Falbeson und Folderau

bemerkt man wohlgefällig, daß rege Menschenhände Feldungen anzulegen

wußten, welche den Fleiß nicht von sich weisen. Wenn auch die fast

unersteiglichen Felsenwände beiderseits, kein Brot -- sondern

Granitmassen (der oft in Granitschiefer übergeht) sind: so tragen sie

doch auf ihren breiten Rücken, hie und da Holz mit abwechselnden

Wiesenflächen, aus denen das Vieh reichliche Nahrung zieht. Von einigen

niedrigeren tönte Glockengeläute bestätigend herab, die höheren waren

ohnedieß bereits ausser Wirkung.

Seltene Ehrlichkeit.

Ich wähnte, in dem 6 Meilen langen _Stubai_-Thale heute noch viel Weges

rücklegen zu können, und wanderte, obgleich das nahe Innsbruck im Kopfe,

dennoch schnellfüssig an den gewechselten Ufern des Ruzbaches hinab. Da

komm ich von Ranalt nach anderthalb Stunden zum Weiler Folderau, welcher

ebenso, wie die vorhergehenden, seinen Reichthum in der Viehzucht hegt.

Den schönen Fall des schäumenden Mischlbaches zu prüfen, welcher von

schwindelnder Höhe seinem Felsengrabe zustürzt, will ich mein

vortreffliches Fernrohr zur Hand nehmen -- und fühl es verloren! Weniger

des Werthes, als weil ich’s seit acht Jahren auf allen meinen

Exkursionen äusserst befriedigend benützte, schmerzte mich dessen

Verlust. Dennoch kann ich diesen Zufall -- glückliche Fügung nennen,

weil er mir zwei Beweise verschaffte, daß Armuth nie zu Lastern

verleiten müsse, und der Verdacht des Menschen oft nur auf seiner

Aussenseite hafte.

Zu _Ranalt_, als ich von der Aussicht des Ferners mit dem Alpler sprach,

nahm auf die Bitte des Letzteren, _Lehner_ das vergoldete Rohr aus

meiner Ledertasche; es wurde also nicht wieder hineingethan. Obgleich

seit 12 Uhr Nachts die vierzehnstündige Wanderung keineswegs einen Weg

dreimal zu machen gut hieß: so rang ich doch nach Ueberzeugung, ob der

Verlust von Vorsatz oder Vergessenheit herrühre?

Ich beflügelte die Unterthanen, den Weg aufwärts nicht beschwerlicher

als zuvor hinab zu finden; es ging hart, aber doch. Nach drei Viertel

Stunden war ich schon beim Weiler Falbeson; eben trat der barfüssige

Sohn meines vorigen Gastwirths mit dem Rohre aus diesem Häuschen; er

hatte sich darin um mich erkundigt, und wollte eben weiter nachlaufen,

damit ich zu meinem Eigenthume gelange. Der halb betrunkene _Lehner_

nahm es den Kindern nicht ab, und so hätte sich der arme Junge eher eine

Lungensucht aufhetzen können, als mich zu ereilen, wenn ich den Verlust

unwahrnehmend, nicht rückgekehrt wäre. Ich fragte, wie weit er wohl

damit gelaufen wäre, wenn er mich nicht gefunden hätte? »Bis nach

Neustift sey ihm vom Vater befohlen worden, weil dort die erste Kirche

sey, und der hochwürdige Pfarrer sich gewiß bemüht hätte, mir das

Verlorne zurückzustellen.« Nun muß man aber wissen, daß bis dahin drei

starke Stunden erforderlich seyen, und der Vater von mir erfuhr, was

dieses theuerste meiner Reiserequisiten koste. Wer wird sich bei solchem

Herzenszuge einer Freudenthräne schämen?

Ich reichte dem guten Jungen, welcher nothwendig seinem braven Vater

ähneln muß, einige neue Zwanziger; er erschrak bei deren Glanze, weil

ihm des Vaters Verboth einfiel, nichts anzunehmen, wenn er mich fände.

Nicht ihm, seinen Geschwistern sollen sie gehören, erklärte ich; dankend

sprang er nach Hause.

