Die Geburt Christi

1.

In der Nacht, da Christus geboren werden sollte, befand sich die

Gottesmutter mit dem heiligen Joseph auf dem Wege nach der Stadt Bethlehem.

Und unterwegs geschah etwas Seltsames mit der heiligen Jungfrau: sie lachte

und weinte zu gleicher Zeit. Joseph hielt sein Rößlein an. Der Alte dachte:

»Ist der Maria nicht wohl, oder hat sie Angst vor den Wölfen bekommen?«

Denn Wölfe gibt es viel in der Gegend.

Die Gottesmutter aber sprach zu ihm:

»Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine lacht, und mit dem freue ich

mich, denn ihm steht ein großes Glück bevor. Der andre aber weint, und mit

dem traure ich, denn ihn erwartet ein großer Schmerz.«

Der Alte verstand die Worte der Gottesmutter nicht, aber er merkte sie sich

wohl. Sie verhießen der Erde zugleich eine große Freude und ein bitteres

Weh.

Die Gottesmutter war auf dem Wege nach Bethlehem. Sie mußten beide zur

Schätzung. Es sollten alle Bewohner des Landes geschätzt werden, und in

welcher Stadt einer angeschrieben war, in die mußte er sich begeben.

Es war Winterszeit. Und ein sehr schneereicher Winter. Bergehoch lag der

Schnee überall. Mit großer Anstrengung kam das Pferdchen vorwärts. Joseph

hätte sich die beschwerliche weite Reise gern geschenkt, doch er wagte es

nicht, ungehorsam zu sein. Es war ein strenger Befehl vom König

ausgegangen, daß ein jeder sich nach seiner Stadt zu begeben habe.

Joseph war ein ganz alter Mann. In jungen Jahren war er ein Zimmermann

gewesen, aber jetzt gehorchte ihm das Beil längst nicht mehr. Der Alte

hatte geglaubt, sie würden vor Abend in der Stadt sein, doch sie waren vom

Wege abgekommen. Und so überraschte die Nacht sie im freien Felde.

Es war eine helle, sternklare Nacht und bitter kalt.

Die Gottesmutter stieg nicht vom Schlitten herab, -- es fror sie zu sehr.

Der Alte ging neben dem Pferde und trieb es ab und zu an.

So kamen sie langsam vorwärts.

Und die Gottesmutter fühlte, daß ihre Stunde gekommen war.

Was war zu tun? Wie sollte sie hier nachts auf freiem Felde bleiben?

Da, Gott sei Dank, zeigte sich abseits vom Wege, am Waldrand, eine

Erdhütte.

Der Alte band das Pferd an. Sie traten in die Hütte ein. In der Hütte aber

standen ein Pferd und ein Öchslein. Sonst war keine lebende Seele zu sehn.

Ganz in der Ferne hüteten Hirten ihre Schafe.

Aber die Zeit drängt und Hilfe tut not.

Die heilige Jungfrau bittet den Joseph, eine Wehmutter zu holen. Wo aber

wäre hier draußen im Felde eine Wehmutter zu finden?

Der Alte ging traurig die Landstraße weiter und wußte doch gar nicht, wo er

eine Wehmutter suchen sollte.

Und als Christus geboren ward, da ward es hell in der Erdhütte.

So hell, als wenn die Sonne aufgegangen wäre.

Die Gottesmutter nahm den Sohn auf ihren Arm, hob ihn empor und legte ihn

auf das Stroh in der Krippe, wie in eine Wiege.

Das Pferd und das Öchslein sahen das Kind und kamen näher heran. Sie

erkannten den Heiland und bliesen ihn an, um ihn mit ihres Atems Hauch zu

wärmen. Und der Knabe streckte spielend die Ärmchen nach ihnen aus und

streichelte sie.

Die Tiere aber fuhren fort, ihn mit ihrem Atem zu wärmen.

Und er segnete sie, -- segnete das mühevolle Dasein des Rosses und des

Ochsen.

Joseph geht über das Feld, er wankt und stolpert, seine Augen sehen nichts

mehr, seine Füße versagen ihm den Dienst, -- er ist eben schon sehr alt. Er

fängt an zu rufen. Aber wer wird ihm nachts im Feld Antwort geben?

Nur die Sterne flimmern, -- und so hell, als sängen sie über der Erde.

