Eine Menge Menschen umlagerte die Eingänge. Überall an den Ecken
der in der Nähe gelegenen Straßen prangten riesige Plakate, die in
auffälligen Lettern ausschrien:
LUCIA VON LAMMERMOOR ... OPER ...
DONIZETTI ... GASTSPIEL ... LAGARDY ...
Es war ein schöner, aber heißer Tag. Der Schweiß rann den Leuten
über die Stirn, und sie fächelten ihren erhitzten Gesichtern mit
den Taschentüchern Kühlung zu. Hin und wieder wehte lauer Wind vom
Strome her und blähte ein wenig die Leinwandmarkisen der
Restaurants. Weiter unten, an den Kais, wurde man durch einen
eisigen Luftzug abgekühlt, in den sich Gerüche von Talg, Leder und
Öl aus den zahlreichen dunklen, vom Rollen der großen Fässer
lärmigen Gewölben der Karren-Gasse mischten.
Aus Furcht, sich lächerlich zu machen, schlug Frau Bovary vor,
noch nicht in das Theater hineinzugehen und erst einen Spaziergang
durch die Hafenpromenaden zu machen. Dabei hielt Karl die
Eintrittskarten, die er in der Hosentasche trug, vorsichtig mit
seinen Fingern fest und drückte sie gegen die Bauchwand, so daß er
sie in einem fort fühlte.
In der Vorhalle bekam Emma Herzklopfen. Als sie wahrnahm, daß sich
der Menschenschwall die Nebentreppen nach den Galerien
hinaufschob, während sie selbst die breite Treppe zum ersten Range
emporschreiten durfte, lächelte sie unwillkürlich vor Eitelkeit.
Es gewährte ihr ein kindliches Vergnügen, die breiten vergoldeten
Türen mit der Hand aufzustoßen. In vollen Zügen atmete sie den
Staubgeruch der Gänge ein, und als sie in ihrer Loge saß, machte
sie sichs mit einer Ungezwungenheit einer Principessa bequem.
Das Haus füllte sich allmählich. Die Operngläser kamen aus ihren
Futteralen. Die Stammsitzinhaber nickten sich aus der Entfernung
zu. Sie wollten sich hier im Reiche der Kunst von der Unrast ihres
Krämerlebens erholen, doch sie vergaßen die Geschäfte nicht,
sondern redeten noch immer von Baumwolle, Fusel und Indigo. Das
waren Grauköpfe mit friedfertigen Alltagsgesichtern; weiß in der
Farbe von Haar und Haut, glichen sie einander wie abgegriffene
Silbermünzen. Im Parkett paradierten die jungen Modenarren mit
knallroten und grasgrünen Krawatten. Frau Bovary bewunderte sie
von oben, wie sie sich mit gelbbehandschuhten Händen auf die
goldenen Knäufe ihrer Stöcke stützten. Jetzt wurden die
Orchesterlampen angezündet, und der Kronleuchter ward von der
Decke herabgelassen. Sein in den Glasprismen widerglitzerndes
Lichtmeer brachte frohe Stimmung in die Menschen. Dann erschienen
die Musiker, einer nach dem andern, und nun hub ein wirres Getöse
an von brummenden Kontrabässen, kratzenden Violinen, fauchenden
Klarinetten und winselnden Flöten. Endlich drei kurze Schläge mit
dem Taktstocke des Kapellmeisters. Paukenwirbel, Hörnerklang. Der
Vorhang hob sich.
Auf der Bühne ward eine Landschaft sichtbar: ein Kreuzweg im
Walde, zur Linken eine Quelle, von einer Eiche beschattet. Bauern,
Mäntel um die Schultern, sangen im Chor ein Lied. Dann tritt ein
Edelmann auf, der die Geister der Hölle mit gen Himmel gereckten
Armen um Rache anfleht. Noch einer erscheint. Beide gehen zusammen
ab. Der Chor singt von neuem.
