Emma stieg zuerst aus, nach ihr Felicie, dann Herr Lheureux und
eine Amme. Karl mußte man erst aufwecken. Er war in seiner Ecke
beim Einbruch der Dunkelheit fest eingeschlafen.
Homais stellte sich vor. Er erschöpfte sich der »gnädigen Frau«
und dem »Herrn Doktor« gegenüber in Galanterien und Höflichkeiten.
Er sei entzückt, sagte er, bereits Gelegenheit gehabt zu haben,
ihnen gefällig sein zu dürfen. Und in herzlichem Tone fügte er
hinzu, er lüde sich für heute bei ihnen zu Tisch ein. Er sei
Strohwitwer.
Frau Bovary begab sich in die Küche und an den Herd. Mit den
Fingerspitzen faßte sie ihr Kleid in der Kniegegend, zog es bis zu
den Knöcheln herauf und wärmte ihre mit schwarzledernen
Stiefeletten bekleideten Füße an der Glut, in der die Hammelkeule
am Spieß gedreht wurde. Das Feuer beleuchtete ihre ganze Gestalt
und warf grelle Lichter auf den Stoff ihres Kleides, auf ihre
poröse weiße Haut und in die Wimpern ihrer Augen, die sich von
Zeit zu Zeit schlössen. Der Luftzug strich durch die halboffene
Tür und rötete die Flammen. Hochrote Reflexe umflossen die Frau am
Herd. Am andern Ende desselben stand ein junger Mann mit blondem
Haar, der sie stumm betrachtete.
Es war Leo Düpuis, der Adjunkt des Notars Guillaumin, einer der
Stammgäste im Goldnen Löwen. Er langweilte sich gehörig in
Yonville, und deshalb kam er zu Tisch öfters absichtlich zu spät,
in der Hoffnung, mit irgendeinem Reisenden den Abend im Wirtshause
verplaudern zu können. Wenn er aber in der Kanzlei gerade gar
nichts zu tun hatte, mußte er aus Langeweile wohl oder übel
pünktlich erscheinen und von der Suppe bis zum Käse Binets
Gesellschaft erdulden. Frau Franz hatte ihm den Vorschlag gemacht,
heute mit den neuen Gästen zusammen zu essen; er war mit Vergnügen
darauf eingegangen. Zur Feier des Tages war im Saal für vier
Personen gedeckt worden.
Man versammelte sich daselbst. Homais bat um Erlaubnis, sein
Käppchen aufbehalten zu dürfen. Er erkälte sich leicht.
Frau Bovary saß ihm beim Essen zur Rechten.
»Gnädige Frau sind zweifellos ein wenig müde?« begann er. »In
unsrer alten Postkutsche wird man schauderhaft durchgerüttelt.«
»Freilich!« gab Emma zur Antwort. »Aber dieses Drüber und Drunter
macht mir gerade Spaß. Ich liebe die Abwechselung.«
»Ach ja, immer auf demselben Platze hocken ist gräßlich!« seufzte
der Adjunkt.
»Wenn Sie wie ich den ganzen Tag auf dem Gaule sitzen müßten ...«,
warf Karl ein.
Leo wandte sich an Emma:
»Grade das denke ich mir köstlich. Natürlich muß man ein guter
Reiter sein.«
»Ein praktizierender Arzt hats übrigens in hiesiger Gegend
ziemlich bequem«, meinte der Apotheker. »Die Wege sind nämlich
soweit imstand, daß man ein Kabriolett verwenden kann. Im
allgemeinen lohnt sich die Praxis auch. Die Bauern sind
wohlhabend. Nach den statistischen Feststellungen haben wir,
abgesehen von den gewöhnlichen Diarrhöen, Rachenkatarrhen und
Magenbeschwerden, hin und wieder während der Erntezeit wohl Fälle
von Wechselfieber, aber im großen und ganzen selten schwere
Krankheiten. Besonders zu erwähnen sind die zahlreichen
skrofulösen Leiden, die zweifellos von den kläglichen hygienischen
Verhältnissen in den Bauernhäusern herrühren. Ja, ja, Herr Bovary,
Sie werden öfters mit altmodischen Ansichten zu kämpfen haben, und
vielfach werden Dickköpfigkeit und alter Schlendrian alle
Anstrengungen Ihrer Kunst zunichte machen. Denn die Leute
hierzulande versuchen es in ihrer Dummheit immer noch erst mit
Beten, mit Reliquien und mit dem Pfarrer, statt daß sie von
vornherein zum Arzt oder in die Apotheke gingen. Im übrigen ist
das Klima wirklich nicht schlecht. Wir haben sogar etliche
Neunzigjährige in der Gemeinde. Nach meinen Beobachtungen ist die
Maximalkälte im Winter 4° Celsius, während wir im Hochsommer auf
25°, höchstens 30° kommen. Das wäre ein Maximum von 24° Reaumur.