Und da sieht Joseph eine alte Frau ihm entgegenlaufen. In atemloser Hast

klettert sie über die gewaltigen Schneehaufen. Joseph ruft sie an. Da

bleibt sie stehn und verschnauft.

Sie war aus der Stadt Bethlehem und hieß Solomonida. Sie hatte ihren

kleinen Enkel, den Peter, den unartigen Bub, eben zu Bett gelegt und wollte

sich nun selbst zur Ruhe begeben -- man wird müde, wenn man den ganzen Tag

gearbeitet hat -- da war's ihr, als riefe sie jemand.

»Geh ins Feld hinaus, Solomonida, man braucht deinen Beistand,« hörte sie

eine Stimme. »Und da kam so eine Angst über mich, daß ich aufsprang und

hinauslief, so schnell ich konnte.«

Da freute sich Joseph und führte die Alte nach der Erdhütte.

Die beiden Alten liefen in größter Hast. In der Hütte aber war es hell, als

wäre drinnen die Sonne aufgegangen.

Und die Alten sahen das Kind und erkannten den Heiland und wagten nicht

näher heranzutreten. Das Kind aber winkte ihnen aus der Krippe mit der Hand

und segnete sie.

Es segnete die alte Wehmutter Solomonida und den alten Zimmermann Joseph,

der die heilige Jungfrau bei sich aufgenommen hatte, segnete ihr schweres,

arbeitsvolles Leben.

Draußen hüteten Hirten ihre Schafe vor den Wölfen. Denn Wölfe gibt es viel

in der Gegend. Den Hirten ward es bange in der Nacht, und um ihre Angst zu

vertreiben, erzählten sie sich schauerliche Geschichten.

Da standen die Schafe auf und gingen zum Eisloch trinken. Aber sie tranken

nicht, sondern blieben dicht gedrängt rund um das Loch stehen und hoben die

Köpfe in die Höhe. Und so standen sie unbeweglich da.

Dergleichen war den Hirten noch nie vorgekommen. Was bedeutete das? Waren

sie starr vor Schreck, weil Wölfe in der Nähe lungerten?

Die Hirten traten näher heran. Und wie sie zum Himmel emporschauten, da

zeigte sich ihnen ein Engel und sprach:

»Was steht ihr da, ihr Hirten? Christus, der Heiland, ist geboren! Geht

schnell nach der Erdhütte. In der Hütte, in der Krippe liegt der Heiland.«

Und es zeigten sich unzählige Engel. So viele Engel, wie Sterne am Himmel

sind.

»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein

Wohlgefallen!« sangen die Engel um jenen geschart, der den Hirten die

Geburt des Heilands verkündigt hatte.

Und der ganze Himmel war in kreisender, wirbelnder Bewegung.

Die Schafe aber standen am Eisloch, die Köpfe emporgereckt und starrten in

die Höhe.

Da nahmen die Hirten jeder ein Lämmlein und liefen nach der Erdhütte. Und

die Hunde liefen ihnen nach.

In der Hütte aber war es hell, als wäre drin die Sonne aufgegangen.

Da sahen die Hirten das Kind, Christus, den Heiland, wie der Engel es ihnen

verkündet hatte. Und sie legten ihre Lämmer vor ihm nieder und neigten sich

bis zur Erde. Das Kind sah sie an und berührte auch die Lämmer. Es segnete

die Hirten, segnete ihr schweres, arbeitsreiches Leben.

Und die Hirten gingen zurück zu ihrer Herde. Und ihre Hunde liefen hinter

ihnen her.

Und die Hirten sangen, wie sie es von den Engeln gehört hatten: »Ehre sei

Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«

Da kamen ihnen Wölfe entgegen. Aber die Wölfe hatten die Schafe nicht

angerührt, -- ein Engel hütete ihre Schafe! Die Wölfe gingen nach der

Erdhütte und wichen den Hirten aus!

Auch die wilden Tiere hatten erkannt, daß der Heiland der Welt geboren war.

Weit drüben aber, hinter Feuer und Rauch, hinter Wäldern und breiten

Strömen, hinter dem faulen Sumpf am Eismeer, am Ozean, wo der Wind die

blauen Eiszacken bis zum Himmel emportreibt, in dem kalten, düstern Land

der Zauberer dröhnte und klirrte mitten in der Nacht das Tamburin. Und drei

weise lappländische Zauberer und Könige sahen am Himmel den Stern Christi.

