Endlich war sie da, die berühmte Jahresversammlung der Landwirte!
Vom frühen Morgen an standen alle Einwohner von Yonville an ihren
Haustüren und sprachen von den Dingen, die da kommen sollten. Die
Stirnseite des Rathauses war mit Efeugirlanden geschmückt. Drüben
auf einer Wiese war ein großes Zelt für das Festmahl aufgeschlagen
worden, und mitten auf dem Markte vor der Kirche stand ein Böller,
der die Ankunft des Landrats und die Preiskrönung donnernd
verkünden sollte. Die Bürgergarde von Büchy -- in Yonville gab es
keine -- war anmarschiert und hatte sich mit der heimischen
Feuerwehr, deren Hauptmann Herr Binet war, zu einem Korps
vereinigt. Selbiger trug an diesem Tage einen noch höheren Kragen
als gewöhnlich. In die Litewka eingezwängt, war sein Oberkörper
so steif und starr, daß es aussah, als sei alles Leben in ihm in
seine beiden Beine gerutscht, die sich parademarschmäßig bewegten.
Da der Oberst der Bürgergarde und der Hauptmann der Feuerwehr
eifersüchtig aufeinander waren, wollte jeder den andern
ausstechen, und so exerzierten beide ihre Mannschaft für sich.
Abwechselnd sah man die roten Epauletten und die schwarzen
Schutzleder vorbeimarschieren und wieder abschwenken. Das ging
immer wieder von neuem an und nahm schier kein Ende!
Noch nie hatte man in Yonville derartige Pracht und Herrlichkeit
gesehen. Verschiedene Bürger hatten tags zuvor ihre Häuser
abwaschen lassen. Weiß-rot-blaue Fahnen hingen aus den halboffnen
Fenstern herab, alle Kneipen waren voll; und da schönes Wetter
war, sahen die gestärkten Häubchen weißer wie Schnee aus, die
Orden und Medaillen blitzten in der Sonne wie eitel Gold, und die
bunten Tücher leuchteten buntscheckig aus dem tristen Einerlei der
schwarzen Röcke und blauen Blusen hervor. Die Pächtersfrauen kamen
aus den umliegenden Dörfern geritten; beim Absitzen zogen sie die
langen Nadeln heraus, mit denen sie ihre Röcke hochgesteckt
hatten, damit sie unterwegs nicht schmutzig werden sollten. Die
Männer andrerseits hatten zum Schutze ihrer Hüte die Sacktücher
darüber gezogen, deren Zipfel sie mit den Zähnen festhielten.
Die Menge strömte von beiden Enden des Orts auf der Landstraße
heran und ergoß sich in alle Gassen, Alleen und Häuser. Überall
klingelten die Türen, um die Bürgerinnen herauszulassen, die in
Zwirnhandschuhen nach dem Festplatze wallten.
Zwei mit Lampions behängte hohe Taxusbäume, zu beiden Seiten der
vor dem Rathause errichteten Estrade für die Ehrengäste, erregten
ganz besonders die allgemeine Bewunderung. Übrigens hatte man an
den vier Säulen am Rathause so etwas wie vier Stangen
aufgepflanzt; jede trug eine Art Standarte aus grüner Leinwand.
Auf der einen las man: HANDEL, auf der zweiten: ACKERBAU, der
dritten: INDUSTRIE, der vierten: KUNST UND WISSENSCHAFT.
Die Freudensonne, die auf allen Gesichtern zu leuchten begann,
warf auch ihren Schatten und zwar auf das Antlitz der Frau Franz,
der Löwenwirtin. Auf der kleinen Vortreppe ihres Gasthofes
stehend, räsonierte sie vor sich hin:
»So eine Torheit! So eine Eselei, eine Leinwandbude aufzubaun!
Glaubt diese Bagage wirklich, daß der Herr Landrat besonders
ergötzt sein wird, wenn er unter einem Zeltdache dinieren soll,
wie ein Seiltänzer? Dabei soll der ganze Rummel der hiesigen
Gegend zugute kommen! War es wirklich der Mühe wert, extra einen
Koch aus Neufchâtel herkommen zu lassen? Für wen übrigens? Für
Kuhjungen und Lumpenpack!«
Der Apotheker ging vorüber in schwarzem Rock, gelben Buxen,
Lackschuhen und -- ausnahmsweise (statt des gewohnten Käppchens)
-- einem Hut von niedriger Form.
»Ihr Diener!« sagte er. »Ich habs eilig!«
Als die dicke Witwe ihn fragte, wohin er ginge, erwiderte er:
»Es kommt Ihnen komisch vor, nicht wahr? Ich, der ich sonst den
ganzen Tag in meinem Laboratorium stecke wie eine Made im Käse
...«
»In was für Käse?« unterbrach ihn die Wirtin.
»Nein, nein. Das ist nur bildlich gemeint«, entgegnete Homais.
»Ich wollte damit nur sagen, Frau Franz, daß es im allgemeinen
meine Gewohnheit ist, zu Hause zu hocken. Heute freilich muß ich
in Anbetracht ...«
»Ah! Sie gehen auch hin?« fragte sie in geringschätzigem Tone.
