Wir verlobten uns auf die

Martinswand,

sie both ebenfalls, wie alle Wallfahrtsörter, mühvolles Klettern zur

Busse. Eine halbe Stunde unter Zierl, und zwei ganze ober Innsbruck,

erhebt sich (links wenn man zur Stadt wandert) nahe an der Strasse diese

vielbekannte Felswand. Ein Wäldchen verbindet ihren Fuß mit der tieferen

Strasse. Der kleine Martinsbühl, der Wand gegenüber, trägt auf seinem

grünen Rücken das gleichnamige Kirchlein und Jagdschloß, welche Kaiser

_Max_ oft zu besuchen pflegte, weil er aus den Fenstern des letzteren

die Gemsen von der Felswand herabschoß.

Staunen ergriff mich bei genauer Prüfung der Felswand; denn obgleich ich

höhere wie diese (300 Klafter) oft bewunderte: so fehlte ihnen doch das

Glatte, welches sich auf der Strasse wirklich wie abgesägt darstellt,

und nach seiner Besteigung erst die Kanten und Zacken enthüllt. Fast in

Mitte dieser Felswand, gähnt die bewußte _Max_-Höhle, nur als Wohnung

für Gemsen; 80 Fuß hoch, scheint sie durch die Entfernung gleichwohl zum

Pförtchen erniedrigt. Ein kollossales Kreuz, welches seit dem

merkwürdigen Ereignisse Kaiser _Maximilians_ des I. 1493 den Platz darin

behauptet, blickt in Gesellschaft _Mariens_, und des heil. _Johannes_

segnend herab. Ausgemeisselte Fugen und einige Geländer sichern den

ungemein steilen Weg hinauf. In den Rissen wuchert hie und da

Dorngebüsch, dieses war ehemals die einzige Anhalt für

Gemsennachkletterer. Das Wild verblutete, der Jäger verwünscht den durch

die Bahn nun entvölkerten Platz, und nur der Neugierige erklimmt noch

zufrieden die Wand, um in Sicherheit die Vorwelt zu beglossen. Mich

hielt sie umstrickt; ich stand am Vorgrund der Grotte, wo _Max_ einst

knieend gebethet; sah aufwärts über der perpendikulären Himmelswand zu

den Wolken, welche von der Sollsteinspitze herabgaukelnd auf ihr zu

rasten strebten, und dann fortgallopirten, wie ein lüftiger Strom zum

Ungewitter; die Wand schien sich zu neigen, umzusinken, als ich

plötzlich in die Tiefe blickte, wo die Bäume, kleinen Federbüschen

ähnlich, an ihrem Fusse flaggerten; ich fühlte zum ersten Male Mahnung

zum Schwindel. So möge _Max_, sonst der Höhen spottend, durch den Zufall

in Angst gerathen seyn, daß ihm beim kühnen Sprung in Verfolgung der

Gemse hieher, die Zacken des linken Fußeisens brachen. Ein neu

ersetztes, ein aufmunternd Wort hätte genügt, ihn sicher zurücke zu

führen. Wer weiß nicht, daß bei eigener Gefahr, Anderer Verzagtheit den

Bedrohten hundertfach foltert? -- _Max_ flehte um Erlösung, schaudernd

erkannte man ihn, Gefährten und Diener ritten und rannten unter

einander, und brachten statt Hülfe -- Trost zum Tode! Mit der Monstranze

nahte aus Zierl der Geweihte, gab den Segen vom Thale aus dem Herrscher,

und empfahl selben dem besseren Jenseits. Sein weinend Volk rang die

Hände, die Anzahl wuchs, aber ihr thatloses Klagen machte nur das Echo

empören. _Max_ aber in frommer Demuth fiel in die Kniee, und das Bild

des Gekreuzigten an dem Schwertgriff sich deutend, preßte er den

stählenen Treuen an die beklommene Brust. Aufgestanden vom stärkenden

Gebeth, dachte und grübelte er, über die Stunden zum schrecklichen Ende.

Da leitet Hoffnung neuen Gewinnes, der oft schon hierorts beglückte, den

kühneren Wildschützen _Zips_, auf dem Saume der zackigen Felsen zur

düsteren Grotte. Staunend, einen Menschen zu sehn, wo sonst nur Gemsen

sich sammeln, frägt er, den Fremden nicht kennend: Holla, was machst du?

Ich lauere, entgegnete _Max_, bis die kommende Nacht mein Leben begräbt;

wunderbar! daß der Sensenmann zwei Menschen hieher beschieden!