Sie erkannten ihn wohl, denn ihr Lebenlang hatten die Weisen seiner geharrt

und den Tag seines Erscheinens auszurechnen versucht. Und sie nahmen ihre

Geschenke und gingen ohne Knechte und ohne Renntiere dem Sterne mit dem

Schweif nach.

Und der Stern Christi führte die Zauberer in die Stadt Jerusalem.

2.

Viel Volks war zur Schätzung nach Bethlehem gekommen, doch viel mehr noch

nach Jerusalem. Das Stadttor blieb die ganze Nacht offen. Und in den

Straßen war ein Lärm, wie zur Messe.

Am frühen Morgen nach der Geburt des Heilandes zeigten sich zwei Wanderer

auf der Straße von Bethlehem nach Jerusalem. Es waren keine gewöhnlichen

Wanderer: es waren ein Rößlein und ein Öchslein.

Sie gingen ohne Treiber, geradewegs nach Jerusalem. Und als sie in die

Stadt gekommen waren, liefen sie unbeirrt durch Lärm und Gedränge die

Gassen entlang. Sie atmeten, wie sie in der Nacht geatmet hatten, als sie

mit ihrem Hauch das Christkind in der kalten Erdhütte wärmten.

Ein Lümmel warf einen Stein nach ihnen, doch der Stein glitt an ihnen ab

wie eine Feder: sie spürten seine Berührung nicht und zuckten nicht einmal

zusammen.

Das Rößlein und das Öchslein gingen schnaufend die Gassen entlang. Ihre

Augen waren wie Menschenaugen, hell und klar. Und wenn sie hätten reden

können, so hätten sie gesagt -- sie brachten ja die Kunde von der Geburt

des Heilandes -- so hätten sie gesagt, daß in dieser Nacht der Herr

Christus geboren sei, der Erlöser, daß sie ihn gesehen hätten und daß er

sie gesegnet hätte.

Kinder, Pilger und Narren neigten sich vor dem Roß und dem Ochsen, wo sie

ihnen begegneten.

Nachdem sie die ganze Stadt durchschritten hatten, verschwanden die beiden

jenseits der Stadtgrenze.

Und sie gingen weiter die Landstraße entlang, wie sie auch heute noch gehen

und immer weiter gehen werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in

der letzten Stunde werden sie reden . . . sie werden reden, die Stummen,

das gesegnete Rößlein und der Ochse.

Am Abend desselben Tages erschienen in Jerusalem die Hirten von Bethlehem,

vier Hirten.

Sie gingen durch die von Menschen erfüllten Gassen, aber es war, als sähen

und hörten sie nichts von dem, was rundum geschah. Sie machten auf den

Plätzen halt und stimmten einen seltsamen, unverständlichen Gesang an.

Sie sangen das Lied der Engel:

»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein

Wohlgefallen!«

Und Kinder und Pilger und Narren drängten sich, wie Schafe, an sie heran

und starrten zum Himmel empor und fielen plötzlich mit wildem Geschrei und

Gelächter mit ein:

»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein

Wohlgefallen!«

Und der ganze lärmende Marktplatz geriet gleich dem stillen Sternenhimmel

in wirbelnde Bewegung.

Nachts verschwanden die Hirten jenseits der Stadtgrenze.

Sie gingen weiter, dem Rößlein und dem Öchslein nach, wie sie auch heute

noch gehen und das Lied der Engel singen, und wie sie gehen und singen

werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde

wird man ihnen lauschen, den gesegneten Hirten von Bethlehem.

Rößlein und Öchslein waren verschwunden, die Hirten wurden nicht mehr

gesehn, und die Nacht war vorüber.

Mit dem Morgengrauen des folgenden Tages aber zeigte sich in Jerusalem eine

alte Frau. Sie ging durch die Gassen, und keiner konnte verstehen, wovon

sie sprach und was ihre Gebärden bedeuteten. Sie tat, als wiege sie ein

Kind und als spräche sie ihm freundlich zu und scherze mit ihm -- und dann

fiel sie plötzlich auf die Knie und fing an zu weinen, doch nicht vor

Schmerz, sondern vor Freude.

Das war die alte Solomonida, die erzählte von der Geburt des Heilandes und

zeigte, wie sie das Kind auf ihre zitternden, abgearbeiteten Arme genommen,

wie sie es geherzt und geschaukelt hatte, -- sie, die schon so vielen

Kindern zur Welt geholfen hatte.

