Ihre Liebe begann von neuem. Oft schrieb ihm Emma mitten am Tage.
Sie winkte sich Justin durch das Fenster her. Der legte schnell
seine Arbeitsschürze ab und trabte nach der Hüchette. Rudolf kam
alsbald. Sie hatte ihm nichts zu sagen, als daß sie sich
langweile, daß ihr Mann gräßlich sei und ihr Dasein schrecklich.
»Kann ich das ändern?« rief er einmal ungeduldig aus.
»Ja, wenn du wolltest!«
Sie saß auf dem Fußboden zwischen seinen Knien, mit aufgelöstem
Haar und traumverlorenem Blick.
»Wieso?« fragte er.
Sie seufzte.
»Wir müssen irgendwo anders ein neues Leben beginnen ... weit weg
von hier ...«
»Ein toller Einfall!« lachte er. »Unmöglich!«
Sie kam immer wieder darauf zurück. Er tat so, als sei ihm das
unverständlich, und begann von etwas anderm zu sprechen.
Was Rudolf in der Tat nicht begriff, das war ihr ganzes
aufgeregtes Wesen bei einer so einfachen Sache wie der Liebe. Sie
müsse dazu doch Anlaß haben, Motive. Sie klammere sich doch an
ihn, als ob sie bei ihm Hilfe suche.
Wirklich wuchs ihre Zärtlichkeit zu dem Geliebten von Tag zu Tag
im gleichen Maße, wie sich ihre Abneigung gegen ihren Mann
verschlimmerte. Je mehr sie sich jenem hingab, um so mehr
verabscheute sie diesen. Karl kam ihr nie so unerträglich vor,
seine Hände nie so vierschrötig, sein Geist nie so schwerfällig,
seine Manieren nie so gewöhnlich, als wenn sie nach einem
Stelldichein mit Rudolf wieder mit ihm zusammen war. Sie bildete
sich ein, sie sei Rudolfs Frau, seine treue Gattin. Immerwährend
träumte sie von seinem dunklen welligen Haar, seiner braunen
Stirn, seiner kräftigen und doch eleganten Gestalt, von dem ganzen
so klugen und in seinem Begehren doch so leidenschaftlichen
Menschen. Nur für ihn pflegte sie ihre Nägel mit der Sorgfalt
eines Ziseleurs, für ihn verschwendete sie eine Unmenge von
Coldcream für ihre Haut und von Peau d'Espagne für ihre Wäsche.
Sie überlud sich mit Armbändern, Ringen und Halsketten. Wenn sie
ihn erwartete, füllte sie ihre großen blauen Glasvasen mit Rosen
und schmückte ihr Zimmer und sich selber wie eine Kurtisane, die
einen Fürsten erwartet. Felicie wurde gar nicht mehr fertig mit
Waschen; den ganzen Tag steckte sie in ihrer Küche.
Justin leistete ihr häufig Gesellschaft und sah ihr bei ihrer
Arbeit zu. Die Ellenbogen auf das lange Bügelbrett gestützt, auf
dem sie plättete, betrachtete er lüstern alle die um ihn herum
aufgeschichtete Damenwäsche, die Pikee-Unterröcke, die
Spitzentücher, die Halskragen, die breithüftigen Unterhosen.
»Wozu hat man das alles?« fragte der Bursche, indem er mit der
Hand über einen der Reifröcke strich.
»Hast du sowas noch niegesehen?« Felicie lachte. »Deine Herrin,
Frau Homais, hat das doch auch!«
»So? Die Frau Homais!« Er sann nach. »Ist sie denn eine Dame wie
die Frau Doktor?«
Felicie liebte es gar nicht, wenn er sie so umschnüffelte. Sie war
drei Jahre älter als er, und übrigens machte ihr Theodor, der
Diener des Notars, neuerdings den Hof.
»Laß mich in Ruhe!« sagte sie und stellte den Stärketopf beiseite.
»Scher dich lieber an _deine_ Arbeit! Stoß deine Mandeln!
Immer mußt du an irgendeiner Schürze hängen! Eh du dich damit
befaßt, laß dir mal erst die Stoppeln unter der Nase wachsen, du
Knirps, du nichtsnütziger!«
»Ach, seien Sie doch nicht gleich bös! Ich putze Ihnen auch die
Schuhe für die Frau Doktor!«
Alsobald machte er sich über ein Paar von Frau Bovarys Schuhen
her, die in der Küche standen. Sie waren über und über mit
eingetrocknetem Straßenschmutz bedeckt -- vom letzten Stelldichein
her --, der beim Anfassen in Staub zerfiel und, wo gerade die
Sonne schien, eine leichte Wolke bildete. Justin betrachtete sie
sich.
