Sechstes Kapitel

Wenn Leo nach Yonville kam, um Emma zu besuchen, aß er häufig bei

dem Apotheker zu Mittag. Aus Höflichkeit lud er ihn ein, ihn nun

auch einmal in Rouen zu besuchen.

»Gern!« gab Homais zur Antwort. »Ich muß sowieso einmal

ausspannen, sonst roste ich hier noch ganz und gar ein. Wir wollen

zusammen ins Theater gehen, ein bißchen kneipen und ein paar

Dummheiten loslassen!«

»Aber Mann!« mahnte Frau Homais besorgt. Die undefinierbaren

Gefahren, denen er entgegenlief, ängstigten sie im voraus.

»Was ist da weiter dabei? Hab ich meine Gesundheit nicht schon

genug ruiniert in den fortwährenden Ausdünstungen der Drogen? Ja,

ja, so sind die Frauen! Vergräbt man sich in die Wissenschaften,

so sind sie eifersüchtig; und will man sich gelegentlich in

harmlosester Weise ein bißchen erholen, dann ists ihnen auch

wieder nicht recht. Aber lassen wirs gut sein! Rechnen Sie auf

mich! In allernächster Zeit tauch ich in Rouen auf: und dann

wollen wir mal zusammen eine Kiste öffnen!«

Früher hätte sich Homais gehütet, einen derartigen Ausdruck zu

gebrauchen, aber seit einiger Zeit gefiel er sich ungemein darin,

den jovialen Großstädter zu spielen. Ähnlich wie seine Nachbarin,

Frau Bovary, fragte er den Adjunkt auf das neugierigste nach den

Pariser Sitten und Unsitten aus. Er begann sogar in seiner

Redeweise den Jargon der Pariser anzunehmen, um den Philistern zu

imponieren.

Eines Donnerstags früh traf ihn Emma zu ihrer Überraschung in der

Küche des Goldnen Löwen im Reiseanzug, das heißt, in einen alten

Mantel gemummt, in dem man ihn noch nie gesehen hatte, eine

Reisetasche in der einen Hand, einen Fußsack in der andern. Er

hatte sein Vorhaben keinem Menschen verraten, aus Furcht, die

Kundschaft könne an seiner Abwesenheit Anstoß nehmen.

Der Gedanke, die Orte wiedersehen zu sollen, wo er seine Jugend

verlebt hatte, regte ihn sichtlich auf, denn während der ganzen

Fahrt redete er in einem fort. Kaum war man in Rouen angekommen,

so stürzte er aus dem Wagen, um Leo aufzusuchen. Dem Adjunkt half

kein Widerstreben: Homais schleppte ihn mit in das »Grand Café zur

Normandie«, wo er, bedeckten Hauptes, stolz wie ein Fürst eintrat.

Er hielt es nämlich für höchst provinzlerhaft, in einem

öffentlichen Lokal den Hut abzunehmen.

Emma wartete drei Viertelstunden lang auf Leo. Schließlich eilte

sie in seine Kanzlei. Unter allen möglichen Mutmaßungen, wobei sie

ihm den Vorwurf der Gleichgültigkeit und sich selber den der

Schwäche machte, verbrachte sie dann den Nachmittag, die Stirn

gegen die Scheiben gepreßt, im Boulogner Hofe.

Um zwei Uhr saßen Leo und Homais immer noch bei Tisch. Der große

Saal des Restaurants leerte sich. Sie saßen am Ofen, der die Form

eines hochragenden Palmenstammes hatte, dessen innen vergoldete

Fächer sich unter der weißen Decke ausbreiteten. Neben ihnen, im

hellen Sonnenlichte, hinter Glaswänden, sprudelte ein kleiner

Springbrunnen über einem Marmorbecken. An seinem Rande hockten

zwischen Brunnenkresse und Spargel drei schläfrige Hummern;

daneben lagen Wachteln, zu einem Haufen aufgeschichtet.

Der Apotheker tat sich sozusagen eine Güte. Wenngleich ihn die

Pracht noch mehr entzückte als das vortreffliche Mahl, so tat der

Burgunder doch seine Wirkung. Und als das Omelett mit Rum

aufgetragen ward, da offenbarte er unmoralische Theorien ȟber die

Weiber«. Am meisten rege ihn eine »schicke« Frau auf, und nichts

ginge über eine elegante Robe in einem vornehm eingerichteten

Raume. Was die körperlichen Reize anbelange, da sei viel Fleisch

»nicht ohne«.

Leo sah verzweifelt auf die Uhr. Der Apotheker trank, aß und

schmatzte weiter.

»Sie müssen sich übrigens ziemlich einsam fühlen hier in Rouen«,

sagte er plötzlich. »Aber schließlich wohnt ja Ihr Liebchen nicht

allzuweit.« Da Leo errötete, setzte er hinzu: »Na, gestehen Sie

nur! Wollen Sie leugnen, daß Sie in Yonville ...«

Der junge Mann stammelte etwas Unverständliches.

»... im Hause Bovary jemanden poussieren ...«

»Aber wen denn?«

»Na, das Dienstmädel!«

Es war sein Ernst. Aber Leos Eitelkeit war stärker als alle

Vorsicht. Ohne sichs zu überlegen, widersprach er. Er liebe nur

brünette Frauen.

»Da haben Sie nicht unrecht«, meinte der Apotheker. »Die haben

mehr Temperament!«

Homais begann zu flüstern und verriet seinem Freunde die Symptome,

an denen man erkennen könne, ob eine Frau Feuer habe. Er geriet

sogar auf eine ethnographische Abschweifung. Die Deutschen seien

schwärmerisch, die Französinnen wollüstig, die Italienerinnen

leidenschaftlich.

