Emma hatte eben das Haus verlassen, als Karl heimkam. Die
Nachricht von der Pfändung traf ihn wie ein Keulenschlag. Dazu
seine Frau fort! Er schrie, weinte und fiel in Ohnmacht. Was
nützte das? Wo konnte sie nur sein? Er schickte Felicie zu Homais,
zu Tüvache, zu Lheureux, nach dem Goldenen Löwen, überallhin. Und
mitten in seiner Angst um Emma quälte ihn der Gedanke, daß sein
guter Ruf vernichtet, ihr gemeinsames Vermögen verloren und die
Zukunft Bertas zerstört sei. Und warum? Keine Erklärung! Er
wartete bis sechs Uhr abends. Endlich hielt ers nicht mehr aus,
und da er vermutete, sie sei nach Rouen gefahren, ging er ihr auf
der Landstraße eine halbe Wegstunde weit entgegen. Niemand kam. Er
wartete noch eine Weile und kehrte dann zurück.
Sie war zu Haus.
»Was ist das für eine Geschichte? Wie ist das gekommen? Erklär es
mir!«
Sie saß an ihrem Schreibtisch und beendete gerade einen Brief, den
sie langsam versiegelte, nachdem sie Tag und Stunde darunter
gesetzt hatte. Dann sagte sie in feierlichem Tone:
»Du wirst ihn morgen lesen! Bis dahin bitte ich dich, keine
einzige Frage an mich zu richten! Keine, bitte!«
»Aber ...«
»Ach, laß mich!«
Sie legte sich lang auf ihr Bett.
Ein bitterer Geschmack im Munde weckte sie auf. Sie sah Karl ...
verschwommen ... und schloß die Augen wieder.
Sie beobachtete sich aufmerksam, um Schmerzen festzustellen. Nein,
sie fühlte noch keine! Sie hörte den Pendelschlag der Uhr, das
Knistern des Feuers und Karls Atemzüge, der neben ihrem Bett
stand.
»Ach, der Tod ist gar nichts Schlimmes!« dachte sie. »Ich werde
einschlafen, und dann ist alles vorüber!«
Sie trank einen Schluck Wasser und drehte sich der Wand zu.
Der abscheuliche Tintengeschmack war immer noch da.
»Ich habe Durst! Großen Durst!« seufzte sie.
»Was fehlt dir denn?« fragte Karl und reichte ihr ein Glas.
»Es ist nichts! ... Mach das Fenster auf! ... Ich ersticke!«
Ein Brechreiz überkam sie jetzt so plötzlich, daß sie kaum noch
Zeit hatte, ihr Taschentuch unter dem Kopfkissen hervorzuziehen.
»Nimms weg!« sagte sie nervös. »Wirfs weg!«
Er fragte sie aus, aber sie antwortete nicht. Sie lag unbeweglich
da, aus Furcht, sich bei der geringsten Bewegung erbrechen zu
müssen. Inzwischen fühlte sie eine eisige Kälte von den Füßen zum
Herzen hinaufsteigen.
»Ach,« murmelte sie, »jetzt fängt es wohl an?«
»Was sagst du?«
Sie warf den Kopf in unterdrückter Unruhe hin und her. Fortwährend
öffnete sie den Mund, als läge etwas Schweres auf ihrer Zunge. Um
acht Uhr fing das Erbrechen wieder an.
Karl bemerkte auf dem Boden des Napfes einen weißen Niederschlag,
der sich am Porzellan ansetzte.
»Sonderbar! Sonderbar!« wiederholte er.
Aber sie sagte mit fester Stimme:
»Nein, du irrst dich!«
Da fuhr er ihr mit der Hand zart, wie liebkosend, bis in die
Magengegend und drückte da. Sie stieß einen schrillen Schrei aus.
Er wich erschrocken zurück.
Dann begann sie zu wimmern, zuerst nur leise. Ein Schüttelfrost
überfiel sie. Sie wurde bleicher als das Bettuch, in das sich ihre
Finger krampfhaft einkrallten. Ihr unregelmäßiger Pulsschlag war
kaum noch fühlbar. Kalte Schweißtropfen rannen über ihr bläulich
gewordnes Gesicht; etwas wie ein metallischer Ausschlag lag über
ihren erstarrten Zügen. Die Zähne schlugen ihr klappernd
aufeinander. Ihre erweiterten Augen blickten ausdruckslos umher.
