Vierzehntes Kapitel

Zunächst wußte er nicht, wie er dem Apotheker die vielen Arzneien

vergüten sollte, die er von ihm bezogen hatte. Als Arzt brauchte

er sie nicht zu bezahlen, aber das wäre ihm peinlich gewesen. Dann

war der Haushalt, jetzt wo ihn das Mädchen führte, schrecklich

teuer geworden. Die Rechnungen regneten nur so ins Haus. Die

Lieferanten begannen ungeduldig zu werden. Insbesondre mahnte

Lheureux in lästiger Weise. Er hatte den Höhepunkt von Emmas

Krankheit dazu benutzt, ihre Rechnung höher auszuschreiben, als

sie wirklich war. Flugs brachte er auch den Mantel, die Handtasche

und zwei Koffer statt des einen und noch eine Menge andrer

Gegenstände, die bestellt worden seien, wie er behauptete. Es

nützte Bovary gar nichts, daß er erklärte, er brauche die Sachen

nicht; der Händler erwiderte ihm in ungezogenem Tone, alle diese

Waren seien bei ihm bestellt und er nähme sie nicht zurück. Herr

Bovary möge sichs überlegen; er werde ihn eher verklagen als sich

selber benachteiligen. Karl befahl daraufhin dem Mädchen, die

Gegenstände im Geschäft abzugeben, aber Felicie vergaß es. Er

selbst hatte sich um andre Dinge zu kümmern und dachte nicht mehr

daran. Nach einer gewissen Zeit unternahm Lheureux einen neuen

Versuch. Bald drohend, bald jammernd, brachte er es so weit, daß

ihm Bovary schließlich einen Wechsel ausstellte, der in sechs

Monaten fällig war. Als er das Papier unterschrieb, kam ihm der

kühne Gedanke, tausend Franken von Lheureux zu leihen. Verlegen

fragte er, ob er ihm diese Summe auf ein Jahr zu beliebigem

Zinsfuß verschaffen könne. Der Handelsmann eilte sofort in seinen

Laden, brachte das Geld und zugleich einen zweiten Wechsel, durch

den sich Bovary verpflichtete, am 1. September kommenden Jahres

eintausendundsiebzig Franken zu zahlen. Mit den bereits

anerkannten hundertundachtzig Franken ergab das eine Gesamtschuld

von zwölfhundertundfünfzig Franken. Lheureux machte hierbei ein

ganz hübsches Geschäft; im übrigen wußte er im voraus genau, daß

es hierbei nicht bliebe. Er rechnete darauf, daß der Arzt die

Wechsel am Fälligkeitstage nicht einlösen könne und sie

prolongieren müsse. Auf diese Weise sollte das erst armselige

Sümmchen im Hause des Arztes wie in einem Sanatorium eine

ordentliche Mastkur durchmachen und eines Tages dick und rund zu

ihm zurückkehren.

Lheureux hatte allenthalben Erfolge. Er erlangte die regelmäßigen

Apfelweinlieferungen für das Neufchâteler Krankenhaus. Der Notar

Guillaumin schanzte ihm Aktien der Torfgruben zu Grümesnil zu.

Dazu trug er sich mit dem Plane, zwischen Argueil und Rouen eine

neue Postverbindung zu eröffnen, die den alten Rumpelkasten des

Goldnen Löwen unbedingt außer Konkurrenz stellen sollte, indem sie

schneller führe, billiger wäre und Eilgut bestelle. Damit wollte

er den ganzen Handel von Yonville in seine Hände bringen.

Karl grübelte oftmals darüber nach, wie er die beträchtliche

Wechselschuld in einem Jahre wohl tilgen könne. Er kam dabei auf

allerhand Möglichkeiten. Sollte er sich an seinen Vater wenden

oder irgend etwas verkaufen? Aber ersteres hatte vermutlich keinen

Erfolg, und zu verkaufen gab es nichts. Er mochte sich sonst noch

ausdenken, was er wollte: überall drohten die größten

Schwierigkeiten. Und so schenkte er sich nur allzu gern weitere

unerfreuliche Überlegungen. Er redete sich ein, er vernachlässige

seine Frau, wenn er ihr nicht all sein Dichten und Trachten widme.

