einen Führer; Moser (so hieß er), versicherte, daß nichts zu besorgen
wäre, weil die hohe Fürstspitze keine Nebelkappe trage, treffe aber
dieser Fall ein, so dürfe die Gemse keine Wurzel graben, (Sprichwort der
Passeyer und Oezthaler,) damit die Lavinen nicht zittern und
herumwälzend alles begraben. Moser war in der umgebenden Alpenwelt
äusserst bewandert; ein angenehmer Schwätzer fabelte er viel vom
südwestlichen Gurglersee, steinernen Tischbild und Schalf Kahr.
Als wir in bewaldeter Thalkluft, worin sich willkürlich durch gewaltige
Sätze links der kleine Bach sein Beet erweitert, auf unmerklichem
Gangsteige aufwärts drangen, winkten eingreifender die
himmelanstrebenden Seitenscenen. Aber wenn man ausrastend zurückblickt,
so täuscht neuer und launiger das krumme Thal. Häuschen und Sennhütten,
die man zuvor nicht gesehen, ruhen auf waldumrankten Bergwiesen umher;
Rinder, deren Glockengeläute sie früher verrieth, zeigen auf tiefem Grün
nun die glänzend buntfarbigen Körper. Echoreich schalmeit ihnen nach,
der Ton des lustigen Hirten. Glatte Streife frischen Schnee’s, ziehen
sich wie silberne Ordensbänder der ausharrenden Hoffnung, über höhere
Wiesenabhänge und durch schwarzgrüne Föhrenwälder herab; sie hauchen die
Frische dem Wanderer, welche er nie in Städten genießt, auch wenn der
haardurchwirbelte _Boreas_ die Oefen zum Glühen zwingt. Der Bach
verschwand, immer höher und höher zwischen wahren Riesengebirgen stufte
sich auf den Marmor und Kalkabhängen unsere kritische Bahn. Wenn
bisweilen die Gefahr, hinabzustürzen in die gähnenden Schlünde, sich
minderte, so erhob sich wieder eine überhängende Felsenwand, welche mit
ihren lockeren Steinmassen eben nur unsere Ankunft zu erwarten schien,
auf immer uns zu begraben. Wir benützten die Steigeisen, der Seele
Blähungen damit zu dämpfen, und dem Fusse die Tritte zu sichern.
Als nach drei Stunden das wenige Krummholz im pfadlosen Schnee
durchklettert, und bald darauf der Hochrücken des Timlar- und
Panker-Jochs erklommen war, spiegelten schmeichelhaft die zwei kleinen
Passeyer-Seen tief unter unseren Füssen die Konturen der besiegten
Felsen.
Merkwürdig bleibt diese Alpenhöhe vor hundert anderen dadurch, weil sie
aus ihrem Schneevorrathe zwei sich ganz entgegenwirkende Flüsse erzeugt.
Kaum eine halbe Stunde von einander murmeln die obersten Quellen des
Passer- und Timbel-Baches. Ersterer nach Süden strebend, verschlingt
alle Quellen des Passeyer-Thales, verliert zwar seinen Namen im
ungleichen Kampfe mit der Etsch bei Meran, zieht aber, mit der Siegerin
versöhnt, aus dem frostigen Vaterlande, um sich in Italiens milden
Fluren zu wärmen, und der ermüdenden Fläche endlich überdrüssig, im
adriatischen Meere zu ruhen. Letzterer aber, welcher gegen Norden
niedereilend, zusehends grösser als Oezthaler-Bach dem sechs Meilen
langen Thale den Namen bringt, fühlt sich trotz seiner vielen Begleiter
zu schwach, die weite Reise eigenmächtig zu vollführen. Er huldigt dem
gewaltigen Inn, welcher aus den Alpen-Schanzen östlich ihn fortführt zur
herrschenden Donau, im gesegneten Oesterreich die freundliche Hauptstadt
zu küssen, und mit diesem Troste durch Hungarns reiche und Türkey’s
verwüstete Flächen zu wogen, das mittelländische Meer bedeutend zu
süssen.
