Neuntes Kapitel

Sechs Wochen flossen hin. Rudolf kam nicht. Endlich, eines

Spätnachmittags, erschien er.

»Man darf sich nicht so schnell wieder sehen lassen. Das wäre ein

Fehler!«

Nach dem Feste war er auf die Jagd gegangen. Und nach der Jagd

hatte er sich gesagt, nun sei es zu spät zu einem Besuche. Sein

Gedankengang war folgender:

»Wenn sie mich vom ersten Tage an geliebt hat, wird sie mich nach

dem Hangen und Bangen des Wartens nur um so mehr lieben. Warten

wir also noch eine Weile!«

Als er Emma in der Großen Stube entgegentrat, sah er, wie sie blaß

wurde. Da wußte er, daß er sich nicht verrechnet hatte.

Sie war allein. Es dämmerte. Die kleinen Mullgardinen an den

Scheiben der Fenster vermehrten das Halbdunkel. Das blanke Metall

des Barometers, auf das ein Sonnenstrahl fiel, glitzerte auf der

Fläche des Spiegels über dem Kamin wider wie flammendes Feuer.

Rudolf stand noch immer. Emma antwortete nur mit Mühe auf seine

ersten Höflichkeitsworte.

»Ich war stark beschäftigt. Und dann bin ich auch krank gewesen.«

»Ernstlich?« fragte sie erregt.

»Na,« erwiderte Rudolf, indem er sich ihr zur Seite auf einen

niedrigen Sessel setzte, »eigentlich wollte ich nicht

wiederkommen.«

»Warum?«

»Erraten Sie es nicht?«

Wiederum sah er sie an, diesmal so leidenschaftlich, daß sie rot

wurde und die Augen senkte.

Er begann von neuem:

»Emma!«

»Herr Boulanger!« rief sie und rückte ein wenig von ihm ab.

»Ah!« sagte er in wehmütigem Tone. »Sehen Sie, wie recht ich

hatte, wenn ich nicht wiederkommen wollte! Ihr Name ..., dieser

Name, der mein ganzes Herz erfüllt ..., er ist mir entschlüpft,

und Sie verbieten mir, ihn auszusprechen! Frau Bovary! Alle Welt

nennt Sie so! So heißen Sie! Und doch ist das der Name -- eines

andern!« Nach einer Weile wiederholte er: »Eines andern!« Er hielt

sich die Hände vor sein Gesicht. »Ach, ich denke fortwährend an

Sie ... Die Erinnerung bringt mich in Verzweiflung ... Verzeihen

Sie mir ... Ich gehe ... Leben Sie wohl! Ich will weit, weit weg

... so weit gehen, daß Sie nichts mehr von mir hören werden! Aber

heute ... heute ... ach, ich weiß nicht, was mich mit aller Gewalt

hierher zu Ihnen getrieben hat! Gegen sein Schicksal kann keiner

kämpfen! Und wo Engel lächeln, wer könnte da widerstehen? Man läßt

sich hinreißen von der, die so schön, so süß, so anbetenswert

ist!«

Es war das erstemal, daß Emma solche Dinge hörte, und als ob sie

sich im Bade wollüstig dehnte, so fühlte sie sich in ihrem

Selbstbewußtsein von der warmen Flut dieser Sprache umkost.

»Aber wenn ich mich auch nicht habe sehen lassen,« fuhr er fort,

»wenn ich nicht mit Ihnen reden durfte, so habe ich doch

wenigstens das gesehen, was Sie umgibt. Ach, nachts, Nacht für

Nacht habe ich mich erhoben und bin hierher geeilt, um Ihr Haus zu

schauen, Ihr Dach im Scheine des Mondes, die Bäume in Ihrem

Garten, die ihre Wipfel vor Ihrem Fenster wiegen, und das

Lampenlicht, den hellen Schimmer, der durch die Scheiben

hinausleuchtete in das Dunkel! Ach, Sie haben es nicht geahnt, daß

da unten, Ihnen so nahe und doch so fern, ein Armer, ein

Unglücklicher stand ...«

Sie schluchzte auf und sah ihn an.

