Elftes Kapitel

Homais hatte letzthin die Lobpreisung einer neuen Methode,

Klumpfüße zu heilen, gelesen, und als Fortschrittler, der er war,

verfiel er sofort auf die partikularistische Idee, auch in

Yonville müsse es strephopodische Operationen geben, damit es auf

der Höhe der Kultur bleibe.

»Was ist denn dabei zu riskieren?« fragte er Frau Bovary. Er

zählte ihr die Vorteile eines solchen Versuches an den Fingern

auf. Erfolg so gut wie sicher. Wiederherstellung des Kranken.

Befreiung von einem Schönheitsfehler. Bedeutende Reklame für den

Operateur. »Warum soll Ihr Herr Gemahl nicht beispielsweise den

armen Hippolyt vom Goldnen Löwen kurieren? Bedenken Sie, daß er

seine Heilung allen Reisenden erzählen würde. Und dann ...« Der

Apotheker begann zu flüstern und blickte scheu um sich, »... was

sollte mich daran hindern, eine kleine Notiz darüber in die

Zeitung zu bringen? Du mein Gott! So ein Artikel wird überall

gelesen ... man spricht davon ... schließlich weiß es die ganze

Welt. Aus Schneeflocken werden am Ende Lawinen! Und wer weiß? Wer

weiß?«

Warum nicht? Bovary konnte in der Tat Erfolg haben. Emma hatte gar

keinen Anlaß, Karls chirurgische Geschicklichkeit zu bezweifeln,

und was für eine Befriedigung wäre es für sie, die geistige

Urheberin eines Entschlusses zu sein, der sein Ansehen und seine

Einnahmen steigern mußte. Sie verlangte mehr als bloß die Liebe

dieses Mannes.

Vom Apotheker und von seiner Frau bestürmt, ließ sich Karl

überreden. Er bestellte sich in Rouen das Werk des Doktors Düval,

und nun vertiefte er sich jeden Abend, den Kopf zwischen den

Händen, in diese Lektüre. Während er sich über Pferdefußbildungen,

Varus und Valgus, Strephocatopodie, Strephendopodie,

Strephexopodie (d.h. über die verschiedenartigen inneren und

äußerlichen Verkrüppelungen des menschlichen Fußes),

Strephypopodie und Strephanopodie (das sind Fußleiden, die

oberhalb oder unterhalb der Verkrüppelung um sich greifen)

unterrichtete, suchte Homais den Hausknecht vom Goldnen Löwen mit

allen Mitteln der Überredungskunst zur Operation zu bewegen.

»Du wirst höchstens einen ganz leichten Schmerz spüren«, sagte er

zu ihm. »Es ist nichts weiter als ein Einstich wie beim

Aderlassen, nicht schlimmer, als wenn du dir ein Hühnerauge

schneiden läßt.«

Hippolyts blöde Augen blickten unschlüssig um sich.

»Im übrigen«, fuhr der Apotheker fort, »kann mirs natürlich ganz

egal sein. Dein Nutzen ist es. Ich rate dirs nur aus purer

Nächstenliebe. Mein lieber Freund, ich möchte dich gar zu gern von

deinem scheußlichen Hinkfuß befreit sehen, von diesem ewigen Hin-

und Herwackeln mit den Hüften. Du kannst dagegen sagen, was du

willst: es stört dich in der Ausübung deines Berufs doch

erheblich!«

Nun schilderte ihm Homais, wie frei und flott er sich nach einer

Operation werde bewegen können. Auch gab er ihm zu verstehen, daß

er dann mehr Glück bei den Weibern haben würde, worüber der

Bursche albern grinste.

»Schockschwerebrett! Du bist doch auch ein Mann! Du hättest doch

auch nicht kneifen können, wenn man dich zu den Soldaten

ausgehoben und in den Krieg geschickt hätte! Also Hippolyt!«

Homais wandte sich von ihm ab und meinte, so ein Dickkopf sei ihm

noch nicht vorgekommen. Er begreife nicht, wie man sich den

Wohltaten der Wissenschaft derartig störrisch entziehen könne.

