Achtes Kapitel

Auf dem Wege fragte sie sich:

»Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?«

Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und

Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus vor

ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte wieder auf,

und ihr armes gequältes Herz schwoll im Nachhall der vergangenen

Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr übers Gesicht. Schmelzender

Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, von den knospenden Bäumen

hernieder ins Gras.

Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging

über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen

Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige.

Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres Gebells

erschien niemand.

Sie stieg die breite, mit einem hölzernen Geländer versehene

Treppe hinauf. Die führte zu einem mit Steinfliesen belegten

staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer

mündete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs Zimmer

lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die Türklinke legte,

verließen sie plötzlich die Kräfte. Sie fürchtete, er möchte nicht

zu Haus sein, ja, sie wünschte es beinah, und doch war es ihre

einzige Hoffnung, der letzte Versuch zu ihrer Rettung. Einen

Augenblick sammelte sie sich noch, dachte an ihre Not, faßte Mut

und trat ein.

Er saß vor dem Feuer, beide Füße gegen den Kaminsims gestemmt, und

rauchte eine Pfeife.

»Mein Gott, Sie!« rief er aus und sprang rasch auf.

»Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!«

Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus.

»Sie haben sich nicht verändert! Sie sind noch immer reizend.«

»So,« wehrte sie voll Bitternis ab, »das müssen traurige Reize

sein, mein Freund, da Sie sie verschmäht haben!«

Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erklären. Er

entschuldigte sich in halbschürigen Ausdrücken, da er etwas

Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma ließ sich durch seine

Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme und durch

seine Gegenwart. Dies war so mächtig, daß sie sich stellte, als

schenke sie seinen Ausflüchten Glauben. Vielleicht glaubte sie ihm

auch wirklich. Er deutete ein Geheimnis an, von dem die Ehre und

das Leben eines dritten Menschen abgehangen hätte.

»Das ist ja nun gleichgültig«, sagte sie und sah ihn traurig an.

»Ich habe schwer gelitten!«

Rudolf meinte philosophisch:

»So ist das Leben!«

»Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer Trennung?«

fragte sie.

»Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!«

»Dann wäre es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals nicht

voneinander gegangen wären?«

»Ja! Vielleicht!«

»Glaubst du das?« fragte sie, indem sie aufseufzend ihm näher

trat. »Ach Rudolf! Wenn du wüßtest! Ich habe dich sehr lieb

gehabt!«

Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang saßen sie

mit verschlungenen Händen da wie damals, am Bundestage der

Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes kämpfte er

gegen seine eigene Rührung. Da schmiegte sich Emma an seine Brust

und sagte:

»Wie hast du nur glauben können, daß ich ohne dich leben sollte!

Ein Glück, das man besessen, vergißt man nie! Ich war ganz

verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erzählen, du sollst

alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal sehen mögen!«

In der Tat war er ihr seit drei Jahren ängstlich aus dem Wege

gegangen, in jener natürlichen Feigheit, die für das starke

Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter

zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als eine

verliebte Katze.

»Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja auch und

entschuldige diese anderen! Du hast sie verführt, wie du mich

verführt hast. Du bist der geborene Verführer! Hast alles, was uns

Frauen verrückt macht. Aber sag! Wollen wir von neuem beginnen?

Ja? Sieh, ich lache! Ich bin glücklich! ... So rede doch!«

Sie sah entzückend aus. Eine Träne zitterte in ihrem Auge, wie

eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen Blume.

Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr

Haar, über das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil

hinwegflog, funkelnd im Dämmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er

küßte sie leise und sanft auf die Augenlider.

»Du hast geweint?« fragte er. »Warum?«

Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das für einen Ausbruch

ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr Schweigen für

eine letzte Scham und rief aus:

»O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gefällt. Ich war ein

Tor, ein Schwächling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde dich

immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!«

Er sank ihr zu Füßen.

»So höre! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mußt mir

dreitausend Franken leihen.«

»Ja ... aber ...«

Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten

Ausdruck an.