Emma sah sich in die Atmosphäre ihrer Mädchenlektüre
zurückversetzt, in die Welt Walter Scotts. Es war ihr, als höre
sie den Klang schottischer Dudelsäcke über die nebelige Heide
hallen. Die Erinnerung an den Roman des Briten erleichterte ihr
das Verständnis der Oper. Aufmerksam folgte sie der intriganten
Handlung, während eine Flut von Gedanken in ihr aufwallte, um
alsbald unter den Wogen der Musik wieder zu verfließen. Sie gab
sich diesen schmeichelnden Melodien hin. Sie fühlte, wie ihr die
Seele in der Brust mit in Schwingungen geriet, als strichen die
Violinenbogen über ihre Nerven. Sie hätte hundert Augen haben
mögen, um sich satt sehen zu können an den Dekorationen, Kostümen,
Gestalten, an den gemalten und doch zitternden Bäumen, an den
Samtbaretten, Rittermänteln und Degen, an allen diesen
Trugbildern, in denen eine so seltsame Harmonie wie um Dinge einer
ganz andern Welt lebte ... Eine junge Dame trat auf, die einem
Reitknecht in grünem Rocke eine Börse zuwarf. Dann blieb sie
allein, und nun kam ein Flötensolo, zart wie Quellengeflüster und
Vogelgezwitscher. Lucia begann ihre Kavatine in G-Dur. Sie sang
von unglücklicher Liebe und wünschte sich Flügel. Ach, auch Emma
hätte aus diesem Leben fliehen mögen, weit weg in Liebesarmen!
Da erschien auf der Szene Lagardy als Edgard. Er hatte jenen
schimmernden blassen Teint, der dem Südländer etwas von der
grandiosen Wirkung des Marmors verleiht. Seine männliche Gestalt
war in ein braunes Wams gezwängt. Ein kleiner Dolch mit zierlichem
Gehänge schlug ihm die linke Lende. Er warf lange schmachtende
Blicke und zeigte seine blendend weißen Zähne. Man hatte Emma
erzählt, eine polnische Fürstin habe ihn am Strand von Biarritz
singen hören, wo er Schiffszimmermann gewesen sei, und sich in ihn
verliebt. Seinetwegen habe sie sich ruiniert. Er habe sie dann
einer andern zuliebe sitzen lassen.
Derartige galante Abenteuer mit sentimentalem Finale dienten dem
berühmten Künstler als Reklame. Der schlaue Mime brachte es sogar
fertig, in die Rezensionen der Zeitungen poetische Floskeln über
den bezaubernden Eindruck seiner Persönlichkeit und die leichte
Empfänglichkeit seines Herzens zu lancieren. Er besaß eine schöne
Stimme, unfehlbare Sicherheit, mehr Temperament als Intelligenz,
mehr Pathos als Empfindung. Er war Genie und Scharlatan zugleich,
und in seinem Wesen lag ebensoviel von einem Friseur wie von einem
Toreador.
Sobald er nur auf der Bühne erschien, begeisterte er Emma. Er
schloß Lucia in seine Arme, wandte sich weg und kam wieder,
sichtlich verzweifelt. Bald loderte sein Haß wild auf, bald klagte
er in den zartesten Elegien, und die Töne perlten ihm aus der
Kehle, zwischen Tränen und Küssen. Emma beugte sich weit vor, um
ihn voll zu sehen, wobei sich ihre Fingernägel in den Plüsch der
Logenbrüstung eingruben. Ihr Herz ward voll von diesen wehmütigen
Melodien, die, von den Kontrabässen dumpf begleitet, nicht
aufhörten, gleich wie die Notschreie von Schiffbrüchigen im
Sturmgebraus. Die junge Frau kannte alle diese Verzücktheiten und
Herzensängste, die sie unlängst dem Tode so nahe gebracht hatten.