»Und die Negerinnen?« fragte der Adjunkt.

»Das ist etwas für Kenner! Kellner! Zwei Tassen Kaffee!«

»Gehen wir?« fragte Leo ungeduldig.

»Yes!«

Aber zuvor wollte er den Besitzer des Restaurants sprechen und ihm

seine Zufriedenheit aussprechen.

Des weiteren schützte der junge Mann einen geschäftlichen Gang

vor. Er wollte nun endlich allein sein.

»Ich begleite Sie natürlich!« sagte Homais.

Unterwegs erzählte er unaufhörlich von seiner Frau, von seinen

Kindern, von ihrem Gedeihen, von seiner Apotheke, vom verwahrlosten

Zustand, in dem er sie übernommen, und wie er sie in die Höhe

gebracht habe.

Vor dem Boulogner Hofe verabschiedete sich Leo kurzerhand von ihm,

eilte die Treppe hinan und fand seine Geliebte in der größten

Erregung. Bei der Erwähnung des Apothekers geriet sie in Wut. Leo

versuchte, sie durch allerlei vernünftige Gründe zu beruhigen. Es

sei wirklich nicht seine Schuld gewesen. Sie kenne Homais doch.

Wie habe sie nur glauben können, daß er lieber mit ihm statt mit

ihr zusammen sei? Aber sie wollte gar nichts hören und schickte

sich an, fortzugehen. Er hielt sie zurück, sank vor ihr auf die

Knie, umschlang sie mit beiden Armen und sah sie mit einem

rührenden Blick voller Begehrlichkeit und Unterwürfigkeit an.

Sie stand aufrecht vor ihm. Mit großen flammenden Augen sah sie

ihn ernst, fast drohend an. Dann aber verschwamm dieser Ausdruck

in Tränen. Ihre geröteten Lider schlossen sich, sie überließ ihm

ihre Hände, die er an seine Lippen zog. Da erschien der

Hausdiener. Ein Herr wünsche ihn dringend zu sprechen.

»Du kommst doch wieder?« fragte Emma.

»Gewiß!«

»Aber wann?«

»Sofort!«

Es war der Apotheker.

»Ein feiner Trick, nicht?« schmunzelte er, als er Leo erblickte.

»Ich wollte Ihnen Ihre Unterredung verkürzen. Sie war Ihnen doch

offensichtlich unangenehm. So! Jetzt gehen wir zu meinem Freund

Bridoux, einen Bittern genehmigen!«

Leo beteuerte, er müsse in seine Kanzlei. Aber der Apotheker

lachte ihn aus und machte seine Witze über die Juristerei.

»Lassen Sie doch den Aktenkram Aktenkram sein! Zum Teufel, warum

nur nicht? Seien Sie kein Frosch! Kommen Sie, wir gehn zu Bridoux!

Seinen Terrier müssen Sie mal sehen! Der ist zu spaßig!« Und da

der Adjunkt immer noch widerstrebte, fuhr er fort: »Na, da

begleite ich Sie wenigstens! Werde in Ihrem Laden eine Zeitung

lesen oder in irgendeinem alten Schmöker blättern.«

Leo war wie betäubt durch Emmas Unwillen, durch des Apothekers

Geschwätz und vielleicht auch durch die Nachwirkung des

reichlichen Frühstücks. Unentschlossen stand er da, während Homais

immer wieder in ihn drang:

»Kommen Sie nur mit! Wir gehn zu Bridoux! Er wohnt keine hundert

Schritte von hier! Rue Malpalu!«

Diese Aufforderung wirkte wie eine Suggestion. Aus Feigheit oder

Narrheit oder aus jenem merkwürdigen Drange, der den Menschen

mitunter zu Handlungen bewegt, die seinem eigentlichen Willen

zuwiderlaufen, ließ sich Leo zu Bridoux führen. Sie fanden ihn in

dem kleinen Hofe seines Hauses, wo er drei Burschen

beaufsichtigte, die das große Rad einer

Selterwasserzubereitungsmaschine drehten. Nach einer herzlichen

Begrüßung gab Homais seinem Kollegen Ratschläge. Dann trank man

den Bittern. Leo war hundertmal im Begriffe, sich zu empfehlen,

aber Homais hielt ihn immer wieder fest, indem er sagte:

»Gleich! Gleich! Ich gehe ja mit! Wir wollen nun mal in den

'Leuchtturm von Rouen'! Dem Redakteur guten Tag sagen. Ich mache

Sie mit ihm bekannt, mit Herrn Thomassin.«

Trotzdem machte sich Leo endlich los und eilte wiederum in den

Boulogner Hof. Emma war nicht mehr da. Im höchsten Grade

aufgebracht, war sie fortgegangen. Jetzt haßte sie Leo. Das

Stelldichein zu versäumen, das faßte sie als Beschimpfung auf! Nun

suchte sie nach noch andern Gründen, mit ihm zu brechen. Er sei

eines höheren Aufschwungs unfähig, schwach, banal, feminin, dazu

knickerig und kleinmütig.

Dann wurde sie ruhiger; sie sah ein, daß sie ihn schlechter

machte, als er war. Aber das Herabzerren eines Geliebten

hinterläßt immer gewisse Spuren. Man darf ein Götzenbild nicht

berühren: die Vergoldung bleibt einem an den Fingern kleben.