»Du mußt nämlich wissen,« fuhr sie schnell fort, »daß mein Mann

sein ganzes Vermögen einem Notar anvertraut hatte. Der ist

flüchtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die Patienten

bezahlten nicht. Übrigens ist der Nachlaßkonkurs meines

Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald wieder Geld

haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken. Deswegen sollen

wir gepfändet werden. Und zwar gleich, in einer Stunde! Ich baue

auf deine Freundschaft, und deshalb bin zu dir gekommen!«

»Aha!« dachte Rudolf und ward plötzlich blaß. »Also darum ist sie

gekommen!« Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen:

»Verehrteste, soviel habe ich nicht!«

Er log nicht. Er würde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er

sie da gehabt hätte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen

unangenehm gewesen wäre, sich großmütig zeigen zu müssen. Von

allen Feinden, die über die Liebe herfallen können, ist eine Bitte

um Geld der hartherzigste und gefährlichste.

Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie:

»Du hast sie nicht!« Und mehrere Male wiederholte sie: »Du hast

sie nicht! ... Ich hätte mir diese letzte Schmach also ersparen

können! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als die

andern!«

Sie verriet sich und ihre Frauenehre.

Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in Verlegenheit.

»Ach! Du tust mir sehr leid ...«, sagte Emma. »Ja, ungemein!«

Ihre Augen blieben an einer damaszierten Büchse hängen, die im

Gewehrschrank blinkte.

»Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit

Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit

Schildpatteinlagen, keine Reitstöcke mit goldnen Griffen!« Sie

berührte einen, der auf dem Tische lag. »Und trägt keine solche

Berlocken an der Uhrkette!« Ach, er ließ sich sichtlich nichts

abgehen. Das bewies allein das Likörschränkchen im Zimmer. »Ja,

dich selber, dich liebst du! Dich und ein gutes Leben! Du hast ein

Schloß, Pachthöfe, Wälder! Du reitest die Jagden mit, machst

Reisen nach Paris! Und wenn du mir nur _das_ gegeben

hättest!« Sie sprach immer lauter und nahm seine mit Brillanten

geschmückten Manschettenknöpfe vom Kamin. »Diesen und andern

entbehrlichen Tand! Geld läßt sich schnell schaffen! Aber nun

nicht mehr! Ich will nichts davon haben! Behalt alles!« Sie

schleuderte die beiden Knöpfe weit von sich. Sie schlugen gegen

die Wand. Ein Goldkettchen zerbrach.

»Ich, ach, ich hätte dir alles gegeben, hätte alles verkauft. Mit

meinen Händen hätte ich für dich gearbeitet, auf der Straße hätte

ich gebettelt, nur um von dir ein Lächeln, einen Blick, ein

einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du bleibst gemütlich in

deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir nicht schon genug Leid

zugefügt hättest! Ohne dich -- das weißt du sehr wohl! -- hätte

ich glücklich sein können! Wer zwang dich dazu? Wolltest du eine

Wette gewinnen? Und dabei hast du mir eben noch gesagt, daß du

mich liebtest! Ach, hättest du mich doch lieber davongejagt! Meine

Hände sind noch warm von deinen Küssen, und hier auf dem Teppich,

hier auf dieser Stelle hast du gekniet und mir ewige Liebe

geschworen! Du hast mich immer belogen und betrogen! Mich zwei

Jahre lang in dem süßen Wahn des herrlichsten Gefühls gelassen!

Und dann der Plan unsrer Flucht! Erinnerst du dich daran? An

deinen Brief, deinen Brief! Er hat mir das Herz zerrissen! Und

heute, wo ich zu diesem Manne zurückkehre, zu ihm, der reich,

glücklich und frei ist, und ihn um eine Hilfe bitte, die der erste

beste gewähren würde, wo ich ihn unter Tränen bitte und ihm meine

ganze Liebe wiederbringe, da stößt er mich zurück, -- weils ihn

dreitausend Franken kosten könnte!«

»Ich habe sie nicht«, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit,

hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen

pflegen.

Sie ging.

Die Wände schwankten, die Decke drohte sie zu erdrücken. Wieder

nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, über Haufen welken

Laubs, das der Wind aufwühlte. Endlich stand sie vor dem

Gittertor. Sie zerbrach sich die Nägel an seinem Schloß, so hastig

wollte sie es öffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie völlig

außer Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht halten. Wie

sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das still daliegende

Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen, auf den Park, die Höfe

und die Gärten.

