Triumphpforte

vergnügt werden. Kollossal wurde selbe aus rothem ungeschliffenem Marmor

1765 vom Magistrate erbaut, zur erfreulichen Ankunft der Kaiserin Maria

Theresia, ihres hohen Gemahls Kaiser Franz des I., und des römischen

Königs Joseph, zur festlichen Vermählungs-Beiwohnung des Großherzogs von

_Toscana_ (nachmaligen Kaiser Leopold des II.) mit der Infantin

Ludovika, Tochter Königs Karl des III. von Spanien. Ein grosses und zwei

kleinere Thore gewähren die Passage über Wiltau nach Südtirol u. s. w.,

weiß marmorne Brustfiguren der höchsten Herrscherfamilie nehmen sich

halb erhaben an den Wänden vortrefflich aus; acht grosse, weiß marmorne

Vasen darauf, erhöhen den äussern Schmuck. Dieses Triumphthor schien mir

überdieß noch prophezeihend für das Jahr 1809 erbaut, und die grossen

Portraite sich hinverlobt zu haben, um die bildlichen Zeugen der schönen

Thaten ihrer liebwerthen Nachunterthanen zu seyn; denn bei diesem Thore

hatten sich die wehrhaften Tiroler im April mit Fässern und Ballen

verschanzt, und unter diesen Thorbögen führten die fährtekundigen

Gebirgler ihr ruhmvoll gefangenes Wild, in sicheres Gewahrsam zur

Hauptstadt; das Servitenkloster, welchem nichts auszusetzen, als daß es

für Innsbruck doch etwas zu groß ist! befindet sich nahe dabei.

Ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen, über die einzige Fläche um

Innsbruck -- der vom Dorfe Wiltau, den wailand Graf Wolkensteinischen

Pallast, wo selbst die merkwürdige Kapitulation den 13. April 1809 statt

fand, zu besehen, als könnte ich dem Gebäude die Hoheit und Würde jener

Verfügungen entnehmen. -- Die alte Prämonstratenser-Abtei daselbst

schien mir nur deßhalb interessant, weil ihre mächtigen Grundmauern aus

den Ruinen der römischen _Veldidena_ entwuchsen. Der Riese _Haymo_

besiegte seinen Kraft-Rivalen Tyrsus, erlegte das würgende Krokodill der

nahen Sillflußhöhle, und erbaute 680 obiges Stift, um vom thätigen Leben

weg, darin als Layenbruder kauernd zu sterben. Das viel später erzeugte

Innsbruck überboth schnell jene grosse Kolonie an Zunahme und Werth.

Gallwiese und Kematen westlicher herüberblickend, locken der schönen

Lage wegen zur Sommerszeit viele Städter in ihre Gasthäuser.

Goldenes Dach-Gebäude.

Die Patrolle geschah zu den Thoren, und über die Brücken hinaus, kein

Feind ängstigt den Reichen, deßhalb kann man beruhigt die Schätze der

Stadt mustern. »Das goldene Dach, die Klumpen Goldes auf Dächern in der

Hauptstadt! die könnten Einen glücklich machen; Haus und Vieh würde ein

einziger Ziegel verschaffen!« schreiet der arme Tiroler noch Jahrelang,

wenn er im Leben einmal aus den Eisthälern der Drau, des oberen Inns,

Oezbaches u. s. w. nach Innsbruck kam. Allein, wie viele Häuser und Vieh

wären längst zu Grunde gegangen, ohne daß man von ihnen wüßte, ob sie je

da gewesen? Indeß dieses vergoldete Vordach am Innsbrucker-Stadthause,

das ewige Wahrzeichen von Tirols glücklicher Verfassung und

Unterthansliebe des unvergeßlichen Herzogs _Friedrich_ des IV. ist.

