Wernstein

seine ehemalige Stärke, wodurch es einst Herzogen von Oesterreich und

Baiern, und vielen Rittern des Gaues, gleich viele Ursache zu Zwist und

Kampf-Unternehmungen gab; es sinkt, wie der Muth des erschöpften

Greisen; doch trösten es die jenseits aufsteigenden Mauerkrüppeln der

Veste Neuburg,

welche gleich jenem in Kraft und Jugend einst blühten, und nun im

Hinfallen einander Muth zusprechen; letztere, obgleich gegen Inn zu

meistens Ruine, beherbergt noch in seiner westlichen Fronte einen

thätigen Bräuer, dessen Daseyn der aufsteigende Dampf eben so einladend

verräth: als zwei alte Thürme, der Vorzeit Streitlust, und die Kapelle

den Ort zur Versöhnung andeuten. Gerne wäre ich hinauf geklettert zu dem

hinfälligen Gemäuer, das von seinem ersten merkwürdigen Besitzer, Herzog

Otto von _Meran_ im Jahre 1232 angefangen, durch die Herzoge Albrecht

von Oesterreich und Otto von Baiern, durch Ritter Ulrich von Wallsee,

Graf Ortenburg etc. in 4 Säculen so viel erlebte, und so manchen

Heldenzug ausführen half; die Kopie einiger Säulen oder nur Gemächer

wären mir Kleinodien gewesen; aber die stumpfen Knechte wollten mich um

keinen Preis ausschiffen, und konnten gar nicht begreifen, wie man eines

so alten Zeugen wegen nur eine Viertelstunde aufopfern könne. Der

Stadtleck- und Stockdobelwald schliessen sich an _Neuburg_ abwärts an.

Passau.

Von den Dörfern Harkang und Achleiten, am rechten Innufer, sieht man nur

einige Häuschen; in deren Betrachtung vertieft, träumt man noch vom

ländlichen Glücke: da wendet sich rechts nun der Strom, und Thürme und

Häuser begrüssen von Passau.

Zu schnell verfloß diese fünfstündige Fahrt, wie das Leben des

Glücklichen; ich stieg aus an der langen hölzernen Brücke, welche in die

Innstadt hinaufführt, und suchte mir in Passau ein bequemes Logis. Die

Wahl ist schwer zu treffen; denn jede dieser ungemein schiefen Gassen

(in der ein leerer Wagen, um hinaufzufahren, beinahe Vorspann

benöthigt,) besitzet acht bis zehn Wirthshäuser, die aber meistens

reinlich aussehen.

Auf dem Polizei-Bureau (in der Schräggasse), wo ich meinen Paß mußte

vidimiren lassen, waren eben die Passagiers von der Ulmer-Ordinäre

anwesend. Es war ein buntes Gemenge von Handwerksburschen und Dienst

suchenden Dirnen, nebst einigen Schneckenhändlern, Juden u. s. w. Das

Ungemässigte und Rohe dieser Leute scheuchte mich zurück; ich

bemitleidete das traurige Schicksal jener Beamten, welche die größte

Zeit ihres mühevollen Lebens mit solchem Pöbel verlieren müssen.

Passau, die Halbinsel vom Inn und Donau gebildet und eigentliche Stadt,

welche an hohen schönen Häusern keinen Mangel hat, und durch einige

nicht unansehnliche Kirchen und Palläste: wie die grosse Domkirche, das

einstige Jesuiten-Kloster, die weite Residenz, deren Fronte mit dem

Ueberblick der Innstadt und des Flusses ganz artig sich ausnimmt, ist

dennoch nicht vermögend, Bewunderung dem Fremden abzulocken, welche die

Vorstadt ähnliche Inn- und Ilz-Stadt, so wie das Granitschloß _Oberhaus_

eher zu erringen im Stande wäre. Erstlich ist _Passau_ an und für sich

schon langweilig, und zweitens stimmen die engen, schlecht

gepflasterten, meistentheils krummen Gässen gar nicht zum Frohsinne.

Dagegen erhebt die Lage der anderen früher genannten den minderen

Häuserwerth, der dann mit jedem Schritte merklich zunimmt.

