Siebentes Kapitel

Mit stoischem Gleichmut empfing Emma am andern Tage den

Gerichtsvollzieher Hareng und seine zwei Zeugen, als sie sich

einstellten, um das Pfändungsprotokoll aufzusetzen.

Sie begannen in Bovarys Sprechzimmer. Den phrenologischen Schädel

schrieben sie indessen nicht mit in das Sachenverzeichnis. Sie

erklärten ihn als zur Berufsausübung nötig. Aber in der Küche

zählten sie die Schüsseln, Töpfe, Stühle und Leuchter, und in

ihrem Schlafzimmer die Nippsachen auf dem Wandbrette. Sie

durchstöberten ihren Kleidervorrat, ihre Wäsche. Sogar der

Klosettraum war vor ihnen nicht sicher. Emmas Existenz ward bis in

die heimlichsten Einzelheiten -- wie ein Leichnam in der Anatomie

-- den Blicken der drei Männer preisgegeben. Der

Gerichtsvollzieher, der einen fadenscheinigen schwarzen Rock, eine

weiße Krawatte und Stege an den straffen Beinkleidern trug,

wiederholte immer wieder:

»Sie erlauben, gnädige Frau! Sie erlauben!«

Mitunter entfuhren ihm auch Worte wie:

»Wunderhübsch! Sehr nett!«

Gleich darauf aber schrieb er von neuem an seinem Verzeichnis,

wobei er seinen Federhalter in sein Taschentintenfaß aus Horn

tauchte, das er in der linken Hand hielt.

Als man in den Wohnräumen fertig war, ging es hinauf in die

Bodenkammern. Als der Gerichtsvollzieher ein Schreibpult bemerkte,

in dem Rudolfs Briefe aufbewahrt waren, ordnete er an, daß es

geöffnet werde.

»Ah! Briefe!« meinte er, geheimnisvoll lächelnd. »Sie erlauben

wohl! Ich muß mich nämlich überzeugen, ob nicht sonst noch was

drinnen steckt!«

Er blätterte die Bündel flüchtig durch, als sollten Goldstücke

herausfallen. Emma war empört, als sie sah, wie seine plumpe rote

Hand mit den molluskenhaften Fettfingern diese Blätter anfaßte,

bei deren Empfang ihr Herz einst höher geschlagen hatte.

Endlich gingen sie. Felicie kam zurück. Sie hatte den Auftrag

gehabt, aufzupassen und Bovary vom Hause fernzuhalten. Den

Beamten, der zur Beaufsichtigung der gepfändeten Gegenstände

zurückblieb, quartierten sie hurtig in einer Bodenkammer ein.

Karl schien an diesem Abend ernster denn sonst zu sein. Emma

beobachtete ihn ängstlich. Es kam ihr vor, als stünden in den

Falten seiner Stirn stumme Anklagen wider sie. Aber wenn ihre

Blicke den chinesischen Ofenschirm streiften oder die breiten

Gardinen oder die Lehnsessel, kurz alle die Dinge, mit denen sie

sich die Armseligkeit ihres Lebens verschönt hatte, fühlte sie

kaum einen Moment Reue, hingegen ein grenzenloses Mitleid mit sich

selber, das ihre Wünsche eher noch anfachte als unterdrückte.

Karl saß friedlich am Kamin und fühlte sich höchst behaglich.

Einmal rumorte der Gerichtsdiener, der sich in seinem Käfige

langweilte.

»Ging da nicht oben einer?« fragte Karl.

»Nein!« beschwichtigte sie ihn. »Da war wahrscheinlich ein

Dachfenster offen, und der Wind hat es zugeschlagen.«

Am andern Tag, einem Sonntag, fuhr sie früh nach Rouen, wo sie

alle Bankiers aufsuchte, die sie dem Namen nach kannte. Die

meisten waren auf dem Lande oder auf Reisen. Aber sie ließ sich

nicht abschrecken und ging die Anwesenden um Geld an, indem sie

beteuerte, sie brauche es und wolle es pünktlich zurückzahlen.

Einige lachten ihr ins Gesicht. Alle wiesen sie ab.

Um zwei Uhr lief sie zu Leo und klopfte an seiner Türe. Es öffnete

niemand. Endlich kam er von der Straße her.

»Was führt dich her?«

»Störe ich dich?«

»Nein ... aber ...«

Er gestand, sein Wirt sähe es nicht gern, wenn man »Damen« bei

sich empfinge.

