Weyerburg.
Es liegt am linken Ufer des Inn, nahe bei Innsbruck, unter der
Frauhütt-Alpe; doch wenn man diese und _Ambras_ vorerst sah, so wird der
mit Bäumen besetzte Hügel und des Schlosses Gemächer und Saal, der im
Besitze stehenden Familie von _Wörndle_, auffallend verlieren.
Charakter der Tiroler.
Nun einige Blicke auf die Tiroler selbst. Um sich einen Begriff von
Sitten, Charakter, Neigungen und Handlungsweise des Bergvölkchens zu
machen, muß man die heimisch Angesiedelten ja nicht mit den alle Welt
durchwandernden Dudlern, Hausirern, Lederwaren-Krämern u. d. gl.
vermengen; denn diese, als die Schlechtesten, haben eben so wenig
Vaterland als herkömmliche Gebräuche; wo sie ihren Gewinn ziehen, dort
behagt es ihnen, und biethet ein anderer Platz nur etwas mehr Vortheil,
so sind sie gleich dort wieder eingeboren.
Der brave Tiroler verläßt nicht sein Haus -- Acker, seine Familie und
Berge; daher auch der beharrliche Sinn, diese Heiligthümer zum letzten
Blutstropfen zu vertheidigen.
Bieder und worttreu, ist er eben so karg im Reden als Zutrauen; desto
mehr öffnet sich sein Herz den Einwirkungen der Religion; die
Muttergottes ist Schutzpatronin wider alles Mißgeschick. Aber deßhalb
verlangt der Tiroler nicht, daß die Verehrte alles allein auf sich
nehmen und ausführen soll. Er wünscht nur ihre Beihülfe, und ringt und
strebt -- selbst zu vollführen! Ziemlich geneigt wäre das Völkchen dem
Trunke; allein seine Armuth, seine Häuslichkeit, erlauben kaum einmal
des Jahres zur Kirchweihzeit diesen Lockungen zu fröhnen. An Fleiß
mangelt es in Tirol wahrlich nicht, das zeigen seine Fleckchen
Ackergrund, welche manchen Flachländer bannen würden.
Zu Innsbruck sieht man weniger den Mangel, denn wo Wohlhabende
schmausen, erübrigen auch Brocken für Arme. Gastfreiheit, Geselligkeit
und Zusammenkünfte, weichen einigermassen denen zu Grätz, doch gründet
sich dieß weniger auf Kargheit und Fremdenscheue, als dem Wunsche,
seiner Familie und Hauswesen ganz zu obliegen. Einem feinen Städter möge
das am Lande durchaus gewöhnliche Du und der barsche Ton etwas roh oder
grob drücken; allein bald gewöhnt man dieses herzliche Zutrauen.
Mit Kraft und Fülle und einer guten Portion Frohsinn ausgestattet,
bleiben sich die Bewohner gesegneter und eisiger Thäler gleich. Den
wesentlichsten Unterschied macht die Lieblingsfarbe und der Zuschnitt
ihrer Kleidung, worin sich jeder Bezirk von dem nächsten merklich
absondert; doch obgleich ich mehrere gesehen, und die männliche Tracht
als zweckmässig mit ihrem Berglande anrühme, so mißfiel mir diese doch
durchgehends an dem weiblichen Geschlechte. Ihr kraftvoller, für
Frauenzimmer beinahe zu starker Wuchs, übergeht durch die mit Pelz und
Tuch ausgenähten Korsetten, und hundert Falten ihrer Röcke, ins Plumpe,
Unbehülfliche. Dafür ertheil ich auch unbezweifelt der männlichen Klasse
den Vorrang an einnehmenden Aeusseren. Schlüßlich glaub ich noch
bemerken zu müssen, daß in Tirol weit weniger die Kröpfe zur Mode
geworden, als in Steiermark und Kärnthen.
Hall.
Der Oktoberwind blies zum Abmarsch; rings sammelten sich auf sein Geheiß
die Blätter der frühen Kastanien unter den Bäumen, zu ziehen, wohin es
ihm beliebt; im Farbenwechsel kränkelte die Linde; Buche und Rusten
zögerten beim Kleidertausch; nur die lombardische Pappel erhob sich über
den Willen des Herbstes, und die männliche Eiche behielt noch wie vorher
den Muth; stolzer erwartete, seiner Kraft bewußt, das immer gleich
bleibende Nadelgrün bald auch über diese den Triumph.
