Die Leiden der heiligen Jungfrau

1.

Als sie den Purpur von seinen Schultern gerissen und ihn in seinem

ärmlichen Gewand auf die Gasse geführt hatten, als er unter dem Geschrei

und Pfeifen der erregten Menge nach der Schädelstätte getrieben ward, -- da

wußte alle Kreatur davon: es wußte es der Wald, wo der Dornstrauch stand;

es wußte es das Meer, wo der Schwamm wuchs; es wußten es die Tiere und der

Weingarten, die Berge und das Feuer, das die Nägel und den Speer

geschmiedet hatte. Nur die heilige Jungfrau wußte es nicht.

Das ganze jüdische Volk verlangte nach seinem Blut:

»Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«

Das reine Blut des Heilands tropfte in den Straßenstaub, während er in der

Dornenkrone unter der Last des schweren Kreuzes vorwärtsschritt; -- schon

stand die Sonne feuerrot über Jerusalem und verkündete einen heißen

blutigen Tag -- -- wie viel hatte sich ereignet! -- -- und die heilige

Jungfrau wußte nichts.

Die heilige Jungfrau schlief.

Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan, und erst gegen Morgen war sie

am Fenster sitzend eingeschlafen.

2.

In der Hölle ging es hoch her. Ihre Bewohner gebärdeten sich wie toll.

Wie ein Blitz hatte die Kunde eingeschlagen, daß das Licht und die Sonne,

die Krone und der Ruhm der Welt, der eingeborene Sohn Gottes, der

Menschensohn gefangen genommen sei und nach Golgatha geführt werde.

Und die rasende Hölle donnerte, wie eine dräuende unbarmherzige

Gewitterwolke; die Hölle brüllte, wie ein gereizter Löwe; die Hölle

brummte, wie ein tollgewordener Stier; die Hölle stöhnte, wie das weite

Meer bei Unwetter; die Hölle glühte, wie ein verwundetes Herz.

Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende!

Und die finstern Teufel heulten und schwangen sich vor Freude in wildem,

rasendem Tanz.

Der Teufel, der nur ein Hühnerbein hatte, der böse Knecht der Schlange,

hüpfte auf dem einen Hühnerbein bis zu den höchsten Türmen empor, die den

Eingang in den finsteren Wohnort der finstern, stolzen, unglücklichen

Dämonen, in das Reich der ewigen Qualen, schützten. Und die boshaften

Ratgeber der Schlange, die nur Knorpeln statt Knochen haben, kletterten in

tollem Spiel einer auf den andern und bliesen und pfauchten, daß der

giftige Dunst und Staub, der ihren Mäulern entquoll, durch die Mauern der

Hölle bis auf die Erde drang. Und inmitten des wüsten Gewirbels leuchtete

wie ein Smaragd das grüne Auge Satans.

Die wächserne Brücke der Prüfungen zwischen Paradies und Hölle und die

Brücke der Toten, die über den brausenden Pechstrom führt, brach zusammen.

Und die unersättliche höllische Flamme leckte an den Säulen des Himmels.

Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende.

3.

Entsetzen packte die Engel und Erzengel, die Seraphim und Cherubim. Alle

himmlischen Heerscharen gerieten in Bewegung.

Hilflos schlossen die Engel ihre unsterblichen Augen.

Wer wird zur heiligen Jungfrau gehn, wer soll ihr die traurige Kunde

bringen, wer soll ihr den unerschütterlichen Willen des allwaltenden Gottes

mitteilen, der von Ewigkeit den Tod seines Sohnes beschlossen hat?

Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen

keinen Trost geben.

Der Herr sprach:

»Du, Gabriel, warst der Bote der Freude. So sei denn heute der Bote des

Leids.«

Und Gabriel antwortete:

»Wie soll ich, der ich die große Freude von der Fleischwerdung des Wortes

verkündigte, nun seine Kreuzesmarter verkündigen?«

Und der Herr sprach:

»Du, Michael, du Führer der himmlischen Heerscharen, der du im Namen des

Allmächtigen mit deinem Speer deinen großem Bruder Lucifer trafst, du

Sieger, gehe hin und bring ihr die Kunde. Du wirst als Kriegsmann den

Schmerz leichter tragen.«

Und Michael antwortete:

»Mein Arm hat den Stolzen geschlagen; ich bin stark im Kampf gegen Gewalt

und Macht, aber nicht gegen Demut und Leid.«

Da sprach der Herr:

»Du, Rafael, der du deine Hand hilfreich aller Kreatur entgegenstreckst, du

Fürsprecher vor dem Antlitz des Allgegenwärtigen, -- gehe hin und hilf dem

ewigen Willen, daß die Marter des Wortes kund werde der, die das Wort

geboren hat.«

Und Rafael antwortete:

»Ich bin das Werkzeug der Liebe Gottes, ich bin der Trost der Leidenden, --

soll ich der größten aller Frauen Schmerz bereiten?«

In Angst und Schmerz bebten und rauschten die weißen Flügel. Tränen traten

in die sonnenklaren Augen.

