Schloß Ambras

(auch _Amras_), welches sich am rechten Inn-Ufer auf glattem Rasenhügel,

eine halbe Stunde südöstlicher als Innsbruck erhebt, könnte in seinen

Sälen und Gemächern die Schätze der halben Welt beherbergen. Allein,

seit dem die werthvolleren von da nach Wien übersiedelten, und die

Baiern 1809 zu _Ambras_ ihr Spital aufschlugen, blieb ihm gegen vorher

als Treuestes -- die äussere Form. Sie zeigt die Abstufungen von

Jahrhunderten und die Kapricen ihrer Bauführer. Der erste Begründer --

ist unbekannt; aber im eilften Jahrhunderte nannten sich schon die

Grafen von _Andechs-Wolfertshausen_ -- Herren von Ambras. Seitdem wurde

es oftmals in Brand gelegt, umgebaut, angestückelt etc. Margarethe

_Maultasche_ bewohnte es abwechselnd von 1360 bis 1364. Die späteren

Besitzer, Herzog _Friedrich_ mit der leeren Tasche, _Max_ der I. etc.

verpfändeten es wegen Geldnoth an adelige Familien.

Die größten Verschönerungen und aufgehäuften Kleinodien erhielt das

Schloß durch Ferdinand II. Erzherzog von Oesterreich, und zwar in den

Jahren 1563 bis 1579. Ferdinand wollte nemlich _Ambras_ -- das Geschenk

an seine herrliche Gattin Philippine _Welser_ von _Zinnenberg_, so viel

möglich werthvoll machen. Gelehrte und Künstler wetteiferten, um es mit

edlem Reichthum zu steigern. Als die Heißgeliebte 1580 starb, erbten es

ihre Söhne, _Andreas_ Kardinal von Oesterreich, und _Carl_ Markgraf von

Burgau. Nach beider Tode blieb es für immer denen Landesfürsten.

Die bewunderungswürdige Bibliothek wurde der Innsbrucker Universität

großmüthig überlassen. Mit Umsicht vom Direktor Anton von _Steinbüchel_

geordnet, bezaubern die unermeßlichen Kleinodien (_Ambrasser_-Sammlung)

den Besucher zu Wien im unteren Belvedere; und so erübrigen hier nur

noch die Ueberbleibsel als ansehnlich für Jene, welche die beiden

Ersteren nicht gesehen.

_Ambras_ besteht aus dem älteren und neueren Schlosse. Wenn man durch

das Thor des letzteren in den grossen Hofraum tritt, so zieht sich

dieses im eckigen Halbrund um das alte oder eigentliche Schloß, welches

sowohl im Bau als Standpunkt das neuere hoch überragt. Gegenwärtig hat

_Ambras_ nichts weniger als ein Ansehen von kriegerischer Festigkeit,

und ich glaube, auch in den Zeiten des Faustrechts konnte es nur durch

viele Besatzung haltbar werden. Der sanft ablaufende Erdhügel und die

nicht zu hohen Ringmauern darauf, unterscheiden sich auffallend von den

sonst niederdrohenden Vesten; daß aber dieser Platz zu thatvollen

Kämpfen geeignet und erkohren sey, bestätigten die braven Tiroler dabei

1809. Rechts im neuen Trakte sind die Wohnungen einiger des Schlosses

wegen aufgestellter Individuen, welche auch dem Fremden nach

vorgezeigter Erlaubnißkarte des Verwalteramts (zu Innsbruck in der

Hofburg), alles Vorhandene mit oberflächlicher Erklärung enthüllen.

Links, neben römischen Meilensteinen, welche einst in der Umgebung

ausgegraben wurden, kommt man in einen grossen Saal, voll Rüstungen und

Harnischen regierender Häupter und berühmter Feldherrn. Hüllen der

Männer, welche einander im Leben so oft feindselig gegenüber standen,

bilden versöhnt ein schönes _Tableau_ zusammen, Andere, die in fernen

Zonen gelebt, und von _Ambras_ nie etwas wußten -- prangen als Zierde

darin. An jedem Fensterpfeiler steht ein hoher Kasten, mit Humpen,

Tafelgeräthen, Porzellan-Aufsätzen, seltenen Schnitzwerken,

Korallengegenständen etc. zwar reichlich versehen, aber jedes der

werthvolleren Stücke hat einen Bruch oder sonstigen kleinen Fehler, der

es hier verbleiben machte. Breite Stufen führen vom Hofe zum alten

Schlosse hinan. Rasselnd knarrt das Thor, heiliger Schauer behaucht den

Wanderer: hundert Thüren öffnen sich, ihm das Wirken und Wandeln der

einstigen Bewohner zu deuten. Gras wächst in den Fugen des Hofpflasters,

weil es kein Eisenfuß mehr abstreift. Gang auf, Gang ab, zwischen

Tapeten-behangenen Gemächern und Bilder-verzierten Wänden wallet die

Vorzeit; der Nachkömmling weilt und sinnt und ruft die Geschichte

zurück, und erröthet mit verstohlenem Blick auf sich, weil er noch so

wenig gethan! -- Waffenstücke zu verschiedenen Kraftkämpfen dienlich:

wie Kolben, Lanzen, Schilder, Schlachtschwerter, Streitäxte, Schleudern,

Partisanen etc. in schönen Formen zusammengestellt, sind durch ihr

gewaltig Gewicht für ewige Zeit des Gebrauchs der Nachwelt enthoben.

Ritter, wie sie bei Feierlichkeiten und Bällen unbeharnischt im

Prachtaufzuge erschienen, Fahnen, die so manchen Blutbach bezweckten,

Helden auf ihren ausgeschoppten Gaulen, welche treu mit einander Sieg

und Gefahren bestanden, reitzen hundertfach des Alterthümlers Gefühl.

Der sogenannte spanische Saal, welcher nebst seiner Ausdehnung der

schönste vor den beiden anderen seyn mußte, hat am meisten gelitten.

Hundert Betten sollen darin 1809 gestanden haben; man secirte und

amputirte hier die Blessirten; die herrlich bemalten Wände sehen sich

nicht mehr gleich. Von allen den tirolischen Landesfürsten, welche

trefflich entworfen, in Riesengrösse an den Wänden lebten, hat Keiner

mehr die Füsse behalten, wenige nur die Schenkel. Es wäre zu wünschen,

daß man diesen still duldenden Krüppeln die mögliche Hülfe leiste. Die

kaiserliche Familie in dem Saale des obersten Stockwerks blieb mehr

verschont. Von da genießt man auch eine herrliche Uebersicht der

Umgebung, in den Lust- und Thiergarten des Schlosses, ingleichen auf

einen von der südlichen Anhöhe herabgaukelnden anmuthigen Wasserfall.

Zum Schluß wies man mir beim Rückweg, als besondere Merkwürdigkeit, die

Badstube der schönen Philippine Welser; es ist ein kleines ausgetäfeltes

Gemach, in das einige Stufen hinabführen, und dessen Boden und

Seitenwände (bei vier Fuß hoch) mit Blech beschlagen sind. Nahe dabei

befindet sich die Kapelle, welche in der That mit allem Anziehenden des

geachteten Alterthums auf den Eintretenden wirkt; obgleich klein, soll

sie doch ehemals die Pfarrkirche des _Ambrasser_-Distriktes gewesen

seyn.

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 25 / 52 题