Ueber seinen Verlust der wohlhabenden schweizerischen Besitzungen, und

natürlichen Geldmangel, gaben reiche Feinde _Friedrichen_ den Beinamen:

»mit der leeren Tasche;« aber der Herzog bewies, daß, wenn ein Volk

will, alle Spötteleien zerfliessen! Belegte das Vordach seiner damalig

neu erbauten Burg mit kupfernen Platten, deren Vergoldung 1425 schon

300,000 Gulden erfordert haben soll, und bis heutigen Tag mit

Reparaturen 200,000 Stück Dukaten übersteigt. Dadurch widerlegte er die

Armuth des Landes, und dokumentirte das Recht des Tiroler-Landmanns bis

auf heutigen Tag. Nachdem die späteren Landesbesitzer in der

geräumigeren, von Kaiser _Maximilian_ dem I. aufgeführten Burg ihren

Wohnsitz wählten, wurde die vormalige als Kaserne benützt. Beinahe aber

wäre dieses vaterländische Denkmal der nagenden Zeit unterlegen, wenn

nicht eine patriotische Aktiengesellschaft das lange unbewohnt gelassene

Gebäude durch hinlängliche Reparaturen zum schönen Stadthause

umgewandelt und für die Zukunft gesichert hätte. Der Einwohner und

Fremden aufrichtiger Dank bringen dem edlen Unternehmen nie ausbleibende

Zinsen.

Kunstvoller erhebt sich in der Mitte des Stadtplatzes die marmorne _St.

Anna_-Säule, 1703 von der Tiroler-Landschaft errichtet. Eine prächtige

Statue aus Bronze, ließ sich der fünfte Erzherzog _Leopold_, wie er

geharnischt das Zepter in der Rechten, mit entblößtem Haupte zu Pferde

sitzt, von Heinrich _Reinhart_ 1628 giessen, und am Rennplatze vor der

Burg aufstellen.

Hofkirche.

Das Merkwürdigste, womit Innsbruck viele Hauptstädte an werthvoller

Seltenheit übertrifft, biethet eines ihrer 12 Gotteshäuser. Nur einige

Schritte erlaubt sich der eintretende Fremdling in die erhabene Hof-

(oder Franziskaner) Kirche; stummes, ehrfurchtgebiethendes Staunen

fesselt seine Sinne! -- Er glaubt sich durch magische Kraft plötzlich in

die Versammlung alter Heroen und Könige versetzt, deren 28 aus Erz

gegossene, zwischen den Säulen der Kirche, gleich riesenhaft, im

gedehnten Oval das Grabmal Kaiser _Maximilian_ des I. umstehen. Auf

demselben selbst kniet der hohe Verblichene im vollen Schmucke, und auf

den Stufen jeder Ecke des Grabmals sitzt eine der vier Haupttugenden,

als wären sie, wie im Leben, so im Tode seine unzertrennbaren Wächter.

Die vier Seiten des Grabmals sind durch 16 schwarz marmorne Pfeiler in

Felder abgetheilt, welche in doppelter Reihe 24 weiß marmorne Tafeln

bilden, worauf halb erhaben die Heldenzüge des grossen Monarchen sich

darstellen. Da die unzähligen, von ein bis 12 Zoll messenden Figürchen,

bei äusserster Akuratesse die freieste Arbeit und perspektivische

Ordnung vereinen, und zugleich jede Tafel, des Kaisers vorgerückte Jahre

treulichst darstellt: so ist es gewiß, daß dieses Kunststück an edler

Gefälligkeit vor hundert ähnlichen den Preis erringt, und eben so sehr

den grossen _Maximilian_ als die ruhmvollen Künstler verewigt. Alexander

_Colin_ aus Mecheln, und die Gebrüder _Bernhard_ und _Arnold Abel_ aus

Kölln am Rhein, gaben dem Mausoleum und denen es umschliessenden 28

Riesengestalten das Daseyn. Kaiser _Ferdinand_ der I. wollte des grossen

Onkels Thaten dem geliebten Aufenthaltsorte bleibend erhalten, und

widmete dieses Seiner würdige Monument, der neu erbauten (1553)

Hofkirche. Auch Hofers ehrliche Gebeine wurden von Mantua im Februar

1823 hierher übertragen; links in der Nische eines ehemahligen Altars

ruhen sie unterdeß, bis Meissel und Hammer selbe für die Zukunft

verherrlicht.

Kluft Klam.

Innsbruck verlassen ohne seine Umgebungen geprüft zu haben, hiesse sich

an dem lieben Tirol versündigen. Frauhütt, ein kahles und schroffes

Alpengebirge, welches sich zunächst der Stadt anschließt, und eben so,

wie der kahle Berg bei Wien, an Sonntagen von den kletterlustigen

Städtern besucht wird, lud auch mich auf seinen hohen Rücken.