Kinder, Pilger und Narren liefen der Alten nach, und wenn sie weinend auf

die Knie fiel, wiederholten sie weinend ihre unverständlichen Worte.

Und die dunkle Straße geriet gleich den Sternen am stillen Himmel in

wirbelnde, kreisende Bewegung.

Als sie alle Gassen durchschritten hatte, verschwand Solomonida jenseits

der Stadtgrenze.

Und sie ging weiter die Landstraße entlang, wie sie heut noch geht und von

dem Christkind erzählt und vor Freude weint, und wie sie gehen wird und

weinen, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde

wird man sie verstehen, die gesegnete Greisin Solomonida.

Und eine bange Spannung legte sich über die königliche Stadt, das große

Jerusalem.

Drüben aber vom Eismeere her, vom Ozean, wo der Wind die blauen Eiszacken

bis zum Himmel emportreibt, durch Sümpfe und Ströme, durch Wälder, durch

Feuer und Rauch schritten die drei lappländischen Zauberer und Könige dem

Sterne Christi nach.

Ihre königlichen Gewänder waren beschmutzt und zerschlissen, die Fetzen

hingen ihnen, wie Bettlern, von den Schultern herab, und nur die

Königskronen strahlten wie Sterne.

Am dritten Tage brachte der Stern die Könige nach Jerusalem. Der Stern

erhob sich über die Königsstadt und verschwand.

Und als die drei Zauberer in den Gassen Jerusalems erschienen und zu fragen

begannen, wo Christus, der König geboren sei, dessen Stern sie gesehen

hätten, da geriet die Königsstadt in große Aufregung.

»Wo ist Christus, der Heiland der Welt, geboren?« fragten die Zauberer die

Leute auf der Gasse. »Wo ist der König geboren?«

»Wir haben keinen König außer Herodes,« antwortete man ihnen, »und wir

kennen keinen andern König außer Herodes und seinem Sohn Archelaos.«

Aber nicht nach Archelaos, dem Sohne des Herodes, nicht nach dem König

Herodes fragten die weisen Könige, sondern nach Christus, dem Könige, der

alle Könige besiegen und alle Reiche der Erde erobern würde, nach Christus,

dem Könige, dem Weltheiland, fragten die weisen Könige und Zauberer.

Dicht hinter ihnen, wie sie selbst dem Sterne nachgegangen waren, gingen

Kinder, Pilger und Narren. Und wenn die Könige nach Christus, dem

Weltheiland, fragten, dann erstarrten jene in banger Erwartung.

Aber es ward ihnen keine Antwort.

Von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus, von Mund zu Mund ging die Kunde von

den lappländischen Königen und Zauberern und von dem Stern, der sie geführt

hatte, und von der Geburt des Königs Christus, -- des Königs, der alle

Könige überwinden würde. Und am Abend drang die Nachricht auch über die

hohen, unübersteigbaren Mauern des Königspalastes.

Und das Gemüt des Königs Herodes ward verwirrt.

Herodes ließ die fremden Könige zu sich rufen.

Man brachte die fremden Könige vor Herodes.

Herodes kam ihnen entgegen.

Als sie den Herodes erblickten, fragten die Zauberer den König, wie sie an

dem Tage alle Leute gefragt hatten, nach dem neugeborenen König.

»Wo ist der König geboren?«

»Ich bin der König!« antwortete Herodes den Zauberern. Er war klein und

mager, mit einem kleinen Kopf auf einem kurzen, unverhältnismäßig dicken

Halse, er kniff die Augen ängstlich zusammen und sprach mit unerwartet

lauter und tiefer Stimme.

Und dieses Unerwartete betrog und verblüffte die Leute.

Aber die lappländischen Könige ließen sich nicht verblüffen. Die

lappländischen Könige waren Herr über die Winde, konnten den Sturm

entfesseln, konnten die Inseln im Meere von ihrem Platz rücken, konnten

alles Lebende in Stein verwandeln, drangen in alles Verborgene, wußten

durch ihre geheimen Künste, was auf Erden und im Meere geschah, selbst in

fernen Ländern bei fremden Völkern.

Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.

Die Weisen hatten ihr ganzes Leben auf den Stern Christi gewartet, und nun

hatte der Stern Christi sich ihnen gezeigt.

Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.