Endlich gab der arme Schlucker nach. Das war ja die reine

Verschwörung gegen ihn! Binet, der sich sonst niemals um die

Angelegenheiten anderer kümmerte, die Löwenwirtin, Artemisia, die

Nachbarn und selbst der Bürgermeister, alle drangen sie in ihn,

redeten ihm zu und machten ihn lächerlich. Und was vollends den

Ausschlag gab: die Operation sollte ihm keinen roten Heller

kosten. Bovary versprach sogar, Material und Medikamente umsonst

zu liefern. Emma war die Anstifterin dieser Generosität. Karl

pflichtete ihr bei und sagte sich im stillen: »Meine Frau ist doch

wirklich ein Engel!«

Beraten vom Apotheker, ließ Karl nach drei fehlgeschlagenen

Versuchen durch den Tischler unter Beihilfe des Schlossers eine

Art Gehäuse anfertigen. Es wog beinahe acht Pfund, und an Holz,

Eisen, Blech, Leder, Schrauben usw. war nicht gespart worden.

Um nun zu bestimmen, welche Sehne zu durchschneiden sei, mußte

zunächst festgestellt werden, welche besondere Art von Klumpfuß

hier vorlag. Hippolyts Fuß setzte sich an sein Schienbein nahezu

geradlinig an. Dazu war er noch nach innen zu verdreht. Es war

also Pferdefuß, verbunden mit etwas Varus oder, anders

ausgedrückt, ein Fall leichten Varus mit starker Neigung zu einem

Pferdefuß.

Trotz dieses Klumpfußes, der in der Tat plump wie ein Pferdehuf

war und runzelige Haut, ausgedörrte Sehnen und dicke Zehen mit

schwarzen wie eisern aussehenden Nägeln hatte, war der Krüppel von

früh bis abend munter wie ein Wiesel. Man sah ihn unaufhörlich im

Hofe um die Wagen herumhumpeln. Es hatte sogar den Anschein, als

sei sein mißratenes Bein kräftiger denn das gesunde. Offenbar

hatte sich Hippolyt, von Jugend auf im schweren Dienst, sehr viel

Geduld und Ausdauer zu eigen gemacht.

An einem Pferdefuß muß zunächst die Achillessehne durchschnitten

werden, dann die vordere Schienbeinmuskel. Eher kann der Varus

nicht beseitigt werden. Karl wagte es kaum, beide Schnitte auf

einmal zu machen. Auch hatte er große Angst, einen wichtigen Teil

zu verletzen. Seine anatomischen Kenntnisse waren mangelhaft.

Ambrosius Paré, der fünfzehn Jahrhunderte nach Celsus die erste

unmittelbare Unterbindung einer Arterie wagte, Düpuytren, der es

unternahm, einen Abszeß am Gehirn zu öffnen, Gensoul, der als

erster eine Oberkiefer-Abtragung ausführte, -- allen diesen hat

sicherlich nicht so das Herz geklopft und die Hand gezittert, und

sie waren gewiß nicht so aufgeregt wie Bovary, als er Hippolyt

unter sein Messer nahm.

Im Stübchen des Hausknechts sah es aus wie in einem Lazarett. Auf

dem Tische lagen Haufen von Scharpie, gewichste Fäden, Binden,

alles was in der Apotheke an Verbandszeug vorrätig gewesen war.

Homais hatte das alles eigenhändig vorbereitet, sowohl um die

Leute zu verblüffen als auch um sich selbst etwas vorzumachen.

Karl führte den Einschnitt aus. Ein platzendes Geräusch. Die Sehne

war zerschnitten, die Operation beendet.

Hippolyt war vor Erstaunen außer aller Fassung. Er nahm Bovarys

Hände und bedeckte sie mit Küssen.

»Erst mal Ruhe!« gebot der Apotheker. »Die Dankbarkeit für deinen

Wohltäter kannst du ja später bezeigen!«

Er ging hinunter, um das Ereignis den fünf oder sechs Neugierigen

mitzuteilen, die im Hofe herumstanden und sich eingebildet hatten,

Hippolyt werde erscheinen und mit einem Male laufen wie jeder

andere. Karl schnallte seinem Patienten das Gehäuse an und begab

sich sodann nach Haus, wo ihn Emma angstvoll an der Türe

erwartete. Sie fiel ihm um den Hals.

Sie setzten sich zu Tisch. Er aß viel und verlangte zum Nachtisch

sogar eine Tasse Kaffee; diesen Luxus erlaubte er sich sonst nur

Sonntags, wenn ein Gast da war.