»Ich muß dich sprechen!« sagte sie.

Da nahm er den Schlüssel, aber sie hinderte ihn am Aufschließen.

»Nein! Nicht hier! Bei uns!«

Sie gingen nach dem Boulogner Hof in ihr Zimmer.

Emma trank zunächst ein großes Glas Wasser. Sie war ganz bleich.

Dann sagte sie:

»Leo, du wirst mir einen Dienst erweisen!«

Sie faßte seine Hände, drückte sie fest und fügte hinzu:

»Hör mal: ich brauche achttausend Franken!«

»Du bist verrückt!«

»Noch nicht!«

Nun erzählte sie ihm rasch die Geschichte der Pfändung und klagte

ihm ihre Notlage. Karl wisse von nichts; mit ihrer Schwiegermutter

stehe sie auf gespanntem Fuße, und ihr Vater könne ihr wirklich

nicht helfen. Doch er, Leo, müsse ihr diese unbedingt nötige Summe

schleunigst verschaffen.

»Wie soll ich das?«

»Du willst bloß nicht!« sagte sie aufgeregt.

Er stellte sich dumm:

»Es wird nicht so gefährlich sein! Mit tausend Talern wird der

Biedermann schon zufrieden sein!«

»Vielleicht. Schaff sie mir nur!« sagte sie. Dreitausend Franken

seien allemal aufzutreiben! Leo möge sie doch einstweilen auf

seinen Namen aufnehmen.

»Geh! Versuchs! Es muß sein! Schnell! Schnell! Ich will dich dafür

auch recht liebhaben!«

Er ging und kam nach einer Stunde zurück. Mit einem Gesicht, als

ob er wer weiß was zu verkünden hätte, sagte er:

»Ich war bei drei Personen ... umsonst!«

Darauf saßen sie einander gegenüber am Kamin, regungslos, ohne zu

sprechen. Emma zuckte mit den Achseln und trippelte vor Ungeduld

mit den Füßen. Er hörte, wie sie ganz leise sagte:

»Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich wüßte, wo ich das Geld

auftriebe!«

»Wo denn?«

»In eurer Kanzlei!«

Sie sah ihn starr an.

Aus ihren fiebernden Augen sprach ein wilder Dämon. Zwischen ihren

sich berührenden Wimpern lockten Sinnlichkeit und Sünde so stark,

daß der junge Mann unter der stummen Verführungskraft dieses

Weibes, das ihn zum Verbrecher machen wollte, nahe daran war, zu

erliegen. Er fühlte seine Schwachheit. Jähe Furcht ergriff ihn,

und um jeder weiteren Erörterung zu entgehen, schlug er sich vor

die Stirn und rief aus:

»Morel kommt ja heute nacht zurück!« Morel war ein Freund von ihm,

der Sohn eines sehr wohlhabenden Kaufmanns. »Der schlägts mir

nicht ab! Ich werde dir das Geld morgen vormittag bringen.«

Offenbar machte seine Zuversicht auf Emma einen viel weniger

freudigen Eindruck, als er erwartet hatte. Durchschaute sie seine

Lüge?

Errötend fuhr er fort:

»Wenn ich morgen bis drei Uhr nicht bei dir sein sollte, dann

warte nicht länger auf mich, Schatz! Jetzt muß ich aber wirklich

fort! Entschuldige mich! Lebwohl!«

Er drückte ihr die Hand, die schlaff in der seinen lag. Emma hatte

alle Kraft verloren ...

Als es vier Uhr schlug, stand sie auf, um nach Yonville

zurückzufahren. Nichts mehr trieb sie als die Gewohnheit.

Das Wetter war prächtig. Ein klarer kalter Märztag. Die Sonne

strahlte auf einem kristallreinen Himmel. Sonntäglich gekleidete

Bürger gingen mit zufriedenen Gesichtern spazieren. Als Emma den

Notre-Dame-Platz überschritt, war die Vesper gerade zu Ende. Die

Menge strömte aus den drei Türen des Hauptportals wie ein Strom

aus einer dreibogigen Brücke.

Emma dachte zurück an den Tag, da sie mit Hangen und Bangen in das

Mittelschiff eingetreten war, das sich so hoch vor ihr wölbte und

ihr damals doch klein erschien im Vergleich zu ihrer grenzenlosen

Liebe ... Sie ging weiter. Unter ihrem Schleier strömten die

Tränen über ihre Wangen. Sie war wie betäubt, sie schwankte und

war einer Ohnmacht nahe.

