zum Inn stossen, erzwecken durch Mühen nur Spott; desto mehr rächt
seiner Gefährten Schwäche die ausgerüstete _Wärgler_- oder
_Winacher_-Ache; doch der Inn, welcher allen gebiethet, weiß auch sie in
Fesseln zu werfen. Der Ort _Wärgel_ war ein wichtiger Kampfpunkt 1809;
das hier breitere Innthal, und die davon wegleitende Bergstrasse durch
den Achenengpaß über die Höhen der Dörfer Hof, Brixen und Feuering nach
der Stadt _Kizbühl_, gaben wechselseitig Gelegenheit zu Treffen,
Ueberfällen und Schlupfwinkeln. Unter dem hochprangenden _Maria Stein_,
welche als Kirche und Veste zugleich im gothischen Style herabblickt,
macht der Inn zwischen den Dörfern _Angeb_ und _Oberlangkampfen_ eine
ungemeine Krümmung nach Norden, um das am rechten Ufer ausgebreitete
Dorf Kirchbühel ellbogenförmig zu umfassen; bei schwer geladenen
Schiffen mag hier die Wendung Anstrengung kosten. Nun sieht man schon
Kufstein,
das Felsgethürmte, wie es die ernsten Blicke herumsendet im enger und
engeren Thale. Die Dörfer Nieder-Breitenbach, Unterlangkampfen, Bleibach
und das Schloß _Zellerburg_ links, am rechten Ufer die Weiler,
Pichlwang, Endach und Weisach, beide von Bächen besprudelt, verlieren
auf der ständigen Fahrt bis dahin an Aufmerksamkeit, obgleich ihr
natürlicher Schmuck nicht wenig dagegen streitet. Die tausendfältigen
Berge und Hügel, welche hier unter einander geworfen, bald Wälder, bald
Wiesen und Aecker tragen, scheinen mit ihren Häuschen wie im Wettkampf
von den rückwärtigen Alpen herabzulaufen: die Uferhöhen und Gruppen von
Bäumen dagegen, machen den Steinklumpen Kufstein bald vor bald
zurücktreten; man verwünscht das unnütze Gauklerspiel, welches im
Gußregen am unpassendsten langweilt. Endlich nach drei Stunden ist der
siebenstündige Fußweg von Rattenberg zurückgelegt; man kann also, da
vorbenanntes Städtchen die kleinere Hälfte von Hall nach Kufstein
bildet, die ganze Reise unaufgehalten in sieben Stunden bequem
vollbringen, indeß man zu Lande bei gutem Schritte 16 Stunden, die
Raststationen ungerechnet, benöthigt.
Einige Klafter unter der schönen auf steinernen Pfeilern ruhenden
Brücke, dem Dorf Zell gegenüber, ist der gewöhnliche Landungsplatz.
Kufstein liegt eng am Strom, und ist mit hohen Ringmauern in Nord und
Osten umgeben; gegen Südwest erhebt sich das Schloß oder die eigentliche
Festung, auf einem steilen auch überhängenden Fels, der ihm an
gewechselten Standpunkten von weiten die Form riesiger Salzkufe oder
unermeßlichen Kopfes mit Nasen und Ohren leiht; daher auch die
allgemeine Benennung -- Kopfstein, bei den Landleuten. Die Stadt selbst
ist so klein, daß man ungehindert vom oberen zum unteren Thor, oder
umgekehrt, jedem Nieser -- Wohlseyn zuwünschen kann; sie besteht
eigentlich nur aus einer einzigen schiefen Gasse, worin 28, aber
meistens drei Stockwerke messende Häuser aufgestellt sind. Oestlich an
der Stadt machen einige Häuschen eine Art von Vorstadt; doch glaube ich,
daß die Bevölkerung insgesammt nicht 500 Seelen übersteige.
In Kufstein sind zwar der Kommerzial-Strasse wegen, genug Wirthshäuser
vorhanden, aber die Stille, das Eingeschlossene und Traurige im
Städtchen, machen jeden Bissen zum Würgapfel; ich wundere mich, daß hier
jemand Anderer, als ein Soldat zu hausen bereit ist.