Fortan unterhielten sie sich immer häufiger von Dingen, die nichts

mit ihrer Liebe zu tun hatten. In den Briefen, die ihm Emma

schrieb, war die Rede von Blumen, Versen, vom Mond und den

Sternen, mit einem Worte von allen den primitiven Requisiten, die

eine mattgewordne Leidenschaft aufbaut, um den Schein aufrecht zu

erhalten. Immer wieder erhoffte sie sich von dem nächsten

Beieinandersein die alte Glückseligkeit, aber hinterher gestand

sie sich jedesmal, daß sie nichts davon gespürt hatte. Diese

Enttäuschung wandelte sich trotzdem in neues Hoffen. Emma kam

immer wieder zu Leo voll Begehren und sinnlicher Erregung. Sie

warf die Kleider ab und riß das Korsett herunter, dessen Schnuren

ihr um die Hüften schlugen wie zischende Schlangen. Mit nackten

Füßen lief sie an die Tür und überzeugte sich, daß sie verriegelt

war. Mit einer hastigen Bewegung entledigte sie sich dann des

Hemdes -- und bleich, stumm, ernst und von Schauern durchströmt,

warf sie sich in seine Arme.

Aber auf ihrer von kaltem Schweiß beperlten Stirn, auf ihren

stöhnenden Lippen, in ihren irren Augen, in ihrer wilden Umarmung

lebte etwas Unheimliches, Feindseliges, Todtrauriges. Leo fühlte

es. Es hatte sich eingeschlichen, um sie zu trennen.

Ohne daß er darnach zu fragen wagte, kam er ferner zu der

Erkenntnis, daß die Geliebte alle Prüfungen der Lust und des Leids

schon einmal an sich selber erfahren haben mußte. Was ihn dereinst

entzückt hatte, das flößte ihm jetzt Grauen ein.

Dazu kam, daß er gegen die täglich zunehmende Vergewaltigung

seiner Person rebellierte. Er grollte ihr ob ihrer immer neuen

Siege. Oft zwang er sich, kalt zu bleiben, aber wenn er sie dann

auf sich zukommen sah, ward er doch wieder schwach, wie ein

Absinthtrinker, den das grüne Gift immer wieder verführt.

Allerdings wandte sie alle Liebeskünste an: von ausgesuchten

Genüssen bei Tisch bis zu den Raffinements der Kleidung und den

schmachtendsten Zärtlichkeiten. Sie brachte aus ihrem Garten Rosen

mit, die sie an der Brust trug und ihm ins Gesicht warf. Sie

sorgte sich um seine Gesundheit und gab ihm gute Ratschläge, wie

er leben solle. Abergläubisch schenkte sie ihm ein Amulett mit

einem Madonnenbildchen. Wie eine ehrsame Mutter erkundigte sie

sich nach seinen Freunden und Bekannten.

»Laß sie! Geh nicht aus! Denk nur an mich und bleib mir treu!«

Am liebsten hätte sie ihn überwacht oder gar überwachen lassen.

Mitunter kam ihr letzteres in den Sinn. Es trieb sich in der Nähe

des Boulogner Hofes regelmäßig ein Tagedieb herum, der dies wohl

übernommen hätte. Aber ihr Stolz hielt sie davon ab.

»Mag er mich hintergehen! Dann ist er eben nichts wert! Was tuts?

Ich halte ihn nicht!«

Eines Tages ging sie zeitiger von ihm weg als gewöhnlich. Als sie

allein den Boulevard hinschlenderte, bemerkte sie die Mauer ihres

Klosters. Da setzte sie sich auf eine schattige Bank unter den

Ulmen. Wie friedsam hatte sie damals gelebt! Sie bekam Sehnsucht

nach den jungfräulichen Vorstellungen von der Liebe, die sie sich

damals aus Büchern erträumt hatte ...

Dann erinnerte sie sich an ihre Flitterwochen ... an den Vicomte,

mit dem sie Walzer getanzt hatte, ... an die Ritte durch den Wald

... an den Tenor Lagardy ... Alles das zog wieder an ihr vorüber

... Und mit einem Male stand ihr auch Leo so fern wie alles andre.

»Aber ich liebe ihn doch!« flüsterte sie.

Sie war dennoch nicht glücklich, und nie war sie das gewesen!

Warum reichte ihr das Leben nie etwas Ganzes? Warum kam immer

gleich Moder in alle Dinge, die sie an ihr Herz zog?

Wenn es irgendwo auf Erden ein Wesen gab, stark und schön und

tapfer, begeisterungsfähig und liebeserfahren zugleich, mit einem

Dichterherzen und einem Engelskörper, ein Schwärmer und Sänger,

warum war sie ihm nicht zufällig begegnet? Ach, weil das eine

Unmöglichkeit ist! Weil es vergeblich ist, ihn zu suchen! Weil

alles Lug und Trug ist! Jedes Lächeln verbirgt immer nur das

Gähnen der Langweile, jede Freude einen Fluch, jeder Genuß den

Ekel, der ihm unvermeidlich folgt! Die heißesten Küsse

hinterlassen dem Menschen nichts als die unstillbare Begierde nach

der Wollust der Götter!

Eherne Klänge dröhnten durch die Luft. Die Klosterglocke schlug

viermal. Vier Uhr! Es dünkte Emma, sie säße schon eine Ewigkeit

auf ihrer Bank. Unendlich viel Leidenschaft kann sich in einer

Minute zusammendrängen, wie eine Menschenmenge in einem kleinen

Raume ...

Emma lebte nur noch für sich selbst. Die Geldangelegenheiten

kümmerten sie nicht mehr. Aber eines Tages erschien ein Mann von

schäbigem Aussehen und erklärte, Herr Vinçard in Rouen schicke ihn

her. Er zog die Stecknadeln heraus, mit denen er die eine

Seitentasche seines langen grünen Rockes verschlossen hatte,

steckte sie im Ärmelaufschlag fest und überreichte ihr höflich ein

Papier. Es war ein Wechsel auf siebenhundert Franken, den sie

ausgestellt hatte. Lheureux hatte ihn seinem Versprechen entgegen

an Vinçard weitergegeben.