Der Nachmittag wurde zur Besichtigung des Mariahülferberges verwendet.

Ich überschritt die auf 12 hölzernen Jochen ruhende, 292 Schritt lange

Innbrücke, die ein Heer von Salzschiffen, Holzflössen und Pletten

belagerte; mehr aber als diese bunten Fremdlinge, schienen mir drei

heimische, an die Brücke befestigte Schiffmühlen derselben Gefahr

drohend zu seyn, da sie mit dem reissenden Strome das Beben der

hölzernen Pfeiler vermehren. Durch alte Ringmauern und eine Reihe fast

gleich gebauter netter Häuser von Innstadt, steigt man dann eine steile

Fahrstrasse hinan; endlich ist die wundervolle Kirche

Mariahülf,

mit dem schönen Brunnen, wo aus dem Busen der Mutter Gottes das Wasser

quillt, erreicht. Man fühlt den lohnenden Zauber jeder Bemühung; denn

nun sind alle die Dunkelheiten Passau’s[22] und ihrer Umgebung, um deren

Besitz schon so viel Blut geflossen ist, enthüllt. Zwei fürstliche

Ströme reichen sich verschwistert die Arme, um einander zu unterstützen,

und die weite Reise zu verherrlichen; diese Grossen zu begleiten,

beflügelt sich die düster vorblickende Ilz. Schiffe und Kähne eilen mit

den Rastlosen, ihre Bestimmung zu erzielen, unbekümmert dieser sich

Aufdringenden, gleiten die Wogen unaufhaltsam zum Meere.

[22] Passau mit Inbegriff der Inn- und Ilzstadt, soll bei 1200 Häuser

und 10,000 Einwohner haben.

Kein Dach entgeht hier dem forschenden Blicke, man sucht die Häuschen

mancher lieblichen Bewohnerin, und findet die Versteckten alle wieder

heraus.

Jenseits droht furchtbar das Unglück weissagende _Oberhaus_; der

menschliche Fleiß verzagt nicht, auf denen starrsinnigen Felsen noch

Schrecken zu häufen. Seine Mauern und Schanzen werden noch immer

verstärkt, nur für Verbrecher sind die Kasematten bereits

undurchdringlich; wohl, wenn derer wenigstens zu viel gebaut wurden!

Ich verließ mit Dank diese Kirche, welche einst den frommen Wallfahrtern

so wunderbringend, und mir nun so hochlohnend gewesen. Zwar ist jetzt

die Anzahl der, des schönen Gnadenbildes wegen Zureisenden bei weiten

geschmälert, doch bin ich gewiß, daß jene der Naturfreunde, sowohl hier,

als an anderen malerischen Punkten jährlich sich gleich bleiben wird.

Links hinab kam ich in das mir belobte Bräuhaus St. _Nikola_, einem

aufgehobenen ehemaligen Augustinerkloster, saß dort im Schatten roth und

braun gefärbter Linden- und Kastanienblätter des geschmackvollen

Gartens, trank das köstlichste aller Biere, und vergaß bei guter

Ansprache und gewohntem Frohsinne alle traurigen Vorfälle.

Oberhaus, Ilzthal.

Mein guter Genius trieb mich zeitlich folgenden Morgens von Passau über

die neue, auf sieben schönen ovalen Quaderpfeilern ruhende Donaubrücke,

die nunmehr nach jener zu Regensburg die schönste über diesen Strom[23]

ist, nach der Vorstadt _Anger_, deren Häuschen und Gärten (so zu sagen)

an die Felsen nur angeklebt sind. Von hier aus wand ich mich durch ein

enges Pförtchen, die ungemein steile Granithöhe empor. Bei jeder Stufe

glaubt man diese 70 Klafter über der Donau erhobene Festung _Oberhaus_,

unbezwinglicher; und doch, was der entschlossene Mensch zu denken wagt,

wird vollbracht; auch sie mußte schon dem Heldenmuthe unterliegen!