»Vorsehen!« rief eine Stimme aus einem Torwege.

Sie blieb stehen, um einen hochtretenden Rappen vorbeizulassen,

der, in der Gabel eines Dogcarts, aus dem Hause herauskam. Ein

Herr in einem Zobelpelz kutschierte ...

»Wer war das doch?« fragte sie sich. Er kam ihr bekannt vor. Das

Gefährt fuhr im Trabe fort und war bald verschwunden.

»Aber das war doch der Vicomte!«

Emma wandte sich um, aber die Straße war leer. Sie fühlte sich so

niedergeschlagen, so traurig, daß sie sich an die Wand eines

Hauses lehnen mußte, um nicht umzusinken. Sie grübelte darüber

nach, ob es wirklich der Vicomte gewesen war. Vielleicht,

vielleicht auch nicht! Was lag daran? Sie war eine Verlassene, vor

sich selber und vor andern! Eine Verlorene, vom Geratewohl gegen

die Klippen des Lebens getrieben ... Und so empfand sie beinahe

Freude, als sie, am »Roten Kreuz« angelangt, den trefflichen

Homais traf, der das Aufladen einer großen Kiste voll

Apothekerwaren in die Post überwachte. In der Hand hielt er, in

ein Halstuch eingewickelt, sechs Stück Pumpernickel, die er seiner

Frau mitbringen wollte.

Frau Homais liebte diese kleinen schweren Brote sehr, die in der

Normandie seit uralten Zeiten in Form eines Turbans gebacken und

in der Fastenzeit mit gesalzner Butter gegessen werden. Man buk

sie bereits zur Zeit der Kreuzzüge. Die wetterfesten alten

Normannen stopften sich voll davon, und wenn sie diese Brote beim

gelben Fackellicht vor sich auf dem Tische liegen sahen, zwischen

riesigen Beefsteaken und Methumpen, mochten sie sich einbilden,

Sarazenenköpfe zu vertilgen. Die Apothekersfrau verzehrte sie mit

nicht geringerem Heldenmute; sie hatte nämlich abscheulich

schlechte Zähne.

»Bin entzückt, Sie zu sehen!« rief Homais, bot Emma die Hand und

half ihr beim Einsteigen in die Postkutsche.

Dann legte er seine Pumpernickel hinauf in das Gepäcknetz, nahm

seinen Hut ab und setzte sich mit verschränkten Armen und einer

napoleonischen Denkermiene in die Ecke. Als unterwegs wie immer

der Blinde am Straßengraben auftauchte, bemerkte er:

»Es ist mir unverständlich, daß die Behörde nach wie vor dieses

schandbare Gewerbe duldet! Solche Vagabunden sollte man einsperren

und zur Arbeit zwingen! Auf Ehre, die Kultur schleicht bei uns im

Schneckengange vorwärts! Wir waten noch in Barbarei!«

Der Blinde steckte seinen Hut so durchs Wagenfenster, daß er wie

eine halb abgerissene Wagentasche auf und nieder wippte.

»Er hat eine skrofulöse Affektion«, dozierte der Apotheker.

Obgleich er den armen Schelm schon längst kannte, tat er doch, als

sähe er ihn zum ersten Male. Er murmelte etwas von Hornhaut, Star,

Sklerotika, Facies vor sich hin. Dann riet er ihm in

salbungsvollem Tone:

»Hast du dieses schreckliche Gebrechen schon lange, mein Sohn? Du

solltest vor allem Diät halten, statt dich in der Kneipe zu

betanken! Gut essen und gut trinken ist immer die Hauptsache.«

Der Blinde leierte sein Lied ab. Er war zweifellos geistig

beschränkt.

Schließlich zog Homais seine Börse.

»Hier hast du einen Fünfer, gib mir einen Dreier wieder raus und

vergiß nicht, was ich dir verordnet habe! Es wird dir gut

bekommen!«

Hivert erlaubte sich, ganz laut die Wirksamkeit seines Rezepts zu

bezweifeln. Da versicherte Homais dem Manne, lediglich eine

»antiphlogistische Salbe eignen Fabrikats« könne ihn heilen. Er

gab ihm seine Adresse:

»Apotheker Homais, am Markt, allgemein bekannt!«

»So, nun zeig mal zum Dank den Herrschaften, was du Schönes

kannst!« rief ihm Hivert zu.

