Auf dem Wege fragte sie sich:
»Was werde ich ihm sagen? Womit soll ich anfangen?«
Je näher sie kam, um so bekannter erschienen ihr die Büsche und
Bäume, der Ginster am Hange und schließlich das Herrenhaus vor
ihr. Die zärtliche Liebesstimmung von damals tauchte wieder auf,
und ihr armes gequältes Herz schwoll im Nachhall der vergangenen
Seligkeit. Ein lauer Wind strich ihr übers Gesicht. Schmelzender
Schnee fiel, Tropfen auf Tropfen, von den knospenden Bäumen
hernieder ins Gras.
Wie einst schlüpfte sie durch die kleine Gartenpforte und ging
über den von einer doppelten Lindenreihe durchschnittenen
Herrenhof. Die Bäume wiegten säuselnd ihre langen Zweige.
Sämtliche Hunde im Zwinger schlugen an, aber trotz ihres Gebells
erschien niemand.
Sie stieg die breite, mit einem hölzernen Geländer versehene
Treppe hinauf. Die führte zu einem mit Steinfliesen belegten
staubigen Gang, auf den eine lange Reihe verschiedener Zimmer
mündete, wie in einem Kloster oder in einem Hotel. Rudolfs Zimmer
lag links ganz am Ende. Als sie die Finger um die Türklinke legte,
verließen sie plötzlich die Kräfte. Sie fürchtete, er möchte nicht
zu Haus sein, ja, sie wünschte es beinah, und doch war es ihre
einzige Hoffnung, der letzte Versuch zu ihrer Rettung. Einen
Augenblick sammelte sie sich noch, dachte an ihre Not, faßte Mut
und trat ein.
Er saß vor dem Feuer, beide Füße gegen den Kaminsims gestemmt, und
rauchte eine Pfeife.
»Mein Gott, Sie!« rief er aus und sprang rasch auf.
»Ja, ich! Rudolf! Ich komme, Sie um einen Rat zu bitten!«
Weiter brachte sie trotz aller Anstrengung nichts heraus.
»Sie haben sich nicht verändert! Sie sind noch immer reizend.«
»So,« wehrte sie voll Bitternis ab, »das müssen traurige Reize
sein, mein Freund, da Sie sie verschmäht haben!«
Und nun begann er sein damaliges Benehmen zu erklären. Er
entschuldigte sich in halbschürigen Ausdrücken, da er etwas
Ordentliches nicht vorzubringen hatte. Emma ließ sich durch seine
Worte fangen, mehr noch durch den Klang seiner Stimme und durch
seine Gegenwart. Dies war so mächtig, daß sie sich stellte, als
schenke sie seinen Ausflüchten Glauben. Vielleicht glaubte sie ihm
auch wirklich. Er deutete ein Geheimnis an, von dem die Ehre und
das Leben eines dritten Menschen abgehangen hätte.
»Das ist ja nun gleichgültig«, sagte sie und sah ihn traurig an.
»Ich habe schwer gelitten!«
Rudolf meinte philosophisch:
»So ist das Leben!«
»Hat es wenigstens Ihnen Gutes gebracht, nach unserer Trennung?«
fragte sie.
»Ach, nichts Gutes und nichts Schlechtes!«
»Dann wäre es vielleicht besser gewesen, wenn wir damals nicht
voneinander gegangen wären?«
»Ja! Vielleicht!«
»Glaubst du das?« fragte sie, indem sie aufseufzend ihm näher
trat. »Ach Rudolf! Wenn du wüßtest! Ich habe dich sehr lieb
gehabt!«
Jetzt war sie es, die seine Hand ergriff. Eine Zeitlang saßen sie
mit verschlungenen Händen da wie damals, am Bundestage der
Landwirte. In einer sichtlichen Regung seines Stolzes kämpfte er
gegen seine eigene Rührung. Da schmiegte sich Emma an seine Brust
und sagte:
»Wie hast du nur glauben können, daß ich ohne dich leben sollte!