Mögen diese Anachoreten sich immerhin mit Schnee und Ungewitter

herumbalgen, sie werden durch diese Nachbarn nicht verdorben! -- Ich

vergrub mich so in Gedanken über die Abarten der Menschengrösse, daß ich

dadurch meine schöne _Cascade_ vergaß. Erst beim Weiler Gasteig erkannte

ich, daß ihr noch ein schärferer Blick gebührt hätte; sah aber auch, daß

hier -- freilich mit genauer Noth, Leiterwägelchen passiren könnten, und

meine Füsse bei Entgang dieser wohlthätigen Ueberhebung, mindestens Rast

bedürften, um nicht banquerott zu werden. »Fünf Uhr -- ein Stündchen

kann mir nützen!«

Sonderbare Bekanntschaft.

Ruhe und Schlaf vereinen sich bald, wenn sie beide hindangesetzt wurden.

Duna weckte mich, Schwärze deckte das Thal, der Grasteppich schwamm im

Abendschweiß, kein Stern lichtete dessen Kristallperlen; ich staunte,

die Nässe nicht gefühlt zu haben, bei der empfindlichen Kälte; es war

acht Uhr. Ich kramte meinen Besitz zusammen, um sobald als möglich unter

Dach zu kommen, den Mann übersehend, welcher auf der Strasse in einer

Entfernung von 60 Schritten mich betrachtete, und die Ursache von des

Hundes Bellen war. Itzt galten sie ihm abermals erneuert, und ich nahte,

des Fremden Begehren zu erfahren. Ich müsse süß geträumt haben, weil mir

dieß Bett so wohl behagte, war der Anfang. Die Stimme schien bekannt,

doch wußte ich nicht, wo ich sie bereits gehört. Ich fragte um das

nächste Wirthshaus, weil ich ermüdet, und so hungrig mich fühle, daß ich

rasend werden könnte. Also weit her Landsmann? forschte er. Ich erzählte

ihm den heutigen siebenzehnstündigen Marsch. Er mißtraute meiner

Versicherung: ohne _geheimen_ Zweck und gutes Regal diese

Beschwerlichkeiten unternommen zu haben. Vertrauter wurden wir auf der

stündigen Wanderung durch das mehr beackerte, und breitere Thal, wo

nächst der aus neun Haus bestehenden Gemeinde _Kreßbach_, beiderseits

auf den Höhen im etwas reineren Nachtlichte sich Hüttchen verriethen.

Nun machte er mir den Antrag, wenn ich mit gutem Stück Fleisch, Glas

Branntwein, und reinlichem Bette Vorlieb nehmen wolle: so könne ich dieß

bei seinem Schwager erwarten, welcher zwar kein Wirth ist, aber herzlich

gerne jedem Menschen zu dienen sucht.

Der Antrag gefiel mir, wir lenkten vom Bache ab, und wanderten auf der

Höhe einem einzelnen Hause zu, dessen matt erleuchtete Fenster noch das

Wachen der Familie verbürgte; auch sah man unten schon die Lichter des

netten Dorfes Neustift aufglänzen. Itzt rutschte die Schlittenkufe des

Mondes über die Schneerücken heran; ich sah meinem Gefährten ins Gesicht

-- und erkannte den Wildfang des Fernerbachthales. Ich muß gestehen, daß

mich Schauer befiel und Zweifel peinigten, was zu beschliessen wäre? Er

wußte dieß, drückte mir die Hand, und die Worte »mir sand Männer«

wirkten mehr, als wenn er geschworen oder geflucht hätte. Dennoch konnte

ich mich eines gewissen heimlichen Gefühls nicht erwehren, und selbst

die Gegend schien mir plötzlich durch die Phantasie ins Gräßliche

verzogen. Kahle schroffe Felsen grins’ten hier wie Gespenster einer

Hölle mit ihren bleichen Gesichtern von der Höhe herab; jenseits

thürmten sich Berge, vom Monde noch nicht berührt, gleich

mitternächtlichen Mördern schwarz unkennbar verhüllt; ferne färbten die

letzten Strahlen der längst gesunkenen Sonne ein pyramidenförmig in die

Wolken steigendes Schaffot, und die blutigen Streife zeigten von eben

vollzogener gräßlicher Strafe; unten tief in den kalten Eingeweiden der

Erde, übertönte die noch kältere _Ruz_ -- das fruchtlose Hülfegeschrei

angefallener Opfer von raubgierig bedolchten Händen, und der reissende

Lauf entführte die Leichen durch Klüfte.