[23] Der Bau dieser 260 Schritte langen, mit Ruhebänken und eisernem

Geländer versehenen Brücke, dauerte 4 Jahre, und wurde zum Nachruhm

des verewigten Regenten, _Maximilian Joseph_, 1825 ganz vollendet.

An der Festung zeigten dünne Stoppelfelder von der thätigen Bearbeitung

dieser Höhen. Kein Winkel, möge er auch noch so verborgen seyn, bleibt

unbenutzt, doch darum nicht immer besuchsfrei. Diese beiden Theorien sah

ich hier nicht ganz zu meiner Zufriedenheit bewährt, da mir die innere

Besichtigung der Werke nur nach Vorzeigung einer Erlaubnißkarte zu

Gebothe stand, ich aber diese, weiß Gott wo, erst ansuchen sollte.

Zum Glücke bemüht sich darum Niemand _vergeblich_ herauf; denn die

Uebersicht übertrifft noch jene am Mariahülferberge. Weit hinauf im

Felsenthale des kristallreinen Inn, und in der bewaldeten Bergschlucht

der trüben Donau, so wie im vereinten Beete der gepaarten Ströme

abwärts, erforschet das Auge den Zielraum seiner Schärfe; es verirrt

sich in den Parthien reicher Meiereien und Mühlen und Dörfer. Kein

Gedanke kann alle diese Bilder fassen, die sich in Einem zugleich

aufdringen. Der Blick senkt sich rastend auf die Nähe; da fesselt ihn

abermal überraschend, die dunkle pittoreske Kluft der schwarzen _Ilz_.

Man söhnt sich aus auf dieser lüftigen Höhe, über den Verlust nicht

gesehener dunstiger Gemächer unglücklicher Menschen, und weiht ein

Stündchen gerne als Opfer. Ich ging durch Reihen gefesselter

Militärarrestanten, welche mit Reinigung der Festung, Ausbesserung der

Bastionen, und Erdäpfel-Ausgrabung auf den mässigen Erdflächen (die den

oben kommandirten Unteroffiziers zur Benützung überlassen sind)

wechselweise beschäftiget waren, und begab mich dann in das _Unterhaus_

oder vielmehr _Ilzstadt_, am Fusse der Festung und Mündung der Ilz in

die Donau, den eben betriebenen Bau zweier grossen Schiffe (_Gamsel_,

jedes 100 Fuß lang) betrachtend. Weil der Tag ungemein schön war, und

ich bei den zahlreichen Schiffen auch Morgen sichere Fuhren ahndete, so

wanderte ich der eingezwängten finsteren _Ilz_[24] entgegen, durch das

mit Bäumen und Gesträuchen geschmückte Felsenthal, um seine

freundlichste Miene auszukundschaften. Nach einer halben Stunde erhoben

sich über den ganz mit Ziegeldächern verzierten Markt, am rechten

Ilzufer, die Reste der vorderen Burgfeste _Hals_. Ich kroch die steile

Höhe hinan, dessen Weg selbst schon Ruinen geworden, und stolperte über

die losen Trümmer geborstener Quadern. Gras, Holunder und Vogelbeere

theilten unter sich die erdigen Fleckchen, und hohe Nesseln wucherten im

Schutte.

[24] Der schwarze Sand gibt ihr die Farbe, denn das Wasser ist, in ein

Glas gefüllt, rein wie Kristall. Vor hundert und mehr Jahren sollen in

ihr Perlen gefischt worden seyn, deren einige den Werth amerikanischer

übertrafen; nun bekümmert man sich aber wenig um die ungewisse

Ausbeute, welche überdieß 1809 durch das muthwillige Benehmen der

Franzosen, kommenden Generationen vereitelt wurde.

So ändern die Jahre doch alles! Hier, an dieser Stelle, möge einst dem

feurigen Rittersmann das treue Herz seiner sich ängstigenden Schönen

entgegengebrannt haben, wenn er heimkehrte von der Jagd oder vom

muthigen Strausse; nun verbrennen dem nahenden Wanderer die lästigen

Nesseln Gesicht und Hände. Dort in den hohen dachlosen Hallen ward der

Bund der redlichen Ritter geschlossen, für ihren geliebten Heinrich den

Löwen wider Heinrich Jasomirgott zu siegen oder zu sterben; fest bauend

auf ihre Kraft, reichten sie sich die Eisenhände: nun kriechet unedles

Holz aus dem gesprungenen Gemäuer, und saugt, sein unwerthes Leben zu

erhalten, die kaum sich gesammelte Erde; die schwächere Pflanze

erstickt, damit dann die grössere schwelge.

