Sie erschien nicht, aber man vernahm flüsternde Stimmen.
»Geh doch!«
»Ach nein!«
»Brauchst keine Angst zu haben!«
»Nee, ist die dumm!«
»Hier! Hier steckt sie!«
»So mag sie doch vorkommen!« rief der Bürgermeister dazwischen.
Da begann eine kleine alte Frau mit ängstlicher Gebärde zur
Estrade hinzulaufen. In ihren Lumpen sah sie selber wie zerfallen
aus. Sie hatte die Füße in derben Holzschuhen und um die Hüften
eine große blaue Schürze. Ihr mageres Gesicht, von einer
schlichten Haube umrahmt, war runzeliger als ein verschrumpfelter
Apfel, und aus den Ärmeln ihrer roten Jacke langten zwei dürre
Hände mit knochigen Gelenken heraus. Vom Staub der Scheunen, der
Lauge der Wäsche und dem Fett der Schafwolle waren sie so hornig,
hart und rissig, daß sie wie schmutzig aussahen, und doch waren
sie in reinem Wasser tüchtig gewaschen worden. Daß sie unzählige
Strapazen hinter sich hatten, das verrieten sie von selbst an
ihrer demütigen Haltung: sie standen halboffen, wie bereit, ewig
Dienste zu empfangen. Etwas wie klösterliche Strenge sprach aus
den Zügen der alten Frau und verlieh ihnen eine Spur von
Vornehmheit. Es lebte nichts Weiches in ihrem bleichen Gesicht,
nichts Trauriges oder Rührseliges. Im steten Umgang mit Tieren war
ihr stumme Geduld zur Natur geworden. Heute befand sie sich zum
ersten Male inmitten einer solchen Masse von Menschen. Die Fahnen,
der Trommelwirbel, die vielen Herren in schwarzen Röcken, das
Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust des Rates, alles das
erschüttertere bis ins Herz. Sie stand ganz erstarrt da, sie wußte
nicht, ob sie zur Estrade vorlaufen oder enteilen sollte, und sie
begriff nicht, warum man sie nach vorn drängte und warum ihr die
Preisrichter freundlich zulächelten. Sie stand vor diesen
behäbigen Bürgern als ein verkörpertes halbes Säkulum der
Knechtschaft.
»Treten Sie näher, verehrungswürdige Katharine Nikasia Elisabeth
Leroux!« sagte der Regierungsrat, der die Liste der Preisgekrönten
aus den Händen des Vorsetzenden entgegengenommen hatte. Indem er
abwechselnd auf den Bogen und auf die Greisin blickte, wiederholte
er in väterlichem Tone:
»Näher, immer näher!«
»Sind Sie denn taub?« rief Tüvache heftig und sprang von seinem
Sitze auf.
»Für vierundfünfzigjährige Dienstzeit eine silberne Medaille im
Werte von fünfundzwanzig Franken! Die ist für Sie!« wurde ihr laut
gesagt.
Die alte Frau nahm sie und sah sie sich lange an, und ein Lächeln
des Glückes sonnte ihr Gesicht. Als sie wegging, hörte man sie vor
sich hinmurmeln:
»Ich werde sie dem Herrn Pfarrer bei uns zu Hause geben, damit er
mir dermaleinst eine Messe liest.«
»Selig die Geistesarmen!« meinte der Apotheker, zum Notar gewandt.
Der feierliche Akt war zu Ende. Die Menge verlief sich. Und
nachdem nun die Preisverteilung vorüber war, nahm jeder wieder
seinen Rang ein, und alles lief im alten Gleise. Die Herren
schnauzten ihre Knechte an, und die Knechte prügelten das Vieh,
das mit grünen Kränzen um die Hörner in seine Ställe
zurücktrottete. Ahnungslose Triumphatoren.
Die Bürgergarde und die Feuerwehr traten weg und begaben sich in
den ersten Stock des Rathauses. Der Bataillonstambour schleppte
einen Korb Weinflaschen, und die Mannschaft spießte sich die
spendierten Butterbrote auf die Bajonette.
Frau Bovary ging an Rudolfs Arm nach Haus. An der Türe nahmen sie
Abschied. Sodann ging er bis zur Stunde des Festmahles allein
durch die Wiesen spazieren.