Das ist nicht viel. Das kommt aber daher, daß wir einerseits vor
den Nordwinden durch die Wälder von Argueil, andrerseits vor den
Westwinden durch die Höhe von Sankt Johann geschützt sind. Diese
Wärme, die ihre Ursachen auch in der Wasserverdunstung des Flusses
und in den zahlreich vorhandenen Viehherden in den Weidegebieten
hat, die, wie Sie wissen, viel Ammoniak produzieren (also
Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, ach nein, nur Stickstoff
und Sauerstoff!), -- diese Wärme, die den Humus aussaugt und alle
Dünste des Bodens aufnimmt, sich gleichsam zu einer Wolke
zusammenballt und sich mit der Elektrizität der Atmosphäre
verbindet, die könnte schließlich (wie in den Tropenländern)
gesundheitsschädliche Miasmen erzeugen --, diese Wärme, sag ich,
wird gerade dort, wo sie herkommt, oder vielmehr, wo sie herkommen
könnte, das heißt im Süden, durch die Südostwinde abgekühlt, die
ihre Kühle über der Seine erlangen und bei uns bisweilen plötzlich
als sanftes Mailüfterl wehen ...«
»Gibt es denn wenigstens ein paar Spazierwege in der Umgegend?«
fragte Frau Bovary im Laufe ihres Gespräches mit dem jungen Manne.
»Leider nur sehr wenige«, entgegnete er. »Einen hübschen Ort gibt
es auf der Höhe, am Waldrande, der 'Futterplatz' genannt. Dort
sitze ich manchmal Sonntags und vertiefe mich in ein Buch und seh
mir den Sonnenuntergang an.«
»Es gibt nichts Wunderbareres als den Sonnenuntergang,« schwärmte
Emma, »zumal am Gestade des Meeres!«
»Ach, ich bete das Meer an!« stimmte Leo bei.
»Haben Sie nicht auch die Empfindung,« fuhr Frau Bovary fort, »daß
die Seele beim Anblicke dieser unermeßlichen Weite Flügel bekommt,
die Flügel der Andacht, die ins Reich der Ewigkeiten emporheben,
in die Sphäre der Ideen, der Ideale?«
»Im Hochgebirge ergeht es einem ebenso«, meinte Leo. »Ich habe
einen Vetter, der im vergangnen Jahre eine Schweizerreise gemacht
hat. Der hat mir erzählt: ohne sie selber zu sehen, könne man sich
den romantischen Reiz der Seen gar nicht vorstellen, den Zauber
der Wasserfälle und den großartigen Eindruck der Gletscher. Über
Gießbächen hängen riesige Fichten, und am Rande von tiefen
Abgründen kleben Alpenhütten; und wenn die Wolken einmal
zerreißen, erblickt man tausend Fuß unten in der Tiefe die langen
Täler. Wer das schaut, muß in Begeisterung geraten, in
Andachtsstimmung, in Ekstase! Jetzt begreife ich auch jenen
berühmten Musiker, der nur angesichts von erhabenen Landschaften
arbeiten konnte.«
»Treiben Sie Musik?« fragte Emma.
»Nein, aber ich liebe die Musik!« antwortete er.