»Hab nur keine Angst! Die gehen nicht entzwei!« sagte Felicie,
die, wenn sie die Schuhe selber reinigte, keine besondere Sorgfalt
anwandte, weil die Herrin sie ihr überließ, sobald sie nicht mehr
tadellos aussahen. Emma hatte eine Menge Schuhzeug in ihrem
Schranke, sie trieb damit eine wahre Verschwendung, aber Karl
wagte nicht den geringsten Einwand dagegen.
So gab er auch dreihundert Franken für ein hölzernes Bein aus, das
Hippolyt ihrer Ansicht nach geschenkt bekommen müsse. Die Fläche,
mit der es anlag, war mit Kork überzogen. Es hatte Kugelgelenke
und eine komplizierte Mechanik. Hose und Schuh verdeckten es
vollkommen. Hippolyt wagte es indessen nicht in den
Alltagsgebrauch zu nehmen und bat Frau Bovary, ihm noch ein
anderes, einfacheres zu besorgen. Wohl oder übel mußte der Arzt
auch diese Ausgabe tragen. Nun konnte der Hausknecht von neuem
seinem Berufe nachgehen. Wie ehedem sah man ihn wieder durch den
Ort humpeln. Wenn Karl von weitem den harten Anschlag des
Stelzfußes auf dem Pflaster vernahm, schlug er schnell einen
anderen Weg ein.
Lheureux, der Modewarenhändler, hatte das Holzbein besorgt. Das
gab ihm Gelegenheit, Emma häufig aufzusuchen. Er plauderte mit ihr
über die neuesten Pariser Moden und über tausend Dinge, die Frauen
interessieren. Dabei war er immer äußerst gefällig und forderte
niemals bare Bezahlung. Alle Launen und Einfälle Emmas wurden im
Handumdrehen befriedigt. Einmal wollte sie Rudolf einen sehr
schönen Reitstock schenken, den sie in Rouen in einem
Schirmgeschäft gesehen hatte. Eine Woche später legte Lheureux ihn
ihr auf den Tisch. Am folgenden Tage aber überreichte er ihr eine
Rechnung im Gesamtbetrage von zweihundertundsiebzig Franken und so
und soviel Centimes. Emma war in der gröbsten Verlegenheit. Die
Kasse war leer. Lestiboudois hatte noch Lohn für vierzehn Tage zu
bekommen, Felicie für acht Monate. Dazu kam noch eine Menge andrer
Schulden. Bovary wartete schon mit Schmerzen auf den Eingang des
Honorars von Herrn Derozerays, das alljährlich gegen Ende Oktober
einzugehen pflegte.
Ein paar Tage gelang es ihr, Lheureux zu vertrösten. Dann verlor
er aber die Geduld. Man dränge auch ihn, er brauche Geld, und wenn
er nicht alsbald welches von ihr bekäme, müsse er ihr alles wieder
abnehmen, was er ihr geliefert habe.
»Gut!« meinte Emma. »Holen Sie sichs!«
»Ach was! Das hab ich nur so gesagt!« entgegnete er. »Indessen um
den Reitstock tuts mir wirklich leid! Bei Gott, den werd ich mir
vom Herrn Doktor zurückgeben lassen!«
»Um Gottes willen!« rief sie aus.
»Warte nur! Dich hab ich!« dachte Lheureux bei sich.
Jetzt war er seiner Vermutung sicher. Indem er sich entfernte,
lispelte er in seinem gewohnten Flüstertone vor sich hin:
»Na, wir werden ja sehen! Wir werden ja sehen!«
Frau Bovary grübelte gerade darüber nach, wie sie diese Geschichte
in Ordnung bringen könne, da kam das Mädchen und legte eine kleine
in blaues Papier verpackte Geldrolle auf den Kamin. Eine
Empfehlung von Herrn Derozerays. Emma sprang auf und brach die
Rolle auf. Es waren dreihundert Franken in Napoleons, das
schuldige Honorar. Karls Tritte wurden draußen auf der Treppe
hörbar. Sie legte das Gold rasch in die Schublade und steckte den
Schlüssel ein.
Drei Tage darauf erschien Lheureux abermals.
»Ich möchte Ihnen einen Vergleich vorschlagen«, sagte er. »Wollen
Sie mir nicht statt des baren Geldes lieber ...«
»Hier haben Sie Ihr Geld!« unterbrach sie ihn und zählte ihm
vierzehn Goldstücke in die Hand.