Der Blinde ließ sich in die Knie nieder, warf den Kopf zurück,

rollte mit seinen grünlichen Augen und streckte die Zunge heraus.

Dazu rieb er sich die Magengegend mit den Händen und stieß ein

dumpfes Geheul aus wie ein halbverhungerter Hund.

Emma ward übel. Sie warf ihm über die Schulter ein

Fünffrankenstück zu. Es war ihr ganzes Geld. Es kam ihr edel vor,

es so wegzuwerfen.

Der Wagen war schon ein ziemliches Stück weiter, als sich Homais

plötzlich aus dem Fenster lehnte und hinausrief:

»Und keine Mehlspeisen und keine Milch! Wolle auf dem Leibe

tragen! Und Wacholderdämpfe auf die kranken Teile!«

Der Anblick der wohlbekannten Gegend, die an Emma vorüberzog,

lenkte sie ein wenig von ihrem Schmerz ab. Eine unbezwingliche

Müdigkeit überkam sie. Ganz erschöpft, lebensmüde und verschlafen

langte sie in Yonville an.

»Mag nun kommen, was will!« dachte sie beim Aussteigen. »Zu guter

Letzt, wer weiß? Kann nicht jeden Augenblick ein unerwartetes

Ereignis eintreten? Sogar Lheureux kann sterben ...«

Am andern Morgen wurde sie durch ein Geräusch auf dem Markt wach.

Es war ein Gedränge um ein großes Plakat entstanden, das an einem

der Pfeiler der Hallen angeschlagen war. Sie sah, wie Justin auf

einen Prellstein stieg und es abriß. Aber im selben Moment faßte

ihn der Schutzmann am Kragen. In diesem Augenblick trat Homais aus

seiner Apotheke, und auch Frau Franz tauchte laut redend mitten in

der Volksmenge auf.

»Gnädige Frau! Gnädige Frau!« rief Felicie, die ins Zimmer

stürzte.

Das arme Ding war außer sich. Sie hielt einen gelben Zettel in der

Hand, den sie von der Haustüre abgerissen hatte. Emma überflog

ihn. Es war die Versteigerungsankündigung.

Dann sahen sich beide wortlos an. Herrin und Dienerin hatten

längst keine Geheimnisse mehr voreinander. Seufzend sagte Felicie

nach einer Weile:

»An der Stelle der gnädigen Frau ging ich mal zum Notar

Guillaumin.«

»Meinst du?«

Diese Frage bedeutete: »Durch dein Verhältnis mit dem Diener

dieses Hauses weißt du doch Bescheid. Interessiert sich dieser

Junggeselle für mich?

»Ja, gehn Sie nur, gnädige Frau! Es wird Ihnen nützen!«

Emma kleidete sich an. Sie zog ihr schwarzes Kleid an und setzte

einen Kapotthut mit Jettbesatz auf. Damit man sie nicht sähe -- es

standen immer noch eine Menge Leute auf dem Markte --, ging sie

zur Gartenpforte hinaus und den Weg am Bache hin.

Atemlos erreichte sie das Gittertor des Notars. Der Himmel war

grau. Es schneite ein wenig. Auf ihr Klingeln hin erschien Theodor

in einer roten Jacke auf der Freitreppe. Dann kam er und öffnete

ihr. Er behandelte sie mit einer gewissen Vertraulichkeit, als ob

sie ins Haus gehörte, und führte sie in das Eßzimmer.

Emmas Blick fiel flüchtig auf den breiten Porzellanofen, vor dem

ein mächtiger Kaktus stand. An den braun tapezierten Wänden hingen

in schwarzen Holzrahmen ein paar Kupferstiche: wollüstige

Frauengestalten. Der gedeckte Tisch, die silbernen Schüsselwärmer,

der Kristallgriff der Türklinke, der Parkettboden, die Möbel,

alles blinkte in reinlicher, germanischer Sauberkeit.

»So ein Eßzimmer müßte ich haben!« dachte Emma.