Sie schickte Felicie zu dem Händler. Er könne nicht abkommen, ließ

er zurücksagen. Der Unbekannte hatte stehend gewartet und dabei

hinter seinen dichten blonden Augenlidern neugierige Blicke auf

Haus und Hof gerichtet. Jetzt fragte er einfältig:

»Was soll ich Herrn Vinçard ausrichten?«

»Sagen Sie ihm nur«, gab Emma zur Antwort, »... ich hätte kein

Geld! Vielleicht in acht Tagen ... Er solle warten ... Ja, ja, in

acht Tagen!«

Der Mann ging, ohne etwas zu erwidern. Aber am Tage darauf erhielt

sie eine Wechselklage. Auf der gestempelten Zustellungsurkunde

starrten ihr mehrfach die Worte »Hareng, Gerichtsvollzieher in

Büchy« entgegen. Darüber erschrak sie dermaßen, daß sie

spornstreichs zu Lheureux lief.

Er stand in seinem Laden und schnürte gerade ein Paket zu.

»Ihr Diener!« begrüßte er sie. »Ich stehe Ihnen sogleich zur

Verfügung!«

Im übrigen ließ er sich in seiner Beschäftigung nicht stören, bei

der ihm ein etwa dreizehnjähriges Mädchen half. Es war ein wenig

verwachsen und versah bei dem Händler zugleich die Stelle des

Ladenmädchens und der Köchin.

Als er fertig war, führte er Frau Bovary hinauf in den ersten

Stock. Er ging ihr in seinen schlürfenden Holzschuhen auf der

Treppe voran. Oben öffnete er die Tür zu einem engen Gemach, in

dem ein großer Schreibtisch mit einem Aufsatz voller

Rechnungsbücher stand, die durch eine eiserne, mit einem

Vorhängeschloß versehene Stange verwahrt waren. An der Wand stand

ein Geldschrank von solcher Größe, daß er sichtlich noch andre

Dinge als bloß Geld und Banknoten enthalten mußte. In der Tat lieh

Lheureux Geld auf Pfänder aus. In diesem Schrank lagen unter

anderm die Kette der Frau Bovary und die Ohrringe des alten

Tellier. Der ehemalige Besitzer des Café Français hatte inzwischen

sein Grundstück verkaufen müssen und in Quincampoix einen kleinen

Kramladen eröffnet. Dort ging er seiner Schwindsucht langsam

zugrunde, inmitten seiner Talglichte, die weniger gelb waren als

sein Gesicht.

Lheureux setzte sich in seinen großen Rohrstuhl und fragte:

»Na, was gibts Neues?«

Emma hielt ihm die Vorladung hin.

»Hier, lesen Sie!«

»Ja, was geht denn mich das an?«

Diese Antwort empörte sie. Sie erinnerte ihn an sein Versprechen,

ihre Wechsel nicht in Umlauf zu bringen. Er gab das zu.

»Aber notgedrungen hab ichs doch tun müssen! Mir saß selber das

Messer an der Kehle!«

»Und was wird jetzt geschehn?«

»Ganz einfach! Erst kommt ein gerichtlicher Schuldtitel und dann

die Zwangsvollstreckung! Schwapp! Ab!«

Emma konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Sie hätte ihm beinahe

ins Gesicht geschlagen. Ruhig fragte sie, ob es denn kein Mittel

gebe, Herrn Vinçard zu vertrösten.

»Den und vertrösten! Da kennen Sie Vinçard schlecht! Das ist ein

Bluthund!«

Dann müsse eben Lheureux einspringen.

»Hören Sie mal,« entgegnete er, »mir scheint, daß ich schon genug

für Sie eingesprungen bin! Sehen Sie!« Er schlug seine Bücher auf:

»Hier! Am 3. August zweihundert Franken ... am 17. Juni

hundertundfünfzig Franken ... am 23. März sechsundvierzig Franken

... am 10. April ...«

Er hielt inne, als fürchte er eine Dummheit zu sagen.

»Dazu kommen noch die Wechsel, die mir Ihr Mann ausgestellt hat,

einen zu siebenhundert und einen zu dreihundert Franken! Von Ihren

ewigen kleinen Rechnungen und den rückständigen Zinsen gar nicht

zu reden! Das ist ja endlos! Da findet sich ja gar niemand mehr

hinein! Ich will nichts mehr mit der Sache zu tun haben!«

Emma fing an zu weinen, nannte ihn sogar ihren lieben guten

Lheureux, aber er verschanzte sich immer wieder hinter »diesen

Schweinehund, den Vinçard«. Übrigens verfüge er selber über keinen

roten Heller in bar. Kein Mensch bezahle ihn. Man zöge ihm das

Fell über die Ohren. Ein armer Händler, wie er, könne nichts

borgen.

Emma schwieg. Lheureux nagte an einem Federhalter. Durch ihr

Schweigen sichtlich beunruhigt, sagte er schließlich:

»Na, vielleicht ... wenn dieser Tage was einkommt ...«

Sie unterbrach ihn:

»Wenn ich die letzte Rate für das Grundstück in Barneville bekomme

...«

»Wieso?«

Er tat so, als sei er sehr überrascht, daß Langlois noch nicht

gezahlt habe. Mit honigsüßer Stimme sagte er:

»Na, da machen Sie mal einen Vorschlag!«

»Ach, den müssen Sie machen!«

Er schloß die Augen, als ob er sich etwas überlegte. Hierauf

schrieb er ein paar Ziffern, und dann erklärte er, er käme sehr

schlecht dabei weg, die Geschichte sei faul und er schneide sich

in sein eignes Fleisch. Schließlich füllte er vier Wechsel aus,

jeden zu zweihundertundfünfzig Franken, mit Fälligkeitstagen, die

je vier Wochen auseinanderlagen.