Diesen Erdkampf hier nicht abzuwarten, ergriff ich meinen Wanderstock
und schlenderte in zwei Stunden nach Hall. Ausser der schönen dahin
führenden Kirschbaum-Allee, welche von einer Menge steinerner
Heiligensäulen strotzt, biethet sich nichts Besonderes. Auffallender war
mir die Equipage einer umsiedelnden armen Tiroler-Familie. In der Gabel
des zweirädrigen Karrens, worauf mancherlei Pack und zwei kleine Kinder
aufgeschichtet waren, ging der ziehende Vater, den vor ihm angespannten
Steinesel immer antreibend, das Weib aber half im Antauchen bei den
Leitersprossen, und zwei grössere Kinder machten die bittenden Vorläufer
an Vorübergehende.
Hall, dieses komische Städtchen mit 4400 Einwohnern, sieht noch eben so
aus, wie vor einigen hundert Jahren in den Zeiten des Faustrechts. Seine
Ringmauern, finsteren Wachthürme, kleinen Einfahrtsthore, und selbst
seine 380 Häuser liessen nicht von einander. Da die Stadt auf einer
Anhöhe liegt, so ist es natürlich, daß die Gässen schief und holperig
seyn müssen; desto weniger noch wird auf deren Erhaltung gesehen;
pflasterlos sind nicht nur Lücken und Gräben, Nachts, wo keine Lampe
glimmt, drohende Widersacher dem Fußgeher, sondern, was beinahe
unglaublich scheint, das vom Salzberge neben der Sohlenleitung die Stadt
(zur Reinigung? --) durchfliessende süsse Wasser, ist nicht einmal
allenthalben mit Bretern gehörig verwahrt. Ich empfand diese
Nachlässigkeit, als ich Abends vom Salzberge rückkehrend, dem Gasthause
in einer andern Gasse zuschritt, und plötzlich in jenen Wasserkanal bis
über die Knie hineinplumpte. Allein, diese Sorglosigkeit der
Strassenkultur scheint das Gute bezwecken zu wollen, daß erstlich die
Einwohner des Nachtschwärmens sich begeben, und da (einige Invaliden
beim Spital ausgenommen), kein Mann vom Militär oder Polizei der
Sicherheit wegen die Stadtbevölkerung vermehrt, auch Diebe und
Spitzbuben verhindert werden, überall hinzudringen, und bei Verrath sich
schnell aus dem Staube zu machen! -- Sehenswerth sind die acht
Pfannhäuser, deren sechs mit Steinkohlen geheitzt werden, dann die
ergibige Salmiak-Fabrik. Da von Hall aus der Inn erst schiffbar wird,
und nebst Steinkohlen-Transporten nach Kuffstein etc. auch (bei
vorhandener Ladung) alle 14 Tage eine Wasserpost nach Wien abgeht, so
sind am hierortigen Werftplatze immer einige Schiffe im Baue.
Um den Salzberg besehen zu dürfen, muß man vom Salinenamte eine Karte
ansuchen. Durch die Herrngasse hinaus, wandert man auf der merklich
zunehmenden Berghöhe Anfangs neben Feldern, welche aber etwas Lein
ausgenommen, bereits ihrer Bürden enthoben lagen, auf guter Strasse dem
Waldberge entgegen. Beiderseits erheben sich die Gebirge, grüner und
färbiger wird ihr Rücken, der Bach ergetzt zur Rechten mit seinem
verschiedenartigen Geschwätze, nun sammeln sich Bäume um den Pilger --
man ist nach zwei Stunden bei der zierlichen Bergmeisterswohnung; ein
Gasthaus für Knappen und Fremde biethet Erholung dabei; man benöthigt
sie, um nun den steilen Pfad auf den dichtbewaldeten Salzberg hinan
auszuführen. Für den Besucher haben wiederhohlte Aehnlichkeiten weit
eher belehrenden Werth, als dem Leser. Hier, wie im Dürenberge, wird der
Gast herumgefahren, die Wöhren werden beleuchtet, die Schachttritte
gewiesen etc. etc.
Auf der Spitze des Salzberges, von vorbenannter Bergmeisterswohnung
anderthalb Stunden entlegen, erhebt sich die Kaiserspyramide, von Holz,
und weiß angestrichen. Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser, vom
edlen Zwecke beseelt: jede Segensquelle Ihres Landes zu besichtigen,
bereiseten den Salzberg 1815. Dieses Angedenken des höchsten Besuchs
bleibend zu sichern, soll eine Säule von Stein die hölzerne, welche
ohnedieß schon einmal abbrannte, bald ablösen. Die Aussicht ist
allumfassend, und dürfte beinahe derer von der Frauhütt ähneln. Ueber
dem von Mandel-Berg und Speckkohr zusammenlaufenden Dammrücken, führt
ein Gangsteig zum Haller Anger hinab ins Isarthal. Ewige Waldungen
schauen von dort herauf, als wären sie aus Amerika übersiedelt; von
allen Höhenpunkten ist dieß der waldreichste in Tirol.