1.
»Sie wissen selber nicht, was sie wollen!« sprach der einsame alte
Juwelier, der hundert Jahre auf Erden gelebt und in seinem Herzen
Generationen zu Grabe getragen hatte.
Zusammengekrümmt, ein richtiger Zwerg, ewig scherzend und spottend, schien
er suchend um die Menschenherzen herum zu gehen und mit seinen langen
dünnen Fingern nach den verborgenen warmen Lebensquellen zu graben. Er
öffnete sie leicht und gewandt, wie seine mit Perlen und seltenen Steinen
gefüllten Kassetten, und er schaute mit durchdringendem Blick in die Seele
der Worte und Gedanken hinein, die tief im innersten Herzen versteckt
saßen.
Tag und Nacht saß er über seinen Steinen; er wusch sie, streute sie auf
Sammet- und Seidendecken aus und hielt sie gegen die Lumpen, die ihm als
Kleidung dienten. Und seine sonst so winzigen Äuglein wurden dann groß wie
Teller.
In dem Flimmern der winzigsten Schleifflächen seiner Edelsteine las er die
Geheimnisse von Jahrhunderten. Und eines nach dem andern traten die
Verbrechen und Schandtaten vergangener Zeiten vor ihn hin, stellten sich in
Reih und Glied, und er spielte mit ihnen wie mit Bleisoldaten.
Und es gab keine Einzelverbrechen mehr, es war nur eine einzige große
Schandtat, und die nistete in allen Zeitaltern, an allen Enden des
menschlichen Lebens.
Aus allen Zeiten und allen Ländern kamen die kostbaren Juwelen zu dem Alten
in seine elende, von Schimmel und Motten zerfressene Werkstatt, die sich in
einer Kellerwohnung an der belebtesten Straße der Hauptstadt verbarg.
Seit langem schon träumte der Alte davon, hinauszuziehen in die Berge und
sich dort einen festen Turm zu bauen, um von dessen Höhe ungefährdet und
unbemerkt die Welt zu beobachten.
Aber diesem Traum sollte keine Erfüllung werden.
Und doch war es eine bewegte Zeit und vieles wäre von der Bergeshöhe aus
dem Turmfenster zu sehen gewesen.
Nicht eine einzelne Stadt, nicht ein einzelnes Dorf, -- das ganze Land von
Meer zu Meer war von einem wahnsinnigen Wunsche beherrscht.
Alle Sehnsüchte, Triebe und Wünsche eines schweren, trüben, qualvollen
Alltags verflochten sich ineinander und wuchsen zu einer grausigen Geißel
aus, und orkangleich schwang sich diese Geißel, schwer und blind, von Meer
zu Meer, auf alles Schreien und Rufen mit dem einen wilden Schrei
antwortend:
»Freiheit!«
»Wißt ihr denn, was Freiheit ist?« fragte augenzwinkernd der einsame alte
Juwelier, der hundert Jahre gelebt und in seinem Herzen Generationen zu
Grabe getragen hatte.
Ein Menschenleben galt nichts mehr. Man spie es aus und trat mit dem Fuße
darauf.
Man tötete die Menschen wie Flöhe. Man lauerte ihnen auf, fing sie und
vernichtete sie sofort, wie man ein Ungeziefer auf dem Fingernagel
zerdrückt.
Aus Barmherzigkeit trieb man die Verurteilten vom Schafott ins Gefängnis.
Gnade war es, wenn man einem das Leben schenkte, damit er es in ewiger
Kerkerhaft vollende.
Nie bisher war der Mensch so mißtrauisch gegen seinen Nächsten gewesen.
Wenn zwei Freunde sich begegneten und einer dem andern die Rechte drückte,
fühlte die Linke schon ängstlich nach dem Messer in der Tasche.
In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern lauerte der Verrat.
Und die letzten Stützen, die tiefsten Grundlagen des Lebens wurden
unterwühlt.
Sprengstoffe wurden in ungeheuren Mengen angefertigt. Keine andere Ware
ließ sich so leicht absetzen wie diese. Tagaus, tagein wurde sie in Massen
verkauft und gekauft, wie in früheren Zeiten Streichhölzer.
In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern erwürgte und erstach der Freund den
Freund.
Die blutgetränkten Straßen wurden überall neu gepflastert. Die glühende
Sonne sog die blutigen Dünste aus dem Boden, und der berauschende,
betäubende Blutgeruch erfüllte die ganze Luft.
Friedliche Gassen, vom Rausch gepackt, gerieten in Raserei und
zerfleischten in tobender Wut Frauen und Kinder. Das Blut klebte an den
Hufen der Pferde, und auch die Pferde wurden toll.