Der Kaufmann war verblüfft. Um seine Enttäuschung zu verbergen,
brachte er endlose Entschuldigungen vor und bot Emma alle
möglichen Dienste an, die sie allesamt ablehnte.
Eine Weile stand sie dann noch nachdenklich da und klimperte mit
dem Kleingeld, das sie wieder herausbekommen und in die Tasche
ihrer Schürze gesteckt hatte. Sie nahm sich vor, tüchtig zu
sparen, damit sie recht bald ...
»Was ist da weiter dabei?« beruhigte sie sich. »Er wird nicht
gleich dran denken!«
Außer dem Reitstocke mit dem vergoldeten Silbergriffe hatte
Rudolf auch noch ein Petschaft von ihr geschenkt bekommen, mit
dem Wahlspruch: Amor nel Cor! (Liebe im Herzen!), fernerhin ein
seidenes Halstuch und eine Zigarrentasche, zu der sie als Muster
die Tasche genommen hatte, die Karl damals auf der Landstraße
gefunden hatte, als sie vom Schlosse Vaubyessard heimfuhren.
Emma hatte sie sorglich aufbewahrt. Rudolf nahm diese Geschenke
erst nach langem Sträuben. Sie waren ihm peinlich. Aber Emma
drang in ihn, und so mußte er sich schließlich fügen. Er fand
das aufdringlich und höchst rücksichtslos.
Sie hatte wunderliche Einfälle.
»Wenn es Mitternacht schlägt,« bat sie ihn einmal, »mußt du an
mich denken!«
Als er hinterher gestand, er habe es vergessen, bekam er endlose
Vorwürfe zu hören, die alle in die Worte ausklangen:
»Du liebst mich nicht mehr!«
»Ich dich nicht mehr lieben?«
»Über alles?«
»Natürlich!«
»Hast du auch vor mir nie eine andre geliebt, sag?«
»Glaubst du, ich hätte meine Unschuld bei dir verloren?« brach er
lachend aus.
Sie fing an zu weinen, und Rudolf vermochte sie nur mit viel Mühe
zu beruhigen, indem er seine Worte durch allerlei Scherze zu
mildern suchte.
»Ach, du weißt gar nicht, wie ich dich liebe!« begann sie von
neuem. »Ich liebe dich so sehr, daß ich nicht von dir lassen kann!
Verstehst du das? Manchmal habe ich solche Sehnsucht, dich zu
sehen, und dann springt mir beinahe das Herz vor lauter Liebe! Ich
frage mich: wo ist er? Vielleicht spricht er mit andern Frauen?
Sie lächeln ihm zu. Er macht ihnen den Hof ... Ach nein; nicht
wahr, es gefällt dir keine? Es gibt ja schönere als ich, aber
keine kann dich so lieben wie ich! Ich bin deine Magd, deine
Liebste! Und du bist mein Herr, mein Gott! Du bist so gut! So
schön! So klug und stark!«
Dergleichen hatte er in seinem Leben schon so oft gehört, daß es
ihm ganz und gar nichts Neues mehr war. Emma war darin nicht
anders als alle seine früheren Geliebten, und der Reiz der Neuheit
fiel Stück um Stück von ihr ab wie ein Gewand, und das ewige
Einerlei der sinnlichen Leidenschaft trat nackt zutage, die immer
dieselbe Gestalt, immer dieselbe Sprache hat. Er war ein
vielerfahrener Mann, aber er ahnte nicht, daß unter den nämlichen
Ausdrucksformen himmelweit voneinander verschiedene Gefühlsarten
existieren können. Weil ihm die Lippen liederlicher oder
käuflicher Frauenzimmer schon die gleichen Phrasen zugeflüstert
hatten, war sein Glaube an die Aufrichtigkeit einer Frau wie
dieser nur schwach.
»Man darf die überschwenglichen Worte nicht gelten lassen,« sagte
er sich, »sie sind nur ein Mäntelchen für Alltagsempfindungen.«
Aber ist es nicht oft so, daß ein übervolles Herz mit den
banalsten Worten nach Ausdruck sucht? Und vermag denn jemand genau
zu sagen, wie groß sein Wünschen und Wollen, seine Innenwelt,
seine Schmerzen sind? Des Menschen Wort ist wie eine gesprungene
Pauke, auf der wir eine Melodie heraustrommeln, nach der kaum ein
Bär tanzt, während wir die Sterne bewegen möchten.