Hätte doch lieber der Herr seinen Engeln, den sanften, zornigen oder

gnädigen, befohlen, die Seele der heiligen, ewigen Jungfrau aus der

Gefangenschaft des Leibes zu befreien!

Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen

keinen Trost geben.

4.

Ein kleines Vöglein war hoch zu den Wolken empor geflogen. Ein Hänfling

war's, der seinen Durst aus einem frischen Waldquell gestillt hatte. Er

vernahm, was die Engel redeten, und flog eilig wieder zur Erde hinab, zum

Hause, in dem die Mutter des Heilands wohnte.

Er setzte sich aufs Fenster und zwitscherte traurig, den sonnenbeschienenen

Hals hin und her drehend.

Da schlug die heilige Jungfrau die Augen auf.

Sie erhob sich und fiel gleich wieder auf die Bank zurück.

Ein Augenpaar, weiß vor Verzweiflung, ohne Lider, blickte sie aus dunkeln

Höhlen an: Judas Ischarioth, einer der zwölf Jünger Christi, der den

Meister verraten hatte, stand vor dem Fenster.

Traurig zwitscherte der Hänfling, das graue, einfältige Vöglein.

Und ein Schauer überlief die heilige Jungfrau, ihr Herz ahnte, was

geschehen sollte. Sie sprang auf und stürzte zur Tür.

»Maria,« trat ihr an der Schwelle ein anderer Jünger entgegen, der Liebling

des Meisters, Johannes, »Maria, wo ist dein Sohn, wo ist unser Herr und

Meister?«

Und die Straße entlang, am Hause vorbei, an den Fenstern vorbei, ging der

Zug, der den Heiland zur Schädelstätte geleitete.

Freiwillig ging er in den Kreuzestod . . .

Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat? Wer beschützt sie, wer

hütet sie in der finstern Nacht? Zu wem soll sie gehen?

Erschreckt durch das Lärmen, Pfeifen und Schreien, war das Vöglein davon

geflogen. Der bittre Schmerz preßte dem Johannes die Lippen zusammen. Wer

wird sie trösten?

Allein war die heilige Jungfrau geblieben, allein, wie das Gras, das

Rosseshufe zerstampft haben.

Halb von Sinnen warf sie sich auf den Boden. Und dann sprang sie wieder

auf. Sie stöhnte. Ihr Haar löste sich, vor den Augen flimmerte es, ein

Schwindel packte sie. Sie lief auf die Gasse hinaus.

Und als sie ihren Sohn sah, zerriß sie ihren Schleier.

Bittre Tränen brannten ihre Augen. Ihr Herz blutete, es suchte einen Ausweg

und fand keinen. Und sie schlug sich an die Brust, zerkratzte ihre Wangen,

raufte ihr Haar.

Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die

heilige Jungfrau hinter ihrem Sohn her.

»Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen I«

Das schwere Kreuz drückte seine Schultern. Seine Knie knickten unter den

Schlägen zusammen. Mit jedem Schritt beugte er sich tiefer und tiefer zur

Erde nieder.

Und die Last ward ihm zu schwer, und er fiel hin.

Der kräftige Simon von Kyrene, der hinter dem Heiland in der Menge ging,

trat vor, nahm das Kreuz auf seine Schulter und trug es.

Die Menge pfiff. Steine flogen. Ein Wind erhob sich, wirbelte Staub auf,

blies ihn den Leuten in die Augen, daß sie kaum sehen konnten.

»Freue dich, König der Juden!« spotteten sie des Gepeinigten und trieben

ihn mit Stößen vorwärts.

Und nicht Tränen -- Blut rann seine Wangen hinab. Kein heiles Fleckchen war

mehr an seinem Leibe.

Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verlor? Wer beschützt sie, wer hütet

sie in der finstern Nacht?

Legenden und Geschichten · 第 10 / 17 题