»Vorausgesetzt natürlich, daß Vinçard darauf eingeht!« sagte er.

»Mir solls ja recht sein! Ich fackle nicht lange! Bei mir geht

alles wie geschmiert!«

Er zeigte ihr im Vorbeigehen schnell noch ein paar Neuigkeiten.

»Es ist aber nichts für Sie darunter, gnädige Frau!« meinte er.

»Wenn ich bedenke: dieser Stoff, das Meter zu drei Groschen und

angeblich sogar waschecht! Die Leute reißen sich drum! Man sagt

ihnen natürlich nicht, was wirklich dran ist ... Sie könnens sich

ja denken!«

Durch derlei Geständnisse seiner Unreellität andern gegenüber

sollte er sich bei ihr als desto ehrlicher hinstellen. Emma war

bereits an der Tür, als er sie zurückrief und ihr drei Meter

Brokatstickerei zeigte, einen »Gelegenheitskauf«, wie er sagte.

»Prachtvoll! Nicht?« sagte er. »Man nimmt es jetzt vielfach zu

Sofabehängen. Das ist hochmodern!«

Mit der Geschicklichkeit eines Taschenspielers hatte er den

Spitzenstoff bereits in blaues Papier eingeschlagen und Emma in

die Hände gedrückt.

»Ich muß doch aber wenigstens wissen, was ...«

»Ach, das eilt ja nicht!« unterbrach er sie und wandte sich einem

andern Kunden zu.

Noch an dem nämlichen Abend bestürmte sie Karl, er solle doch

seiner Mutter schreiben, daß sie den Rest der Erbschaft schicke.

Es kam die Antwort, es sei nichts mehr da. Nach Erledigung aller

Verbindlichkeiten verblieben ihm -- abgesehen von dem Grundstück

in Barneville -- jährlich sechshundert Franken, die ihm pünktlich

zugehen würden.

Nunmehr verschickte sie an ein paar von Karls Patienten

Rechnungen; und da dies von Erfolg war, machte sie das häufiger.

Der Vorsicht halber schrieb sie darunter: »Ich bitte, es meinem

Manne nicht zu sagen. Sie wissen, wie stolz er in dieser Beziehung

ist. Verzeihen Sie gütigst. Ihre sehr ergebene ...« Hie und da

liefen Beschwerden ein, die sie unterschlug.

Um sich Geld zu verschaffen, verkaufte sie ihre alten Handschuhe,

ihre abgelegten Hüte, altes Eisen. Dabei handelte sie wie ein

Jude. Hier kam ihr gewinnsüchtiges Bauernblut zum Vorschein. Auf

ihren Ausflügen nach Rouen erstand sie allerhand Trödel, den

Lheureux an Zahlungs Statt annehmen sollte. Sie kaufte

Straußenfedern, chinesisches Porzellan, altertümliche Truhen. Sie

lieh sich Geld von Felicie, von Frau Franz, von der Wirtin vom

»Roten Kreuz«, von aller Welt. Darin war sie skrupellos. Mit dem

Geld, das sie noch für das Barneviller Haus bekam, bezahlte sie

zwei von den vier Wechseln. Die übrigen fünfzehnhundert Franken

waren im Handumdrehen weg. Sie ging neue Verpflichtungen ein und

immer wieder welche.

Manchmal versuchte sie allerdings zu rechnen, aber was dabei

herauskam, erschien ihr unglaublich. Sie rechnete und rechnete,

bis ihr wirr im Kopfe wurde. Dann ließ sie es und dachte gar nicht

mehr daran.

Um ihr Haus war es traurig bestellt. Oft sah man Lieferanten mit

wütenden Gesichtern herauskommen. Am Ofen trocknete Wäsche. Und

die kleine Berta lief zum größten Entsetzen von Frau Homais in

zerrissenen Strümpfen einher. Wenn sich Karl gelegentlich eine

bescheidene Bemerkung erlaubte, antwortete ihm Emma barsch, es sei

nicht ihre Schuld.

»Warum ist sie so reizbar?« fragte er sich und suchte die

Erklärung dafür in ihrem alten Nervenleiden. Er machte sich

Vorwürfe, daß er nicht genügend Rücksicht auf ihr körperliches

Leiden genommen habe. Er schalt sich einen Egoisten und wäre am

liebsten zu ihr gelaufen und hätte sie geküßt.

»Lieber nicht!« sagte er sich. »Es könnte ihr lästig sein!«

Und er ging nicht zu ihr.

Nach dem Essen schlenderte er allein im Garten umher. Er nahm die

kleine Berta auf seine Knie, schlug seine Medizinische

Wochenschrift auf und versuchte dem Kind das Lesen beizubringen.

Es war noch gänzlich unwissend. Sehr bald machte es große,

traurige Augen und begann zu weinen. Da tröstete er es. Er holte

Wasser in der Gießkanne und legte ein Bächlein im Kies an, oder er

brach Zweige von den Jasminsträuchern und pflanze sie als Bäumchen

in die Beete. Dem Garten schadete das nur wenig, er war schon

längst von Unkraut überwuchert. Lestiboudois hatte schon wer weiß

wie lange keinen Lohn erhalten! Dann fror das Kind, und es

verlangte nach der Mutter.

»Ruf Felicie!« sagte Karl. »Du weißt, mein Herzchen, Mama will

nicht gestört werden!«

Es wurde wieder Herbst, und schon fielen die Blätter. Jetzt war es

genau zwei Jahre her, daß Emma krank war! Wann würde das endlich

wieder in Ordnung sein? Er setzte seinen Weg fort, die Hände auf

dem Rücken.