Er wollte an nichts andres denken, selbst wenn ihr dadurch kein

Abbruch geschähe.

Der Winter war streng. Emmas Genesung schritt nur langsam

vorwärts. Als das Wetter wärmer wurde, schob man sie in ihrem

Lehnstuhl an das Fenster, und zwar an das nach dem Marktplatze zu

gelegene. Das andre mit dem Blick in den Garten war ihr jetzt

verleidet; deshalb mußte seine Jalousie beständig heruntergelassen

bleiben. Sie bestimmte, daß ihr Reitpferd verkauft werden solle.

Alles, was ihr früher lieb gewesen, war ihr nunmehr zuwider. Sie

kümmerte sich um nichts mehr als um ihre eigene Person. Die

kleinen Mahlzeiten nahm sie in ihrem Bett ein. Manchmal klingelte

sie dem Mädchen, um sich die Arznei reichen zu lassen oder um mit

ihm zu plaudern. Der Schnee auf dem Dache der Hallen warf seinen

hellen, immer gleichen Widerschein in das Zimmer. Dann kamen

Regentage. Sie empfand eine Art Angst vor den sich alle Tage

wiederholenden unausbleiblichen kleinen und kleinsten Ereignissen,

die sie eigentlich gar nichts angingen, am meisten vor der

allabendlichen Ankunft der Post im Goldnen Löwen. Dann redete die

Wirtin laut, allerlei andre Stimmen lärmten dazwischen, und die

Laterne Hippolyts, der unter den Koffern auf dem Wagenverdeck

herumsuchte, leuchtete wie ein Stern durch die Dunkelheit. Um die

Mittagszeit kam Karl nach Hause, dann ging er wieder. Sie trank

ihre Bouillon. Um fünf Uhr, wenn es zu dämmern begann, kamen die

Kinder aus der Schule; sie klapperten mit ihren Holzschuhen über

das Trottoir, und im Vorübergehen schlug eins wie das andere mit

dem Lineal gegen die eisernen Riegel der Fensterläden.

Um diese Zeit pflegte sich der Pfarrer einzustellen. Er erkundigte

sich nach ihrem Befinden, erzählte ihr Neuigkeiten und ermahnte

sie zur Frömmigkeit in gefälligem Plaudertone. Schon der Anblick

der Soutane hatte für Emma etwas Beruhigendes.

Eines Tages, als ihre Krankheit am schlimmsten war, hatte sie nach

dem Abendmahl verlangt, im Glauben, ihr letztes Stündlein sei

gekommen. Während man im Gemach die nötigen Vorbereitungen zu

dieser Zeremonie traf, die mit Arzneiflaschen bedeckte Kommode in

einen Altar wandelte und den Fußboden mit Blumen bestreute, da war

es ihr, als überkäme sie eine geheimnisvolle Kraft, die ihr ihre

Schmerzen, alle Empfindungen und Wahrnehmungen nahm. Sie war wie

körperlos geworden, sie hegte keine Gedanken mehr, und ein neues

Leben begann ihr. Sie hatte das Gefühl, als schwebe ihre Seele gen

Himmel, als verlösche sie in der Sehnsucht nach dem ewigen Frieden

wie eine Opferflamme über verglimmendem Räucherwerk. Man

besprengte ihr Bett mit Weihwasser. Der Priester nahm die weiße

Hostie aus dem heiligen Ciborium. Halb ohnmächtig vor

überirdischer Lust, öffnete Emma die Lippen, um den Leib des

Heilands zu empfangen, der sich ihr bot. Die Bettvorhänge um sie

herum bauschten sich weich wie Wolken, und die beiden brennenden

Kerzen auf der Kommode leuchteten ihr mit ihrem Strahlenkranze wie

Gloriolen herüber. Als sie mit dem Kopfe in das Kissen zurücksank,

glaubte sie aus himmlischen Höhen seraphische Harfenklänge zu

hören und im Azur auf goldnem Throne, umringt von Heiligen mit

grünen Palmen, Gott den Vater in aller seiner erhabenen

Herrlichkeit zu schaun. Er winkte, und Engel mit Flammenflügeln

wallten zur Erde hernieder, um sie emporzutragen ...