Durch mehrere hundert Meilen trennen sich diese erwachsenen Geschwister
von ihrer Geburtsstätte; sie fliehen einander von erster Entstehung bis
zum Ende, welches aber gleich erhaben, gleich ruhmvoll ist: Trauriger
sondert oft die Zwietracht, des Vaters gleich geliebte Kinder, sie
meiden sich, ohne je solch schönes Endziel zu begründen.
Auf der Höhe war nicht lange zu verweilen; tobender Nordost gab uns
solche Froststösse von den Eiswänden, daß sie uns bei des angestrengten
Kletterns starker Erhitzung gefährlich schienen, auch war ausser Eis und
Schnee nichts Erhebliches zu sehen.
Wie ganz verschieden von dem thätigen, Hütten besäten Passeyer, macht
sich das
Timbelbach-Thal!
Verlassen und arm, wie im _Zemthal_, umwuchern es Wälder und kahle
Felsen; vor Zeiten sollen hier die meisten Gemsen und Schneehühner ihre
Herberge gesucht haben; ich sah keine, man mochte sie längst dieser und
anderer Wildnisse überheben.
Der merkliche Gangsteig führt nun fortwährend am rechten Ufer des
Timbelbaches tiefer ins Thal; ich entließ also Mosern, um ihm beim
Rückwege die abermalige Alpersteigung zu ersparen, obgleich mich dessen
gute Laune und Frohsinn länger hingehalten hätten, den Führer zu
benöthigen.
Nach anderthalb Stunden macht man die Bekanntschaft einer andern, sich
mit der Timbel verschwesternden Nymphe, welche das Kamles- und
Hangerer-Kahr ihre Eltern nennt, und auf dieses Herkommen gestützt, mit
der neuen Freundin sich ebenfalls auf der guten Erde allen Muthwillen
erlaubt.
Oezthal.
Eine halbe Stunde darauf erfahren die Uebermüthigen, daß zwei dem
Dritten stärkeren leicht unterliegen. Der Oezbach[8], das lange Thal nun
taufend, zeiget dem Wanderer als Alleinherrscher alle seine Macht und
Schönheit. Könnte man einen südlichen Flachländer oder Städter durch
Zauberspruch plötzlich hierher bestimmen, ich glaube er müßte verwirrt,
wenn nicht gar betäubt werden. Herrlich ist das Thal für den
Naturforscher, Maler, Botaniker etc., preiswürdig selbst für denjenigen,
welcher grosser Eindrücke gewohnt, durch die bunten Formen der Alpenwelt
hierher drang. Man denke sich ein Thal, dem die hundert Zickzake des
Weges eben so viel Veränderliches bringen, als die hundert Berge, Felsen
und Alpen zur _Variation_ geeignet sind. Gemeinden und Weiler[9]
flüchteten in diesen entlegenen Winkel, weniger um darin Reichthum als
vielmehr Ruhe zu suchen. Die zahlreichen Seitenthäler, aus denen eben so
viele Bäche dem ungeheuer anwachsenden Oezbache zueilen, scheinen die
Gänge eines unermeßlichen Labyrinths, dem das vom _Dädalus_ in _Creta_
zum Wunder der Welt errichtete, ein Kinderspiel geworden. Hat das
Zemthal durch furchtbare Hoheit entzückt, so sieht man es hier wieder
erzeugt, und Hütten darin, die jenem entgingen. Luden Aecker und Wiesen
des Ziller- und Passeyerthals zum schönen Beruf, so grünen sie dichter
hier, und der Kontrast spielt greller mit den allenthalben
niederdrohenden Schneebergen. Des Eisakthales kräftiger Fluß müßte
verstummen vor jenem kühnere Sprache behauptenden im _Oezthale_.
