Spielberg,
steht mitten in der Donau, wie ein Geist im fremden Elemente; auf Felsen
gestützt, scheint es schon selbst nur Fels zu seyn. Mächtige Buchen und
Vogelbeerbäume wachsen aus den Fenstern, wie die Wächter des Himmels.
Der grosse viereckige Thurm, der allein noch ein Stück vom Ziegeldache
besitzt, wird sich bald dieser Bürde entledigen. Alles zeigt hier
Zerstörung, und alles wieder feste Beharrlichkeit. Die Wogen beflügeln
sich, dem Zahne der Zeit zuvor zu kommen, doch die Voreiligen zerstäuben
an den kräftigen Mauern und Felsen. Einige Obstbäume und Stücke roher
Umzäunung, sind dabei die einzigen Spuren menschlichen Besuches;
sicherer, als vielleicht bei seinem Glanze, gleitet das Schiff vorüber.
Noch sieht man in der Ferne die Thurmspitzen von _Enns_, man müht sich,
diese länger zu betrachten, und will nicht sobald von Oberösterreich
scheiden. Dieses beherzigend, war _Aeolus_ galant genug, uns auf eine
Sandbank zu werfen. Die Schiffleute fluchten und betheten nach Belieben,
allein es wollte nichts fruchten; endlich gelang es der angestrengtesten
Kraft, das ungeheure Floß (welches ohnedieß die langsamste und
beschwerlichste Fahrt biethet,) flott zu machen, doch nur, wie die
Schiffleute sagten, um eine bessere Länd (Anfahrplatz) zu gewinnen, weil
der Wind das Weiterkommen nicht mehr gestatte. Dieses Glück wurde uns zu
meiner Trauer auch bald bei _Oberau_, einem elenden Dorfe, zu Theil.
Den Schiffleuten gilt jeder Landungsplatz gleich viel, ihr selbst
gekochtes Fleisch, Suppe und mitgeführtes Bier, schmeckt ihnen zu allen
Zeiten, und dann ist’s immer eins, ob sie nahe bei einer schönen Stadt
oder wilden Aue in ihrer Hütte auf dem Flosse übernachten. Anders aber
denken Passagiers, die Nahrung und Lager wollen, und dieses nicht im
Freien, oder in irgend einer elenden Kneipe (besonders bei später
Jahreszeit), sondern in soliden Oertern erwarten.
Dieses beherzigend, ging ich, da es ohnedieß erst ein Uhr war, über
schlechte Sumpfgründe durch Weiden- und Erlen-Gebüsche, über Achleiten
(Dorf mit einem Schlößchen) nach
Nieder-Wallsee.
Dieser Markt verdient wirklich, daß man sich etwas bemüht, ihn zu
besehen. An einer Krümmung der Donau, prangt er mit seinem zum Theile
alten, und wieder modernen Felsenschlosse, in einer wahrhaft
paradiesischen Lage. Die fettesten Aecker und Wiesengründe, Wildpret
ernährende Auen, Obstbaumzucht, und ein Mühlsteinbruch, dessen Producte
in die ganze Monarchie verführt werden, und bei 60 Menschen
beschäftigen, bringen Leben und Wohlstand dem Markte. Weniger zeigen
davon die veralteten grösseren Häuser, als vielmehr die Lebensart der
Einwohner. Es war ein Wochentag, und doch sah ich viele Männer, bestens
gekleidet, auf der im Steinbruche sich befindlichen Schießstätte, um
keinen geringen Preis den Bestschuß erstreiten. Eben so spenden die
Wirthshäuser die feinste Nahrung und Getränke.
Das Schloß, welches von seinen Erbauern, denen schwäbischen Herren von
_Wallsee_, 1285 angefangen, bis zum Aussterben dieses Stammes 1483,
Oesterreichs Regenten die treuesten Schwerter und talentvollsten Köpfe
lieferte, hat sich im Namen verewigt. Gleich sorgsam sind auch von den
nachfolgenden nicht unrühmlichen Besitzern, dessen Mauern erhalten
worden. Diese sind ein Gemisch aus alter und neuerer Zeit. Durch eine
Allee von schönen italienischen Pappelbäumen, neben einem
Wirthschaftsgebäude, tritt man über den breiten, nun zum Garten
verwendeten Schloßgraben, in den Schloßhof; die Aussicht macht den
hiesigen Wohnort wünschenswerth, aber die Besteigung des mit einer
bedeckten Gallerie umkränzten hohen Burgthurmes, bezaubert Augen und
Fuß, und man muß sich höherer Uebersichten erinnern, um von dannen
scheiden zu können. Die Aussicht vom Leopoldsberge dürfte ein Pendant zu
dieser seyn, aber ersterer fehlt das Pittoreske, die Nähe von
Felsenburgen, wie _Klam_, _Kreuzen_ und die Klüfte von _Grein_. Der
geräumige Schloßgarten, mit einem durch exotische Gewächse von Herrn
Grafen von _Wickenburg_, Kreishauptmanne zu _Krems_, bereicherten
Glashause, so wie die ganze Schloßverwaltung, zeigt von der genauesten
Ordnungsliebe und Thätigkeit.
Strudel und Wirbel.
Mehrere Schiffe waren folgenden Morgens zur Abfahrt bereit, ich brauchte
also das lästige Floß nicht zu erwarten; endlich hob sich der Nebel, und
ich flog auf einem tiefgetauchten Eisenschiffe (dergleichen kommen von
Stadt Steyer, und gehen am schnellsten,) der Krümmung vorüber.
Auf diesem Schiffe genoß ich wirklich die beste Unterhaltung auf meiner
ganzen Wasserreise. Einige Mineralogen und Botaniker, welchen die Ferien
gestatteten, auf Steiermarks lohnenden Gebirgen ihre Kenntnisse zu
bereichern, Maler und Forstkundige waren im schönen Vereine versammelt,
und ich hörte mit Entzücken, manche meiner unvergeßlichen Gefilde, aus
fremden Munde preisen! Natürlich wurde ich bei diesen Gebirgsfreunden
bald bekannt, und hatte das Vergnügen, über meine wenigen, auf dieser
_Excursion_ gesammelten Erfahrungen, befragt zu werden.
Die Gegend von _Unterwallsee_ bis _Grein_, wird immer ernster; die zuvor
weiten Berge drängen sich jetzt zusammen, ihr früher beholzter Rücken
bildet bald steile Granitwände, an deren Fuß losgerissene Massen von
einem fürchterlichen Elementenkampfe zeigen. Bäume, deren halbe
Grundfesten bereits der Strom verschlang, drängen ihre Wurzeln desto
fester in die Risse der beharrlicheren Wand. Alles droht Krieg und
Zerstörung, wenn auch nicht neue Gefahr; oft stimmt es den Menschen hier
zu Betrachtungen, die ihn selbst den Strudel und Wirbel vergessen
machen, doch uns erheiterten für dießmal Scherz und muntere Gespräche.
Wir beschlossen, den Strudel und Wirbel recht militärisch zu begrüssen.
Ein wiederholtes Salve aus 8 Feuerschlünden, hatte nicht nur die
Strumfahrer[33], sondern ganz _Grein_ in Allarm gesetzt; natürlich kamen
erstere von allen Seiten in kleinen Zillen herbeigerudert, ihre Dienste
anbiethend. Unser Schiffmeister behielt jedoch nur zwei, die übrigen
mußten zurück.
[33] Strumfahrer sind geschickte, mit dem Strudel und Wirbel
wohlbewanderte Schiffer und Einwohner vom Städtchen _Grein_ oder Markt
_Strum_. Fremde, so wie des Stromes nicht ganz kundige Schiffsleute,
verlangen ober _Grein_ solche erfahrne Hülfstruppen; dieses wird
entweder durch Schreien: »_Strumfahrer heraus_«, oder wenn Jemand ein
Gewehr hat, durch Schiessen angedeutet. Noch ist zu bemerken, daß
unter der Leitung eines solch heimischen Wassermannes, auch bei
kleinem und daher gefährlichstem Wasser von Verunglückung eines
Fahrzeuges kein Beispiel ist, dennoch verschmähen die Nauführer nicht
sowohl des zu bezahlenden Betrages (36 kr. C. M. pr. Mann), als ihrer
eingebildeten Ehre wegen, meistentheils diese Hülfsmänner.
Nun wurden Hände und Augen aufgebothen, ihr Talent zu verdoppeln; die
Hüte flogen in das Schiff hinab, man segnete sich, lüftete die Ruder,
und Mann an Mann gedrängt, wies jeder Schlag zehnfache Kraft.
Jetzt flogen wir dem verhängnißvollen Städtchen _Grein_, am linken Ufer
gelegen, vorbei, selbes kaum eines Blickes würdigend, noch sein schönes
dem Prinzen von _Coburg_ gehöriges Schloß; die alten Wartthürme, Ruinen
von Raubschlössern, die einst die zitternde Menschheit hier noch mehr
erschreckten, alles hielt jetzt gegen den Strom keinen Vergleich! Gerade
auf die Felseninsel _Wörth_[34], dessen höchste, mit Burgtrümmern
bedeckte Spitze, ein kollosales Kreuz schmücket, muß der Nauführer die
Schiffsrichtung nehmen, damit es im tiefsten Hauptschwalle, die rings im
Wasser befindlichen Klippen nicht berühre, und glücklich vorbei
streiche; denn ein Ruck auf einen dieser spitzigen Felsen, und Schiff
und Ladung sind für immer entschwunden! Man kann den Strudel auf dem,
rechts die Insel _Wörth_ umfliessenden Arme (Hößgang genannt,) umfahren,
doch nur bei grossem Wasser, und dieß mit nicht geringerer Gefahr, wegen
der unterhalb befindlichen Felsenbucht (Löchel), die das Schiff gerne
zuzieht, aber über den obbenannten Strudel passirend, nicht zu fürchten
hat.
[34] Ist 400 Klafter lang, 200 Klafter breit, und die größte Höhe über
den gewöhnlichen Spiegel der Donau mag 15 Klafter betragen.