»Gewiß gehe ich hin!« sagte der Apotheker erstaunt. »Ich gehöre ja
zu den Preisrichtern!«
Die Löwenwirtin sah ihn ein paar Sekunden an, schließlich meinte
sie lächelnd:
»Das ist was anders! Aber was geht Sie eigentlich die
Landwirtschaft an? Verstehen Sie denn was davon?«
»Selbstverständlich verstehe ich etwas davon! Ich bin doch
Pharmazeut, also Chemiker. Und die Chemie, Frau Franz, beschäftigt
sich mit den Wechselwirkungen und den Molekularverhältnissen aller
Körper, die in der Natur vorkommen. Folglich gehört auch die
Landwirtschaft in das Gebiet meiner Wissenschaft. In der Tat, die
Zusammensetzung der Düngemittel, die Gärungen der Säfte, die
Analyse der Gase und die Wirkung der Miasmen .., ich bitte Sie,
was ist das weiter als pure bare Chemie?«
Die Löwenwirtin erwiderte nichts, und Homais fuhr fort:
»Glauben Sie denn: um Agronom zu sein, müsse man selber in der
Erde gebuddelt oder Gänse genudelt haben? Keine Spur! Aber die
Beschaffenheit der Substanzen, mit denen der Landwirt zu tun hat,
die muß man unbedingt studiert haben, die geologischen
Gruppierungen, die atmosphärischen Vorkommnisse, die
Beschaffenheit des Erdbodens, des Gesteins, des Wassers, die
Dichtigkeit der verschiedenen Körper und ihre Kapillarität! Und
tausend andre Dinge! Dazu muß man mit den Grundsätzen der Hygiene
völlig vertraut sein, um den Bau von Gebäuden, die Unterhaltung
der Haus- und Arbeitstiere und die Ernährung der Dienstboten
leiten und kontrollieren zu können. Fernerhin, Frau Franz, muß man
die Botanik intus haben. Man muß die Pflanzen unterscheiden
können, verstehen Sie, die nützlichen von den schädlichen, die
nutzlosen und die nahrhaften, welche Arten man vertilgen und
welche man pflegen, welche man hier wegnehmen und dort anpflanzen
muß. Kurz und gut, man muß sich in der Wissenschaft auf dem
Laufenden halten, indem man die Broschüren und die öffentlichen
Bekanntmachungen liest, und immer auf dem Damme sein, um mit dem
Fortschritte zu gehen ...«
Die Wirtin ließ unterdessen den Eingang des Café Français nicht
aus den Augen. Der Apotheker redete weiter:
»Wollte Gott, unsre Agrarier wären zugleich Chemiker, oder sie
hörten wenigstens besser auf die Ratschläge der Wissenschaft! Da
habe ich kürzlich selbst eine große Abhandlung verfaßt, eine
Denkschrift von mehr als 72 Seiten, betitelt: »Der Apfelwein.
Seine Herstellung und seine Wirkung. Nebst einigen neuen
Betrachtungen hierüber.« Ich habe sie der »Rouener Agronomischen
Gesellschaft« übersandt, die mich daraufhin unter ihre
Ehrenmitglieder (Sektion Landwirtschaft, Abteilung für Pomologie)
aufgenommen hat. Ja, wenn so ein Werk gedruckt erschiene ...«
Der Apotheker hielt ein. Er merkte, daß Frau Franz von etwas ganz
andrem in Anspruch genommen war.
»Sehr richtig!« unterbrach er sich selber. »Eine unglaubliche
Spelunke!«
Die Löwenwirtin zuckte so heftig die Achseln, daß sich die Maschen
ihrer Trikottaille weit auseinanderzogen. Mit beiden Händen
deutete sie auf das Konkurrenzlokal, aus dem wüster Gesang
herüberhallte.
»Na! Lange wird die Herrlichkeit da drüben nicht mehr dauern!«
bemerkte sie. »In acht Tagen ist der Rummel alle!«
Homais trat erschrocken einen Schritt zurück. Die Wirtin kam die
drei Stufen herunter und flüsterte ihm ins Ohr:
»Was? Das wissen Sie nicht? Noch in dieser Woche wird er
ausgepfändet und festgesetzt. Lheureux hat ihm den Hals
abgeschnitten. Mit Wechseln!«
»Eine fürchterliche Katastrophe!« rief der Apotheker aus, der für
alle möglichen Ereignisse immer das passende Begleitwort zur Hand
hatte.
Die Löwenwirtin begann ihm nun die ganze Geschichte zu erzählen.
Sie wußte sie von Theodor, dem Diener des Notars. Obgleich sie
Tellier, den Besitzer des Café Français, nicht ausstehen konnte,
mißbilligte sie doch das Vorgehen von Lheureux. Sie nannte ihn
einen Gauner, einen Halsabschneider.
»Da! Sehen Sie!« fügte sie hinzu. »Da geht er! Unter den Hallen!
Jetzt begrüßt er Frau Bovary. Sie hat einen grünen Hut auf und
geht am Arm von Herrn Boulanger.«
»Frau Bovary!« echote Homais. »Ich muß ihr schnell guten Tag
sagen. Vielleicht ist ihr ein reservierter Platz auf der Tribüne
vor dem Rathause erwünscht.«
Ohne auf die Löwenwirtin zu hören, die ihm ihre lange Geschichte
weitererzählen wollte, stolzierte der Apotheker davon. Mit
lächelnder Miene grüßte er nach links und rechts, wobei ihn die
langen Schöße seines schwarzen Rockes im Winde umflatterten, daß
er wer weiß wieviel Raum einnahm.
Rudolf hatte ihn längst bemerkt. Er beschleunigte seine Schritte.
Da aber Emma außer Atem kam, ging er wieder langsamer. Lachend und
in brutalem Tone sagte er zu ihr:
»Ich wollte nur dem Dicken entgehen, wissen Sie, dem Apotheker!«
Sie versetzte ihm eins mit dem Ellbogen.
»Was soll das heißen?« fragte er sie. Dabei blinzelte er sie im
Weitergehen von der Seite an.
Ihr Gesicht blieb unbeweglich; nichts darin verriet ihre Gedanken.
Die Linie ihres Profils schnitt sich scharf in die lichte Luft,
unter der Rundung ihres Kapotthutes, dessen blaßfarbene
Bindebänder wie Schilfblätter aussahen. Ihre Augen blickten
geradeaus unter ihren etwas nach oben gebogenen langen Wimpern.
Obgleich sie völlig geöffnet waren, erschienen sie doch ein wenig
zugedrückt durch den oberen Teil der Wangen, weil das Blut die
feine Haut straffte. Durch die Nasenwand schimmerte Rosenrot, und
zwischen den Lippen glänzte das Perlmutter ihrer spitzen Zähne.
Den Kopf neigte sie zur einen Schulter.
»Mokiert sie sich über mich?« fragte sich Rudolf.
In Wirklichkeit hatte der Ruck, den ihm Emma versetzt hatte, nur
ein Zeichen sein sollen, daß Lheureux neben ihnen herlief. Von
Zeit zu Zeit redete der Händler die beiden an, um mit ihnen ins
Gespräch zu kommen.