»Glauben Sie ihm das nicht, Frau Doktor!« mischte sich Homais ein.
»Das sagt er nur aus purer Bescheidenheit ... Aber gewiß, mein
Verehrter! Gestern, in Ihrem Zimmer, da haben Sie doch das
Engellied wundervoll gesungen. Ich hab es von meinem
Laboratorium aus gehört. Sie haben eine Stimme wie ein
Opernsänger!«
Leo Düpuis bewohnte nämlich im Hause des Apothekers im zweiten
Stock ein kleines Zimmer, das nach dem Markt hinausging. Bei dem
Komplimente seines Hauswirtes wurde er über und über rot.
Homais widmete sich bereits wieder dem Arzte, dem er die
bemerkenswerten Einwohner von Yonville einzeln aufzählte. Er wußte
tausend Anekdoten und Einzelheiten. Nur über das Vermögen des
Notars könne er nichts Genaues sagen. Auch über die Familie
Tüvache munkele man so allerlei.
Emma fuhr fort:
»Das ist ja entzückend! Und welche Musik lieben Sie am meisten?«
»Die deutsche! Die ist das wahre Traumland ...«
»Kennen Sie die Italiener?«
»Noch nicht. Aber ich werde sie nächstes Jahr hören. Ich habe die
Absicht, nach Paris zu gehen, um mein juristisches Studium zu
vollenden.«
»Wie ich bereits die Ehre hatte, Ihrem Herrn Gemahl mitzuteilen,«
sagte wiederum der Apotheker, »als ich ihm von dem armen
Stryienski berichtete, der auf und davon gegangen ist: dank den
Dummheiten, die der begangen hat, werden Sie sich eines der
komfortabelsten Häuser von Yonville erfreuen. Eine ganz besondre
Bequemlichkeit gerade für einen Arzt ist das Vorhandensein einer
Hinterpforte nach dem Bach und der Allee zu. Man kann dadurch
unbeobachtet ein und aus gehen. Die Wohnung selbst besitzt alle
denkbaren Annehmlichkeiten; sie hat ein großes Eßzimmer, eine
Küche mit Speisekammer, eine Waschküche, einen Obstkeller usw. Ihr
Vorgänger war ein flotter Kerl, dem es auf ein paar Groschen nicht
ankam. Hinten in seinem Garten, mit dem Blick auf unser Flüßchen,
da hat er sich ein Lusthäuschen bauen lassen, lediglich, um an
Sommerabenden sein Bier drin zu süffeln. Wenn die gnädige Frau die
Blumenzucht liebt ...«
»Meine Frau gibt sich damit nicht weiter ab«, unterbrach ihn Karl.
»Obgleich ihr körperliche Bewegung verordnet ist, bleibt sie
lieber dauernd in ihrem Zimmer und liest.«
»Ganz wie ich!« fiel Leo ein. »Was wäre wohl auch gemütlicher, als
abends beim Schein der Lampe mit einem Buche am Kamine zu sitzen,
während draußen der Wind gegen die Fensterscheiben schlägt?«
»So ist es!« stimmte sie zu und blickte ihn mit ihren großen
schwarzen Augen voll an.
Er fuhr fort:
»Dann denkt man an nichts, und die Stunden verrinnen. Ohne daß man
sich bewegt, wandert man mit dem Erzähler durch ferne Lande. Man
wähnt sie vor Augen zu haben. Man träumt sich in die fremden
Erlebnisse hinein, bis in alle Einzelheiten; man verstrickt sich
in allerhand Abenteuer; man lebt und webt unter den Gestalten der
Dichtung, und es kommt einem zuletzt vor, als schlüge das eigne
Herz in ihnen.«
»Wie wahr! Wie wahr!« rief Emma aus.
»Haben Sie es nicht zuweilen erlebt, in einem Buche einer
bestimmten Idee zu begegnen, die man verschwommen und unklar
längst in sich selbst trägt? Wie aus der Ferne schwebt sie nun mit
einem Male auf einen zu, gewinnt feste Umrisse, und es ist einem,
als stehe man vor einer Offenbarung seines tiefsten Ichs ...«
»Das hab ich schon erlebt!« flüsterte sie.
