Drittes Kapitel

Am andern Morgen, als Emma kaum aufgestanden war, sah sie den

Adjunkt über den Markt gehen. Sie war im Morgenkleid. Er schaute

zu ihr herauf und grüßte. Sie nickte hastig mit dem Kopfe und

schloß das Fenster.

Den ganzen Tag über konnte es Leo Düpuis kaum erwarten, daß es

sechs schlug. Als er aber endlich in den Goldnen Löwen kam, fand

er niemanden vor als den Steuereinnehmer, der bereits am Tische

saß.

Das gestrige Mahl war für Leo ein bedeutungsvolles Ereignis. Bis

dahin hatte er noch niemals zwei Stunden lang mit einer »Dame«

geplaudert. Wie hatte er es nur fertiggebracht, ihr eine solche

Menge von Dingen und in so guter Form zu sagen? Das war ihm vordem

unmöglich gewesen. Er war von Natur schüchtern und wahrte eine

gewisse Zurückhaltung, die sich aus Schamhaftigkeit und Heuchelei

zusammensetzt. Die Yonviller fanden sein Benehmen tadellos. Er

hörte still zu, wenn ältere Herren disputierten, und zeigte sich

in politischen Dingen keineswegs radikal, was an einem jungen

Manne eine seltene Sache ist. Dazu besaß er allerlei Talent: er

aquarellierte, er war musikalisch, er beschäftigte sich in seinen

Mußestunden gern mit der Literatur, -- wenn er nicht gerade Karten

spielte. Der Apotheker schätzte ihn wegen seiner Kenntnisse, und

Frau Homais war ihm wohlgewogen, weil er höflich und gefällig war;

öfters widmete er sich nämlich im Garten ihren Kindern, kleinem

Volk, das immer schmutzig aussah und sehr schlecht erzogen war und

dessen Beaufsichtigung einmal dem Dienstmädchen und dann noch

besonders dem Lehrling oblag, einem jungen Burschen, namens

Justin. Er war ein entfernter Verwandter des Apothekers, von

diesem aus Mitleid in seinem Haus aufgenommen, wo er eine Art

»Mann für alles« geworden war.

Homais spielte die Rolle des guten Nachbars. Er gab Frau Bovary

die besten Adressen für ihre Einkäufe, ließ seinen

Apfelweinlieferanten eigens für sie herkommen, beteiligte sich an

der Weinprobe und gab persönlich acht, daß das bestellte Faß einen

geeigneten Platz im Keller erhielt. Er verriet ihr die beste und

billigste Butterquelle und bestellte ihr Lestiboudois, den

Kirchendiener, als Gärtner; neben seinen Ämtern in Kirche und

Gottesacker hielt dieser nämlich die Gärten der Honoratioren von

Yonville instand; man engagierte ihn »stundenweise« oder »aufs

Jahr«, ganz wie es gewünscht wurde.

Diese Hilfsbereitschaft des Apothekers entsprang weniger einem

Herzensbedürfnis als schlauer Berechnung. Homais hatte nämlich

früher einmal gegen das Gesetz vom 19. Ventôse des Jahres XI

verstoßen, wonach die ärztliche Praxis jedem verboten ist, der

sich nicht im Besitze eines staatlichen Diploms befindet. Eines

Tages war er auf eine geheimnisvolle Anzeige hin nach Rouen vor

den Staatsanwalt geladen worden. Dieser Vertreter der Justiz hatte

ihn in seinem Amtszimmer, stehend und in Amtsrobe, das Barett auf

dem Kopfe, vernommen. Es war am Vormittag, unmittelbar vor einer

Gerichtssitzung gewesen. Von draußen, vom Gange her, waren dem

Apotheker die schweren Tritte der Schutzleute ins Ohr gehallt. Es

war ihm, als hörte er fern das Aufschnappen wuchtiger Schlösser.

Er bekam Ohrensausen und glaubte, der Schlag würde ihn rühren.

Schon sah er sich im Kerker sitzen, seine Familie in Tränen, die

Apotheke unter dem Hammer und seine Arzneiflaschen in alle vier

Winde verstreut. Hinterher mußte er seine Lebensgeister in einem

Kaffeehause mit einem Kognak in Selters wieder auf die Beine

bringen.