Der Abend verlief in heiterer Stimmung unter Gesprächen und

gemeinsamem Pläneschmieden. Sie plauderten vom kommenden Glücke,

von der Hebung ihres Hausstandes. Er sah seinen ärztlichen Ruf

wachsen, seinen Wohlstand gedeihen und die Liebe seiner Frau

immerdar währen. Und sie, sie fühlte sich beglückt und verjüngt,

gesünder und besser in ihrer wiedererstandenen leisen Zuneigung

für diesen armen Mann, der sie so sehr liebte. Flüchtig schoß ihr

der Gedanke an Rudolf durch den Kopf, aber ihre Augen ruhten

alsbald wieder auf Karl, und dabei bemerkte sie erstaunt, daß

seine Zähne eigentlich gar nicht häßlich waren.

Sie waren bereits zu Bett, als Homais trotz der Abwehr des

Mädchens plötzlich ins Zimmer trat, in der Hand ein frisch

beschriebenes Stück Papier. Es war der Reklame-Aufsatz, den er für

den »Leuchtturm von Rouen« verfaßt hatte. Er brachte ihn, um ihn

dem Arzte zum Lesen zu geben.

»Lesen Sie ihn vor!« bat Bovary.

Der Apotheker tat es:

»Ungeachtet der Vorurteile, in die ein Teil der Europäer

noch immer verstrickt ist wie in ein Netz, beginnt es in unserer

Gegend doch zu tagen. Am Dienstag war unser Städtchen

Yonville der Schauplatz einer chirurgischen Tat, die zugleich

ein Beispiel edelster Menschenliebe ist. Herr Karl Bovary,

einer unserer angesehensten praktischen Ärzte, ...«

»Ach, das ist zu viel! Das ist zu viel!« unterbrach ihn Karl, vor

Erregung tief atmend.

»Aber durchaus nicht! Wieso denn?«

Er las weiter:

»... hat den verkrüppelten Fuß ...«

Er unterbrach sich selbst:

»Ich habe hier absichtlich den terminus technicus vermieden,

wissen Sie! In einer Tageszeitung muß alles gemeinverständlich

sein ... die große Masse ...«

»Sehr richtig!« meinte Bovary. »Bitte fahren Sie fort!«

»Ich wiederhole:

Herr Karl Bovary, einer unserer angesehensten praktischen Ärzte,

hat den verkrüppelten Fuß eines gewissen Hippolyt Tautain

operiert, des langjährigen Hausknechts im Hotel zum Goldnen Löwen

der verwitweten Frau Franz am Markt. Das aktuelle Ereignis und das

allgemeine Interesse an der Operation hatten eine derartig große

Volksmenge angezogen, daß der Zugang zu dem Etablissement gesperrt

werden mußte. Die Operation selbst vollzog sich wunderbar schnell.

Bluterguß trat so gut wie nicht ein. Kaum ein paar Blutstropfen

verrieten, daß ein hartnäckiges Leiden endlich der Macht der

Wissenschaft wich. Der Kranke verspürte dabei erstaunlicherweise

-- wie der Berichterstatter als Augenzeuge versichern darf --

nicht den geringsten Schmerz, und sein Zustand läßt bis jetzt

nichts zu wünschen übrig. Allem Dafürhalten nach wird die

vollständige Heilung rasch erfolgen, und wer weiß, ob der brave

Hippolyt nicht bei der kommenden Kirmes mit den flotten Urlaubern

um die Wette tanzen und seine Wiederherstellung durch muntere

Sprünge feiern wird? Ehre aber den hochherzigen Gelehrten, Ehre

den unermüdlichen Geistern, die ihre Nächte der Menschheit zum

Heile opfern! Ehre, dreimal Ehre ihnen!

Der Tag wird noch kommen, wo verkündet werden wird, daß die

Blinden sehen, die Tauben hören und die Lahmen gehen! Was der

kirchliche Aberglaube ehedem nur den Auserwählten versprach,

schenkt die Wissenschaft mehr und mehr allen Menschen. Wir werden

unsere verehrten Leser über den weiteren Verlauf dieser so

ungemein merkwürdigen Kur auf dem laufenden erhalten.«

Trotz alledem kam fünf Tage darauf die Löwenwirtin ganz verstört

gelaufen und rief:

»Zu Hilfe! Er stirbt! Ich weiß nicht, was ich machen soll!«

Karl rannte Hals über Kopf nach dem Goldnen Löwen, und der

Apotheker, der den Arzt so über den Markt stürmen sah, verließ

sofort im bloßen Kopfe seinen Laden. Atemlos, aufgeregt und mit

rotem Gesichte erreichte er den Gasthof und fragte jeden, dem er

auf der Treppe begegnete:

»Na, was macht denn unser interessanter Strephopode?«

Der Strephopode wand sich in schrecklichen Zuckungen, so daß das

Gehäuse, in das sein Bein eingezwängt war, gegen die Wand

geschlagen ward und entzwei zu gehen drohte.