Ohne sich an die Wege und Straßen zu halten, waren sie dem Stern mit dem

Schweif gefolgt: Tag und Nacht sahen sie nichts als den Stern und fühlten

keine Ermattung und keinen Hunger. In drei Tagen legten sie eine Strecke

zurück, zu der man sonst ein Jahr braucht.

»Wo ist Christus, der König, geboren?« fragten die Zauberer den Herodes

abermals.

Herodes hielt eine Schale in der Hand. Er erhob die Schale nach königlichem

Brauch zu Ehren der ruhmreichen lappländischen Könige.

Und über dem königlichen Palast stieg der Stern auf und blieb im Fenster

gegenüber den Zauberern stehen und ließ ihre Kronen wie tausend Sterne

flimmern und blitzen.

Und die Sterne sahen aus den Augen der Zauberer.

»Wo ist Christus, der König, geboren?« fragten die Zauberer zum drittenmal.

»Er wird alle Könige besiegen und alle Länder, alle Reiche erobern.«

Und die Schale entfiel den Händen des Herodes.

»Geht, ihr Könige,« sagte Herodes und zitterte am ganzen Leibe, »geht und

erkundigt euch nach dem Christkind und kommt nach Jerusalem zurück. Ich

will als erster hingehen und ihm huldigen.«

Die Zauberer versprachen nach Jerusalem zurückzukommen und dem Könige vom

Christkind zu berichten, und verließen den Palast.

Und die Zauberer sahen den Stern Christi und freuten sich seiner.

Und der Stern führte sie aus der Königsstadt Jerusalem nach der Stadt

Christi Bethlehem.

3.

Der Stern Christi ging den Zauberern voraus, und eilig folgten sie ihm

nach.

Die Menge, die ihnen nachgelaufen war, blieb bald weit zurück. Auch die

Kundschafter des Königs konnten nicht mit ihnen Schritt halten.

Wenn der Stern sich im Kreise bewegte, folgten die Zauberer ihm. Wenn er

von der Landstraße in den Wald einbog, folgten sie ihm.

Und so gingen die drei Könige bald die Straße entlang, bald über das Feld,

bald durch den Wald.

Es wurde Nacht, und der Frost ward stärker.

Sternklare Nächte sind immer kalt.

Der Schnee knirschte unter den Füßen der Wanderer. Nun hatte der Stern den

Fluß überschritten und blieb am Waldrande stehn und senkte sich langsam

über der Erdhütte nieder.

Und es war hell in der Erdhütte, als wäre die Sonne drin aufgegangen.

Und die Zauberer sahen das Kind und reichten ihm ihre Gaben: Gold und einen

knöchernen Stab und eine Kutja.[*] Und sie neigten sich vor dem Kinde.

Das Christkind schaute die Gaben lange an -- das Gold, den Stab und die

Kutja. Dann segnete es die Zauberer, -- segnete das schwere, arbeitsreiche

Leben der Könige, die dem Sterne Christi entgegengesehen hatten.

Und die enge Erdhütte war voller Sterne.

Und die Engel sangen:

»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein

Wohlgefallen.«

Und der Glanz der Sterne blendete die Zauberer.

Da trat aus dem Reigen der Engel ein strenger Engel und löste die Zauberer

von dem Schwur, den sie dem Herodes geleistet hatten, und befahl ihnen,

nicht mehr nach Jerusalem zurückzugehen.

[Fußnote *: Speise aus Reis und Honig, die in Rußland am Weihnachtsabend

gegessen wird.]

»Geht nicht zum Herodes, ihr Zauberer,« sprach der strenge Engel, »geht

einen andern Weg: der König hat Böses im Sinn, der König will das Kind

töten.«

Und der strenge Engel verschwand im Reigen der Engel.

Und die Zauberer erwachten wie aus einem Traume.

Die heilige Jungfrau hielt ihr Kindlein auf dem Arme und machte sich zur

Reise bereit. Joseph war am Schlitten beschäftigt und sprach mit dem

Pferde. Als er die Muttergottes mit dem Kinde in den Schlitten gesetzt

hatte, winkte der Alte mit seinem Fausthandschuh.

Und das Pferdchen lief die Straße ins Zigeunerland hinab, die der Engel dem

Joseph gewiesen hatte, die Straße nach Ägypten.