Den Markt _Strum_ mit seiner verfallenen Felsenburg gleiches Namens zur
Linken, die auf der Felseninsel eingewachsenen Ruinen von _Werfenstein_
zur Rechten, von denen wechselweise hungrige Geier und Raben
patroullirten, überfährt man zwischen einem Felsenbecken, mitten den
gekrümmten Wirbel; mehrere Wellen schlagen in das getauchte Schiff, doch
sind sie zu langsam, die beflügelte Schnelle desselben zu untergraben.
Itzt athmet jeder freier, die Ruderer drücken sich die Hände, die
Hülfsmänner werden entlassen, und ein kurzes Gebeth macht den Beschluß.
Nun aber, nachdem diese Scylla und Charybdis in 10 Minuten beiseitigt
ist, und St. _Nikola_ mit seiner schönen Kirche bereits im Hintergrunde
sich verbirgt, finden die Bemerkungen Statt. Jeder, der das erstemal
diesen Bezirk passirt, glaubt sich getäuscht, in den ihm durch früheren
Ruf vom Strudel und Wirbel geschilderten Gefahren, und fürwahr, wer die
meisten fahrbaren Flüsse in der österreichischen Monarchie
hinabgerudert, und deren gefährlichste Stellen empfunden hatte, wird mir
gewiß beistimmen: daß auf der Drau, Mur, Traun und oberen Enns, solche,
dem Strudel und Wirbel ähnliche Stellen, als ganz unerheblich
erscheinen, und selbst von den weit gefährlicheren Puncten, kaum das
öftere Verunglücken der Fahrzeuge bekannt ist. Dagegen wird der Donau,
die (mit nüchternen Schiffleuten,) durchaus gefahrlos ist, auf dieser
Stelle alle Bosheit und Tücke zugemuthet, und mehr Unglück
ausgeschrieen, als selbst in früheren Zeiten sich ereignete, ehe noch
durch die weisen Vorkehrungen edler Monarchen, diese Passage gelichtet
wurde. Ein mächtiges Motiv zu diesen Behauptungen, möge der Wille
zahlreich hier durchreisender Passagiers seyn, auf einer Wasserreise
auch Gefahren überwunden zu haben, zu welchen die wahrhaft wilde
Umgebung, mit den Resten des ehemals bestandenen Faustrechts, so
einladend ist. Für Naturfreunde, welche einen halben Tag zu opfern
vermögen, seyen bei den stets nachfolgenden, Platz biethenden
Fahrzeugen, des Strudels und Wirbels Felseninseln empfohlen. Eine Menge
Fischer sind bereit, den Neugierigen vom Schiffe zu holen, und
hinzuführen, wohin es ihm beliebt.
Wenn man auf die gebüschreiche Insel _Wörth_ schifft, so wird das über
den Trümmern des alten _Mitterberg’s_ oder _Painthurm’s_ errichtete
steinerne Kreuz, zu dem man aber nur auf einem halsbrecherischen
Nichtwege gelangt, einen trefflichen Uebersichtspunkt der pittoresken
Felseninsel gewähren, so wie des Strudels im befahrten linken
Donau-Arme, und des Hößganges oder kleineren rechten Armes, endlich nach
_Grein_ hinauf, und der alten Veste _Struden_ hinüber, welche, aus
bemoosten Ringmauern und viereckigem Thurme bestehend, auf lockeren
Granitblöcken beinahe balanzirend, über dem Markte wankt. Auf dem
Abhange des Kreuzfelsens befindet sich ein rundes, gemauertes, mit
eiserner Thür verwahrtes Häuschen, welches den Eingang zu dem ehemalig
hier bestandenen Pulverthurme verwahrt; das Behältniß ist nun leer, aber
wegen der mühsamen Felsenausmeisselung besehenswerth. In grauer Vorzeit
war darin die Marterwohnung unglücklicher Gefangener, welche ihre
längere Existenz alle Minuten bedauern mußten. Die begrünte Felseninsel
wird übrigens, so drohend sie den Wasserfuhrleuten grinset, von einer
Bauern-Familie bewohnt; zwei Häuschen sichern ihr Unterkommen, und
mehrere Kraut- und Kohlgärten, Erdäpfelstriche, und Kleefelder für
einige Geissen, schaffen deren dürftigen Unterhalt. Hier, so wie weiter
unten, wo durch Anprellung des Stromes an einer ebenfalls erhöhten
Felseninsel (Hausstein), worauf sich die Ringmauern und ein Wartthurm
der seit Jahrhunderten in Trümmern liegenden Veste _Werfenstein_
befinden, der Wirbel entsteht, waren vor Zeiten Mauthabforderungen, und
Ketten über die Donau gespannt. Wie die grösseren Lastschiffe an diesen
Plätzen länden, und die erzwungenen Gebühren entrichten konnten, ist
schwer zu ersehen; so viel ist aber gewiß, daß, wenn heut zu Tage ein
beladenes Schiff zu unvorsichtig den Ufern naht, selbes entweder an der
bereits vom Wasser ausgespühlten Felsenwand, oder in dem untiefen,
rechts den Hausstein umfliessenden _Lueger_-Arme verunglückt.
Persenbeug, Mariataferl, Schiffzug.
Ungetheilt braust nun der Strom, durch ein enges Waldthal zusammen
gepreßt, bis nach Pechlarn hinab. Einige Granitsteinbrüche, links der
runde Wartthurm zu _Sarblingsstein_, und der Isper-Holzrechen sind bis
Ybbs die vorzüglicheren Gegenstände. Die schöne Fronte dieser Stadt
gegen die Donau, ist das Versorgungshaus, die übrigen Gebäude, sammt der
Kirche, haben ein altes und trauriges Ansehen; mehr auffallend als
erheblich, sucht der sechsarmige Ybbsfluß die Donau hier zu bereichern.
Ybbs gegenüber, auf dem linken Donau-Ufer, steht auf einem Felsen, im
beständigen Kampfe mit den schäumenden Wogen, das kaiserliche Schloß
_Persenbeug_. Seine jetzige Form, die kaum zweihundert Jahr verbürgt,
bildet ein zwei Stock hohes, eckiges Gebäude, mit einem kirchähnlichen
mässig hohen Thurme, alles zusammen mit Schindeln eingedeckt; doch ist
sowohl das Innere als Aeussere durch Bequemlichkeit und Eleganz eng
verbunden. Eine lange, auf hölzernen Bogen gestützte Brücke, leitet aus
dem Schlosse über des Marktes tiefe Gasse, zu dem jenseits sich
erhebenden schönen Garten. Die Umgebung, zum Erholungsplatze vom besten
Monarchen gewählt, läßt nichts zu wünschen übrig; über dem Gebäude
drängen sich die bewaldeten Berghöhen hervor. Der Fels, welcher über 800
Jahre auf seinem Scheitel ein Schloß getragen, wurde vor geraumer Zeit
durch einen Quaderpfeiler in der Donau unterstützt! --
Im Markte Persenbeug werden viele Schiffe verfertigt, die mit
Scheiterholze beladen, nach Wien gehen; die Einwohner ernähren sich
reichlich, und fühlen die Güte ihrer Herrschaft.
Von _Säusenstein_, einem ehemaligen Cisterzienser-Stifte, rechts auf
glattem Felsen, (wobei die Donau, wegen des raschen Andranges nie
gefrieren soll,) gelangt man baldigst nach _Marbach_. Dieser, am linken
Ufer gelegene Markt, wird wegen des auf der Berghöhe daselbst
errichteten Gnadenortes _Maria-Taferl_, jährlich von vielen Tausend
Wallfahrtern besucht. Wer Gelegenheit findet, diese allbekannte Höhe zu
besehen, wird sich wirklich dieser kleinen Mühe erfreuen. Ich erstieg
sie etliche Male, und konnte mich gewisser ernster Gefühle nie erwähren.
Wenn der Tag[35] sich zum Schlummer neigt, wenn alles der baldigen Ruhe
entgegen harrt; im Osten schon der Schleier gespannt wird über das
mühsame Tagewerk, und der Wanderer noch einsam durch die steinige Kluft,
im Dunkel grosser Stämme, wie zu einer ungewissen Bestimmung empor
dringt; wenn er die Höhe erreicht, die er zu erringen gewünscht, dann um
sich herabblickend nur ernste Gestalten des allmähligen Vergehens und
Sterbens erkennt, und nebenan den Grabgesang frommer Kehlen in der
Kirche verklingen hört; was gibt noch ein weissagenderes Bild des Todes?
Doch der Muth gibt Kraft; in Westens höheren Regionen lächelt dem
betrübten Auge ein milder Schimmer des gepriesenen Tages; auf den
finsteren Blättern zittern noch hie und da Goldfleckchen der abziehenden
Sonne, und zeigen eine schönere Bahn; gestärkte Menschen treten nun aus
dem Gotteshause, freuen sich des vollbrachten Versprechens und
empfindenden Trostes, und wandern vergnügt hinab. Solche Scenen bringen
süsse Verwirrung dem sinnenden Menschen, und lassen noch alles Gute auf
der Welt erwarten.
[35] Denn meistens bleiben die, im Herbste von Linz Morgens
abfahrenden Schiffe, hier zu Nacht.
Die grosse Kirche mit einigen Nebengebäuden, wird durch alte
Kastanienbäume umfangen, welche aber keineswegs die vielfache Aussicht
auf herrliche Waldthäler und Gebirge entziehen; dankbar wird man dieser
Höhe gewiß immer eingedenk bleiben!
Ein ungemeines Lärmen und Schnalzen störte mich aus meiner wohlthuenden
Rückerinnerung. Ein Tabak-Transport von vielen Tausend Zentnern, wurde
auf einem Hohenauer[36], Nebenbei, und einigen Gamseln, mit 38 Pferden
nach Linz befördert. Der Strom war breit, der Grund tief, wir waren
daher beim Vorbeifahren der Gefahr des Anstossens[37] oder Scheiterns
enthoben. Schrecklicher, ja wirklich Tod bringend schien den Roßknechten
(Jodeln) jeden Augenblick der Ritt zu werden. Sie mußten, um die
Schiffskaravane im hohen Wasser zu erhalten, eine Untiefe durchreiten.
