Dreizehntes Kapitel

Kaum auf seinem Gute angekommen, setzte sich Rudolf eiligst an den

Schreibtisch, über dem an der Wand ein Hirschgeweih, eine

Jagdtrophäe, hing. Aber sowie er die Feder in der Hand hatte,

wußte er nicht, was er schreiben sollte. Den Kopf zwischen beide

Hände gestützt, begann er nachzudenken. Emma war ihm in weite

Ferne entrückt. Der bloße Entschluß, mit ihr zu brechen, hatte sie

ihm mit einem Male ungeheuerlich entfremdet.

Um sie greifbarer vor sich zu haben, suchte er aus dem Schranke,

der am Kopfende seines Bettes stand, eine alte Blechschachtel

hervor, in der ursprünglich einmal Kakes drin gewesen waren und in

der er seine »Weiberbriefe« aufbewahrte. Geruch von Moder und

vertrockneten Rosen drang ihm entgegen. Zu oberst lag ein

Taschentuch, verblaßte Blutflecken darauf. Es war von Emma; auf

einem ihrer gemeinsamen Spaziergänge hatte sie einmal Nasenbluten

bekommen. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Daneben lag ein Bild von

ihr, das sie ihm geschenkt hatte. Alle vier Ecken daran waren

abgestoßen. Das Kleid, das sie auf diesem Bilde anhatte, kam ihm

theatralisch vor und ihr himmelnder Blick jämmerlich. Wie er sich

ihr Konterfei so betrachtete und sich das Urbild in die Phantasie

zurückzurufen suchte, verschwammen Emmas Züge in seinem

Gedächtnisse, gleichsam als ob sich die noch lebende Erinnerung

und das gemalte Bildchen gegenseitig befehdeten und eins das andre

vernichtete.

Nun fing er an, in ihren Briefen zu lesen. Die aus der letzten

Zeit wimmelten von Anspielungen auf die Reise; sie waren kurz,

sachlich und in Eile hingeschrieben, wie Geschäftsbriefe. Er

suchte nach den langen Briefen von einst. Da sie zu unterst lagen,

mußte er den ganzen Kasten durchwühlen. Aus dem Wust von Papieren

und kleinen Gegenständen zog er mechanisch welke Blumen, ein

Strumpfband, eine schwarze Maske, Haarnadeln und Locken heraus.

Braune und blonde Locken. Ein paar Haare davon hatten sich ins

Scharnier gezwängt und rissen nun beim Herausnehmen ...

Mit allen diesen Andenken vertrödelte er eine Weile. Er stellte

seine Betrachtungen über die verschiedenen Handschriften an, über

den Stil in den einzelnen Briefbündeln, über die nicht minder

variierende Rechtschreibung darin. Die einen hatten zärtlich

geschrieben, andre lustig, witzig oder rührselig. Die wollten

Liebe, jene Geld. Zuweilen erinnerte sich Rudolf bei einem

bestimmten Worte an Gesichter, an gewisse Gesten, an den Klang

einer Stimme. Manche wiederum beschworen nicht die geringste

Erinnerung herauf.

Alle diese Frauen kamen ihm jetzt alle auf einmal in den Sinn.

Jede war eine Feindin der andern. Alle zogen sie sich gegenseitig

in den Schmutz. Etwas Gemeinsames -- die Liebe -- stellte sie

allesamt auf ein und dasselbe Niveau.

Wahllos nahm er einen Stoß Briefe in die Finger, bildete eine Art

Fächer daraus und spielte damit. Schließlich aber warf er sie,

halb gelangweilt, halb verträumt, wieder in den Kasten und stellte

diesen in den Schrank zurück.

»Lauter Blödsinn!«

Das war der Extrakt seiner Lebensweisheit. Sein Herz war wie ein

Schulhof, auf dem die Kinder so erbarmungslos herumgetrampelt

waren, daß kein grüner Halm mehr sproß. Die Freuden des Daseins

hatten noch gründlicher gewirtschaftet. Die Schüler kritzeln ihre

Namen an die Mauern. In Rudolfs Herz war keiner zu lesen.

