1.
»Geht und glaubt nicht, daß ihr je zurückkommen könntet! Und flucht eurem
Gotte nicht. Euer Zorn würde machtlos sein und auf euch zurückfallen.«
Und das feurige Schwert in der Hand des Cherubs flammte auf.
Die Pforte des Paradieses fiel zu.
Verzweifelt warfen sich Adam und Eva nieder und weinten. Sieben Tage
weinten sie, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne sich vom Boden zu erheben.
Und sie vernahmen die Stimme Gottes:
»Ich breite meine Gnade über euch aus. Die Stunde der Verheißung wird
kommen, und ich werde euch das Paradies wiedergeben.«
Sie hoben die Augen auf, aber sie sahen Gott nicht wie früher.
An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, mit dem flammenden
Schwert.
Und sie baten den Cherub, ihnen zu sagen, wann Gott kommen und ihnen das
Paradies wiedergeben werde.
»Fünftausend fünfhundert und acht Jahre werden vergehn,« sprach der Cherub,
»und Gott wird euch befreien. Jetzt aber geht, sage ich euch, und wagt
nicht zurückzukommen. Und flucht eurem Gotte nicht. Denn euer Zorn würde
machtlos sein und auf euch zurückfallen.«
Und sie gingen demütig, um nie mehr zurückzukommen.
Und die Schlange kroch ihnen nach.
Sie aber erkannten die Schlange nicht.
Denn die Schlange war schöner gewesen als alle Tiere, und jetzt kroch sie
auf dem Bauche; sie hatte reden können, und nun war sie stumm. Sie konnte
Adam und Eva nur vorwurfsvoll ansehen.
Trübe Tage wechselten mit bangen Nächten. Das Leben war schwer.
Die unfruchtbare, von Gott verfluchte Erde war eine Wüste. In der Behausung
der ersten Menschen war es eng und finster. Wilde Tiere bedrohten sie.
Sehnsucht, Angst, Müdigkeit . . .
»O weh, du mein schönes Paradies!« weinte Adam und weinte Eva.
Sie konnten das Leben im Paradies nicht vergessen, immer wieder dachten sie
daran, und dann gingen sie bis zur Mauer des Paradiesgartens, knieten
nieder und weinten.
Und die Schlange war mit ihnen.
Sie war schöner gewesen als alle Tiere, und alle Kreatur hatte sich an
ihrem Anblick gefreut, -- und nun kroch sie auf dem Bauche und spie Gift
aus, und alles floh vor ihr.
»O weh, du mein schönes Paradies!« weinte Adam und weinte Eva.
Aber keiner hörte sie, keiner gab ihnen Antwort.
An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, mit flammendem
Schwert.
Und verzweifelnd gingen sie zurück zu ihrem verhaßten Felsen in die
finstere Höhle.
Und die Schlange kroch ihnen nach.
Als das erste Jahr zu Ende ging, gebar Eva dem Adam einen Sohn, den Kain.
Er war der Erste, der auf der Erde geboren war, schön wie die Schlange und
schrecklich. Auf seinem Haupte wanden sich sieben giftige Schlangenköpfe.
Eva war bitter geplagt. Müde und schwach, mußte sie alle nähren -- den Sohn
und die Schlangenköpfe, die wie ein Kranz seine Stirn umgaben.
Und Adam konnte seinem Weibe nicht helfen, konnte ihre Schmerzen nicht
lindern.
Die Schlange aber, die mit ihnen in der Höhle wohnte, war stumm und sah sie
nur vorwurfsvoll an.
Und die Erde war voll Weh und Leid.
Trostlose Tage wechselten mit trostlosen Nächten.
Da kam Satan und sprach zu Adam:
»Was gibst du mir, wenn ich Eva helfe?«
»Alles, was du willst,« erwiderte Adam, der zu allem bereit war, wenn nur
Evas Schmerzen gelindert würden und er nicht mehr den Sohn mit dem
greulichen lebendigen Schlangenkranze ums Haupt zu sehen brauchte.
»Schwöre mir,« sprach Satan, »daß du und deine ganze Nachkommenschaft mir
gehören sollen!«
Und er ergriff einen _weißen_ Stein und reichte ihn dem Adam.
Und Adam schwur.
Und Adam schrieb den Schwur mit seinem Blut hin, daß er dem Satan angehören
wolle, er und alle seine Nachkommen bis auf den letzten.
Und alsbald fielen die sieben Schlangenköpfe von Kains Haupte ab.
Da freute sich Eva und Adam freute sich mit ihr.
Und es war dies die erste Freude auf der Erde.
Satan aber nahm den _roten_ Stein mit dem Versprechen und die sieben
Schlangenköpfe und ging von der Höhle nach dem Fluß Jordan. Und dort, am
Jordan, unter einem Felsen, wählte er einen versteckten Platz und legte den
Stein dahin und befahl den sieben Schlangenhäuptern, ihn zu hüten.
Und als Adam starb, kam seine Seele zu Satan. Dann starb Eva, und auch ihre
Seele kam zu Satan. Und alle, die nach Adam und Eva starben, folgten ihnen
in das Reich Satans, in die Hölle, wie Adam es geschworen hatte.