»Ein herrlicher Tag heute! -- Alle Welt ist auf den Beinen! -- Wir
haben Ostwind!«
Frau Bovary wie Rudolf gaben kaum eine Antwort, während Lheureux
bei der geringsten Bewegung, die eins der beiden machte, mit einem
ewigen »Wie meinen?« dazwischenfuhr, wobei er jedesmal den Hut
lüftete.
Vor der Schmiede bog Rudolf mit einem Male von der Hauptstraße ab
in einen Fußweg ein. Er zog Frau Bovary mit sich und rief laut:
»Leben Sie wohl, Herr Lheureux! Viel Vergnügen!«
»Den haben Sie aber fein abgeschüttelt!« lachte Emma.
»Warum sollen wir uns von fremden Leuten belästigen lassen?«
meinte Rudolf. »Noch dazu heute, wo ich das Glück habe, mit
Ihnen ...«
Sie wurde rot. Er vollendete seine Phrase nicht und sprach vom
schönen Wetter und wie hübsch es sei, so durch die Fluren
spazieren zu gehen.
Ein paar Gänseblümchen standen am Raine.
»Die niedlichen Dinger da!« sagte er. »Und so viele! Genug Orakel
für die verliebten Mädels des ganzen Landes!« Ein paar Augenblicke
später setzte er hinzu: »Soll ich welche pflücken? Was denken Sie
darüber?«
»Sind Sie denn verliebt?« fragte Emma und hustete ein wenig.
»Wer weiß?« meinte Rudolf.
Sie kamen auf die Festwiese, auf der das Gedränge immer mehr
zunahm. Bauersfrauen mit Riesenregenschirmen, einen Korb am einen
und einen Säugling im andern Arme, rempelten sie an. Häufig mußten
sie Platz machen, wenn eine lange Reihe nach Milch riechender
Dorfschönen in blauen Strümpfen, derben Schuhen und silbernen
Ohrringen vorbeizog, alle Hand an Hand.
Die Preisverteilung fand statt. Die Züchter traten, einer nach dem
andern, in eine Art Arena, die durch ein langes Seil an Pfählen
gebildet wurde. Innerhalb des so abgegrenzten Raumes standen die
Tiere, mit den Schnauzen nach außen, die ungleich hohen Kruppen in
einer unordentlichen Richtungslinie. Schläfrige Schweine wühlten
mit ihren Rüsseln in der Erde. Kälber brüllten, Schafe blökten.
Kühe lagen hingestreckt, die Bäuche im Grase, die Beine
eingezogen, kauten gemächlich wieder und zuckten mit ihren
schwerfälligen Lidern, wenn die sie umschwärmenden Bremsen
stachen. Pferdeknechte, die Arme entblößt, hielten an
Trensenzügeln steigende Zuchthengste, die mit geblähten Nüstern
nach der Seite hin wieherten, wo die Stuten standen. Diese
verhielten sich friedlich und ließen die Köpfe und Mähnen hängen,
während ihre Füllen in ihrem Schatten ruhten und ab und zu an
ihnen saugten. Über der wogenden Masse aller dieser Leiber sah man
von weitem hie und da das Weiß einer Mähne wie eine Springflut im
Winde aufwehen oder ein spitzes Horn hervorspringen, und überall
dazwischen die Häupter wimmelnder Menschen. Außerhalb der
Umseilung, etwa hundert Schritte davon entfernt, stand --
unbeweglich wie aus Bronze gegossen -- ein großer schwarzer Stier
mit verbundenen Augen und einem Eisenring durch die Nase. Ein
zerlumptes Kind hielt ihn an einem Stricke.
Ein paar Herren schritten langsam zwischen den beiden Reihen hin,
besichtigten jedes Tier einzeln und eingehend und berieten sich
jedesmal hinterher in flüsternder Weise. Einer von ihnen, offenbar
der Einflußreichste, schrieb im Gehen Bemerkungen in ein Buch. Das
war der Vorsitzende der Preisrichter, Herr Derozerays, Besitzer
des Rittergutes La Panville. Als er Rudolf bemerkte, ging er
lebhaft auf ihn zu und sagte verbindlich-freundlich zu ihm:
»Herr Boulanger, Sie lassen uns ja im Stich?«
Rudolf versicherte, er werde gleich zur Stelle sein. Als er jedoch
außer Hörweite des Vorsitzenden war, meinte er:
»Der Fuchs soll mich holen, wenn ich hinginge! Ich bleibe lieber
bei Ihnen!«
Er machte seine Witze über das Preisrichterkollegium, was ihn aber
nicht abhielt, seinen eignen Ausweis als Mitglied des
Festausschusses mit Grandezza zu zeigen, wenn er irgendwo
durchwollte, wo ein Schutzmann stand. Mehrfach blieb er auch vor
dem oder jenem »Prachtstück« stehen. Frau Bovary bewunderte nichts
mit. Das beobachtete er, und nun begann er spöttische Bemerkungen
über die Toiletten der Damen von Yonville loszulassen. Dabei
entschuldigte er sich, daß er selber auch nicht elegant gehe.
Seine Kleidung war ein Nebeneinander von Alltäglichkeit und
Ausgesuchtheit. Der oberflächliche Menschenkenner hält derlei
meist für das äußere Kennzeichen einer exzentrischen Natur, die
bizarr in ihrem Gefühlsleben, künstlerisch beanlagt und allem
Herkömmlichen abhold ist, und empfindet Ärgernis oder Bewunderung
davor. Rudolfs weißes Batisthemd mit gefälteten Manschetten
bauschte sich im Ausschnitt seiner grauen Flanellweste, wie es dem
Winde gerade gefiel; seine breitgestreiften Hosen reichten nur bis
an die Knöchel und ließen die gelben Halbschuhe ganz frei, auf
deren spiegelblanke Lackspitzen das Gras Reflexe warf. Er trat
unbekümmert in die Pferdeäpfel. Eine Hand hatte er in der
Rocktasche, und der Hut saß ihm schief auf dem Kopfe.