Mit vieler Vorsicht, um ja dabei die Lage des Fußes nicht zu

verschieben, entfernte man das Holzgehäuse. Und nun bot sich ein

gräßlicher Anblick dar. Die Form des Fußes war unter einer

derartigen Schwellung verschwunden, daß es aussah, als platze

demnächst die ganze Haut. Diese war blutunterlaufen und von

Druckflecken bedeckt, die das famose Gehäuse verursacht hatte.

Hippolyt hatte von Anfang an über Schmerzen geklagt, aber man

hatte ihn nicht angehört. Nachdem man nunmehr einsah, daß er im

Rechte gewesen war, gönnte man ihm ein paar Stunden Befreiung.

Aber sowie die Schwellung ein wenig zurückgegangen war, hielten es

die beiden Heilkünstler für angebracht, das Bein wieder

einzuschienen und es noch fester einzupressen, um dadurch die

Wiederherstellung zu beschleunigen.

Aber nach drei Tagen vermochte es Hippolyt nicht mehr auszuhalten.

Man nahm ihm den Apparat abermals ab und war höchst über das

verwundert, was sich nunmehr herausstellte. Die schwärzlichblau

gewordene Schwellung erstreckte sich über das ganze Bein, das ganz

voller Blasen war; eine dunkle Flüssigkeit sonderte sich ab. Man

wurde bedenklich.

Hippolyt begann sich zu langweilen, und Frau Franz ließ ihn in die

kleine Gaststube bringen neben der Küche, damit er wenigstens

etwas Zerstreuung hätte. Aber der Steuereinnehmer, der dort seinen

Stammplatz hatte, beschwerte sich über diese Nachbarschaft.

Nunmehr schaffte man den Kranken in das Billardzimmer. Dort lag

er wimmernd unter seinen schweren Decken, blaß, unrasiert, mit

eingesunkenen Augen. Von Zeit zu Zeit wandte er seinen in Schweiß

gebadeten Kopf auf dem schmutzigen Kissen hin und her, wenn ihn

die Fliegen quälten.

Frau Bovary besuchte ihn. Sie brachte ihm Leinwand zu den

Umschlägen, tröstete ihn und sprach ihm Mut ein. Auch sonst fehlte

es ihm nicht an Gesellschaft, zumal an den Markttagen, wenn die

Bauern drin bei ihm Billard spielten, mit den Queuen

herumfuchtelten, rauchten, zechten, sangen und Spektakel machten.

»Wie geht dirs denn?« fragten sie ihn und klopften ihm auf die

Schulter. »So recht auf dem Damme bist du wohl nicht? Bist aber

selber schuld daran!« Er hätte dies oder jenes machen sollen. Sie

erzählten ihm von Leuten, die durch ganz andere Heilmittel

wiederhergestellt worden seien. Und zum sonderbaren Trost meinten

sie:

»Du bist viel zu zimperlich! Steh doch auf! Du läßt dich wie ein

Fürst verhätscheln! Das ist Unsinn, alter Schlaumeier! Und

besonders gut riechst du auch nicht!«

Inzwischen griff der Brand immer weiter um sich. Bovary ward fast

selber krank davon. Er kam aller Stunden, aller Augenblicke.

Hippolyt sah ihn mit angsterfüllten Augen an. Schluchzend

stammelte er:

»Lieber Herr Doktor, wann werd ich denn wieder gesund? Ach, helfen

Sie mir! Ich bin so unglücklich, so unglücklich!«

Bovary schrieb ihm alle Tage vor, was er essen solle. Dann verließ

er ihn.

»Hör nur gar nicht auf ihn, mein Junge!« meinte die Löwenwirtin.

»Sie haben dich schon gerade genug geschunden! Das macht dich bloß

immer noch schwächer! Da, trink!«

Sie gab ihm hin und wieder Fleischbrühe, ein Stück Hammelkeule,

Speck und manchmal ein Gläschen Schnaps, den er kaum an seine

Lippen zu bringen wagte.