Die Ringmauer, welche so Vielen widerstanden, so manches Felsenherz

besiegt, zeiget jetzt die ohnmächtige Gewalt; Dohlen werfen scherzend

ein Steinchen um das andere von der Höhe, und die verachteten Mäuse

erklettern die Trümmer mit Sturme.

Trauriges Bild der Vergangenheit! Kaum vermögen noch deine lockeren

Massen das genügsame Portefeuille des Dilletanten zu bereichern, indeß

die Hüttchen zu deinen Füssen, die du in einstiger Jugendkraft nur

verächtlich übersahst, noch wohlerhalten zu deinem erhabenen Grabe

heraufblicken; die Zeit und Menschen hielten sie nicht würdig, mit derer

Vernichtung sich zu bemühen. -- So wird der grosse Mann oft untergraben,

bloß weil man ihn beneidet, sich mit ihm verglichen, zu nichtig fühlt,

indeß der niedrige Mensch unangefochten seine Plane verfolgt!

Um den Fuß dieses Schloßberges wurde der Ilz zu mehrerer Befestigung der

Burg, das Beet künstlich gegraben, auch konnte bei Gefahren das Thal

mittelst Schleussen höher gewässert, und so die Feinde verdrängt werden;

dabei aber blieb die Verbindung der Burgherrn, mit dem ihnen

eigenthümlichen gegenüberstehenden Bergschlosse (_Hinterhals_, von dem

jedoch nur noch der feste viereckige Thurm steht), durch einen

unterirdischen unter dem Flußbeete wegführenden Gang. Nun aber möchte

kaum ein Dachshund wagen, die verschüttete Höhlung zu verfolgen, und

beim jenseitigen Schlosse ist davon gar keine Spur mehr zu entdecken.

Froh war ich, von diesen wenigen Gewölbern und Mauerwerken nur eine

schwache Kopie zu besitzen, die mir um so werther schien, als die guten

Bausteine und der Eigennutz der nahen Bewohner, bald deren gänzliches

Ende herbei führen dürften. Ein äffender Weg führte mich von der jüngst

genannten Ruine mit dem Thurme, in mannigfaltigen Krümmungen längst der

Ilz (die ich nicht wieder zu durchwaten Willens war[25]), bald durch

Buchenwäldchen, bald über fette Wiesen, nächst dem linken Ufer auf einem

stündigen Umwege zurück; ich betrat die Strasse, auf der aus Böhmen, wie

ich eben sah, ganze Karavanen von Hopfen herbeigeführt werden. Man

passirt da, von Ilzstadt nach Anger, einen durch die Landspitze des

Oberhauses gesprengten 15 Schritt langen Felsen-Thorweg, welchen die

darauf lastenden Ringmauern und Kasematten einzudrücken drohen und das

wild pittoreske der Umgebung merklich erhöhen. Ob dieser

Felsendurchbruch schon früher, oder von dem Erbauer des _Oberhauses_,

Bischof _Ulrich_ 1220 herstamme, konnte ich nicht erfahren. Ueberhaupt

aber scheint diese, zwei der stärksten Flüsse in Europa beherrschende

Gegend, schon frühzeitig die Römer und ihre Ueberwinder aufmerksam

gemacht zu haben; dieß beweisen einerseits die häufig zu Passau

aufgefundenen Alterthümer, die beiden, im Inn und Donaustrome sich

befindlichen Wartthürme, welche vorher als Pulver-Magazine gedient

hatten, nun aber leer stehen, so wie einige, mit römischen Denksteinen

versehene, sechs- und siebenhundertjährige Häuser!