Ein junger Bursche (Wagehals), mit seinem Gaule unangeheftet an das
Schiffstau, drang mit einer langen Stange, das Wasser damit zu messen,
ziemlich weit voraus. Oefter sah man nichts als seinen, und den Kopf des
Pferdes aus dem Wasser hervorragen; demohngeachtet wurde fortgeritten;
endlich hoben ihn die erzürnten Wellen und schleuderten ihn eine Strecke
zurück; er rief, (noch mit den Wogen kämpfend,) und der ganze Zug stand,
ohne sich um die Gefahr ihres Warners zu kümmern, dem unterdessen sein
kräftig Roß eine seichtere Stelle errang; nun wurde wieder, eine andere
Passage zu erspähen, vorgedrungen, und die bis an die Brust im kalten
Strome reitenden Knechte folgten ihrem Wegweiser stürmisch, unermüdet
die riesigen Hohenauer-Gaule mit Peitsche und Kehle gleich furchtbar
anspornend. Man muß, wie ich (einst in der Gegend von Traismauer), drei
Menschen und zwei Pferde mit einem Male vom Donaustrome verschlingen
gesehen haben, um den wahren Begriff von den Gefahren dieser Schiffszüge
zu schöpfen. Auch suchen sich die Schiffknechte wenig um Leben oder Tod
ihres Nebenmannes zu kümmern; reißt einen oder mehrere der Strom hinab,
oder schleudert das Seil (Faden) Pferd sammt Reiter über den Hufschlag
hinaus, so ist man nur besorgt, den Strick, woran der Verunglückte
hängt, schnell abzuhauen, und die übrigen Pferde, um das Schiff nicht in
Gefahr zu bringen, desto hitziger anzueifern. Meistens gehen dann diese
Unglücklichen, als Sühnopfer der Roh- oder Gewohnheit, von denen noch
überdieß, was beinahe unglaublich ist, die wenigsten schwimmen können,
zu Grunde.
[36] Die größte Gattung Donau-Schiffe, zu Hohenau in Baiern
verfertigt, ist 150 Fuß lang, und trägt über 2000 Zentner, Nebenbei,
ist kleiner und trägt 1500 Zentner u. s. w.
[37] Wenn grosse Salz- oder Tabak-Transporte eben in krittischen
Stellen Strom aufwärts kommen sollen, so werden die von Linz etc.
abfahrenden Schiffsbesitzer gewarnt, bei kleinerem Wasser oft gar die
augenblickliche Abreise untersagt.
Weideneck, Mölk.
Unter Marbach passirt man Groß- und Klein-_Pechlarn_, an beiden Seiten
der Donau. Stadt und Markt haben, den Erlaufer Holzrechen ausgenommen,
nichts Besonderes aufzuweisen. Wichtiger schienen mir die Ruinen der
links trauernden Veste _Weideneck_, auf einem von der Donauseite
unersteiglichen Felsen, welcher der dabei ausstürzende Weidenbach den
Namen gab.
Wenn schon die alten Schlösser, als Stammsitze ergrauter Vorfahren, als
Kolonie des Adels und merkwürdiger Regenten, ganz unsere Aufmerksamkeit
fesseln, und mehr werth sind, als daß man sie unbeachtet dem Zahne der
Zeit, welcher mit ihnen durch Regen und Schnee sein Spielwerk treibt,
gerne überläßt: so verdient doch manches, als Dokument historischer
Begebenheiten und Quelle romantischer, nicht bloß poetischer Volkssagen,
die mit den Trümmern gleichzeitig aus dem Leben treten, etwas mehr
Achtung und historische Nachfrage. Nicht so lange, als bereits diese
bemoosten Reste tapferer Geschlechter sich erhielten, werden sie noch
trotzen; sie, die einst eine so merkwürdige Rolle in ihrer Jugend
gespielt, fallen durch nicht unterstützte Schwäche. Keiner der Enkel
wird mehr ihre Erhaltung besorgen, deren Urahnen sie Stärke und
Sicherheit verschafften. Ausgestorben sind die Familien; die frühere,
rohere Lebensart hat sich veredelt, man bedarf nicht mehr der Burgen,
sein Leben und Eigenthum zu erhalten; aber man ersieht in den Trümmern
die einstige Kultur und Handlungen der Vorfahren; sie waren von allem
Zeugen, und eilen zum Grabe, ohne uns in ihre Geheimnisse einzuweihen!
Viele dieser still Leidenden haben sich schon unter einem Walde
verborgen; der gemeine Mensch, unwissend, welche Denkmähler unter seinen
Füssen ruhen, ist froh, daß er auf den Hügeln reichliche Arbeit für
seine Axt gefunden; nicht so unberühmt stirbt _Weideneck_! Ein Zeitraum
von 900 Jahren, welcher es alle Schicksale der launigten Zeit erfahren
ließ, zum Sitze von berühmten Rittern, Markgrafen von Oesterreich aus
dem Hause Babenberg, Raubneste strafbarer Aufrührer, Witwensitze der
ungarischen Königin Agnes, und einer Reihe adeliger Familien bestimmte,
hat es jedem Geschichtskundigen höchst merkwürdig gemacht. An seinem
Felsen scheiterte der Muth wilder eindringender Kohorten, und aus seinen
Ringmauern wurde Ansehen und Ruhe verbreitet. Nun findet es der Wanderer
kaum werth, seine, den Einsturz drohenden Hallen, mit Gefahr zu
durchklettern, in deren unteren Geschossen oder einstigen Stallungen,
zum Erstaunen, noch drei Familien ihr Unterkommen finden! denen die
ewige Nässe, Rauchdünste und abstürzenden Gewölbsteine nicht genug
drohen, für ihre Armuth anderswo zu sorgen. Keiner ihrer Vorfahren hatte
einst hier geglänzt, keiner daselbst Ruhm erworben; es ist weder
Anhänglichkeit noch Vorliebe, welche sie zwingt, zwischen dem Schutt und
Gestein in den zwei Höfen Erdreich zu sammeln, darin Rüben und Bohnen zu
pflanzen, und die kleine Ernte im Greisenschlosse sich hoch anzurechnen.
Fleiß liegt unbezweifelt zum Grunde, und sollte der dem schadenfrohen
Mißgeschicke nichts abzugewinnen vermögen? Ich kroch in einen
Felsenkeller hinab, in dem statt Wein, Geismilch und Futterkräuter
stolzierten -- der einzige Leckerbissen für die hungernden Bewohner und
ihre magere Wohlthäterin. Eulen, der Ruhe gewiß, bauen auf der
ausgebrochenen Gallerie des viereckigen Thurmes rechter Hand,
unbekümmert ihr Nest; während die Besteigung des Linken, nur noch als
Wagestück mittels Leitern bezweckt werden kann, und bald auch dieser den
Luftbewohnern freien Wirkungskreis einräumen wird.
Doch erweckt das Grosse, selbst im Tode noch immer Ehrfurcht! -- Ein
Blick aus seinen ausgebrochenen Fenstern, entschleiert die prächtige
dreithürmige Abtei _Mölk_ über der majestätisch durchwogenden Donau;
östlich das kaiserliche Lustschloß _Luberek_, mit dem jugendlichen Thale
_Leiben_ im Norden, und alle die niedlichen Dörfchen und Meierhöfe, die
im idyllischen Schmucke ausgebreitet liegen, von dem sonst Holz
tragenden Weidenbache mit seinem steinernen Rechen durchflochten; dazu
drängen sich noch Wälder, Wiesen, Obst- und Weingärten, und alle
Herrlichkeiten, die im schönsten Naturkleide gerade auf diesen Zirkel
hingezaubert sind: um Seiner Majestät, unserem allergnädigsten
Monarchen, und seinem durchlauchtigsten Familienhause zum kurzen
Erholungsorte nach angestrengtesten Vatersorgen zu dienen.
Hier oder zu Persenbeug, in ländlicher Zurückgezogenheit, lebt der
grosse Monarch, dem schlichten Landmanne ähnlich, die Natur in ihren
Geheimnissen erforschend, und findet Vergnügen daran, den Betrieb seiner
Herrschaften selbst zu sehen, und die meisten seiner Unterthanen
persönlich zu kennen. Das Schloß _Leiben_ ist neu und im modernern Style
erbaut, steht aber auf dem nemlichen Felsen, wo das uralte, wegen
beständigen Unfuges 1403 durch Landmarschall Ulrich _von Dachsberg_
zerstörte Raubschloß, die Umgebung bedrohte. Zum Markte Leiben gehört
noch eine vortreffliche Papierfabrik, die aber gegenwärtig vom _Aerario_
benützt wird.
Das auf einem isolirten Felsen prangende Benediktinerstift _Mölk_ zu
beschreiben, wäre bei den hinlänglich bekannten Merkwürdigkeiten
desselben, nur eine vergebliche und voluminöse Arbeit, da hierüber
bereits die besten Werke existiren. Uebrigens muß man das Stift selbst
sehen, um ohne einer architektonischen Zeichnung, den gehörigen Begriff
von diesem schönsten Kloster der österreichischen Monarchie zu schöpfen.
Die Melk, und weiter unten die holztragende Bielach, bringen ihr
Gewässer der Donau. Beide durchschneiden schlüßlich den fettesten
Getreideboden; auch Saffran, besser als der ausländische, wird bei Mölk
gebaut. Der Markt, welcher einst eine Stadt, aber ohne Zweifel sehr fest
mußte gewesen seyn, widerstand im fünfzehnten Jahrhunderte tapfer den
häufigen Anfällen der einbrechenden Ungarn, ingleichen den
aufrührerischen Bauern 1619.
Schönbühl.
Mehrere Reisegefährten, die zu Mölk noch nie gewesen, liessen sich
ausschiffen; aber auch meine Fahrt hatte für heute bald ein Ende. Die
Schiffleute konnten wegen Kürze des Tages nicht mehr weit gelangen, sie
benützten also den guten Landungsplatz, und blieben zu _Schönbühl_. Das
früher flache Donauthal engt sich hier wieder, und zwar bis nach Stein
hinab; den Getreidebau löset der des Weines ab, welcher am linken Ufer
höchst bedeutend, am rechten aber unbeträchtlich ist; denn hier reichen
die Wälder bis Mautern.