Der Notar trat ein. Er drückte seinen mit Palmenblattstickerei

verzierten Schlafrock mit dem linken Arm gegen den Leib; mit der

andern Hand nahm er sein braunsamtnes Hauskäppchen zum Gruße ab

und setzte es rasch wieder auf. Es saß ihm kokett etwas auf der

rechten Seite seines kahlen Schädels, über den drei lange blonde

Haarsträhnen liefen.

Nachdem er Emma einen Stuhl angeboten hatte, setzte er sich an den

Tisch, um zu frühstücken. Er entschuldigte sich ob dieser

Unhöflichkeit.

»Herr Notar,« sagte sie, »ich möchte Sie bitten ...«

»Um was denn, gnädige Frau? Ich bin ganz Ohr!«

Sie begann ihm ihre Lage zu schildern.

Guillaumin wußte bereits alles, da er in geheimer

Geschäftsverbindung mit Lheureux stand, der ihm die

Hypothekengelder zu verschaffen pflegte, die man dem Notar zu

besorgen Auftrag gab. Somit kannte er -- und besser als Emma --

die lange Geschichte ihrer Wechsel, die erst unbedeutend gewesen,

von den verschiedensten Leuten diskontiert, auf lange Fristen

ausgestellt und dann immer wieder prolongiert worden waren. Jetzt

hatte sie der Händler allesamt protestieren lassen und auf seinen

Freund Vinçard abgeschoben, der die Angelegenheit nun in seinem

Namen verfolgte, damit der andre bei seinen Mitbürgern nicht in

den Ruf eines Halsabschneiders gerate.

Sie unterbrach ihre Erzählung häufig durch Beschuldigungen gegen

Lheureux, auf die der Notar ab und zu mit ein paar nichtssagenden

Worten antwortete. Er verzehrte sein Kotelett und trank seinen

Tee, -- wobei er das Kinn gegen seine himmelblaue, mit einer

Brillantnadel geschmückte Krawatte einzog. Ein sonderbares,

süßliches und zweideutiges Lächeln spielte um seine Lippen. Als er

sah, daß Emma nasse Schuhe hatte, sagte er:

»Kommen Sie doch näher an den Ofen heran! Halten Sie die Schuhe

doch an die Kacheln ... höher!«

Sie befürchtete, die Porzellankacheln zu beschmutzen. Aber der

Notar sagte galant:

»Schöne Sachen verderben nie etwas!«

Sie machte einen Versuch, ihn zu rühren. Das brachte sie aber nur

selbst in Rührung. Sie erzählte ihm von der Enge ihres häuslichen

Lebens, von ihrem Unbefriedigtsein, von ihren Bedürfnissen. Der

Notar verstand das: eine elegante Frau! Und ohne sich vom Essen

abhalten zu lassen, drehte er seinen Stuhl nach ihr um. Er

berührte mit einem Knie ihren Schuh, dessen Sohle am heißen Ofen

zu dampfen begann.

Als sie ihn aber um tausend Taler anging, biß er sich auf die

Lippen und erklärte, es tue ihm ungemein leid, daß er die

Verwaltung ihres Vermögens nicht rechtzeitig in die Hände bekommen

habe. Es gäbe tausend Möglichkeiten, selbst für eine Dame, ihr

Geld gewinnbringend anzulegen. Beispielsweise wären die Torfgruben

von Grümesnil oder Bauland in Havre bombensichere Spekulationen.

Er machte Emma rasend vor Wut, angesichts der enormen Summen, die

sie zweifellos dabei gewonnen hätte.

»Weshalb sind Sie denn nicht zu mir gekommen?«

»Das weiß ich selber nicht«, erwiderte sie.

»Na, warum denn nicht? Sie haben wohl Angst vor mir gehabt? Ich

sollte Ihnen wirklich deshalb böse sein! Wir hätten uns schon

längst kennen lernen sollen! Ich bin aber trotzdem Ihr

gehorsamster Diener! Das werden Sie mir doch glauben, hoffe ich!«

Er faßte nach ihrer Hand, drückte einen gierigen Kuß darauf und

behielt sie dann auf seinem Knie. Er liebkoste ihre Finger und

sagte ihr tausend Schmeicheleien. Seine fade Stimme gurgelte wie

Wasser im Rinnstein. Seine stechenden Augen funkelten durch die

spiegelnden Brillengläser; während seine Hände in die Ärmelöffnung

von Emmas Kleid fuhren, um ihren Arm zu betasten. Sie fühlte

seinen schnaubenden Atem auf ihrer Wange.