Aber mit der Überlegenheit, die kritischen Naturen eigentümlich
ist, die immer Herren ihrer selbst bleiben, entlockte Rudolf auch
dieser Liebschaft neue Genüsse. Er nahm keine ihm unbequeme
Rücksicht auf Emmas Schamhaftigkeit mehr. Er behandelte sie bar
jedes Zwanges. Er machte sie zu allem fügsam und verdarb sie
gründlich. Sie hegte eine geradezu hündische Anhänglichkeit zu
ihm. An ihm bewunderte sie alles. Wollüstig empfand sie
Glückseligkeiten, die sie von Sinnen machten. Ihre Seele ertrank
in diesem Rausche.
Der Wandel in erotischen Dingen bei ihr begann sich in ihrem
äußerlichen Wesen zu verraten. Ihre Blicke wurden kühner, ihre
Rede freimütiger. Sie hatte sogar den Mut, in Begleitung Rudolfs,
eine Zigarette im Munde, spazieren zu gehen, »um die Spießer zu
ärgern«, wie sie sagte. Und um ihren guten Ruf war es gänzlich
geschehen, als man sie eines schönen Tages in einem regelrechten
Herrenjackett der Rouener Postkutsche entsteigen sah. Die alte
Frau Bovary, die nach einem heftigen Zank mit ihrem Manne wieder
einmal bei ihrem Sohne Zuflucht gesucht hatte, entsetzte sich
nicht weniger als die Yonviller Philister. Und noch vieles andre
mißfiel ihr. Zunächst hatte Karl ihrem Rate entgegen das
Roman-Lesen doch wieder zugelassen. Und dann war überhaupt die
»ganze Wirtschaft« nicht nach ihrem Sinne. Als sie sich
Bemerkungen darüber gestattete, kam es zu einem ärgerlichen
Auftritt. Felicie war die nähere Veranlassung dazu.
Die alte Frau Bovary hatte das Mädchen eines Abends, als sie durch
den Flur ging, in der Gesellschaft eines nicht mehr besonders
jungen Mannes überrascht. Der Betreffende trug ein braunes
Halstuch und verschwand bei der Annäherung der alten Dame. Emma
lachte, als ihr der Vorfall berichtet ward, aber die
Schwiegermutter ereiferte sich und erklärte, wer bei seinen
Dienstboten nicht auf Anstand hielte, lege selber wenig Wert
darauf.
»Sie sind wohl aus Hinterpommern?« fragte die junge Frau so
impertinent, daß sich die alte Frau die Frage nicht verkneifen
konnte, ob sie sich damit selber verteidigen wolle.
»Verlassen Sie mein Haus!« schrie Emma und sprang auf.
»Emma! Mutter!« rief Karl beschwichtigend.
In ihrer Erregung waren beide Frauen aus dem Zimmer gestürzt. Emma
stampfte mit dem Fuße auf, als er ihr zuredete.
»So eine ungebildete Person! So ein Bauernweib!« rief sie.
Er eilte zur Mutter. Sie war ganz außer sich und stammelte:
»So eine Unverschämtheit! Eine leichtsinnige Trine. Schlimmeres
vielleicht noch!«
Sie wollte unverweilt abreisen, wenn sie nicht sofort um
Verzeihung gebeten würde.
Karl ging abermals zu seiner Frau und beschwor sie auf den Knien,
doch nachzugeben. Schließlich sagte sie:
»Meinetwegen!«
In der Tat streckte sie ihrer Schwiegermutter die Hand hin, mit
der Würde einer Fürstin.
»Verzeihen Sie mir, Frau Bovary!«
Dann eilte sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich in ihr Bett, auf
den Bauch, und weinte wie ein Kind, den Kopf in das Kissen
vergraben.
Für den Fall, daß sich irgend etwas Besonderes ereignen sollte,
hatte sie mit Rudolf vereinbart, an die Jalousie einen weißen
Zettel zu stecken. Wenn er zufällig in Yonville wäre, solle er
daraufhin sofort durch das Gäßchen an die hintere Gartenpforte
eilen.
Dieses Signal gab Emma. Dreiviertel Stunden saß sie wartend am
Fenster, da bemerkte sie mit einem Male den Geliebten an der Ecke
der Hallen. Beinahe hätte sie das Fenster aufgerissen und ihn
hergerufen. Aber schon war er wieder verschwunden; Verzweiflung
überkam sie.
Bald darauf vernahm sie unten auf dem Bürgersteige Tritte. Das war
er. Zweifellos! Sie eilte die Treppe hinunter und über den Hof.
Rudolf war hinten im Garten. Sie fiel in seine Arme.