Auf dem Felsen, wo zu _Schönbühl_ noch unlängst die Trümmer einer alten
Veste gestanden, hat nun Graf von Beroldingen, der schönen Lage wegen,
ein artiges Wohnschloß vollendet. In den beibehaltenen vorigen
Grundmauern, sind die unterirdischen Gänge, Keller und Verliesse
äusserst sehenswerth. Unten drängt sich der Markt an den Schloßberg,
gerne seine alten Häuser unter die kraftvollen Obstbäume verbergend.
Eine Viertel-Stunde abwärts, ruhet auf ähnlicher Felsenwand das zum
Schlosse gehörige Servitenkloster, mit seiner Kirche und genauen
Nachbildung des Begräbnißortes Jesu Christi zu Jerusalem. Beide wurden
1666 durch Balthasar Grafen von _Starhemberg_ im Baue angefangen, und im
Jahre 1674 vollendet; wozu noch folgendes Jahr _Eleonore_, Kaiser
_Ferdinand_ des III. Witwe, eine genaue Kopie der Geburtsstätte unseres
Erlösers zu Bethlehem hinzufügte, welche theils in Stein gehauen, theils
ausgemauert wurde. Die Kirche ist klein, aber schön, das Kloster jedoch
ziemlich beschädigt, und die frühere Zahl von zehn Priestern und einigen
Laien, auf zwei alte Herrn beschrenkt, die hier zum Absterben belassen
werden. Die Aussicht von einem kleinen Balkone auf dem Felsen, gegen die
Donau und ihr herrliches Gestade, ist der erfreulichste Punkt.
Aggstein.
Der folgende Morgen, einer jener Herbsttage, wo das fliehende Jahr noch
einmal mild und heiter lächelt, und wie ein scheidender Freund den
letzten Genuß spendet; trieb mich aus dem Schiffe, das Schloß
_Aggstein_, das einzige welches mein Fuß auf früheren Donaureisen noch
nicht betrat, genau zu besehen.
Ober dem Dörfchen _Aggstein_, hoch auf einem Waldberge, blickt es klein
und unbedeutend herab. Ein braun-rother Fels, durch die Zeit hin und
wieder schwarz und grün gefärbt, verspricht wenig Sonderliches.
Ich umging die Paar Häuschen, welche nichts weniger als Wohlstand
verriethen, und gelangte über einen Wiesenstreif zur Waldgränze. Alles
war so ausgestorben, so melancholisch stumm. Blasse Zeitlosen, die
einzigen, welche der Spätherbst erzeugt, blickten so schüchtern hervor,
als fürchteten sie für ihr kurzes Leben; die Blätter rieselten von den
Bäumen, kaum vom Lüftchen beküßt: nur die muntere Meise und der
melodische Hänfling schienen meine galanten Führer zu seyn; sie hüpften
neugierig von einer Höhe zur andern mir vor, und zwitscherten sich ihre
Bemerkungen zu. Ich freute mich dieser uneigennützigen Gefährten, die an
mir so viel Behagen zeigten, und begleitete die schneller Reisenden bis
zur schlüßlichen Höhe. Eine krumme Wiesenfläche, mit üppigen Stämmen
begränzt, ist das _Proscenium_ dieses wild pittoresken Theaters. Felsen,
wie man sie nie hier erwartet, und Mauern, die noch diese Felsen
verhöhnen, breiten sich aus im eckigen Zirkel auf dem weiten Berggipfel,
einen Wald von Fichten, Birken und Föhren auf den Häuptern schwingend.
Rings häufen sich Berge auf Berge, mit buntem Holze bewurzelt, dessen
gigantische Stämme auf ihren knotigen Aesten jahrelang Moosfelder
tragen. Abgerechnet die Mährchen von hier gehausten Riesen und
Menschenmarterern, wird doch Jedem auffallen, wie ein Mann sich selbst
Feind, solch eine schauerliche Gegend, die ihn nothwendig mehr
verwildern mußte, zu seinem beständigen Wohnorte wählen konnte. Die
Sorge für Sicherheit und Ruhe konnte ihn unmöglich, selbst in den Zeiten
des Faustrechts, so weit bringen, Felsen zu höhlen, und sich in derer
drohendsten Labyrinthen zu verbergen. Er mußte nothwendiger Weise den
Menschen Trotz biethen, und ihrem sanfteren Wirken sich lossagen wollen.
Diesen Charakter des Erbauers und Geist der folgenden Bewohner, spricht
die Ruine nach 600 Jahren, wo doch alle Umgebungen schon vielfach
gemildert sind, noch deutlich aus.
So schon für das Ungewöhnliche vorbereitet, muß man wider Willen einen
gleichen Eintritt sich verschaffen. Das Schloß ist beim Eingange mit
Bretern verschlagen, durch die ein kleines, aber (ich weiß nicht warum,)
zugeschlossenes Pförtchen führt. Dieß ist jedoch Niemanden früher
bekannt; nun muß man, um in die Veste zu gelangen, ohne erst 3 Stunden
nach Schönbühl zurückzugehen, wo Schlüssel und Führer bereit seyn
sollen, entweder über diese Breterwand klettern, oder links, durch die
ausgebrochene Ringmauer des halb verschütteten Burggrabens sich
durchzwängen, um nicht zwecklos wieder fortzureisen. Da in solchen
Hindernissen leicht der Feind bezwungen wird, so betritt man, zwar nicht
als Held, aber eben so wenig als Buschklepper, diese schönste aller
Ruinen, auf einer Donaureise von _Ulm_ bis _Belgrad_. Die Phantasie aber
wird noch mehr erschüttert, durch das ungewöhnlich Grosse aus der
unruhigen Periode entwichener Vorzeit. Im geräumigen Vorhofe, umgeben
von einer Felsenwand links, und drei Schuh dicken Ringmauer rechts,
erblickt man über dem aus Zentner schweren Granit-Quadern bestehenden
Thorbogen, das marmorne Wappen des _Jorig Scheckh von Wald_ vom Jahre
1228. Nun gähnet links im Schloßhofe eine Reihe von Gewölbern; auf ihnen
ruhen die Reste der Gemächer und Säle; hinter denselben erhebt sich, wie
eine Pyramide, ein thurmhoher glatter Fels, auf den man über hölzerne
Stufen (welche der gegenwärtige Besitzer, Graf von Beroldingen, eben so
zu den in Westen trotzenden Thurme, zimmern ließ,) empor klettert. Ein
dem Schwindel Unterliegender dürfte hier schwerlich Vergnügen finden,
auf engen Bretchen, die überhängende Felsenwölbung zu passiren. Doch
kühnere Bewohner fand ich oben, Eichhörnchen, die von gesammelter
Nahrung pfeilschnell über einiges Felsengesträuch hinabsetzten, mir ihr
Mittagsmal überlassend. Aber ich rächte mich nicht, wegen des
Mißtrauens, und ließ Eicheln und Waldnüsse unberührt. Eine Bank, in
Gesellschaft dürrer Föhrenbäumchen, die ihr mühsames Leben aus dem
verwitterten Mauerwerk und kahleren Felsen schöpfen, gewähren hier einen
tragischen Ruhepunct. Die Gegend ist enthüllt, weiter strebt das Auge,
aber keine lustige Flur lagert sich unter dem Horizont, kein Schnalzen
der Hirten verscheuchet die Stille, weder rasseln die Wägen über
bestaubte Hauptstrassen. Wälder, Wiesen und Aecker scheinen mit der
Veste so harmonisch gealtert; selbst die Weingärten, die links an der
Donau um Schwallenbach gelagert, sonst so kräftig aufblicken, ruhen
ihrer Früchte beraubt, entstellt im dürftigen Kleide, neues Leben
erwartend. Nur die Donau, immer fortwandernd, wenn auch Perioden sie
erhöhen oder verkleinern, ergießt sich im geengten Thale mächtigen
Laufes, drohend, eher die Berge zu zerreissen, als den gewohnten Gang in
Schlummer zu wiegen.
Ich verließ diese Stelle, welche früher noch mit einem Wartthurme möge
besetzt gewesen seyn, welches aus den grossen, noch aufgemauerten
Quadern, zu schliessen ist. In der Runde durchdrang ich nun sämmtliche
zahlreiche Gemächer, wovon keines mehr ein Dach, nur wenige aber
Wölbungen besitzen, die bald der darauf prangende Wald einzudrücken
droht. Dem Schutte mich endlich entwunden, erstieg ich die höchste
Fronte des Schlosses, wozu nordwestlich auch zwei Leitern führen. Ganz
aus Granit ist die Scheidewand, und der einigermassen abgeworfene Thurm.
Im Hinabblick erkennt man deutlich die Kapelle, in der sich nun zwei
grosse Fledermäuse tumelten, so wie die Küche, deren Schwärze der Mauern
sich ausnimmt. Ich kletterte noch höher, und zwar über die Ringmauer des
Hauptgebäudes, und kam über Schutt, in den nördlich auf dem Felsen
befindlich gewesenen Garten. Hier ist der höchste, aber auch
schaudervollste Punkt des Ganzen. Grauen fühlt die kühnste Seele bei dem
Gedanken, daß auf dieser ungeheuren Felsenwand, an die selbst die
schlankesten Tannen nur zur Hälfte herauf reichen, denen Rittern der
Erholungsort, und zugleich Hinrichtungsplatz ihrer armen Gefangenen[38]
gewesen sey. Wie konnte ein Mensch, selbst der wildeste (wenn ja die
allgemeinen Nachrichten sich bewähren,) noch an der Stelle Vergnügen
finden, wo ein armes Schlachtopfer seiner Habsucht oder Rache unschuldig
verblutete? Ich legte mich nieder, und sah hinab in diese perpendikuläre
Tiefe, von der hinabgestürzt, kein lebendes Wesen je wieder aufathmen
würde.
[38] Sie wurden (nach der Tradition) früher mit grossem Lösegeld
belegt, und wenn dieses entweder zu kärglich oder spät eintraf, vom
Fels in den Abgrund gestürzt. Diese Barbarei galt hier vorzüglich im
13. und 15. Jahrhunderte.