Sie sprang auf und sagte:

»Herr Guillaumin, ich warte ...«

»Worauf?« sagte der Notar, plötzlich ganz bleich geworden.

»Auf das Geld!«

»Aber ...« In seiner Lüsternheit ließ er sich bewegen zu sagen:

»Na ja ...«

Trotz seines Schlafrockes fiel er vor Emma auf die Knie und

keuchte:

»Bitte, bleiben! Ich liebe Sie!«

Er umschlang ihre Taille.

Ein Blutstrom schoß Emma in die Wangen. Empört machte sie sich von

dem Manne los und rief:

»Sie nützen mein Unglück aus! Das ist schamlos! Ich bin

beklagenswert, aber nicht käuflich!«

Damit eilte sie hinaus.

Der Notar sah ihr ganz verdutzt nach. Sein Blick fiel auf seine

schönen gestickten Pantoffeln. Sie waren ein Geschenk von zarter

Hand. Dieser Anblick tröstete ihn schließlich. Überdies fiel ihm

ein, daß ihn ein derartiges Abenteuer zu wer weiß was hätte

verleiten können.

»Ein gemeiner Mensch! Ein Lump! Ein ehrloser Kerl!« sagte Emma bei

sich, als sie hastigen Schritts an den Pappeln hinging. Ihre

Enttäuschung über den Mißerfolg verstärkte die Empörung ihres

Schamgefühls. Es war ihr, als verfolge sie ein unseliges Geschick,

und dieses Gefühl erfüllte sie von neuem mit Stolz. Nie in ihrem

Leben war sie hochmütiger und selbstbewußter gewesen und noch nie

so voller Menschenverachtung. Ein wilder Trotz entflammte sie. Sie

hätte alle Männer schlagen, ihnen ins Gesicht speien, sie

niedertreten mögen. Während sie weitereilte, bleich, zitternd,

verbittert, irrten ihre tränenreichen Augen den grauen Horizont

hin. Mit einer gewissen Wollust bohrte sie sich in Haß hinein.

Als sie ihr Haus von weitem wiedersah, erstarrte sie. Die Beine

versagten ihr. Sie konnte nicht weiter ... Aber es mußte sein!

Wohin hätte sie fliehen können?

Felicie erwartete sie an der kleinen Pforte.

»Gnädige Frau?«

»Es war umsonst!«

Eine Viertelstunde lang gingen sie zusammen alle Yonviller durch,

die vielleicht ihr zu helfen geneigt wären. Aber bei jedem Namen,

den Felicie nannte, wandte Emma ein:

»Unmöglich! Die tun es nicht!«

»Der Herr Doktor muß jeden Augenblick nach Hause kommen!«

»Ich weiß es! Laß mich allein!«

Sie hatte alles versucht. Nun mußte sie den Dingen ihren Lauf

lassen. Karl würde heimkommen. Sie mußte ihm sagen:

»Geh wieder! Der Teppich, auf dem du stehst, ist nicht mehr unser.

In diesem Haus gehört uns kein Stuhl mehr, kein Nagel, kein Halm

Stroh! Und ich, ich habe dich zugrunde gerichtet. Armer Mann!«

Dann würde es eine große Szene geben, sie würde maßlos weinen, und

wenn sich die erste Bestürzung gelegt hätte, würde er ihr

verzeihen!

»Ja! Er wird mir verzeihen!« murmelte sie in verhaltener Wut. »Er!

Er, dem ich nicht für eine Million verzeihen kann, daß ich die

Seine geworden bin! Niemals! Niemals!«

Der Gedanke, Bovary könnte die Überlegenheit über sie erringen,

empörte sie. Ob sie ihm ein Geständnis machte oder nicht, jetzt

sofort, nach ein paar Stunden oder morgen: er mußte doch alles

erfahren. Und dann war die gräßliche Szene da, und sie hatte die

Zentnerlast seiner Großmut zu tragen!

Wiederum überlegte sie, ob sie nicht noch einmal zu Lheureux gehen

solle? Aber das nützte ja nichts! Oder ihrem Vater schreiben? Dazu

war es zu spät! Beinahe bereute sie es, dem Notar nicht gefügig

gewesen zu sein, -- da hörte sie den Hufschlag eines Pferdes in

der Allee. Es war Karl. Er öffnete das Hoftor. Sie sah ihn: er war

weißer als Kalk.