Abbé Bournisien, der gehört hatte, daß es Hippolyt schlechter

ging, kam ihn zu besuchen. Er bedauerte ihn, dann aber erklärte

er, in gewisser Beziehung müsse sich der Kranke freuen, denn es

sei des Herrn Wille, der ihm Gelegenheit gäbe, sich mit dem Himmel

zu versöhnen.

»Siehst du,« sagte der Priester in väterlichem Tone, »du hast

deine Pflichten recht vernachlässigt! Man hat dich selten in der

Kirche gesehen. Wieviel Jahre lang hast du das heilige Abendmahl

nicht genommen? Ich gebe zu, daß deine Beschäftigung und der

Trubel der Welt dich abgehalten haben, für dein Seelenheil zu

sorgen. Aber jetzt ist es an der Zeit, daß du dich darum kümmerst.

Verzweifle indessen nicht! Ich habe große Sünder gekannt, die,

kurz ehe sie vor Gottes Thron traten, (du bist noch nicht so weit,

das weiß ich wohl!) seine Gnade erfleht haben; sie sind ohne

Verdammnis gestorben! Hoffen wir, daß auch du uns gleich ihnen ein

gutes Beispiel gibst! Darum: sei vorsichtig! Niemand verwehrt dir,

morgens ein Ave-Maria und abends ein Paternoster zu beten! Ja, tue

das! Mir zuliebe! Was kostet dich das? Willst du mir das

versprechen?«

Der arme Teufel gelobte es. Tag für Tag kam der Seelsorger wieder.

Er plauderte mit ihm und der Wirtin, und bisweilen erzählte er den

beiden sogar Anekdoten, Späße und faule Witze, die Hippolyt

allerdings nicht verstand. Aber bei jeder Gelegenheit kam er auf

religiöse Dinge zu sprechen, wobei er jedesmal eine salbungsvolle

Miene annahm.

Dieser Eifer verfehlte seine Wirkung nicht. Es dauerte nicht

lange, da bekundete der Strephopode die Absicht, eine Wallfahrt

nach Bon-Secours zu unternehmen, wenn er wieder gesund würde,

worauf der Priester entgegnete, das sei nicht übel. Doppelt genäht

halte besser. Er riskiere ja dabei nichts.

Der Apotheker war empört über »diese Pfaffenschliche«, wie er sich

ausdrückte. Er behauptete, das verzögre die Genesung des

Hausknechts nur.

»Laßt ihn doch nur in Ruhe!« sagte er zur Löwenwirtin. »Mit euren

Salbadereien macht ihr den Mann nur verdreht!«

Aber die gute Frau wollte davon nichts hören. Er und kein anderer

sei ja an der ganzen Geschichte schuld! Und auch rein aus

Widerspruchsgeist hing sie dem Kranken zu Häupten einen

Weihwasserkessel und einen Buchsbaumzweig auf.

Allerdings nützten offenbar weder der kirchliche noch der

chirurgische Segen. Unaufhaltsam schritt die Blutvergiftung vom

Beine weiter in den Körper hinauf. Man versuchte immer neue Salben

und Pflaster, aber der Fuß wurde immer brandiger, und schließlich

antwortete Bovary mit einem zustimmenden Kopfnicken, als Mutter

Franz ihn fragte, ob man angesichts dieser hoffnungslosen Lage

nicht den Doktor Canivet aus Neufchâtel kommen lassen solle, der

doch weitberühmt sei.

Canivet war Doktor der Medizin, fünfzig Jahre alt, ebenso

wohlhabend wie selbstbewußt. Er kam und entblödete sich nicht,

über den Kollegen geringschätzig zu lächeln, als er das bis an das

Knie brandig gewordene Bein untersuchte. Sodann erklärte er, das

Glied müsse amputiert werden.

Er suchte den Apotheker auf und wetterte gegen »die Esel, die das

arme Luder so zugerichtet« hätten. Er faßte Homais am Rockknopf

und hielt ihm in seiner Apotheke eine Standpauke:

»Da habt Ihr so 'ne Pariser Erfindung! Solchen Unsinn hecken die

Herren Gelehrten der Weltstadt nun aus! Genau so steht es mit

ihren Schieloperationen, Chloroform-Betäubungen, Blaseneingriffen!