Verschiedene Hin- und Herwege können eher die vielen Naturherrlichkeiten

biethen; ein erfahrener Führer (deren man in den artigen Gasthäusern

Innsbrucks zu Duzenden erfrägt), weiß diese Wanderung auf das

Angenehmste zu steigern. In Begleitung Sebastians Hauer, kam ich in drei

Viertel Stunden, über Mariahülf auf der Poststrasse nach dem einzelnen

Wirthshause Kranabiten, dort folgten wir rechts einem Seitenwege in den

vorstehenden Wald, von dem ein grosser Theil vor 10 Tagen durch

Unvorsichtigkeit in Brand gerieth, und gegenwärtig noch mit seiner

lästigen Ausdünstung die Luft verpestete. Bald naheten wir der

schauerlichen Bergschlucht _Klam_; der Gedanke, daß hier die Natur ihre

Gräßlichkeiten dem Menschen aufs Herz preßt, begleitet den Wanderer in

das passend benannte Schwefelloch; überhängend, zusammenwachsend, von

furchtbarsten Konturen entstellt, ist es nur die Vorhalle zum Avernus.

Jeder Schritt in das Innere durchschauert mehr den Fremdling; finster

und schwarz zerklüftet sich gräßlicher die drohende Höhle, wenn man

einige Leitersprossen hinabgestiegen ist in die sogenannte Hundskirche.

Hier zwitschert kein Vogel, grünt kein Blatt, das Leben verstummt in dem

ewig geblendeten Tage; nur einzelne Tropfen, den Angst schwitzenden

Kalkwänden abplätschernd, deuten das Uhrwerk der thätig vorschreitenden

Zeit! Kein Begriff gibt den Eindruck dieses leibhaftigen Tartarus der

Alten. Die Schatten ziehen wie die Furien der Hölle, über die sich

neigenden Formen der vulkanischen Felsen, Tosen des unsichtbar

fortstrebenden Sulzbaches, läßt das grause Echo gefolterter Verbrecher

vernehmen, wie sie die schmerzvollen Flüche ausstossen ihren verhärteten

Peinigern. Alle Schrecknisse reichen sich die Hand; der Folter und

Hinrichtung blutbringende Werkzeuge[14] enthüllen versteinert sich

deutlich; unter den Füssen und über dem Haupte rollet der Donnerlaut

stürmischer Winde, welche in den engen Klüften sich verirrten, und

vergebens herauszubrechen trachten. Endlich dehnt sich die gepreßte

Passage, wenn man durch die sogenannte Wagnerwand und Lehner den

Felsenweg verfolgte; noch kann man sich von der furchtbar stündigen

Wanderung nicht erholen, eine neue Ueberraschung soll den Pilger wieder

zurückwerfen in die vorige Betäubung. Eine Thalgegend, zu schön und

freundlich als jede Wirklichkeit, färbt sich mit dem herrlichsten

Schmucke in zauberischer Runde; der Sulzbach, früher dem Ohr nur als

drohender Zerstörer vernehmlich, windet sich nun schlangenförmig durch

das liebgewonnene Thal, um länger darin zu verweilen; rein wie die

sammt’ne Flur silbern sich seine Wellen in dem schlammlosen Steinbeet.

Wälder und Wiesen hüpften auf die umgebenden Höhen, den Reigen zu tanzen

über der duftenden Tiefe, und gigantische Felsen halten denselben die

Ehrenwache. Man wähnt im Feenland zu wallen, wo nach bestandener Probe

der gesprengten Pforte des Todes, das bessere Jenseits lohnend sich

aufthut, alles zu überbiethen, was kühne Wünsche ersannen.

[14] Hauer nannte mir nemlich einige der Felsparthien: die Zange, den

Bloch, das Rad etc.

Frau-Hütt-Alpe.