»Ein Bauer wie ich ...«, meinte er.
»Bei dem ist Hopfen und Malz verloren«, scherzte Emma.
»Sehr richtig! Übrigens ist kein einziger von all diesen
Biedermännern imstande, den Schnitt eines Rockes zu beurteilen.«
Dann sprachen sie von dem Leben in der Provinz, wo die Eigenart
des einzelnen erstickt und das Leben keinen Schwung hat.
»Darum verfalle ich der Melancholie ...«, sagte er.
»Sie?« erwiderte Emma erstaunt. »Ich halte Sie gerade für sehr
lebenslustig.«
»Ach, das sieht nur so aus! Weil ich vor den Leuten die Maske des
Spötters trage. Aber wie oft habe ich mich beim Anblick eines
Friedhofes im Mondenscheine gefragt, ob einem nicht am wohlsten
wäre, wenn man schliefe, wo die Toten schlafen ...«
»Sie haben doch Freunde. Vergessen Sie die nicht!«
»Ich? Freunde? Welche denn? Ich habe keine. Um mich kümmert sich
niemand.«
Dabei gab er einen pfeifenden Ton von sich.
Sie mußten sich einen Augenblick voneinander trennen, weil sich
ein Mann zwischen sie drängte, der einen Turm von Stühlen
schleppte. Er war derartig überladen, daß man nichts von ihm sah
als seine Holzpantoffeln und seine Ellbogen. Es war Lestiboudois,
der Totengräber, der ein Dutzend Kirchenstühle herbeischaffte.
Findig, wie er immer war, wo es etwas zu verdienen gab, war er auf
den Einfall gekommen, aus dem Bundestage seinen Vorteil zu
schlagen. Und damit hatte er sich nicht verrechnet; er wußte gar
nicht, wen er zuerst befriedigen sollte. Die Bauern, denen es heiß
war, rissen sich förmlich um diese Stühle, deren Strohsitze nach
Weihrauch dufteten. Sie lehnten sich mit wahrer Kirchenstimmung
gegen die hohen wachsbeklecksten Stuhlrücken.
Frau Bovary nahm Rudolfs Arm von neuem. Er fuhr fort, als spräche
er mit sich selbst.
»Ja, ja! Ich habe vieles entbehren müssen! Immer einsam! Ach, wenn
mein Dasein einen Zweck gehabt hätte, wenn ich einer großen
Leidenschaft begegnet wäre, wenn ich ein Herz gefunden hätte ...
Oh, alle meine Lebenskraft hätte ich daran gesetzt, ich wäre über
alle Hindernisse hinweggestürmt, hätte alles überwunden ...«
»Mich dünkt, Sie seien gar nicht besonders beklagenswert«, wandte
Emma ein.
»So, finden Sie?«
»Zum mindesten sind Sie frei ...« Sie zögerte. »... und reich!«
»Spotten Sie doch nicht über mich!« bat er.
Sie beteuerte, es sei ihr Ernst. Da donnerte ein Böllerschuß.
Alsbald wälzte und drängte sich alles der Ortschaft zu. Aber es
war ein falscher Alarm gewesen. Der Landrat war noch gar nicht da.
Der Festausschuß war nun in der größten Verlegenheit. Sollte der
feierliche Akt beginnen, oder sollte man noch warten?
Endlich tauchte an der Ecke des Marktes eine riesige Mietkutsche
auf, von zwei mageren Gäulen gezogen, auf die ein Kutscher im
Zylinderhut aus Leibeskräften mit der Peitsche loshieb.
Binet, der Feuerwehrhauptmann, kommandierte in aller Hast:
»An die Gewehre!«
Und der Oberst der Bürgergarde brüllte das Echo dazu.
Hals über Kopf stürzte man an die Gewehrpyramiden. Etliche der
Bürgergardisten vergaßen in der Eile, sich den Kragen zuzuknöpfen.
Aber der Landauer des Herrn Landrats schien die Verwirrung zum
Glück zu ahnen. Die beiden Pferde kamen im langsamsten Zotteltrabe
gerade in dem Moment vor der Vorhalle des Rathauses an, als sich
Feuerwehr und Bürgergarde in Reih und Glied unter Trommelschlag
davor aufgestellt hatten.
»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« kommandierte Binet.
»Stillgestanden! Präsentiert das Gewehr!« der Oberst auf der
andern Seite.
Die Trageringe rasselten in den Reihen, als ob ein Kupferkessel
eine Treppe hinunterkollerte. Die Gewehre flogen nur so.
Nun sah man einen Herrn aus der Karosse steigen, in einer
silberbestickten Hofuniform. Er hatte eine große Glatze, ein
Toupet auf dem Hinterhaupte, sah blaß im Gesicht aus und war
offenbar sehr leutselig. Um die Menschenmenge besser zu sehen,
kniff er seine Augen, die zwischen dicken Lidern hervorquollen,
halb zusammen, wobei er gleichzeitig seine spitzige Nase hob und
seinen eingefallenen Mund zum Lächeln verschob. Er erkannte den
Bürgermeister an seiner Schärpe und teilte ihm mit, daß der
Landrat verhindert sei, persönlich zu kommen. Er selber sei
Regierungsrat. Es folgten noch ein paar verbindliche Redensarten.
Tüvache, der Bürgermeister, begrüßte ihn ehrerbietig. Der Rat
erklärte, er fühle sich beschämt. Die beiden standen sich dicht
gegenüber, Angesicht zu Angesicht; um sie herum der Festausschuß,
der Gemeinderat, die Honoratioren, die Bürgergarde und das
Publikum. Der Regierungsrat schwenkte seinen kleinen schwarzen
Dreimaster gegen die Brust und sagte ein paar Begrüßungsworte.
Währenddem klappte Tüvache in einem fort wie ein Taschenmesser
zusammen, lächelnd, stotternd, nach Worten suchend. Darauf
beteuerte er die Königstreue der Yonviller und dankte für die
ihnen widerfahrene große Ehre.