»Nun aber los!« rief er sich zu.

Er begann zu schreiben:

»Liebe Emma!

Sei tapfer! Ich will Dir Deine Existenz nicht zertrümmern ...«

»Eigentlich sehr richtig!« dachte er bei sich. »Das ist nur in

ihrem Interesse. Also durchaus anständig von mir ...«

»... Hast Du Dir Deinen Entschluß wirklich reiflich überlegt? Hast

Du aber auch den Abgrund bemerkt, armes Lieb, in den ich Dich

beinahe schon geführt hätte? Wohl nicht! Du folgst mir tollkühn

und zuversichtlich, im festen Glauben an das Glück, an die

Zukunft! Ach, wie unglücklich sind wir! Und wie verblendet waren

wir!«

Rudolf hörte zu schreiben auf. Er suchte nach guten Ausflüchten.

»Wenn ich ihr nun sagte, ich hätte mein Vermögen verloren? Ach,

nein, lieber nicht! Übrigens nützte das nichts. Die Geschichte

ging dann doch wieder von neuem los. Es ist, weiß Gott, verdammt

schwer, so eine Frau wieder vernünftig zu machen!«

Er sann nach, dann schrieb er weiter:

»Ich werde Dich niemals vergessen. Glaube mir das! Mein ganzes

Leben lang werde ich in inniger Verehrung Deiner gedenken. So

aber hätte sich unsre Leidenschaft (das ist nun einmal das

Schicksal alles Menschlichen!) eines Tages, früher oder später,

doch verflüchtet. Zweifellos! Wir wären ihrer müde geworden, und

wer weiß, ob mir nicht der gräßliche Schmerz beschieden gewesen

wäre, Deine Reue zu erleben und selber welche zu empfinden als

Veranlasser der Deinigen? Die bloße Vorstellung, Dir dieses Leid

verursachen zu können, martert mich. Liebste Emma, vergiß mich!

Wir hätten uns nie kennen lernen sollen! Warum bist Du so schön!

Bin ich der Schuldige? Bei Gott, nein, nein! Wir müssen das

Schicksal anklagen ...«

»Dieses Wort machte immer Eindruck«, sagte er zu sich.

»Ja, wenn Du eine leichtsinnige Frau wärst, wie es ihrer so viele

gibt, ja dann hätte ich den Versuch wagen können, aus Egoismus,

ohne Gefahr für Dich. Aber bei Deiner köstlichen schwärmerischen

Art, dem Quell Deines Reizes und zugleich Deines vielen Kummers,

bist Du nicht imstande, Du Beste aller Frauen, die Kehrseite

unsrer zukünftigen Stellung in der Welt vorauszusehen. Auch ich

habe zunächst gar nicht daran gedacht, habe mich in unserm

Höhenglücke behaglich gesonnt, mich in ein Märchenland geträumt

und mich um keine Folgen gekümmert ...«

»Vielleicht glaubt sie, ich zöge mich aus Geiz zurück ... Auch

egal! Desto besser! Wenns nur Schluß wird!«

»... Die Welt ist grausam, geliebte Emma. Man hätte uns überall,

wohin wir gekommen wären, Schwierigkeiten bereitet. Du hättest

unverschämte Fragen, Verleumdungen, Schmähungen und vielleicht

Beleidigungen über Dich ergehen lassen müssen. Beleidigungen, Du!

Und ich wollte Dich zu meiner Königin erheben. Du solltest mein

Heiligstes sein. Nun bestrafe ich mich mit der Verbannung, weil

ich Dir so viel Schlimmes angetan habe. Ich gehe fort. Wohin? Ach,

ich weiß es nicht, ich bin wahnsinnig!