Diese wundervolle Vision bewahrte Emma in ihrem Gedächtnisse. Es

war der allerschönste Traum, den sie je geträumt. Sie gab sich

Mühe, das Bild immer wieder zu empfinden. Es wich ihr nicht aus

der Phantasie, aber es erschien ihr nur manchmal und in süßer

Verklärung. Ihr einst so stolzer Sinn beugte sich in christlicher

Demut. Das Gefühl der menschlichen Ohnmacht ward ihr ein

köstlicher Genuß. Sie sah förmlich, wie aus ihrem Herzen der

eigene Wille wich und der hereindringenden göttlichen Gnade Tür

und Tor weit öffnete. Es gab also außer dem Erdenglück eine höhere

Glückseligkeit und über aller Liebe hienieden eine andre

erhabenere, ohne Schwankungen und ohne Ende, eine Brücke in das

Ewige! In neuen Illusionen erträumte sie sich über der Erde ein

Reich der Reinheit, einen Vorhimmel. Dort zu weilen, ward ihre

Sehnsucht. Sie wollte eine Heilige werden. Sie kaufte sich

Rosenkränze und trug Amulette. Ihr größter Wunsch war, in ihrem

Zimmer, zu Häupten ihres Bettes, einen Reliquienschrein mit

Smaragden zu besitzen. Den wollte sie dann alle Abende küssen.

Der Pfarrer wunderte sich über Emmas Wandlung, verhehlte sich

jedoch nicht, daß diese allzu inbrünstige Frömmigkeit sehr leicht

in Überschwenglichkeit und Ketzerei ausarten könne. Aber er war

kein Seelenkenner, zumal außergewöhnlichen Erscheinungen

gegenüber. Deshalb wandte er sich an den Buchhändler des

Erzbischofs und bat ihn, ihm »ein passendes Erbauungsbuch für eine

gebildete Frauensperson« zu schicken. Mit der größten

Gleichgültigkeit, als handle es sich darum, irgendwelchen

Krimskram an einen Kamerunneger zu versenden, packte der

Buchhändler alle möglichen gerade vorrätigen frommen Schriften in

ein Paket: Katechismen in Form von Frage und Antwort,

Streitschriften aufgeblasener Dogmatiker und frömmelnde Romane in

rosa Einbändchen und süßlichem Stil, verbrochen von dichtenden

Schulmeistern oder blaustrümpfigen Betschwestern, mit Titeln wie:

»Die Herzpostille«, »Der Weltmann zu Füßen Mariä. Von Herrn von

***, Ritter mehrerer Orden«, »Voltaires Ketzereien zum Gebrauch

für die Jugend«, usw. usw.

Emma war seelisch noch viel zu schwach, um sich mit geistigen

Dingen ernstlich befassen zu können. Überdies stürzte sie sich auf

diese Bücher mit allzu großem Bedürfnis nach wirklicher Erbauung.

Die Starrheit der kirchlichen Lehren empörte sie, die Anmaßungen

der Polemik stießen sie ab, und die Intoleranz, mit der ihr

unbekannte Menschen verfolgt wurden, mißfiel ihr. Die Romane, in

denen profane Dinge durch religiöse Ideen aufgeputzt waren,

entbehrten ihr zu sehr auch nur der geringsten Weltkenntnis. Sie

verschleierten die Realitäten des Lebens, für deren Brutalität sie

viel lieber literarische Beweise gefunden hätte. Trotzdem las sie

weiter, und wenn ihr eins der Bücher aus den Händen glitt, dann

wähnte sie den zartesten Weltschmerz der katholischen Mystik zu

empfinden, wie ihn nur die übersinnlichsten Seelen zu verspüren

imstande sind.

Das Andenken an Rudolf hatte sie in die Tiefen ihres Herzens

begraben; darin ruhte es unberührter und stiller denn eine

ägyptische Königsmumie in ihrer Kammer. Aus dieser großen

eingesargten Liebe drang ein leiser, alles durchströmender Duft

von Zärtlichkeit in das neue reine Dasein, das Emma führen wollte.