Draußen aber vor der Stadt auf den Feldern wogten rote Ähren, und es reifte
ein blutgedüngtes Korn, das die Menschen vergiftete.
Hier und da tauchten Tote in den Straßen auf. Sie redeten ihre Bekannten
an, mischten sich in das Alltagstreiben, als wären sie noch lebendig.
Die Lebenden aber verließen ihre Häuser, als wenn sie schon tot wären, und
begaben sich nach den Friedhöfen und suchten Unterkunft im Reich der Toten,
richteten sich in Grüften und Särgen häuslich ein.
Propheten verkündeten ein neues Reich und handelten schamlos mit ihrer
Sehergabe.
Die Gläubigen aber verloren den Verstand und töteten sich und warfen der
Welt ihr letztes bitteres Wort ins Gesicht:
»Es gibt keine Wahrheit auf Erden!«
Und die erbarmungslose, wahnsinnige Geißel schwang sich empor, blind und
schwer, und flog sturmgleich von Meer zu Meer, und donnernd dröhnte ihr
grausiger Schrei:
»Freiheit!«
»Wißt ihr denn, was Freiheit ist?« fragte augenzwinkernd der einsame alte
Juwelier, der hundert Jahre gelebt hatte und in seinem Herzen unzählige
Generationen zu Grabe getragen hatte.
2.
Am Vorabend jenes großen Tages, der die neue Freiheit zu bringen und die
ganze Welt umzugestalten versprach, wurde der alte Juwelier in aller Frühe
geweckt, in eine schwarze, wappengeschmückte Kutsche gesetzt, wie sie nur
den hohen Würdenträgern des Staates zustand, und unter militärischer
Bewachung nach dem königlichen Schlosse gebracht.
Durch die zugezogenen Vorhänge vor den Wagenfenstern fühlte der Alte das
Bohren von hundert und aberhundert haßgeschärften Blicken. Es war ihm, als
würde von diesen stechenden Blicken das Glas glühend heiß, als klirrte und
surrte etwas unter den Rädern, was den Wagen in Stücke zu reißen drohte.
Da in den letzten Tagen von den allmächtigen Günstlingen des Herrschers, in
deren Gewalt Städte und Provinzen, Leben und Tod des Volkes waren, zahllose
Schandtaten begangen waren, so wurden derartige vornehme Geleitzüge stets
von bösen Blicken verfolgt, und nicht immer nahm die Fahrt ein gutes Ende.
Aber der Juwelier war ein schlichter Mann. Ihm hatte niemand das Recht zu
strafen und zu begnadigen verliehen; ihm war nur der Befehl geworden, die
goldene Krone zu putzen, in der nach der Sitte des Landes die Könige vor
das Volk traten, wenn sie, was selten genug geschah, dem Volke
Regierungsbeschlüsse von außerordentlicher Wichtigkeit zu verkündigen
hatten.
Wem anders als ihm, dem alten erfahrenen Manne, der es so gut verstand,
seine scharfe Zunge im Zaum zu halten, konnte man die furchtbare, durch
ihren Glanz blendende Krone anvertrauen?
Scherzend und kichernd stieg der Juwelier die goldene Schloßtreppe empor,
schloß sich in dem Saal ein, den man ihm angewiesen, und machte sich an die
Arbeit.
Hier bot sich eine seltene Gelegenheit, Dinge zu sehen, die der Alte bisher
höchstens hatte ahnen können.
So manchen Wunders Zeuge war er gewesen, mehr als einmal hatte das rasende
Volk seine angestammten Herrscher gleich Taschendieben und Einbrechern
davongejagt, aber immer war in solchen Fällen eine neue Krone für einen
neuen Herrscher aufgetaucht, und der Alte wurde gerufen, sie in Stand zu
setzen und zu flicken. Noch nie aber war aus den verstaubten Speichern des
königlichen Schlosses ein so wunderbares Kunstwerk in seine Hände gekommen,
von dem man kaum glauben konnte, daß es von Menschen geschaffen sei.
Wahrlich, der morgende große Tag barg Unerhörtes in seinem Schoße.
Mit größter Sorgfalt, zitternd, wie über einem Heiligtum, dem jeden
Augenblick der eifersüchtige böse Feind etwas antun kann, nahm er die
Steine aus der goldenen, mit Schmutz- und Lehmflecken bedeckten Krone, und,
kaum sichtbar in dem Riesensaale, die dürren Schultern in ein zerfetztes
wollenes Umschlagtuch gehüllt, wie es die Weiber tragen, fuhr er mit den
langen dünnen Fingern über die Juwelen.