Allmählich verblaßte die Erinnerung an diese Vermahnung, und

Homais hielt von neuem in seinem Hinterstübchen ärztliche

Sprechstunden ab. Da aber der Bürgermeister nicht sein Freund war

und seine Kollegen in der Umgegend brotneidisch waren, bebte er in

ewiger Angst vor einer neuen Anzeige. Indem er sich nun Bovary

durch kleine Gefälligkeiten verpflichtete, wollte er sich damit

ein Recht auf dessen Dankbarkeit erwerben und ihn mundtot machen,

falls die Kurpfuschereien in der Apotheke abermals ruchbar würden.

Er brachte dem Arzt alle Morgen den »Leuchtturm«, und oft verließ

er nachmittags auf ein Viertelstündchen sein Geschäft, um ein

wenig mit ihm zu schwatzen.

Karl war mißgestimmt. Es kamen keine Patienten. Ganze Stunden lang

saß er vor sich hinbrütend da, ohne ein Wort zu sprechen. Er

machte in seinem Sprechzimmer ein Schläfchen oder sah seiner Frau

beim Nähen zu. Um sich ein wenig Beschäftigung zu machen,

verrichtete er allerhand grobe Hausarbeit. Er versuchte sogar, die

Bodentüre mit dem Rest von Ölfarbe anzupinseln, den die

Anstreicher dagelassen hatten.

Am meisten drückte ihn seine Geldverlegenheit. Er hatte in Tostes

eine beträchtliche Summe ausgegeben für neue Anschaffungen im

Hause, für die Kleider seiner Frau und neuerdings für den Umzug.

Die ganze Mitgift, mehr als dreitausend Taler, war in zwei Jahren

daraufgegangen. Bei der Übersiedelung von Tostes nach Yonville war

vieles beschädigt worden oder verloren gegangen, unter anderm der

tönerne Mönch, der unterwegs vom Wagen heruntergefallen und in

tausend Stücke zerschellt war.

Eine zartere Sorge lenkte ihn ab: die Mutterhoffnungen seiner

Frau. Je näher diese ihrer Erfüllung entgegengingen, um so

liebevoller behandelte er Emma. Diese sich knüpfenden neuen Bande

von Fleisch und Blut machten das Gefühl der ewigen

Zusammengehörigkeit in ihm immer inniger. Wenn er ihrem trägen

Gange zusah, wenn er das allmähliche Vollerwerden ihrer

miederlosen Hüften bemerkte, wenn sie müde ihm gegenüber auf dem

Sofa saß, dann strahlten seine Blicke, und er konnte sich in

seinem Glücke nicht fassen. Er sprang auf, küßte sie, streichelte

ihr Gesicht, nannte sie »Mammchen«, wollte mit ihr im Zimmer

herumtanzen und sagte ihr unter Lachen und Weinen tausend

zärtliche, drollige Dinge, die ihm gerade in den Sinn kamen. Der

Gedanke, Vater zu werden, war ihm etwas Köstliches. Jetzt fehlte

ihm nichts mehr auf der Welt. Nun hatte er alles erlebt, was

Menschen erleben können, und er durfte zufrieden und vergnügt

sein.

In der ersten Zeit war Emma über sich selbst arg verwundert. Dann

kam die Sehnsucht, von ihrem Zustande wieder befreit zu sein. Sie

wollte wissen, wie es sein würde, wenn das Kind da war. Aber als

sie kein Geld dazu hatte, eine Wiege mit rosa-seidnen Vorhängen

und gestickte Kinderhäubchen zu kaufen, da überkam sie eine

plötzliche Erbitterung; sie verlor die Lust, die Baby-Ausstattung

selber sorglich auszuwählen, und überließ die Herstellung in

Bausch und Bogen einer Näherin. So lernte sie die stillen Freuden

dieser Vorbereitungen nicht kennen, die andre Mütter so zärtlich

stimmen, und vielleicht war dies der Grund, daß ihre Mutterliebe

von Anfang an gewisser Elemente entbehrte. Weil aber Karl bei

allen Mahlzeiten immer wieder von dem Kinde sprach, begann auch

Emma mehr daran zu denken.

Sie wünschte sich einen Sohn. Braun sollte er sein, und stark

sollte er werden, und Georg müßte er heißen! Der Gedanke, einem

männlichen Wesen das Leben zu schenken, kam ihr vor wie eine

Entschädigung für alles das, was sich in ihrem eigenen Dasein

nicht erfüllt hatte. Ein Mann ist doch wenigstens sein freier

Herr. Ihm stehen alle Leidenschaften und alle Lande offen, er darf

gegen alle Hindernisse anrennen und sich auch die allerfernsten

Glückseligkeiten erobern. Ein Weib liegt an tausend Ketten.