Da lief sie eilends die Treppe hinunter und aus der Haustür hinaus

nach dem Markt. Die Frau Bürgermeister stand vor der Kirchentür

und sprach mit dem Kirchendiener. Sie beobachtete, wie Emma in dem

Hause verschwand, wo der Steuereinnehmer wohnte. Schnell ging sie

zu Frau Caron, die ihm gegenüber in der Ecke des Marktes wohnte,

und klatschte ihr diese Neuigkeit. Die beiden Frauen stiegen

zusammen auf den Oberboden, wo sie sich, gedeckt durch aufgehängte

Wäsche, so aufstellten, daß sie bequem in Binets Dachstübchen

sehen konnten.

Er war allein und saß an seiner Drehbank, gerade dabei

beschäftigt, eine völlig zwecklose Spielerei aus Holz

fertigzustellen. Im Halbdunkel seiner Werkstatt sprühte der helle

Holzstaub aus seiner Maschine hervor, wie Funkenbüschel unter den

Eisen eines galoppierenden Pferdes. Die beiden Räder schnurrten

und kreisten. Binet lächelte mit aufmerksamer Miene, den Kopf

etwas vorgebeugt. Er war sichtlich völlig versunken in sein

Schöpferglück. Gerade das Handwerksmäßige, das der Intelligenz nur

leichte Schwierigkeiten bietet, befriedigt den Menschen ungemein,

wenn es vollendet ist, denn es gibt dabei ja kein ideales

Darüberhinaus, das man ersehnen könnte.

»Ah, da ist sie!« sagte Frau Tüvache.

Infolge des Geräusches der Drehbank vermochten sie nicht zu

verstehen, was drüben gesprochen wurde. Nur einmal glaubten sie,

das Wort »Taler« zu hören, worauf Frau Caron flüsterte:

»Sie bittet ihn um Aufschub der Steuern.«

»Es scheint so«, meinte die andre.

Sie beobachteten, wie Emma in Binets Stube hin und her ging und

die Serviettenringe, die Leuchter und all seinen andern zur Schau

ausgelegten Krimskram besichtigte, während sich der

Steuereinnehmer wohlgefällig den Bart strich.

»Will sie bei ihm etwas bestellen?« fragte Frau Tüvache.

»Er verkauft doch nie etwas!«

Dann sah man, daß Binet ihr aufmerksam zuhörte. Er riß die Augen

weit auf. Offenbar verstand er sie nicht. Sie redete weiter,

eindringlich, flehend. Sie näherte sich ihm. Sie war sichtlich

erregt. Jetzt schwiegen sie beide.

»Macht sie ihm gar einen Antrag?« flüsterte Frau Tüvache. Binet

bekam einen roten Kopf. Emma erfaßte seine Hände.

»Nein, das ist doch stark!« zischelte Frau Caron.

In der Tat mußte Emma etwas Schändliches von Binet gefordert

haben, denn dieser tapfere Veteran, der bei Dresden und Leipzig

mitgekämpft hatte und dekoriert worden war, wich plötzlich vor ihr

zurück, als ob ihn eine Natter stechen wollte, und rief aus:

»Frau Bovary, was muten Sie mir zu!«

»Solche Frauenzimmer sollte man öffentlich auspeitschen!« eiferte

Frau Tüvache.

»Wo ist sie denn mit einem Male hin?« erwiderte die andre.

Wenige Augenblicke später sahen sie Emma die Hauptstraße

hinausgehen und dann links verschwinden, wo der Weg zum Friedhof

abzweigt. Die beiden Horcherinnen erschöpften sich in allerhand

Vermutungen.

Emma lief zur alten Frau Rollet.

»Machen Sie mir das Korsett auf! Ich ersticke!«

Mit diesen Worten trat sie bei ihr ein. Dann sank sie auf das Bett

und begann zu schluchzen. Die Frau deckte sie mit einem Rocke zu

und blieb vor ihr stehen. Da Emma auf keine ihrer Fragen

antwortete, ging sie schließlich hinaus, holte ihr Spinnrad und

begann zu spinnen.

»Ach, hören Sie auf!« sagte Emma leise. Es war ihr, als höre sie

noch Binets Drehbank.

»Was mag sie nur haben?« fragte sich Frau Rollet. »Warum ist sie

hergekommen?«

Was ahnte sie von der Angst, die Frau Bovary aus ihrem Hause

gejagt hatte?

