erreicht. Mag nun das üble Wetter, das jedesmal, so oft ich _Linz_
zureisete, mich überfiel, oder die getäuschte Erwartung: daß statt
einem, die Stadt beherrschenden ehemahligen herzoglichen Schlosse[29],
nun ein Zuchthaus voll Sträflinge die gebietherische Stelle einnimmt,
den Eindruck so sehr herabstimmen; kurz, ich finde _Linz_ weder von der
Land- noch Wasserseite einladend.
[29] Brannte ab im Jahre 1800, und wurde 1811 zu einem Zucht- und
Arbeitshause eingerichtet. Eine herrliche Wasserleitung, die von der
Höhe des Jägermayer in das Gebäude leitet, ist das merkwürdigste
Denkmal einstiger Pracht.
Keineswegs gesonnen, von _Linz_ oder dessen Umgebungen eine Skizze zu
entwerfen, indem dieses schon von _Heinse’s_, _Pillwein’s_ und anderer
Topographen geübten Federn hinlänglich bezweckt wurde, will ich nur
bemerken, daß zum Lobe des Magistrats und der Einwohner, sich die
Reinlichkeit und Zierde in der Stadt immer mehr hebt. Keine
Provinzialstadt hat wie _Linz_, so schönes, meistentheils
Granit-_Trottoir_ aufzuweisen. Am grossen, von drei Stock hohen Häusern
umgebenen Hauptplatze, wie auch in einigen Nebengäßchen (Dombruckgasse
etc.), kann der Neugierige auch bei schlechtem Wetter, ohne, wie
anderswo, für den Bruch seiner Beine zu fürchten, rüstig herumgehen.
Indessen paart sich so oft das Kleine mit dem Grossen. Auf dem
ungeheueren Hauptplatze, der für Wien schön wäre, und mit reichen
Kaufmannsläden und ansehnlichen Wirthshäusern sattsam versehen ist,
sitzt, wie eine Fliege, nördlich in der Vertiefung, das zwei Fenster
lange Militär-Hauptwachgebäude. An dessen Rücken versteckt sich ein
schöner Springbrunnen, Jupitern mit dem Blitze vorstellend, den vier
Tritonen in einer Muschel tragen, und Wasser aus den Nasen ausgiessen;
in der Mitte des Platzes prangt noch ein zweiter, mit dem minder schön
gearbeiteten Neptun geschmückt; nahe dabei erhebt sich eine 14 Klafter
hohe Dreifaltigkeits-Säule, welche von 1717 bis 1723 aus Untersberger
weissem Marmor erbaut wurde, und einige Kunst verräth.
Der Promenadeplatz, nächst dem grossen Rathhause, ist eine gute Anlage,
und gewährt den Linzern, besonders wenn die, auf Befehl des galanten
Kommandirenden, wohlbesetzte Musikbande ihre Harmonien produzirt, manche
angenehme Abendstunde, die aber, weil sie nichts kostet, auch vom Pöbel
häufig besucht wird, und dann wünschenswerth macht, daß die dichten
Linden und Platanen-Alleen besser beleuchtet wären. Das Theater bleibt
sich noch immer gleich, ein Wiener wird nicht viel Vergnügen darin
schöpfen, obgleich öfters Gastrollen Statt finden.
Die Tracht der Honoratioren und Wohlhabenden gleicht ganz der
wienerischen, die Lebensart desgleichen, nur scheinen die 22,000
Einwohner keine solchen Verehrer der Fuhrwerke zu seyn; denn die wenigen
hier anwesenden Fiakres sind nicht zu sehen, und müssen aus ihren
Wohnungen bestellt werden.
Einen Theil des Spazierganges bildet die auf 15 hölzernen Jochen
ruhende, 144 Klafter lange Brücke; man betrachtet da das beständige Zu-
und Abfahren, Ein- und Auskramen der Schiffe, so wie zwei Schiffmühlen,
welche die Brücke ziemlich erschüttern. Vom Kaffeehause zu Markt
_Urfahr_, am linken Ufer, ist die Uebersicht wirklich angenehm. Ein
Kehlheimer wurde entladen, achtzehn Pferde hatten darin 1600 Eimer Wein
in zwei Monaten von Ofen heraufgeschleppt; der Transport allein soll,
nach der Versicherung eines Sachkundigen, auf 4000 fl. W. W. zu stehen
kommen, die Mauth und sonstigen Kosten mögen diese Summe weit
übersteigen. Nun kann man sich leicht erklären, warum nach Baiern wenig
Wein ausgeführt, und Bier lieber getrunken wird.