Die Stimme der Primadonna erschütterte sie wie eine laute
Verkündung ihrer heimlichsten Beichte. Das Scheinbild der Kunst
beleuchtete ihr die eigenen Erlebnisse. Aber ach, so wie Lucia war
sie doch von niemanden in der Welt geliebt worden! Rudolf hatte
nicht um sie geweint, so wie Edgard, am letzten Abend im
Mondenschein, als sie sich Lebewohl sagten ...
Beifall durchstürmte das Haus. Die ganze Stretta mußte wiederholt
werden. Noch einmal sangen die Liebenden von den Blumen auf ihren
Gräbern, von Treue, Trennung, Verhängnis und Hoffnungen; und als
sie sich den letzten Scheidegruß zuriefen, stieß Emma einen lauten
Schrei aus, der in der Orchestermusik des Finale verhallte.
»Warum läßt sie denn eigentlich dieser Edelmann nicht in Ruhe?«
fragte Bovary.
»Aber nein!« antwortete sie. »Das ist doch ihr Geliebter!«
»Er schwört doch, er wolle sich an ihrer Familie rächen. Und der
andre, der dann kam, hat doch gesagt:
'Nimm, Teure, meine Schwüre an
Der reinsten, wärmsten Liebe!'
Und sie sagt:
'So sei es denn!'
Übrigens der, mit dem sie fortging, Arm in Arm, der kleine
Häßliche mit der Hahnenfeder auf dem Hut, das war doch ihr Vater,
nicht wahr?«
Trotz Emmas Berichtigungen blieb Karl, der das Rezitativ im
zweiten Akte zwischen Lord Ashton und Gilbert mißverstanden hatte,
bei dem Glauben, Edgard habe Lucia ein Liebeszeichen gesandt. Er
gestand ein, von der ganzen Handlung nichts begriffen zu haben.
Die Musik störe, sie beeinträchtige den Text.
»Was schadet das?« wandte Emma ein. »Nun sei aber still!«
Er lehnte sich an ihren Arm. »Ich möchte gern im Bilde sein. Weißt
du?«
»Sei doch endlich still!« sagte sie unwillig. »Schweig!«
Lucia nahte, von ihren Dienerinnen gestützt, einen Myrtenkranz im
Haar, bleicher als der weiße Atlas ihres Kleides ... Emma gedachte
ihres eigenen Hochzeitstages, sie sah sich zwischen den
Kornfeldern, auf dem schmalen Fußweg auf dem Gange zur Kirche.
Warum hatte sie sich da nicht so widersetzt wie Lucia, unter
leidenschaftlichem Flehen? Sie war vielmehr so fröhlich gewesen,
ohne im geringsten zu ahnen, welcher Niederung sie zuschritt ...
Ach, hätte sie, jung und frisch und schön, noch nicht besudelt
durch die Ehe, noch nicht enttäuscht in ihrem Ehebruch, auf ein
festes edles Herz bauen und Tugend, Zärtlichkeit, Sinnenlust und
Pflichttreue zusammen fühlen dürfen! Niemals wäre sie von der Höhe
solcher Glückseligkeit herabgesunken! »Nein, nein!« rief sie
schmerzlich bei sich aus. »All das große Glück da unten ist doch
nur Lug und Trug, erdichtet von sehnsüchtigen oder verzweifelten
Phantasten!« Jetzt erkannte sie, daß die Leidenschaften in der
Wirklichkeit armselig sind und nur in der Überschwenglichkeit der
Kunst etwas Großes. Sie versuchte sich zur nüchternen Anschauung
zu zwingen. Sie wollte in dieser Wiedergabe ihrer eigenen
Schmerzen nichts mehr sehen als ein plastisches Phantasiegebilde,
nichts mehr und nichts weniger als eine amüsante Augenweide. Und
so lächelte sie in Gedanken überlegen-nachsichtig, als im
Hintergrunde der Bühne hinter einer Samtportiere ein Mann in einem
schwarzen Mantel erschien, dem sein breitkrempiger großer Hut bei
einer Körperbewegung vom Kopfe fiel.
