Den Rückweg wählte ich über die Thaurer-Alpe herab zur

Ruine Thaur.

Berg und Schloß gleich wüste, biethen nichts als mässige Uebersicht; die

Ferne leiht ihnen zum Danke dafür ein wichtigeres Ansehen. Die Veste

muß, nach ihrer Zerstörung zu schliessen, bei 200 Jahre in Ruinen

liegen; von Gewölbern zeigt sich gar keine, von Zimmern und Thürmen nur

wenige Spur. Die Ringmauern stehen begraset und beholzt wie ein

Sterbender, dem der frische Jugendanzug die Furcht vor dem Tode hemmen

soll; ein Bach eilt darneben von der Höhe zum gleichnamigen Dörfchen

nieder, er sehnt sich aus der todten verlassenen Höhe nach Menschen. Wo

sind die Lehensritter der mächtigen Grafen von Andechs, welche bei Jagd

und Kampf die Kräfte massen? wo die Humpen, deren lärmender Klang zur

Freude lockte? -- Durch die nebelschwitzenden Thäler rief das Horn die

Waffengefährten über Berg und Thal des thauigen Forstes; enger wurde das

Panzerhemd über des feurigen Ritters sich wölbender Brust, wenn es Ernst

oder Schimpf galt mit Lanz und Stahl; ihre Kämpfe blieben bei den

Zeitgenossen, keine grosse That, kein ruhmwürdiger Name ist auf die

Nachwelt von diesem 800jährigen Schlosse übergegangen; es gleicht nun

manchem unwichtigen Greise, von dem man nach seinem Hinscheiden nichts

weiß, als -- daß er lange gelebt!

Originelle Baxerei.

In einer Stunde darauf saß ich im Gasthause zu Hall. Zunehmender Lärm in

der Schenkstube draussen, lockte mich aus meinem Zimmer dahin;

Salzträger und Bäckergesellen, um einen Tisch gelagert, erschöpften sich

daselbst in Behauptungen, mehrere Salzsäcke als der Nachbar zu tragen.

Der Streit wurde heftiger, und die gewöhnliche Folge -- Schlägerei.

Augenblicklich machten die Anwesenden -- nicht Mittel zum Frieden,

sondern Platz, damit die Kämpfer sich nach Herzenslust herumprügeln

könnten. Der einigemal schon zu Boden geworfene, und wieder mit neuer

Wuth angreifende Schwächere, überfloß schon von Blut. Mir wurde bange um

den Armen, ich suchte Einige zum Mitleiden und Schlichtung des Kampfes

zu bereden, erhielt aber die lakonische Antwort: »Wenn des Besiegten

Vater sich nicht darein mische, so ginge es mich doch gar nichts an!«

Staunend wandte ich mich zu jenem Benannten, welcher auch noch ein

kraftvoller Mann von 45 Jahren war, und fragte, ob er seinen Sohn wolle

erschlagen lassen? Aufgebracht erwiderte dieser: er hätte keinen Sohn

erzeugt, der mit Fausthieben könne umgebracht werden, daß dieser am

Boden liege, wäre seine Unkenntniß im Anpacken Schuld; übrigens

schadeten ihm die Schläge gar nichts, sondern würden ihn nur fest, und

für die Zukunft geschickter machen! Ich sah, daß hier Halbmenschen

beisammen wären, und verlangte vom Wirthe, er solle die Wache holen

lassen. »Von Innsbruck vielleicht?« lachte er, »denn zu Hall haben und

brauchen wir keine, es ist ja ein ruhiges Städtchen!« -- Nun war der

Streit beendigt, der faßbreit-schulterige Sieger wischte sich den Staub

vom Büffelhaupte, und zeigte mit einer Art Stolz denen Anwesenden die

fortglimmende Tabakspfeife, daß er sie beim Kampfe fortwährend benützt

hätte. Alle lobten ehrfurchtsvoll seine Kraft und Geschicklichkeit, der

Vater meinte, übers Jahr würde dennoch sein Bube siegen, und man zechte

fort beim Tische, und ließ den später friedfertig zukommenden, vom Blute

zwar gereinigten, aber mit verschwollenen Augen, und roth und schwarzen

Beulen reichlich geschmückten Gegner, Theil am Gesellschaftstisch

nehmen! Mag sich Jeder aus diesem wahren Ereignisse eine Schlußfolgerung

ziehen.

Innfahrt.

Ueberaus wünschenswerth war mir die Wasserreise durchs Innthal; da aber

zum Abgang der Ordinären, bei dem verringerten Kommerzwesen wenigstens 8

bis 12 Tage abgelaufen wären, und ich dann diese Reise durch das

herrliche Thal, unaufhaltsam, einem Flüchtlinge ähnlich, hätte

zurücklegen müssen: so beschloß ich, meinen früheren Entschluß

auszuführen, einen Kahn sammt Nöthigen zu kaufen, und meine oft bewährte

Donau-, Traun- und Enns-Alleinbefahrung auch auf dem Inn zu versuchen.