Lebwohl! Bleib immer gut! Und vergiß den Unglücklichen nicht ganz,

der Dich verloren hat! Lehre Deine Kleine meinen Namen, damit sie

mich in ihre Gebete einschließt!«

Die Lichter der beiden Kerzen flackerten unruhig. Rudolf stand vom

Schreibtisch auf und schloß das Fenster.

»So! Ich denke, das genügt! Halt! Noch etwas! Auf keinen Fall eine

Aussprache!«

Er setzte sich wieder hin und schrieb weiter:

»Wenn Du diese betrübten Zeilen lesen wirst, bin ich schon weit

weg, denn ich muß eilends fliehen, um der Versuchung zu entrinnen,

Dich wiedersehen zu wollen. Ich darf nicht schwach werden! Wenn

ich wiederkomme, dann werden wir vielleicht miteinander von unsrer

verlorenen Liebe reden, kühl und vernünftig. Adieu!«

Er setzte noch ein »A dieu!« darunter, in zwei Worten geschrieben.

Das hielt er für sehr geschmackvoll.

»Wie soll ich nun unterzeichnen?« fragte er sich. »Dein

ergebenster? Nein! Dein treuer Freund? Ja, ja! Machen wir!«

Und er schrieb:

»Dein treuer Freund

R.«

Er las den ganzen Brief noch einmal durch. Er gefiel ihm.

»Armes Frauchen!« dachte er in einem Anflug von Rührseligkeit.

»Sie wird denken, ich sei gefühllos wie Stein. Eigentlich fehlen

ein paar Tränenspuren. Aber heulen kann ich nicht. Das ist mein

Fehler.«

Er goß etwas Wasser aus der Flasche in ein Glas, tauchte einen

Finger hinein, hielt die Hand hoch und ließ einen großen Tropfen

auf den Briefbogen herabfallen. Die Tinte der Schrift färbte ihn

blaßblau. Um den Brief zu versiegeln, suchte er nun nach einem

Petschaft. Das mit dem Wahlspruch Amor nel Cor geriet ihm in die

Hand.

»Paßt eigentlich nicht gerade!« dachte er. »Ach was! Tut nichts!«

Er rauchte noch drei Pfeifen und ging dann schlafen.

Es war spät geworden. Am andern Tage stand er mittags gegen zwei

Uhr auf. Alsbald ließ er ein Körbchen Aprikosen pflücken, legte

den Brief unter die Weinblätter am Boden und befahl Gerhard,

seinem Kutscher, den Korb unverzüglich Frau Bovary zu bringen. Auf

diese Art hatte er Emma häufig Nachrichten zukommen lassen, je

nach der Jahreszeit, zusammen mit Früchten oder Wild.

»Wenn sie sich nach mir erkundigt,« instruierte er, »dann

antwortest du, ich sei verreist! Den Korb gibst du ihr persönlich

in die Hände! Verstanden? So! Ab!«

Gerhard zog seine neue Bluse an, knüpfte sein Taschentuch über die

Aprikosen und marschierte in seinen Nagelschuhen mit

schwerfälligen Schritten voller Gemütsruhe gen Yonville.

Als der Kutscher dort ankam, war Frau Bovary gerade damit

beschäftigt, auf dem Küchentische zusammen mit Felicie Wäsche zu

falten.

»Eine schöne Empfehlung von meinem Herrn,« vermeldete er, »und das

schickt er hier!«

Emma überkam eine bange Ahnung, und während sie in ihrer

Schürzentasche nach einem Geldstücke zum Trinkgeld suchte, sah sie

den Mann mit verstörtem Blick an. Der betrachtete sie verwundert;

er begriff nicht, daß ein solches Geschenk jemanden so sehr

aufregen könne. Dann ging er.

Felicie war noch da. Emma hielt es nicht länger aus, sie eilte in

das Eßzimmer, indem sie sagte, sie wolle die Aprikosen dahin

tragen. Dort schüttete sie den Korb aus, nahm die Weinblätter

heraus und fand den Brief. Sie öffnete ihn und floh hinauf nach

ihrem Zimmer, als brenne es hinter ihr. Sie war fassungslos vor

Angst.

