Es bleibt noch übrig, ein kurzes Wort über die Dichtungen Jehuda Halevis
zu sagen. Wer sie genießen will, muß es lernen, sich auf die kurze Zeit
seines Genießens aller abendländischen Traditionen zu entschlagen.
Dieser Dichter ist ein Orientale. Der Orientale dichtet nicht wie der
Abendländer. Er weiß nicht, was das heißt: Kunstwerk. Er fängt an zu
singen, sorglos, wie er enden wird. Die orientalische Dichtung hat etwas
Sprudelndes, geheimnisvoll Bewegliches. Hier fehlt alle Konzeption und
Komposition. Nirgends spürt man die bauende Hand, nirgends die Energie
zügelhaltenden Künstlertums. Das singt und musiziert wie die Vögel im
Walde, endlos jubilierend. Daher die erstaunliche Fruchtbarkeit dieser
Poeten aus dem Lande der Morgensonne. Ihre Lieder zählen immer nach
Tausenden.
Es ist der tiefe Unterschied zwischen Morgen- und Abendland, der sich
hier kundtut. Der Abendländer ist induktiver, der Morgenländer
intuitiver veranlagt. Dieser schaut, jener sinnt. Hier Prophet, dort
Denker. Der Orientale hängt am Einzelnen, springt über zum Anderen,
flüchtet zum Dritten, eines aber bleibt ihm ewig verhüllt: Das Ganze.
Die Dinge sind beieinander, nicht ineinander. Das ist kein Vorteil, aber
auch nicht immer ein Nachteil. Wo es so liegt, wird die Historie zwar
leicht anekdotisch, die Dichtung geistreich. Aber es bleibt dafür alles
ursprünglich, nichts erstarrt in der Form, nichts erfriert in der
Methode.
Man kann den orientalischen Geist am besten an der Sprache studieren. Im
Semitischen wird koordiniert, nicht subordiniert. Es gibt kaum eine
Syntax. Die feinen Nüancen unserer Rede sind unmöglich, oder besser
gesagt: sie sind teils verborgener, teils umständlicher als bei uns.
Woraus die unendliche Schwierigkeit für den Uebersetzer entspringt. Der
Uebersetzer muß in den Geist der semitischen Sprachen soweit
eingedrungen sein, daß er die verborgenen Nüancen des Beieinander zu
spüren vermag. Denn seine Aufgabe ist es, das Koordinierte zu
subordinieren, ohne die zartesten Töne zu verwischen. Ist dies gelungen,
so wird der Okzidentale den Orientalen begreifen. --
Jehuda Halevi ist ein Kind zweier Kulturen, der arabisch-andalusischen
und der jüdischen. Obgleich all seine Dichtungen in klassischem
Hebräisch geschrieben sind, ist er doch in seinen profanen Gesängen der
echte arabische Rhapsode. So sehr, daß er als Repräsentant der
arabischen Dichtung gelten kann: Dieselbe Glut der Farben, derselbe
Strom wechselnder Bilder, dieselbe Ungebundenheit der Sprache, dieselbe
Gewagtheit sinnlichen Schauens und dieselbe Grazie hinfließender, ewig
wandelbarer Stimmungen. Man spürt das Pathos und die Deklamation. Die
Lieder der Liebe und die Episteln der Freundschaft sind es vor allem,
die Form und Inhalt nach bei Jehuda Halevi echt arabisch sind. Das
Kommen und Gehen im Traume, das geheime Wandeln der Seele auf den Pfaden
der Liebe, das Suchen nach den verwehten Spuren auf der Freundschaft
Trümmern, die Klage um Scheiden und Meiden, die in tausend Tränen
zerrinnt, der Ueberschwang der Sehnsucht, die Uebertreibung des Lobes,
alles so leicht, so bunt, so redselig ausfließend bis auf den letzten
Tropfen, so echt -- arabisch.
Am größten aber ist Jehuda Halevi zweifellos in seiner religiösen
Dichtung. Dort treffen sich die beiden Welten in ihm. Die Ungebundenheit
des Arabers findet hier einen Zügel: Den jüdischen Geist. Dieser Geist,
obgleich ebenfalls orientalisch, hat es doch zu einer Aesthetik
gebracht. Palästina war der einzige Punkt im Morgenlande, wo echtes
Künstlertum wuchs: ein Künstlertum des Lebens. Die Harmonie des
Einheitsgedankens im All, die Akkorde der Völker in der Weltgeschichte,
die Zentralität Israels, des Kleinods, das waren mächtig ordnende und
bauende Gedanken. Und vor allem: Für Jehuda Halevi war es lebendiges
Leben. Darum offenbart sich nirgends so wie in seiner religiösen Poesie
sein Künstlertum. Hier ist er auch der Moderne am verwandtesten:
Ueberall geschlossene Reihen, abgetönte Stimmungen, harmonische
Steigerungen und Lösungen. Die Poesie der Andeutung, die ohne höchste
Einheit des künstlerischen Bewußtseins nicht zu erreichen ist, finden
wir hier in wunderbar zarter Vollendung. Die geheimsten Wirkungen
moderner Stimmungen werden hier ausgelöst. Bedenken wir, daß der Dichter
dem Zeitalter der deutschen Minnesänger angehört, so müssen wir geradezu
erstaunen über die Differenziertheit seiner Empfindungen. Sie wird
verständlich, wenn wir erwägen, daß er in seinem Lande das Kind einer
blühenden Hochkultur gewesen ist.
So bewundern und verehren wir in ihm zweierlei zu gleicher Zeit: Die
ursprünglichste Natur einer verschwendenden Dichterseele und die höchste
Geisteszucht eines zwei Kulturen in sich vereinenden Genies. Damit hat
die Dichtergröße Jehuda Halevis ihren Namen erhalten.
Nun aber möge er selbst zu euch sprechen, in all seiner Schwere und all
seiner Grazie. Vielleicht daß er Seelen findet, die mit seiner Seele
klingen. Dem, der ihn übersetzt hat, ist er Offenbarung geworden. Wer
ihn aber immer lesen mag, er stehe still vor ihm. Hier ist heiliger
Boden: Ecce poeta.
[1] Eine Art von Derwischen, die ein Leben in Kontemplation führen.
[2] Dajan ist der jüdische Gemeinderichter.