»Sie sind ein guter Mensch!« flüsterte sie.

»Nein! Ich liebe Sie! Weiter nichts! Glauben Sie mir das? Sagen

Sie mirs! Ein Wort! Ein einziges Wort!«

Leise glitt Rudolf von seinem Sitze zur Erde. Aber von der Küche

her drang das Klappern von Holzpantoffeln. Auch war die Türe nicht

geschlossen. Er erinnerte sich daran.

»Es wäre barmherzig von Ihnen,« sagte er, sich wieder erhebend,

»wenn Sie mir einen Wunsch erfüllten.«

Er bat darum, ihm das Haus zu zeigen. Er wolle es kennen lernen.

Frau Bovary hatte nichts dagegen. Sie gingen beide zur Türe, da

trat Karl ein.

»Guten Tag, Doktor!« begrüßte ihn Rudolf.

Der Arzt, den der ihm nicht zukommende akademische Titel

schmeichelte, stotterte ein paar verbindliche Worte. Währenddessen

wurde der andre wieder völlig Herr der Situation.

»Die gnädige Frau hat mir soeben von ihrem Befinden erzählt ...«,

begann er.

Karl unterbrach ihn. Er sei in der Tat äußerst besorgt. Seine Frau

habe bereits einmal an ähnlichen Zuständen gelitten.

Rudolf fragte, ob da nicht Reiten gut wäre.

»Gewiß! Ganz ausgezeichnet! Vortrefflich! Das ist wirklich ein

guter Rat! Den solltest du tatsächlich befolgen, Emma!«

Sie wandte ein, daß sie kein Pferd habe, aber Rudolf bot ihr eins

an. Sie lehnte sein Anerbieten ab, und er drang nicht weiter in

sie. Dann erzählte er -- um seinen Besuch zu motivieren --, sein

Knecht, der Mann, dem Karl neulich zur Ader gelassen habe, leide

immer noch an Schwindelanfällen.

»Ich werde mal bei Ihnen auf dem Gute vorsprechen«, sagte Bovary.

»Nein, nein! Ich schicke ihn lieber her. Wir kommen wieder

zusammen. Das ist bequemer für Sie!«

»Sehr gütig! Ganz wie Sie wünschen!«

Als das Ehepaar dann allein war, fragte Karl:

»Warum hast du eigentlich das Angebot des Herrn Boulanger

abgelehnt? Es war doch sehr liebenswürdig!«

Emma tat, als ob sie schmollte; sie wußte nicht gleich, was sie

sagen sollte, und schließlich erklärte sie, die Leute könnten es

»komisch« finden.

»Ich pfeif auf die Leute!« sagte Karl und machte eine verächtliche

Gebärde. »Die Gesundheit ist tausendmal mehr wert! Das war nicht

richtig von dir!«

»Aber ich habe doch auch kein Reitkleid!«

»Dann mußt du dir eins bestellen!«

Das Reitkleid gab den Ausschlag.

Als es fertig war, schrieb Bovary an Boulanger, seine Frau stehe

ihm zur Verfügung. Sie nähme sein gütiges Anerbieten an.

Andern Tags um zwölf Uhr hielt Rudolf mit zwei Reitpferden vor dem

Hause des Arztes. Das eine trug einen Damensattel aus Wildleder

und einen roten Stirnriemen. Er selbst hatte hohe Reitstiefel aus

feinstem weichen Leder an. Er nahm an, daß Emma solche gewiß noch

nie gesehen hatte; und in der Tat war sie über sein Aussehen

entzückt, als sie ihn in seinem langen dunkelbraunen Samtrock und

den weißen Breeches an der Türe erblickte. Sie hatte auf ihn

gewartet und war bereit.