Wie in einer Betäubung stand sie da. Sie empfand kaum noch etwas

andres als das Pochen und Pulsen des Blutes in ihren Adern, das

ihr aus dem Körper zu springen und wie laute Musik das ganze Land

rings um sie zu durchrauschen schien. Der Boden unter ihren Füßen

kam ihr weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege

erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten.

Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und Gedanken

sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein Feuerwerk.

Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des Wucherers, ihr

Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft, immer wieder etwas

andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr ward bange. Da raffte sie

ihre letzten Kräfte zusammen. Es war nur noch wenig Verstand in

ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr an die Ursache ihres

schrecklichen Zustandes, das heißt an die Geldfrage. Sie litt

einzig an ihrer Liebe, und sie fühlte, wie ihr durch die alten

Erinnerungen die Seele dahinschwand, so wie zu Tode Verwundete ihr

Leben mit dem Blute ihrer Wunde hinströmen fühlen.

Die Nacht brach herein. Raben flogen.

Es schien ihr plötzlich, als sausten feurige Kugeln durch die

Luft. Sie kreisten und kreisten, um schließlich im Schnee zwischen

den kahlen Ästen der Bäume zu zergehen. In jeder erschien Rudolfs

Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie kamen immer näher; sie

bedrohten sie. Da, plötzlich waren sie alle verschwunden ... Jetzt

erkannte sie die Lichter der Häuser, die von ferne durch den Nebel

schimmerten.

Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewußt, ihres tiefen

Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen zu

wollen ... Aber mit einem Male füllte sich ihre Seele mit einem

beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief sie

den Abhang hinunter, überschritt die Planke über dem Bach, eilte

durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der Apotheke

stand.

Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das Geräusch

der Klingel hätte sie verraten können. Deshalb ging sie durch die

Haustüre; kaum atmend, tastete sie an der Wand der Hausflur hin

bis zur Küchentüre. Drinnen brannte eine Kerze über dem Herd.

Justin, in Hemdsärmeln, trug gerade eine Schüssel durch die andere

Tür hinaus.

»So! Man ist bei Tisch. Ich will warten«, sagte sie sich.

Als er zurückkam, klopfte sie gegen die Scheibe der Küchentüre.

Er kam heraus.

»Den Schlüssel! Den von oben, wo die ...«

Er sah sie an und erschrak über ihr blasses Gesicht, das sich vom

Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm überirdisch schön vor

und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, was sie wollte,

ahnte er doch etwas Schreckliches.

Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das

Herz rührte:

»Ich will ihn haben! Gib ihn mir!«

Durch die dünne Wand hörte man das Klappern der Gabeln auf den

Tellern im Eßzimmer.

Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu töten, die sie nicht

schlafen ließen.

»Ich müßte den Herrn Apotheker rufen.«

»Nein! Nicht!« Und in gleichgültigem Tone setzte sie hinzu: »Das

ist nicht nötig. Ich werd es ihm nachher selber sagen. Leucht mir

nur!« Sie trat in den Gang, von dem aus man in das Laboratorium

gelangte. An der Wand hing ein Schlüssel mit einem Schildchen:

»Kapernaum.«

»Justin!« rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange

wegblieb.

»Gehn wir hinauf!« befahl Emma.

Er folgte ihr.

Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie stürzte nach links, griff

nach dem dritten Wandbrett -- ihr Gedächtnis führte sie richtig

--, hob den Deckel der blauen Glasbüchse, faßte mit der Hand

hinein und zog die Faust voll weißen Pulvers heraus, das sie sich

schnell in den Mund schüttete.

»Halten Sie ein!« schrie Justin, ihr in die Arme fallend.

»Still! Man könnte kommen!«

Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen.

»Sag nichts davon! Man könnte deinen Herrn zur Verantwortung

ziehen!«

Dann ging sie hinaus, plötzlich voller Frieden, im seligen

Gefühle, eine Pflicht erfüllt zu haben.

Frau Bovary · 第 39 / 43 题