Wir lenkten rechts auf die Bergwände über steile, aber gefahrlos zu

betretende Pfade; ein herrlicher Wald (der Schober genannt,) begleitete

uns geraume Zeit zu den Prunkwohnungen der Wolken; gelichtete Plätze

dazwischen bothen malerische Uebersichten nach Alpenwiesen und

Sennereien, deren höhere bereits ihre lärmenden Bewohner verloren. Aroma

dufteten die umher wuchernden Kräuter, um den rastlosen Botaniker von

den Höhen in die Tiefe, und wieder abseits zu locken. Auch Schnee- und

Haselhühner gibts, denen der Weidmann so bald nicht die Bekanntschaft

verzeiht.

Wie mit des Holzes merklich Schwinden das Leben der verworrenen Alpe

sank, stieg die Reinheit ihrer Miene durch des hingestreuten Schnees

allmählichen Wuchs. Gras und Schnee gossen langsam ihre Farbe zusammen,

bis endlich die ausgibigere allein blieb. Ich glaubte daran das Bild

eines lebensmüden Greises zu sehen, bei dem die dankbare Jugend zögert

zu scheiden, um ihrem Großvater den Lebensabend zu erheitern. Wir

standen am Scheidewege; ein Schneethal mit vorragenden Kalksteinen,

einem gähnenden Rachen ähnlich, welcher mit seinen Spitzzähnen Welten zu

zermalmen droht, verwies uns rechts oder links an seine Wände. Letztere

hätten uns auf die Sollsteinspitze geleitet, welche von ihrer 1512

Klafter über’n Meere messenden Höhe eine überschwengliche Aussicht,

vorzüglich nach Baiern biethet, wo die Wipfel der Gebirge dem jener

stolzen Alpe unterliegen. Der frische Schnee war zu tief und locker, um

sorglos durchwatet zu werden, wir mußten uns mit der, südlich dem

Sollstein sich anschliessenden Frauhütt-Alpe begnügen, welche über

Innsbruck, und deren Begränzungen im Innthal hinlängliche Ansichten

spendet, und in dieser Rücksicht von dem Sollstein nicht viel

übertroffen wird, weil er nur gegen Norden unüberbothen, in den anderen

Richtungen ebenfalls hoch in die Wolken strebende Ferner zu seinen

Gegnern hat. Ausgezeichnet bleibt er übrigens, indem seine

unzugänglichen Klüfte dem allgemein verfolgten Gemsengeschlechte eine

Freistätte biethen, und diese edlen Thiere heut zu Tage erhalten,

obgleich sie schon in weniger umvölkerten Bezirken längst ausgerottet

wurden. Auch die Frauhütt-Alpe trug seit dem letzten Gewitter ein

Schneegewand; wir mußten die Eisen anlegen, denn der Sommer war vorüber,

wo man in Schuhen hinanklimmen kann.

Hauer versicherte, die Alpe eben zum vierzigsten Mal zu ersteigen. Ich

glaubte ihm, denn er kannte jede Grube, welche der Schnee geebnet. Die

gewöhnlichsten Passagiers wären Studenten gewesen, welche im September

aus allen Gegenden, meistens aber von München herbeieilen, durch einen

Besuch der Frauhütt, Geist und Gefühl zu stärken. Nur Einer wäre bisher

verunglückt, welcher am Sattelbüchel der Pflanzen wegen sich verstieg,

abgleitend ein Bein brach, und nach einigen Tagen starb.

Da wir die Alpe von ihrer rückwärtigen oder vielmehr nordwestlichen

Seite erkletterten, welche weit weniger steil als die südliche ist, so

sah man während des Hinanklimmens gar nichts vom Innthale. Steigernd im

Lohne wächst demohngeachtet die Wanderung, und würde mich längst schon

zur Bewunderung hinreissen, wenn ich nicht vor einigen Tagen gleiche

Punkte berührt hätte; doch das Ziel erringt sich dieselbe desto mehr,

welches man auf einer steilen Abdachung nach Norden erreicht. Eigentlich

hat das Frauhütter-Kalkgebirge mehrere vorragende Spitzen, wovon einige

dort, andere da schönere Uebersichten biethen; doch weil keine auf die

ganze Runde umher einen ausschliessenden Werth behauptet, so müht man

sich auch nicht sonderlich, ihretwegen im Schnee sich zu baden. Der

höchste Punkt ist aber ein Bollwerk von Steinen, welches der Alpe den

Namen und Stoff zu fabelhaften Volkssagen gab; Hauer fragte mich, noch

eh wir demselben genahet: ob es nicht aussehe, wie eine ungeheuere

Matrone, welche auf der gedehnten Alpe sitze, mit gebogenem Rücken und

gestützten Ellbogen, einen Hut aufgedrückt, wie ihn die Oberinnthaler

trügen? Unaufgefordert würde ich nichts bemerkt haben, so aber kann sich

Phantasie leicht Aehnlichkeiten zusammenstellen.