Der Stern schwebte ganz niedrig vor ihnen her und beleuchtete dem

Christkinde den weiten Weg nach Ägyptenland.

Die Engel sangen:

»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein

Wohlgefallen!«

Und der ganze Himmel war in wirbelnder Bewegung.

Die Zauberer aber zogen mit Sturmeseile durch Feuer und Rauch, durch Wälder

und Sümpfe und Ströme, an der Königsstadt vorbei, vorbei an dem König

Herodes, zu dem Eismeer, dem Ozean, in ihr Lappland, in das kalte, finstre

Land der Zauberer.

Und dort, in ihrem öden Zauberland, malten sie den Stern Christi auf ihr

geheimnisvolles, zauberhaftes Tamburin, und dann stiegen sie mit den blauen

Eiszacken empor und schwammen über das Eismeer, über den Ozean, leise und

still von der Erde zum ewigen Leben, zur ewigen Ruhe hinüber. -- -- --

Wilde Aufregung herrschte in Jerusalem, in der großen Königsstadt. Nachdem

er die Zauberer entlassen hatte, stellte Herodes sich ans Fenster und

schaute auf die Straße hinaus, blickte dem Leuchten der goldenen Kronen der

lappländischen Könige nach. Wie Sterne strahlten sie in der Abenddämmerung

auf der Straße nach Bethlehem.

Und der König zitterte am ganzen Leibe.

»Die Zauberer werden das Christkind finden, sie werden nach Jerusalem

zurückkehren, werden von dem Kinde erzählen, und ich, der König, werde als

erster hingehn, dem Kinde zu huldigen!« Und ohne den Hals zu wenden, am

ganzen Leibe zitternd, fing Herodes plötzlich an, mit unerwartet tiefer

Stimme laut zu lachen . . . »Ich werde als erster dem Kinde huldigen!

. . . Noch ehe der Tag graut, wird er nicht mehr am Leben sein, der König

Christus, der alle Könige überwinden soll, alle Länder, alle Reiche

erobern!«

»Ich bin der König!« wiederholte Herodes zitternd und lachend.

Den ganzen Abend blickte der König den Zauberern nach, in die Fensternische

gedrückt, und zitterte und lachte.

Die Nacht brach an.

Die Zauberer kamen nicht zurück.

Die Kundschafter des Königs meldeten, daß die Zauberer aus Bethlehem

verschwunden wären.

Nein, sie waren nicht verschwunden. Sie hatten den König betrogen. Die

Zauberer trieben ihren Spott mit König Herodes.

Der König hatte niemand und nichts mehr zu erwarten.

»Christus lebt! Er wird alle Könige überwinden, wird den König Herodes

besiegen, wird alle Reiche erobern, wird dem König Herodes sein Reich

nehmen!«

Der König geriet in Wut. Er stampfte mit den Füßen und schrie und weinte

wie ein Kind, vor Zorn, Hilflosigkeit und Angst.

Und der König Herodes befahl seinem Heer, nach Bethlehem zu gehen und dort

alle Kinder zu töten, alle Knaben unter zwei Jahren.

Trommelwirbel, Trompetengeschmetter mitten in der Nacht in der Königsstadt

Jerusalem.

Auf den Plätzen drängt sich das Volk. Entsetzt rennen die Leute hin und

her, wie bei einem Brande.

Mit klingendem Spiel zogen die Soldaten aus nach Bethlehem, den Blutbefehl

des Königs zu erfüllen.

Die Nacht war sternklar und grimmig kalt.

Der Schnee knirschte unter den Schritten der Marschierenden.

Um Mitternacht hatten die Soldaten Bethlehem erreicht und zogen mit

klingendem Spiel in die Stadt ein.

Und das blutige Werk nahm seinen Anfang.

Die Kinder ahnten nichts. Sie wußten nichts von Königen, -- weder von

Herodes, noch von seinem Sohn Archelaos. Sie kannten keinerlei Eide,

keinerlei Gebote. Sie konnten kaum sprechen. Sie redeten ihre eigene

Sprache und sahen die Welt auf ihre Weise, mit ihren Augen. Sie lächelten,

wie nur Kinder lächeln. Sie weinten, lachten, spielten.

Und es war auf Erden keine Nacht so grauenvoll, und ist keine grauenvoller

und wird nie eine grauenvoller sein, als jene Nacht in Bethlehem nach der

Geburt des Heilandes.

