So kam er zum Meere, das ihm nicht unbekannt war. Oft hatte er an seinem
Strande gesessen und mit den Kieseln gespielt oder den Wellen gelauscht,
die kamen und gingen wie ein unterwürfiges Heer, die Hand des Königs zu
küssen. Jetzt sollte er sich diesem Heere anvertrauen. Zagend betrat er
die Planke des Schiffes und sah sich bald von brutalem Schiffsvolk
umgeben, das prahlend die Klugen verachtet und nur den Schwimmer
schätzt.
Die Reise war zunächst von günstigen Winden begleitet. Dann aber kamen
stürmische Tage, an denen der Dichter unter der Seekrankheit litt.
Gleichzeitig verfolgte ihn die Angst vor Piraten, und auch die
Schiffsleute flößten ihm Mißtrauen ein. Trotz alledem aber brachten ihm
die Tage auf dem Meere Augenblicke der höchsten dichterischen
Offenbarungen. Ob der Sturm ihn umbrauste oder der Sternenhimmel der
Mitternacht in die spiegelnden Fluten sank, seine Augen waren weit
geöffnet, aus dem Brunnen der ewigen Erhabenheiten zu trinken. Er hat
die Natur des Weltmeeres ausgeschöpft, wie sie sich nur ausschöpfen
läßt. Die Woge sprach zu ihm, aber was sie sprach, war wieder nur und
konnte nur eines sein: -- Gott.
Das Schiff war seinem Ziele nahe. Da brach -- es war im September des
Jahres 1141 -- eines Tages ein stürmischer Ostwind los, der das Schiff
nicht vorwärts ließ, vielmehr es zwang, rückwärts segelnd im Hafen
Alexandrias vor Anker zu gehen. Bitterer Unmut erfaßte Jehuda Halevi.
Aber es half ihm nichts, er mußte an Land. Doch nahm er sich vor, sobald
als die Stürme nachließen, wieder in See zu gehen.
Kaum jedoch hatte sich unter den Juden Alexandrias die Kunde verbreitet,
daß der gefeierte Dichter des Abendlandes in der Stadt sei, als sie
herbeiströmten, ihn zu sehen und mit den ausgesuchtesten Ehren zu
überhäufen. Der reichste Jude der Stadt, der Arzt und Rabbi Aaron ben
Zion ibn Alamânî, zog ihn in seinen Palast. Dieser Palast allein schon
wirkte auf den überraschten Dichter überwältigend. Da ging man über
goldbedeckte Quadern, stieg in die Gärten hinab und wandelte zwischen
blühenden Narden und Cyprusblumen an duftenden Springbrunnen vorüber zu
den Myrtenlauben, in deren Zweigen die Nachtigallen sangen, während
gurrende Tauben die Wege bedeckten. Alamânî veranstaltete für den
Dichter rauschende Festlichkeiten, auf denen ihm die Edelsten
Alexandrias in ausgelassenem Jubel huldigten, trinkend und singend und
ihm selbst zum Singen begeisternd. Jehuda Halevi war bezwungen. So viel
Liebe hatte er sich nicht träumen lassen. Er konnte nicht anders: er
mußte diese Stunde genießen und blieb. So hatte ihn das Erdentum wieder
umfangen, da er sich ihm längst enthoben wähnte. Ein später
Liebesfrühling wird dem fast Sechzigjährigen beschert. Mit
anakreontischer Freude singt er von reizenden Abenteuern unter den
Fenstern der Schönen.
Dann aber kommt wieder die Wirrnis über ihn, und die Sehnsucht nach Zion
erwacht von neuem. Die Sabbathe verhüllen ihm ihre Weihe, er kann nicht
wahrhaft froh werden, er fühlt, daß er sich selber untreu geworden ist.