Verworren war das Bild, verworren meine Stimmung, und so trat ich in die

glühende Stube. »Bring enk an Goscht, brennts on, ol zwoa san m’r

hungri.« Das Weib, wenn Kröpfe zieren -- sattsam ausgestattet, wunderte

sich über mein Eintreten, und griff mit beiden Händen zugleich unter den

abgenützten Hut, um in den Haaren -- Gedanken zu suchen. Ihr Mann, zwar

noch in den Jahren der Kraft, trug im Gesichte den Stempel der Leiden

und Noth, die Kinder halb nackt mit dürren Armen, schienen alle an

Epidemie zu leiden, das Kleinste, ohne Kleidung, wälzte sich mit einer

Katze unter der Ofenbank. Noch eine Bank, gelbe Truhe, vier Stühle, ein

Tisch, Kruzifix und Gewehr, an der Wand aufgehangen, ein langer

Hänguhrkasten ohne Werk, und sehr breites eckelhaftes Bett, waren die

sämmtlichen luxuriösen Mobilien. Rauch des brennenden Kienspahns, und

der im grossen Becken verdunstende Viehtrank, verdunkelten das spärliche

Licht, und machten den Aufenthalt in dem kleinen und niedrigen Gemache

unerträglich. Wahrlich ein würdiger Pendant zu meinen früheren

phantastischen Ideen.

»Werd enk a Fleisch und Supp bringa,« sprach des Hauswirths schönere

Hälfte, und verließ das Gemach; während ich schon meinen Hunger längst

gestillt fand, und mich lieber wieder heraus sehnte. Ich verwarf den

Kien, zündete Wachslichter an, und ersuchte, die Thüre etwas zu öffnen.

Der Schützen Schwäche kennend, beschenkte ich beide mit 12 Patronen

feinen Scheibenpulvers, und allem Bleivorrathe, den ich besaß. Jedes

Kind bekam einen neuen Silbergroschen, um der Familie die Idee meines

etwaigen Reichthums zu benehmen.

Dadurch vertraulich gemacht klagte der Hausvater: daß nebst dem Jahre

1809 eine spätere Viehseuche sein ganzes Unglück begründete; daß er

früher als Holzknecht monatlich sieben Gulden Konv. Münze erworben habe,

nun aber seit längerer Zeit dieser Verdienst versiegt sey; daß er

mitunter von höchster Noth gezwungen, auf Erlegung eines Wildes allein

oder mit seinem Schwager auszöge, bei Ertappung die fürchterlichste

Strafe erwarten könne, und oft drei auch vier Tage ununterbrochen auf

Bergen umherklettern müsse, um nur nicht ganz leer rückzukehren. Aber,

unterbrach ich seine Elegie, da möchte ich doch weit lieber zu Hause

bleiben, und etwas Unbedeutendes arbeiten, als so beschwerlich und

strafbedroht umherklettern! »Jo wonni d’r hoam blei, orb’rt i, und hon

nix z’ essen.« Itzt kommt die Mundköchin mit dem Bemerken: das Essen sey

bereit. Der Tisch wurde gefegt, irdene Teller, zwei Paar schlechte

Eßbestecke, drei Horn-Löffel[11], pechschwarzes, verschimmeltes Brot und

Milchsuppe aufgesetzt. Ich versichere, daß der anfänglich betäubende

Ekel, mich nun in Abwesenheit der schmutzigen Kinder, bei Besichtigung

der reinlichen Suppe und beim Gefühl meines zurückkehrenden Hungers

ziemlich verließ. Ich kostete Anfangs neugierig und furchtsam, wie von

einer vergifteten Speise, genoß aber dann selbe, dem lebendigen

Beispiele neben mir gemäß, zunehmend beherzter. Besonders schmackhaft

fand ich das Stück Rehkeule, welche einfach geröstet und mit dicker

Milch begossen war; unverfälscht und gut konnte ich das Wasser nennen.