[8] Seine beiden Haupt- und mehrarmigen Nebenquellen, die als
Rosenthaler Achenbach zuerst ein Ganzes bilden, ruhen westlich am
Hochjoch-Ferner und Platey-Kögl; östlich auf der Firmisarspitze, den
Mittmoll- und Murzoll-Bergen. Dagegen gibt der grosse
_Oezthaler_-Ferner größtentheils dem Passeyer- und Rableider-Thälern
seinen Wasservorrath.
[9] Die Benennung Weiler, Gemeinde, Dorf, welche in Tirol gangbar ist,
von Fremden aber irriger Weise meistens gleichgeltend gebraucht wird,
bezeichnet dreierlei Hauptabstufungen von Ansiedelungen. Ein Weiler
kann ein einzelnes oder zwei, drei auch vier Häuschen enthalten,
welche beisammen stehend, keine Kirche haben, und ein von anderen
Ortschaften unabhängiges Eigenthum für ihren Besitzer bilden. Mehrere
solche Weiler zusammen, oder überhaupt viele im Gebirge zerstreute
Häuschen, die auch ohne Kirche, jedoch zu einem nahen Dorfe
eingepfarrt sind, bilden eine Gemeinde. Ein Dorf in Tirol bezeichnet
im Gegenspruche mit dem flachen Lande, schon einen wichtigeren Ort,
weil ihm meistens eine Kirche und mehrere unterstehenden
Anachoreten-Wohnungen ankleben.
_Sölden_ ist das erste Dörfchen, welches dem Wanderer Erquickung
biethet; denn in dem vorherigen Weiler _Windau_, so wie in den anderen
Gemeinden _Rechenau_, _Zukaiser_, _Grantst_, _Brand_, _Armeten_ und
_Grubl_, welche unter Windau fortlaufen, kann man ausser heiteren und
kraftvollen Bewohnern kein Mittel zur Stärkung erspähen. Zahlreicher und
noch zu wenig bewundert sind die Wasserfälle des Oezthales. Schon mein
beredter Führer Moser machte mich auf sie aufmerksam. Zeit und der
äusserst beschwerliche Weg erlaubten mir zwar nicht, die auf meiner
Wanderung oft angestaunten, hier vielleicht übertroffen zu sehen: allein
ich hörte sie niederbrüllen, vorzüglich in den Klüften rechts bei
_Brand_, und sah ihre Wogen einbrechen in die eisige _Oez_ mit all der
beflügelten Schnelle, welche den gähen Sturz auf der kurzen Bahn
voraussetzt. Furchtbar müssen die Folgen eines Hochgewitters wüthen,
wenn des Flüßchens Ufern die wachsende Fluth nimmer zu umfassen
vermögen, und die Wellen ihre Freiheit fühlend, losbrechen über den
grünenden Fleiß rastloser Menschen, welche zu nahe dem verschlagenen
Feinde die Flecken Erdreich benützten; hart mit des Geitzes böser Gier
entgräbt sich der Strom die Saat sammt den Ort, der künftig Ernten
hoffen ließe, damit der Arm für Arbeit willig, keinen Platz zur Arbeit
finde! -- Nicht zu hoch für solchen Krieg scheinen die Häuschen im Thale
gestellt, sie müssen wie Festungen sich behaupten, wenn zu ihren Füssen
und über ihren Dächern tausend Gräule sich vereinen, durch einen
gräßlichen Sieg das ganze _Oezthal_ zu veröden.
Unter dem Dörfchen _Hube_, wo der mannbar gewordene _Oezbach_ nach
Westen bedeutend ausgreift, führt eine Brücke und Gangsteig zu ergibigen
Sennereien, und dann immer westlich übern Felderkogl ins Pizenthal.
Noch kam ich zu dem kleinen Oertchen Burgstein, eh ich den Hauptort des
ganzen _Oezthales_ --