Erfreut, daß hier Niemand mehr (wenigstens nicht gezwungen,)
hinabspringen müsse, durchkroch ich die rückseitige Fronte, wo einige
Gemächer in Felsen gehauen, für ewige Zeiten trotzen; eben so dauerhaft
schien mir der breite Thurm, besonders wenn er, was von dem hochherzigen
Besitzer nicht zu befürchten ist, eben so wenig von späteren, vielleicht
eigennützig denkenden Eigenthümern, der schönen Granitsteine wegen,
abgerissen wird.
Ein Loch mitten im Schlosse hatte noch meine ganze Aufmerksamkeit
gefesselt. Unwissend, ob es zu tieferen Kerkern oder Brunnen führe, ließ
ich, um den Grund zu erforschen, eine brennende Kerze an der bei mir
führenden Schnur hinab. Doch kaum, daß ich gebückt ihr nachsehen wollte,
als mir eine Schwadron zischender Fledermäuse unter die Arme und übers
Haupt wegflogen, und den ganzen Burghof mit ihren eckelhaften Gestalten
besetzten; sie waren aus dem Winterschlummer geweckt worden, und trieben
desto ärger ihre Zischerei; ich wollte diese Unholde daher zur Ruhe
bringen, und schoß ihrer zwei herab; doch nun wurden erst alle die
anderen unvermutheten Schloßbewohner belebt. Mehrere Wildtauben,
Wasservögel und etliche Duzend Dohlen umwirbelten die Ruinen, von denen
letztere durchaus nicht verscheucht seyn wollten. Ich erwählte daher
eine zur bleibenden Pförtnerinn, und wohl getroffen schenkte ich ihr
dann ein Plätzchen an der Wölbung des äusseren Thores. Nun setzte ich
meine vorige Untersuchung fort, und fand ein 3 Klafter tiefes, und eben
so viel unten erweitertes, aus Felsen gehauenes Gewölbe; es mag
wahrscheinlich eine Zisterne gewesen seyn, die nun theils durch Schutt,
theils durch Unpflege ausgetrocknet ist. Am Boden bemerkte ich ein
Skelet eines vierfüssigen Thieres, wahrscheinlich von einem Hunde oder
Fuchse, der wie immer hier möge hinabgestürzt seyn; ein einzelner
Mensch, der unbedachtsam diese Oeffnung übersehend hineinfiele, wäre
nicht minder dem schmerzvollsten Tode Preis gegeben. Uebrigens war
keines der anderen unterirdischen Gewölber weit zu verfolgen, Schutt,
die letzte Gewalt der Ohnmacht, verboth es geradezu.
Nun meinen Abschied, ihr düsteren Reste rauher Befehlshaber! Emsig schuf
euch der sinnreiche Geist erfindender Menschen, ohne daß ihr zu deren
Gutem gewirket! Die Zeit, gleich streng wie der Richter, hat euch sein
Todesurtheil gesprochen. Sie überwand in Jahrhunderten manche
Riesenwerke, sie überwindet die Menschen, und deren kühnste Entschlüsse!
Keine scharfen Hufe breit bebrusteter Schlachtgaule entschlagen noch
Funken dem Felsgrund, keine erprobten Schwerter beschimmern mehr die
Reihen hellgepanzerter Streiter, weder beflügelt der Ruf des furchtbar
donnernden Ritters die willigen Knechte zum Ausfall. Aber auch keine
Klagen, keine Thränen mißhandelter Brüder flehen um Barmherzigkeit,
keine verzweifelnden Menschen verbluten durch Meuchelmord. Ruhig ziehen
nun belastete Schiffe, vom Burgwärters Horne nicht erschreckt, und des
abgezwungenen Tributes gewärtig, die Wasserstrasse hinab. Die Männer
sind verwesen, die das Leben eingesetzt, um die Ruhe des Bürgers, die
Sicherheit des Wanderers zu gefährden; aber ihr Daseyn lebt, lebt in der
Geschichte, und in den Mauern der Veste!
Ich verließ, ohne durch grosses Lösegeld oder vollbrachte Schandthat mir
den Ausgang zu verschaffen, das Schloß, ganz überzeugt, daß ich auf
dieser Höhe die schönste und dauerhafteste Ruine kennen lernte.
Spitz, Untermhaus.
Zu meinem Verdrusse mußte ich nun, wegen Mangel eines Schiffes, die
Reise zu Fusse fortsetzen. Der Hufschlag[39] am rechten Ufer, der
zugleich eine Fahrstrasse bildet, ist sehr schön, wurde aber auch mit
grossen Kosten durch Wegnahme von Felsen und Erdhügeln, vor zwei Jahren
durch Seiner Majestät Gnade angelegt. Gegenüber dem unbedeutenden
Oertchen _St. Johann_ und _Oberarnsdorf_, wo aber einst das alte
_Cetium_ der Römer soll gestanden haben, erblickte ich am linken Ufer
die bekannte Teufelsmauer, eine zwischen 3 bis 5 Klafter breite, zur
Bergspitze fortlaufende Felsenwand, die mit einer von Giganten erbauten
Mauer die größte Aehnlichkeit hat. Unten tiefer erscheint der weinreiche
Markt _Spitz_, um einen Hügel gebaut, dessen Trauben allein jährlich bei
mittelmässiger Ausbeute 1000 Eimer Most bringen[40]. Der Wein wird
übrigens hier, zu Krems und überhaupt im Obermannhartsberger-Bezirke
weit mühsamer, als im Unter-Wiener-Walde gebaut. Die Stückchen Erdreich
müssen öfters mit Gewalt von den Felsen gewonnen werden; um aber selbes
beim nächsten Platzregen nicht wieder zu verlieren, so macht man lauter
kleine, mit zusammengelegten Steinen begränzte Flächen, wodurch nun die
Weingärten wie Bastionen aussehend, meistens klafterhoch über einander
sich erheben, dabei aber im Sommer ein schönes Ansehen gewinnen. Diese
Mühe wird dagegen mit einer grösseren Ausbeute gesegnet, die zwar in der
Qualität jener des Unter-Wiener-Waldes stets nachsteht, aber zur langen
Aufbewahrung sehr geeignet ist. Ich überfuhr von _Arnsdorf_ die Donau,
um in _Spitz_ mich zu restrauriren. Die alte Veste _Untermhaus_, welche
nordwestlich von _Spitz_ auf einem bewinzerten Felsenberge ruht, dürfte
Jedem, der hier zureiset, nicht unbetrachtet bleiben. Die mässige Höhe
biethet, nebst einer schönen Uebersicht der Weingebirge, Donau und
reinlichen Häuser, die in angenehmer Reihe nächst dem Spitzbache
fortlaufen, einen pittoresken Anblick der grauen Ruine. Die Ringmauer
ist noch erhalten, deßgleichen ein ungeheuerer viereckiger Thurm, dessen
Eingang nur mit einer Leiter oder durch Stricke bezweckt werden kann,
und in dem sich tief unten noch ein Burgverließ befindet; aber von den
übrigen Gemächern, Stallungen etc. sind nur noch die Hauptmauern übrig.
Dieses Schloß, dessen Entstehen sich in die graueste Vorzeit verbirgt,
soll durch Hanns _Stickelberger_ 1409 eingenommen und zerstört worden
seyn; doch ist es wahrscheinlich, daß es später wieder erbaut wurde, und
erst von den Schweden 1645, die fast alle Schlösser in der Umgebung
vertilgten, seine gegenwärtige Gestalt erhielt.
[39] Wird der, neben Strom hinlaufende, gewöhnlich ganz unkultivirte
Pfad genannt, worauf nur die eingeübten Schiffzugsrosse ihre gewaltige
Last fortzuschleppen vermögen, und auch ebendaselbst ihr tägliches
Nachtlager, vom zeitlichsten Frühjahre bis zum spätesten Herbst,
streulos finden!
[40] Daher das gemeine Sprichwort:
Da mitten im Spitz wächst immer mehr Wein,
Als d’Reben den fett’sten Gemeinden verleih’n.
Dieses stolze Bekenntniß soll fortwährend auf dem Hause des reichsten
Weinbauers aufgeschrieben gewesen seyn, bis 1805 die eingerückten
Franzosen diese Prahlerei gehörig beherzigten, und jetzt Niemand mehr
wagt, mit seinen Vorräthen bei Fremden oder Einheimischen sich zu
brüsten.
Herrlich hat jedoch hier die Hand des Fleisses jene der Zerstörung
überwältigt. Zwischen dem Schutte und auf den Abstufungen des
Schloßfelsens hat des Winzers rastloser Fleiß der zarten Rebe das Leben
angewiesen, sie wuchert, von ihm gepflegt, mit jugendlicher Kraft, und
schwingt sich als Bewohnerinn der Höhe, durch Güte zur Beherrscherinn
der Umgebung, wie kaum deren einstig stolze Gebiether es durch Blut und
Schwerter vermochten. Wie schön würde die liebe Welt seyn, wenn die
neuerungssüchtigen Menschen lieber zu pflanzen als zu zerstören sich
beeifern möchten! Die Erde wäre ein Paradies, mit Ruhepuncten der
Seligkeit!
In _Spitz_ miethete ich einen Kahn, und fuhr die drei Meilen Weges bis
_Stein_ in 2 Stunden. Ich und mein kräftiger Schiffer wollten einander
die Stärke des Ruders beweisen, ohne daß es einen Wettkampf, sondern nur
gleiche Meinungen gab. Die passirten Märkte _Wesendorf_ und
_Weissenkirchen_, am linken Ufer, sind der gothischen Kirchen wegen
merkwürdig, so wie ihres Weinbaues bekannt.
Dürrenstein.
Berüchtigter sind die Ruinen der alten Veste Dürrenstein, deren kleinem,
aber von der Donauseite recht artigem Städtchen, man allmählig naht; wer
aber die in krummen und schmutzigen Gässen gereihten 66 Häuser, von der
Landstrasse ansieht, würde hier kaum einen Markt vermuthen; denn die
drei schönsten Gebäude, die Kirche, das aufgehobene Augustinerkloster
und Schloß des Herrschaftsbesitzers, Herrn Fürsten v. _Starhemberg_,
bilden die Fronte am Strome.