Frau Bovary war in ihrem Zimmer. Kein Mensch durfte sie stören.

Sie hielt sich dort den ganzen Tag auf, im Halbschlafe und kaum

bekleidet. Von Zeit zu Zeit zündete sie eins der Räucherkerzchen

an, die sie in Rouen im Laden eines Algeriers gekauft hatte. Um in

der Nacht nicht immer ihren schnarchenden Mann neben sich zu

haben, brachte sie es durch allerlei Grimassen so weit, daß er

sich in den zweiten Stock zurückzog. Nun las sie bis zum Morgen

überspannte Bücher, die von Orgien und von Mord und Totschlag

erzählten. Oft bekam sie davon Angstanfälle. Dann schrie sie auf,

und Karl kam eiligst herunter.

»Ach, geh nur wieder!« sagte sie.

Manchmal wieder lief sie, vom heimlichen Feuer des Ehebruchs

durchglüht, schwer atmend und in heißer sinnlicher Erregung ans

Fenster, sog die kühle Nachtluft ein und ließ sich den Wind um das

schwere Haar wehen. Zu den Gestirnen aufblickend, wünschte sie

sich die Liebe eines Fürsten ...

Leo trat ihr vor die Phantasie. Was hätte sie in diesem Augenblick

darum gegeben, ihn bei sich zu haben und sich von ihm sattküssen

zu lassen.

Die Tage des Stelldicheins waren ihre Sonntage, Tage der

Verschwendung! Und wenn Leo nicht imstande war, alles allein zu

bezahlen, steuerte sie auf das freigebigste dazu bei, was beinahe

jedesmal der Fall war. Er versuchte, sie zu überzeugen, daß sie

ebensogut in einem einfacheren Gasthofe zusammen kommen könnten.

Sie wollte jedoch nichts davon hören.

Eines Tages brachte sie in ihrer Reisetasche ein halbes Dutzend

vergoldete Teelöffel mit, das Hochzeitsgeschenk ihres Vaters. Sie

bat Leo, sie im Leihhause zu versetzen. Er gehorchte, obgleich ihm

dieser Gang sehr peinlich war. Er fürchtete, sich bloßzustellen.

Als er hinterher noch einmal darüber nachdachte, fand er, daß

seine Geliebte überhaupt recht seltsam geworden sei und daß es

vielleicht ratsam wäre, mit ihr zu brechen. Seine Mutter hatte

übrigens einen langen anonymen Brief bekommen, in der ihr von

irgendwem mitgeteilt worden war, ihr Sohn »ruiniere sich mit einer

verheirateten Frau.« Der guten alten Dame stand sofort der

konventionelle Familienpopanz vor Augen: der Vampir, die Sirene,

die Teufelin, die im Hexenreiche der Liebe ihr Wesen treibt. Sie

wandte sich brieflich an Leos Chef, den Justizrat Dübocage, dem

die Geschichte längst schon zu Ohren gekommen war. Er nahm Leo

dreiviertel Stunden lang ordentlich ins Gebet, öffnete ihm die

Augen, wie er sich ausdrückte, und zeigte ihm den Abgrund, dem er

zusteuere. Wenn es zum öffentlichen Skandal käme, sei seine

weitere Karriere gefährdet! Er bat ihn dringend, das Verhältnis

abzubrechen, wenn nicht im eignen Interesse, so doch in seinem,

des Notars.

Leo gab zu guter Letzt sein Ehrenwort, Emma nicht wiederzusehen.

Er hielt es nicht. Aber sehr bald bereute er diesen Wortbruch,

indem er sich klar ward, in welche Mißhelligkeiten und in was für

Gerede ihn diese Frau noch bringen konnte, ganz abgesehen von den

Anzüglichkeiten, die seine Kollegen allmorgendlich losließen, wenn

sie sich am Kamine wärmten. Er sollte demnächst in die erste

Adjunktenstelle rücken. Es ward also Zeit, ein gesetzter Mensch zu

werden. Aus diesem Grunde gab er auch das Flötespielen auf. Die

Tage der Schwärmereien und Phantastereien waren für ihn vorüber!

Jeder Philister hat in seiner Jugend seinen Sturm und Drang, und

wenn der auch nur einen Tag, nur eine Stunde währt. Einmal ist

jeder der ungeheuerlichsten Leidenschaft und himmelstürmender

Pläne fähig. Den spießerlichsten Mann gelüstet es einmal nach

einer großen Kurtisane, und selbst im nüchternen Juristen hat sich

irgendwann einmal der Dichter geregt.

Es verstimmte Leo jetzt, wenn Emma ohne besondre Veranlassung an

seiner Brust schluchzte. Und wie es Leute gibt, die Musik nur in

gewissen Grenzen vertragen, so hatte er für die

Überschwenglichkeiten ihrer Liebe kein Gefühl mehr. Die wilde

Schönheit dieser Herzensstürme begriff er nicht.

Sie kannten einander zu gut, als daß der gegenseitige Besitz sie

noch zu berauschen vermochte. Ihre Liebe hatte die

Entwicklungsfähigkeit verloren. Sie waren beide einander

überdrüssig, und Emma fand im Ehebruche alle Banalitäten der Ehe

wieder.

Wie sollte sie sich aber Leos entledigen? So verächtlich ihr die

Verflachung ihres Glückes auch vorkam: aus Gewohnheit oder

Verderbtheit klammerte sie sich doch daran. Der Sinnengenuß ward

ihr immer unentbehrlicher, so sehr sie sich auch nach höheren

Wonnen sehnte. Sie warf Leo vor, er habe sie genarrt und betrogen.