Von Braunau war ich bereits zweimal hinabgerudert, ich erfuhr, daß auch

diese Strecke von Hall bis dahin bei Fahrtkunde gefahrlos sey.

So abentheuerlich dieses Unternehmen vielleicht scheinen mag, so ist es

demohngeachtet nichts weniger als ungewöhnlich, oder bei oftmaligen

früheren Fahrten, gefährlich. Dem Kahne die gleiche[15] Richtung zu

geben, den Hübeln (Haufen genannt,) worüber der Untiefe wegen keine

Schiffe fahren können, klug ausweichen, nicht zu spät in die Nacht zu

fahren, hauptsächlich aber beim Nebel und Wind zu rasten, sind nebst

Nüchternheit die Haupterfordernisse. Dafür hat man bei solch separater

Fahrt keine Grobians von Schiffern beständig im Sacke, kann landen wann

und wo man will, und die ganze Reise kostet -- ein Bagatell!

[15] Was beim einzelnen Fährmann durch eine, den Vordertheil des

Nachens seinem Gewichte gleich kommende Beschwerung mittels Steinen,

ungemein befördert wird.

Hat man Gelegenheit als Passagier auf ein grosses Fahrzeug zu gelangen,

und ist man der Alleinreise überdrüssig, so bekommt man überdieß für

sein Schiffchen die Hälfte des Preises zurück. Jedoch will ich deßhalb

ja Niemanden dieses Unternehmen anempfehlen, der nicht schon oft und von

Jugend an, auf Flüssen und Wellen gerungen; denn auf Teichen oder Seen

zu fahren erfordert wohl mehr Anstrengung, als auf beflügelten Strömen,

die selbst den Nachen fortreissen, aber desto mehr Umsicht und

Genauigkeit des Leiters nothwendig machen. Ueberhaupt soll selbst der

sachkundige Dilletant, wenigstens für kurze Zeit sich einen

wohlerfahrnen Fährmann dingen, um den Wasserzug und (da jeder Fluß

andere Handgriffe lehrt,) die Vortheile zu ersehen; freilich schwimmt

ein Nachen sicherer als ein belastetes Schiff, aber deßhalb muß man

gleichwohl sein Leben berücksichtigen!

Sieben Gulden R. W. verschafften mir einen neuen festen Kahn, zwei harte

Ruder, und einen Ländhacken. Ich empfahl mich dem launigen Neptun, dem

lieben Innsbruck und jener unvergeßlichen Alpe, und stach vereint mit

dem gedungenen Schiffer in die Wellen. Pfeilschnell zog uns der Strom;

25 Minuten genügten dem stündigen Wege nach

Volders.

Ich entließ meinen Lehrmeister, welcher sich im Dorfe für seine Lektion

ein Frühstück möge geholt haben, während ich, den _Duna_ beim

angebundenen Kahne als Wächter befehligend, die herrliche Klosterkirche

zu beschauen eilte. Mehr als der solide Bau der kleinen Kirche, welcher

von Hypolith _Guarinoni_ begründet, 34 Jahre gedauert, und 1654

beendiget wurde, verdient die vortreffliche Malerei des berühmten

_Knoller_ Erwähnung. Das grosse nun aufgehobene Kloster dabei ist nur

mehr von zwei veralteten Serviten bewohnt, welche den Rest der zum

Absterben hier belassenen Geistlichkeit ausmachen.

Den Stürmen der Zeit war dieses Kloster weniger als jenen der Menschen

1809 ausgesetzt. Einst sicherte sich dazumal eine Anzahl Feinde

innerhalb seiner festen Mauern und Thore, Kugelpfiffe aus den Fenstern

sollten die Tiroler verscheuchen. Allein der erfinderische Muth hieß

schnell eine grosse Tanne fällen, und den gewaltigen Stamm, von 40

Männern geschwungen, als Mauerbrecher gegen das Thor gebrauchen; nach

etwelchen Stössen sprang Riegel und Pforte, und die blauröckigen

Vögelein bekamen nun plötzlich Sprache, um Gnade zu flehen; eine

Tirolerdirne, welche ihren Landsleuten Wein in einem Fäßchen zutrug,

bemerkte lakonisch, als eine feindliche Kugel das Fäßchen durchlöcherte,

man möchte im Trinken sich beeilen, widrigenfalls bei mehreren

Treffschüssen der Wein ausrinnen müßte, da sie nicht alle Löcher mit

zwei Händen zustopfen könne. Eine Viertel-Stunde südlicher von Volders,

steht in einer düsteren Thalschlucht auf felsiger Höhe das romantische

Bergschloß Friedberg;

wie im Norden Aecker und Wiesen zu seinen Füssen spielen, so überragen

es jenseits ernste Wälder, und der Voldersbach, der schneeigen

Mahlgrubspitze entsprungen, ruft Krieg und Zerstörung im Thale.

Ich genoß die angenehmste Fahrt bei der Windstille des heiteren Tages.