[25] Will man von einem zum andern dieser beiden Schlösser gelangen,

so muß man, einen fast stündigen Weg zu ersparen, den 60 Schritt

breiten und 2 Fuß tiefen Fluß durchgehen; bisweilen sind aber auch

Ueberfahrtszillen vorhanden.

Abreise.

Nachmittags schlenderte ich in Passau’s schlechten Strassen, neben der

ungeheueren Menge Krambuden, die, wie zur Marktzeit oder einer

Judenstadt ähnlich, dem Fremden überall aufstossen, und alle Arten

Schwärzungen voraussetzen, nach der Promenade am linken Ufer des Inn.

Vom Ufer zierlich aufgemauert, mit einer schönen Allee und noch

schöneren Aussicht geschmückt, war sie doch unbesucht; und ich wollte

eben, darüber mißmuthig, einen Abstecher nach der gestern gesehenen

schönen Ruine _Neuburg_ machen, da vernahm ich, daß die

Regensburger-Ordinäre angekommen, und baldigst wieder ablaufen würde.

Obgleich nun mein Widerwille gegen alle Wasserposten, erst kurz wieder

bei Beobachtung der Ulmer-Staffete vermehrt wurde, so beredete ich mich,

um nur fortzukommen, gerne, daß die Regensburger dießmal eine Ausnahme

mache, und bezahlte die bis Wien abgeforderten 2 fl. bair. Landmünz (4

fl. W. W.)

Zu meinem Schrecken versammelten sich aber bald die denen gestrigen ganz

ähnlichen Individuen. Sechs und siebenzig rohe Seelen besetzten

stürmend, theils die leeren Plätze der Hütte, theils die Verdecke des

Kehlheimers, um zu rudern[26]. Lärmen und Toben zügelloser Burschen und

frecher Dirnen nahm kein Ende, bis der brüllende Schiffmeister, den

Stock schwingend, Einige herauszuwerfen drohte. Dieß bändigte die

Halbmenschen, jedoch nur auf Augenblicke. Ich kroch, alle Gesellschaft

zu vermeiden, über die mit verschiedenen Waaren gefüllten, eng an

einander gedrängten Fässer und Kisten, in den vorderen Schiffsschnabel,

lieber mich den öfteren Stössen der ober mir schwebenden Ruder

preisgebend, als in Gemeinschaft meine Ohren und Nase martern zu lassen.

Ich hatte jedoch in diesem Asyl leider das Unglück, nur die Gegenden vor

mir, und nicht die verlassenen noch einmal betrachten zu können. Bald

hatte sich das dreifarbige Band des klaren Inn, der gelblichen Donau und

schwarzen Ilz vermischt; das Schiff glitt auf den neu kolorirten Wellen

in das reitzende Waldthal hinab, die gestern verspürte Schnelle aber,

die alles durchdringende, ist verschwunden. Der Inn scheint nun seiner

neuen Braut wegen nachgibiger, gelassener zu werden, oder von seiner

weiten Alpenreise ausruhend, etwas Kräfte zu sammeln, indeß die minder

mächtige Donau[27], von diesem Stärkeren unterstützt, ihre vorige Eile

vermehrt. -- Seltenes Beispiel, daß selbst Elemente gegen einander

galant sind!

[26] Handwerksbursche, welche zu rudern sich unterziehen, bezahlen das

Drittel des gewöhnlichen Fahrpreises, bisweilen auch gar nichts.

[27] Nicht die Donau, der Inn sollte seinen Namen beibehalten, und

zwar mit dem Rechte des Stärkeren, da er bei Passau um ein Viertel

reicher als die Donau ist.

Gleich ausser Passau, bei Achleiten, wird das rechte Ufer schon

österreichisch, das linke aber erst bei alt _Ried_, Engelhartszell

gegenüber. Indessen häufen sich die anmuthigen Prospecte an beiden

Ufern; die Feder würde ermüden, sie alle zu nennen, und der Leser

desgleichen, selbe alle aufzufassen. Nur erlaube man mir den Blick zu

werfen auf einzelne Dörfchen, die neugierig aus ihren bewaldeten Höhen

auf die Vorbeireisenden herabblicken, lebhafte Meierhöfe, die sich ihrer

fetten Wiesenstreife freuen, und ärmere Fischerhütten, die dennoch den

Lohn der Bemühung nicht vermissen. Eitel brüsten sich einige Schlösser,

oder flehen als zernagte Ruinen den gutmüthigen Wanderer um Mitleid.