Sie wünschte sich eine Katastrophe herbei, die ihre Entzweiung zur

Folge hätte, weil sie nicht den Mut hatte, sich aus freien Stücken

von ihm zu trennen.

Sie hörte nicht auf, ihn mit verliebten Briefen zu überschütten.

Ihrer Meinung nach war es die Pflicht einer Frau, ihrem Geliebten

alle Tage zu schreiben. Aber beim Schreiben stand vor ihrer

Phantasie ein ganz anderer Mann: nicht Leo, sondern ein

Traumgebilde, die Ausgeburt ihrer zärtlichsten Erinnerungen, eine

Reminiszenz an die herrlichsten Romanhelden, das leibhaft gewordne

Idol ihrer heißesten Gelüste. Allmählich ward ihr dieser imaginäre

Liebling so vertraut, als ob er wirklich existiere, und sie

empfand die seltsamsten Schauer, wenn sie sich in ihn versenkte,

obgleich sie eigentlich gar keine bestimmte Idee von ihm hatte. Er

war ihr ein Gott, in der Fülle seiner Eigenschaffen unsichtbar. Er

wohnte irgendwo hinter den Bergen, in einer Heimat romantischer

Abenteuer, unter Rosendüften und Mondenschein. Sie fühlte, er war

ihr nahe. Er umarmte und küßte sie ...

Nach solchen Traumzuständen war sie kraftlos und gebrochen. Die

Raserei dieses Liebeswahnes erschlaffte sie mehr als die wildeste

Ausschweifung.

Mehr und mehr verfiel sie in dauernde Mattheit. Gerichtliche

Zustellungen und Vorladungen kamen. Es war ihr unmöglich, sie zu

lesen. Leben war ihr eine Last. Am liebsten hätte sie immerdar

geschlafen.

Am Fastnachtsabend kam sie nicht nach Yonville zurück. Sie nahm am

Maskenballe teil. In seidnen Kniehosen und roten Strümpfen, eine

Rokokoperücke auf dem Kopfe und einen Dreimaster auf dem linken

Ohr, tollte und tanzte sie durch die laute Nacht. Es bildete sich

eine Art Gefolge um sie, und gegen Morgen stand sie unter der

Vorhalle des Theaters, umringt von einem halben Dutzend Masken,

Bekannten von Leo: Matrosen und Fischerinnen. Man wollte irgendwo

soupieren. Die Restaurants in der Nähe waren alle überfüllt.

Schließlich entdeckte man einen bescheidenen Gasthof, in dem sie

im vierten Stock ein kleines Zimmer bekamen.

Die männlichen Masken tuschelten in einer Ecke; wahrscheinlich

einigten sie sich über die Kosten. Es waren zwei Studenten der

medizinischen Hochschule, ein Adjunkt und ein Verkäufer. Was für

eine Gesellschaft für eine Dame! Und die weiblichen Wesen? An

ihrer Ausdrucksweise merkte Emma gar bald, daß sie fast alle der

untersten Volksschicht angehören mußten. Nun begann sie sich zu

ängstigen. Sie rückte mit ihrem Sessel beiseite und schlug die

Augen nieder.

Die andern begannen zu tafeln. Emma aß nichts. Ihre Stirn glühte,

ihre Augenlider zuckten, und ein kalter Schauer rieselte ihr über

die Haut. In ihrem Hirn dröhnte noch der Lärm des Tanzsaals; es

war ihr, als stampften tausend Füße im Takte um sie herum. Dazu

betäubte sie der Zigarrenrauch und der Duft des Punsches. Sie

wurde ohnmächtig. Man trug sie ans Fenster.

Der Morgen dämmerte. Hinter der Sankt-Katharinen-Höhe stand ein

breiter Purpurstreifen auf dem bleichen Himmel. Vor ihr rann der

graue Strom, im Winde erschauernd. Kein Mensch war auf den

Brücken. Die Laternenlichter verblichen.

Sie erholte sich allmählich und dachte an ihre Berta, die fern in

Yonville schlief, im Zimmer des Mädchens. Ein Wagen voll langer

Eisenstangen fuhr unten vorüber; das Metall vibrierte in

eigentümlichen Tönen ...

Da stahl sie sich in plötzlichem Entschlusse fort. Sie ließ Leo

und kam allein zurück in den Boulogner Hof. Alles, selbst ihr

eigner Körper war ihr unerträglich. Sie hätte fliegen mögen, sich

wie ein Vogel hoch emporschwingen und sich rein baden im

kristallklaren Äther.

Nachdem sie sich ihres Kostüms entledigt hatte, verließ sie den

Gasthof und ging über den Boulevard, den Causer Platz, durch die

Vorstadt, bis zu einer freien Straße mit Gärten. Sie ging rasch.

Die frische Luft beruhigte sie. Nach und nach vergaß sie die

lärmende Menge, die Masken, die Tanzmusik, das Lampenlicht, das

Souper, die Dirnen. Alles war weg wie der Nebel im Winde. Im

»Roten Kreuz« angekommen, warf sie sich aufs Bett. Es war in

demselben Zimmer des zweiten Stocks, wo ihr Leo damals seinen

ersten Besuch gemacht hatte. Um vier Uhr nachmittags ward sie von

Hivert geweckt.

Zu Haus zeigte ihr Felicie ein Schriftstück, das hinter der Uhr

steckte. Emma las:

»Beglaubigte Abschrift. Urteilsausfertigung ...« Sie hielt inne.

»Was für ein Urteil?« Sie besann sich.