Justin stahl sich aus der Apotheke. Er mußte sie sehen. Auch den

Apotheker litt es nicht in seinem Laden. Er gab Rudolf allerlei

gute Ratschläge.

»Es passiert so leicht ein Malheur!« sagte er. »Reiten Sie

vorsichtig! Sind die Tiere fromm?«

Emma vernahm über sich ein Geräusch. Es war Felicie, die mit der

Hand gegen eine Fensterscheibe trommelte, um der kleinen Berta

einen Spaß zu bereiten. Das Kind warf der Mutter ein Kußhändchen

zu. Die Reiterin winkte mit der Gerte.

»Viel Vergnügen!« rief Homais. »Ja recht vorsichtig! Recht

vorsichtig!«

Er sah den Wegreitenden noch lange nach und schwenkte grüßend mit

seiner Zeitung.

Sobald Emmas Pferd weichen Boden unter sich fühlte, fing es von

selbst an zu galoppieren. Da sprengte auch Rudolf sein Pferd an.

Hin und wieder wechselten sie ein Wort. Das Kinn ein wenig

eingezogen, die hochgenommene linke Hand mit den Zügeln nach dem

Widerrist zu vorhaltend, so überließ sie sich der wiegenden

Galoppade.

Es ging die Anhöhe hinauf, immer im Galopp. Oben parierten die

Gäule plötzlich. Emmas langer blauer Schleier flatterte weiter.

Es war einer der ersten Oktobertage. Nebel lag über den Fluren. In

langen Schwaden beengten sie den Gesichtskreis und ließen die

Hügel nur in Umrißlinien erkennen. Hin und wieder rissen die Nebel

auseinander, flogen wie in Fetzen auf und zerstoben. Dann

erblickte man durch die Lücken in der Ferne die Dächer von

Yonville im Sonnenscheine, die Gärten am Bachufer, die Gehöfte und

Hecken und den Kirchturm. Emma gab sich Mühe, ihr Haus

herauszufinden, und noch nie war ihr der armselige Ort, in dem sie

da lebte, so klein vorgekommen. Von der Höhe, auf der sie hielten,

glich die ganze Niederung einem ungeheuer großen, fahlen,

verdunstenden See. Die buschigen Bäume, die hie und da aus ihm

herausragten, sahen wie schwarze Riffe aus, und die Reihen der

hohen Pappeln wie lange Wellenzüge, die der Wind kräuselt.

Über dem Rasen unter den Tannen sickerte braunes Licht durch die

laue Luft. Der Boden, rötlich wie zerblätterter Tabak, dämpfte die

Tritte. Abgefallene Tannenzapfen rollten über den Weg, von den

Hufen berührt.

Rudolf und Emma ritten den Waldsaum entlang. Ab und zu sah sie zur

Seite, um seinem Blicke zu entgehen; dann glitten die Stämme der

Bäume, einer nach dem andern, so rasch an ihr vorüber, daß die

unaufhörliche Wiederholung sie halb schwindlig machte. Die Pferde

keuchten.

Gerade, als sie in den Wald kamen, trat die Sonne hervor.

»Gott ist mit uns!« sagte Rudolf.

»Glauben Sie denn an ihn?« fragte sie.

»Galopp! Galopp!« rief er von neuem und schnalzte mit der Zunge.

Beide Tiere gehorchten.

Hohe Farne, wie sie zu beiden Seiten des Pfades standen, verfingen

sich in Emmas Steigbügel. Rudolf, der zur Linken Emmas ritt,

bückte sich jedesmal im Weiterreiten und befreite sie wieder. Ein

paarmal galoppierte er ganz dicht neben ihr hin, um überhängende

Zweige von ihr abzuwehren; dann fühlte sie, wie sein rechtes Knie

ihr linkes Bein berührte.