Einen schönen Spaziergang gewährt bei gutem Wetter die Ersteigung des
Pöstlingberges, eine halbe Stunde vom Urfahr entfernt. Von der
westlichen Seite empfängt ein junger Nadelwald den Wanderer; ohne
besonders steil zu seyn, führt der Pfad zusehends zu weiteren und
freieren Uebersichten, bis man an der Stufe der geräumigen
Wallfahrtskirche, die Höhen im Oberlande alle wieder erkennt, die der
geprüfte Fuß jüngstens berührte. Der Pfarrhof und ein Wirthshaus, nebst
einigen Krambuden, sind die Begränzungen dieses Gnade bringenden Ortes.
Die Bettelleute scheinen dieses sehr gut zu wissen, da sie in _Linz_
nicht geduldet, hier ihre Schwadronen versammeln, und die
vorüberziehenden Frommen und Neugierigen gleich zudringlich verfolgen.
Für Naturfreunde, die sich länger als 3 oder 4 Tage in Linz aufzuhalten
gedenken, wären die würdig gepriesenen Umgebungen von _Grünberg_, _St.
Magdalena_, _Dornach_, _St. Egidi_, _Kirchschlag_ etc. gewiß
lohnbringend. Das Auge fühlt sich bestochen, diese reitzenden Fremdlinge
näher kennen zu lernen, doch die strengere Zeit und der klügere Fuß
trösten mit der Zukunft.
Auch wird öfters, besonders Nachmittags die ober dem Pulverthurme
gelegene Anhöhe _Holzham_ besucht. Die Aussicht gleicht keineswegs jener
vom Pöstlingberge; doch fühlt man sich hier im Schatten kleiner Birken-
und Tannenwäldchen, geschieden von dem Andrange lärmender Menschen, so
still zufrieden gestärkt. Beim Rückwege passirt man noch eines der
schönst gelegenen Wirthshäuser, den Jägermayer[30], ehe man durch die
lange Mariahülferstrasse die Stadt wieder betritt.
[30] Nächst diesem -- am Schullerberge -- befindet sich der von Sr.
königl. Hoheit, Erzherzog _Maximilian_ von _Este_, neuest angegebene
runde Wehrthurm, aus Stein und Ziegeln kollosal erbaut, zum Theile im
Erdboden versenkt, und mit Minen reichlichst ausgestattet; aus den
Schußscharten blicken ringsherum schweres Geschütze und Bomben. Der
vollkommen entsprechende Versuch bei Beschiessung, im October 1828,
soll nun die Vermehrung dieser Thürme auf verschiedenen Höhen um Linz
begründen.
Mich erfreute besonders ein Spaziergang nach dem Oertchen _Lustenau_.
Durch die Vorstadt, Harrach und Spitzfeldgasse hinaus, gelangt man über
fette Kleefelder in einer halben Stunde zu diesen unter riesigen
Birnbäumen versteckten Häuschen. Schon hatte der October die Früchte
abgestreift, schon zeigten gelb und roth gefärbte Blätter die
herannahende Schwäche, aber die Zeugen ihrer Kraft und Güte lagen in
Scheunen und Bodungen unter ihnen ausgebreitet. Geschäftige Hände
säumten nicht, die süsse Frucht in beliebten Most zu verwandeln, es
krachten die Schrauben unter der Knechte Gewalt. Unterdessen trugen die
Kinder, nach Möglichkeit die kleinen Körbe gefüllt, frisches Obst
herbei, und warfen zur Stampf es in Bodungen; die Eltern lobten den
Fleiß, und dankten aufblickend dem Schöpfer. Meine Neugierde, diese
Verrichtungen zu sehen, forderte die munteren Biedermenschen auf, mich
in ihre Scheune zu bitten, und bei Betrachtung dieser Vorkehrungen den
Most nicht zu verschmähen.
Wenn schon eine so kleine Ernte ganze Familien hinreißt, ihre Freude und
Gabe den Fremden mitzutheilen, was kann noch mehr deren Bescheidenheit
und Genügsamkeit bewähren? Beneidenswerthe Menschen, die ihr keine
grösseren Glücksgüter und Ehrenstellen benöthiget, um glücklich zu seyn!
Vergnügt, selten so wie hier, verließ ich diese unverdorbenen Menschen,
ihnen im Herzen alles das Glück wünschend, was nie Geitz und Wucher
erlangen kann.