Ein Glück, das man besessen, vergißt man nie! Ich war ganz
verzweifelt! Dem Tode nahe! Ich will dir alles erzählen, du sollst
alles erfahren. Aber du! Du hast mich nicht einmal sehen mögen!«
In der Tat war er ihr seit drei Jahren ängstlich aus dem Wege
gegangen, in jener natürlichen Feigheit, die für das starke
Geschlecht charakteristisch ist. Emma sprach weiter, unter
zierlichen Sendungen ihres Kopfes, schmeichlerischer als eine
verliebte Katze.
»Du liebst andre! Gesteh es nur! Ach, ich begreife das ja auch und
entschuldige diese anderen! Du hast sie verführt, wie du mich
verführt hast. Du bist der geborene Verführer! Hast alles, was uns
Frauen verrückt macht. Aber sag! Wollen wir von neuem beginnen?
Ja? Sieh, ich lache! Ich bin glücklich! ... So rede doch!«
Sie sah entzückend aus. Eine Träne zitterte in ihrem Auge, wie
eine Wasserperle nach einem Gewitter im Kelch einer blauen Blume.
Er zog sie auf seine Knie und strich mit der Hand liebkosend ihr
Haar, über das der letzte Sonnenstrahl wie ein goldner Pfeil
hinwegflog, funkelnd im Dämmerlicht. Sie senkte die Stirn, und er
küßte sie leise und sanft auf die Augenlider.
»Du hast geweint?« fragte er. »Warum?«
Da schluchzte sie laut auf. Rudolf hielt das für einen Ausbruch
ihrer Liebe, und da sie kein Wort sagte, nahm er ihr Schweigen für
eine letzte Scham und rief aus:
»O, verzeih mir! Du bist die einzige, die mir gefällt. Ich war ein
Tor, ein Schwächling! Ein Elender! Ich liebe dich! Ich werde dich
immer lieben! Aber was hast du? Sag es mir doch!«
Er sank ihr zu Füßen.
»So höre! ... Ich bin zugrunde gerichtet, Rudolf! Du mußt mir
dreitausend Franken leihen.«
»Ja ... aber ...«
Er erhob sich langsam, und sein Gesicht nahm einen ernsten
Ausdruck an.
»Du mußt nämlich wissen,« fuhr sie schnell fort, »daß mein Mann
sein ganzes Vermögen einem Notar anvertraut hatte. Der ist
flüchtig geworden. Wir haben uns Geld geliehen. Die Patienten
bezahlten nicht. Übrigens ist der Nachlaßkonkurs meines
Schwiegervaters noch nicht zu Ende. Wir werden bald wieder Geld
haben. Aber heute fehlen uns dreitausend Franken. Deswegen sollen
wir gepfändet werden. Und zwar gleich, in einer Stunde! Ich baue
auf deine Freundschaft, und deshalb bin zu dir gekommen!«
»Aha!« dachte Rudolf und ward plötzlich blaß. »Also darum ist sie
gekommen!« Nach einer kleinen Weile sagte er gelassen:
»Verehrteste, soviel habe ich nicht!«
Er log nicht. Er würde ihr die Summe wohl gegeben haben, wenn er
sie da gehabt hätte, obgleich es ihm wie den meisten Menschen
unangenehm gewesen wäre, sich großmütig zeigen zu müssen. Von
allen Feinden, die über die Liebe herfallen können, ist eine Bitte
um Geld der hartherzigste und gefährlichste.
Sie sah ihn erst lange fest an; dann sagte sie:
»Du hast sie nicht!« Und mehrere Male wiederholte sie: »Du hast
sie nicht! ... Ich hätte mir diese letzte Schmach also ersparen
können! Du hast mich nie geliebt! Du bist nicht mehr wert als die
andern!«
Sie verriet sich und ihre Frauenehre.
Rudolf unterbrach sie und versicherte, er sei selbst in Verlegenheit.
»Ach! Du tust mir sehr leid ...«, sagte Emma. »Ja, ungemein!«
Ihre Augen blieben an einer damaszierten Büchse hängen, die im
Gewehrschrank blinkte.