Etliche Tage vorher war ein andres Schriftstück abgegeben worden,

das sie ungelesen beiseitegelegt hatte. Erschrocken las sie

weiter:

»Im Namen des Königs! ...« Sie übersprang einige Zeilen.

»... binnen einer Frist von vierundzwanzig Stunden ... achttausend

Franken ...« Und unten: »Vorstehende Ausfertigung wird ... zum

Zwecke der Zwangsvollstreckung erteilt ...«

Was sollte sie dagegen tun? Binnen vierundzwanzig Stunden!

»Die sind morgen abgelaufen!« sagte sie sich. »Unsinn! Lheureux

will mir nur angst machen!«

Mit einem Male aber durchschaute sie alle seine Machenschaften,

den Endzweck aller seiner Gefälligkeiten. Das einzige, was sie

etwas beruhigte, war gerade die enorme Höhe der Schuldsumme. Durch

ihre fortwährenden Käufe, ihr Nichtbarbezahlen, die Darlehen, das

Ausstellen von Wechseln, die Zinsen, die Prolongationen,

Provisionen usw. waren ihre Schulden bis zu dieser Höhe

angelaufen. Lheureux wartete auf dieses Geld ungeduldig. Er

brauchte es zu neuen Geschäften.

Mit unbefangener Miene trat Emma in sein Kontor.

»Wissen Sie, was mir da zugefertigt worden ist? Das ist wohl ein

Scherz!«

»Bewahre!«

»Wieso aber?«

Er wandte sich ihr langsam zu, verschränkte die Arme und sagte:

»Haben Sie sich wirklich eingebildet, meine Verehrteste, daß ich

bis zum Jüngsten Tage Ihr Hoflieferant und Bankier bliebe? Für

nichts und wieder nichts? Es ist vielmehr die höchste Zeit, daß

ich mein Geld zurückkriege! Das werden Sie doch einsehen!«

Sie bestritt die Höhe der Schuldsumme.

»Ja, das tut mir leid!« erwiderte der Händler. »Das Gericht hat

die Forderung anerkannt. Gegen den Schuldtitel ist nichts zu

machen. Sie haben ja die Vorladung bekommen! Übrigens bin ich

nicht der Kläger, sondern Vinçard.«

»Könnten Sie denn nicht ...«

»Ich kann gar nichts!«

»Aber ... sagen Sie ... überlegen wir uns einmal ...«

Sie redete hin und her. Sie habe nicht gewußt, sie sei überrascht

worden ...

»Ist das denn meine Schuld?« fragte Lheureux mit einer höhnischen

Geste. »Während ich mich hier abplagte, haben Sie herrlich und in

Freuden gelebt!«

»Wollen Sie mir eine Moralpredigt halten?«

»Das könnte nichts schaden!«

Sie wurde feig und legte sich aufs Bitten. Dabei ging sie so weit,

daß sie den Händler mit ihrer schmalen weißen Hand berührte.

»Lassen Sie mich zufrieden!« wehrte er ab. »Am Ende wollen Sie

mich gar noch verführen!«

»Sie sind ein gemeiner Mensch!« rief sie aus.

»Na, na!« lachte er. »Werden Sie nur nicht gleich ungnädig!«

»Ich werde allen Leuten erzählen, was für ein Mensch Sie sind! Ich

werde meinem Manne sagen ...«

»Und ich werde Ihrem Manne was zeigen ...«

Er entnahm seinem Geldschranke Emmas Empfangsbestätigung der Summe

für das verkaufte Grundstück.

»Glauben Sie, daß er das nicht für einen kleinen Diebstahl halten

wird, der arme gute Mann?«

Sie brach zusammen, wie von einem Keulenschlage getroffen. Lheureux

lief zwischen seinem Schreibtisch und dem Fenster hin und her und

sagte immer wieder:

»Jawohl, das zeig ich ihm ... das zeig ich ihm ...«

Plötzlich trat er vor Emma hin und sagte in wieder friedlichem

Tone:

»'s ist grade kein Vergnügen -- das weiß ich wohl! -- aber es ist

noch niemand dran gestorben, und da es der einzige Weg ist, der

Ihnen bleibt, um mich zu bezahlen ...«

»Aber wo soll ich denn das viele Geld hernehmen?« jammerte Emma

und rang die Hände.

»Na, wenn man Freunde hat wie Sie!«

Er sah sie scharf und so tückisch an, daß ihr dieser Blick durch

Mark und Bein ging.

»Ich will Ihnen einen neuen Wechsel geben ...«

»Danke! Habe genug von den alten!«

»Könnte ich nicht was verkaufen?«

»Was denn?« fragte er achselzuckend. »Sie besitzen doch gar

nichts!« Dann rief er durch das kleine Schiebfensterchen in seinen

Laden hinein: »Anna, vergiß nicht die drei Stück Tuch Nummer

vierzehn!«

Das Mädchen trat ein. Emma begriff, was das heißen sollte. Sie

machte einen letzten Versuch.

»Wieviel Geld wäre dazu nötig, die Zwangsvollstreckung

aufzuhalten?«

»Es ist schon zu spät!« antwortete Lheureux.

»Wenn ich nun aber ein paar Tausend Franken brächte? Ein Viertel

der Summe? ... Ein Drittel? ... Und noch mehr?«

»Das hätte alles keinen Zweck!«

Er drängte sie sanft dem Ausgange zu.

»Ich beschwöre Sie, bester Herr Lheureux! Nur ein paar Tage Zeit!«

Sie schluchzte.

»Donnerwetter! Gar noch Tränen!«

»Sie bringen mich zur Verzweiflung!« jammerte sie.

»Mir auch egal!«

Er machte die Türe zu.

Frau Bovary · 第 37 / 43 题