Hippolyt, der Hausknecht aus dem Goldnen Löwen, nahm die Pferde
der Kutsche an den Kandaren und zog das Gefährt humpelnd nach dem
Gasthofe, an dessen Hoftor ein Schwarm von gaffenden Landleuten
stand. Die Trommeln wirbelten, der Böller krachte.
Die Herren vom Festausschuß begaben sich nun auf die vor dem
Rathause errichtete Estrade und setzten sich in die roten
Plüschsessel, die von der Frau Bürgermeisterin zur Verfügung
gestellt worden waren.
Alle die Männer glichen einander. Alle hatten sie ausdruckslose
blonde, apfelweinfarbene Gesichter, die von der Sonne etwas
gebräunt waren, buschige Backenbärte, die sich unter hohen steifen
Halskragen verloren, und weiße, sorglich gebundene Krawatten. Die
Samtweste fehlte keinem, ebensowenig an den Uhrketten das ovale
Petschaft aus Karneol. Alle stemmten sie die Arme auf die
Schenkel, nachdem sie die Falten des Beinkleides sorgsam
zurechtgestrichen hatten. Das nicht dekatierte Hosentuch glänzte
mehr als das Leder ihrer derben Stiefel.
Die Damen der Gesellschaft hielten sich hinter der Estrade auf,
unter der Vorhalle zwischen den Säulen, während die große Menge
dem Rathause gegenüber stand oder teilweise auf Stühlen saß. Der
Kirchendiener hatte die erst nach der Wiese getragenen Stühle
rasch wieder hierhergeschleppt und brachte immer noch mehr aus der
Kirche herzu. Durch seinen Handel entstand ein derartiges
Gedränge, daß man nur mit Mühe und Not zu der kleinen Treppe der
Estrade dringen konnte.
»Ich finde,« sagte Lheureux zu dem Apotheker, der sich nach der
Estrade durchdrängelte und gerade an ihm vorüberkam, »man hätte
zwei venezianische Maste aufpflanzen und sie mit irgendeinem
schweren kostbaren Stoff drapieren sollen, mit einer Nouveauté.
Das würde sehr hübsch ausgesehen haben!«
»Gewiß!« meinte Homais. »Aber Sie wissen ja! Der Bürgermeister
macht alles bloß nach seinem eignen Kopfe. Er hat nicht viel
Geschmack, der gute Tüvache, und künstlerischen Sinn nun gleich
gar nicht!«
Mittlerweile waren Rudolf und Emma in den ersten Stock des
Rathauses gestiegen, in den Sitzungssaal. Da dieser leer war,
erklärte Boulanger, das wäre so recht der Ort, das Schauspiel
bequem zu genießen. Er nahm zwei Stühle von dem ovalen Tisch, der
unter der Büste von Majestät stand, und trug sie an eins der
Fenster.
Die beiden setzten sich nebeneinander hin.
Unten auf der Estrade ging es lebhaft her. Alles plauderte und
tuschelte. Da erhob sich der Regierungsrat von seinem Sitze. Man
hatte inzwischen erfahren, daß er Lieuvain hieß, und nun lief sein
Name von Mund zu Mund durch die Menge. Nachdem er ein paar Zettel
geordnet und sich dicht vor die Augen gehalten hatte, begann er:
»Meine Herren!
Ehe ich auf den eigentlichen Zweck der heutigen Versammlung
eingehe, sei es mir zunächst gestattet, -- und ich bin überzeugt,
Sie sind insgesamt damit einverstanden! -- sei es mir gestattet,
sage ich, der Behörden und der Regierung zu gedenken, vor allem,
meine Herren, Seiner Majestät, unsers allergnädigsten und
allverehrten Landesherrn, dem jedes Gebiet der öffentlichen und
privaten Wohlfahrt am Herzen liegt, der mit sicherer und kluger
Hand das Staatsschiff durch die unaufhörlichen Gefahren eines
stürmischen Ozeans lenkt und dabei jedem sein Recht läßt, dem
Frieden wie dem Kriege, der Industrie, dem Handel, der
Landwirtschaft, den Künsten und Wissenschaften ...«
»Vielleicht setze ich mich ein wenig weiter zurück«, sagte Rudolf.
»Warum?« fragte Emma.
In diesem Augenblicke bekam die Stimme des Regierungsrates
besonderen Schwung. Er deklamierte:
»Die Zeiten sind vorüber, meine Herren, wo die Zwietracht der
Bürger unsre öffentlichen Plätze mit Blut besudelte, wo der
Grundbesitzer, der Kaufmann, ja selbst der Arbeiter, wenn er
abends friedlich schlafen ging, befürchten mußte, durch das
Stürmen der Brandglocken jäh wieder aufgeschreckt zu werden, wo
Umsturzideen frech an den Grundfesten rüttelten ...«
»Nur weil man mich von unten bemerken könnte«, gab Rudolf zur
Antwort. »Dann müßte ich mich vierzehn Tage lang entschuldigen.
Und bei meinem schlechten Rufe ...«
»Sie verleumden sich«, warf Emma ein.
»I wo! Der ist unter aller Kritik! Das schwör ich Ihnen.«
»Meine Herren!« fuhr der Redner fort. »Wenn wir unsre Blicke von
diesen düstern Bildern der Vergangenheit abwenden und auf den
gegenwärtigen Zustand unsers schönen Vaterlandes richten: was
sehen wir da? Überall stehen Handel, Wissenschaften und Künste in
Blüte, überall erwachsen neue Verkehrswege und -mittel, gleichsam
wie neue Adern im Leibe des Staates, und schaffen neue
Beziehungen, neues Leben. Unsre großen Industriezentren sind von
neuem in vollster Tätigkeit. Die Religion ist gekräftigt und wärmt
wieder aller Herzen. Unsre Häfen strotzen, der Staatskredit ist
fest. Frankreich atmet endlich wieder auf ...«
»Das heißt,« sagte Rudolf, »vom gesellschaftlichen Standpunkt hat
man vielleicht recht.«
»Wie meinen Sie das?« fragte sie.