Verdächtiger blähte mich die Neugierde des Bauers, welche mich über

Tische um die Eigenschaft und Verläßlichkeit meines Hundes, um Kugel-

oder Schrottladung der Büchse, um meine Lokalkenntniß der Umgebung, und

wirkliches Alleinreisen oder vielleicht nur heutige Trennung von

Kameraden befragte.

[11] Diese waren von ordinärster Gattung; doch werden schön

gearbeitete und meistens mit Denksprüchen versehene, deren einer 1 fl.

K. M., und darüber zu kosten pflegt, sehr oft in den besten

Wirthshäusern Tirols den Gästen als Auszeichnung vorgelegt.

Itzt, nachdem wir gegessen hatten, kam der Troß zum Tische, (wovon ich

erst folgenden Tags die Ursache ersah;) ich machte gerne Platz. Das

Schlucken und Plätschern war gräßlich; Hände waren die natürlichen

Eßwerkzeuge, und in schleuniger Bemühung war der Wettkampf vollendet,

und die Schüssel geleert; nun wurde gebethet, und die Kinder warfen sich

allgesammt in das hier befindliche Bett. Wei, sprach itzt der Bauer, d’r

Herr möcht a schlofen.

_Sie._ No? --

_Er._ I moan er isch mürd’r als mir (wir)! -- Wonscht mogscht?

_Sie._ No meitweg’n!

Sie verließ das Zimmer, und der Bauer bedeutete mir, daß ich ein Bett,

ein schönes reinliches Bett bekäme, und ihm folgen solle.

Durch die Küche, über eine Stiege, kletterten wir zur Dachkammer. Ein

hölzerner Stallriegel war das künstliche Schloß, und ließ willig in sein

zu bewahrendes Heiligthum; das Licht verlosch; »was soll das?« frug ich

erstaunt. Der Wind habe es ausgeblasen, versicherte er, ging und brachte

bald ein anderes; es seyen keine Gläser in den Fenstern, (im Diskurse

fortfahrend,) und er pflege sie erst bei zunehmender Kälte zu

verschlagen, man schlafe so besser. Mit dem gewöhnlichen Wunsche

holperte er die Stiege hinab. Ich fand es sonderbar, hier, wo auf den

Höhen umher ewiger Schnee hauset, unverwahrte Fenster in einer

Schlafstube zu finden, während man sich den ganzen Tag unten vom Rauch

und Dunst verzehren läßt; sollte dieß Nachlässigkeit oder abhärtender

Gebrauch seyn?

Ich hatte nun die schönste Gelegenheit, Betrachtungen anzustellen.

Dieses Gemach war höher als das untere, und nahm den ganzen oberen Raum

des Häuschens ein; auf drei Seiten offene Fenster, zwischen denen ein

wollener Sonntagskittel und schwarzer Hut der Bäuerin aufgehangen war;

etwas roher Flachs und Erdäpfel lagen in einer Ecke; selbe bewachten ein

paar juchtene Stiefel und gleiche Schnallenschuh der Bäuerin, welche

gewiß keine Hühneraugen drückten, weil ich sie bequem über meine Stiefel

anziehen konnte. Aus Ruthen geflochtene, zum Tragen eingerichtete weite

Körbe, zwei Stühle, eine ungehobelte Bank, nebst einem sehr hoch

aufgethürmten Bett, waren die seltene Zierde des Pallastes, welchem als

Parfume der Wohlgeruch einiger frisch gegossener gossener am Boden

ausgebreiteter Käse nicht mangelte. Ich traute meinem _Duna_ einen

gewöhnlichen Nachappetit zu, und band ihn daher lieber an die Thüre

fest. Nun wollte ich mein Lager besteigen, staunte aber, die grobe blaue

Zwilchtuchet kaum erheben zu können. Wenig Mühe kostete mich die

Untersuchung; ich fand sie mit Moos, die Pölster aber mit Wolle,

Ziegenhaaren etc. angefüllt.