Alle Fragen, die man an sie richtete, beantwortete sie nur mit
Kopfnicken. Zwei- oder dreimal lächelte sie freilich. Allmählich
wurde das Stöhnen heftiger. Ein dumpfes Geheul entrang sich ihr.
Dabei behauptete sie, daß es ihr besser gehe und daß sie sofort
aufstehen würde.
Sie verfiel in Zuckungen. Sie schrie:
»Mein Gott, ist das gräßlich!«
Karl warf sich vor ihrem Bett auf die Knie.
»Sprich! Was hast du gegessen? Um Gottes willen, antworte mir!«
Er sah sie an mit Augen voller Zärtlichkeit, wie Emma keine je
geschaut hatte.
»Ja ... da ... da ... lies!« stammelte sie mit versagender Stimme.
Er stürzte zum Schreibtisch, riß den Brief auf und las laut:
»Man klage niemanden an ...« Er hielt inne, fuhr sich mit der Hand
über die Augen und las stumm weiter ...
»Vergiftet!«
Er konnte immer nur das eine Wort herausbringen:
»Vergiftet! Vergiftet!«
Dann rief er um Hilfe.
Felicie lief zu Homais, der es aller Welt ausposaunte. Frau Franz
im Goldenen Löwen erfuhr es. Manche standen aus ihren Betten auf,
um es ihren Nachbarn mitzuteilen. Die ganze Nacht hindurch war der
halbe Ort wach.
Halb von Sinnen, vor sich hinredend, nahe am Hinfallen, lief Karl
im Zimmer umher, wobei er an die Möbel anrannte und sich Haare
ausraufte. Der Apotheker hatte noch nie ein so fürchterliches
Schauspiel gesehen.
Er ging nach Hause, um an den Doktor Canivet und den Professor
Larivière zu schreiben. Er hatte selber den Kopf verloren. Er
brachte keinen vernünftigen Brief zustande. Schließlich mußte sich
Hippolyt nach Neufchâtel aufmachen, und Justin ritt auf Bovarys
Pferd nach Rouen. Am Wilhelmswalde ließ er den Gaul lahm und
halbtot zurück.
Karl wollte in seinem Medizinischen Lexikon nachschlagen, aber er
war nicht imstande zu lesen. Die Buchstaben tanzten ihm vor den
Augen.
»Ruhe!« sagte der Apotheker. »Es handelt sich einzig und allein
darum, ein wirksames Gegenmittel anzuwenden. Was war es für ein
Gift?«
Karl zeigte den Brief. Es wäre Arsenik gewesen.
»Gut!« versetzte Homais. »Wir müssen eine Analyse machen!«
Er hatte nämlich gelernt, daß man bei allen Vergiftungen eine
Analyse machen müsse. Bovary hatte in seiner Angst alle
Gelehrsamkeit vergessen. Er erwiderte ihm:
»Ja! Machen Sie eine. Tun Sie es! Retten Sie sie!«
Dann kehrte er in ihr Zimmer zurück, warf sich auf die Diele,
lehnte den Kopf gegen den Rand ihres Bettes und schluchzte.
»Weine nicht!« flüsterte sie. »Bald werde ich dich nicht mehr
quälen!«
»Warum hast du das getan? Was trieb dich dazu?«
»Es mußte sein, mein Lieber!«
»Warst du denn nicht glücklich? Bin ich schuld? Ich habe dir doch
alles zuliebe getan, was ich konnte!«
»Ja ... freilich ... Du bist gut ... du!«
Sie strich ihm langsam mit der Hand über das Haar. Die süße
Empfindung vermehrte seine Traurigkeit. Er fühlte sich bis in den
tiefsten Grund seiner verzweifelten Seele erschüttert, daß er sie
verlieren sollte, jetzt, da sie ihm mehr Liebe bewies denn je. Er
fand keinen Ausweg; er wußte keinen Zusammenhang; er wagte keine
Frage. Und die Dringlichkeit eines Entschlusses machte ihn
vollends wirr.