Die Veste _Krempenstein_ (Schneiderschlößl spottweise bei den

Schiffleuten, indem einst sein Bewohner -- ein armer Schneider -- bei

Wegschaffung der ihm daselbst umgestandenen Geisse, zufällig in Strom

stürzend, verunglückte; wo diese Bestie sonach selbst im Tode dem

Schneider schaden zu können, bewies), präsentirt zuerst, hoch auf

mauerglattem Fels, seine bewohnten Trümmer, welche wie ein lockerer Hut

auf dem Haupte schweben; man zittert, daß ein blosses Lüftchen den

gefährlichen Thurm auf das Schiff hinabschleudern könne. Ein wahrhaft

passender Punkt zur einst stattgehabten Beraubung der Schiffe.

Dem Dörfchen _Pirwang_ gegenüber, macht die Donau eine mondförmige

Krümmung, und man nahet am linken Ufer dem einzig seiner Art wichtigen

Hafnerzell.

Wir landeten, und ich fürchtete, weil es etwas windig war, schon

übernachten zu müssen; doch wurden nur einige Fässer und Körbe der

sogenannten schwarzen Passauer-Schmelztiegel (zum Gold und

Silberschmelzen unentbehrlich, und darum von hier aus durch die halbe

Welt verführt,) aufgeladen. Diese Tiegel, wozu die Bauern die Masse auf

ihren Aeckern selbst graben und dann verarbeiten, erwerben dem Markte

bedeutendes Vermögen; auch Ziegel, grosse Platten u. dgl. zu mancherlei

Feuerarbeit, werden gleichfalls da bestellt und verfertigt. Noch

merkwürdig macht diesen Ort die hier heimische Porzellan-Erde, womit

eben ein Schiff für die Wiener-Fabrik befrachtet wurde.

_Karsten_, einem Dörfchen am rechten Ufer, wo eben ein grosses Floß

zusammengefügt, zwei andere aber mit Scheiterholz und Bretern beladen

wurden, und von dem dasigen Holzüberflusse zeigen, fährt man eng vorbei,

und gelangt bald darauf in die Nähe der beiden Schlösser

Fichtenstein,

mit ihren drei grossen viereckigen Thürmen; die Ruinen des älteren

scheinen ihren jüngeren Namensträger um Kraft und Zierde zu beneiden,

der stolze Enkel aber will seinen verstümmelten Stammvater nicht

erkennen, und beide verbergen sich in die Wälder.

Die Zwistigkeit dieser sonderbaren steinernen Familienglieder noch

belächelnd, kommt man unvermuthet zu dem sich erhaben darstellenden

Gegentheile. Ein pyramidenförmiges Felsstück ists, _Jochstein_ genannt,

mitten in der Donau, welcher in Wölbungen rechts das österreichische,

und links das passauische, _respective_ baierische Wappen eingemeisselt

vorzeiget; er macht nicht, wie einige glauben, die Gränze, die ich oben

schon benannte, kann aber als schönes Sinnbild der beiden nun

verschwägerten Reiche dienen. Bald darauf landet man zu

Engelhartszell.

Ich sprang freudig an das Ufer, mit dem festen Vorsatze, dieses Schiff

nicht mehr zu betreten. Alles muß nun hier zuerst auf das Mauthzimmer,

wo jedes Stückchen, jede Tasche genau untersucht wird, ob sich -- nichts

Ausländisches vorfände. Der ganze Troß wälzte sich nun dem

Landwirthshause zu, und brüllte bei Branntwein, Bier und gemeiner Kost,

daß die Strömung der Donau verstummte. Ich floh dieses Gasthaus, welches

durch seine Aussicht über den Fluß so einladend wäre, und wohnte lieber,

um Ruhe zu geniessen, in dem in enger Gasse sich befindlichen

Fleischer-Hause. Wer kein Freund vom Herumklettern ist, und sich

überdieß an die _Ordinäre_ bindet, der dürfte in Engelhartszell während

der Frachtuntersuchung des Schiffes tödtende Langeweile empfinden.