»Wissen Sie denn nicht,« erläuterte er, »daß es problematische
Naturen gibt? Halb Träumer, halb Tatenmenschen? Heute leben sie
den hehrsten Idealen und morgen den wildesten Genüssen. Nichts ist
ihnen zu toll, zu phantastisch ...«
Sie blickte ihn an, wie man einen Polarfahrer anschaut. Dann sagte
sie:
»Uns armen Frauen dagegen, uns sind die Freuden solcher Kontraste
verboten!«
»Schöne Freuden!« entgegnete er bitter. »Das Glück liegt wo ganz
anders!«
»Ach, so findet mans nirgends?«
»Doch! Eines Tages begegnet man dem Glück!« flüsterte er.
»Und das wissen Sie alle gerade am besten,« fuhr der Regierungsrat
fort, »Sie, die Sie Landwirte und Landarbeiter sind, friedliche
Vorkämpfer eines Kulturideals, Männer des Fortschrittes und der
Ordnung! Sie wissen das, sage ich, daß politische Stürme weit
furchtbarer sind denn Stürme in der Natur ...«
»Ja, eines Tages begegnet man ihm!« wiederholte Rudolf, »ganz
unerwartet, gerade wenn man alle Hoffnung verloren hat! Dann
öffnet sich der Himmel, und es ist einem, als riefe eine Stimme:
'Hier ist das Glück!' Und dem Menschen, den Sie da gefunden haben,
dem müssen Sie aus innerm Drange heraus ihr Leben anvertrauen, ihm
alles geben, alles opfern! Es werden keine Worte gewechselt. Alles
ist nur Ahnung, Gefühl! Man hat sich ja längst im Traumland
gesehen ...«
Er blickte Emma an.
»Endlich ist er da, der Schatz, den man so lange gesucht hat,
leibhaftig da! Er glänzt und strahlt! Noch immer hält man ihn für
ein Traumbild. Man wagt nicht, an ihn zu glauben. Man ist
geblendet, als käme man plötzlich aus der Nacht in die Sonne ...«
Rudolf begleitete seine Worte mit Gebärden. Er preßte die Rechte
auf sein Gesicht wie jemand, dem es schwindelt. Dann ließ er sie
auf Emmas Hand sinken. Sie zog sie weg.
Der Rat sprach immer weiter:
»Wen könnte das auch verwundern, meine Herren? Höchstens Leute,
die so blind wären, so verbohrt (ich scheue mich nicht, dieses
Wort zu gebrauchen!), so verbohrt in die Vorurteile abgetaner
Zeiten, daß sie die Gesinnung der Landwirte noch immer verkennen.
Wo findet man, frage ich, mehr Patriotismus als auf dem Lande? Wo
mehr Opferfreudigkeit in Dingen des Gemeinwohls? Mit einem Worte:
wo mehr Intelligenz? Meine Herren, ich meine natürlich nicht jene
oberflächliche Intelligenz, mit der sich müßige Geister brüsten,
nein, ich meine die gründliche und maßvolle Intelligenz, die sich
nur mit ersprießlichen Absichten betätigt und damit dem Vorteile
des Einzelnen wie der Förderung der Allgemeinheit dient und eine
Stütze des Staates ist, durchdrungen von der Achtung vor den
Gesetzen und dem Gefühle der Pflichterfüllung ...«
»Pflichterfüllung!« wiederholte Rudolf. »Immer und überall die
Pflicht! Wie mich dieses Wort anwidert! Ein Chor von alten
Schafsköpfen in Schlafröcken und von Betschwestern mit Wärmbullen
und Gesangbüchern krächzt uns ewig die alte Litanei vor: 'Die
Pflicht, die Pflicht!' Der Teufel soll sie holen! Unsre Pflicht
ist es, alles Große in der Welt mitzufühlen, das Schöne anzubeten
und sich nicht immer gleich unter alle möglichen
gesellschaftlichen Konvenienzen zu ducken, sich nicht zu Sklaven
herabwürdigen zu lassen ...«
»Indessen ... indessen ...«, wandte Emma ein.
»Nein, nein! Warum immer gegen die Leidenschaften kämpfen? Sind
sie nicht vielmehr das Allerschönste, was es auf Erden gibt, der
Quell des Heldensinns, der Begeisterung, der Dichtung, der Musik,
aller Künste, alles Lebens im wahren Sinne?«
»Aber man muß sich doch ein wenig nach den Leuten richten
und sich ihrer Moral fügen«, meinte Emma.
»So! Das ist dann eben die doppelte Moral,« eiferte er. »Die eine:
die kleinliche, herkömmliche, die der Leute, die in einem fort ein
andres Gesicht zieht, immer Ach und Weh schreit, im trüben fischt
und auf dem Erdboden kriecht. Das ist die all der versammelten
Troddel da unten. Und die andre: die göttliche, die um uns ist und
über uns wie die Landschaft, die uns umprangt, und der blaue
Himmel, der über uns leuchtet ...«
Lieuvain wischte sich den Mund mit dem Taschentuche, dann sprach
er weiter:
»Soll ich Ihnen, meine Herren, den Nutzen der Landwirtschaft hier
noch im einzelnen darlegen? Wer sorgt für unser täglich Brot? Wer
schafft uns die Unterhaltungsmittel? Tut es nicht der Landmann? Er
und kein anderer? Meine Herren, dem Landmann, der mit seiner
schwieligen Hand das Saatkorn in die fruchtbringenden Furchen sät,
verdanken wir das Getreide, das dann, von sinnreichen Maschinen zu
Mehl gemahlen, in die Städte zu den Bäckern kommt, die Brot daraus
backen für arm und reich! Ist es nicht der Landmann, der auf den
Weiden die Schafherden hütet, damit wir Kleider haben? Wie sollten
wir uns anziehen, wie uns nähren, ohne die Landwirtschaft? Aber,
meine Herren, wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Hat nicht
jeder von uns schon manchmal über die Bedeutung jenes bescheidenen
Tierchens nachgedacht, das die Zierde unserer Bauernhöfe ist und
uns gleichzeitig ein weiches Kopfkissen, einen saftigen Braten für
unsern Tisch und die Eier schenkt? Ich käme nicht zu Ende, wenn
ich alle die andern verschiedenen Erzeugnisse lückenlos aufzählen
müßte, mit denen die wohlbebaute Erde wie eine großmütige Mutter
ihre Kinder überschüttet. Ich nenne nur den Weinstock, den Baum,
der uns den Apfelwein spendet, und den Raps. Dann haben wir den
Käse und den Flachs. Meine Herren, vergessen wir den Flachs nicht!