Die Soldaten stürmten in die Häuser und rissen die Kinder von der Brust der

Mutter und erwürgten sie, andere warfen sie aus ihren Wiegen und

zerstampften die Schlaftrunkenen mit ihren Stiefeln.

Die Kinder erwachten von dem Lärm: sie begriffen nichts und boten selber

ihre Hälse den Säbeln der Soldaten.

Und sie wurden gleich ohne weiteres abgeschlachtet.

Man schleppte die Kinder wie junge Katzen auf die Straße hinaus und ließ

sie von Pferden zertreten, man hängte sie auf, man erstach sie mit Lanzen,

man riß sie in Stücke, man ersäufte sie im Eisloch, man begoß sie mit

siedendem Wasser, wie Ratten, man warf sie ins Feuer.

Die mächtigen Schneehaufen schmolzen von dem heißen Kinderblut und

bedeckten die Erde mit einer Eiskruste.

Die Sterne flammten noch einmal blutigrot auf und erloschen.

Und die Soldaten kümmerten sich nicht mehr darum, wie alt die Kinder waren

und ob es Knaben oder Mädchen waren.

Anläßlich der Schätzung hatte jemand unter den Kindern im Armenviertel von

Bethlehem das Gerücht ausgesprengt, man werde nachts kommen und die Kinder

aufschreiben, die zur Sonnenwendfeier geladen und beschenkt werden sollten.

Die größeren Kinder schliefen in dieser Nacht nicht: sie warteten. Und als

die Soldaten kamen, da stürzten die Kinder ihnen entgegen, denn sie

dachten, nun käme man, sie anzuschreiben zur Bescherung.

Peter, der Enkel der alten Solomonida, hatte die ganze Nacht gewartet und

war endlich auf dem verlassenen Bett der Großmutter eingeschlafen. Und im

Schlaf hörte er draußen Lärm, wachte auf, dachte: »Jetzt kommen sie!« --

und lief auf die Straße hinaus.

Peter rief den Soldaten zu:

»Vergeßt mich nicht!« Tränen erstickten seine Stimme: er war noch nie bei

einer Bescherung gewesen.

Ein Soldat packte ihn:

»Nein, nein, wir vergessen dich nicht!« Und er schnitt ihm mit dem Messer

den Hals durch, wie einem jungen Huhn.

Trommelwirbel, Trompetenschmettern, Musik konnten das Wehgeschrei der

Mütter und das Ächzen und Weinen der Kinder nicht übertönen.

Ein steinernes Herz muß beim Weinen eines Kindes erbeben!

Bis zum Morgengrauen währte das Gemetzel in Bethlehem und den Vorstädten.

Vierzehntausend Kinder wurden in Bethlehem geschlachtet.

Nachdem sie des Königs Befehl erfüllt hatten, müde von der blutigen Nacht,

verließen die Soldaten die Stadt und gingen nach Jerusalem zurück. Das Blut

troff von ihren Händen und ihren Waffen auf die Straße, die das Pferd und

der Ochse, die Hirten und die alte Solomonida gegangen waren.

Die Musik dröhnte und trieb die blutbefleckten Füße zu schnellerm Schritt

an.

Und das Geschrei und Geheul und die Flüche der wahnsinnigen Mütter eilten

den Abziehenden nach.

Und weit über das Weichbild Bethlehems hinaus hörte man Weinen und Flüche

auf allen Straßen.

Ein steinernes Herz muß erbeben beim Wehklagen einer verzweifelten Mutter!

Das Pferdchen schnaubte. Joseph stieg vom Schlitten herunter und horchte.

Die Erde selbst schien dem Alten zu schreien.

Und Joseph gedachte der Worte der Gottesmutter und verstand sie, die der

Erde eine große Freude und einen bittern Schmerz verheißen hatten.

»Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine Mann lacht, und ich freue

mich mit ihm, -- ihm wird ein großes Glück zuteil werden. Der andre aber

weint, und ich traure mit ihm, denn ihm wird großes Leid widerfahren.«

König Herodes aber, der die ganze lange Nacht schlaflos in Unruhe verbracht

hatte, ging, als der weiße Tag gekommen war, in seinem öden Palast umher

und kniff die ängstlichen Augen zusammen und lachte plötzlich laut auf, vor

Freude, daß er das Christkind aus der Welt geschafft hatte . . .

Legenden und Geschichten · 第 9 / 17 题