So sehnt er sich, aus Alexandria fortzukommen. Eines Tages trifft aus
Damiette ein Bote des Abû Sa'îd Chalfon Halevi ein, der ihm einen Brief
von dem Fürsten der ägyptischen Juden, dem Nagid Abû Mansûr Samuel ibn
Chananjah, überbringt. Jehuda Halevi wird eingeladen, nach Kairo zu
kommen, um sich im Palaste des Fürsten seiner Gastfreundschaft zu
erfreuen. Sofort sagt er zu und meldet gleichzeitig seinen Besuch in
Damiette für später an. Er hofft, der Fürst wird ihm helfen, bald zum
Ziele seiner Sehnsucht zu gelangen. Nachdem er in Alexandria noch einige
Einkäufe erledigt hat, fährt er nach Kairo. Der Eindruck, den der
glänzende Hofstaat des Nagid auf ihn macht, ist noch größer als der, den
er in Alexandria gehabt hat, und übertrifft alle seine Erwartungen. Wenn
er den Fürsten in seiner Staatskarosse unter den Klängen rauschender
Musik und von Soldaten begleitet ausfahren sieht, muß er an Josef in
Aegypten denken. Solche Macht eines Juden hatte er in Spanien nie
gesehen. Samuel spielte in der Tat am Hofe des fatimidischen Sultans Al
Hafis eine bedeutsame Rolle und konnte dadurch seinen jüdischen Brüdern
eine starke Stütze sein.
Er empfängt unseren Dichter mit den höchsten Ehren, und als Jehuda
seinen Palast betritt, fühlt er, daß er in ein Haus der Liebe und Freude
getreten ist. Hier wird das ruhebedürftige Herz zur Ruhe kommen. Ein
Fest folgt nun wieder dem anderen. Es ist, als wenn Aegypten ihn
entschädigen will für die vielen Jahre der Entbehrung und Verkennung.
Aber wieder kommen die Gedanken an das letzte Ziel und trüben die
Freude. Wieder ergreift ihn die Unrast und treibt ihn weiter. Wenige
Tage vor dem Chanukafest verläßt er plötzlich Kairo, um nach der
Hafenstadt Damiette zu fahren, von wo aus er mit Hilfe des bereits
genannten Abû Sa'îd Chalfon Halevi endlich ans Ziel zu gelangen hofft.
In Damiette verweilt er genau vierzehn Tage bis zum elften des Monats
Tebet. Hier wird er tief von der paradiesischen Natur Aegyptens
ergriffen, die dem Dichter ihre ganze Blütenpracht enthüllt. Noch einmal
tritt die Jugend vor seine Augen, alte Träume steigen empor, Träume der
Liebe und Freundschaft. Abû Sa'îd versucht ihn zurückzuhalten, wie es
jeder in Aegypten versucht hat. Man hatte ihn durch rauschende Feste von
dem Ziele seiner Sehnsucht ablenken wollen, das so schön war und doch
mit Enttäuschung enden mußte. Schließlich aber muß der Freund doch
nachgeben, und am Tage nach dem Fasten des Tebet besteigt Abul Hasan
Jehuda Halevi die Barke auf dem Nil, um weiter zu fahren: stromaufwärts
oder stromabwärts? Wir wissen es nicht. Mit diesem Tage schließt für uns
das Leben Jehuda Halevis. Schließt mit einer Frage: Hat er das Ziel
seiner Sehnsucht erreicht? Ist er, wie die Sage erzählt, im Tore
Jerusalems von dem Rosse eines daherjagenden Sarazenen zerstampft
worden? Oder hat man ihn irgendwo im ägyptischen Sande verscharrt? --
Wir wissen nichts von seinem Ende. Wissen nur, daß er mitten im Jubel
der ägyptischen Tage vom Tode redete, vom Grabe, das vor ihm liege, und
vom Greisentum, das nun nicht mehr zu verheimlichen sei. Und wenn es
wahr ist, daß Todesahnen des Sterbens Anfang ist, so trug er den Keim
des Todes schon damals in sich, da er mit zitternder Hand dem Fürsten
Samuel die flehenden, von geheimer Angst erfüllten Worte schrieb, mit
denen wir sein Leben beschließen wollen:
Wollt ihr Liebes mir vergelten,
Sendet meinem Herrn mich zu:
Eh' ich unter seinem Zelte
Glücklich nicht das meine stellte,
Find' ich keine Ruh'.
Haltet mich nicht auf zu eilen,
Da mich schon die Angst erfaßt:
Unter seinem Flügel weilen
Und der Väter Ruhe teilen
Bleibt doch meine einz'ge Rast.