Von den vielen Mährchen, welche deßhalb gangbar sind, folget eines.

In jener Zeit, wo Geister und Zauberer noch auf der Welt ihr Glück

machten, ich meine, wo man alle diejenigen dafür ausgab, welche klug

oder spitzfindig genug waren, den Albernen den Kopf zu verrücken, befand

sich in der Gegend, wo nun Innsbruck lebt, ein Gnomenpaar. Das Thal war

ein Paradies, die sanften Bergabhänge trugen saftige Südfrüchte, der

Bäume Harz dampfte Parfume, der Inn glitt über goldige Steine, und alle

Thiere der Welt flogen und sprangen herbei, sich zur Benützung

anzubiethen. Glücklich lebten anfänglich die Menschen unter ihrer

Königin Frau _Hütt_; sie wählte das irdische Reich, um ihren Sohn _Ol_,

den sie von _Tyr_, einem Bergriesen soll empfangen haben, für die Welt

und Regierung zu leiten. Allein der Sohn mißglückte, von seinem rauhen

Vater besaß er die Wildheit, der Mutter Güte war ihm fremd; geduldig gab

sie nach, die Klagen der Menschen wie ihre eigenen niederdrückend. Bald

strebte _Ol_ um Alleinbesitz, um Freiheit vom Mutterbefehl. Nur Laster

konnte ihm dazu verhelfen; _Hütt_ war unverletzbar, verlor aber seit

ihrem Umgange mit _Tyr_, die Gewalt über Wässer. Dieses wußte _Ol_. Er

rieß einen Felsberg vom Sollstein, daß dadurch die glatte Martinswand

entstand, schleuderte ihn abwärts ins Thal, wo noch der Berg Isel ein

Stück davon ist. Der Innfluß dämmte sich, der See wuchs, Menschen und

Thiere wurden seine Leichen; _Frau Hütt_ floh auf die Alpe und flehte um

Rache. »Ja Rache soll dir werden, thörichte Mutter!« lautete einer

höheren Macht furchtbare Stimm; »die du den Sohn verzogen, und jene dir

Anvertrauten verwarfst; Fluch trägt das Land durch deinen _Ol_; ewig

sollst du schauen deiner dürren Alpe ausgespühlte Wände, wenn auch

längst die Tiefe wieder urbar geworden; harren auf Erlösung von diesem

Jammerpunkt! Jeder Blitz soll dein Haupt erschüttern, wie dein Sohn die

Menschen quälte! und doch kein Ende dir schimmern, als bis zum zweiten

Mal der hochgeschwellte Inn auch von diesem Sitz dich vertrieb! Dein

frevelnd Ol jedoch möge erfahren, was ein harter Kopf für Schläge

fühlt.« Und es sprangen die Felsen, es stürzte ihr Damm; hinab drang das

Meer von Fluß, und riß den gottlosen Ol, der freudig das gräßliche

Mordspiel gesehen, mit in die wäßrige Welt; vom Rumpfe brach ihm das

Haupt, der Körper streckte als Salzberg sich hin auf die Höhen von Hall;