Inzwischen war der Himmel ganz blau geworden. Kein Blatt rührte

sich. Sie kamen über weite Felder, ganz voll blühenden

Heidekrauts, und hie und da leuchteten unter dem grauen und gelben

und goldbraunen Blätterwerk der Bäume Flecke von wilden Veilchen

auf. Im Gebüsch regte sich öfters leiser Flügelschlag. Leise

krächzend flogen Raben um die Eichen.

Sie saßen ab. Rudolf band die Pferde an. Emma schritt ihm voraus,

den Weg weiter, über Moos in alten Wagenspuren. Ihr langes

Reitkleid erschwerte ihr das Gehen, obwohl sie es mit der einen

Hand aufgerafft hatte. Rudolf ging hinter ihr. Er sah zwischen dem

schwarzen Tuch und den schwarzen Stiefeln das lockende Weiß ihres

Strumpfes, das er wie ein Stück Nacktheit empfand.

Emma blieb stehen.

»Ich bin müde!« sagte sie.

»Gehen wir weiter! Versuchen Sie es!« bat er. »Mut!«

Hundert Schritte weiter blieb sie abermals stehen. Der blaue

Schleier, der ihr von ihrem Herrenhute bis zu den Hüften

herabwallte, übergoß ihr Gesicht mit bläulichem Licht. Es sah aus,

wie in das Blau des Himmels getaucht.

»Wohin gehen wir denn?«

Er gab keine Antwort. Sie atmete heftig. Rudolf hielt Umschau und

biß sich in den Schnurrbart. Sie standen in einer Lichtung, in der

gefällte Baumstämme dalagen. Sie setzten sich beide auf einen.

Von neuem begann Rudolf, von seiner Liebe zu reden. Um Emma nicht

durch Überschwenglichkeit zu verprellen, blieb er ruhig, ernst,

schwermütig. Sie hörte ihm gesenkten Hauptes zu, während sie mit

der Spitze ihres Stiefels den Waldboden aufscharrte. Aber bei dem

Satze:

»Sind unsre beiden Lebenspfade nunmehr nicht in einen

zusammengelaufen?« unterbrach sie ihn:

»Nein! Das wissen Sie doch! Es ist unmöglich!«

Sie stand auf und wollte gehen. Er umfaßte ihr Handgelenk, und so

blieb sie. Sie sah ihn eine kleine Weile liebevoll und mit feucht

schimmernden Augen an, dann sagte sie hastig:

»Genug! Reden wir nicht mehr davon! Gehen wir zurück zu unsern

Pferden!«

Rudolf machte eine Bewegung zornigen Ärgers. Sie wiederholte:

»Gehen wir zu unsern Pferden!«

Da lächelte er seltsam und näherte sich ihr mit vorgestreckten

Händen, zusammengebissenen Zähnen und starrem Blicke. Sie wich

zitternd zurück und stammelte:

»Ich fürchte mich vor Ihnen! Sie tun mir weh! Gehen wir zurück!«

»Wenn es sein muß!« gab er zur Antwort. Sein Gesichtsausdruck

wandelte sich. Er sah wieder ehrerbietig, zärtlich, schüchtern

aus.

Emma reichte ihm den Arm. Sie traten den Rückweg an.

»Was hatten Sie denn vorhin?« fragte er. »Was war es? Ich habe Sie

nicht begriffen. Gewiß haben Sie mich mißverstanden. Sie thronen

in meinem Herzen wie eine Madonna, hoch und hehr und unerreichbar!

Aber ich kann ohne Sie nicht leben! Ich muß Ihre Augen sehen, Ihre

Stimme hören, Ihre Gedanken wissen! Seien Sie meine Freundin,

meine Schwester, mein Schutzengel!«

Er schlang seinen Arm um ihre Taille. Sie versuchte, sich ihm

sanft zu entwinden, aber er ließ sie nicht los. So gingen sie

nebeneinander hin. Da hörten sie ihre Pferde, die Blätter von den

Bäumen rupften.