Die Reste der auf zackigen Felsen traurenden Veste _Dürrnstein_ sind zu
bekannt, als daß man hier noch neue Notizen anführen könnte; aber auch
das Bekannte erregt immer wieder Bewunderung, wenn es etwas
Ausserordentliches ist. Leider aber neigen sich diese Ruinen allmählich
schneller zum Grabe; nur weniges Gemäuer, ohne Thurm, ohne Gewölber, ist
noch übrig, und dieses Wenige werden in einigen Jahren die Verwitterung
und häufigen Besuche der Fremden, von denen Jeder wenigstens einen Stein
über die schroffe Felsenwand hinabrollen läßt, gänzlich aufzehren. So
viel ist gewiß, daß diese, wie Obelisken aufsteigenden Felsenblöcke,
selbst dann noch die Aufmerksamkeit Vorbeireisender fesseln werden, wenn
auch gar nichts mehr von dem Gemäuer übrig ist, welches den
unvergeßlichen Löwen der Regenten Englands, König _Richard_, in der
Kraft seines Lebens im Jahre 1193 eisern umschloß. Denn nimmer werde ich
glauben, daß Ritter Hadamar _Chunring_ den ihm vom Herzog _Leopold_ VI.
übergebenen hohen Gefangenen so wenig geachtet habe, daß er demselben
zum Wohnorte (wie allgemein die Sage herrscht) den im Granitfelsen
gehauenen, ein kleines Viereck bildenden Kerker ohne Fenster, anwies;
welcher wahrscheinlich nur für die ärgsten Verbrecher bestimmt war, und
für alle Zeiten unzerstörbar, noch jetzt Grauen bei dessen Besichtigung
erregt.
Die Veste _Dürenstein_ wurde im März 1645 von den Schweden 13 Tage
belagert, endlich im Sturme eingenommen und verbrannt. Auch in neuerer
Zeit ist diese Gegend wichtig geworden.
Am 13. November 1805, als die Franzosen unter Marschall _Mortier_ in
ihrer bestens vermutheten Sicherheit rings in den Ortschaften
einquartirt waren, führte ein Bauer, der Gebirgswege wohl kundig, durch
beständige Wälder und Gestrippe eine Abtheilung von Russen und
Oesterreichern über _Els_ und _Lobendorf_ durch das Thal bei Dürnstein
gegen die Feinde, indeß eine zweite Kohorte über _Loiwein_ und
_Sänftenberg_, längs des Kremsflusses, auf letztere vorrückte. Dieser
doppelte unerwartete Angriff schaffte der minderen Anzahl der
Kaiserlichen, den vollkommensten Sieg, wurde aber mit dem theueren Leben
des die Oesterreicher befehligenden Generals _Schmidt_ und vieler seiner
Getreuen besiegelt. Von den Franzosen, die sich größtentheils über die
Donau retten wollten, ertranken die meisten.
Dankbarkeit hat dann dem gefallenen Helden ein marmornes Denkmal
zwischen Stein und Krems errichtet, und zwar auf dem Promenadeplatz;
weil der Oesterreicher sich überall lieber frühzeitigen Ehrentod
wünscht, als unberühmt später zu verhauchen, und Beispiele davon auch
auf Erlustigungsörtern die herrschenden Gesinnungen adeln.
Stein und Krems.
Ich stieg aus unter der Brücke zu _Stein_, meinem _wackeren_ Fuhrmanne
einen _gleichen_ Imbiß vergönnend für seine Bemühung. Eine ganze Flotte
von verschiedenen Formen und Ladungen lag zur morgigen Abfahrt bereit;
das Feuer auf den Kehlheimern, der dampfende Rauch aus den Oefen der
Schiffshütten, gewährte im Abenddunkel den Anblick eines schwimmenden
Dorfes, Schiffleute balanzirten, manches Nöthige herbeiholend, auf
Rudern und Stangen über die Fluthen zum Schiffe. Hohenauer Schiffsrosse,
stark wie Elephanten, wiherten und stampften mit gleicher Gewalt am
Hufschlag. Wenn man so siebenzig oder mehrere Meilen auf Hauptströmen
einer Residenzstadt zureiset, und mehr und mehr die Karavanen mit Waaren
und Lebensmitteln aus sämmtlichen Bezirken zusammenfliessen sieht, die
nur bestimmt sind, vom grossen Magen der Hauptstadt verbraucht zu
werden, so scheint es unglaublich, daß alle diese grossen Bedürfnisse
für immer herbeigeschafft werden können, ohne die Provinzen zu plündern,
oder sie Mangel leiden zu lassen; ein vorschneller Beobachter wird dann
gehäufte Menschenmassen entkräftend für die Monarchie nennen. Aber
gerade darin zeigt sich das Leben und ein wahrer Reichthum der
Unterthanen, wenn sie Gelegenheit haben, ihre Erzeugnisse in Geld
umzukehren, Wälder und Gründe geltend zu machen, und mehr zu verdienen,
als sie selbst zur kümmerlichen Daseynsfristung bedürfen. Sie werden in
den Stand gesetzt, auf Kultur und Bildung etwas zu verwenden; und wo
diese Wurzel faßt, ist der Wohlstand des Staates und die Vaterlandsliebe
der Unterthanen gesichert.
Das finstere _Stein_, das mir mit seinem elenden Kiespflaster,
aufgehobenen, zu Salz-Niederlagen verwendeten schwarzen Klöstern, und
krummen Gässen bei Tage nie einladend schien, konnte mich auch Abends
nicht fesseln. Ich ging, ein besseres Gasthaus zu wählen, nach _Krems_,
welches zwar ebenfalls nicht allzu belebt ist, aber breiterer Gässen und
reiner, zum Theil schön gebauter Häuser sich erfreut. Die Pfarrkirche,
wegen ihrer künstlichen Wölbung ein Meisterstück, so wie das Piaristen
Kloster etc. geben anziehende Prospekte; doch von den Ruinen des
ehemaligen Schlosses ist kaum noch etwas zu erkennen; Nußbäume bringen
darauf herrliche Frucht. Beide Städtchen sind übrigens wegen Bereitung
des Senfes (nicht Anbauung, weil das Mehl eingeführt wird) berühmt.
Kremsthal und Sänftenberg.
Am andern Morgen war jede Wasserfahrt vereitelt; ein Sturm, als hätten
sich Schlünde geöffnet, jagte die Wogen wie auf Leitern empor. Die
Schiffknechte hatten vollauf zu thun, ihre getauchten Fahrzeuge nur vom
einströmenden Wasser zu entledigen. Dem langsamen Fuhrwerke der
Landkutscher nicht fröhnend, beschloß ich lieber den angenehmen
Umgebungen einen Tag zu widmen.
Das parthienreiche Kremsthal wird nie vergessen werden, wenn man einst
im Lenze oder Sommer alle seine Herrlichkeiten durchwanderte; der
traurige Spätherbst hingegen ist desto weniger geeignet, einen solchen,
in früheren Jahren dargebothenen Genuß, noch zu überwiegen;
demohngeachtet glaube Niemand, eine Scene gehörig aufgefaßt zu haben,
wenn er sie nicht in gewechselter Jahreszeit gesehen hat. Man sucht dann
forschend alle die theueren Stellen wieder, die einst so hold
zugelächelt, so wohlthuend gewesen! Viele derselben haben bereits eine
ernsthaftere Form angenommen; viele sind gar nicht mehr! Eines dieser
letzteren war das felsgebietherische Schloß _Rechberg_, welches seit dem
zwölften Jahrhunderte als sorgsamer Wächter das ihm huldigende Thal
überschaute. Die Ritter von Rechberg, _Otto_, Domvogt von Regensburg,
Herzog _Leopold_ der VI. und die Freiherrn von _Hoheneck_ hielten es
werth, dieses ihr Eigenthum vor der zernagenden Gewalt feindseliger
Gewitter und gleichgesinnter Männer zu schützen. Noch vor sechs Jahren
hatte mir dieser ehrwürdige Alte, bei einem plötzlichen Unwetter, Schutz
und Lager in seinen standhaften Mauern gespendet; sein Dach trieb die
Ströme ab, die nach dem Inneren zielten. Die reinen Gemächer, gleich
angenehm zur Uebersicht und Benützung, sind nun entschwunden. Graf
_Falkenheim_, der vielleicht dieses Schloß nie sonderlich geachtet,
verkaufte es um einige hundert Gulden an die dasigen Unterthanen, die,
als gemeine Menschen hocherfreut einen Gewinnst zu ziehen, ihren
ehemaligen Beherrscher zu Boden warfen, in seinen Körper sich theilend.
Noch war man mit Wegnahme der letzten Steine, Ziegel und Eisenstangen
beschäftigt, als ich mit Befremden diese Veste suchte. Das Malerische
des Thales verliert dadurch ungemein.
Das Dörfchen _Imbach_ mit seinen Weingärten, und der den Hintergrund
schliessenden Ruine _Sänftenberg_, könnte als Muster zu jeder schönen
Landschaft dienen; denn indeß Oekonom, Botaniker und Mineraloge
reichliche Nahrung für thätigen Geist fühlen, vertieft sich der Freund
des verlassenen Alterthums in ernsthafte Betrachtungen.
Nicht so sanft als sein Name, führt der, zum Theile mit Reben bepflanzte
Felsenberg hinan. Das Mauerwerk ist ganz Granit; in dem Schloßgraben,
der mehrere Klafter tief und breit in Felsen gehauen, mit ungeheuerer
Mühe und nur in den barbarischen Zeiten, wo Leibeigene umsonst die
härtesten Arbeiten verrichten mußten, bezweckt werden konnte, stehen
noch die zwei Pfeiler von der ehemaligen Zugbrücke. Einen grossen
viereckigen Quaderthurm hat die Zeit gespaltet, ein Theil liegt in
Trümmern, indeß die andere Hälfte noch den Endkampf erwartet. Ein
runder, die Zugbrücke vormals beherrschender Thurm, hat noch einige
Stufen, und nützte unlängst zur Landesvermessung; fest stehet am Gipfel
das Zeichen davon. Die Ringmauern nördlich sind noch erhalten, ganz
zerstört aber im Süden. Es muß ein schönes und festes Schloß gewesen
seyn, das zeigen dessen grosse Fenster, weiter Burghof und vielen
Scheidewände, endlich die Anzahl unterirdischer Gewölbe und Gänge, deren
einen ich 22 Schritte verfolgte, bis er immer niedriger geworden, die
weitere Promenade unmöglich machte. Die Aussicht ist genügend, wenn auch
nicht allzuweit reichend, der Hinabblick aber auf den von Mühlen
durchwirbelten Markt _Sänftenberg_, stolz gebietherisch. Eine schroffe
Felsenwand nach Nordwesten, macht es möglich, jedes einzelne sich unten
demüthig andrängende Hüttendach und jeden Vorübergehenden, mit einem
Steine zu zerschmettern. Diese, dem mächtigen Ritter Reinprecht von
_Wallsee_ gehörige Veste, wurde durch Herzog _Leopold_ des IV.