_Zips._ Hoho! hat gute Zeit, Kamerad; bin aufwärts geklettert, muß also

auch wieder hinab glitschen, ohne aufs Sterben zu denken, das weidlich

spät kommen soll! -- Hier! nimm das feste Fußeisen, knüpf es haltbar,

und gib mir sorglos die Hand; vereint wandeln wir fester. Traue der

Kraft! laß dich die Kluft nicht schrecken; muthig wage den Sprung! --

So, nun preise gewonnen das Spiel! -- Halt, dem Athem zoll den Tribut!

-- Fühlst du verjünget die Stärke? Schau in die Tiefe nicht, dem Himmel

stehen wir nahe! -- Laß rollen die Steine, wir stürzen doch nimmer mit

ihnen! -- Fasse den Strauch; er reißt! schnell zu dem andern! achte der

Dornen nicht! -- Recht so; nun strecke die Glieder, und sieh dich um,

wir haben die Felswand überlistet! -- Leb wohl! nach Hause findest du

alleine.

_Max._ Halt! du Mann mit solchem Muthe und grösserem Herzen! Denkst du,

unbelohnt läßt _Max_ den Mann entweichen, der ihm sein zweites Leben

gab? Nenn den Lohn! und wenns die Kron nicht ist, so bürg ich für die

Zahlung!

_Zips._ Einen Menschen half ich retten, deß freu ich mich! Daß du der

Kaiser seyest -- wußt ich nicht, und hab darum nicht mehr gethan. Keines

Lohns begierig, weis ich ihn zurück; doch glaubst du mir verbunden, so

erfülle eine Bitt: Erhalt dich deinem lieben Volk, und jage meine Gemsen

nicht.

_Max_ aber nahm den Seltenen mit, und gab ihm Gut und Schwert und den

ritterlichen Schlag; damit aber der Name die That enthalte, glänzte

daraus die Familie der _Hollauer_ (von Holla und lauere) von

_Hohenfelsen_, als geachtet unter den Edlen, lange Jahr in Tirol.

Es wurde Abend, Hauer schien müde des Tagwerks; ich konnte es ihm nicht

verargen, indem er seine Nähe nach Wunsche besichtigen konnte; mir war

aber jede Minute Gewinn; ich entließ ihn; ach alle die herrlichen

Umgebungen, welche ich den Frauhütt-Ansichten anreihen müßte, lagen mir

ja näher am Herzen, als das frühere Abendmal; kein Weib, keine Kinder

erwarteten mich sehnsuchtsvoll dabei, wie meinen vollauf gesegneten

Führer.

Ich maß die Tiefe der Grotte; 25 Schritte durchreichen sie; beiderseits

kleben an den Wänden hundert Namen jener Besucher, die daselbst Wonne

genossen; Freunde aus meiner Vaterstadt darunter! Ich grüßte die

Buchstaben herzlich, als ständen die Lieben vor mir! »Du Stammbuch der

Natur, welchem dankbar Gefühl so gerne mehr spenden möchte, verwahre

deine Schuldner! Keine erbetene Gefälligkeit oder

Freundschafts-Häuchelei lieferte dir Namen mit dem Flitter gepinselter

Symbole, bei denen oft der fremde Verfertiger nichts erwägt, als seine

Bezahlung, und der Beschenkte, die nette Form und den Geschmack der ihm

gleichgiltigen Kontribuenten. Bei deinem Besuche flossen die Herzen

über! Jeder gab, so wie Natur und Geist ihn hiessen, seinen Tribut, ohne

Prahllust gegen Nachkommende. -- Die Wachtel und Lerche lieben die

Tiefe, die flache Erde trägt ihr Nest; hoch wählt es der Geier! und der

Aar auf Alpenspitzen erzeugt, lehret die Jungen sogleich, die Sonne

näher zu schauen!« So stand auch der Schreiber eines Namens, welchen man

mit bewaffnetem Auge im Thale, aber nur vorgestreckten Halses über dem

Abgrunde rechts aus der Höhle lesen kann, auf dem achtzölligen Saum der

Felswand gewiß mit solcher kaltblütigen Sicherheit, als Andere das Kreuz

zum Schreiben wählten.

Schwer konnte ich mich trennen, längst färbte die untergehende Sonne das

grüne Thal mit Abendpurpur; hinüber floß ein Dorf, eine Kirche um die

andere ins nächtliche Grab; die Dohlen kehrten heim in die Ruinen des

Schlosses _Fragenstein_, welches einzustürzen drohte, unter der Gäste

Zahl; jetzt athmete der Inn freier, sein Plätschern verrieth’s; der

Fleiß ruhte; kühler kräuselte die Luft ums Haupt; der Tag hatte

ausgerungen! -- Viel der Freuden both er, aber nur für Augenblicke! wie

alles Ungewöhnliche, um sich als ausserordentlich zu behaupten.

Nach diesem Hauptgenuß mußten die folgenden Tage an werthvoller Ausbeute

weichen. Das ungeheuere

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 24 / 52 题