Sie dachte bei sich: »Nun ist es zu Ende mit dem vielfachen
Verrat, mit allen den Erniedrigungen und den unzähligen,
qualvollen Sehnsüchten!« Nun haßte sie keinen mehr. Ihre Gedanken
verschwammen wie in Dämmerung, und von allen Geräuschen der Erde
hörte Emma nur noch die versagende Klage eines armen Herzens, matt
und verklungen wie der leise Nachhall einer Symphonie.
»Bring mir die Kleine«, sagte sie und stützte sich leicht auf.
»Es ist nicht schlimmer, nicht wahr?« fragte Karl.
»Nein, nein!«
Das Dienstmädchen trug das Kind auf dem Arm herein. Es hatte ein
langes Nachthemd an, aus dem die nackten Füße hervorsahen. Es war
ernst und noch halb im Schlaf. Erstaunt betrachtete es die große
Unordnung im Zimmer. Geblendet vom Licht der Kerzen, die da und
dort brannten, zwinkerte es mit den Augen. Offenbar dachte es, es
sei Neujahrstagsmorgen, an dem es auch so früh wie heute geweckt
wurde und beim Kerzenschein zur Mutter ans Bett kam, um Geschenke
zu bekommen. Und so fragte es:
»Wo ist es denn, Mama?« Und da niemand antwortete, redete es
weiter: »Ich seh doch meine Schuhchen gar nicht!«
Felicie hielt die Kleine übers Bett, die immer noch nach dem Kamin
hinsah.
»Hat Frau Rollet sie mir genommen?«
Bei diesem Namen, der an ihre Ehebrüche und all ihr Mißgeschick
erinnerte, wandte sich Frau Bovary ab, als fühle sie den
ekelhaften Geschmack eines noch viel stärkeren Giftes auf der
Zunge. Berta saß noch auf ihrem Bette.
»Was für große Augen du hast, Mama! Wie blaß du bist! Wie du
schwitzest!«
Die Mutter sah sie an.
»Ich fürchte mich!« sagte die Kleine und wollte fort.
Emma wollte die Hand des Kindes küssen, aber es sträubte sich.
»Genug! Bringt sie weg!« rief Karl, der im Alkoven schluchzte.
Dann ließen die Symptome einen Augenblick nach. Emma schien
weniger aufgeregt, und bei jedem unbedeutenden Worte, bei jedem
etwas ruhigeren Atemzug schöpfte er neue Hoffnung. Als Canivet
endlich erschien, warf er sich weinend in seine Arme.
»Ach, da sind Sie! Ich danke Ihnen! Es ist gütig von Ihnen! Es
geht ja besser! Da! Sehen Sie mal ...«
Der Kollege war keineswegs dieser Meinung, und da er, wie er sich
ausdrückte, »immer aufs Ganze« ging, verordnete er Emma ein
ordentliches Brechmittel, um den Magen zunächst einmal völlig zu
entleeren.
Sie brach alsbald Blut aus. Ihre Lippen preßten sich krampfhaft
aufeinander. Sie zog die Gliedmaßen ein. Ihr Körper war bedeckt
mit braunen Flecken, und ihr Puls glitt unter ihren Fingern hin
wie ein dünnes Fädchen, das jeden Augenblick zu zerreißen droht.
Dann begann sie, gräßlich zu schreien. Sie verfluchte und schmähte
das Gift, flehte, es möge sich beeilen, und stieß mit ihren steif
gewordnen Armen alles zurück, was Karl ihr zu trinken reichte. Er
war der völligen Auflösung noch näher als sie. Sein Taschentuch an
die Lippen gepreßt, stand er vor ihr, stöhnend, weinend, von
ruckweisem Schluchzen erschüttert und am ganzen Leib durchrüttelt.
Felicie lief im Zimmer hin und her, Homais stand unbeweglich da
und seufzte tief auf, und Canivet begann sich, trotz seiner ihm
zur Gewohnheit gewordnen selbstbewußten Haltung, unbehaglich zu
fühlen.
»Zum Teufel!« murmelte er. »Der Magen ist nun doch leer! Und wenn
die Ursache beseitigt ist, so ...«
»... muß die Wirkung aufhören!« ergänzte Homais. »Das ist klar!«
»Rettet sie mir nur!« rief Bovary.