»Noch nicht!« bat Rudolf. »Reiten wir noch nicht zurück! Bleiben

Sie!«

Er zog sie mit sich vom Wege ab in die Nähe eines kleinen Weihers,

dessen Spiegel mit Wasserlinsen bedeckt war. Zwischen Schilf

träumten verwelkte Wasserrosen. Vor dem Geräusch ihrer Schritte im

Gras hüpften die Frösche davon und verschwanden.

»Es ist nicht recht von mir ... es ist nicht recht von mir! Ich

bin toll, daß ich auf Sie höre!«

»Warum? Emma! Emma!«

»Ach, Rudolf!« flüsterte die junge Frau, indem sie sich an ihn

anschmiegte.

Das Tuch ihres Jacketts lag dicht am Samt seines Rockes. Sie bog

ihren weißen Hals zurück, den ein Seufzer schwellte. Halb

ohnmächtig und tränenüberströmt, die Hände auf ihr Gesicht

pressend und am ganzen Leib zitternd, gab sie sich ihm hin ...

Die Dämmerung sank herab. Die Sonne stand blendend am Horizont und

flammte in den Zweigen. Hier und da, um die beiden herum, im Laub

und auf dem Boden, tanzten lichte Flecke, als hätten Kolibris im

Vorbeifliegen ihre schimmernden Federn verloren. Rings tiefes

Schweigen. Die Bäume atmeten süße Melancholie.

Emma fühlte, wie ihr Herz wieder klopfte, wie ihr das Blut durch

den Körper kreiste.

In der Ferne, hinter dem Walde, über der Höhe ertönte ein

langgezogener seltsamer Schrei, unaufhörlich. Dem lauschte sie

schweigend. Er mischte sich in die verklingenden Schwingungen

ihrer zuckenden Nerven und ward zu Musik ...

Rudolf rauchte eine Zigarette und stellte mit Hilfe seines

Taschenmessers einen zerrissenen Zügel wieder her.

Auf demselben Wege ritten sie nach Yonville zurück. Sie sahen im

weichen Boden die Spuren ihres Hinrittes, die Huftritte beider

Pferde dicht beieinander, sie erkannten die Büsche wieder und

einzelne Steine am Rain. Nichts um sie herum hatte sich verändert,

und doch kam es Emma vor, als sei etwas höchst Bedeutsames

geschehen, als seien die Berge von ihrem Platze geschoben. Von

Zeit zu Zeit beugte sich Rudolf zu ihr herüber, um ihre rechte

Hand zu erfassen und zu küssen. Er fand Emma im Sattel entzückend

aussehend, bei ihrem geraden Sitz, ihrer schlanken Figur, der

schicken Haltung ihres rechten Knies, ihren von der scharfen Luft

geröteten Wangen, -- alles im Abendrot.

Als sie Yonville erreichten, wurde ihr Pferd unruhig. Einmal

machte es sogar kehrt. Aus allen Fenstern sah man ihr zu.

Beim Essen machte Karl die Bemerkung, Emma sähe vorzüglich aus.

Als er sich aber darnach erkundigte, wie der Spazierritt gewesen

sei, tat sie, als hätte sie die Frage überhört. Sie stützte sich

auf die Ellenbogen und starrte über ihren Teller weg in die

flackernden Kerzen.

»Emma!«

»Was denn?«

»Weißt du, ich bin heute nachmittag beim Pferdehändler gewesen. Er

hat eine recht gut aussehende alte Mutterstute zu verkaufen. Die

Knie sind nur ein bißchen durch. Ich bin überzeugt, für hundert

Taler ...« Da sie nichts dazu sagte, fuhr er nach ein paar

Augenblicken fort: »Ich habe gedacht, es sei dir erwünscht, und da

habe ich mir den Gaul zurückstellen lassen ... nein, gleich

gekauft ... Ists dir recht? Sag mal!«

Sie nickte bejahend mit dem Kopfe.