Wenn sie in ihrem gotischen Betstuhl kniete, richtete sie an ihren

Gott genau die verliebten Worte, die sie einst ihrem Geliebten

zugeflüstert hatte in den Ekstasen des Ehebruchs. Damit wollte sie

der göttlichen Gnade teilhaftig werden. Aber vom Himmel her kam

ihr keine Tröstung, und sie erhob sich mit müden Gliedern und dem

leeren Gefühl, namenlos betrogen worden zu sein. Dieses Suchen,

dachte sie bei sich, sei wiederum ein Verdienst, und im Hochmut

ihrer Selbsterniedrigung verglich sich Emma mit den großen Damen

der Vergangenheit, deren Ruhm ihr damals, als sie über den Szenen

aus dem Leben des Fräuleins von Lavallière träumte, aufgegangen

war, jenen Damen in ihren mit königlicher Anmut getragenen langen

kostbaren Schleppkleidern, die in einsamen Stunden zu Füßen

Christi ihre vom Leben verwundeten Herzen ausgeweint hatten.

Nun wurde sie über die Maßen mildtätig. Sie nähte Kleider für die

Armen, schickte Wöchnerinnen Brennholz, und als Karl eines Tages

heimkam, fand er in der Küche drei Gassenjungen, die Suppe aßen.

Die kleine Berta wurde wieder ins Haus genommen; Karl hatte sie

während der Krankheit seiner Frau von neuem zu der Amme gegeben.

Nun wollte ihr Emma das Lesen beibringen. Wenn das Kind weinte,

regte sie sich nicht mehr auf. Es war eine Art Resignation über

sie gekommen, eine duldsame Nachsicht gegen alles. Ihre Sprache

ward voll gewählter Ausdrücke, selbst Alltäglichkeiten gegenüber.

Die alte Frau Bovary hatte nichts mehr an Emma auszusetzen,

abgesehen von ihrer Manie, für Waisenkinder Jacken zu stricken und

ihre eigenen Wischtücher unausgebessert zu lassen. Aber die gute

Frau war der Zwiste in ihres Mannes Hause dermaßen müde, daß ihr

der Frieden am Herde ihres Sohnes so wohltat, daß sie bis nach

Ostern dablieb, um den Bärbeißigkeiten des alten Bovary zu

entgehen, der alle Freitage, an den Fastentagen, unbedingt eine

Bratwurst auf dem Tische sehen wollte.

Außer der Gesellschaft ihrer Schwiegermutter, die ihr durch ihre

Rechtlichkeit und ihr würdiges Wesen einen gewissen Halt gab,

hatte Emma jetzt fast alle Tage Besuch bei sich. Es verkehrten mit

ihr: Frau Langlois, Frau Caron, Frau Dübreuil, Frau Tüvache, sowie

die treffliche Frau Homais, die sich regelmäßig zwischen drei und

fünf Uhr einstellte. Sie hatte dem Klatsch, der über ihre

Nachbarin im Umlauf gewesen war, niemals Glauben schenken wollen.

Auch die Apothekerskinder kamen mitunter in Justins Begleitung. Er

brachte sie in Emmas Zimmer und blieb in der Nähe der Türe stehen,

ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu sagen. Oft gewahrte ihn

Frau Bovary gar nicht und ließ sich in ihrem Toilettemachen nicht

stören. Sie kämmte sich das Haar, wobei sie den Kopf nach dem

Durchziehen des Kammes jedesmal mit einer eigentümlichen heftigen

Bewegung zurückwarf. Als der arme Junge zum ersten Male diese

volle Haarflut sah, die in langen schwarzen Ringeln bis zu den

Knien herabwallte, war es ihm zumute, als schaue er plötzlich ganz

Neues, Außergewöhnliches, und er starrte wie geblendet hin.

Sicherlich bemerke Emma weder sein stummes Entzücken noch seine

schüchterne Verehrung. Sie hatte keine Ahnung, daß die aus ihrem

Leben entschwundene Liebe dort, ihr ganz nahe, in neuer Gestalt

wieder auftauchte, unter einem groben Leinwandhemd, in einem

jungen Herzen, das sich der Offenbarung ihrer Frauenschönheit weit

öffnete. Im übrigen war sie jetzt in jeder Hinsicht grenzenlos

gleichgültig. Mit dem stolzesten Gesichte sagte sie die

zärtlichsten Worte. Ihr ganzes Benehmen war so widerspruchsvoll,

daß man Selbstsucht nicht mehr von Mitleid an ihr unterscheiden

konnte. Man wußte nicht mehr, war sie verdorben oder unnahbar.