Der Schmaus dauerte lange. Es war lärmig, die Bedienung schlecht.
Man saß so eng aneinander, daß man für die Ellenbogen gar keine
Freiheit hatte, und die schmalen Bretter, die als Bänke dienten,
drohten unter der Last der Gäste zusammenzubrechen. Man aß
unmenschlich viel. Jeder wollte auf seine Kosten kommen. Allen
perlte der Schweiß von der Stirne. Zwischen der Tafel und den
Hängelampen schwebte weißlicher Dunst, wie der Nebel über dem
Flusse an einem Herbstmorgen.
Rudolf, der seinen Platz an der Zeltwand hatte, verlor sich völlig
in Träumereien an Emma, so daß er nichts sah und hörte. Hinter
ihm, draußen auf dem Rasen, schichteten die Kellner die
gebrauchten Teller. Wenn ihn einer seiner Nachbarn anredete, gab
er ihm keine Antwort. Man füllte ihm das Glas, ohne daß er es
wahrnahm. Trotz des allgemeinen immer stärker werdenden Lärmes war
es in ihm ganz still. Er sann über das nach, was Emma gesagt
hatte, und über die Linien ihrer Lippen dabei. Ihr Bild schimmerte
ihm wie aus Zauberspiegeln aus allem entgegen, was glänzte, sogar
aus dem Messingbeschlag der Feuerwehrhelme. Die Zeltwand hatte
Falten, die ihn an die ihres Kleides erinnerten. Und vor ihm, in
der Ferne der Zukunft, winkte eine endlos lange Reihe verliebter
Tage.
Am Abend sah er Emma wieder, beim Feuerwerk. Aber sie war in der
Gesellschaft ihres Mannes, der Frau Homais und des Apothekers. Der
letztere beunruhigte sich sehr über die Möglichkeit, daß einmal
eine Rakete versehentlich in das Publikum gehen könnte. Aller
Augenblicke verließ er seine Freunde, um Binet zur größten
Vorsicht zu vermahnen. Die Feuerwerkskörper waren vorher aus
übertriebener Ängstlichkeit im Hause des Bürgermeisters aufbewahrt
worden, in dessen Keller. Das feucht gewordene Pulver entzündete
sich nun schwer, und das Hauptstück, eine Schlange, die sich in
den Schwanz beißt, versagte vollständig. Ab und zu zischte ein
dürftiges Feuerrad. Dann schrie die gaffende Menge vor Vergnügen
laut auf, und in dieses Geschrei mischte sich das Kreischen der
Weiber, die im Dunkeln von dreisten Händen angefaßt wurden.
Emma schmiegte sich schweigsam an Karls Arm. Den Kopf gehoben,
verfolgte sie die Feuerlinien der Raketen auf dem schwarzen
Himmel. Rudolf betrachtete sie im Scheine der Lampions. Nach und
nach verlöschten diese, und nun leuchteten nur die Gestirne. Ein
paar Regentropfen fielen. Frau Bovary legte sich ihr Tuch über das
unbedeckte Haar.
In diesem Augenblicke fuhr der Landauer des Regierungsrates vom
Gasthofe weg. Der Kutscher war bezecht und hockte verschlafen auf
seinem Bocke. Man sah von weitem, wie die schwere Masse seines
Körpers zwischen den Wagenlichtern hin und her pendelte, je nach
den Bewegungen des Wagens auf dem holperigen Pflaster.
»Man sollte wirklich strenger gegen die Trunksucht vorgehen«,
bemerkte der Apotheker. »Mein Vorschlag geht dahin, allwöchentlich
am Rathause die Namen derer auszuhängen, die sich in der Woche
vorher sinnlos betrunken haben. Das ergäbe nebenbei eine
Statistik, die man in gewissen Fällen ... Aber entschuldigen Sie!«
Er eilte wiederum zum Feuerwehrhauptmann, der sich gerade
anschickte, nach Hause zu gehen. Ihn trieb die Sehnsucht nach
seiner Drehbank.