Der Flachsbau hat in den letzten Jahren einen bedeutenden
Aufschwung genommen, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit ganz
besonders hinlenken möchte ...«
Dieser Appell war eigentlich unnötig, denn die Menge lauschte
offenen Mundes und ließ sich kein Wörtchen entgehen. Der
Bürgermeister, der zur Seite des Redners saß, horchte mit
aufgerissenen Augen. Derozerays schloß die seinen hin und wieder
voller Andacht. Und der Apotheker, der seinen Platz etwas weiter
weg hatte, hielt sich eine Hand ans Ohr, um Silbe für Silbe
ordentlich zu verstehen. Die übrigen Preisrichter nickten
bedächtig mit den gesenkten Häuptern, um ihre Zustimmung zu
erkennen zu geben. Die Feuerwehr stützte sich auf ihre Gewehre,
und Binet stand immer noch stramm da im Stillgestanden und mit
vorschriftsmäßiger Säbelhaltung. Hören konnte er vielleicht, aber
sehen nicht, weil ihm die Blende seines Helms bis über die Nase
reichte. Sein Leutnant, der jüngste Sohn des Bürgermeisters, hatte
einen noch größeren auf. Dieses Ungetüm wackelte ihm fortwährend
auf dem Kopfe hin und her. Überdies sah der Zipfel eines seidnen
Tuches hervor, das er untergestopft hatte. Er lächelte wie ein
artiges Kind unter dem Helme hervor, und sein schmales blasses
Gesicht, über das Schweißtropfen rannen, verriet zugleich helle
Freude und müde Abspannung.
Der Marktplatz war bis an die Häuser heran voller Menschen. In
allen Fenstern erblickte man Leute, ebenso auf allen Türschwellen.
Vor dem Schaufenster der Apotheke stand Justin, ganz versunken in
das Schauspiel vor seinen Augen. Trotzdem um den Redner herum
Stille herrschte, verlor sich seine Stimme doch bereits in einiger
Entfernung im Winde. Nur einzelne abgerissene Worte drangen
weiter, von denen das Geräusch hin- und hergerückter Stühle auch
noch einen Teil verschlang. Noch weiter weg vernahm man dicht
hinter sich langgedehntes Rindergebrüll oder das Blöken der
Schafe, die sich einander antworteten. Die Kuhjungen und Hirten
hatten nämlich ihre Tiere inzwischen bis auf den Markt getrieben,
wo sie sich nun von Zeit zu Zeit laut bemerkbar machten.
Rudolf war dicht an Emma herangerückt und flüsterte ihr hastig zu:
»Muß einen diese Tyrannei der Gesellschaft denn nicht zum Rebellen
machen? Gibt es ein einziges Gefühl, das sie nicht verdammt? Die
edelsten Triebe, die reinsten Neigungen werden von ihr verfolgt
und verleumdet, und wenn sich zwei arme Herzen trotz alledem
finden, so verbündet sich alles, damit sie einander nicht gehören
können. Aber sie werden es dennoch versuchen, sie regen ihre
Flügel, und sie rufen sich. Früher oder später, in sieben Monaten
oder in sieben Jahren, sind sie doch vereint in ihrer Liebe, weil
es das Schicksal so will und weil sie füreinander geschaffen sind
...«
Er hatte die Arme verschränkt und stützte sie auf seine Knie, und
so schaute er Emma an, ganz aus der Nähe, mit starrem Blicke. Sie
konnte in seinen Augen die kleinen goldnen Kreislinien sehen, um
die schwarzen Pupillen herum, und sie roch sogar das leise Parfüm
in seinem Haar. Wollüstige Müdigkeit überfiel sie. Der Vicomte,
mit dem sie im Schlosse Vaubyessard getanzt hatte, kam ihr in den
Sinn. Sein Bart hatte genau so geduftet wie dieses Haar, nach
Vanille und Zitronen. Unwillkürlich schloß sie die Augenlider, um
den Geruch stärker zu spüren. Aber als sie sich in ihren Stuhl
zurücklehnte, fiel ihr Blick gerade auf die alte Postkutsche, fern
am Horizonte, die langsam die Höhe von Leux herabfuhr und eine
lange Staubwolke nach sich zog. In derselben gelben Kutsche war
Leo so oft zu ihr zurückgekommen, und auf dieser Straße da war er
von ihr weggefahren auf immerdar! Sie glaubte sein Antlitz zu
sehen, im Rahmen seines Fensters. Dann verschwamm alles, und Nebel
zogen vorüber. Es kam ihr vor, als wirble sie wie damals im
Walzer, in der Lichtflut des Ballsaales, im Arme des Vicomte. Und
Leo wäre nicht weit weg, sondern käme wieder ... Dabei spürte sie
in einem fort Rudolfs Haar dicht neben sich. Die süße Empfindung
seiner Nähe vermählte sich mit den alten Gelüsten; und wie
Staubkörner, die der Wind aufjagt, umtanzten sie diese Gefühle
zusammen mit dem leisen Dufte und betäubten ihr die Seele. Ein
paarmal öffnete sie weit die Nasenflügel, um -- stoßweise -- den
frischen Geruch der Girlanden einzuatmen, die um die Säulen
geschlungen waren.
Sie streifte sich die Handschuhe ab und trocknete sich die
feuchtgewordnen Hände; dann fächelte sie ihren Wangen mit dem
Taschentuche Kühlung zu, wobei sie mitten durch das Hämmern des
Blutes in ihren Schläfen das Gesumme der Menge und die immer noch
Phrasen dreschende Stimme des Regierungsrates verworren vernahm.