Da der Regen gleich eigensinnig blieb, so verschob ich alle weiteren
Untersuchungen auf morgen, ließ mir durch den Wirth die Vidimirung des
Passes und einen Erlaubnißzettel, die Festung zu besichtigen, besorgen,
und ging auf mein Zimmer. Des Färbers und Müllers Nachtmahl nahm ich
ihres Geldmangels und höflichen Benehmens wegen zu meiner Zeche; die
Folge wird lehren, wie sie es verdienten.
Das Wetter hatte über Nacht ausgetobt, frostelnde Kühle blieb zum Morgen
übrig, wie die Schwäche dem Rekonvalescenten; ich beeilte mich zur
Festungsbesichtigung. Am Fuß des Felsens, beim einzigen Aufgang zur
Festung, befindet sich rechts eine Militär-Wachstube; jeder Ein- und
Ausgehende wird von dem Posten genau besichtigt; man kommt durch das
kleine eisenbeschlagene Thor zur Stiege, welche bis hinauf mit dicken,
meistens eichenen Pfosten links und an der Decke umbaut ist; rechts ist
die Felswand, in der schwere eiserne Ringe zur Ketten-Anlegung oder
Geschütz-Hinaufziehung dienlich, eben so wenig von Eisensparung zeigen,
als die grossen Klammern und Schrauben in vorbenannter Holzeinfassung;
kleine Fensterchen darin biethen Licht, und Gelegenheit zur
Vertheidigung bei Belagerung. Schon hört man Kettengerassel und Stimmen;
dumpf bricht sich der Ton in der bedeckten Stiege, und der Wanderer
zögert schauernd. Zwischen Batterien, Hornwerken und Bastionen von
Felsen, erblickt man das kriegerische Freie; noch hat man keine Zeit die
Wehrthürme und Ravelins alle zu besichtigen; denn einige Duzend bleiche
aufgedunsene Arrestanten schleppen, je nachdem die Anzahl der Strafjahre
ihnen leichtere oder schwere Eisen diktirte, ihre marternde Bürde dem
Fremden entgegen, und flehen um Almosen, oder bringen aus gefärbten
Roßhaar wirklich herrlich geflochtene Uhr- und Halsketten, nette
Ringelchen mit den rein eingearbeiteten Innschriften: Zum Angedenken,
Vergiß mein nicht. Glücklich der Freie u. d. g. um Spottpreise zum
Kaufe. Ein Franzose, welcher im Jahre 1811 auf dieser Festung büßte, hat
die Haarflechterei einigen Unglückskameraden mitgetheilt, und dadurch
als bleibende Kenntniß allen Nachsträflingen vererbt. Von dem gelös’ten
Gelde darf sich Jeder wochentlich ein Seitl Bier und ein Loth Rauchtabak
(aber nur zum Kauen) anschaffen, die übrige Barschaft zu neuer
Material-Anschaffung verwenden. Den gesunden Arrestanten werden täglich
Arbeiten, hauptsächlich Reinigung der Wege, Ausbesserung der
Festungswerke u. d. g. angewiesen, besondere Staatsverbrecher und
ehemalige Offiziere ausgenommen, welche aber ebenfalls, wenn sie ihr
Kämmerchen der frischen Luft wegen mit den Rambats der Festung auf
Viertelstunden vertauschen, wie die gemeinen Verbrecher, Soldatenwache
bei sich haben. Die Anzahl der Arrestanten, welche durchaus der
Militärbranche zugehören, ist des Raumes wegen auf 45 Köpfe beschrenkt;
sie haben leidliche Wohnungen, nach ihrem vorigen Stande entweder in den
Erdgeschoßen oder in Stockwerken der Festungsgebäude und Thürme; die
Kasematten sind alle leer.