Tatenlos und doch genußfreudig, steht sie zwischen den

Verführungen ihrer Sinnlichkeit und dem Zwang der Konvenienz. Wie

den flatternden Schleier ihres Hutes ein festes Band hält, so gibt

es für die Frau immer ein Verlangen, mit dem sie hinwegfliegen

möchte, und immer irgendwelche herkömmliche Moral, die sie nicht

losläßt.

An einem Sonntag kam das Kind zur Welt, früh gegen sechs Uhr, als

die Sonne aufging.

»Es ist ein Mädchen!« verkündete Karl.

Emma fiel im Bett zurück und ward ohnmächtig. Schon stellten sich

auch Frau Homais und die Löwenwirtin ein, um die Wöchnerin zu

umarmen. Der Apotheker rief ihr diskret ein paar vorläufige

Glückwünsche durch die Türspalte zu. Er wollte die neue

Erdenbürgerin besichtigen und fand sie wohlgeraten.

Während der Genesung grübelte Emma nach, welchen Namen das Kind

bekommen sollte. Zunächst dachte sie an einen italienisch

klingenden Namen: an Amanda, Rosa, Joconda, Beatrice. Sehr

gefielen ihr Ginevra oder Leocadia, noch mehr Isolde. Karl äußerte

den Wunsch, die Kleine solle nach der Mutter getauft werden, aber

davon wollte Emma nichts wissen. Man nahm alle Kalendernamen durch

und bat jeden Besucher um einen Vorschlag.

»Herr Leo,« berichtete der Apotheker, »mit dem ich neulich darüber

gesprochen habe, wundert sich darüber, daß Sie nicht den Namen

Magdalena wählen. Der sei jetzt sehr in Mode.« Aber gegen die

Patenschaft einer solchen Sünderin sträubte sich die alte Frau

Bovary gewaltig. Homais für seine Person hegte eine Vorliebe für

Namen, die an große Männer, berühmte Taten und hohe Werke

erinnerten. Nach dieser Theorie habe er seine vier eigenen

Sprößlinge getauft: Napoleon (der Ruhm!), Franklin (die

Freiheit!), Irma (ein Zugeständnis an die Romantik!) und Athalia

(zu Ehren des Meisterstücks des französischen Dramas!). Seine

philosophische Überzeugung, sagte er, stehe seiner Bewunderung der

Kunst nicht im Wege. Der Denker in ihm ersticke durchaus nicht den

Gefühlsmenschen. Er verstünde sich darauf, das eine vom andern zu

scheiden und sich vor fanatischer Einseitigkeit zu bewahren.

Zu guter Letzt fiel Emma ein, daß sie im Schloß Vaubyessard gehört

hatte, wie eine junge Dame von der Marquise mit »Berta-Luise«

angeredet worden war. Von diesem Augenblick an stand die

Namenswahl fest. Da Vater Rouault zu kommen verhindert war, wurde

Homais gebeten, Gevatter zu stehen. Er stiftete als Patengeschenk

allerlei Gegenstände aus seinem Geschäft, als wie: sechs

Schachteln Brusttee, eine Dose Kraftmehl, drei Büchsen Marmelade

und sechs Päckchen Malzbonbons.

Am Taufabend gab es ein Festessen, zu dem auch der Pfarrer

erschien. Man geriet in Stimmung. Beim Likör gab der Apotheker ein

patriotisches Lied zum besten, worauf Leo Düpuis eine Barkarole

vortrug und die alte Frau Bovary (Patin des Kindes) eine Romanze

aus der Napoleonischen Zeit sang. Der alte Herr Bovary bestand

darauf, daß das Kind heruntergebracht wurde, und taufte die Kleine

»Berta«, indem er ihr ein Glas Sekt von oben über den Kopf goß.

Den Abbé Bournisien ärgerte diese Profanation einer kirchlichen

Handlung, und als der alte Bovary ihm gar noch ein spöttisches

Zitat vorhielt, wollte der Geistliche fortgehen. Aber die Damen

baten ihn inständig zu bleiben, und auch der Apotheker legte sich

ins Mittel. So gelang es, den Priester wieder zu beruhigen.