Wahrlich! es bedarf wenig Ueberredungskunst, sondern nur etwas

Erfahrung, um überzeugt zu seyn, daß man träumend das realisirt fühle,

womit uns lebendige Ideen früher folterten. Aus einem Gewirre von Raub,

Todschlag, Blutgerüst, weckte mich nach paarstündigem Schlummer,

_Duna’s_ fürchterliches Bellen. Mechanisch ergriff ich den Stockdegen

und sprang in die Mitte des Zimmers. Wagenrasseln, Kettengeklirr, und

ein erzwungen scheinender Husten, bestätigten das vorhin geträumte Bild

einer Mördergrube, und jagte mich mit emporstrebendem Haar an das offene

Fenster. Was gibt’s? schrie ich mit mächtiger Stimme hinaus, und

erblickte im reinen Mondenlichte zwei Männer, wie sie einen zwei

rädrigen Karren über den Graben vor dem Hause hinüber hoben, während das

Weib an einer Kette ziehend, ihnen zu helfen sich mühte. »U blei nur

ruebig und schlof, mir roas’n nur um a Hulz und kämern bold,« sprach der

Hauspatron, und das Kleeblatt entfernte sich. Ersteres befolgte ich,

doch letzteres war mir itzo schon unmöglich. Sie werden wohl, grübelte

ich, eine irgendwo versteckte Beute holen, oder vielmehr (weil mir der

Karren bepackt schien,) die unlängst errungene an einen sicheren Ort zum

Verkauf bringen; keineswegs aber um Holz gehen, was man hier nicht bei

Nacht ängstlich nach Hause zu schaffen braucht; also doch nicht ganz

aufrichtig! -- Nun erst erinnerte ich mich, daß der Wildschütze ohne

Gewehr nach Hause kam, was er sich schwerlich würde haben abnehmen

lassen, und daher einen bekannten Schlupfwinkel vermuthen ließ.

Der gestrige lange und angestrengte Marsch hatte mir zum erstenmale

einige Fußblasen gezogen. Ich übte also mein gewöhnliches Mittel, die

Gehkraft zu schärfen, durch Einreibung der Füsse mit starkem Branntwein,

dem ich etwas Seife beimischte; öffnete, aber erst nach einer Stunde

darauf, die abgetödteten Blasen, und legte zwischen die Fußhaut und

frischen Socken etwas welke Birkenblätter. Dieses einfache und

unschädliche Mittel, wird sich jedem Fußwanderer, wenn er es anwenden

will, bewährend empfehlen; so wie es mich bekanntermassen einmal in den

Stand setzte, als Wette 30 deutsche Postmeilen in dreien Tagen folgenlos

zurückzulegen, und eine ähnliche Aufgabe für die Zukunft nicht bang zu

unternehmen.

Nunmehr hatte ich keine Muße, länger zu weilen; die feuchte Luft und

Morgenkälte fühlte ich hier wie am Marsche, und die sechs Wanderstunden

sollten mir das Mittagsmahl zu Innsbruck je eher je lieber würzen.

Gestern um diese Zeit (5 Uhr), sah ich bereits Tageshelle, aber da stand

ich um 5000 Fuß höher dem Horizonte, und verfolgte ihn noch mehr hinan;

nun galt’s der zunehmenden Tiefe, und itzt sollte ich verweilen?

Nichts was Bemerkung verdiente, als daß drei Töpfe, eine Reine, die zwei

Paar Eßzeuge, drei Löffel, eine Schüssel, zwei Teller, ein Glas und ein

Krug, das sämmtliche Geschirre der _Diogen_’schen Haushaltung

ausmachten, enthüllte mir der heutige Tag. Ich wollte die Kinder nicht

wecken, gab in den leeren Krug meinen schuldigen Dank, und verließ das

Haus, nur von zwei Geissen gesehen. Noch ärmer kam mir beim Rückblick

das Häuschen vor, noch bedauernswerther die Familie: Arme Leute! was

soll euch im langen Winter erhalten? Geht und ernähret euch heute,

vielleicht verhungert ihr morgen! Im Hinabwandern sah ich, daß auf dem

Firmament ringsherum gewaltige Wolken hangen, und die schönen Tage bald

seltener würden.