Er spielte mit dem Schatze -- mit den märchenhaften Achaten, mit leuchtend
blauen und blutroten und schwarzen Steinen, mit Frühling atmenden Türkisen;
er drehte sie hin und her, er warf sie hin, er sog ihren Duft ein, als
wären sie lebende Gewächse, er legte sie auf die gewandte Schlangenzunge,
ließ sie über seine feinfühlende Handfläche rollen, stellte sie in Reihen
auf, häufte sie aufeinander und bebte wollüstig im grünen, roten, blauen
und schwarzen Schimmer.
Unzählige Menschengesichter tauchten vor ihm auf, unzählige Hände reckten
sich nach ihm, Scharen von Menschen aller Art gingen nacheinander an ihm
vorüber, sie füllten den ganzen Saal, sie bedeckten alle Wände von oben bis
unten, und hoch unter der Sternenkuppel des Saales hingen sie und
schwankten hin und her, ohne Arme, ohne Beine, und aus allen Ecken und
Winkeln starrten ihn staunende Augen an . . .
Dem Alten verging der Atem, er ließ die Steine fallen. Sie klebten an
seinen Lumpen, rollten über die Teppiche, den Brokat, den Marmor, und es
war, als ob sie tönten wie dumpfe Glocken.
Dieser Glanz und diese dumpfen Töne ließen ihn die Augen weit aufreißen.
Die winzigen Äuglein wurden groß wie Teller.
Er sah zugleich den ersten und den letzten Tag des menschlichen Daseins.
Er putzte die Steine in größter Hast, legte sie in der verschiedensten
Weise zusammen, bis er die Verbindung gefunden hatte, die ihm für die
Königskrone die schönste dünkte.
Er hatte sie erkannt, die alte Königskrone, die keine Gewalt auf Erden
anzutasten wagt, die den Menschen unwiderstehlich zu sich lockt und Leichen
auf Leichen häuft.
In der Dämmerung, als die Kronleuchter aufflammten und der Alte sich von
seinem Platze erhob und, die Krone auf dem Kopfe, einem König gleich,
mitten in den Saal trat, da strömte die Krone einen solchen Glanz aus, daß
die unerschütterlichen Wände des Palastes erbebten.
So würde auch die morgende Freiheit, die die Welt von Grund aus umgestalten
sollte, gleich am ersten Tage an diesem Glanz zugrunde gehen;
zusammenknicken würden die Sklavenknie, und nur ganz im geheimen würde die
dunkle Rache schwören, den Thron zu zerschmettern und die leuchtenden
Steine der unzerstörbaren Königskrone über die Erde zu verstreuen.
»Sie wissen selber nicht, was sie wollen!«
Der Alte ging die goldene Treppe hinab, durch die Reihen dienernder
Hofleute, begleitet von einem schmeichlerischen Lächeln, hinter dem sich
schamlose Roheit verbarg und das bange Zittern kleinlicher Sklavenseelen.
3.
Mitternacht war längst vorüber. Der neue Tag der Freiheit erwachte.
Der Freiheitstrieb, der so wahnwitzig, so schmerzvoll vorwärts gedrängt
hatte, war stumpf geworden, und die wildrasende Geißel, blind und schwer,
flog nicht mehr, schlug nicht mehr. Der Wunsch, von dem königlichen
Versprechen betäubt, trieb die Menge auf die Straßen hinaus, drängte sie
auf den Märkten zusammen, schmiedete alt und jung aneinander.
Und mit mißtrauisch schielenden Blicken gingen die tausendmal betrogenen
Massen, finster, eng aneinandergedrängt, vorwärts, ohne zu wissen wohin,
dumpfe Verzweiflung im Herzen.
Der Alte saß in seinem Keller, die dürren Schultern in sein wollenes
zerfetztes Umschlagtuch wickelnd, und sah vor sich hin, und seine winzigen
Äuglein wurden groß wie Teller.
Und in seinen entsetzten Augen glühte das Grauen, Angst und Hohn.
Am Kellerfenster aber zogen Tausende von Füßen vorüber, unsicher, wie
trunken, trunken von Verzweiflung.
Und der Alte rieb sich die Hände und krümmte sich, wie ein Gepfählter, beim
Gedanken an die heute geschenkte Freiheit.
Und er, der einmal aus der Tiefe der menschlichen Lebensmöglichkeiten das
ganze Leben hervorgeholt hatte, der einmal dem ersten und dem letzten Tage
ins Auge geschaut hatte, -- er lachte und warf Spott- und Scherzworte in
die freie Menge.
Und über der freien Stadt und dem freien Lande stieg die freie
Morgendämmerung auf, und immer röter flammte ihr Schein, um blutig und
wehvoll einem Zeitalter den Abschied zu geben . . .