Karl war auf dem Flur. Sie sah ihn. Er sagte etwas zu ihr. Sie

verstand es nicht. Nun lief sie hastig noch eine Treppe höher,

außer Atem, wie vor den Kopf geschlagen, halbverrückt, immer den

unseligen Brief fest in der Hand, der ihr zwischen den Fingern

knisterte. Im zweiten Stock blieb sie vor der geschlossenen

Bodentüre stehen.

Sie wollte sich beruhigen. Der Brief kam ihr nicht aus dem Sinn.

Sie wollte ihn ordentlich lesen, aber sie wagte es nicht. Nirgends

war sie ungestört.

»Ja, hier gehts!« sagte sie sich. Sie klinkte die Tür auf und trat

in die Bodenkammer.

Unter den Schieferplatten des Daches brütete dumpfe Schwüle, die

ihr auf die Schläfen drückte und den Atem benahm. Sie schleppte

sich bis zu dem großen Bodenfenster und stieß den Holzladen auf.

Grelles Licht flutete ihr entgegen.

Vor ihr, über den Dächern, breitete sich das Land bis in die

Fernen. Unter ihr der Markt war menschenleer. Die Steine des

Fußsteigs glänzten. Die Wetterfahnen der Häuser standen

unbeweglich. Aus dem Eckhause schräg gegenüber, aus einem der

Dachfenster drang ein schnarrendes, kreischendes Geräusch herauf.

Binet saß an seiner Drehbank.

Emma lehnte sich an das Fensterkreuz und las den Brief mit

zornverzerrtem Gesicht immer wieder von neuem. Aber je gründlicher

sie ihn studierte, um so wirrer wurden ihre Gedanken. Im Geist sah

sie den Geliebten, hörte ihn reden, zog ihn leidenschaftlich an

sich. Das Herz schlug ihr in der Brust wie mit wuchtigen

Hammerschlägen, die immer rascher und unregelmäßiger wurden.

Ihre Augen irrten im Kreise. Sie fühlte den Wunsch in sich, daß

die ganze Welt zusammenstürze. Wozu weiterleben? Wer hinderte sie,

ein Ende zu machen, sie, die Vogelfreie?

Sie bog sich weit aus dem Fenster heraus und starrte hinab auf das

Straßenpflaster.

»Mut! Mut!« rief sie sich zu.

Das leuchtende Pflaster da unten zog die Last ihres Körpers

förmlich in die Tiefe. Sie hatte die Empfindung, als bewege sich

die Fläche des Marktplatzes und hebe sich an den Häusermauern

empor zu ihr. Und die Diele, auf der sie stand, begann zu

schwanken wie das Deck eines Seeschiffes ... Sie lehnte sich noch

weiter zum Fenster hinaus. Schon hing sie beinahe im freien Raume.

Der weite blaue Himmel umgab sie, und die Luft strich ihr um den

wie hohlen Kopf. Sie brauchte nur noch sich nicht mehr

festzuhalten, nur noch die Hände loszulassen ... Ohne Unterlaß

summte unten die Drehbank wie die rufende Stimme eines bösen

Geistes ...

In diesem Moment rief Karl:

»Emma! Emma!«

Da kam sie wieder zur Besinnung.

»Wo steckst du denn? Komm doch!«

Der Gedanke, daß sie soeben dem Tode entronnen war, erfüllte sie

mit Schrecken und Grauen. Sie schloß die Augen. Zusammenfahrend

fühlte sie sich von jemandem am Arm gefaßt: es war Felicie.

»Gnädige Frau, die Suppe ist angerichtet. Herr Bovary wartet.«

Sie mußte hinunter, mußte sich mit zu Tisch setzen.

