Markt Mayerhof,
welcher der Schlüssel und Trostplatz des Ziller-, Stillupp-, Zem- und
Duxer-Hauptthales, dann mittels dieser noch von anderen sieben
Nebenthälern ist, wählte ich mir bei der vorgerückten Nacht zum
Erholungsort. Da ich der Vortrefflichkeit eines hiesigen Wirthshauses
vor dem anderen keinen bedeutenden Unterschied zutraute, so frug ich
nicht um das beste -- sondern um das nächste beste derselben. Man wies
mich an eines, dem die Aussenseite so ziemlich den Stempel des elendsten
aufdrückte. Zum Schlafen schien mit jedes gut; ich trat ein und konnte
Anfangs Niemanden im erstickenden Tabaksdampf erkennen; bald aber sah
ich, daß dieser den Imbiß und Hauptnahrungsstoff beim Biergetränke für
acht Bauern ausmachte, welche sich wunderten, daß ich nicht auch mit der
Pfeife meinen Appetit stillte, und lieber den jungen Käs hinunter zu
würgen beschloß.
Ich wünschte Lagerstroh, man both mir aber Betten; zufrieden damit
folgte ich dem Wirthe in eine stallähnliche Kammer, welche klein,
niedrig, mit lücken-ähnlichem Fenster eher das Ansehen eines Kerkers als
Gastzimmers besaß; zwei Betten sprachen darin die wohlthätige Bestimmung
aus. Eben entsetzte ich mich über die schlechte Wahl meiner
Nachtherberge, als mich der Wirth noch mit der lächerlichen Frage zu
necken schien, »ob denn der Hund auch gehörig reinlich wäre, daß ich ihn
über Nacht im Zimmer belasse?« »Wenn er da bleibt« gab ich erboßt zur
Antwort, »so geschieht es nur aus Anhänglichkeit für mich, sonst würde
sich das Thier gewiß einen andern Ort suchen.« Der Wirth schien meine
bittere Bemerkung nicht zu fühlen, wünschte gute Ruhe und ging. Kaum daß
er die Thüre hinter sich verriegelte, so war auch schon das Stückchen
Kerzendocht ausgebrannt; ich rief -- vergebens! -- In der Finsterniß
umhertappend fand ich endlich doch meine Ledertasche, und benützte die
gehörigen Feuerrequisiten, um mir beim Lichte das Bett zu besehen. Wie
erstaunte ich aber, als ich auf dem grossen Leinentuche und denen
Pölstern grosse Blutflecken erkannte; das andere Bette hatte noch
häufigere Schreckensmerkmale aufzuweisen; ich hob in banger Ahndung den
Strohsack, und sieh! ein altes Beinkleid und Jake war unter demselben
verborgen. Nun hatte ich genug! Hinaus zu entkommen, war vergebens, weil
die Thür vom Wirthe ohne meine Widerrede verschlossen wurde; das
Fenster, ja dieses konnte mich retten; ich öffnete es -- o weh! ein
grosser Holzstoß hatte unzubesiegendes Bollwerk vor dasselbe gefestet.
Ueberlegend, ob ich im Stande wäre, aus diesem einzelnen Hause die Hülfe
der Nachbarn aufzufordern, oder ob das Rufen desto gewisser zu meinem
Untergange beitrage, hörte ich deutlich nebenan Gelächter tiefer
Baßstimmen. Ich hatte mich vorher um das Lokale nicht sonderlich
bekümmert, glaubte aber auf jeden Fall die obbenannten acht
fürchterlichen Tabakschmaucher, welche vermuthlich nebst Wilddieberei
auch andere Jagden sich erlauben, als Schlafnachbarn zu verspüren. In
der untersuchten Breterwand überraschte mich eine kleine Thür; sie
öffnend, trat ich in ein noch tieferes Gemach als das meinige gewesen.
Alle Einrichtung, welche darin vorfindig war, bestand ausser einem
verrosteten französischen Kavallerie Pallasch -- in lauter
Eßmaterialien: Erdäpfel, Butter, Käse, schwarzes Mehl, drei geselchte
Schinken und ein Fäßchen mit Essig warteten auf Ablösung. Dieß beruhigte
mich; ich erkannte in dem behutsamen Zusperren meines Zimmers, des
Wirthes nicht zu tadelnde Mißtrauen, vor unbekannten Fremden sein
Eigenthum zu verwahren; der Säbel, welcher nur mit äusserster
Anstrengung aus der Scheide ging, zeigte nicht minder des Besitzers
friedliebende Gesinnung; aber das Blut, dieser verdammte Warner! machte
mir gleichwohl etwas bange. Ich war zu matt, die ganze Nacht wachend zu
verbleiben, und konnte mir auch nicht diese Möglichkeit vergewissen;
heftete daher den bewährten _Duna_ mit der Schnur an meinen Fuß, und
warf mich angezogen aufs Bette, bei der geringsten Spur von des Hundes
Wachsamkeit, die wohlbereiteten Waffen zu gebrauchen. Die brennende
Wachskerze stellte ich in die halbgeleerte Wasserflasche, Unglück durch
eigene Schuld nicht zu erzeugen.
Ich mochte einige Stunden geschlafen haben, da rüttelte mich
fürchterlicher Schmerz aus der unbehaglichen Ruhe. Ich fühlte mein
Gesicht, Leib und Hände brennen; es waren die verdammten Zecken,
Schafkäfer, Achtfüßler und sonstige Ungeziefer, welche meinen Körper zu
zergeisseln die Grausamkeit hatten, und dieselbe vermehrten, je häufiger
ich die Unholde unwissend zerdrückte. Ich leuchtete umher, der ganze
Boden war feucht und hohl, und die ergibigste Kolonie für Unken, während
die Käfer vom nahen Schafstalle oder aufgehäuften Häuten am Dachboden
ihren Ursprung zu entlehnen schienen. Noch nie solche Quälgeister
empfunden, war ich thätigst besorgt, sie schleunig zu bannen, und den
Ort, wenn auch die gräßlichere Meinung davon schwand, wegen der
allenthalben sich aufdringenden Unreinlichkeit zu verlassen. Mein
Klopfen und Rufen wollte Niemand hören, ich mußte, am Sessel sitzend,
noch zwei Stunden abwarten, bis mit Thor-ähnlichem Gähnen der Wirth mich
dieser Marterkammer entließ. Auf seine Frage wegen des zeitlichen
Aufstehens, mußte ich ihm die Unreinlichkeit der Behausung, und
Tollheit, mich einzusperren, vorhalten. Wider Vermuthen betheuerte er
äusserst grob, solche Gäste gar nicht zu benöthigen, welche wegen
einiger Groschen das ganze Haus geblankt haben wollen, und Nachts mit
lästigen Lärmen alle Einwohner wecken; die Betten seyen ohnlängst erst
überzogen worden, und wenn auch das eine von Nasenblutstropfen befleckt
wäre, so brauchte ich nicht gerade dasselbe zu benützen.
Ich wollte den Streit nicht heftiger beginnen, und ging, jeden Reisenden
in Vorhinein bedauernd, der in dieser Barake Erhohlung sucht. Da es erst
vier Uhr war, hätte mich leicht der schlangenförmige Pfad in der
Finsterniß irre leiten können; allein der Zufall wollte, daß ich gestern
noch mich um Lage und Strasse nach Finkenberg erkundigte, und so die
drei Thäler mit ihren herausströmenden Bächen _Zill_, _Stillupp_ und
_Zem_ links lassend, dem