Was mochte das sein? Und warum wurde sie so rot?

»Was ist das?«

»Nein, nein, das dürfen Sie nicht . . .« Rosa trat zurück.

»Warum nicht?« widersprach der Türke, umarmte Rosa und setzte sie auf

seinen Schoß. »Sag mir doch, was es ist!«

»Es geht nicht,« wiederholte sie. »Bitte, fragen Sie mich nicht. Ich will

das nicht.«

Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen! Er bestand auf seinem

Stück: du mußt es mir sagen! Er schwur, daß er ihr Geheimnis keinem

verraten und auch nicht lachen werde: auf ihn, den Türken, könne man sich

verlassen.

»Alles geht,« sagte er, »und das nicht? Warum denn nicht? Warum nur?«

Aber sie preßte den geheimnisvollen Gegenstand nur noch fester in ihrer

Faust zusammen und schwieg. Es schien, als könnte keine Gewalt auf Erden

ihr das Geheimnis entreißen, selbst wenn alle Schutzleute vom Newskij sich

mit ihren kräftigen Fäusten auf sie gestürzt hätten. Sie weigerte sich,

auch nur ein Wort zu sagen.

Dieser kindische Trotz ärgerte den Türken. Er gab keine Ruhe. Er mußte

Rosas Geheimnis wissen. Er rollte die schwarzen, brennenden Augen. Er

packte Rosas Hand. Und sie öffnete die Faust.

Anfangs verstand der Türke nichts. Er traute seinen Augen nicht.

»Eine Krawatte?!«

Sie hielt eine ganz gewöhnliche, genähte, schwarze Krawatte in der Hand --

das Mittelstück, das wie ein schwarzer Schmetterling aussah.

Und Rosa fing an, ganz schnell, stotternd, einzelne Worte bald

verschluckend, bald wiederholend, zu reden. So flüstern Kinder, wenn sie

sehr froh sind, der Mutter ins Ohr:

»Weißt du, Mama --« oder, wenn sie sich schuldig fühlen, ängstlich und

bitter: »Ich will es nie mehr tun!«

Es war eine Krawatte. Eine Krawatte ihres Mannes. Rosa wollte dem Türken

nicht von ihrem Manne sprechen. Sie hat auch ein Kind. Ein dreijähriges

Mädel. Sie kommt aus Wilejki.

Ihren Mann hat man in einer schwarzen Kutsche nach Petersburg gebracht.

Schon vor zwei Jahren. Ein Arbeiter aus der Nachbarschaft hatte ihn

angeschwärzt. Ihr Mann war Melamed im Cheder.

»Ein Melamed -- ein Lehrer,« wiederholte Rosa.

»Ich hab ihn gesehen, deinen Mann, er hat einen schwarzen Bart und einen

krummen Rücken. Er ist sehr mager. Ein richtiges schwarzbärtiges Skelett,«

sagte der Türke ganz erfreut, und deutlich sah er wieder seine Zelle im

vierten Stock vor sich und den Abendhimmel und sich selbst auf den Stuhl

stehen.

»Ich selbst komme eben aus Kresty, und er ist auch dort, in Kresty. Das

Gefängnis Kresty auf der Wiborger Seite, Arsenalufer 5.«

Aber Rosa saß nicht mehr auf seinem Schoß, Rosa lag auf dem Boden zu Füßen

des Türken und schrie so, als würde sie geschlagen, als wollte sie ihre

ganze Seele sich aus dem Leibe schreien.

Der Türke griff nach der Karaffe und goß ihr Wasser ein. Was hatte er denn

getan, daß sie sich wie in Krämpfen auf dem Boden wälzte und schrie? Aber

Rosa rührte das Wasserglas nicht an, sie stand nicht auf, sie blieb liegen,

in Hemd und Strümpfen, sie winselte und schluchzte und preßte die schwarze

Schleife, die wie ein Schmetterling aussah, fest in ihrer Hand zusammen.

Der Türke erkannte Rosa nicht wieder. Das war nicht mehr der bleiche,

schüchtern-schlaue Backfisch, sondern ein rasendes Weib, das von einem

wilden Weh gepeinigt wurde. Und der Schmerz machte ihr Gesicht alt und

häßlich.

An die Tür wurde geklopft. Man forderte Einlaß.

Der Türke ging um Rosa herum und wußte nicht, was er anfangen sollte.

»Beruhige dich doch,« sagte er und streichelte sie, »was liegt denn an

einem Schlips? Bei Gott, ich habe nichts Böses gesagt!«

An die Tür wurde geklopft. Und es war, als klopfte man nicht nur an die

Tür, sondern an alle Wände und an die Decke, nicht mit der Faust, sondern

mit einem Hammer.

Der Türke mußte öffnen: man hätte sonst die Tür aufgebrochen.

Ein Polizeiwachtmeister, ein Schutzmann, der Zimmerkellner, ein

Droschkenkutscher und ein Frauenzimmer, wohl aus der Stube nebenan, traten

ein.

»Was geht hier vor?« fragte der Wachtmeister und betrachtete den

entkleideten Türken und die auf dem Boden liegende Rosa mit strengen

Blicken.

»Nichts,« erwiderte der Türke, »ich habe gar nichts getan!« Und er stürzte

sich auf Rosa, hob sie auf und setzte sie, so gut es ging, auf das Sofa.

Rosa beachtete die Leute gar nicht, sie sah und hörte nichts, sondern

winselte nur und schluchzte.

Der Wachtmeister befahl Abdul Achad sich anzukleiden. Der Türke sollte ihm

auf die Polizeiwache folgen, wo man die Sache zu Protokoll bringen werde.

Was hatte er denn getan? Hatte er sie denn geschlagen? Hatte er ihr etwas

Kränkendes gesagt? Nichts, rein gar nichts! Nichts Böses hatte er ihr

getan, ja nicht einmal gedacht.

Der Türke zog sich hastig an, wie einer der sich schuldig fühlt. Aber die

Hände wollten ihm nicht gehorchen. Kein Knopf ging zu. Rund herum aber

standen die Leute und gafften ihn an wie einen ertappten Taschendieb, und

schienen ihm zuzuzwinkern: »Was sagst du nun? Haben wir dich doch?«

Er hatte Gold in der Tasche. Er legte alles in Rosas offene Hand und folgte

dem Wachtmeister nach dem Polizeiamt.

Hinter dem Wachtmeister gingen auch die andern hinaus: das Frauenzimmer von

nebenan, der Kutscher und der Zimmerkellner -- sie hatten ihre Schuldigkeit

getan, mehr konnte man nicht von ihnen verlangen.

Rosa blieb allein zurück. Sie saß immer noch in Hemd und Strümpfen auf dem

Sofa und weinte und winselte und preßte in der einen Hand die Krawatte

zusammen, die wie ein schwarzer Schmetterling aussah, und in der andern das

Gold des Türken. Sie war allein in dem Zimmer geblieben, und vor ihr stand

der stumpfnasige Schutzmann vom Newskij-Prospekt . . .

Legenden und Geschichten · 第 16 / 17 题