Zum Beispiel war sie eines Abends sehr ungehalten über ihr

Dienstmädchen. Es bat, ausgehen zu dürfen, und stotterte

irgendeinen Vorwand her. Unvermittelt fragte Emma:

»Du liebst ihn also?« und, ohne Felicies Antwort abzuwarten, fügte

sie in traurigem Tone hinzu: »Geh! Lauf! Vergnüge dich!«

In den ersten Frühlingstagen ließ sie den Garten vollständig

umändern. Karl war anfangs dagegen, dann jedoch freute er sich

darüber, daß sie endlich wieder einmal einen bestimmten Wunsch

äußerte. Nach und nach bewies sie auch anderweitig, daß sie sich

wieder erholt hatte. Zunächst brachte sie es zuwege, daß Frau

Rollet, die Amme, die sichs angewöhnt hatte, Tag für Tag mit ihren

Säuglingen und Ziehkindern und einem kannibalischen Appetit in der

Küche zu erscheinen, von dannen gejagt wurde. Sodann schüttelte

sie sich die Familie Homais vom Halse, nach und nach auch die

andern regelmäßigen Besucherinnen. Sogar in die Kirche ging sie

seltener, zur großen Freude des Apothekers, der ihr daraufhin

freundschaftlichst erklärte:

»Ich dachte schon, Sie seien eine Betschwester geworden!«

Bournisien kam nach wie vor alle Tage nach der Katechismusstunde.

Am liebsten blieb er im Freien, im »Hain«, wie er die Laube

scherzhaft zu nennen pflegte. Um dieselbe Zeit kehrte auch Karl

meist heim. Beiden war warm, und so bekamen die beiden Männer eine

Flasche Apfelsekt vorgesetzt, den sie »auf die völlige Genesung

der gnädigen Frau« tranken.

Öfters fand sich auch Binet ein, das heißt: er saß etwas tiefer,

vor dem Garten, am Bache, um zu krebsen. Bovary lud ihn zu einer

kleinen Erfrischung ein. Binet war ein Meister im Aufbrechen von

Sektflaschen.

»Zunächst muß man die Bulle senkrecht auf den Tisch stellen,«

dozierte er, indem er selbstbewußt um sich blickte, »dann

zerschneidet man die Bindfäden, und dann läßt man dem Pfropfen

ganz, ganz sachte, nach und nach Luft. Sooo!«

Aber bei dieser Vorführung spritzte der Sekt öfters der ganzen

Gesellschaft in die Gesichter, und der Priester unterließ es

niemals, behaglich schmunzelnd den Witz zu machen:

»Seine Vortrefflichkeit springt einem buchstäblich in die Augen!«

Er war wirklich ein guter Mensch. Er hatte nicht einmal etwas

dagegen, als der Apotheker dem Arzte empfahl, er solle mit seiner

Frau zu ihrer Zerstreuung nach Rouen fahren und sich dort im

Theater den berühmten Tenor Lagardy anhören. Homais wunderte sich

über diese Duldsamkeit und fühlte ihm deshalb etwas auf den Zahn.

Der Priester erklärte, er halte die Musik für weniger

sittenverderbend als die Literatur. Aber Homais verteidigte die

letztere. Er behauptete, das Theater kämpfe unter dem leichten

Gewande des Spiels gegen veraltete Ideen und für die wahre Moral.

»Castigat ridendo mores, verehrter Herr Pfarrer!« zitierte

er. »Sehen Sie sich daraufhin mal die Tragödien Voltaires an! Die

meisten von ihnen sind mit philosophischen Aphorismen durchsetzt,

die eine wahre Schule der Moral und Lebensklugheit für das Volk

sind.«

»Ich habe einmal ein Stück gesehen,« sagte Binet, »es hieß: 'Der

Pariser Taugenichts.' Darin kommt ein alter General vor, wirklich

ein hahnebüchner Kerl. Er verstößt seinen Sohn, der eine

Arbeiterin verführt hat; zu guter Letzt aber ...«

»Gewiß«, unterbrach ihn Homais, »gibt es schlechte Literatur,

genau so wie es schlechte Arzneien gibt. Aber die wichtigste aller

Künste deshalb gleich in Bausch und Bogen zu verurteilen, das

dünkt mich eine kolossale Dummheit, eine groteske Idee, würdig der

abscheulichen Zeiten, die einen Galilei im Kerker schmachten

ließen.«

Der Pfarrer ergriff das Wort:

»Ich weiß sehr wohl: es gibt gute Dramen und gute

Theaterschriftsteller. Aber diese modernen Stücke, in denen

Personen zweierlei Geschlechts in Prunkgemächern, vollgepfropft

von weltlichem Tand, zusammengesteckt werden, diese schamlosen

Bühnenmätzchen, dieser Kostümluxus, diese Lichtvergeudung, dieser

Feminismus, alles das hat keine andre Wirkung, als daß es

leichtfertige Ideen in die Welt setzt, schändliche Gedanken und

unzüchtige Anwandlungen. Wenigstens ist das zu allen Zeiten die

Ansicht der kirchlichen Autoritäten.«

Er nahm einen salbungsvollen Ton an, während er zwischen seinen

Fingern eine Prise Tabak hin und her rieb. »Und wenn die Kirche

das Theater zuweilen in Acht und Bann getan hat, war sie in ihrem

vollen Rechte. Wir müssen uns ihrem Gebote fügen.«

»Jawohl,« eiferte der Apotheker, »man exkommuniziert die

Schauspieler. In früheren Jahrhunderten nahmen sie an den

kirchlichen Feiern teil. Man spielte sogar in der Kirche

possenhafte Stücke, die sogenannten Mysterien, in denen es häufig

nichts weniger als dezent zuging ...«

Der Geistliche begnügte sich, einen Seufzer auszustoßen. Der

Apotheker redete immer weiter:

»Und wie stehts mit der Bibel? Es wimmelt darin -- Sie wissens ja

am besten -- von Unanständigkeiten und -- man kann nicht anders

sagen -- groben Schweinereien ...« Bournisien machte eine

unwillige Gebärde. »Aber Sie müssen mir doch zugeben, daß das kein

Buch ist, das man jungen Leuten in die Hand geben kann. Ich werde

es nie zulassen, daß meine Athalie ...«

»Das sind ja die Protestanten, nicht wir,« rief der Pfarrer

ungeduldig, »die den Leuten die Bibel überlassen!«

»Das kommt hier nicht in Frage«, erklärte Homais. »Ich wundre mich

nur, daß man noch in unsrer Zeit, im Jahrhundert der

wissenschaftlichen Aufklärung, eine geistige Erholung zu verdammen

sucht, die in gesellschaftlicher, in moralischer, ja sogar in

hygienischer Beziehung die Menschheit fördert! Das ist doch so,

nicht, Doktor?«

»Zweifellos!« erwiderte der Arzt nachlässig. Entweder wollte er

niemandem zu nahetreten, obgleich er dieselbe Ansicht hegte, oder

er hatte hierüber überhaupt keine Meinung.

Die Unterhaltung war eigentlich zu Ende, aber der Apotheker hielt

es für angebracht, eine letzte Attacke zu reiten.

»Ich habe Geistliche gekannt,« behauptete er, »die in Zivil ins

Theater gingen, um die Balletteusen mit den Beinen strampeln zu

sehen.«

»Ach was!« wehrte der Pfarrer ab.

»Doch! Ich kenne welche!« Und nochmals sagte er, Silbe für Silbe

einzeln betonend: »Ich -- ken -- ne -- wel -- che!«

»Na ja,« meinte Bournisien nachgiebig, »die Betreffenden haben da

aber etwas Unrechtes getan.«

»Was Unrechtes? Der Teufel soll mich holen! Sie taten noch ganz

andre Dinge!«

»Herr -- Apo -- the -- ker!« rief der Geistliche mit einem so

zornigen Blicke, daß Homais eingeschüchtert wurde und einlenkte:

»Ich wollte damit ja nur sagen, daß die Toleranz die beste

Fürsprecherin der Kirche ist.«

»Sehr wahr! Sehr wahr!« gab der gutmütige Pfarrer zu, indem er

sich wieder in seinen Stuhl zurücklehnte. Er blieb aber nur noch

ein paar Minuten.