»Sei doch ein bißchen vorsichtiger!« mahnte er.
»Ach, wenn du wüßtest!« Und sie begann ihm den ganzen Vorfall zu
erzählen, in aller Eile und ohne rechten Zusammenhang. Dabei
übertrieb sie manches, dichtete etliches hinzu und machte eine
solche Unmenge von Bemerkungen dazwischen, daß er nicht das
mindeste von der ganzen Geschichte begriff.
»So beruhige dich nur, mein Schatz! Mut und Geduld!«
»Geduld? Seit vier Jahren hab ich die. Wie ich leide!« erwiderte
sie. »Eine Liebe wie die unsrige braucht das Tageslicht nicht zu
scheuen! Man martert mich! Ich halte es nicht mehr aus! Rette
mich!«
Sie schmiegte sich eng an ihn an. Ihre Augen, voll von Tränen,
glänzten wie Lichter unter Wasser. Ihr Busen wogte ungestüm.
Rudolf war verliebter denn je. Einen Augenblick war er nicht der
kühle Gedankenmensch, der er sonst immer war. Und so sagte er:
»Was soll ich tun? Was willst du?«
»Flieh mit mir!« rief sie. »Weit weg von hier! Ach, ich bitte dich
um alles in der Welt!«
Sie preßte sich an seinen Mund, als wolle sie ihm mit einem Kusse
das Ja einhauchen und wieder heraussaugen.
»Aber ...«
»Kein Aber, Rudolf!«
»... und dein Kind?«
Sie dachte ein paar Sekunden nach. Dann sagte sie:
»Das nehmen wir mit! Das ist ihm schon recht!«
»Ein Teufelsweib!« dachte er bei sich, wie er ihr nachsah. Sie
mußte ins Haus. Man hatte nach ihr gerufen.
Während der folgenden Tage war die alte Frau Bovary über das
veränderte Wesen ihrer Schwiegertochter höchst verwundert.
Wirklich, sie zeigte sich außerordentlich fügsam, ja ehrerbietig,
und das ging so weit, daß Emma sie um ihr Rezept, Gurken
einzulegen, bat.
Verstellte sie sich, um Mann und Schwiegermutter um so sicherer zu
täuschen? Oder fand sie eine schmerzliche Wollust darin, noch
einmal die volle Bitternis alles dessen durchzukosten, was sie im
Stiche lassen wollte? Nein, das lag ihr durchaus nicht im Sinne.
Der Gegenwart entrückt, lebte sie im Vorgeschmacke des kommenden
Glückes. Davon schwärmte sie dem Geliebten immer und immer wieder
vor. An seine Schulter gelehnt, flüsterte sie:
»Sag, wann werden wir endlich zusammen in der Postkutsche sitzen?
Kannst du dir ausdenken, wie das dann sein wird? Mir ist es wie
ein Traum! Ich glaube, in dem Augenblick, wo ich spüre, daß sich
der Wagen in Bewegung setzt, werde ich das Gefühl haben, in einem
Luftschiffe aufzusteigen, zur Reise in die Wolken hinein! Weißt
du, ich zähle die Tage ... Und du?«
Frau Bovary hatte nie so schön ausgesehen wie jetzt. Sie besaß
eine unbeschreibliche Art von Schönheit, die aus Lebensfreude,
Schwärmerei und Siegesgefühl zusammenströmt und das Symbol
seelischer und körperlicher Harmonie ist. Ihre heimlichen Lüste,
ihre Trübsal, ihre erweiterten Liebeskünste und ihre ewig jungen
Träume hatten sich stetig entwickelt, just wie Dünger, Regen, Wind
und Sonne eine Blume zur Entfaltung bringen, und nun erst erblühte
ihre volle Eigenart. Ihre Lider waren wie ganz besonders dazu
geschnitten, schmachtende Liebesblicke zu werfen; sie
verschleierten ihre Augäpfel, während ihr Atem die feinlinigen
Nasenflügel weitete und es leise um die Hügel der Mundwinkel
zuckte, die im Sonnenlichte ein leichter schwarzer Flaum
beschattete. Man war versucht zu sagen: ein Verführer und Künstler
habe den Knoten ihres Haares über dem Nacken geordnet. Er sah aus
wie eine schwere Welle, und doch war er nur lose und lässig
geschlungen, weil er im Spiel des Ehebruchs Tag für Tag
aufgenestelt ward. Emmas Stimme war weicher und graziöser
geworden, ähnlich wie ihre Gestalt. Etwas unsagbar Zartes,
Bezauberndes strömte aus jeder Falte ihrer Kleider und aus dem
Rhythmus ihres Ganges. Wie in den Flitterwochen erschien sie ihrem
Manne entzückend und ganz unwiderstehlich.