Sie versuchte zu essen, aber sie brachte nicht einen Bissen

hinunter. Sie faltete ihre Serviette auseinander, als ob sie sich

die ausgebesserten Stellen genau ansehen wollte, und wirklich tat

sie das und begann die Fäden des Gewebes zu zählen ... Plötzlich

fiel ihr der Brief wieder ein. Hatte sie ihn oben fallen lassen?

Wohin war er? Aber ihr Geist war zu matt, als daß sie imstande

gewesen wäre, einen Vorwand zu ersinnen, um bei Tisch aufstehen zu

können. Sie war feig geworden. Sie hatte Furcht vor Karl.

Sicherlich wußte er nun alles, sicherlich! Und wahrhaftig, da

sagte er mit eigentümlicher Betonung:

»Rudolf werden wir wohl nicht sobald wieder zu sehen kriegen?«

»Wer hat dir das gesagt?« fragte sie zitternd.

»Wer mir das gesagt hat?« wiederholte er, ein wenig betroffen von

dem harten Klang ihrer Frage. »Na, sein Kutscher, dem ich vorhin

vor dem Cafe Français begegnet bin. Boulanger ist verreist, oder

er steht im Begriff zu verreisen ...«

Emma schluchzte laut auf.

»Wundert dich das?« fuhr er fort. »Er verdrückt sich doch immer

mal von Zeit zu Zeit so. Um sich zu zerstreuen. Kanns ihm nicht

verdenken. Wenn man das nötige Geld dazu hat und Junggeselle ist

... Übrigens ist unser Freund ein Lebenskünstler! Ein alter

Schäker! Langlois hat mir erzählt ...«

Er verstummte, aus Anstand, weil das Dienstmädchen gerade

hereinkam. Sie legte die Aprikosen wieder ordentlich in das

Körbchen, das auf der Kredenz stand. Karl ließ es sich auf den

Tisch bringen, ohne zu bemerken, daß seine Frau rot wurde. Er nahm

eine der Früchte und biß hinein.

»Ah!« machte er. »Vorzüglich! Koste mal!«

Er schob ihr das Körbchen zu. Sie wehrte leicht ab.

»So riech doch wenigstens! Das ist ein Duft!«

Er hielt ihr eine Aprikose links und rechts an die Nase.

»Ich bekomm keine Luft!« rief sie und sprang auf. Aber schnell

beherrschte sie sich wieder, mit Aufgebot aller ihrer Kraft. »Es

war nichts! Gar nichts! Wieder meine Nerven! Setz dich nur wieder

hin und iß!«

Sie fürchtete, er könne sie ausfragen, um sie besorgt sein und sie

dann nicht allein lassen. Karl gehorchte ihr und setzte sich

wieder. Er spuckte die Aprikosenkerne immer erst in die Hand und

legte sie dann auf seinen Teller.

Da fuhr draußen ein blauer Dogcart im flotten Trabe über den

Markt. Emma stieß einen Schrei aus und fiel rücklings langhin zu

Boden.

Rudolf hatte sich nach langer Überlegung entschlossen, nach Rouen

zu fahren. Da nun aber von der Hüchette nach dorthin kein anderer

Weg als der über Yonville führte, mußte er diesen Ort wohl oder

übel berühren. Emma hatte ihn im Scheine der Wagenlaternen, die

draußen die Dunkelheit wie Sterne durchhuschten, erkannt.

Der Apotheker, der sofort gemerkt hatte, daß im Hause des Arztes

»was los sei«, stürzte herbei. Der Eßtisch war mit allem, was

darauf gestanden, umgestürzt. Die Teller, das Fleisch, die Sauce,

die Bestecke, Salz und Öl, alles lag auf dem Fußboden umher. Karl

hatte den Kopf verloren, die erschrockene kleine Berta schrie, und

Felicie nestelte ihrer in Zuckungen daliegenden Herrin mit

bebenden Händen die Kleider auf.

»Ich werde schnell Kräuteressig aus meinem Laboratorium holen!«

sagte Homais.