Partheigänger, Hanns von _Stückelberger_, im Jahre 1409 eingenommen.
Ein Hirte trieb itzt emsig seine Schafe und Ziegen auf die bessere
Trifte hinab, weil, sagte er, auf diesem Neste doch gar nichts Gutes
mehr zu finden wäre. -- Ihr Geister der abgestorbenen Eisenmänner!
belebt euere schlummernden Hüllen! Verstümmelt, zernagt, hält man euren
Ursitz, um den so viel Blut geflossen, nun länger nicht werth, daß
Thiere denselben durchstreifen! -- Man sehnet sich gerne ins Freie aus
diesen mit Schwermuth belasteten Wänden, damit lustige Gedanken die
trüben Ideen verwehen.
Wer die rings gelagerten Berg- und Waldgipfel ganz seiner Aufmerksamkeit
würdigt, geräth in Versuchung, zu glauben, sie wären ein englischer
Garten, der, um weniger Besucher zuzulocken, von dem Eigenthümer so
geheim gehalten werde. Waldparthien aus dem buntesten Holzgemische;
Wiesen, die noch im Spätherbste ungemäht scheinen; und Kristallbäche, in
deren kunstlosem Felsenbassin sich Heere gold-getupfter Fischchen
tumeln; endlich Dörfer (wie _Egelsee_), die in arkadischer
Zurückgezogenheit mit wollüstiger Aussicht jubeln; oder (wie _Wachau_)
in gewürzter Luft auf duftenden Kräutern schwelgen. Freilich muß man
dazu Tage verwenden und wohl zu Fusse seyn, da diese Genüsse nur durch
eigene Kraft, die sich aber eben dadurch vielfach vermehrt, errungen
werden können.
Noch ist im Kremsthale eine Papierfabrik, und weiter unten, nächst den
Alaungruben, die Verfertigung des Kremserweisses besehenswerth.
Göttweih.
Nachmittags ging ich über die hölzerne lange Brücke, von der alljährig
wenigstens einige Joche als Tribut des Eisganges abgerissen werden,
durch das Städtchen _Mautern_, welches von seiner einstigen Schönheit
nichts mehr besitzt, in einer Stunde nach dem Kloster _Göttweih_. Der
Berg ist zwar steil, aber selbst in der Sonnenhitze durch angebrachte
Bänke und einen jungen Eichenwald, auch vom schwächsten Fußgeher leicht
zu besteigen. Das Kloster, welches zwar unausgebaut, aber dennoch mit
der Kirche und allen Nebengebäuden die ganze weite Bergfläche einnimmt,
bildet eine Art eigener Gemeinde; Fleischer, Bäcker, Maurer,
Schuhmacher, ja fast alle Professionisten und Handwerker sind oben zu
dessen Dienste bestimmt, wohnhaft anzutreffen. Der Zehentwein wird in
herrlichen Kellern verwahrt, das Gemüse im geräumigen Garten gebaut, nur
das Holz wird durch künstlichen Aufzug in zwei Wägen aus dem Thale auf
den Berg getrieben.
_Göttweih_ mit seiner unschätzbaren Bibliothek, Mineralien und
Conchylien-Sammlung etc. hatte ich schon öfter gesehen; ohne daher die
Bereitwilligkeit der Religiösen wieder in Anspruch zu nehmen, benützte
ich die Erlaubniß, von einem der zwei grossen Kirchthürme die Blicke
nach meiner Heimath zu senden. Das Herz hatte ihr schon einige Tage
zugeschlagen, nun sollte sie das Auge erkennen. Wer schon ein Freund
schöner Uebersichten ist, findet sie doch niemals dankbarer, als wo uns
die heimischen Plätzchen und deren Umgebung so nach und nach enthüllt
werden. _Göttweih_, das allen Zureisenden von jedem Orte auffällt, und
lange Zeit ihnen nachblickt, verdient, daß man noch 120 Stufen daran
wende, die alt gewordene Erde unter dem gewölbten reinen Himmelsbogen zu
durchforschen. Hier ist das Haupt, um das sich ein Diadem reich
geschmückter Landschaften windet. Dörfer und Städte, Märkte und
Schlösser biethen einander die Hand, um sich im Wohlstande zu heben. Der
üppige Boden vermag mit vielfältigem Fruchtsegen den grossen Erwartungen
patriotischer Herzen zu entsprechen. Fort eilt dann der Ueberfluß nach
dem Wohnort der Güte, den bald die Donau zeigt. Kein Arm ruht, kein
Spate rostet, die Kräfte übet das Kind und der Greis; die Arbeit würzet
das Leben, laut verkünden dieß trillernde Lieder! Muthig wiehert der
Hengst, obgleich jüngst der Pflug ihn ermattet -- er unterlag nicht!
Ohne Zwang eilen die Kühe zum Stalle, den erworbenen Besitz abzugeben --
sie sind nur zum Nutzen geschaffen! Schwere Wägen mit Fässern harren am
Berge der Landstrasse, Vorspann erwartend; denn die Traube erfordert
noch viel Mühe, bis als geistreicher Wein sie ferne Genuß spendet!
Itzt läutet die Glocke zur Ruhe; rings sammeln sich in Häusern die
gewohnten Gäste, das Lobgebeth anzustimmen vor dem Mahle für Gott und
Regenten! Doch jener einzelne Pilger dort am staubigen Pfade, scheint
vom erquickenden Imbiß ausgeschlossen, ärmlich ist sein Aeusseres, weit
kein Ruheplatz, dennoch muthig seine Schritte? Ihn stärket die Hoffnung!
-- Mit Wohlgefallen taucht sich die Seele in süsse Ahnungen; die
hingezauberten Bilder zeigen dem geschmeichelten Geiste in schönster
Wirklichkeit und glücklichster Phantasie, das gleich erhabendste Ideal!
Röthlicher färbt sich die Himmelsdecke, kühler ziehen die Lüfte, der Tag
kämpft, Laub und Gras verbirgt seine Bewohner; itzt umschwimmen leichte
Dünste die Donau; schon behauchen sie die finsteren Auen bis _Stokerau_
im Osten; die Dörfchen darin, bei Tage nicht wagend hervorzublicken,
ergeben sich ihrem Schicksale, das früher der Nacht sie unterzieht.
Allmählig mindert sich der Gesichtskreis, aber das Wenige wird desto
sorgsamer bewacht, man fürchtet, bald alles zu verlieren! Nun gatten
sich Wolken, gekettet wird die Finsterniß, und unversäumt folget die
Nacht.
Lichter schimmern aus Fenstern itzt allenthalben, wie Trost im Tode, der
doch nicht das verlorene Gut zurückbringen kann, aber wenigstens sich
mit etwas begnügt!
Ich eilte vom bewaldeten Berge, die Durchsichten wohl beachtend, in
welche sich das Auge sonst gerne zu verlieren liebt, und die nunmehr zur
Beirrung des Wanderers ausgehauen schienen.
Die Schiffleute betrübten mich mit der Versicherung, daß morgen
schwerlich Windstille eintrete, und auf keine Fahrt zu denken sei.
Gleichwohl glaubten andere, daß bei mässigem Winde die Fleischer, welche
nothwendig Mittags am Markte zu Wien seyn müßten, ablaufen würden.
Schlüßliche Wasserfahrt.
Froh, schnell fortzukommen, sprach ich mit einigen jener letzteren, und
ließ mich geduldig um 4 Uhr Morgens zu dieser Expedition abrufen.
Der Mond wies sein silbernes Horn, beissende Kälte rüttelte die Glieder,
alles genoß noch Ruhe, wir aber erweckten gegen Tausend, das heißt
Kälber, Schafe und Kühe. Ich erschrack über diese, meine Erwartung
übersteigende Gesellschaft, sechs Ruderer aber liessen mich nicht lange
überlegen, die Plette[41] jagte von dannen. Anfänglich suchte ich mir
Wärme beim Ruder zu verschaffen; bald aber war dieß nicht möglich, die
Ausdünstung und das Geplär der Thiere war unerträglich! Solches Fuhrwerk
möge Jedem eine hinreichende Warnung seyn: indem selbst ich, sonst gerne
zu Wasser fahrend, nach einer Stunde lieber zu Fusse, oder mit dem
elendesten Landfuhrwerke nach Wien zu gelangen wünschte. Vergebens! es
war zu früh, als daß ich hätte die Hoffnung nähren können, durch die des
Almosen-Sammelns wegen zufahrenden Kähne, an das Land zu kommen.
_Holenburg_ mit seinem alten Ritterthurme und dem schönen, vom Besitzer
Freiherrn von _Geymüller_ erbauten Lustschlosse, lag in der Dämmerung
bereits hinter uns. Doch bald brachte die silberschäumige Traisen[42]
von _Zells_ bekanntem _Josephsberge_ den Morgengruß. _Traismauer_ und
das vom gelben Kamp-Flusse bespühlte _Grafenwerth_, zeigten über die
Auen die spitzigen Kirchthürme. Nun erhob sich die Sonne höher und
höher, den geschaffenen Tag betrachtend; ihr folgte der Wind, zügellos,
mit wildem Ungestüm alles übern Haufen werfend. Wellen schlugen in die
getauchte Plette; einige Kühe erschreckt, bäumten sich, und schaukelten
das Schiff gewaltig. Die Metzger suchten sie zu beruhigen, indeß die
ganze Mannschaft, selbst die Fremden, nothgedrungen zum Ruder greifen
mußten; augenscheinlicher Gefahr vorzubeugen. Rechts und links war kein
Landungsplatz, Wasser wurde immer häufiger ausgeschöpft; schon blickte
_Tulln_ uns an, schon tröstete _Hadersfeld’s_ verschönerte Waldhöhe über
_Greifenstein’s_ Felsen sich erhebend, als wir mit wüthender Gewalt
links in eine Bucht geschleudert, Halt machen mußten; ein Strom übergoß
die armen gebundenen Schlachtopfer der Kälber und Schafe, und schnell
mußte das Hornvieh aufs Land gesetzt werden, um den Untergang der
schlecht verwahrten Plette zu hindern.