Eine Viertelstunde später fragte sie:

»Gehst du heute abend aus?«

»Ja. Warum denn?«

»Ach, ich wollt es bloß wissen, Bester!«

Sobald sie von Karl befreit war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und

schloß sich ein.

Sie war zunächst noch wie unter einem Banne. Sie sah im Geist die

Bäume, die Wege, die Gräben, den Geliebten und fühlte seine

Umarmung. Das Laub wisperte um sie herum, und das Schilf rauschte.

Dann aber erblickte sie sich im Spiegel. Sie staunte über ihr

Aussehen. So große schwarze Augen hatte sie noch nie gehabt! Und

wie tief sie lagen! Etwas Unsagbares umfloß ihre Gestalt. Sie kam

sich wie verklärt vor.

Immer wieder sagte sie sich: »Ich habe einen Geliebten! Einen

Geliebten!«

Der Gedanke entzückte sie. Es war ihr, als sei sie jetzt erst Weib

geworden. Endlich waren die Liebesfreuden auch für sie da, die

fiebernde Glückseligkeit, auf die sie bereits keine Hoffnung mehr

gehabt hatte! Sie war in eine Wunderwelt eingetreten, in der alles

Leidenschaft, Verzückung und Rausch war. Blaue Unermeßlichkeit

breitete sich rings um sie her, vor ihrer Phantasie glänzte das

Hochland der Gefühle, und fern, tief unten, im Dunkel, weit weg

von diesen Höhen, lag der Alltag.

Sie erinnerte sich an allerlei Romanheldinnen, und diese Schar

empfindsamer Ehebrecherinnen sangen in ihrem Gedächtnisse mit den

Stimmen der Klosterschwestern. Entzückende Klänge! Jene

Phantasiegeschöpfe gewannen Leben in ihr; der lange Traum ihrer

Mädchenzeit ward zur Wirklichkeit. Nun war sie selber eine der

amoureusen Frauen, die sie so sehr beneidet hatte! Dazu das Gefühl

befriedigter Rache! Hatte sie nicht genug gelitten? Jetzt

triumphierte sie, und ihre so lange unterdrückte Sinnlichkeit

wallte nun auf und schäumte lebensfreudig über. Sie genoß ihre

Liebe ohne Gewissenskämpfe, ohne Nervosität, ohne Wirrungen.

Der Tag darauf verging in neuem süßen Glück. Sie schworen sich

ewige Treue. Emma erzählte ihm von ihren Leiden und Trübsalen. Er

unterbrach sie mit Küssen. Sie sah ihn mit halbgeschlossenen Augen

an und bat ihn immer wieder, sie bei ihrem Vornamen zu nennen und

ihr noch einmal zu sagen, daß er sie liebe. Es war wiederum im

Walde, in einer verlassenen Holzschuhmacherhütte. Die Wände waren

von Strohmatten und das Dach so niedrig, daß man drin nicht

aufrecht stehen konnte. Sie saßen dicht beieinander auf einer

Streu von trocknem Laub.

Von diesem Tag an schrieben sie sich beide regelmäßig alle Abende.

Emma trug ihren Brief hinter in den Garten, wo sie ihn unter einen

lockeren Stein der kleinen Treppe, die zum Bach führte, verbarg.

Dort holte ihn Rudolf ab und legte einen von sich hin. Seine

Briefe waren sehr kurz, worüber sie sich alle Tage beklagte.

Eines Morgens, da Karl bereits vor Sonnenaufgang fortgegangen war,

geriet sie plötzlich auf den Einfall, unverweilt Rudolf sehen zu

wollen. Ehe die Yonviller aufständen, konnte sie nach der Hüchette

gehen, eine Stunde dort verweilen und wieder zurückkommen. Dieser

Plan ließ sie gar nicht recht zur Besinnung kommen. Ein paar

Augenblicke später war sie schon mitten in den Wiesen. Ohne sich

umzublicken, schritt sie eilig ihres Wegs.