das Haupt aber floß, und klebte nachher am Ufer des gesunkenen Inn; man

nannte es dazumal Kopfstein, baute Mauern darüber, und kämpfte und grub

auf der kriegerischen Burg, wie in den Eingeweiden des Salzberges,

bleibend mit ewiger Müh! Dieß die Geschichte von der Frau _Hütt_, in

möglichste Kürze verengt. Im Ganzen fand ich demohngeachtet sehr viel

poetischen Sinn: _Tirol_, eine Familie aus Bergen und Wässern bestehend,

bringt gleichwohl des Nordens und Südens verschiedene Frucht; Holz und

Metalle tragen seine Alpen und Flüsse; Wild nährt sich zu gerne

dazwischen. Die Herrscherin des Landes ist der Fleiß, er strebt über

Berg und Thal, behauptet sich überall, nur an rauhen Glätschern bleibt

die Mühe vergebens, man gibt sie auf und duldet ihre Wuth. Je weiter

aber die Kultur des Bodens auf die erdreichen Höhen steigt, desto mehr

unterliegt sie den Drohungen wankelmüthiger Bäche. Doch wenn endlich bei

Erdrevolutionen Wogen gegen die wankenden Felsen stürmen, dann entstehen

Verwüstungen, wo zuvor die rastlose Thätigkeit geblüht; Berge werden

abgespühlt, und lagern sich dort, wo sie der Strom nicht mehr trägt. Mit

Klagen wird dann Nichts ersiegt, Kraft erhielt der Mensch, zu ringen

muthig in der That! Anderwärts muß das verarmte Volk seinen Erhalt

suchen, ein festeres Plätzchen wählen zur Lebensfrist; Noth sucht alle

Adern des Glücks; in des Berges Eingeweide dringt der Mensch, zu

erzwingen, was dessen Aussenseite versagt. Nur der träge Müssiggang

harrt bei Noth auf bessere Zeit, bis sie ihn übereilend vergißt, und er

ohnmächtig vergeht, oder ungewöhnt beim ersten raschen Schritte schon

verunglückt.

Nun von den Fabelbildern zur Wirklichkeit. Hier, wo die Winde ungestört

wehen, und die Luftgestalten wandeln, ist es vergönnt einen Blick in den

Zauberkessel Innsbrucks hinabzuschwärzen. Alle Schönheiten der Natur

liegen dort, als kleine Muster dem Fühlenden zur Schau. _Pan_, _Pomona_,

_Ceres_, _Najaden_ und die Fluren schmückende _Flora_ verbinden sich auf

ihren Gebiethen zum Ringeltanz. Das heitere Fest gilt der jugendlich

frohen Stadt, welche, obgleich winzig, doch eine glückliche Welt in

Miniatur scheint. Mit dem Fernrohr erkennt man die Gässen und Plätze

belebt, um die Ständchen und Läden Käufer sich tumeln, Wägen bepacken

und entlasten. Die rothen Ziegel- und schwarzen Schindeldächer der

enggässigen Häuschen scheinen ein aufgeschlagenes Kartenspiel, in dem

Burg und Kirchen die Hauptfiguren bilden. Zwei mächtige Strassen

durchlaufen die Stadt; auf der zu Land, schwitzen die Pferde, welche der

staubgewohnte Fuhrmann in verschiedener Richtung zur Eile zwingt.

Oesterreich, Italien, Schweiz und Baiern, reichen sich handelnd die

Hand, durch Innsbruck -- dem stattlichen Zeugen. Die andere Strasse, das

Meer verbindend mit den Glätschern der Heimath, schlängelt meandrisch

wie ein munterer Knabe, welcher frühzeitig schon, zur Bürgschaft für

grosse Entwicklung, das gewöhnliche Gleiche vermeidet, durchs väterlich

sie ausstattende Thal. Fischer, Mühlen und Sägewerke ziehen vom Inn

längst Gewinn, indeß er gewaltige Schiffe noch zur baldigen Mannbarkeit

vertröstet; wohlgefällig spiegeln sich in seinen klaren Wellenkreisen

die Wolken und Alpen, als Belege seiner Entstehung; er pocht auf dieses

Herkommen, und trägt den Beweis fort durchs hohe Vaterland! An seine

Ufer drängen sich Auen, Felder und Wiesen, gleich Verwandten, welche dem

lieben Abreisenden das Geleit geben; kaum hinreichend für des Menschen

Bedarf scheinen diese glatten Fleckchen; aber des Pfluges mächtiger

Drang bekriegt sie; die schwarz Atlas-ähnlichen Streife, dem Grün

entsponnen, sind die Adern des Lebens, Regen gibt ihnen Blut; die

Saaten, welche Jene dort streuen, gleichen allen guten Handlungen -- sie

bringen reichliche Frucht! Ergibig deuten sichere Plätze, der Ceres

goldenen Segen; nicht zu hoch wurde er geschichtet, für den längeren

Winter, itzt schon schmälern zahlreiche Hände den unausgedroschenen

Vorrath; wie Ameisen um den Maulwurfshügel verzwergt sie die entlegene

Tiefe.