Das ist alles Kapitalunfug gegen den sich der Staat ins Zeug legen

sollte! Diese Scharlatane wollen bloß immer was zu tun haben. Sie

erfinden die unglaublichsten Verfahren, aber an die Folgen denken

sie nicht. Wir andern aber, wir sind rückständig. Wir sind keine

Gelehrten, keine Zauberkünstler, keine Salonhelden. Wir haben

unsre Praxis, wir heilen lumpige Krankheiten, aber es fällt uns

nicht ein, Leute zu operieren, die kerngesund herumlaufen!

Klumpfüße gerade zu hacken! Du lieber Gott! Ebenso könnte man auch

einem Buckligen seinen Höcker abhobeln wollen!«

Homais war bei diesem Erguß gar nicht besonders wohl zumute, aber

er verbarg sein Mißbehagen hinter einem verbindlichen Lächeln. Er

mußte mit Canivet auf gutem Fuße bleiben, dieweil dieser in der

Yonviller Gegend öfters konsultiert wurde und ihm dabei durch

Rezepte zu verdienen gab. Aus diesem Grunde hütete er sich, für

Bovary einzutreten. Er vermuckste sich nicht, ließ Grundsätze

Grundsätze sein und opferte seine Würde den ihm wichtigeren

Interessen seines Geschäfts.

Die Amputation des Beines, die der Doktor Canivet ausführte, war

für den ganzen Ort ein wichtiges Ereignis. Frühzeitig waren die

Leute schon auf den Beinen, und die Hauptstraße war voller

Menschen, die allesamt etwas Trübseliges an sich hatten, als solle

eine Hinrichtung stattfinden. Im Laden des Krämers stritt man sich

über Hippolyts Krankheit. Ans Kaufen dachte niemand. Und Frau

Tüvache, die Gattin des Bürgermeisters, lag vom frühen Morgen in

ihrem Fenster, um ja nicht zu verpassen, wenn der Operateur

ankäme.

Er kam in seinem Wägelchen angefahren, das er selber kutschierte.

Durch die Last seines Körpers war die rechte Feder des Gefährts

derartig niedergedrückt, daß der Wagenkasten schief stand. Neben

dem Insassen auf dem Sitzpolster stand eine rotlederne

Reisetasche, deren Messingschlösser prächtig funkelten. In starkem

Trabe fuhr Canivet bis vor die kleine Freitreppe des Goldnen

Löwen. Mit lauter Stimme befahl er, das Pferd auszuspannen. Er

ging mit in den Stall und überzeugte sich, daß der Gaul ordentlich

Hafer geschüttet bekam. Es war seine Gewohnheit, daß er sich immer

zuerst seinem Tier und seinem Fuhrwerk widmete. Er galt deshalb im

Munde der Leute für einen »Pferdejockel«. Aber gerade weil er sich

darin unabbringbar gleichblieb, schätzte man ihn um so mehr. Und

wenn der letzte Mensch auf Gottes ganzem Erdboden in den letzten

Zügen gelegen hätte: Doktor Canivet wäre zunächst seiner

kavalleristischen Pflicht nachgekommen.

Homais stellte sich ein.

»Ich rechne auf Ihre Unterstützung!« sagte der Chirurg. »Ist alles

bereit? Na, dann kanns losgehen!«

Der Apotheker gestand errötend ein, daß er zu empfindlich sei, um

einer solchen Operation assistieren zu können. »Als passiver

Zuschauer«, sagte er, »greift einen so was doppelt an. Meine

Nerven sind so herunter ...«

»Quatsch!« unterbrach ihn Canivet. »Mir machen Sie vielmehr den

Eindruck, als solle Sie demnächst der Schlag rühren. Übrigens kein

Wunder! Ihr Herren Apotheker hockt ja von früh bis abends in Eurer

Giftbude. Das muß sich ja schließlich auf die Nerven legen! Gucken

Sie mich mal an! Tag für Tag stehe ich vier Uhr morgens auf,

wasche mich mit eiskaltem Wasser ... Frieren kenne ich nicht,

Flanellhemden gibts für mich nicht, das Zipperlein kriege ich

nicht, und mein Magen ist mordsgesund. Dabei lebe ich heute so und

morgen so, wie mirs gerade einfällt, aber immer als

Lebenskünstler! Und deshalb bin ich auch nicht so zimperlich wie

Sie. Es ist mir total Wurst, ob ich einem Rebhuhn oder einem

christlichen Individuum das Bein abschneide. Sie haben mir neulich

mal gesagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Sehr richtig! Es

ist alles bloß Gewohnheit ...«

Ohne irgendwelche Rücksicht auf Hippolyt, der nebenan auf seinem

Lager vor Angst schwitzte, führten die beiden ihre Unterhaltung in

diesem Stile weiter. Der Apotheker verglich die Kaltblütigkeit

eines Chirurgen mit der eines Feldherrn. Durch diesen Vergleich

geschmeichelt, ließ sich Canivet des längeren über die

Erfordernisse seiner Kunst aus. Der Beruf des Arztes sei ein

Priesteramt, und wer es nicht als das, sondern als gemeines

Handwerk ausübe, der sei ein Heiligtumschänder.