Der Tag begann zu grauen. Schon von weitem erkannte sie das Gut

des Geliebten. Der Schwalbenschwanz der Wetterfahne auf dem

höchsten Giebel zeichnete sich schwarz vom fahlen Himmel ab.

Über den Hof weg stand ein großes Gebäude. Das mußte das

Herrenhaus sein. Dort trat sie ein. Es war ihr, als öffnete sich

ihr alles von selbst. Eine breite Treppe führte auf einen Gang.

Emma drückte auf die Klinke einer Tür, und da erblickte sie im

Hintergrunde dieses Zimmers einen Mann im Bett. Es war Rudolf. Sie

frohlockte laut.

»Du? Du!« rief er aus. »Wie hast du das fertig gebracht? Dein Kleid

ist feucht ...«

»Ich liebe dich!« war ihre Antwort, indem sie ihm die Arme um den

Hals schlang.

Nachdem ihr dieses Wagnis beim ersten Male geglückt war, kleidete

sich Emma jedesmal, wenn Karl frühzeitig fort mußte, rasch an und

schlich sich wie ein Wiesel durch die hintere Gartenpforte, auf

dem Treppchen, das hinunter nach dem Bache führte, aus dem Hause.

Aber wenn die Planke, die als Steg über das Wasser diente,

zufällig weggenommen war, mußte sie ein Stück bis zum nächsten

Steg an den Gartenmauern längs des Baches hingehen. Die bewachsene

Böschung war steil und glitschig, und so mußte sie sich mit der

einen Hand an Büscheln der vertrockneten Mauerblumen festhalten,

um nicht zu fallen. Dann aber eilte sie querfeldein über die

Äcker, ungeachtet, daß ihre zierlichen Schuhe einsanken, daß sie

oft stolperte oder stecken blieb. Das Chiffontuch, das sie sich um

Kopf und Hals gewunden hatte, flatterte im Winde. Aus Angst vor

den weidenden Ochsen begann sie zu laufen. Atemlos, mit glühenden

Wangen, ganz vom frischen Duft der Natur, ihrer Säfte, ihres Grüns

und der freien Luft durchtränkt, kam sie an. Rudolf schlief dann

meist noch. Sie kam zu ihm in sein Gemach wie der

leibhaftgewordene Frühlingsmorgen.

Die gelben Gardinen vor den Fenstern machten das eindringende

goldene Morgenlicht traulich und dämmerig. Mit blinzelnden Augen

fand sich Emma zurecht. Die Tautropfen an ihren Gewändern

leuchteten wie Topase und verliehen ihr etwas Feenhaftes. Rudolf

zog sie lachend zu sich und drückte sie an sein Herz.

Darnach sah sie sich im Zimmer alles an, zog alle Fächer auf,

kämmte sich mit seinem Kamm und betrachtete sich in seinem

Rasierspiegel. Mitunter nahm sie seine große Tabakspfeife in den

Mund, die auf dem Nachttisch lag, zwischen Zitronen und

Zuckerstücken, neben der Wasserflasche.

Zum Abschiednehmen brauchten sie immer eine Viertelstunde. Emma

vergoß Tränen. Am liebsten wäre sie gar nicht wieder von ihm

weggegangen. Eine unwiderstehliche Gewalt trieb sie immer von

neuem in seine Arme.

Da eines Tages, als er sie unerwartet eintreten sah, machte er ein

bedenkliches Gesicht, als ob es ihm nicht recht wäre.

»Was hast du denn?« fragte sie. »Hast du Schmerzen? Sprich!«

Schließlich erklärte er ihr in ernstem Tone, ihre Besuche begönnen

unvorsichtig zu werden. Sie kompromittiere sich.

Frau Bovary · 第 23 / 43 题