Um Innsbruck’s Ost, Süd und Westen stehen, wie in _Quarree’n_ geordnet,

in einem Meere von grünem Pflanzenwuchse: Weiler, Dörfer und Märkte mit

dem Städtchen Hall, kommandirt von erhabenen Bergschlössern und

einzelnen Kirchen, denen Vorgebirge mit hohen, dicht belaubten Hainen,

als Adjutanten vorspringen, alle aber scheinen dem Oberbefehle der Frau

Hütt zu gehorchen. Ausgezeichnet durch Grösse und Würde ruht das

vielthürmige Innsbruck, mit seinem Wächter im Süden, dem Schloß

_Ambras_; nördlich hält Schildwach das alte _Weyerburg_; der

Wallfahrtsort Heiligenwasser spricht milde herüber von Südost; drohende

Miene behauptet _Friedberg_ in sicherer Felskluft. Des Innstroms

herbstliche Dünste gleichen in der Ferne feindlichen Fronten im

heftigsten Streite; man verfolgt sie aufwärts, wo höher und höher gegen

Himmel ansteigende Gipfel das Auge beirren, ob es Wolken oder

Glätscherspitzen seyen. Näher rücken dagegen bewaldete Gürtel der Alpen,

leise vernimmt man, von sanften Lüften geschwungen, den Herde

verrathenden Ton zahllos bewegter Glocken. Die Natur scheint sich hier

übertroffen zu haben an bezaubernder Mannigfaltigkeit; selten ersieht

man das Ungeheuere so verschmolzen mit dem Sanften, daß daraus der

sonderbarste Eindruck kriegerischen Stolzes mit reiner Empfindung des

Friedens sich paart.

Dort am _Glamersgrub-Ferner_ starret das Leben, man wähnt sich

niedergedrückt von der wilden Grösse, der Geist fliegt zur

schwärmerischen Dichtung des Todes; hier taucht man ins Leben, und die

hohen Bilder lehren, wie man es kräftig und groß vollführen soll. In

solcher Stunde, wo diese schöne Idee die bleibendste wird, tanzen alle

holden Momente des Lebens rosenfarbig herbei, man verjüngt in ihnen bis

zum faßlichen Kinde, und fühlt sich reich überladen gegen so manchen

angeketteten Dulder, der vergebens nach einem Blümchen der Freude die

Arme streckt; unbetrübt kann man den Gedanken hegen:

Mög das Schicksal gleiten, wie es will,

Ich erfuhr der Seligkeiten Ziel;

Raubt mich auch der nächste Augenblick:

Diese Stunde schuf mein Lebensglück.

Eine Strecke unter der Spitze, konnte ich dieser Fülle meines Herzens

einen Platz auf schneelosem Steine anweisen, sie mag sich in den

Oehlbuchstaben erhalten, wie meine Erinnerung daran.

Wir verliessen diese 900 Klafter hohe Alpe, welche bei allen Vorzügen

doch keines beständigen Baches Mutter ist, und kamen auf mässigem Umwege

neben der ansehnlichen Zierleralpe (wo uns die schauerliche Klam tief

unten links blieb), durch ihr scherzendes Thal an die desto ernstere

Martinswand. Wir begnügten uns deren Bekanntschaft vorläufig gemacht zu

haben, und folgten lieber dem Bache, der uns von ihr weglockte, damit

wir im nahen Dorfe Zierl bei Imbiß und Wein, die Plagen der Füsse

vergässen. Dieses Dorf wird der romantischen Schloßruine _Fragenstein_,

hauptsächlich aber zur Fastenzeit seines Kalvarienberges wegen, von

Innsbruckern besucht; auch durchpilgern es viele Andächtige, um auf den

hohen, zwei Stunden entlegenen Wallfahrtsort _Seefeld_ zu gelangen.

Ueber _Seefeld_ wölbt sich die Poststrasse zum Engpasse Scharnitz, nach

Baiern.

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 23 / 52 题