Der Oberberger-Wildbach, welcher aus Nordwest beim Weiler _Auten_ mit

zwei Vorplänklern die _Ruz_ anfällt, und der aus Südost gleichfalls

zerstörungssüchtig herbei eilende Pinnes- oder Herzebnerbach vergrössern

nun ungemein die Wassergewalt des Hauptflüßchens, so zwar: daß die

Einwohner des Dorfes

Neustift,

den ungewöhnlichen Entschluß -- eine steinerne Einfassung des bestürmten

Uferbeetes, lobenswerth in Ausübung brachten. Es wäre zu wünschen, daß

dieser seltene Fleiß den Ruzbach dauerhaft bändige, die spärlich

erhaltenen Feldungen zu verschonen.

Neustift biethet ausser den 15 Häusern, welche mit dem des Wirthes die

artige Kirche umstehen, einen besonders schönen Rückblick ins Thal. Eben

stieg der Tag aus seinem goldnen Thore; die Dünste flohen dessen

Anblick; in Jugendfülle glühten die bleichen Alpengreise; heiter

spielten an ihren Füssen die grünen Enkel, und auf diesen begann das

rege Leben der Menschen in tausendfach nährender Lust! -- Eine

Morgentoilette wie diese, könnte deren fade Besuche in Residenzen auf

immer schliessen, wenn dort die lange Weile nicht auch Tändeleien

unterhalten hiesse.

_Neder_, _Ameis_ und _Medraz_ sind von _Neustift_ auf stündiger Strecke

die anmuthigen Weiler, welchen die fleissige Besorgung der Felder in

diesem Thalbezirke obliegt. Die Ernten waren bereits längst eingebracht,

die Aecker wieder frisch gepflügt, nur einige Flecke mit Gartenfrüchten

und schönem Hanf verriethen, daß Boden und Mühe gleiche Anrühmung

verdienen. Noch immer vermehrt neuer Zulauf die schon zum Uebermuth

entwachsene Ruz; beim Dorfe _Fulpens_, wo ebenfalls ein bedeutender

Rekrut -- der Schlickerbach zu ihr stößt, will sie schon durch

gewaltiges Toben in ihrem Felsenbeete sich das Ansehn eines Flusses

erlärmen. Was ihr hier nicht gelungen, glaubt sie später, unterhalb des

schönen Dorfes _Mieders_, durch Revolution bezwecken zu müssen; doch

davon später. Das grosse Dorf

Fulpens,

welches zwar wenig Ackergrund in seinem Bereiche hat, aber desto mehr

mit Eisen- und Stahlarbeitern angepfropft ist, deren bunte Erzeugnisse

sowohl im Inn- als Auslande weit herum reisen: kann man wohl ein

eisernes nennen; und die schöneren Häuser, welche reichen

Fabriksbesitzern gehören, sind, weil diese eben daraus ihren Wohlstand

zogen, also wirklich von Eisen erbaut!

Während mich der Wirth mit frugalem Frühstücke zu dem vierstündigen

Marsche nach Innsbruck stärkte, bereitete _Zevs_ einen ausgibigeren

Morgentrank für die todte und lebende Welt. Es war vergebens, den

regenschweren Wolken zu enteilen; eine Weile noch hielt sie der Wind

zusammen, bis alle herbei kamen, welche zu diesem Ungewitter berufen;

nun platzten sie nach einander, und gossen ihren reichlichen Vorrath

strömend herab. Ich war an das Zimmer gefesselt, hatte aber die volle

Uebersicht auf die thätige _Ruz_ und den ihr zustrebenden kleineren

Schlickerbach. Es ist unglaublich, wie schnell die Fluth wuchs; das Beet

erseufzte, Bäume und gleich gewaltig mitgerissene Felsstücke gaben ihm

einen fühlbaren Stoß um den anderen. Jetzt schwangen sich die Wogen

hinaus über die Gränzen der Bescheidenheit; die hohen Ufer schwanden,

ein See lagerte sich auf ihrem Rücken, und wusch dort und da felsige

Kammern darein. Die Brücke zitterte, mehr noch der sie überschreitende

Pilger, welchen die Angst nicht ruhen ließ, und der nun auf ihr sein

nasses Grab befürchtete. Gräßlicher zusehends würgte der Strom, die Wuth

färbte ihn gelb und braun, er kannte sich nicht mehr! In wilden Sätzen

übersprang er Zeit und Raum, um als Empörer, vom bleibenden Zufall

begünstigt, durch einen kräftigen Sieg über den ewig herrschenden Inn,

jeden Gehorsam zu brechen.