Dörfer, Weiler, Ruinen und Schlösser, worunter _Thierburg_ links, und

rechts _Rottenburg_, der einstige Aufenthalt der heil. _Nothburga_,

bothen zwischen Waldbergen verengt, deren Felsenwände bisweilen aus dem

schwarzgrünen Nadelholz vorsprangen, und mit den fahlen Kornfeldern zu

ihren Füssen malerisch stritten, so viele und mancherlei Ansichten bis

Schwaz.

Ich besah diesen einst wohlhabenden, nun unglücklichsten aller Märkte,

der sich allein von dem Jahre 1809 noch gar nichts erholt hat, und für

die Zukunft daran verzweifelt. Von den vielen Häusern haben wenige

bereits ordentliche Dächer; wie alte Ritterburgen stehen die Mauerwände

von Rauch und Brand geschwärzt, und hohläugig mit ihren ausgebrochenen

Fenstern in den öden Gässen, Männer, Weiber und Kinder erbetteln knieend

von Vorüberreisenden nicht Abhülfe -- sondern Fristung des elenden

Daseyns! Die schöne mit Kupfer bedeckte Pfarrkirche ist Zeuge von dem

ehemaligen Wohlstande des bedeutenden Marktes, und der Gräuel- und

Mordscenen, welche an ihren Thüren durch barbarische

Menschenverstümmlung in dem Volkskriege wütheten. Noch muß ich bemerken,

daß hier im April 1809 mehr Getreide verbrannte, als die heillosen

Feuerwerker Zeitlebens zu verprassen im Stande gewesen wären. Nächst

_Schwaz_, auf der Strasse nach _St. Margareth_, befindet sich das nun

aufgelassene Silberbergwerk, welches nach seiner Entdeckung 1480 so

reichhaltig war, daß Herzog _Sigismund_ durch die Menge daraus geprägter

Münzen den Beinamen des Silberreichen sich erwarb. Mehrere Jahrhunderte

nagten davon Gewinn, nun liegt der Berg ausgetränkt und zerstört, wie

ein ehemaliges Gallakleid, das durch späteste Abnützung unkenntlich und

unbrauchbar im Winkel vermodert. Während dessen ich die schanzförmigen

Hügel, Gruben und verfallenen Stollen besah, holperten einige Wägelchen

mit Holz- und Obstladungen vorbei, die Bespannung machten durchgehends

Kühe, welche überdieß noch sehr schwach und klein waren! --

Bei meiner Rückkehr fand ich Gesellschaft am Ufer; die Leute konnten

nicht begreifen, wie und warum der vierfüssige Passagier im Nachen so

groß thue? Andere meinten, der Hund müsse viele Künste wissen, weil ich

-- seinetwegen herumreise!

Von mehreren Handwerksburschen, die mich um Mitnahme bathen, willfahrte

ich einem Färber und Müller. Letzterer war mir ein wackerer

Rudergehülfe, aber sein schwäbischer Dialekt quälte eben so meine Ohren,

als der Andere ein Franke, von den Gebräuchen der Rhein-, Rhone-, Saone-

und Marnefahrt angenehm zu erzählen wußte. Der zusammengedrängte Inn hat

nun bis Breitenbach gar keine Insel, zieht pfeilschnell, und erfordert

wenig Mühe. Auf überhängender Felsenhöhe links, erkennt man bald die von

den Rittern von _Schlitters_ im eilften Jahrhunderte gestiftete

Benediktiner Abtei _Georgenberg_; ein springender Waldbach ertönt zu

seinen Füssen fortwährend von dessen Lobe, bis beim Dorfe Stans der Inn

selben zum Schweigen bringt. Eine Stunde südlicher erhebt sich

gleichfalls am linken Innufer das

Schloß Trazberg,

merkwürdig weil es 52 Säle und Zimmer, und 365 Fenster haben soll. Im

nahen Thiergarten erlegte (wie ich zu Jennbach erfuhr,) vor Monaten ein

Raubschütze aus dem Dorfe _Stum_ im Zillerthale, einen Hirsch; die ganze

Nacht wanderte er mit der seinen Rücken nicht wenig drückenden Last zur

sechs Stunden entlegenen Heimath; Nachmittags als er eben von seiner

Anstrengung sich erholte, machten ihm Jäger nebst Begleitung einen

Besuch, und brachten Hirsch und Wilddieb in Gewahrsam. Des Weidmanns

dressirter Hund hatte nemlich die Fährte des Wildes entdeckt, und

leitete seinen diensteifrigen Herrn über alle die Steigeln und Umwege,

welche der arme Bauer geflissentlich wählte, um den Nachstellungen zu

entgehen, und doch dabei die Fasch zu hemmen vergaß.

Am rechten Innufer, _Trazberg_ gegenüber, steht isolirt vom Dörfchen auf

einem Fels, die schöne Kirche _St. Margareth_ wie eine Festung wider

lästernde Angriffe. Rings herum und hinab gegen _Straß_ strotzen die

Gärtchen von Obstbäumen, noch glänzten die Spätäpfel an Zweigen; Weizen

und Gerste gedeiht gleichfalls reichlich in dem fruchtbaren Boden.

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 27 / 52 题