Ein Feldwebel und ein Gemeiner begleiteten mich zu den verschiedenen
Abtheilungen der Festung; zuerst besah ich die bedeckten Wege,
Sternschanzen und oberen Terrains, welche bei den ungeheueren Thürmen,
Minen, Hornwerken, Batterien etc. die Festung furchtbar und
unbezwinglich kleiden, aber es ist nichts als Hülle, womit sie ihr
schmeicheln; denn mit einem Blicke wird der Taktiker die Unhaltbarkeit
der Festung für die Dauer erkennen. Kein Artillerist kann auf Sicherheit
pochen beim Geschütze, da von höheren Bergen die Festung bequem aus
Kanonen und Bomben bestrichen werden kann. Unter den kleinen Festungen
ist sie aber demohngeachtet wider Ueberfälle und Belagerungen für kurze
Zeit, eh noch die Feinde schweres Geschütz herbei zu bringen vermögen,
am ersten zum haltbarsten Widerstande geeignet. Nur in den Zeiten des
Faustrechts konnte man diese erhabene Felsenplatte, so lange noch ein
Mann das Schwert oben schwang, oder ein Junge beim Steinkorbe stand,
unüberwindlich preisen!
Nun mußten Lichter aushelfen, denn abwärts gings in die Kasematten,
deren zwei und vielleicht mehrere untereinander theils durch Mauer,
theils in Felsen angelegt sind; ich hatte an ersteren genug; denn nebst
der Moderluft, welche mich darin quälte, brach unter mir ein morsches
Bret, und ich sank in die unten befindliche Pulvermine, deren mehrere
von den Baiern durchgeschlagen wurden, als sie 1809 die ganze Festung in
die Luft zu sprengen gesonnen waren.
Bedauernd Jeden, den sein Unglücksstern hierher bleibend verdammt,
verließ ich das unterirdische Angstreich. Nun stiegen wir den größten,
mit besseren Arrestkammern versehenen Thurm hinan; der erste Verbrecher,
dessen ich ansichtig wurde, war ein wohlgestalteter Mann von beiläufig
40 Jahren. »Kommen Sie mein Herr, um ihre Neugier auch an der
Verzweiflung zu stillen?« fragte er mit beissender aber reiner Betonung.
»Ich beklage das Unglück und will es nie kränken;« erwiederte ich, und
eilte die Treppe hinab mit einer Engbrüstigkeit, als drücke Mord meine
Seele. Keine Minute wär ich länger verweilt, der Felsgrund schien zu
brennen unter meinen Füssen, bis ich in der Stadt wieder zu freien Athem
gelangte.
Schurkenbeispiel.
Vom Wirthe ward mir reichliches Frühstück bereitet, ein noch grösseres
hatten sich die zwei Burschen auf meine Rechnung geben lassen, und dazu
eine Flasche Branntwein, Brot und Käse zum Mitnehmen auf die
Wasserreise. Der Wirth willfahrte ihnen, weil ich unvorsichtiger Weise
bei der gestrigen Zeche für sie, beide als gesittete Leute schilderte,
denen ich bis Rosenheim mitzufahren erlaubt hätte, und überdieß für ihre
Rudermithülfe das Bischen Nahrung schenken wolle. Der Färber trug die
Viktualien zeitlich zum Schiffchen, um nach seiner Aeusserung dasselbe
zu hüthen, bis ich vom Schlosse und Frühstück hinkommen würde; der
Müller weilte noch geraume Zeit beim Imbiß, und nach befriedigter Frage:
wann die heilige Messe in der Kirche Statt finde? bat er, ihn von dort
zu holen, in so ferne ich vorher eintreffen sollte.
Der sorglose Wirth machte ein sonderbar langes Gesicht, da ich diese
Angaben -- Keckheiten nannte, und als verdächtig erklärte; zum Glücke
hatte er Niemanden in mein Zimmer gelassen, und somit lief ich getrost,
grösseren Nachtheils befreit zu seyn, zum Stromufer. Aber zwei grosse
Steinkohlen-Schiffe ausgenommen, war, wie ich fürchtete, nichts von
meinem Kahne zu sehen; die Erzgaudiebe entwichen bereits vor einer
Stunde, und hatten dem mir nun erzählenden Schiffknecht, welcher mich
gestern mitankommen sah, auf sein Befragen, wo der Dritte wäre? die
gefaßte Lüge angehängt: ich bethe in der Kapelle zu Loretto, und sie
würden unten (beim Kaiserbach) mich erwarten. Mehr als der Preis des
Nachen und Frühstücks für die Schurken, verdroß mich nun bei windstillem
Tage die bemüssigte Wanderung neben dem Inn, anstatt dass ich mit aller
Bequemlichkeit hätte auf den Wellen hinabgleiten können; ich verwünschte
die Unvorsichtigkeit, keine Kette und Schloß mitangeschafft zu haben;
mehr aber, als Alles, empörte mich der äusserste Undank jener Schelmen,
welche wegen ein Paar Gulden jedes bessere Menschengefühl herabsetzten,
und mir ein Beispiel von Schlechtigkeit aufstellten, dessen ich noch nie
erfahren. Solch ein Zug gäbe Hypochondristen Gelegenheit, für immer
Menschenfeinde zu werden. Wahrlich! welche Mühe braucht es, Landsleute
-- oft Verwandte mit einander in Freundschaft zu verweben; wenn es aber
darauf ankommt, einen Dritten zu bekriegen, da werden Asiaten und
Europäer bald verbrüdert!