Emma lag auf dem Rücken, regungslos, mit stieren Augen, die keinen

Gegenstand deutlich sahen, so sehr sie sich mit idiotischer

Beharrlichkeit bemühte, scharf zu beobachten. Sie starrte auf die

brüchigen Stellen der Mauer, auf das armselige bißchen Holz, das

im Kamine qualmte, auf eine große Spinne, die gerade über ihr an

einem rissigen Deckenbalken hinkroch ...

Endlich kam Ordnung in ihre Gedanken. Erinnerungen tauchten auf

... der Tag, an dem sie mit Leo hier gewesen war ... Ach, wie weit

lag das zurück! Die Sonne hatte im Bache geglitzert, und die

Klematisranken hatten sie im Vorübergehen gestreift ... Tausend

andre Erinnerungen umwirbelten sie wie ein brodelnder Katarakt,

und mit einem Male war sie wieder bei ihren jüngsten Erlebnissen.

»Wieviel Uhr ist es?« fragte sie.

Mutter Rollet ging vor das Haus, schaute nach der lichten Stelle

des Himmels, die den Stand der Sonne verriet, und kam gemächlich

wieder herein.

»Bald drei Uhr!« sagte sie.

»Schön! Ich danke!«

Jetzt mußte Leo bald da sein! Sicherlich kam er. Er hatte das Geld

aufgetrieben. Aber er suchte sie in ihrer Wohnung. Daß sie hier

war, konnte er doch nicht wissen. Deshalb bat sie Frau Rollet,

sofort einmal nachzusehen und ihn herzubringen.

»Machen Sie recht schnell!«

»Aber beste Frau Bovary, ich gehe ja schon! Ich fliege!«

Emma verwunderte sich, daß ihr Leo jetzt erst wieder eingefallen

war. Er hatte ihr doch gestern sein Wort gegeben! Das brach er

gewiß nicht! Schon sah sie sich im Geiste in Lheureux' Kontor und

zählte ihm die drei Tausendfrankenscheine auf seinen Schreibtisch.

Nun brauchte sie nur noch ein Märchen zu ersinnen, um ihrem Manne

die ganze Geschichte harmlos hinzustellen. Das war nicht weiter

schlimm!

Frau Rollet hätte längst wieder zurück sein müssen. Es schien der

Wartenden wenigstens so. Aber da sie keine Uhr bei sich hatte,

redete sie sich ein, sie irre sich. Sie ging hinaus in das

Gärtchen und wanderte langsam hin und her. Dann schritt sie ein

Stück den Pfad entlang der Hecke hin, kehrte aber plötzlich wieder

um, weil sie sich sagte, die Frau könne auch auf einem andern Wege

nach Hause kommen. Schließlich war sie des Wartens müde. Bange

Ahnungen quälten sie. Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Wartete sie

seit ein paar Minuten oder seit einem Jahrhundert?

Sie kauerte sich in einen Winkel, schloß die Augen und hielt sich

die Ohren zu. Die Zauntüre knarrte. Emma sprang auf. Ehe sie eine

Frage tat, vermeldete Frau Rollet:

»Es war niemand da!«

»Niemand?«

»Nein, niemand! Der Herr Doktor weint. Er läßt Sie suchen. Alles

ist auf den Beinen!«

Emma blieb stumm. Sie atmete schwer. Ihre Augen irrten im Zimmer

umher. Frau Rollet sah ihr erschrocken ins Gesicht. Unwillkürlich

lief sie davon. Sie dachte, Emma sei wahnsinnig geworden.

Plötzlich schlug sie sich auf die Stirn und tat einen lauten

Schrei. Rudolf war ihr ins Gedächtnis gekommen, wie ein heller

Stern in stockfinsterer Nacht! Er war immer gutmütig,

rücksichtsvoll und freigebig gewesen! Und selbst wenn er zögerte,

ihr diesen Dienst zu leisten, mußte ihn nicht ein einziger voller

Blick ihrer Augen an die verlorene Liebe mahnen und ihn dazu

zwingen!

So ging sie denn nach der Hüchette, ohne das Bewußtsein zu haben,

daß sie damit doch das tun wollte, was ihr eben noch so

verächtlich vorgekommen war. Nicht im entferntesten dachte sie

daran, daß sie sich prostituierte.

Frau Bovary · 第 38 / 43 题