2.
Die Tage und Jahre gingen, wie Gott es bestimmt hatte.
Die Menschen wurden geboren und breiteten sich über die Erde aus; sie
hofften und verzweifelten, bangten und freuten sich ihres Lebens,
verlangten nach Macht, nach Reichtum, nach Ruhm, liebten und haßten, halfen
einander und töteten einander.
Und der rote Stein lag immer noch am Jordan unter dem Felsen, und die
Schlangen hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr,
jedem Tag, jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein.
Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe.
Die Tage und Stunden gingen hin, wie Gott sie festgesetzt hatte. Sie
blieben sich immer gleich, heute war wie gestern, und jede Stunde war ein
stiller, geheimer Gottesdienst.
Die erste Nachtstunde brach an -- die Stunde, da die Dämonen sich vor Gott
beugen. Und die Dämonen schadeten dem Menschen nicht, das Böse ruhte, wurde
nicht größer, nicht geringer.
Die zweite Stunde kam -- die Stunde der Fische. Und es erhob sich der Ozean
mit seinem ganzen Reich, und die tiefsten Tiefen des Meeres beugten sich
vor dem Herrn. Es kam die dritte Stunde -- die Stunde der höllischen
Abgründe.
Es kam die vierte Stunde -- die Stunde, da die Seraphim den Herrn preisen,
und das Rauschen ihrer Flügel füllte die himmlischen Tempel mit süßer
Musik.
Es kam die fünfte Stunde -- die Stunde der Wasser über dem Himmel.
Es kam die Mitternacht -- die sechste Stunde der Nacht --, und es zogen
sich die Wolken zusammen und erfüllten die Welt mit einem großen, heiligen
Schauer.
Es kam die siebente Stunde -- die Stunde der Ruhe für alles Lebende.
Es kam die achte Stunde -- und die Erde freute sich des Taus, der auf
Saaten und Gräser niederging.
Es kam die neunte Stunde -- die Stunde des Dienens für die Engel, die vor
dem Throne der ewigen Allmacht stehen.
Es kam die zehnte Stunde -- die Stunde des Gebets, und die Himmelstore
gingen auf, und die Gebete traten vor Gott, und Gott war gnädig zu den
Menschen, und die Seraphim schlugen mit den Flügeln, und Musik tönte durch
den Himmelsraum, und unten auf der Erde krähte der Hahn.
Es kam die elfte Stunde -- und die Sonne ging auf und brachte der Welt
Freude und Licht und Wärme.
Und es kam die zwölfte, die letzte Stunde -- die Stunde der Hoffnung und
des Schweigens der Engelchöre vor dem Throne Gottes.
Aber der rote Stein lag am Jordan unter dem Felsen. Und die Schlangen
hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr, jedem Tag,
jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein.
Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe.
Das währte so fünftausend fünfhundert und acht Jahre.
Nun kam die Stunde, die verheißen war, Christus kam auf die Erde, der Sohn
Gottes.
Niemand wußte von ihm, niemand dachte an ihn. Wie bisher aßen und tranken
die Menschen, freiten und ließen sich freien, stritten und versöhnten sich,
töteten sich selbst aus Liebe und töteten andere aus Haß. Ebenso wie bisher
ging die Sonne auf und grünten die Bäume im Frühling. Ebenso wie früher
gingen nachts die geheimen Stunden hin.
Einzig Johannes der Täufer harrte des Heilandes am Jordan.
Und als die Zeit erfüllt war, kam Christus aus der Wüste an den Jordan zu
Johannes. Und Johannes erkannte den Heiland.
Und Christus trat unter den Felsen auf den roten Stein und ward von
Johannes getauft.
Und das Wasser ward unter den Füßen Christi zu Feuer. Das Feuer verbrannte
die Schlangenköpfe, das Feuer zerfraß den roten Stein.
Der Heilige Geist stieg auf den Gottessohn herab, und es ward eine Stimme
vom Himmel gehört:
»Siehe, das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.«
3.
In Zorn geriet Satan, als er den gespaltenen, vom Feuer zerfressenen roten
Stein und die sieben toten Schlangenhäupter sah.
Er sammelte die schwarzen Stücke des roten Steins und fügte sie mit
höllischer Kunst zusammen, und den neuen _schwarzen_ Stein trug er hinab in
sein Reich, die Hölle.
Noch war die Zeit nicht erfüllt, drei Jahre sollte Christus noch auf Erden
wandeln. Noch drei Jahre mußten Adam und Eva in banger Sehnsucht harren.
Und Satan gab sich kühnen Träumen hin.
Er hatte den schwarzen Stein in der Hölle versteckt und wartete auf die
letzte Stunde des Gottessohnes, um dann seine ganze Kraft zusammenzunehmen,
den Unüberwindlichen zu besiegen, ihn zu zerreißen, ihn zu verspotten in
seiner Kreuzesnot und dann seine schwarze Finsternis über die ganze Welt zu
breiten.
Und groß war in der Hölle die Freude des von seinem Wahn betörten
Herrschers am Vorabend seiner Schmach und seiner Vernichtung.