Wenn er nachts spät nach Hause kam, wagte er sie nicht zu wecken.
Das in seiner Porzellanschale schwimmende Nachtlicht warf tanzende
Kringel an die Decke. Am Bett leuchtete im Halbdunkel wie ein
weißes Zelt die Wiege mit ihren zugezogenen bauschigen Vorhängen.
Karl betrachtete sie und glaubte die leisen Atemzüge seines Kindes
zu hören. Es wuchs sichtlich heran, jeder Monat brachte es
vorwärts. Im Geiste sah er es bereits abends aus der Schule
heimkehren, froh und munter, Tintenflecke am Kleid, die
Schultasche am Arm. Dann mußte das Mädel in eine Pension kommen.
Das würde viel Geld kosten. Wie sollte das geschafft werden? Er
sann nach. Wie wäre es, wenn man in der Umgegend ein kleines Gut
pachtete? Alle Morgen, ehe er seine Kranken besuchte, würde er
hinreiten und das Nötige anordnen. Der Ertrag käme auf die
Sparkasse, später könnten ja irgendwelche Papiere dafür gekauft
werden. Inzwischen erweiterte sich auch seine Praxis. Damit
rechnete er, denn sein Töchterchen sollte gut erzogen werden, sie
sollte etwas Ordentliches lernen, auch Klavier spielen. Und hübsch
würde sie sein, die dann Fünfzehnjährige! Ein Ebenbild ihrer
Mutter! Ganz wie sie müßte sie im Sommer einen großen runden
Strohhut tragen. Dann würden die beiden von weitem für zwei
Schwestern gehalten. Er stellte sich sein Töchterchen in Gedanken
vor: abends, beim Lampenlicht, am Tisch arbeitend, bei Vater und
Mutter, Pantoffeln für ihn stickend. Und in der Wirtschaft würde
sie helfen und das ganze Haus mit Lachen und Frohsinn erfüllen.
Und weiter dachte er an ihre Versorgung. Es würde sich schon
irgendein braver junger Mann in guten Verhältnissen finden und sie
glücklich machen. Und so bliebe es dann immerdar ...
Emma schlief gar nicht. Sie stellte sich nur schlafend, und
während ihr Gatte ihr zur Seite zur Ruhe ging, hing sie fernen
Träumereien nach.
Seit acht Tagen sah sie sich, von vier flotten Rossen entführt,
auf der Reise nach einem andern Lande, aus dem sie nie wieder
zurückzukehren brauchte. Sie und der Geliebte fuhren und fuhren
dahin, Hand in Hand, still und schweigsam. Zuweilen schauten sie
plötzlich von Bergeshöh auf irgendwelche mächtige Stadt hinab, mit
ihrem Dom, ihren Brücken, Schiffen, Limonenhainen und weißen
Marmorkirchen mit spitzen Türmen. Zu Fuß wanderten sie dann durch
die Straßen. Frauen in roten Miedern boten ihnen Blumensträuße an.
Glocken läuteten, Maulesel schrien, und dazwischen girrten
Gitarren und rauschten Fontänen, deren kühler Wasserstaub auf
Haufen von Früchten herabsprühte. Sie lagen zu Pyramiden
aufgeschichtet da, zu Füßen bleicher Bildsäulen, die unter dem
Sprühregen lächelten. Und eines Abends erreichten sie ein
Fischerdorf, wo braune Netze im Winde trockneten, am Strand und
zwischen den Hütten. Dort wollte sie bleiben und immerdar wohnen,
in einem kleinen Hause mit flachem Dache, im Schatten hoher
Zypressen, an einer Bucht des Meeres. Sie fuhren in Gondeln und
träumten in Hängematten. Das Leben war ihnen so leicht und weit
wie ihre seidenen Gewänder, und so warm und sternbesät wie die
süßen Nächte, die sie schauernd genossen ... Das war ein
unermeßlicher Zukunftstraum; aber bis in die Einzelheiten dachte
sie ihn nicht aus. Ein Tag glich dem andern, wie im Meer eine Woge
der andern gleicht, an Pracht und Herrlichkeit. Und diese Wogen
fluteten fernhin bis in den Horizont, endlos, in leiser Bewegung,
stahlblau und sonnenbeglänzt ...
Das Kind in der Wiege begann zu husten, und Bovary schnarchte
laut. Emma schlief erst gegen Morgen ein, als das weiße
Dämmerlicht an den Scheiben stand und Justin drüben die Läden der
Apotheke öffnete.