Somit das Merkwürdigste um Linz entdeckt, wollte ich diesen angenehmen
Eindruck durch keinen niederen schwächen, und reiste folgenden Tags (als
den dritten meiner Anwesenheit,) von der vorbenannten Stadt, die ausser
ihren Wirthshäusern wenig Erholungsörter darbiethet.
Mauthausen.
Die Wasserfahrt von hier nach Wien, die ich schon oft zurückgelegt habe,
schafft mir noch immer das Vergnügen, welches einem begünstigten Freier
die Liebe seiner Schönen spendet. Man vertieft sich im Anschauen der
schon gesehenen Pracht, und entdeckt noch immer neue, und doch nur
dieselben Vollkommenheiten, aber im schöneren Lichte. Dießmal hatte ich
aber nicht Ursache, mit der neuen Dekoration zufrieden zu seyn. Nebel
und ein lästiger Ostwind rüsteten sich zum Streite, den Willen der
ängstlichen Schiffer zu vereiteln. Das Floß konnte nur durch die
gesammte Kraft zahlreicher Ruderer im Laufe erhalten werden. Schwerer
geladene Schiffe sahen wir an den Ufern angelehnt, dem Willen der
ungünstigen Elemente huldigen.
Bis nach Mauthausen hinab ist die Umgebung ziemlich flach und
unbeträchtlich; die zahlreichen Inseln, welche die Donau durchirrt,
geben ausser einem guten Aufenthaltsorte für Biber, kein schönes Bild.
Oerter, die an beiden Seiten hervorblicken, verschwinden gleich
unbedeutend, wie ihr Name. _Steyereck_, eine kleine mit einem renovirten
Schlosse versehene Stadt, ist der erste auffallende Gegenstand, links an
der Donau; diesem gegenüber, beim Dorfe Zizelau, fällt die gewaltige
Traun, rein wie ihr Ursprung, in die gefärbte Donau. Sie, die in den
lieben Gefilden zweimal geklärt[31] wurde, scheint sich zu schämen, von
einer so unreinen Gegnerinn verschlungen zu werden, und dringt, der
Vernichtung gewiß, desto schneller zur Tiefe.
[31] Die Traun, welche im Grundelsee bei Alt-Aussee in Steiermark
entspringt, reinigt sich, selbst beim stärksten Regen, bei Durchfluß
des tiefen Hallstädter und Gmundner-Sees im Salzkammergute, und ist
von Hallstadt aus schiffbar.
Bald wird diese Heldinn durch eine zweite verdrängt. Die Enns, brausend
wie die Traun, aber weiteren Ursprungs[32], will sich der Allbesiegerinn
nicht ergeben. Felsenklippen und die Breite des Donau-Stromes sind ihr
Anfangs günstig, sie behält einige Zeit ihren Lauf, bis der längere
Zweikampf sie vertilgt.
[32] Die Enns entspringt beim Radstädter-Gebirge, im Salzburgischen,
aus mehreren Quellen, durchfließt Steiermark, wird bei Altenmarkt
schiffbar, und ist bis Stadt Steyer ungemein reissend; ihr Lauf durch
Kalkgebirge erhält sie gleichfalls sehr rein.
Bei diesem Einbrechen des letzteren Flusses, darf ich zwei merkwürdige
Oerter nicht umgehen, den Markt _Mauthausen_ links, und die Ruine
_Spielberg_ rechts; ersterer bildet eine malerische Gruppe von
niedlichen, zwischen Bäumen verschanzten Häusern, welche eine nette
Kirche, als die ihr anvertrauten Schützlinge, von der Höhe übersieht;
ein altes viereckiges Gebäude mit Fenstern und Schußscharten, das früher
der Schiffsgebiether gewesen seyn mag, später zu einer Salzniederlage,
und nun zur Wohnung benützt wird, steht in der Donau. Die Uebersicht aus
der meistens in Wirthshäusern bestehenden ersten Häuserreihe an der
Donau, ist herrlich. Dieser Markt litt beträchtlich 1626 im
Bauernkriege, ist aber gegenwärtig durch Handel und Schifffahrt der
Einwohner wohlhabend, auch ein Granitbruch, dessen Steine für Wien
bestimmt sind, ist nicht unergibig; am meisten aber wird dieser Markt
nach Vollendung der neuen, von Budweis hierher führenden
Eisenbahnstrasse gewinnen.