Schlüßliche Wanderung in Tirol.
Der Wirth konnte sich aus Verwunderungen gar nicht heraushelfen; am Ende
prophezeite er den Gaunern, früh oder spät, auf einer Festung sichere
Plätze. Ich verließ Kufstein und betrachtete mißmuthig die auf schöner
Wiesenfläche gepflogene Loretto-Kapelle und den sonach die Strasse
unterdringenden Kaiserbach, denen ich schon längst anwesend gelogen
wurde. Das Thal wird breiter, Aecker und Wiesen scheinen hier auf dem
guten Boden trefflich bestellt. In einer halben Stunde erreicht man den
Weiler _Aichlwang_, merkwürdig, weil jenseits von dem ins linke Inn-Ufer
einbrechenden Windhagerbach das baierische Gebieth schon beginnt; das
rechte trennt sich erst drei Stunden später bei _Windhausen_ vom
österreichischen Besitze. Ein Wäldchen von Tannen und Föhren, und rechts
tirolische Felsenwände, machen den bedeutenden Landwechsel dem Wanderer
noch eine Zeitlang vergessen.
Durch den Weiler Oberdorf kommt man in einer halben Stunde zu dem voll
von Verwüstungsspuren des Aschauerbaches heimgesuchten Dorfe _Ebs_. Von
hier reichen die Poststrassen über _Marquartstein_ und _Traunstein_ oder
über _Kizbühel_ ins Salzburgische. Allmählich verlor sich mehr und mehr
der Rückblick nach Kufstein, bei Niederdorf ist er für immer
entschwunden. Die südlichen Alpen, welche man noch vor einer Stunde
lobte, sind geschmolzen im Aether oder Nebel; dagegen lächeln andere
Gegenstände dem Wandler: Birnen, Aepfel und Zwetschken, im flachen Lande
längst schon verzehrt, krümmen hier noch tief die Aeste der Bäume. Ich
wollte mir im anmuthigen Weiler _Mühlgraben_ das lang Entbehrte kaufen;
nicht reich waren die Burschen und Dirnen, welche emsig an den
Obstbäumen ihre Kraft im Rütteln versuchten, aber beleidigt schienen
sie, als ich für ein Tuch voll Pflaumen und wohlriechender Aepfel,
Bezahlung anboth. Ich werde bei der Ernte ihnen doch den Segen nicht
wegkaufen wollen? zürnten sie, und liefen davon, als beruhte ihr Heil
auf meiner unentgeltlichen Annahme des Obstes.
Rechts ruht auf sanftem Hügel der Weiler Hochau so zauberisch, als
strebte er dem Waller die Trennung von diesem Ländchen so schwer als
möglich zu machen; der schäumende Alpenbach neben ihm, eilt desto
hitziger zur Reise, obgleich ihn ewiglich frostet. Ich überschritt
denselben, und kam bald zum Dorfe _Erl_. Hier überraschte mich noch das
seltene und letzte Fest des Alpenländchens; die ganze Dorfgemeinde
schien in Reih und Glied aufgestellt, Glockengeläute und Jubelruf
spielten ein freudig Duet -- es war der feierliche Einzug der Herden von
der schließlichen Alpenweide. Mit Seidenbändern und Blumenbüschen
verschwenderisch ausgestattet, schritten die wohlgenährten Kühe, von den
Sennerinnen bis zur glänzenden Politur gestrigelt, sich selbst den Takt
läutend, gravitätisch durch die gaffenden Reihen; stolz auf ihre
Zöglinge ging an der schönsten immer die Pflegerin, mit einer Miene, die
_Dido’s_ Reichthum und einer Bachantin Frohsinn ausdrückte. Ihr Bursche
durfte neben ihr die Freude und das Lob der Herrnleute und Nachbarn
theilen. Den Schluß machten Kälber und Schafe, welche mit einer Schar
Kinder zugleich die Ställe füllten.