»Aber wenn man arm ist, dann kauft man sich keine Flinten mit
Silberbeschlag, kauft man sich keine Stutzuhr mit
Schildpatteinlagen, keine Reitstöcke mit goldnen Griffen!« Sie
berührte einen, der auf dem Tische lag. »Und trägt keine solche
Berlocken an der Uhrkette!« Ach, er ließ sich sichtlich nichts
abgehen. Das bewies allein das Likörschränkchen im Zimmer. »Ja,
dich selber, dich liebst du! Dich und ein gutes Leben! Du hast ein
Schloß, Pachthöfe, Wälder! Du reitest die Jagden mit, machst
Reisen nach Paris! Und wenn du mir nur _das_ gegeben
hättest!« Sie sprach immer lauter und nahm seine mit Brillanten
geschmückten Manschettenknöpfe vom Kamin. »Diesen und andern
entbehrlichen Tand! Geld läßt sich schnell schaffen! Aber nun
nicht mehr! Ich will nichts davon haben! Behalt alles!« Sie
schleuderte die beiden Knöpfe weit von sich. Sie schlugen gegen
die Wand. Ein Goldkettchen zerbrach.
»Ich, ach, ich hätte dir alles gegeben, hätte alles verkauft. Mit
meinen Händen hätte ich für dich gearbeitet, auf der Straße hätte
ich gebettelt, nur um von dir ein Lächeln, einen Blick, ein
einziges Dankwort zu erhaschen. Aber du! Du bleibst gemütlich in
deinem Lehnstuhl sitzen, als ob du mir nicht schon genug Leid
zugefügt hättest! Ohne dich -- das weißt du sehr wohl! -- hätte
ich glücklich sein können! Wer zwang dich dazu? Wolltest du eine
Wette gewinnen? Und dabei hast du mir eben noch gesagt, daß du
mich liebtest! Ach, hättest du mich doch lieber davongejagt! Meine
Hände sind noch warm von deinen Küssen, und hier auf dem Teppich,
hier auf dieser Stelle hast du gekniet und mir ewige Liebe
geschworen! Du hast mich immer belogen und betrogen! Mich zwei
Jahre lang in dem süßen Wahn des herrlichsten Gefühls gelassen!
Und dann der Plan unsrer Flucht! Erinnerst du dich daran? An
deinen Brief, deinen Brief! Er hat mir das Herz zerrissen! Und
heute, wo ich zu diesem Manne zurückkehre, zu ihm, der reich,
glücklich und frei ist, und ihn um eine Hilfe bitte, die der erste
beste gewähren würde, wo ich ihn unter Tränen bitte und ihm meine
ganze Liebe wiederbringe, da stößt er mich zurück, -- weils ihn
dreitausend Franken kosten könnte!«
»Ich habe sie nicht«, wiederholte Rudolf mit der Gelassenheit,
hinter die sich zornige Naturen wie hinter einen Schild zu bergen
pflegen.
Sie ging.
Die Wände schwankten, die Decke drohte sie zu erdrücken. Wieder
nahm sie ihren Weg durch den langen Lindengang, über Haufen welken
Laubs, das der Wind aufwühlte. Endlich stand sie vor dem
Gittertor. Sie zerbrach sich die Nägel an seinem Schloß, so hastig
wollte sie es öffnen. Hundert Schritte weiter blieb sie völlig
außer Atem stehn und konnte sich kaum noch aufrecht halten. Wie
sie sich umwandte, sah sie noch einmal auf das still daliegende
Herrenhaus mit seinen langen Fensterreihen, auf den Park, die Höfe
und die Gärten.
Wie in einer Betäubung stand sie da. Sie empfand kaum noch etwas
andres als das Pochen und Pulsen des Blutes in ihren Adern, das
ihr aus dem Körper zu springen und wie laute Musik das ganze Land
rings um sie zu durchrauschen schien. Der Boden unter ihren Füßen
kam ihr weicher vor als Wasser, und die Furchen der Felder am Wege
erschienen ihr wie lange braune Wellen, die auf und nieder wogten.
Alles, was ihr im Kopfe lebte, alle Erinnerungen und Gedanken
sprangen auf einmal heraus, mit tausend Funken wie ein Feuerwerk.