[41] Fahrzeug mit niederer Wand und sehr breitem Boden, wird auch
gewöhnlich zu Getreide-Fuhren verwendet.
[42] Entspringt auf dem Traisenberge, nächst dem Anna- und
Josephsberge, in Niederösterreich.
Wanderung nach Wien.
Nachdem ich mich von deren Rettung überzeugt, und den Weg gehörig
erwogen hatte, ging ich mit drei Bürgern von Krems, die ebenfalls ihr
Unstern auf das Schiff gebracht hatte, durch die Auen dem
Fischer-Dörfchen _Neuaigen_ zu. Die Metzger und Schiffleute hatten
übrigens Muße genug, über die lästige Fügung und Aetzung ihrer
gemarterten Vierfüßler auch noch den folgenden Tag nachzudenken, der,
wenn möglich, noch stürmischer war. Nach zwei Stunden gelangten wir zur
Tullner-Ueberfuhr. Glück für uns, daß dieses Jahr hier eine, der
Preßburger ähnliche fliegende Brücke errichtet wurde, schwerlich hätte
man uns sonst in einem Kahne ausgeholt.
Die alte Stadt _Tulln_, welche ausser einem mässigen Mittagsmal mir
nichts Angenehmes darboth, wurde ungeachtet ihres Römerthurmes und
sonstiger Antiquitäten doch bald verlassen. Ich durchwanderte das weite
Tullnerfeld, dessen wohlthuender Fruchtboden, im Jahre 1813 zu hohen
Schanzen gethürmt, so kriegerisch werden sollte. Links lächelte mir das
warme _Königsstätten_[43], seines früh reifenden Obstes wegen bekannt;
nun zwar gealtert, verrieth doch immer seine Gestalt die frühere Fülle.
[43] Dieser schöne Markt, gegenwärtig Sr. Exellenz, Herrn Grafen von
_Bellegarde_ gehörig, liegt auf einer Anhöhe gegen Osten, beglückt
durch die reinste Luft Nieder-Oesterreichs.
_Aeolus_ bestrich die dürren Stoppel der Felder, jagte die Wolken, und
tumelte die Wetterfahnen auf den Thürmen; kalte Tropfen fielen hie und
da, den Wanderer zu grösserer Eile anspornend; hinab sprudelte der Bach,
und trug häufiger den verlornen Schmuck fester Buchen von dannen.
Schneller durchschritt ich die welken Weingärten nächst den Dörfern
Wilfersdorf und Ollern, welche nun vernachlässiget, unverhindert die
näheren Fußsteige nach Sieghartskirchen bothen. Links nahte sich der
kalte Riederberg mit seinen gelichteten Wäldern im vielfärbigen Kleide.
Ernster als sonst schien er umher zu blicken, besorgt, bei baldigem
Froste viele seiner Sprossen abgeben zu müssen. Schlanke Zöglinge,
schwarzgrün gekleidet, und hie und da grössere Gruppen bildend, bald
wieder vereinzelt, suchen ihre Vorzüge über andere Gefährten itzt
besonders geltend zu machen. Stolz auf ihren Glanz drängen sie sich
auffallend dem Wanderer vor die Augen, der klug prüfend, an diesen doch
nur gehaltloseres Holz erkennt!
Schöner wäre der Weg über das Fürst _Lichtenstein_’sche Schloß
_Neulengbach_, dann Rechenwinkel, Preßbaum etc. gewesen, wo die Natur
noch einmal alle ihre Reitze aufbiethet, den Pilger zu fesseln; allein
der unfreundliche Tag und die nassen Waldsteige verbothen diesen letzten
Gewinn. Mit dem in ganzer Fülle Genossenen befriedigt, stieg ich, einen
Gruß jenem lieblichen Süden hinsendend, getrost den steilen Riederberg
hinan, öfter umblickend, ob mir noch kein boshafter Hügel die angenehme
Dekoration verschob.
Itzt war sie erreicht die Spitze, mit ihr das Band zerrissen, welches
mich so lange an der Natur reinen Busen kettete; der Traum eines
beständigen Reitzes zum Genusse schwand bei der nun nähernden Fläche
Wiens. Keine Uebersicht lohnt das bemüssigte Hinansteigen auf diesen
Waldberg; noch waren die Thürme der Kaiserstadt nicht zu sehen, Hügel
verbargen sie: aber die Berufsgeschäfte und Pflichten überstiegen die
Höhe des berühmten Domthurmes, und winkten bedeutend! Zugleich mahnten
freundlich die Wünsche theurer Eltern, lieber Freunde, in deren Arme ich
gerne einen Theil des genossenen Glückes auszuschütten wünschte.
Sogar mein treues Thier, sonst immer still folgend, mußte die seltner
besuchte Höhe erkennen, und seine Strapatzen vergessend, säumte er
nicht, durch Sprünge und frohes Gebell seinen scharfen Instinkt zu
verkünden.
Frohen Muthes stieg ich nach Purkersdorf hinab, die Reisenden nicht
beneidend, die im brausenden Wagen mir vorbei rasselten; denn, wenn
Geschäfte oder Vergnügen so beeilen, dann schläft die Freude, und es ist
wohl die Ernte an Staub und Koth, doch nimmer an Blüthen ergibig!
Drei Stunden darnach, saß ich am heimischen Tische, im Zirkel redlicher
Seelen, die mich mit Fragen bestürmten, und zum Beweis ihrer Güte, sogar
nicht den _Duna_ vergassen, welchen ein Plätzchen wie sonst, unterm
Bette verbarg.
Beschluß.
Nun hätte ich also eine Wanderung geschildert, zwar nur eine
unbedeutende: aber ich wollte beweisen, wie oft Kleinigkeiten
hinreichen, den Menschen zu fesseln, zu ergetzen.
Nicht so glücklich durch Bestimmung oder Vermögen, ferne Welttheile zu
durchreisen, habe ich die Gelegenheit benützt, Oesterreichs schöneres
Paradies in manchen Richtungen zu durchforschen. Einige Monate reichen
hin, um einen Begriff von dessen zauberischer Pracht zu schöpfen. Aber
auch nicht allzuweit braucht der Naturfreund zu wallfahrten, um den
Tempel ihrer Schönheit zu schauen; nächst Wien, in der gesegneten Runde,
gibt es der Zauberplätzchen so viele! -- Nur wenn diese zu oft gesehen,
oder Mißmuth die Seele rüttelt, Melancholie ihren Giftbecher reicht, ein
bitterer Verlust oder Krankheit den gewohnten Ort zu wechseln räth: dann
suche man entweder in Gesellschaft oder allein, die entfernteren
Inselchen der Ruhe, wiege sich in Gedanken einer schöneren Welt, und
lerne die stillen Freuden ärmerer Klassen und deren Entsagungen kennen!
Gestärkt wird man sich fühlen beim Bewußtseyn glücklicherer
Verhältnisse, schätzen den Menschen, wenn auch grobe Kleidung ihn
bedeckt, gegen eigene Fehler strenger seyn, weil sie an Fremden so
aufstossen; und endlich die Heimath, welche schon anfing zu langweilen,
so wunderbar verschönert glauben! Rastlos sich dem Berufe unterziehend,
wirkt dann sichtbar die jüngstens gesammelte Kraft.
Ich berührte in diesen Skizzen hier mehrere Stellen, die vielleicht
einigen der werthen Leser unangenehm, wenn nicht gar widerwärtig seyn
dürften; ich habe Gegenden aufgesucht, die weniger einladend im
Allgemeinen wären, und doch von mir so erhaben gefunden, so
besuchenswerth dargestellt wurden. Dieß möge man mir verzeihen, da ich
in meinem Prolog nicht Anspruch auf allgemeinen Beifall zu machen wagte;
desto weniger aber gesonnen war, meine Neigungen zu verkleiden oder zu
verläugnen; ein in pittoresker Hinsicht reich ausgeschmückter
Gebirgstheil, war mir immer noch lieber, als ein wohlbesetzter
Schwelgertisch. -- Wer in mir dagegen den Wunsch erkennt, Jene, welche
Gelegenheit besitzen, auf den Werth der Exkursionen aufmerksam, ja
begierig zu machen, und mir diese Art einer vielleicht zu langweiligen
Aufforderung nachsieht, empfange meinen Dank mit dem herzlichen Wunsche:
daß er so viel Vergnügen bei jeder seiner Unternehmungen fühlen möge,
als mich die Erinnerung bei Entwerfung dieser kürzlich realisirten
Schilderungen, noch am Schreibtische ergetzte.
Werden diese Blätter, als erster Anflug meiner literarischen Lieferung,
günstig aufgenommen, so will ich, da ich seitdem so glücklich war,
Ungarn, Italien, die Schweiz, Würtenberg, Preussen, Sachsen, ganz Böhmen
und Mähren, auf den nicht gewöhnlichen und bekanntesten Strassen überall
zu Fusse zu bereisen, und mir diese herrlichst sich wechselnden Länder,
die feurigsten Fundgruben zu Bemerkungen und Ansichten enthüllten, mit
Beseitigung aller Gebrechen, noch einige Bändchen, und dazu meine
Besteigung des Dachsteins, als ein in naturhistorischer Rücksicht gewiß
bedeutendes Unternehmen, dem Drucke unterlegen. Nur vier Männern ist’s
gelungen, seine Eisglätscher das erste Mal seit ihrer Geburt zu
betreten. Die drei schlichten Gebirgsbewohner würden ihre Bemerkungen zu
Grabe tragen, ich aber, mit einem von diesen das Wagestück versuchend,
beschloß auch den beiden früheren das Denkmal zu setzen. Und so seyen
ich und meine Zeilen, einer aufmunternden Huld empfohlen! --
Wien am 20. Mai 1829.