Als er fort war, sagte Homais zu Bovary:

»Das war eine ordentliche Abfuhr! Dem hab ichs mal gesteckt! Sie

habens ja mit angehört! Um darauf zurückzukommen: tun Sie das ja,

führen Sie Ihre Frau in das Theater, und wenns bloß deshalb wäre,

um diesen schwarzen Raben damit zu ärgern. Sapperlot! Wenn ich

einen Vertreter hätte, begleitete ich Sie selber! Aber halten Sie

sich dazu! Lagardy singt nur einen einzigen Abend. Er hat ein

Engagement nach England für ein Riesenhonorar! Übrigens soll er

ein toller Schwerenöter sein! Er schwimmt im Gold! Drei Geliebte

bringt er mit und seinen Leibkoch! Alle diese großen Künstler

können nicht rechnen. Sie brauchen ein verschwenderisches Dasein,

es regt ihre Phantasie an. Freilich enden sie im Spittel, weil sie

in jungen Jahren nicht zu sparen verstehen ... Na, gesegnete

Mahlzeit! Auf Wiedersehn!«

Der Gedanke, das Theater zu besuchen, schlug in Bovarys Kopfe

schnell Wurzel. Er redete Emma in einem fort zu. Anfangs wollte

sie nichts davon wissen und meinte, sie fühle sich zu schwach, es

sei zu beschwerlich und zu kostspielig. Ausnahmsweise gab Karl

nicht nach, zumal er sich einbildete, daß ihr diese Zerstreuung

sehr dienlich wäre. Irgendwelche Schwierigkeit lag nicht vor.

Seine Mutter hatte ihm jüngst ganz unvermutet dreihundert Franken

geschickt. Die laufenden Ausgaben waren nicht groß, und die

Wechselschuld bei Lheureux war noch lange nicht fällig, so daß er

daran nicht zu denken brauchte. Er dachte, Emma sträube sich nur

aus Rücksicht auf ihn. Deshalb bestürmte er sie immer mehr, bis

sie seinen Bitten schließlich nachgab. Am andern Morgen um acht

Uhr fuhren sie mit der Post ab.

Den Apotheker hielt nichts Dringliches in Yonville zurück, aber er

hielt sich für unabkömmlich. Als er die beiden einsteigen sah,

jammerte er.

»Glückliche Reise!« sagte er. »Habt ihrs gut!« Und zu Emma

gewandt, fügte er hinzu: »Sie sehen zum Anbeißen hübsch aus! Sie

werden in Rouen Furore machen!«

Die Post spannte in Rouen im »Roten Kreuz« am Beauvoisine-Platz

aus. Das war ein regelrechter Vorstadtgasthof mit geräumigen

Ställen und winzigen Fremdenzimmern. Mitten im Hofe lief eine

Schar Hühner herum, die unter den verschmutzten Einspännern der

Geschäftsreisenden ihre Haferkörner aufpickten. Es war eine der

Herbergen aus der guten alten Zeit. Sie haben morsche Holzbalkone,

die in den Winternächten im Winde knarren; die Gäste, der Lärm

und die Esserei werden in ihnen nie alle; die schwarzen

Tischplatten sind voller großer Kaffeeflecke, die trüben dicken

Fensterscheiben voller Fliegenschmutz und die feuchten Servietten

voller Rotweinspuren. Auf der Straßenseite gibt es ein Café und

hinten nach dem Freien zu einen Gemüsegarten. Alles trägt einen

ländlichen Anstrich.

Karl machte sofort einen Besorgungsgang. An der Theaterkasse wußte

er nicht, was Parkett, Proszeniumsloge, erster Rang und Galerie

war; er bat um Auskunft, wurde dadurch aber auch nicht klüger. Der

Kassierer wies ihn in die Direktion. Schließlich rannte er noch

einmal in den Gasthof zurück, dann wieder an die Kasse. Auf diese

Weise lief er mehrmals durch die halbe Stadt.

Frau Bovary kaufte sich einen neuen Hut, Handschuhe und Blumen.

Karl war fortwährend in Angst, den Beginn der Oper zu versäumen.

Und so nahmen sie sich beide keine Zeit, einen Bissen zu sich zu

nehmen. Als sie aber vor dem Theater ankamen, waren die Türen noch

geschlossen.

Frau Bovary · 第 28 / 43 题