Endlich erinnerte er sich des Patienten und begann das von Homais

gelieferte Verbandszeug zu prüfen. Es war dasselbe, das bereits

bei der ersten Operation zur Stelle gewesen war. Sodann erbat er

sich jemanden, der das Bein festhalten könne. Lestiboudois ward

geholt.

Der Doktor zog den Rock aus, streifte sich die Hemdsärmel hoch und

begab sich in das Billardzimmer, während der Apotheker in die

Küche ging, wo die Wirtin sowie Artemisia neugierig und ängstlich

warteten. Die Gesichter der beiden Frauen waren weißer als ihre

Schürzen.

Währenddessen wagte sich Bovary nicht aus seinem Hause heraus.

Er saß unten in der Großen Stube, zusammengeduckt und die Hände

gefaltet, im Winkel neben dem Kamin, in dem kein Feuer brannte,

und starrte vor sich hin. »Welch ein Mißgeschick!« seufzte er.

»Was für eine große Enttäuschung!« Er hatte doch alle denkbaren

Vorsichtsmaßregeln getroffen, und doch war der Teufel mit seiner

Hand dazwischengekommen! Nicht zu ändern! Wenn Hippolyt noch

stürbe, dann wäre er schuld daran! Und was sollte er antworten,

wenn ihn seine Patienten darnach fragten? Sollte er sagen, er habe

einen Fehler begangen? Aber welchen? Er wußte doch selber keinen,

so sehr er auch darüber nachsann. Die berühmtesten Chirurgen

versehen sich einmal. Aber das wird kein Mensch bedenken. Sie

werden ihn alle nur auslachen und in Verruf bringen. Die Sache

wird bis Forges ruchbar werden, bis Neufchâtel, bis Rouen und noch

weiter! Vielleicht würde irgendein Kollege einen Bericht gegen ihn

veröffentlichen, dem dann eine Polemik folgte, die ihn zwänge, in

den Zeitungen eine Entgegnung zu bringen. Hippolyt könnte auf

Schadenersatz klagen.

Karl sah sich entehrt, zugrunde gerichtet, verloren! Seine von

tausend Befürchtungen bestürmte Phantasie schwankte hin und her

wie eine leere Tonne auf den Wogen des Meeres.

Emma saß ihm gegenüber und beobachtete ihn. An seine Demütigung

dachte sie nicht. Ihre Gedanken arbeiteten in andrer Richtung. Wie

hatte sie sich nur einbilden können, daß sich ein Mann seines

Schlages zu einer Leistung aufschwänge, wo sich seine Unfähigkeit

doch schon mehr als ein dutzendmal erwiesen hatte!

Er lief im Zimmer auf und ab. Seine Stiefel knarrten.

»Setz dich doch!« sagte sie. »Du machst mich noch ganz verrückt!«

Er tat es.

Wie hatte sie es nur fertig gebracht -- wo sie doch so klug war!

--, daß sie sich abermals so getäuscht hatte? Aber ja, ihr ganzer

Lebenspfad war doch fortwährend durch das traurige Tal der

Entbehrungen gegangen. Wie vom Wahnwitz geleitet! Sie rief sich

alles einzeln ins Gedächtnis zurück: ihren unbefriedigten Hang zum

Lebensgenuß, die Einsamkeit ihrer Seele, die Armseligkeit ihrer

Ehe, ihres Hausstandes, ihre Träume und Illusionen, die in den

Sumpf hinabgefallen waren wie verwundete Schwalben. Sie dachte an

alles das, was sie sich ersehnt, an alles, was sie von sich

gewiesen, an alles, was sie hätte haben können! Sie begriff den

geheimen Zusammenhang nicht. Warum war denn alles so? Warum?

Das Städtchen lag in tiefer Ruhe. Plötzlich erscholl ein

herzzerreißender Schrei. Bovary ward blaß und beinahe ohnmächtig.