Sie sah ihren Vater vor sich, dann das Kontor des Wucherers, ihr
Zimmer zu Haus, dann irgendeine Landschaft, immer wieder etwas
andres. Das war heller Wahnsinn! Ihr ward bange. Da raffte sie
ihre letzten Kräfte zusammen. Es war nur noch wenig Verstand in
ihr, denn sie erinnerte sich nicht mehr an die Ursache ihres
schrecklichen Zustandes, das heißt an die Geldfrage. Sie litt
einzig an ihrer Liebe, und sie fühlte, wie ihr durch die alten
Erinnerungen die Seele dahinschwand, so wie zu Tode Verwundete ihr
Leben mit dem Blute ihrer Wunde hinströmen fühlen.
Die Nacht brach herein. Raben flogen.
Es schien ihr plötzlich, als sausten feurige Kugeln durch die
Luft. Sie kreisten und kreisten, um schließlich im Schnee zwischen
den kahlen Ästen der Bäume zu zergehen. In jeder erschien Rudolfs
Gesicht. Sie wurden immer zahlreicher; sie kamen immer näher; sie
bedrohten sie. Da, plötzlich waren sie alle verschwunden ... Jetzt
erkannte sie die Lichter der Häuser, die von ferne durch den Nebel
schimmerten.
Nun ward sie sich auch wieder ihrer Not bewußt, ihres tiefen
Elends. Ihr klopfendes Herz schien ihr die Brust zersprengen zu
wollen ... Aber mit einem Male füllte sich ihre Seele mit einem
beinahe freudigen Heldenmut, und so schnell sie konnte, lief sie
den Abhang hinunter, überschritt die Planke über dem Bach, eilte
durch die Allee, an den Hallen vorbei, bis sie vor der Apotheke
stand.
Es war niemand im Laden. Sie wollte eintreten, aber das Geräusch
der Klingel hätte sie verraten können. Deshalb ging sie durch die
Haustüre; kaum atmend, tastete sie an der Wand der Hausflur hin
bis zur Küchentüre. Drinnen brannte eine Kerze über dem Herd.
Justin, in Hemdsärmeln, trug gerade eine Schüssel durch die andere
Tür hinaus.
»So! Man ist bei Tisch. Ich will warten«, sagte sie sich.
Als er zurückkam, klopfte sie gegen die Scheibe der Küchentüre.
Er kam heraus.
»Den Schlüssel! Den von oben, wo die ...«
Er sah sie an und erschrak über ihr blasses Gesicht, das sich vom
Dunkel der Nacht grell abhob. Sie kam ihm überirdisch schön vor
und hoheitsvoll wie eine Fee. Ohne zu begreifen, was sie wollte,
ahnte er doch etwas Schreckliches.
Sie begann wieder, hastig, aber mit sanfter Stimme, die ihm das
Herz rührte:
»Ich will ihn haben! Gib ihn mir!«
Durch die dünne Wand hörte man das Klappern der Gabeln auf den
Tellern im Eßzimmer.
Sie gebrauche etwas, um die Ratten zu töten, die sie nicht
schlafen ließen.
»Ich müßte den Herrn Apotheker rufen.«
»Nein! Nicht!« Und in gleichgültigem Tone setzte sie hinzu: »Das
ist nicht nötig. Ich werd es ihm nachher selber sagen. Leucht mir
nur!« Sie trat in den Gang, von dem aus man in das Laboratorium
gelangte. An der Wand hing ein Schlüssel mit einem Schildchen:
»Kapernaum.«
»Justin!« rief drinnen der Apotheker, dem der Lehrling zu lange
wegblieb.
»Gehn wir hinauf!« befahl Emma.
Er folgte ihr.
Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie stürzte nach links, griff
nach dem dritten Wandbrett -- ihr Gedächtnis führte sie richtig
--, hob den Deckel der blauen Glasbüchse, faßte mit der Hand
hinein und zog die Faust voll weißen Pulvers heraus, das sie sich
schnell in den Mund schüttete.
»Halten Sie ein!« schrie Justin, ihr in die Arme fallend.
»Still! Man könnte kommen!«
Er war verzweifelt und wollte um Hilfe rufen.
»Sag nichts davon! Man könnte deinen Herrn zur Verantwortung
ziehen!«
Dann ging sie hinaus, plötzlich voller Frieden, im seligen
Gefühle, eine Pflicht erfüllt zu haben.