Als man Emma das Fläschchen ans Gesicht hielt, schlug sie seufzend

die Augen wieder auf.

»Natürlich!« meinte der Apotheker. »Damit kann man Tote erwecken!«

»Sprich!« bat Karl. »Rede! Erhole dich! Ich bin ja da, dein Karl,

der dich liebt! Erkennst du mich? Hier ist auch Berta! Gib ihr

einen Kuß!«

Das Kind streckte die Ärmchen nach der Mutter aus und wollte sie

um den Hals fassen. Aber Emma wandte den Kopf weg und stammelte:

»Nicht doch! Niemanden!«

Sie wurde abermals ohnmächtig. Man trug sie in ihr Bett.

Lang ausgestreckt lag sie da, mit offnem Munde, die Lider

geschlossen, die Hände schlaff herabhängend, regungslos und blaß

wie ein Wachsbild. Ihren Augen entquollen Tränen, die in zwei

Ketten langsam auf das Kissen rannen.

Karl stand an ihrem Bett; neben ihm der Apotheker, stumm und

nachdenklich, wie das bei ernsten Vorfällen so herkömmlich ist.

»Beruhigen Sie sich!« sagte Homais und zupfte den Arzt. »Ich

glaube, der Paroxysmus ist vorüber.«

»Ja,« erwiderte Karl, die Schlummernde betrachtend. »Jetzt scheint

sie ein wenig zu schlafen, die Ärmste! Ein Rückfall in das alte

Leiden!«

Nun erkundigte sich Homais, wie das gekommen sei. Karl gab zur

Antwort:

»Ganz plötzlich! Während sie eine Aprikose aß.«

»Höchst merkwürdig!« meinte der Apotheker. »Es ist indessen

möglich, daß die Aprikosen die Ohnmacht verursacht haben. Es gibt

gewisse Naturen, die für bestimmte Gerüche stark empfänglich sind.

Es wäre eine sehr interessante Arbeit, diese Erscheinungen

wissenschaftlich zu untersuchen, sowohl nach physiologischen wie

nach pathologischen Gesichtspunkten. Die Pfaffen haben von jeher

gewußt, wie wertvoll das für sie ist. Die Verwendung von Weihrauch

beim Gottesdienst ist uralt. Damit schläfert man den Verstand ein

und versetzt Andächtige in Ekstase, am leichtesten übrigens

weibliche Wesen. Die sind feinnerviger als wir Männer. Ich habe

von Fällen gelesen, wo Frauen ohnmächtig geworden sind beim Geruch

von verbranntem Horn, frischem Brot ...«

»Geben Sie acht, daß sie nicht aufgeweckt wird!« mahnte Bovary mit

flüsternder Stimme.

»Diese Anomalien kommen aber nicht allein bei Menschen vor,«

fuhr der Apotheker fort, »sondern sogar bei Tieren. Zweifellos

ist Ihnen nicht unbekannt, daß Nepeta cataria, vulgär Katzenminze,

sonderbarerweise auf das gesamte Katzengeschlecht als Aphrodisiakum

wirkt. Einen weiteren Beleg kann ich aus meiner eigenen Erfahrung

anführen. Bridoux, ein Studienfreund von mir -- er wohnt jetzt

in der Malpalu-Straße -- besitzt einen Foxterrier, der jedesmal

Krämpfe bekommt, wenn man ihm eine Schnupftabaksdose vor die

Nase hält. Ich habe dieses Experiment selber ein paarmal mit

angesehen, im Landhause meines Freundes am Wilhelmswalde. Sollte

mans für möglich halten, daß ein so harmloses Niesemittel in den

Organismus eines Vierfüßlers derartig eingreifen kann? Das ist

höchst merkwürdig, nicht wahr?«

»Gewiß!« sagte Karl, der gar nicht darauf gehört hatte.

