erreichte. Dieser Markt mit einigen hundert Einwohnern spielt im
Miniatur die Rolle einer Hauptstadt. Wein und Braten biethet das
Wirthshaus, zu Pferde kann der bequemere Reisende über _Umhausen_,
_Dumpen_ und _Oes_ etc. das ganze Thal bis zum Inn passiren; die
Häuschen verrathen einigen Wohlstand, die Kirche etwas Geschmack, und
der bedeutende in die _Oez_ einstürzende _Fischbach_ gibt dem Markte das
Ansehen eines kommerziellen Stappelortes. Indeß, wenn auch diese beiden
Bäche nie ein Trog, geschweige denn Fahrzeuge durchstrichen, so sind sie
doch nichts weniger als arm an Ausbeute und Nutzen. Mühlen und herrliche
Fische sprechen ihnen das Wort, und ich hatte volle Ursache mit selben
zufrieden zu seyn.
Ich benöthigte von Passey bis _Oberlengenfeld_ eilf Stunden, zwey davon
mochten der Erholung und Ansicht der Gegend hinfließen; eigentlich
sollten noch zwei Meilen durch den Nachmittag zugefügt werden: allein
meine Reise schwang sich über die höchsten Ferner des Alpenlandes in das
Thal _Stubay-Ruz_. Dazu brauchte ich einen Führer, heiteren Tag, 10
Stunden und -- volle Kraft! Alles mußte ich hier abwarten, da in dem
einzelnen, eine Stunde vom Markte entfernten Gries, höchstens Branntwein
und Nachtstroh mich begnädigt hätte.
Mein morgiger Führer _Lehner_ machte mir bald den Besuch; er rieth
Mundvorrath zu bestellen, dabei aber den Branntwein ja nicht zu
vergessen, die Steigeisen etwas schärfen zu lassen, und bald der Ruhe zu
pflegen, weil wir des Mondes abnehmende Sichel zu bequemerer
Nachtwanderung benützen würden; »der kommende Tag scheine günstig zu
erwachen, weil der Abend so wind- und wolkenlos entschlummere.« Die
Gutherzigkeit einiger Gäste wußte viele Bedenklichkeiten von Gefahren
und Anstrengung hervorzubringen. Ihre Beweise gründeten sich auf
Hörensagen, denn nur drey von ihnen hatten diese Wanderung einige Male
gemacht, und fanden eben nichts Halsbrecherisches daran. Den
Gemsenbraten, welcher mir als Seltenheit überaus mundete, weniger zäh
findend, strebten ich und mein Führer für die morgige Bagage zu
verringern, dafür mußte aber eine tüchtige Portion Kalbfleisch und Brot
die Wanderung auf die Alpen mitmachen.
Es war 12 Uhr Nachts, als mich _Lehner_ aufbrechen hieß vom reinlichen
Strohlager, und seine Pfeife anbrannte, um mit dem Tabaksdampf den
Schlaf und die Morgendünste zu bannen. Kein Hahn krähte uns nach den
Morgengruß über die schlummernden Hütten, welche von dem Silberschimmer
des freundlichen Nachtschwärmers seltsam berührt, bald grösser, bald
verkleinert sich ausdrückten auf den buntfärbigen Thalhügeln
_Oberlengenfelds_. Der Fischbach, an dessen rechten Ufer ein sicherer
Gangsteig uns aufwärts leitete, suchte mit der eingreifenden Stimme
eines rastlosen Wächters durchaus alles zu erwecken, als wenn Feinde und
Schlachten ihm folgten. Er bezweckte wie so manche gewohnte Brummerei --
taube Ohren!