Für die Ausschmückung des Rindviehs, welche die Sennerin von den Paar
Lohngulden bestreitet, macht der Beifall des Volkes ihren einzigen
Gewinn; und doch ist er ein beinahe unentbehrliches Erforderniß beim
Heimtriebe.
Nun senkt sich etwas der Weg; rechts auf der Anhöhe steht ein alter
viereckiger Thurm voll Fenstern -- es ist der
Gränzposten Windhausen,
den vorher immer Militärbesatzung inne hatte, seit aber sein Holzwerk
abbrannte, hat sich die Gränze zum Waffenstillstand entschlossen. Ich
erklomm ihn, nicht um darin Merkwürdigkeiten zu entdecken, sondern etwas
von dem liebgewonnenen Tirol mir noch einzuprägen.
»Leb wohl du Land, dem die Thäler -- Wiegen, die Flüsse -- Adern, die
Berge -- Waffen, die Felsen -- Kinder sind! Die Seen machen deine
Spiegel, die Wälder deine Gärten aus; und an der Alpen Brust feiern die
Wolken -- Opfer für des hohen Land’s Geburt. Von der Wasserfälle
Brüllen, von der Lavinen polternd Sturz, braus’t dein Aether; deine
Mauern aber stehen, trotzen wie die Ewigkeit! -- Noch einmal, lebe wohl
schöne Bergwelt! nichts verbindet ferner mich mit dir, als mein Dank und
der Strom, der mir im guten _Wien_ dein Befinden weisen soll!«
Im Fortwandern entkeimte der Wunsch meinem Herzen: Das Leben möge immer
dieser Reise gleichen, mannigfaltig und flüchtig im Einzelnen, aber
reich an herrlichen Minuten, und ewig langsam das Vergessen dieses
Glücks!
Baiern.
Uebern Pachberger-Bächelchen, an dem eine Bretermühle besonders
eingreifenden Vortrag behauptet, befindet sich bei mehreren Häuschen
auch das königlich baierische Gränzzoll- und Aufsichtsamt. Wenn man
nichts Mauthbares hat, so ist die _Vidimirung_ des Passes bald abgethan.
Von da kommt man in drei Viertel Stunden über den Weiler Hinterberg zu
dem im schönen Obstwäldchen versteckten _Nußdorf_. Seitwärts des Dorfes
ragt ein ungeheuerer alter Thurm; ich konnte von den deßhalb näheren
Umständen nichts erfahren; »s’ wor holt a Haden-Schloß« lautete die
allgemeine Antwort.
Willkommene Rechtspflege.
Der Zufall wollte, daß ich der Grummetsammlung wegen, welche auf den
ergibigen aber Sumpfwiesen eben dreissig Hände beschäftigte, meinen
Blick aufmerksamer von der Strasse nach dem Innufer heftete; einige
Schiffshütten zwischen den Weiden und Erlengebüschen hervorblickend,
lockten mich wegen allenfälliger Fahrtgelegenheit hinzu, darunter
schaukelte mein Kahn! -- Freude und Galle bestürmten mich, ich wollte
schon die Schufte beim Kragen packen, aber nur ein Bauer stand am Ufer,
ich fragte, wo die Kerlen wären, welche den Nachen gebracht? »Er wisse
es nicht,« antwortete er, »und warte selbst auf sie; vor einigen Stunden
hätten die Vorbenannten hier gelandet, und den Kahn um 3 Gulden R. W.
