Man sagt zu ihr: »Geh nach Hause!«

Wer aber zeigt ihr jetzt ihr Haus? Wer stillt, wer bändigt ihren Schmerz,

wer gibt Antwort auf die Seufzer ihres Herzens?

Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die

heilige Jungfrau hinter ihrem Sohne her.

»Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen!«

5.

Als sie ihn ans Kreuz geschlagen hatten, strömte das Blut aus seinen

Wunden.

Und der Boden unter dem Kreuz wurde rot.

Trostlos stand die heilige Jungfrau unter dem Kreuz und neben ihr Johannes,

des Meisters Lieblingsjünger.

Schwer litt der Heiland. Sie sah es und konnte ihm nicht helfen.

Er bat zu trinken. Sein Herz verging in bittrer Pein.

Und sie konnte ihn nicht tränken, denn sie wagte nicht von dem Kreuze

fortzugehn. Sie fürchtete, er könnte in ihrer Abwesenheit sterben.

Und der Himmel verfinsterte sich.

Gewitterwolken türmten und ballten sich am Himmel. Eine tiefschwarze Wolke

hing über der Stadt. Und Funken sprühten über der Stadt, als brenne oben in

den Wolken ein mächtiger Feuerherd.

Das Gesicht des Heilands am Kreuz verzerrte sich. Es war ganz bleich.

Die Haare klebten an der Stirn.

Und seine Stimme ertönte vom Kreuze:

»Mein Gott, warum hast du mich verlassen!«

Und das Blut rann über sein Antlitz und verschloß ihm den Mund.

Und sein Haupt senkte sich auf die Brust.

Und am andern Ende der Stadt Jerusalem, im Garten der Magdalena, hing an

seinem Ledergürtel bis tief zur Erde herab Judas, der den Herrn verraten

hatte. Die verzweifelten weißen Augen ohne Lider blickten aus ihren dunkeln

Höhlen auf die schwere Erde und sein Mund war voll Erde.

Das Herz der unglücklichen Mutter ward entzweigerissen. Es schmolz, wie

rote Kohlen, es glühte und brannte.

Schon schwebte ein Rabe über dem Kreuz.

Wie schmelzendes Pech glänzten die Rabenfedern, wie helle Wachskerzen

brannten die starren Rabenaugen. Dumpf und traurig sprach die heilige

Jungfrau:

»War es denn eine Unglücksnacht, in der du geboren wardst, du mein Herr und

mein Sohn, Jesus?! Du Unsterblicher, der die Toten auferweckte! Und nun

sehe ich, daß der unerbittliche Tod auch dich rauben will! Du konntest ihm

nicht entgehn! O mein geliebter Sohn, o mein Jesus, um wen mußt du leiden,

für wen nimmst du den Tod auf dich? An das Holz sind deine Hände

geschlagen, deine Zunge ist stumm!«

Jesus hob sein heiliges Haupt und sprach zu seiner Mutter:

»Weine nicht um mich, Maria, meine Mutter, habe Geduld. Die Seele verläßt

den Leib, ich will meinen Geist dem Vater befehlen. Ich gebe dir den

Johannes an meiner Statt, sei du ihm Mutter, er wird dein Sohn sein.«

Bitter sprach die heilige Jungfrau:

»Kann ich den Schöpfer für das Geschöpf hingeben? Wo gehst du hin? Und wie

soll ich leben ohne dich? Wem lässest du mich? Nimm mich mit! Laß auch mich

sterben! Ich leide bittre Pein! Mein Herz bricht.«

Und einer weißen Birke gleich beugte sich die heilige Jungfrau auf die

Steine vor dem Kreuz hernieder und bat und flehte um den Tod.

Sie mochte die Menschen nicht sehn, mochte das Licht nicht schauen, sie

wollte sich nicht wieder erheben.

Entzweigerissen war das Herz der unglücklichen Mutter. Es schmolz wie rote

Kohlen, es glühte und brannte.

6.

Drei Stunden waren vergangen, seit man ihn grausam ans Kreuz geschlagen zu

ewigem, bösem Gedächtnis und Unheil des jüdischen Volkes.

Drei Stunden hing er, der die Erde geschaffen, über seiner von Ewigkeit

freien Erde.

Alle Schmerzensschreie, alle Seufzer, die je auf Erden laut geworden, oder

die bis zum jüngsten Tage noch lautwerden sollen, alles Leid, alle Qualen

der vom Schicksal Verfolgten drängten sich um das Kreuz und erfüllten sein

Herz, brannten es und marterten es mit den furchtbarsten Plagen.

Und er schrie zum Vater und es ward Nacht vor seinen Augen.

Und Finsternis senkte sich auf die Erde herab.

Das Licht erlosch. Die Sonne erstarrte, in Finsternis gehüllt. Die Sterne

blitzten auf, zitternd, wie Smaragde, und erloschen. Der Mond verbarg sich

in einer Wolke, auch er ward bleich. Und die Erde erbebte. Flüsse und Seen

traten aus ihren Ufern. Das Gras auf den Feldern ging in hohen Wellen. Aus

dem rauschenden Schilf flogen erschreckte Wildgänse und Schwäne empor. Die

Wälder brausten. Die Bäume bogen sich zur Erde. Blätter fielen von den

Zweigen. Das trockne Unterholz brach.

Wie ein verglimmendes Holzscheit im Feld lag die heilige Mutter Gottes

unter dem Kreuz.

Und das Grauen ging über die Erde.

Die Toten vom Friedhof gingen nach der Stadt. Die Toten mengten sich an den

Kreuzwegen unter die Lebenden.

Kalt wehte die Luft.

Es fror.

Und in der Finsternis flog etwas umher, brummte und zischte. Und immer

heftiger wehte der Wind. Es dröhnte und hämmerte, als ob irgendwo Eisen

geschmiedet würde. Es weinte und seufzte, als ob ein Mensch getötet würde.

Feurige Pfeile flogen den Himmel entlang und verschwanden wieder. Und es

war, als peitschte eine unsichtbare gewaltige Geißel die zitternde Luft.

Und von einem Ende zum andern erbebte der Tempel. Der Vorhang vor dem

Allerheiligsten riß mitten entzwei. Die Steine bröckelten ab. Und alle

Kreatur stöhnte auf.

Tiere, Vögel, Felder, Wälder, Sümpfe, Gräser, Blumen, Sträucher, Bäume,

Wasser und Steine, -- alle Kreatur stöhnte, und die heilige Mutter Gottes

weinte:

»Herr, vergib ihnen, sie wußten nicht, was sie taten!«

Legenden und Geschichten · 第 11 / 17 题