Das Sextett begann. Sänger und Orchester entfalten sich. Edgard
rast vor Wut; sein glockenklarer Tenor dominiert, Ashton
schleudert ihm in wuchtigen Tönen seine Todesdrohungen entgegen,
Lucia klagt in schrillen Schreien, Arthur bleibt im Maße der
Nebenrolle, und Raimunds Baß brummt wie Orgelgebraus. Die Frauen
des Chors wiederholen die Worte, ein köstliches Echo.
Gestikulierend stehen sie alle in einer Reihe. Zorn, Rachgier,
Eifersucht, Angst, Mitleid und Erstaunen entströmen gleichzeitig
ihren aufgerissenen Mündern. Der wütende Liebhaber schwingt seinen
blanken Degen. Der Spitzenkragen wogt ihm auf der schwer atmenden
Brust auf und nieder, während er mächtigen Schritts in seinen
sporenklirrenden Stulpenstiefeln über die Bühne schreitet.
»Er muß eine unerschöpfliche Liebe in sich tragen,« dachte Emma,
»daß er sie an die Menge so verschwenden kann.« Ihre Anwandlung
von Geringschätzigkeit schwand vor dem Zauber seiner Rolle. Sie
fühlte sich zu dem Menschen hingezogen, der sie unter dieser
Gestalt berauschte. Sie versuchte, sich sein Leben vorzustellen,
sein bewegtes, ungewöhnliches, glänzendes Leben, an dem sie hätte
teilnehmen können, wenn es der Zufall gefügt hätte. Warum hatten
sie sich nicht kennen gelernt und sich ineinander verliebt! Sie
wäre mit ihm durch alle Länder Europas gereist, von Hauptstadt zu
Hauptstadt, hätte mit ihm Mühen und Erfolge geteilt, die Blumen
aufgelesen, die man ihm streute, und seine Bühnenkostüme
eigenhändig gestickt. Alle Abende hätte sie, im Dunkel einer Loge,
hinter vergoldetem Gitter aufmerksam den Sängen seiner Seele
gelauscht, die einzig und allein ihr gewidmet wären. Von der
Szene, beim Singen, hätte er zu ihr geschaut ...
Sie erschrak und ward verwirrt. Der Sänger sah zu ihr hinauf. Kein
Zweifel! Sie hätte zu ihm hinstürzen mögen, in seine Arme, in
seine Umarmung fliehen, als sei er die Verkörperung der Liebe, und
ihm laut zurufen:
»Nimm mich, entführe mich! Komm! Ich gehöre dir, nur dir! Dir
gelten alle meine Träume, mein ganzes heißes Herz!«
Der Vorhang fiel.
Gasgeruch erschwerte das Atmen, und das Fächeln der Fächer machte
die Luft noch unerträglicher. Emma wollte die Loge verlassen, aber
die Gänge waren durch die vielen Menschen versperrt. Sie sank in
ihren Sessel zurück. Sie bekam Herzklopfen und Atemnot. Da Karl
fürchtete, sie könne ohnmächtig werden, eilte er nach dem Büfett,
um ihr ein Glas Mandelmilch zu holen.
Er hatte große Mühe, wieder nach der Loge zu gelangen. Das Glas in
beiden Händen, rannte er bei jedem Schritte, den er tat, jemanden
mit den Ellenbogen an. Schließlich goß er dreiviertel des Inhalts
einer Dame in ausgeschnittener Toilette über die Schulter. Als sie
das kühle Naß, das ihr den Rücken hinabrann, spürte, schrie sie
laut auf, als ob man ihr ans Leben wolle. Ihr Gatte, ein Rouener
Seifenfabrikant, ereiferte sich über diese Ungeschicktheit.