Sechs Stunden mußte ich diesem Schauspiele Geduld opfern; itzt hatten

sie ausgetobt, die Heere der Wolken; friedliebend baute Iris ihre

Zauberwölbung über das Thal, das sich ihrem Willen fügte, und freundlich

aussah zu der mit _Phöbus_ im Bündniß Stehenden. Die Alpen hatten wieder

frischen Schnee, einem Kapitalisten gleich, dem abermalige Glückstreffer

den Reichthum mehren. Nur die Wälder konnten sobald den Krieg nicht

vergessen; aus ihnen qualmte neblichter Dampf, stieg zur Höhe und schien

um Rache zu rufen: wie die abgebrannten Dörfer und Märkte, welche nach

den Schlachten sich ausbreiten zum Jammer, und denen ihr schwarzes

Ansehn nur Flüche bringt, weil der Prasser die Verarmten nun fliehen

muß.

Ruzbach-Verwüstungen.

Ich ging am, oder vielmehr im linken Ufer des Ruzbaches, weil bisweilen

von der Strasse nichts, bisweilen mehr Wasser darauf zu durchwaten war,

als ein mässiger Bach betrug. Schön müßten sich in sanfter Tagesruhe die

jenseits vor dem ansehnlichen Dorfe _Mieders_ zwischen Gebüsche

klappernden zwei Mühlen anmelden; aber der Waldrasterbach, welcher von

der holzreichen Höhe niedereilend, jenen Geschäftigen Stimme und Nahrung

gibt, sprach itzt Trotz und Hohn dem Kleinlichen, und überboth seine

Kräfte, um kurze Zeit selbst wie ein Mühlwerk zu brausen.

Von dem nun durchschrittenen Dorfe _Telfs_ angefangen, gegen den

Weiler-Gallenhof, zeiget die dreyviertelstündige Strecke alle

rachesüchtigsten Verwüstungen des Baches vereinet, deren ich bei

Neustift erwähnte. Man glaubt wieder einem frischen Glätscherbache zu

nahen, welcher alle Gesetze der Natur, alle Barmherzigkeit abläugnet;

nur für sich benützt er das Thal, zu seinem Spiele, zu seiner

Zerstörung! Hie und da sieht man, daß zwischen den Gebüschen einst

Wohnungen gestanden; wie, und wie oft die _Ruz_ sie abriß, bis der

trotzende Menschenmuth verzagte, sie zu erneuern, und diesen

Thal-Distrikt in der Nähe von Innsbruck lieber veröden ließ, als ewig

und fruchtlos mit Elementen zu ringen: mag Derjenige wissen, welcher die

Welt überall fruchtbar nennt. Ich meines Theils war froh, der

Steinbollwerke und Lacken des verwünschten Weges enthoben, und neben dem

Weiler Kreit auf besserem Wege zu seyn; so wie am

unteren Schönberge,

nach zwei Stunden, abermals einen Schlupfwinkel vor dem wieder

beginnenden Regen gefunden zu haben. Der gesprächige Wirth wies mir

Platz und Tisch, wo Hofer mit seinen Volkshauptleuten zu sitzen und sich

zu berathen pflegte. Unzählig eingeschnittene Buchstaben zeigten das

Verlangen eben so vieler Personen, auf diesem Tische -- auch zu

arbeiten!

Ich wollte wegen der anderthalbstündigen Wanderung nach Innsbruck, hier

keinen tagelangen Landregen abwarten. Gefesselt hielt mich jedoch einige

Augenblicke die hochgespannte Schönberger Brücke, welche die beiden

Ruz-Ufern mit der Poststrasse vereint, auf der ich nun im

Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,(#78026) · 第 21 / 52 题