Der Apotheker riskierte die Hypothese, es sei vielleicht ein
heilsamer Paroxismus. Aber Canivet achtete nicht darauf und wollte
ihr gerade Theriak eingeben, da knallte draußen eine Peitsche.
Alle Fensterscheiben klirrten. Eine Extrapost mit drei bis an die
Ohren von Schmutz bedeckten Pferden raste um die Ecke der Hallen.
Es war Professor Larivière.
Die Erscheinung eines Gottes hätte keine größere Erregung
hervorrufen können. Bovary streckte ihm die Hände entgegen,
Canivet stand bewegungslos da, und Homais nahm sein Käppchen ab,
noch ehe der Arzt eingetreten war.
Larivière gehörte der berühmten Chirurgenschule Bichats an, das
heißt, einer Generation philosophischer Praktiker, die heute
ausgestorben ist, begeisterter, gewissenhafter und scharfsichtiger
Jünger ihrer Kunst. Wenn er in Zorn geriet, wagte in der ganzen
Klinik niemand zu atmen. Seine Schüler verehrten ihn so, daß sie
ihn, später in ihrer eigenen Praxis, mit möglichster Genauigkeit
kopierten. So kam es, daß man bei den Ärzten in der Umgegend von
Rouen allerorts seinen langen Schafspelz und seinen weiten
schwarzen Gehrock wiederfand. Die offenen Ärmelaufschläge daran
reichten ein Stück über seine fleischigen Hände, sehr schöne
Hände, die niemals in Handschuhen steckten, als wollten sie immer
schnell bereit sein, wo es Krankheit und Elend anzufassen galt. Er
war ein Verächter von Orden, Titeln und Akademien, gastfreundlich,
freidenkend, den Armen ein väterlicher Freund, Pessimist, selbst
aber edel in Wort und Tat. Man hätte ihn als einen Heiligen
gepriesen, wenn man ihn nicht wegen seines Witzes und Verstandes
gefürchtet hätte wie den Teufel. Sein Blick war schärfer als sein
Messer; er drang einem bis tief in die Seele, durch alle
Heucheleien, Lügen und Ausflüchte hindurch. So ging er seines
Weges in der schlichten Würde, die ihm das Bewußtsein seiner
großen Tüchtigkeit, seines materiellen Vermögens und seiner
vierzigjährigen arbeitsreichen und unanfechtbaren Wirksamkeit
verlieh.
Als er das leichenhafte Antlitz Emmas sah, zog er schon von weitem
die Brauen hoch. Sie lag mit offnem Munde auf dem Rücken
ausgestreckt da. Während er Canivets Bericht scheinbar aufmerksam
anhörte, strich er sich mit dem Zeigefinger um die Nasenflügel und
sagte ein paarmal:
»Gut! ... Gut!«
Dann aber zuckte er bedenklich mit den Achseln. Bovary beobachtete
ihn ängstlich. Sie sahen einander in die Augen, und der Gelehrte,
der an den Anblick menschlichen Elends so gewöhnt war, konnte eine
Träne nicht zurückhalten, die ihm auf die Krawatte herablief.
Er wollte Canivet in das Nebenzimmer ziehen. Karl folgte ihnen.
»Es steht wohl nicht gut mit meiner Frau? Wie wär es, wenn man ihr
ein Senfpflaster auflegte? Ich weiß nichts. Finden Sie doch etwas!
Sie haben ja schon so viele gerettet!«
Karl legte beide Arme auf Larivières Schultern und starrte ihn
verstört und flehend an. Beinahe wäre er ihm ohnmächtig an die
Brust gesunken.
»Mut! Mein armer Junge! Es ist nichts mehr zu machen!« Larivière
wandte sich ab.
»Sie gehn?«
»Ich komme wieder.«
Larivière ging hinaus, angeblich um dem Postillion eine Anweisung
zu geben. Canivet folgte ihm. Auch er wollte nicht Zeuge des
Todeskampfes sein.
Der Apotheker holte die beiden auf dem Marktplatz ein. Nichts fiel
ihm von jeher schwerer, als sich von berühmten Menschen zu
trennen. So beschwor er denn Larivière, er möge ihm die hohe Ehre
erweisen, zum Frühstück sein Gast zu sein.