Ich besah am andern Morgen den langgedehnten krummgässigen Markt, und

mich wenig um die Abfahrt der Wasserpost kümmernd (da ohnedieß eine

grosse Anzahl abzulaufender Schiffe stets vorhanden ist,) fuhr ich, den

von der Waldspitze hoch herabblickenden Thurm,

das alte Ried

zu besehen, auf das linke Ufer. Ich kam auf österreichischen Boden, nun

liegt aber der vorbenannte Thurm schon in Baiern, über dem Dähndelbache,

der die Gränze bildet.

Das Gränzpersonale wollte mich anfänglich streng abweisen, gestattete

dann aber dennoch diese Wanderung. Dreiviertel Stunden kletterte ich

unaufhaltsam die bewaldete Berghöhe hinan. Es war der gewöhnliche

Gangsteig, den die Bewohner des hoch liegenden Dörfchens _Ried_ bei

ihren Geschäften benützen, der aber wirklich über alle Vorstellung

beschwerlich ist. Die steilen Pfad-Abstufungen, von chaostisch durch

einander geworfenen Gneis- und Granitblöcken verwirrt, hat Holzüberfluß

und Trägheit der Bauern hie und da vollends zu feindlichen Verhauen

wider alles Vordringen verschlimmert. Aeste und Wurzelstöcke, der

Verwesung überlassen, liegen ellenhoch als Reste gefällter Bäume, die

nur der Stämme wegen für zwei, vom nebenan polternden Dächelbache

getumelte Bretersägen, gefällt wurden. Zwar führt auch ein Fahrweg

hinan, aber in werthloser, zu grosser Ausdehnung. Oben auf der Spitze

des Berges überrascht die unerwartete Ansiedelung etlicher sechs

Hüttler, welche diese Bergkolonie, _Ried_ (oder auch Riedldörfchen)

nennen. Etwas Viehzucht, Obstbäume, und Wiesen zu Leinwandbleichen

benützt, mögen ihre Ernährer seyn. Vorwärts am Wiesenabhange, von

Stachelgebüschen bedrängt, wankt das alte _Ried_. Wenig Schlösser wird

man finden, die so hoch gebaut, noch wenigere aber, die mit so düsteren

Ansichten begabt sind. Das Schloß selbst wird man vergeblich suchen, ein

Paar Grundsteine zeigen kaum dessen ehemalige Existenz, und selbst der

ausgebrochene Thurm scheint nur mehr von der Barmherzigkeit des

Nordwindes abzuhängen; wenn man sich aber diesen als Stufen dienenden

Trümmern vertraut, und ein Paar Klafter hinangestiegen ist, dann spottet

man der rohen Begierde wüthender Menschen, die dieser Stelle Feind seyn

konnten. Zwar gewährt dieser Platz keine weitumfassende Uebersicht, er

ist, obgleich über der Donau 1200 Schuh hoch, doch von höheren

Gränzpunkten beschrenkt, aber die Bilder, die sich hier darstellen, sind

alle gleich groß und erhaben.

Ueber die Höhen der Tannengipfel hinaus bis Hafnerzell, und herab gegen

Straß und Beyröd, überblickt man die Thürme der lauschend in Wäldern

sich bergenden Dörfer, ausgerungener, drohend gewesener Burgen, und noch

kühn trotzender Schlösser; in Vergessenheit alles zu begraben,

durchwühlet der Strom dieses Thal. Noch muß ich bemerken, daß man auf

dieser Höhe schwerlich einen schöneren Wasserfall vermuthen dürfte, den

hier der nemliche Gränzbach, östlich vom Thurme, recht malerisch bildet.

Ich eilte wieder zurück, um mit dem nächsten Schiffe abzufahren;

unglücklicher Weise hatte sie aber ein mässiger Südwind alle gefesselt.