seinem Herrn angebothen. Dieser willigte auch in den Kauf, jedoch da ihm
die Burschen verdächtig aussahen, mit dem Beding: sie sollten sich über
den rechtlichen Besitz ausweisen. Dem auszuweichen wollten sie wieder
abfahren, aber der Handelskontrahent nahm Beschlag auf den Nachen, bis
sie vor dem Dorfrichter ihr rechtliches Gewerbe, Paß und Wanderbuch
probhältig erwiesen hätten. Dazu waren sie bereit; als aber geraume Zeit
verfloß, wollte sein Herr selbst nachsehen, und ließ ihn (den Erzähler)
als Wache zurück, alle drei sollten nun jeden Augenblick kommen.«
Die Schurken wurden also in ihrem Plane überlistet; aber wie mein
Schiffchen wieder zu erlangen, da mir selbst die Beweise des Ankaufs
fehlten? im äussersten Falle beschloß ich, den Nachen noch einmal zu
bezahlen, um nicht die langweilige Fußreise an dem Stromufer
fortzusetzen.
Für ein Trinkgeld gelobte mir der Mann, bis zu meiner Rückkehr nicht vom
Schiffchen zu gehen; eben trat der kluge Phisiognomiker aus des Richters
Hause, als ich dahin wollte. Meine Versicherung des Kahnes Entwendung,
bezweifelte Niemand, auch glaubte man die Möglichkeit, daß ich denselben
gekauft hätte; doch die Bekanntschaft mit diesen Schelmen, welche nichts
weniger als beim Richter sich zeigten, stellten mich in ein
nachtheiliges Licht. Es würde sich in einigen Tagen zeigen, meinten
Beide, ob jede weitere Nachfrage um den Nachen aufhöre?
»Es wäre mir nicht um den Kahn, sondern ums Wasserfahren zu thun,«
erbitterte ich, »und sie sollten mir einen andern für Geld und gute
Worte verschaffen, hier sey mein Paß und sonstige Papiere, welche mich
von jedem Verdachte und nutzlosem Menschen lossprächen.« Der
Dorfrichter, welcher als Seltenheit _über_ seinen Platz lobenswerth
gestellt schien, notirte sich daraus meinen Namen und Charakter. »Ich
weiß nun an wen zu schreiben sey, wenn die beiden Gauner, denen dieser
Diebstahl vielleicht das Geringste war, in der Nachbarschaft sollten
ergriffen werden,« sprach er, »reisen sie ungehindert glücklich, und
glauben sie nicht, daß man in Baiern sein Eigenthum noch einmal kaufen
müsse.«
Ich dankte, mehr für die Kürze seines Bescheides, als für das
gesprochene Recht, welches allenthalben Schuldigkeit ist! und ging in
Begleitung des Schiffseroberers den wachsamen Bauer abzulösen.
Mir wurde ganz wunderbar lustig zu Muthe, als ich schneller und
schneller dem Hafen entfloh. Allein zu reisen wie zu Lande so zu Wasser,
beschloß ich fest, weil man somit die wenigsten Fatalitäten hat. Unter
Nußdorf besitzt der Inn die größte bisherige Breite und meisten Inseln;
vom linksufrigen Schlosse Falkenstein aber, zieht der Strom beinahe
ungetheilt bis _Rosenheim_. Diese ganze fünfstündige Strecke von Nußdorf
angefangen, welche man zu Wasser in zwei Stunden zurücklegt, müßte einen
Fußwanderer zehnmal mehr ermüden, da sie selbst den Nachenfährmann
langweilt. Die Tiroler-Alpen und Felsen sind verschwunden, die Häuschen
der Dörfer Kirnstein, Falkenstein, Berneburg, Degerdorf, Reischenharf,
Raubling, Retenfeld, Pfraundorf und Heping nach einander am linken Ufer
fortlaufend, verstecken sich größtentheils zwischen Gebüsch; am rechten
Ufer kann sich nichts verbergen, weil nur der einzige Markt Neupeuern
und Weiler Rordorf auf der langen Strecke sich niederliessen. Etwas
Leben unterhalten einzig die beiderseits herzueilenden Bäche. Links wird
die Gegend immer flächer, und bei Pfraundorf breiten sich auf mehrere
Stunden im Umfange Sumpfwiesen und Moorgrund; rechts bleiben die
mannigfaltig beholzten Waldberge fortwährend gleich. Bei dem
kupferreichen