Er predigte:
»Fahren Sie fort! Bleiben Sie auf Ihrem Wege! Lassen Sie sich
nicht beirren, weder durch Hängenbleiben an veralteten
Überlieferungen noch durch allzu hastige Annahme von kühnen
Neuerungen! Richten Sie Ihren Eifer vor allem auf die
Verbesserung des Bodens, auf eine gute Düngung, auf die Veredelung
der Pferde-, Rinder-, Schafe- und Schweinezucht! Möge diese
Versammlung für Sie eine Art friedlicher Kampfplatz sein, auf dem
der Sieger beim Verlassen der Arena dem Besiegten die Hand drückt
wie einem Bruder und ihm den gleichen Erfolg für die Zukunft
wünscht! Und Ihr, Ihr würdigen Dienstboten, bescheidenes
Hofgesinde, um deren mühevolle Arbeit sich bisher noch keine
Regierung gekümmert hat, kommt her und empfangt den Lohn für Eure
stille Tüchtigkeit und seid überzeugt, daß die Fürsorge des
Staates fortan auch Euch gelten wird, daß er Euch ermutigt und
beschützt, daß er Euch auf begründete Beschwerden hin recht geben
wird und Euch, soweit es in seiner Macht steht, die Bürde Eurer
opferfreudigen Arbeit erleichtern wird!«
Darnach setzte sich der Regierungsrat. Jetzt erhob sich Herr
Derozerays und begann eine zweite Rede. Sie war nicht so
schwungvoll wie die Lieuvains, dafür war sie sachlicher, das
heißt: sie verriet Fachkenntnisse und gab tiefergehenden
Betrachtungen Raum. Das Lob auf die Regierung war kürzer gefaßt;
die Rede beschäftigte sich mehr mit der Landwirtschaft und der
Religion. Die Wechselbeziehungen zwischen beiden wurden
beleuchtet. Beide hätten zu allen Zeiten die Zivilisation
gefördert. Rudolf plauderte mit Frau Bovary über Träume,
Vorahnungen und Suggestion. Der Redner ging auf die Anfänge der
menschlichen Gesellschaft zurück und schilderte die barbarischen
Zeiten, da sich der Mensch im Urwalde von Eicheln genährt hatte.
Später hätte man die Tierfelle abgelegt und sich mit Tuch
bekleidet, hätte Feldwirtschaft und Weinbau begonnen. War dies nun
ein Vorteil oder brachten nicht die neuen Beschäftigungen ungleich
mehr Mühen denn Nutzen? Über dieses Problem stellte Derozerays
allerhand Betrachtungen an.
Von der Suggestion war Rudolf unterdessen allmählich auf die
Wahlverwandtschaft gekommen, und während der Redner unten vom
Pfluge des Cincinnatus sprach, von Diocletian und seinen
Kohlplantagen und von den chinesischen Kaisern, die zu Neujahr
eigenhändig säen, setzte der junge Mann der jungen Frau
auseinander, daß die Ursache einer solchen unwiderstehlichen
gegenseitigen Anziehung in einer früheren Existenz zu suchen sei.
»Nehmen Sie beispielsweise uns beide!« sagte er. »Warum haben wir
uns kennen gelernt? Hat dies allein der Zufall gefügt? War es
nicht vielmehr in beiden ein geheimer Drang, der uns gegenseitig
einander zuführte, wie zwei Ströme ineinander fließen, jeder von
weiter Ferne her?«
Er ergriff wiederum ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht.
»Preis für gute Bewirtschaftung ...«, rief unten der Redner.
»Denken Sie doch daran, wie ich zum ersten Male in Ihr Haus
kam ...«
»Herrn Bizet aus Quincampoix!«
»Wußte ich damals, daß wir so bald gute Freunde werden sollten?«
»Siebzig Franken ...«
»Hundertmal habe ich reisen wollen, aber ich bin immer wieder zu
Ihnen gekommen und hier geblieben ...«
»Für Erfolge im Düngen.«
»... heute und morgen, alle Tage, mein ganzes Leben ...«
»Herrn Caron aus Argueil eine goldene Medaille!«
»... denn noch keines Menschen Gesellschaft hat mich so völlig
bezaubert ...«
»Herrn Bain aus Givry-Saint-Martin ...«
»... und so werde ich Ihr Bild in mir tragen ...«
»... für einen Merino-Schafbock ...«
»Sie aber werden mich vergessen! Ich bin an Ihnen vorübergewandelt
wie ein Schatten!«
»Herrn Belot aus Notre-Dame ...«
»Aber nein, nicht wahr? Manchmal werden Sie sich doch meiner
erinnern?«
»Für Schweinezucht ein Preis geteilt, je achtzig Franken, den
Herren Lehérissé und Cüllembourg!«
Rudolf drückte Emmas Hand. Sie fühlte sich ganz heiß an und
zitterte wie eine gefangene Taube, die fortfliegen möchte. Sei es
nun, daß Emma versuchte, ihre Hand zu befreien, oder daß sie
Rudolfs Druck wirklich erwidern wollte: sie machte mit ihren
Fingern eine Bewegung. Da rief er aus:
»Ach, ich danke Ihnen! Sie stoßen mich nicht zurück! Sie sind so
gut! Sie fühlen, daß ich Ihnen gehöre! Ich will Sie ja nur sehen,
nur anschauen!«
Ein Windstoß, der durch die Fenster fuhr, bauschte die Tischdecke
des Tisches im Saal, und unten auf dem Markte flatterten die
mächtigen Haubenschleifen der Bäuerinnen wie weiße
Schmetterlingsflügel auf.
»Für die Herstellung von Ölkuchen ...«
Der Vorsitzende fing an sich zu beeilen.
»Für Mastversuche nach flandrischer Art ... Weinbau ...
Feldbewässerung ... langjährigen Pacht ... treue Dienste ...«
Rudolf sprach nicht mehr. Sie sahen sich beide an. Emmas trockne
Lippen bebten in heißestem Begehren. Weich und ganz von selbst
verschlangen sich ihre Hände.
»Katharine Nikasia Elisabeth Leroux aus Sassetot-la-Guerrière für
vierundfünfzigjährigen Dienst auf ein und demselben Gute eine
silberne Medaille im Werte von fünfundzwanzig Franken!«