Man schickte ganz rasch nach dem Goldnen Löwen nach Tauben, zu
Tüvache nach Sahne, zu Lestiboudois nach Eiern und zum Fleischer
nach Koteletts. Der Apotheker war selbst bei den Vorbereitungen
zum Mahle behilflich, und Frau Homais, sich ihre Jacke
zurechtzupfend, sagte:
»Sie müssen schon entschuldigen, Herr Professor, man ist in so
einer weggesetzten Gegend nicht immer gleich vorbereitet ...«
»Die Weingläser!« flüsterte Homais.
»Wer in der Stadt wohnt, der kann sich schnell helfen ... mit
Wurst und ...«
»Sei doch still! -- Zu Tisch, bitte, Herr Professor!«
Er hielt es für angebracht, nach den ersten Bissen ein paar
Einzelheiten über die Katastrophe zum besten zu geben:
»Zuerst äußerte sich Trockenheit im Pharynx, darauf unerträgliche
gastrische Schmerzen, Neigung zum Vomieren, Schlafsucht ...«
»Wie hat sich denn die Vergiftung eigentlich ereignet?«
»Habe keine Ahnung, Herr Professor! Ich weiß nicht einmal recht,
wo sie das acidum arsenicum herbekommen hat.«
Justin, der einen Stoß Teller hereinbrachte, begann am ganzen
Körper zu zittern.
»Was hast du?« fuhr ihn der Apotheker an.
Bei dieser Frage ließ der Bursche alles, was er trug, fallen. Es
gab ein großes Gekrache.
»Tolpatsch!« schrie Homais. »Ungeschickter Kerl! Tranlampe!
Alberner Esel!«
Dann aber beherrschte er sich plötzlich:
»Ich habe gleich daran gedacht, eine Analyse zu machen, Herr
Professor, und deshalb primo ganz vorsichtig in ein
Reagenzgläschen ...«
»Dienlicher wäre es gewesen,« sagte der Chirurg, »wenn Sie ihr
Ihre Finger in den Hals gesteckt hätten.«
Kollege Canivet sagte gar nichts dazu, dieweil er soeben unter
vier Augen eine energische Belehrung wegen seines Brechmittels
eingesteckt hatte. Er, der bei Gelegenheit des Klumpfußes so
hochfahrend und redselig gewesen war, verhielt sich jetzt
mäuschenstill. Er lächelte nur unausgesetzt, um seine Zustimmung
zu markieren.
Homais strahlte vor Hausherrenstolz. Selbst der betrübliche
Gedanke an Bovary trug -- in egoistischer Kontrastwirkung --
unbestimmt zu seiner Freude bei. Die Anwesenheit des berühmten
Arztes stieg ihm in den Kopf. Er kramte seine ganze Gelehrsamkeit
aus. Kunterbunt durcheinander schwatzte er von Kanthariden,
Pflanzengiften, Manzanilla, Schlangengift usw.
»Ich habe sogar einmal gelesen, Herr Professor, daß mehrere
Personen nach dem Genusse von zu stark geräucherter Wurst erkrankt
und plötzlich gestorben sind. So berichtet wenigstens ein
hochinteressanter Aufsatz eines unserer hervorragendsten
Pharmazeuten, eines Klassikers meiner Wissenschaft, ... ein
Aufsatz des berühmten Cadet de Gassicourt!«
Frau Homais erschien mit der Kaffeemaschine. Homais pflegte sich
nämlich den Kaffee nach Tisch selbst zu bereiten. Er hatte ihn
auch eigenhändig gemischt, gebrannt und gemahlen.
»Saccharum gefällig, Herr Professor?« fragte er, indem er
ihm den Zucker anbot.
Dann ließ er alle seine Kinder herunterkommen, da er neugierig
war, die Ansicht des Chirurgen über ihre »Konstitution« zu hören.
Als Larivière im Begriffe stand aufzubrechen, bat ihn Frau Homais
noch um einen ärztlichen Rat in betreff ihres Mannes. Er schlief
nämlich allabendlich nach Tisch ein. Davon bekäme er dickes Blut.