Emma hatte Lheureux kommen lassen und ihm gesagt:
»Ich brauche einen Mantel, einen großen gefütterten Reisemantel
mit einem breiten Kragen.«
»Sie wollen verreisen?« fragte der Händler.
»Nein, aber ... das ist ja gleichgültig! Ich kann mich auf Sie
verlassen? Nicht wahr? Und recht bald!«
Lheureux machte einen Kratzfuß.
»Und dann brauche ich noch einen Koffer ... keinen zu schweren ...
einen handlichen ...«
»Schön! Schön! Ich weiß schon: zweiundneunzig zu fünfzig! Wie man
sie jetzt meist hat!«
»Und eine Handtasche für das Nachtzeug!«
»Aha,« dachte der Händler, »sie hat sicher Krakeel gehabt!«
»Da!« sagte Frau Bovary, indem sie ihre Taschenuhr aus dem Gürtel
nestelte. »Nehmen Sie das! Machen Sie sich damit bezahlt!«
Aber Lheureux sträubte sich dagegen. Das ginge nicht. Sie wäre
doch eine so gute Kundin. Ob sie kein Vertrauen zu ihm habe? Was
solle denn das? Doch sie bestand darauf, daß er wenigstens die
Kette nähme.
Er hatte sie bereits eingesackt und war schon draußen, da rief ihn
Emma zurück.
»Behalten Sie das Bestellte vorläufig bei sich! Und den Mantel
...,« sie tat so, als ob sie sichs überlegte »... den bringen Sie
auch nicht erst ... oder noch besser: geben Sie mir die Adresse
des Schneiders und sagen Sie ihm, der Mantel soll bei ihm zum
Abholen bereitliegen.«
Die Flucht sollte im kommenden Monat erfolgen. Emma sollte
Yonville unter dem Vorwande verlassen, in Rouen Besorgungen zu
machen. Rudolf sollte dort schon vorher die Plätze in der Post
bestellen, Pässe besorgen und nach Paris schreiben, damit das
Gepäck gleich direkt bis Marseille befördert würde. In Marseille
wollten sie sich eine Kalesche kaufen, und dann sollte die Reise
ohne Aufenthalt weiter nach Genua gehen. Emmas Gepäck sollte
Lheureux mit der Post wegbringen, ohne daß irgendwer Verdacht
schöpfte. Bei allen diesen Vorbereitungen war von ihrem Kinde
niemals die Rede. Rudolf vermied es, davon zu sprechen. »Sie denkt
vielleicht nicht mehr daran«, sagte er sich.
Er erbat sich zunächst zwei Wochen Frist, um seine Angelegenheiten
zu ordnen; nach weiteren acht Tagen forderte er nochmals zwei
Wochen Zeit. Hernach wurde er angeblich krank, sodann mußte er
eine Reise machen. So verging der August, bis sie sich nach allen
diesen Verzögerungen schließlich »unwiderruflich« auf Montag den
4. September einigten.
Am Sonnabend vorher stellte sich Rudolf zeitiger denn gewöhnlich
ein.
»Ist alles bereit?« fragte sie ihn.
»Ja.«
Sie machten einen Rundgang um die Beete und setzten sich dann auf
den Rand der Gartenmauer.
»Du bist verstimmt?« fragte Emma.
»Nein. Warum auch?«
Dabei sah er sie mit einem sonderbaren zärtlichen Blick an.
»Vielleicht weil es nun fortgeht?« fragte sie. »Weil du Dinge, die
dir lieb sind, verlassen sollst, dein ganzes jetziges Leben? Ich
verstehe das wohl, wenn ich selber auch nichts derlei auf der Welt
habe. Du bist mein alles! Und ebenso möchte ich dir alles sein,
Familie und Vaterland. Ich will dich hegen und pflegen. Und dich
lieben!«
»Wie lieb du bist!« sagte er und zog sie an sein Herz.
»Wirklich?« fragte sie in lachender Wollust. »Du liebst mich?
Schwöre mirs!«
»Ob ich dich liebe! Ob ich dich liebe! Ich bete dich an, Liebste!«
Der Vollmond ging purpurrot auf, drüben über der Linie des flachen
Horizonts, wie mitten in den Wiesen. Rasch stieg er hoch, und
schon stand er hinter den Pappeln und schimmerte durch ihre
Zweige, versteckt wie hinter einem löchrigen, schwarzen Vorhang.