»Vielleicht täten Sie gut,« mahnte ihn Homais, »wenn Sie einen von
Ihren Leuten schickten, oder noch besser, wenn Sie selber gingen
...«
»Lassen Sie mich doch in Ruhe!« murrte der Steuereinnehmer. »Das
hätte ja gar keinen Sinn!«
Der Apotheker gesellte sich wieder zu seinen Freunden.
»Wir können völlig beruhigt sein«, sagte er zu ihnen. »Herr Binet
hat mir soeben versichert, daß alle Vorsichtsmaßregeln getroffen
sind. Es ist keine Feuergefahr mehr vorhanden. Und die Spritzen
stehen voller Wasser bereit. Gehen wir schlafen!«
»Ach ja! Ich habs sehr nötig!« erwiderte Frau Homais, die schon
immer tüchtig gegähnt hatte. »Aber schön wars doch!«
Rudolf wiederholte leise mit einem zärtlichen Blicke:
»Wunderschön!«
Dann verabschiedete man sich und ging voneinander.
Zwei Tage darauf stand im »Leuchtturm von Rouen« ein langer
Bericht über die Landwirtschaftliche Versammlung. Der Apotheker
hatte ihn am Morgen darauf schwungvoll verfaßt.
»Was künden diese Girlanden, diese Blumen und Kränze? Wohin wälzt
sich die Menge, gleichwie die Wogen des stürmischen Weltmeeres
unter den Strahlenbüscheln der tropischen Sonne, die unsere Fluren
sengt?«
Sodann sprach er von der Lage der Landbevölkerung. »Gewiß, die
Regierung hat hier viel getan, aber noch nicht genug. Mut! Tausend
Reformen sind unerläßlich. Man gehe an sie heran!« Bei der
Schilderung der Ankunft des Regierungsvertreters feierte er »das
martialische Aussehen unsrer Miliz«, die »behenden Dorfschönen,«
die »kahlköpfigen Greise, diese Patriarchen, die Letzten der
unsterblichen Legionen, deren Soldatenherzen beim Wirbeln der
Trommeln höher schlagen.« Seinen eigenen Namen zählte er unter den
Preisrichtern als ersten auf und erwähnte in einer Anmerkung
sogar, daß Herr Homais, der Apotheker von Yonville, unlängst eine
Denkschrift über den Apfelwein an die Rouener Agronomische
Gesellschaft eingereicht habe. Bei der Preisverteilung angelangt,
schilderte er die Freude der Ausgezeichneten mit dithyrambischer
Begeisterung. »Väter fielen ihren Söhnen um den Hals, Brüder ihren
Brüdern, Gatten ihren Gattinnen. Mehr denn einer zeigte voll
Stolz seine schlichte Medaille, und heimgekehrt in sein stilles
Kämmerlein, mag sie so mancher, Tränen in den Augen, an die Wand
gehängt haben ... Gegen sechs Uhr abends vereinigte ein Festmahl
in dem auf der Herrn Liégeard gehörenden Wiese errichteten großen
Zelte die hervorragendsten Festteilnehmer. Von Anfang bis Ende
herrschte die größte Gemütlichkeit. Mehrere Toaste wurden
ausgebracht. Herr Regierungsrat Lieuvain trank auf Seine Majestät,
Herr Bürgermeister Tüvache auf den Herrn Landrat, sodann Herr
Rittergutsbesitzer Derozerays auf das Gedeihen der Landwirtschaft,
Herr Apotheker Homais auf die Industrie und ihre Schwestern, die
Künste und Wissenschaften, so zuletzt Herr Leplichey auf den
Fortschritt. Am Abend erleuchtete ein prächtiges Feuerwerk
plötzlich alle Gesichter. Man kann wohl sagen, es war ein wahres
Kaleidoskop, eine herrliche Operndekoration, und im Moment durfte
sich unser kleiner Ort in die Wunderwelt von Tausendundeiner Nacht
entrückt wähnen. Zum Schlusse stellen wir mit Freuden fest, daß
auch nicht ein einiger unliebsamer Vorfall das Volksfest gestört
hat. Zu bemerken wäre nur noch das Fernbleiben der Geistlichkeit.
Offenbar hat man unter ihr andre Ansichten von Allgemeinwohl und
Fortschritt. Haltet es, wie ihr wollt, ihr Jünger Loyolas!«