Friedlich langte er von neuem nach seiner halbgeleerten

Kaffeetasse.

Bovary senior blieb noch volle vier Wochen in Yonville und

verblüffte die Yonviller durch das prächtige Stabsarztskäppi mit

Silbertressen, das er vormittags trug, wenn er seine Pfeife auf

dem Marktplatze schmauchte. Als gewohnheitsmäßiger starker

Schnapstrinker schickte er das Dienstmädchen häufig in den Goldnen

Löwen, um seine Feldflasche füllen zu lassen, was

selbstverständlich auf Rechnung seines Sohnes erfolgte. Um seine

Halstücher zu parfümieren, verbrauchte er den gesamten Vorrat an

Kölnischem Wasser, den seine Schwiegertochter besaß.

Ihr selbst war seine Anwesenheit keineswegs unangenehm. Er war in

der Welt herumgekommen. Er erzählte von Berlin, Wien, Straßburg,

von seiner Soldatenzeit, seinen Liebschaften, den Festlichkeiten,

die er dereinst mitgemacht hatte. Dann war er wieder ganz der alte

Schwerenöter, und zuweilen, im Garten oder auf der Treppe, faßte

er Emma um die Taille und rief aus: »Karl, nimm dich in acht!«

Die alte Frau Bovary sah dergleichen voller Angst um das Eheglück

ihres Sohnes. Sie fürchtete, ihr Mann könne am Ende einen

unsittlichen Einfluß auf die Gedankenwelt der jungen Frau ausüben,

und so betrieb sie die Abreise. Vielleicht war ihre Besorgnis noch

schlimmer. Dem alten Herrn war alles zuzutrauen.

Emma hatte das Kind zu der Frau eines Tischlers namens Rollet in

die Pflege gegeben. Eines Tages empfand sie plötzlich Sehnsucht,

das kleine Mädchen zu sehen. Unverzüglich machte sie sich auf den

Weg zu diesen Leuten, deren Häuschen ganz am Ende des Ortes,

zwischen der Landstraße und den Wiesen, in der Tiefe lag.

Es war Mittag. Die Fensterläden der Häuser waren alle geschlossen.

Die sengende Sonne brütete über den Schieferdächern, deren

Giebellinien richtige Funken sprühten. Ein schwüler Wind wehte.

Emma fiel das Gehen schwer. Das spitzige Pflaster tat ihren Füßen

weh. Sie ward sich unschlüssig, ob sie umkehren oder irgendwo

eintreten und sich ausruhen sollte.

In diesem Augenblick trat Leo aus dem nächsten Hause heraus, eine

Aktenmappe unter dem Arme. Er kam auf sie zu, begrüßte sie und

stellte sich mit ihr in den Schatten der Leinwandmarkise vor dem

Lheureuxschen Modewarenladen.

Frau Bovary erzählte ihm, daß sie nach ihrem Kinde sehen wollte,

aber müde zu werden beginne.

»Wenn ...«, fing Leo an, wagte aber nicht weiterzusprechen.

»Haben Sie etwas vor?« fragte Emma. Auf die Verneinung des

Adjunkten hin bat sie ihn, sie zu begleiten. (Bereits am Abend

desselben Tages war dies stadtbekannt, und Frau Tüvache, die

Bürgermeistersgattin, erklärte in Gegenwart ihres Dienstmädchens,

Frau Bovary habe sich kompromittiert.)

Um zu der Amme zu gelangen, mußten die beiden am Ende der

Hauptstraße links abgehen und einen kleinen Fußweg einschlagen,

der zwischen einzelnen kleinen Häusern und Gehöften in der

Richtung auf den Gemeindefriedhof hinlief. Die Weiden, die den

Pfad umsäumten, blühten, und es blühten die Veroniken, die wilden

Rosen, die Glockenblumen und die Brombeersträucher. Durch Lücken

in den Hecken erblickte man hie und da auf den Misthaufen der

kleinen Gehöfte ein Schwein oder eine angebundne Kuh, die ihre

Hörner an den Stämmen der Bäume wetzte.

Seite an Seite wandelten sie gemächlich weiter. Emma stützte sich

auf Leos Arm, und er verkürzte seine Schritte nach den ihren. Vor

ihnen her tanzte ein Mückenschwarm und erfüllte die warme Luft mit

ganz leisem Summen.

Emma erkannte das Haus an einem alten Nußbaum wieder, der es

umschattete. Es war niedrig und hatte braune Ziegel auf dem Dache.