Der Arzt antwortete mit einem Scherze, dessen doppelten Sinn sie
nicht verstand, dann ging er zur Türe. Aber die Apotheke war
voller Leute, die ihn konsultieren wollten, und es gelang ihm nur
schwer, sie loszuwerden. Da war Tüvache, der seine Frau für
schwindsüchtig hielt, weil sie öfters in die Asche spuckte; Binet,
der bisweilen an Heißhunger litt; Frau Caron, die es am ganzen
Leibe juckte; Lheureux, der Schwindelanfälle hatte; Lestiboudois,
der rheumatisch war; Frau Franz, die über Magenbeschwerden klagte.
Endlich brachten ihn die drei Pferde von dannen. Man fand aber
allgemein, daß er sich nicht besonders liebenswürdig gezeigt habe.
Nunmehr wurde die Aufmerksamkeit auf den Pfarrer Bournisien
gelenkt, der mit dem Sterbesakrament an den Hallen hinging.
Seiner Weltanschauung treu, verglich Homais die Geistlichen mit
den Raben, die der Leichengeruch anlockt. Der Anblick eines
»Pfaffen« war ihm ein Greuel. Er mußte bei einer Soutane immer an
ein Leichentuch denken, und so verwünschte er jene schon deshalb,
weil er dieses fürchtete.
Trotzdem verzichtete er nicht auf die gewissenhafte Erfüllung
seiner »Mission«, wie er es nannte, und kehrte mit Canivet, dem
dies von Larivière dringend ans Herz gelegt worden war, in das
Bovarysche Haus zurück. Wenn seine Frau nicht völlig dagegen
gewesen wäre, hätte er sogar seine beiden Knaben mitgenommen,
damit sie das große Ereignis, das der Tod eines Menschen ist,
kennen lernten. Es sollte ihnen eine Lehre, ein Beispiel, ein
ernster Eindruck sein, eine Erinnerung für ihr ganzes weiteres
Leben.
Sie fanden das Zimmer voll düstrer Feierlichkeit. Auf dem mit
einem weißen Tischtuch bedeckten Nähtische stand zwischen zwei
brennenden Wachskerzen ein hohes Kruzifix; daneben eine silberne
Schüssel und fünf oder sechs Stück Watte. Emmas Kinn war ihr auf
die Brust hinabgesunken, ihre Augen standen unnatürlich weit
offen, und ihre armen Hände tasteten über den Bettüberzug hin, mit
einer jener rührend-schrecklichen Gebärden, die Sterbenden eigen
sind. Man hat die Empfindung, als bereiteten sie sich selber ihr
Totenbett. Karl stand am Fußende des Lagers, ihrem Antlitz
gegenüber, bleich wie eine Bildsäule, tränenlos, aber mit Augen,
die rot waren wie glühende Kohlen. Der Priester kniete und
murmelte leise Worte.
Emma wandte langsam ihr Haupt und empfand beim Anblick der
violetten Stola sichtlich Freude. Offenbar fühlte sie einen
seltsamen Frieden, eine Wiederholung derselben mystischen Wollust,
die sie schon einmal erlebt hatte. Etwas wie eine Vision von
himmlischer Glückseligkeit betäubte ihre letzten Leiden.
Der Priester erhob sich und ergriff das Kruzifix. Da reckte sie
den Kopf in die Höhe, wie ein Durstiger, und preßte auf das
Symbol des Gott-Menschen mit dem letzten Rest ihrer Kraft den
innigsten Liebeskuß, den sie jemals gegeben hatte. Dann sprach
der Geistliche das Misereatur und Indulgentiam, tauchte seinen
rechten Daumen in das Öl und nahm die letzte Ölung vor. Zuerst
salbte er die Augen, die es nach allem Herrlichen auf Erden so
heiß gelüstet; dann die Nasenflügel, die so gern die lauen Lüfte
und die Düfte der Liebe eingesogen; dann den Mund, der so oft zu
Lügen sich aufgetan, oft hoffärtig gezuckt und in sündigem
Girren geseufzt hatte; dann die Hände, die sich an vergnüglichen
Berührungen ergötzt hatten; und endlich die Sohlen der Füße, die
einst so flink waren, wenn sie zur Stillung von Begierden
liefen, und die jetzt keinen Schritt mehr tun sollten.
Der Priester trocknete sich die Hände, warf das ölgetränkte Stück
Watte ins Feuer und setzte sich wieder zu der Sterbenden. Er
sagte ihr, daß ihre Leiden nunmehr mit denen Jesu Christi eins
seien. Sie solle der göttlichen Barmherzigkeit vertrauen.