Emma zuckte nervös mit den Augenbrauen. Dann aber war ihr nichts

mehr anzusehen.

Der da, der war der Schuldige! Dieser Mensch ohne Intelligenz und

ohne Feingefühl! Da saß er, stumpfsinnig und ohne Verständnis

dafür, daß er nicht nur seinen Namen lächerlich und ehrlos gemacht

hatte, sondern den gemeinsamen Namen, also auch ihren Namen! Und

sie, sie hatte sich solche Mühe gegeben, ihn zu lieben! Hatte

unter Tränen bereut, daß sie ihm untreu geworden war!

»Vielleicht war es ein Valgus?« rief Karl plötzlich laut aus. Das

war das Ergebnis seines Nachsinnens.

Bei dem unerwarteten Schlag, den dieser Ausruf den Gedanken Emmas

versetzte -- er fiel wie eine Bleikugel auf eine silberne Platte

--, hob sie erschrocken ihr Haupt. Was wollte er damit sagen,

fragte sie sich. Sie sahen einander stumm an, gleichsam erstaunt,

sich gegenseitig zu erblicken. Alle beide waren sie sich seelisch

himmelweit fern. Karl starrte sie an mit dem wirren Blick eines

Trunkenen und lauschte dabei, ohne sich zu regen, den verhallenden

Schreien des Amputierten. Der heulte in langgedehnten Tönen, die

ab und zu von grellem Gebrüll unterbrochen wurden. Alles das klang

wie das ferne Gejammer eines Tieres, das man schlachtet. Emma biß

sich auf die blassen Lippen. Ihre Finger spielten mit dem Blatt

einer Blume, die sie zerpflückt hatte, und ihre heißen Blicke

trafen ihn wie Brandpfeile. Jetzt reizte sie alles an ihm; sein

Gesicht, sein Anzug, sein Schweigen, seine ganze Erscheinung, ja

seine Existenz. Wie über ein Verbrechen empfand sie darob Reue,

daß sie ihm so lange treu geblieben, und was noch von

Anhänglichkeit übrig war, ging jetzt in den lodernden Flammen

ihres Ingrimms auf. Mit wilder Schadenfreude genoß sie den

Siegesjubel über ihre gebrochene Ehe. Von neuem gedachte sie des

Geliebten und fühlte sich taumelnd zu ihm gezogen. Sein Bild

entzückte und verführte sie in Gedanken abermals. Sie gab ihm ihre

ganze Seele. Es war ihr, als sei Karl aus ihrem Leben

herausgerissen, für immer entfremdet, unmöglich geworden,

ausgetilgt. Als sei er gestorben, nachdem er vor ihren Augen den

Todeskampf gekämpft hatte. Vom Trottoir her drang das Geräusch von

Tritten herauf. Karl ging an das Fenster und sah durch die

niedergelassenen Jalousien den Doktor Canivet an den Hallen in der

vollen Sonne hingehen. Er wischte sich gerade die Stirn mit seinem

Taschentuche. Hinter ihm schritt Homais, die große rote

Reisetasche in der Hand. Beide steuerten auf die Apotheke zu.

In einem Anfall von Mutlosigkeit und Liebesbedürfnis näherte sich

Karl seiner Frau:

»Gib mir einen Kuß, Geliebte!«

»Laß mich!« wehrte sie ab, ganz rot vor Zorn.

»Was hast du denn? Was ist dir?« fragte er betroffen. »Sei doch

ruhig! Ärgere dich nicht! Du weißt ja, wie sehr ich dich liebe!

Komm!«

»Weg!« rief sie mit verzerrtem Gesicht. Sie stürzte aus dem

Zimmer, wobei sie die Tür so heftig hinter sich zuschlug, daß das

Barometer von der Wand fiel und in Stücke ging.

Karl sank in seinen Lehnstuhl. Erschrocken sann er darüber nach,

was sie wohl habe. Er bildete sich ein, sie leide an einer

Nervenkrankheit. Er fing an zu weinen im ahnenden Vorgefühl von

etwas Unheilvollem, Unfaßbarem.

Als Rudolf an diesem Abend hinten in den Garten kam, fand er seine

Geliebte auf der obersten Stufe der kleinen Gartentreppe sitzen

und auf ihn warten. Sie küßten sich, und all ihr Ärger schmolz in

der Glut der Umarmung wie der Schnee vor der Sonne.

Frau Bovary · 第 25 / 43 题