Der Nachmittag verfloß, wie ein schlechter Winter; aus Langweile nahm

ich mein Fernrohr und besah damit den mir gewiesenen Losungsbaum[28];

doch seine Aeste bogen sich fortwährend bis zur Erde, und liessen keine

baldige Luftänderung erwarten. Nachts weckte mich ein heftig an meine

Fenster andringender Regen; ich meinte schon hier überwintern zu müssen!

[28] Ist eine Buche auf der Spitze des gegenüber liegenden Berges, und

eh sie nicht ruhig steht, fahren nie hoch oder schwer belastete grosse

Schiffe ab.

Morgens erschall Lärmen und Toben, natürlich, die _Ordinäre_ lief ab!

Ich wäre lieber zu Fusse gegangen, als itzt nothgedrungen in der

Schiffshütte dort gesellschaftlich zu reisen. Wenn diese fahren, so

werden andere auch ablaufen, dachte ich, und ging an das Ufer.

Drei Schiffe mit Scheiterholze geladen, bestätigten dieß eben, und ich

bestieg das eine. Von hier aus bis _Aschau_ fließt die Donau (zwei

unbedeutende Inselchen ausgenommen,) immer zwischen hohen Bergen und

Felsen eng zusammengepreßt, macht aber, besonders von _Straß_ bis

Hinteraigen die eigensinnigsten Krümmungen ihres Beetes. Bald (zu Wasser

eine halbe Stunde) erhebt sich auf waldiger Höhe am linken Ufer das alte

Schloß

Rannariegel,

mit seinen vier Thürmen, Bastionen und Zugbrücken. Der Rannabach, der im

baierischen Bezirke _Wildranna_ seinen Ursprung hat, stürzt zürnend

wegen seiner kurzen Existenz, am Fusse des Schloßberges in die Donau;

doch will sich der Eigenthümer des Schlosses, trotz der lauten

Unzufriedenheit dieses Flüßchens, gar nicht verbannen lassen, dieß

beweisen die gut erhaltenen Mauern und ganz neuen Ziegeldächer. Das nach

halber Stunde gleichfalls am linken Ufer hoch prangende Schloß

Marsbach,

mit seinem ungeheueren viereckigen Wartthurme und drei neuen Häusern,

verkündigte schon von weiten seinen gegenwärtigen Beruf durch Rauch und

Dampf. Der gegenwärtige Besitzer ist milder geworden, er braut ein

herrliches Bier für Heimische und Fremde, indessen die ursprünglichen

Vorfahrer den Reisenden zu Durst und Hunger verhalfen.

Dörfer und Weiler an beiden Ufern, die nie in der Geschichte geblüht,

liessen auch heute nichts vom Glanze verspüren; Rauch überzog ihre

Hütten, und paarte sich mit den neblichten Dünsten des Waldes. Nur

einsame Fischer schienen sich hie und da des trüben Tages der besseren

Ausbeute wegen zu freuen, und warfen die Netze, begierig, die sorglosen

Fische zu überlisten.

Bäche, die an den bemoosten Mühlen schäumend herabstürzten, bildeten mit

wilden Regenfluthen sich vermählend, eben so viele schöne _Cascaden_.

Diese waren mein einziger Gewinn für den empfindlichen Verlust eines

heiteren Tages.

»Glück dem Pilger! welcher sich heute den Plagen des äusserst ermüdenden

Gangpfades über Rohrbach nach Böhmen unterzieht,« dachte ich beim

Anblick des links versteckten Dörfchens Obermühl, dessen Segensgeläute

vom Kirchenglöcklein, nun die aufgeblähten Wellen der hier in die Donau

dringenden kleinen Mühl überlärmten. Hundertmal verwünscht wohl der

Wanderer den malerisch hinanstrebenden Weg, dem der abstürzende Bach

fortwährend zur Seite, keine Milderung prophezeiht; desto sanfter möge

sonach der erreichte Bestimmungsort lohnen!

Endlich, nach einer bedeutenden Krümmung der Donau, drängten sich links,

von der höchsten Spitze eines bewaldeten Felsenberges, die drei Thürme,

Ruinen und neueren Wohngebäude des in der vaterländischen Geschichte so

merkwürdigen Schlosses

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 48 / 52 题