»Das beweist uns,« fuhr der andre fort, gutmütig-selbstgefällig

lächelnd, »daß im Nervensystem zahllose Unregelmäßigkeiten möglich

sind. Ich muß gestehen, daß mir Ihre Frau Gemahlin immer

außerordentlich reizsam vorgekommen ist. Darum möchte ich Ihnen,

verehrter Freund, auf keinen Fall raten, ihr eine jener Arzneien

zu verordnen, die angeblich die Symptome so einer Krankheit

beseitigen sollen, in Wirklichkeit aber nur der Gesundheit

schaden. Nein, nein, hier sind Medikamente unnütz! Diät! Weiter

nichts! Beruhigende, milde, kräftigende Kost! Und dann, könnte man

bei ihr nicht auch irgendwie auf die Einbildungskraft einzuwirken

versuchen?«

»Wieso? Womit?«

»Ja, das ist eben die Frage! Das ist wirklich die Frage! That

is the question! -- wie ich neulich in der Zeitung gelesen

habe.«

Emma erwachte und rief:

»Der Brief? Der Brief?«

Die beiden Männer glaubten, sie rede im Delirium. In der Tat trat

das mitternachts ein. Emma hatte Gehirnentzündung.

In den nächsten sechs Wochen wich Karl nicht von ihrem Lager. Er

vernachlässigte alle seine Patienten. Er schlief kaum mehr,

unermüdlich maß er ihren Puls, legte ihr Senfpflaster auf und

erneute die Kaltwasser-Umschläge. Er schickte Justin nach

Neufchâtel, um Eis zu holen. Es schmolz unterwegs. Justin mußte

nochmals hin. Doktor Canivet wurde konsultiert. Professor

Larivière, sein ehemaliger Lehrer, ward aus Rouen hergeholt. Karl

war der völligen Verzweiflung nahe. Am meisten ängstigte ihn Emmas

Apathie. Sie sprach nicht, interessierte sich für nichts, ja, sie

schien selbst die Schmerzen nicht zu empfinden. Es war, als hätten

Körper wie Geist bei ihr alle ihre Funktionen eingestellt.

Gegen Mitte Oktober konnte sie, von Kissen gestützt, wieder

aufrecht in ihrem Bette sitzen. Als sie das erste Brötchen mit

eingemachten Früchten verzehrte, da weinte Karl. Allmählich

kehrten ihre Kräfte zurück. Sie durfte nachmittags ein paar

Stunden aufstehen, und eines Tages fühlte sie sich soweit wohl,

daß sie an Karls Arm einen kleinen Spaziergang durch den Garten

versuchte.

Auf den sandigen Wegen lag gefallenes Laub. Sie ging ganz langsam,

in Hausschuhen, ohne die Füße zu heben. An Karl angeschmiegt,

lächelte sie in einem fort vor sich hin.

So schritten sie bis hinter an die Gartenmauer. Dort blieb sie

stehen und richtete sich auf. Um besser zu sehen, hob sie die Hand

über die Augen. Lange schaute sie hinaus in die Weite. Aber es gab

in der Ferne nichts zu sehen als auf den Hügeln große Feuer, in

denen man landwirtschaftliche Überbleibsel verbrannte.

»Das Stehen wird dich zu sehr anstrengen, Beste!« warnte Karl und

geleitete sie behutsam zur Laube hin. »Setz dich hier ein wenig

auf die Bank! Das wird dir gut tun!«

»Nein, nein! Nicht hier! Hier nicht!« stieß sie mit ersterbender

Stimme hervor.

Sie wurde ohnmächtig, und abends war die Krankheit von neuem da,

und zwar in erhöhtem Grade und mit allerlei Komplikationen. Bald

hatte sie in der Herzgegend, bald in der Brust, bald im Kopfe,

bald in den Gliedern Schmerzen. Dazu gesellte sich ein Auswurf, an

dem Bovary die ersten Anzeichen der Lungenschwindsucht zu erkennen

wähnte.

Zu alledem hatte der arme Schelm auch noch Geldsorgen.

Frau Bovary · 第 27 / 43 题