Und bald erschien er glänzend-weiß im klaren Raume des weiten
Himmels. Er ward immer silberner, und nun rieselte seine Lichtflut
auch unten im Bache über den Wellen in zahllosen funkelnden
Sternen, wie ein Strom geschmolzener Diamanten. Ringsum leuchtete
die laue lichte Sommernacht. Nur in den Wipfeln hingen dunkle
Schatten.
Mit halbgeschlossenen Augen atmete Emma in tiefen Zügen den kühlen
Nachtwind ein. Sie sprachen beide nicht, ganz versunken und
verloren in ihre Gedanken. Die Zärtlichkeit vergangener Tage
ergriff von neuem ihre Herzen, unerschöpflich und schweigsam wie
der dahinfließende Bach, lind und leise wie der Fliederduft. Die
Erinnerung an das Einst war von Schatten durchwirkt, die
verschwommener und wehmütiger waren als die der unbeweglichen
Weiden, deren Umrisse aus den Gräsern wuchsen. Zuweilen raschelte
auf seiner nächtlichen Jagd ein Tier durchs Gesträuch, ein Igel
oder ein Wiesel, oder man hörte, wie ein reifer Pfirsich von
selber zur Erde fiel.
»Was für eine wunderbare Nacht!« sagte Rudolf.
»Wir werden noch schönere erleben!« erwiderte Emma. Und wie zu
sich selbst fuhr sie fort: »Ach, wie herrlich wird unsere Reise
werden ... Aber warum ist mir das Herz so schwer? Warum wohl? Ist
es die Angst vor dem Unbekannten ... oder die Scheu, das Gewohnte
zu verlassen ... oder was ists? Ach, es ist das Übermaß von Glück!
Ich bin zaghaft, nicht? Verzeih mir!«
»Noch ist es Zeit!« rief er aus. »Überleg dirs! Wird es dich auch
niemals reuen?«
»Niemals!« beteuerte sie leidenschaftlich.
Sie schmiegte sich an ihn.
»Was könnte mir denn Schlimmes bevorstehen! Es gibt keine Wüste,
kein Weltmeer, die ich mit dir zusammen nicht durchqueren würde!
Je länger wir zusammen leben werden, um so inniger und
vollkommener werden wir uns lieben! Keine Sorge, kein Hindernis
wird uns mehr quälen! Wir werden allein sein und eins immerdar ...
Sprich doch! Antworte mir!«
Er antwortete wie ein Uhrwerk in gleichen Zwischenräumen:
»Ja ... ja ... ja!«
Sie strich mit den Händen durch sein Haar und flüsterte wie ein
kleines Kind unter großen rollenden Tränen immer wieder:
»Rudolf ... Rudolf ... ach, Rudolf ... mein lieber guter Rudolf ...«
Es schlug Mitternacht.
»Mitternacht!« sagte sie. »Nun heißt es: morgen! Nur noch ein
Tag!«
Er stand auf und schickte sich an zu gehen. Und als ob diese
Gebärde ein Symbol ihrer Flucht sei, wurde Emma mit einem Male
fröhlich.
»Hast du die Pässe?« fragte sie.
»Ja.«
»Hast du nichts vergessen?«
»Nein.«
»Weißt du das genau?«
»Ganz genau!«
»Nicht wahr, du erwartest mich im Provencer Hof? Mittags?«
Er nickte.
»Also morgen auf Wiedersehen!« sagte Emma mit einem letzten Kusse.
Er ging, und sie sah ihm nach.
Er blickte sich nicht um. Da lief sie ihm nach bis an den Bachrand
und rief durch die Weiden hindurch:
»Auf morgen!«
Er war schon drüben auf dem andern Ufer und eilte den Pfad durch
die Wiesen hin. Nach einer Weile blieb er stehen. Als er sah, wie
ihr weißes Kleid allmählich im Schatten verschwand wie eine
Vision, da bekam er so heftiges Herzklopfen, daß er sich gegen
einen Baum lehnen mußte, um nicht umzusinken.
»Ich bin kein Mann!« rief er aus. »Hol mich der Teufel! Ein
hübsches Weib wars doch!«
Emmas Reize und all die Freuden der Liebschaft mit ihr lockten ihn
noch einmal. Er ward weich. Dann aber empörte er sich gegen diese
Rührung.
»Nein, nein! Ich kann Haus und Hof nicht verlassen!«
Er gestikulierte heftig.
»Und dann das lästige Kind ... die Scherereien ... die Kosten!«
Er zählte sich das alles auf, um sich stark zu machen.
»Nein, nein! Tausendmal nein! Es wäre eine Riesentorheit!«