Während seine Frau mit dem Taschentuche die Flecke von ihrem
schönen roten Taftkleide abtupfte, knurrte er wütend etwas von
Schadenersatz, Wert und Bezahlen. Endlich kam Karl glücklich bei
Emma wieder an. Gänzlich außer Atem berichtete er ihr:
»Weiß Gott, beinahe hätt ich mich nicht durchgewürgt! Nein, diese
Menschheit! Diese Menschheit!« Nach einigem Verschnaufen fügte er
hinzu: »Und ahnst du, wer mir da oben begegnet ist? Leo!«
»Leo?«
»Jawohl! Er wird gleich kommen, dir guten Tag zu sagen!«
Er hatte diese Worte kaum ausgesprochen, als der Adjunkt auch
schon in der Loge erschien. Mit weltmännischer Ungezwungenheit
reichte er ihr die Hand. Mechanisch streckte Frau Bovary die
ihrige aus, wie im Banne eines stärkeren Willens. Diesen fremden
Einfluß hatte sie lange nicht empfunden, seit jenem
Frühlingsnachmittage nicht, an dem sie voneinander Abschied
genommen. Sie hatte am Fenster gestanden, und draußen war leiser
Regen auf die Blätter gefallen. Aber rasch besann sie sich auf
das, was die jetzige Situation und die Konvenienz erheischten.
Mit aller Kraft schüttelte sie den alten Bann und die alten
Erinnerungen von sich ab und begann ein paar hastige Redensarten
zu stammeln:
»Ach, guten Tag! Wie? Sie hier?«
»Ruhe!« ertönte eine Stimme im Parkett. Inzwischen hatte nämlich
der dritte Akt begonnen.
»So sind Sie also in Rouen?«
»Ja, gnädige Frau!«
»Und seit wann?«
»Hinaus! Hinaus!«
Alles drehte sich nach ihnen um. Sie verstummten.
Von diesem Augenblick war es mit Emmas Aufmerksamkeit vorbei. Der
Chor der Hochzeitsgäste, die Szene zwischen Ashton und seinem
Diener, das große Duett in D-Dur, alles das spielte sich für sie
wie in großer Entfernung ab. Es war ihr, als klänge das Orchester
nur noch gedämpft, als sängen die Personen ihr weit entrückt. Sie
dachte zurück an die Spielabende im Hause des Apothekers, an den
Gang zu der Amme ihres Kindes, an das Vorlesen in der Laube, an
die Plauderstunden zu zweit am Kamin, an alle Einzelheiten dieser
armen Liebe, die so friedsam, so traulich und so zart gewesen war
und die sie längst vergessen hatte. Warum war er wieder da?
Welches Zusammentreffen von besonderen Umständen ließ ihn von
neuem ihren Lebenspfad kreuzen?
Er stand hinter ihr, die Schulter an die Logenwand gelehnt. Von
Zeit zu Zeit schauerte Emma zusammen, wenn sie den warmen Hauch
seiner Atemzüge auf ihrem Haar spürte.
»Macht Ihnen denn das Spaß?« fragte er sie, indem er sich über sie
beugte, so daß die Spitze seines Schnurrbarts ihre Wange streifte.
»Nein, nicht besonders!« entgegnete sie leichthin.
Daraufhin machte er den Vorschlag, das Theater zu verlassen und
irgendwo eine Portion Eis zu essen.
»Ach nein! Noch nicht! Bleiben wir!« sagte Bovary. »Sie hat
aufgelöstes Haar! Es scheint also tragisch zu werden!«
Aber die Wahnsinnsszene interessierte Emma gar nicht. Das Spiel
der Sängerin schien ihr übertrieben.
»Sie schreit zu sehr!« meinte sie, zu Karl gewandt, der aufmerksam
zuhörte.
»Möglich! Jawohl! Ein wenig!« gab er zur Antwort. Eigentlich
gefiel ihm die Sängerin, aber die Meinung seiner Frau, die er
immer zu respektieren pflegte, machte ihn unschlüssig.
Leo stöhnte:
»Ist das eine Hitze!«
»Tatsächlich! Nicht zum Aushalten!« sagte Emma.