Als er mit seiner Tröstung zu Ende war, versuchte er, ihr eine
geweihte Kerze in die Hand zu drücken, das Symbol der himmlischen
Glorie, von der sie nun bald umstrahlt sein sollte. Aber Emma war
zu schwach, um die Finger zu schließen, und wenn Bournisien nicht
rasch wieder zugegriffen hätte, wäre die Kerze zu Boden gefallen.
Emma war nicht mehr so bleich wie erst. Ihr Gesicht hatte den
Ausdruck heiterer Glückseligkeit angenommen, als ob das Sakrament
sie wieder gesund gemacht hätte.
Der Priester verfehlte nicht, die Umstehenden darauf hinzuweisen,
ja er gemahnte Bovary daran, daß der Herr zuweilen das Leben
Sterbender wieder verlängere, wenn er es zum Heil ihrer Seele für
notwendig erachte. Karl dachte an den Tag zurück, an dem sie schon
einmal, dem Tode nahe, die letzte Ölung empfangen hatte.
»Vielleicht brauche ich noch nicht zu verzweifeln!« dachte er.
Wirklich sah sie sich langsam um wie jemand, der aus einem Traum
erwacht. Dann verlangte sie mit deutlicher Stimme ihren Spiegel
und betrachtete darin eine Weile ihr Bild, bis ihr die Tränen aus
den Augen rollten. Darnach legte sie den Kopf zurück, stieß einen
Seufzer aus und sank in das Kissen.
Ihre Brust begann alsbald heftig zu keuchen. Die Zunge trat weit
aus dem Munde. Die Augen begannen zu rollen und ihr Licht zu
verlieren wie zwei Lampenglocken, hinter denen die Flammen
verlöschen. Man hätte glauben können, sie sei schon tot, wenn ihre
Atmungsorgane nicht so fürchterlich heftig gearbeitet hätten. Es
war, als schüttle sie ein wilder innerer Sturm, als ringe das
Leben gewaltig mit dem Tode.
Felicie kniete vor dem Kruzifix, und sogar der Apotheker knickte
ein wenig die Beine, während Canivet gleichgültig auf den Markt
hinausstarrte. Bournisien hatte wieder zu beten begonnen, die
Stirn gegen den Rand des Bettes geneigt, weit hinter sich die
lange schwarze Soutane. An der andern Seite des Bettes kniete Karl
und streckte beide Arme nach Emma aus. Er ergriff ihre Hände und
drückte sie! Bei jedem Schlag ihres Pulses zuckte er zusammen, als
stürze eine Ruine auf ihn.
Je stärker das Röcheln wurde, um so mehr beschleunigte der
Priester seine Gebete. Sie mischten sich mit dem erstickten
Schluchzen Bovarys, und zuweilen vernahm man nichts als das dumpfe
Murmeln der lateinischen Worte, das wie Totengeläut klang.
Plötzlich klapperten draußen auf der Straße Holzschuhe. Ein Stock
schlug mehrere Male auf, und eine Stimme erhob sich, eine rauhe
Stimme, und sang:
'Wenns Sommer worden weit und breit,
Wird heiß das Herze mancher Maid ...'
Emma richtete sich ein wenig auf, wie eine Leiche, durch die ein
elektrischer Strom geht. Ihr Haar hatte sich gelöst, ihre
Augensterne waren starr, ihr Mund stand weit auf.
'Nanette ging hinaus ins Feld,
Zu sammeln, was die Sense fällt.
Als sie sich in der Stoppel bückt,
Da ist passiert, was sich nicht schickt ...'
»Der Blinde!« schrie sie.
Sie brach in Lachen aus, in ein furchtbares, wahnsinniges,
verzweifeltes Lachen, weil sie in ihrer Phantasie das scheußliche
Gesicht des Unglücklichen sah, wie ein Schreckgespenst aus der
ewigen Nacht des Jenseits ...
'Der Wind, der war so stark ... O weh!
Hob ihr die Röckchen in die Höh.'
Ein letzter Krampf warf sie in das Bett zurück. Alle traten hinzu.
Sie war nicht mehr.