Aus der Luke des Oberbodens hing ein Kranz von Zwiebeln. Eine

Dornenhecke umfriedigte ein viereckiges Gärtlein mit Salat,

Lavendel und blühenden Schoten, die an Stangen gezogen waren. An

der Hecke waren Reisigbunde aufgeschichtet. Ein trübes Wässerchen

rann sich verzettelnd durch das Gras; allerhand kaum noch

verwendbare Lumpen, ein gestrickter Strumpf und eine rote

baumwollene Jacke lagen auf dem Rasen umher, und über der Hecke

flatterte ein großes Stück Leinwand.

Beim Knarren der Gartentüre erschien die Tischlersfrau, ein Kind

an der Brust, ein andres an der Hand, ein armseliges, schwächlich

aussehendes, skrofulöses Jüngelchen. Es war das Kind eines

Mützenmachers in Rouen, das die von ihrem Geschäft zu sehr in

Anspruch genommenen Eltern auf das Land gegeben hatten.

»Kommen Sie nur herein!« sagte die Frau. »Ihre Kleine schläft

drinnen.«

In der einzigen Stube im Erdgeschoß stand an der hinteren Wand ein

großes Bett ohne Vorhänge. Die Seite am Fenster, in dem eine der

Scheiben mit blauem Papier verklebt war, nahm ein Backtrog ein. In

der Ecke hinter der Türe standen unter der Gosse Stiefel mit

blanken Nägeln, daneben eine Flasche Öl, aus deren Hals eine Feder

herausragte. Auf dem verstaubten Kaminsims lagen ein

Wetterkalender, Feuersteine, Kerzenstümpfe und ein paar Fetzen

Zündschwamm. Ein weiteres Schmuckstück dieses Gemachs war eine

»trompetende Fama«, offenbar das Reklameplakat einer Parfümfabrik,

das mit sechs Schuhzwecken an die Wand genagelt war.

Emmas Töchterchen schlief in einer Wiege aus Weidengeflecht. Sie

nahm es mit der Decke, in die es gewickelt war, empor und begann

es im Arme hin und her zu wiegen, wobei sie leise sang.

Leo ging im Zimmer auf und ab. Die schöne Frau in ihrem hellen

Sommerkleide in dieser elenden Umgebung zu sehen, kam ihm seltsam

vor. Sie ward plötzlich rot. Er wandte sich weg, weil er dachte,

sein Blick sei vielleicht zudringlich gewesen. Sie legte das Kind

wieder in die Wiege. Es hatte sich erbrochen, und die Mutter am

Halskragen beschmutzt. Die Amme eilte herbei, um die Flecke

abzuwischen. Sie beteuerte, man sähe nichts mehr davon.

»Mir kommt sie noch ganz anders!« meinte die Frau. »Ich habe

weiter nichts zu tun, als sie immer wieder zu säubern. Wenn Sie

doch so gut sein wollten und den Kaufmann Calmus beauftragten, daß

ich mir bei ihm ein bißchen Seife holen kann, wenn ich welche

brauche. Das wäre auch für Sie das bequemste. Ich brauche Sie dann

nicht immer zu stören.«

»Meinetwegen!« sagte Emma. »Auf Wiedersehn, Frau Rollet!«

Beim Hinausgehen schüttelte sie sich.

Die Frau begleitete die beiden bis zum Ende des Hofes, wobei sie

in einem fort davon sprach, wie beschwerlich es sei, nachts so

häufig aufstehen zu müssen. »Manchmal bin ich früh so zerschlagen,

daß ich im Sitzen einschlafe. Drum sollten Sie mir ein Pfündchen

gemahlenen Kaffee zukommen lassen. Wenn ich ihn früh mit Milch

trinke, reiche ich damit vier Wochen.«

Nachdem Frau Bovary die Dankesbeteuerungen der Frau über sich

hatte ergehen lassen, verabschiedete sie sich. Aber kaum war sie

mit ihrem Begleiter ein Stück auf dem Fußwege gegangen, als sie

das Klappern von Holzpantoffeln hinter sich vernahm. Sie drehte

sich um. Es war die Amme.

»Was wollen Sie noch?«

Die Frau zog Emma bis hinter eine Ulme beiseite und fing an, von

ihrem Manne zu erzählen. »Bei seinem Handwerke und seinen sechs

Franken Pension im Jahre ...«

»Machen Sie rasch!« unterbrach Emma ihren Wortschwall.