»Verträgst dus nicht mehr?« fragte Bovary.
»Ich ersticke! Wir wollen gehen!«
Leo legte ihr behutsam den langen Spitzenschal um. Dann
schlenderten sie alle drei nach dem Hafen, wo sie vor einem
Kaffeehause im Freien Platz nahmen.
Anfangs unterhielten sie sich von Emmas Krankheit. Sie versuchte
mehrfach, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, indem sie die
Bemerkung machte, sie fürchte, Herrn Leo könne das langweilen.
Darauf erzählte dieser, er müsse sich in Rouen zwei Jahre tüchtig
auf die Hosen setzen, um sich in die hiesige Rechtspflege
einzuarbeiten. In der Normandie mache man alles anders als in
Paris. Dann erkundigte er sich nach der kleinen Berta, nach der
Familie Homais, nach der Löwenwirtin. Mehr konnten sie sich in
Karls Gegenwart nicht sagen, und so stockte die Unterhaltung.
Aus der Oper kommende Leute gingen vorüber, laut pfeifend und
trällernd:
'O Engel reiner Liebe!'
Leo kehrte den Kunstkenner heraus und begann über Musik zu
sprechen. Er habe Tamburini, Rubini, Persiani, Crisi gehört. Im
Vergleich mit denen sei Lagardy trotz seiner großen Erfolge gar
nichts.
Karl, der sein Sorbett mit Rum in ganz kleinen Dosen vertilgte,
unterbrach ihn:
»Aber im letzten Akt, da soll er ganz wunderbar sein! Ich bedaure,
daß ich nicht bis zu Ende drin geblieben bin. Es fing mir grade an
zu gefallen!«
»Demnächst gibts ja eine Wiederholung!« tröstete ihn Leo.
Karl erwiderte, daß sie am nächsten Tage wieder nach Hause müßten.
»Es sei denn,« meinte er, zu Emma gewandt, »du bliebst allein
hier, mein Herzchen?«
Bei dieser unerwarteten Aussicht, die sich seiner Begehrlichkeit
bot, änderte der junge Mann seine Taktik. Nun lobte er das Finale
des Sängers. Er sei da köstlich, großartig!
Von neuem redete Karl seiner Frau zu:
»Du kannst ja am Sonntag zurückfahren. Entschließe dich nur! Es
wäre unrecht von dir, wenn du es nicht tätest, sofern du dir auch
nur ein wenig Vergnügen davon versprichst!«
Inzwischen waren die Nachbartische leer geworden. Der Kellner
stand fortwährend in ihrer nächsten Nähe herum. Karl begriff und
zog seine Börse. Leo kam ihm zuvor und gab obendrein zwei
Silberstücke Trinkgeld, die er auf der Marmorplatte klirren ließ.
»Es ist mir wirklich nicht recht,« murmelte Bovary, »daß Sie für
uns Geld ...«
Der andere machte die aufrichtig gemeinte Geste der
Nebensächlichkeit und ergriff seinen Hut.
»Es bleibt dabei! Morgen um sechs Uhr!«
Karl beteuerte nochmals, daß er unmöglich so lange bleiben könne.
Emma indessen sei durch nichts gehindert.
»Es ist nur ...«, stotterte sie, verlegen lächelnd, »... ich weiß
nicht recht ...«
»Na, überleg dirs noch! Wir können ja noch mal darüber reden, wenn
dus beschlafen hast!« Und zu Leo gewandt, der sie begleitete,
sagte er: »Wo Sie jetzt wieder in unserer Gegend sind, hoffe ich,
daß Sie sich ab und zu bei uns zu Tisch ansagen!«
Der Adjunkt versicherte, er werde nicht verfehlen, da er ohnehin
demnächst in Yonville beruflich zu tun habe.
Als man sich vor dem Durchgang Saint-Herbland voneinander
verabschiedete, schlug die Uhr der Kathedrale halb zwölf.