»Ach, liebste Frau Doktor,« fuhr die Frau fort, indem sie zwischen

jedes ihrer Worte einen Seufzer schob, »ich habe Angst, er wird

böse, wenn er sieht, daß ich allein für mich Kaffee trinke. Sie

wissen, wie die Männer sind ...«

»Sie sollen ja welchen haben, ich will Ihnen ja welchen schicken!

Sie langweilen mich.«

»Ach, meine liebe, gute Frau Doktor, 's ist ja bloß für die

schrecklichen Brustschmerzen, die er immer von wegen der alten

Wunde kriegt. Der Apfelwein bekommt ihm gar nicht gut ...«

»Na, was wollen Sie denn noch?« fragte Emma.

»Wenn es also,« fuhr die Frau fort, indem sie einen Knicks machte,

»wenn es also nicht zuviel verlangt ist ...« Sie machte abermals

einen tiefen Knicks. »Wenn Sie so gut sein wollen ...«

Ihre Augen bettelten gottsjämmerlich. Endlich bekam sie es heraus:

»Ein Bullchen Branntwein! Ich könnte damit auch die Füße Ihrer

Kleinen ein bißchen einreiben. Sie sind so riesig zart ...«

Nachdem sich Emma endlich von der Frau losgemacht hatte, nahm sie

Leos Arm. Eine Zeitlang schritten sie flott vorwärts. Dann wurde

sie langsamer, und Emmas Blick, der bisher geradeaus gegangen war,

glitt über die Schulter ihres Begleiters. Er hatte einen schwarzen

Samtkragen auf seinem Rocke, auf den sein kastanienbraunes

wohlgepflegtes Haar schlicht herabwallte. Die Nägel an seiner Hand

fielen ihr auf; sie waren länger, als man sie in Yonville sonst

trug. Ihre Pflege war eine der Hauptbeschäftigungen des Adjunkten;

er besaß dazu besondre Instrumente, die er in seinem Schreibtische

aufbewahrte.

Am Ufer des Baches gingen sie nach dem Städtchen zurück. Jetzt in

der heißen Jahreszeit war der Wasserstand so niedrig, daß man

drüben die Gartenmauern bis auf ihre Grundlage sehen konnte. Von

den Gartenpforten führten kleine Treppen in das Wasser. Es floß

lautlos und rasch dahin, Kühle verbreitend. Hohe, dünne Gräser

neigten sich zur klaren Flut und ließen sich von der Strömung

treiben; das sah aus wie ausgelöstes, langes, grünes Haar. Hin und

wieder liefen oder schliefen Insekten auf den Spitzen der Binsen

und auf den Blättern der Wasserrosen. In den kleinen blauen

Wellen, im Zerfließen schon wieder neugeboren, glitzerte die

Sonne. Die verschnittenen alten Weiden spiegelten ihre grauen

Stämme auf dem Wasser. Und hüben die weiten Wiesen lagen so

verlassen ...

Es war die Stunde, da man in den Gutshöfen zu Mittag ißt. Die

junge Frau und ihr Begleiter vernahmen jetzt nichts als den Klang

ihrer eignen Tritte auf dem harten Pfade und die Worte, die sie

redeten, und das leise Rascheln von Emmas Kleid.

Die oben mit Glasscherben bespickten Gartenmauern, an denen sie

nach Überschreitung eines Stegs hingingen, glühten wie die

Scheiben eines Treibhauses. Zwischen den Steinen sprossen

Mauerblumen. Im Vorübergehen stieß Frau Bovary mit dem Rande ihres

Sonnenschirmes an die welken Blüten; gelber Staub rieselte herab.

Ab und zu streifte eine überhängende Jelänger-jelieber- oder

Klematis-Ranke die Seide ihres Schirmes und blieb einen Augenblick

in den Spitzen hängen.

Sie plauderten von einer Truppe spanischer Tänzer, die demnächst

im Rouener Theater gastieren sollte.

»Werden Sie hinfahren?« fragte Emma.

»Wenn ich kann, ja!«

Hatten sie sich wirklich nichts andres zu sagen? Ihre Augen

sprachen eine viel ernstere Sprache, und während sie sich mit so

banalen Redensarten abquälten, fühlten sie sich alle beide im

Banne der nämlichen schwülen Sehnsucht. Ein leiser, seelentiefer

Unterton dominierte heimlich ohne Unterlaß in ihrem

oberflächlichen Gespräch. Betroffen von diesem ungewohnten süßen

Zauber, dachten sie aber gar nicht daran, einander ihre

Empfindungen zu offenbaren oder ihnen auf den Grund zu gehen.

Künftiges Glück ist wie ein tropisches Gestade: es sendet weit

über den Ozean, der noch dazwischen liegt, seinen lauen Erdgeruch

herüber, balsamischen Duft, von dem man sich berauschen läßt, ohne

den Horizont nach dem Woher zu fragen.

An einer Stelle des Weges stand Regenwasser in den Wagengeleisen

und Hufspuren; man mußte ein paar große moosbewachsene Steine, die

Inseln in diesem Morast bildeten, begehen. Auf jedem blieb Emma

eine Weile stehen, um zu erspähen, wohin sie den nächsten Schritt

zu machen hatte. Wenn der Stein wackelte, zog sie die Ellbogen

hoch und beugte sich vornüber. Aber bei aller Hilflosigkeit und

Angst, in den Tümpel zu treten, lachte sie doch.

Vor ihrem Garten angelangt, stieß Frau Bovary die kleine Pforte

auf, stieg die Stufen hinauf und verschwand. Leo begab sich in

seine Kanzlei. Der Notar war abwesend. Der Adjunkt blätterte in

einem Aktenhefte, schnitt sich eine Feder zurecht, schließlich

ergriff er aber seinen Hut und ging wieder. Er stieg die Höhe von

Argueil ein Stück hinauf, nach dem »Futterplatz« am Waldrande.

Dort legte er sich unter eine Tanne und starrte in das

Himmelsblau, die Hände locker über den Augen.

»Ach, ist das langweilig! Ist das langweilig!« seufzte er.

Er fand das Dasein in diesem Neste jammervoll, mit Homais als

Freund und Guillaumin als Chef. Dem letzteren, diesem gräßlichen

Kanzleimenschen mit seiner goldnen Brille, seinem roten

Backenbart, seiner ewigen weißen Krawatte, dem mangelte auch der

geringste Sinn für höhere Dinge. Es war nur in der ersten Zeit

gewesen, daß er dem Adjunkten mit seinen formellen

Diplomatenmanieren imponiert hatte. Wen gab es weiter in Yonville?

Die Frau des Apothekers. Die war weit und breit die beste Gattin,

sanft wie ein Lamm, brav und treu zu Kindern, Vater, Mutter,

Vettern und Basen. Keinen Menschen konnte sie leiden sehen, und in

der Wirtschaft ließ sie alles drunter und drüber gehn. Sie war

eine Feindin des Korsetts, sah sehr gewöhnlich aus und war in

ihrer Unterhaltung höchst beschränkt. Alles in allem war sie eine

ebenso harmlose wie langweilige Dame. Obgleich sie dreißig Jahre

alt war und er zwanzig, obwohl er Tür an Tür mit ihr schlief und

obgleich er täglich mit ihr sprach, war es ihm doch noch nie in

den Sinn gekommen, daß sie irgendjemandes Frau sein könne und mit

ihren Geschlechtsgenossinnen mehr gemeinsam habe als die Röcke.

Und wen gab es außerdem noch? Den Steuereinnehmer Binet, ein paar

Kaufleute, zwei oder drei Kneipwirte, den Pfaffen, dann den

Bürgermeister Tüvache und seine beiden Söhne, großprotzige,

mürrische, stumpfsinnige Kerle, die ihre Äcker selber pflügten,

unter sich Gelage veranstalteten, scheinheilige Duckmäuser, mit

denen zu verkehren glatt unmöglich war.

Von dieser Masse alltäglicher Leute hob sich Emmas Gestalt ab,

einsam und doch unerreichbar. Ihm wenigstens war es, als lägen

tiefe Abgründe zwischen ihr und ihm. In der ersten Zeit hatte er

Bovarys hin und wieder zusammen mit Homais besucht, aber er hatte

die Empfindung, als sei der Arzt durchaus nicht davon erbaut, ihn

bei sich zu sehen, und so schwebte Leo immer zwischen der Furcht,

für aufdringlich gehalten zu werden, und dem Verlangen nach einem

vertraulichen Umgang, der ihm so gut wie unmöglich schien.

Frau Bovary · 第 16 / 43 题