»Und darum«, fuhr er fort, »liebe ich die Dichter über alles. Ich
finde, Verse sind zarter als Prosa. Sie rühren so schön zu
Tränen!«
»Aber sie ermüden auf die Dauer,« wandte Emma ein, »und daher
ziehe ich jetzt mehr die Romane vor, aber sie müssen spannend und
aufregend sein. Widerlich sind mir Alltagsleute und lauwarme
Gefühle. Die hat man doch schon genug in der Wirklichkeit.«
»Gewiß,« bemerkte der Adjunkt, »die naturalistischen Romane haben
dem Herzen nichts zu sagen und entfernen sich damit, meiner
Ansicht nach, von dem wahren Ziele der Kunst. Es ist so süß, sich
aus den Häßlichkeiten des Daseins herauszuzüchten, wenigstens in
Gedanken: zu edlen Charakteren, zu hehren Leidenschaften und zu
glückseligen Zuständen. Für mich, der ich hier fern der großen
Welt lebe, ist das die einzige Erholung. Nur hat man in Yonville
wenig Gelegenheit ...«
»Jedenfalls genau so wie in Tostes!« bemerkte Emma. »Drum war ich
ständig in einer Leihbibliothek abonniert.«
Der Apotheker hatte diese letzten Worte gehört. »Wenn gnädige Frau
mir die Ehre erweisen wollen,« sagte er, »meine Bibliothek zu
benutzen, so steht sie Ihnen zur Verfügung. Sie enthält die besten
Autoren: Voltaire, Rousseau, Delille, Walter Scott, außerdem ein
paar Zeitschriften und Zeitungen, unter andern den »Leuchtturm von
Rouen«, ein Tagesblatt, dessen Korrespondent für Buchy, Forges,
Neufchâtel, Yonville und Umgegend ich bin.«
Man saß bereits zwei und eine halbe Stunde bei Tisch, nicht ohne
Mitverschulden der bedienenden Artemisia, die in ihren Holzschuhen
saumselig über die Dielen schlürfte, jeden Teller einzeln
hereinbrachte, allerlei vergaß, jeden Auftrag überhörte und immer
wieder die Türe zum Billardzimmer offen ließ, die dann krachend
von selber zuklappte.
Ohne es zu bemerken, hatte Leo, während er so eifrig plauderte,
einen Fuß auf eine der Querleisten des Stuhles gesetzt, auf dem
Frau Bovary saß. Sie trug einen gefalteten steifen Batistkragen
und einen blauseidnen Schlips, und je nach den Bewegungen, die sie
mit ihrem Kopfe machte, berührte ihr Kinn den Batist oder
entfernte sich graziös davon. So kamen Leo und Emma, während sich
Karl mit dem Apotheker unterhielt, in eins jener uferlosen
Gespräche, die um tausend oberflächliche Dinge kreisen und keinen
andern Sinn haben, als die gegenseitige Sympathie einander zu
bekunden. Pariser Theaterereignisse, Romantitel, moderne Tänze,
die ihnen fremde große Gesellschaft, Tostes, wo Emma gelebt hatte,
und Yonville, wo sie sich gefunden, alles das berührten sie in
ihrer Plauderei, bis die Mahlzeit zu Ende war.
Als der Kaffee gebracht wurde, ging Felicie fort, um in der neuen
Wohnung das Schlafzimmer zurechtzumachen. Bald darauf brach die
kleine Tischgesellschaft auf. Frau Franz war längst am erloschenen
Herdfeuer eingenickt. Aber der Hausknecht war wachgeblieben.
Eine Laterne in der einen Hand, begleitete er Herrn und Frau
Bovary nach Haus. In seinem roten Haar hing Häcksel, und auf einem
Beine war er lahm. Den Schirm des Pfarrers, den er ihm noch
hintragen sollte, in der andern Hand, ging er voran.
Der Ort lag in tiefem Schlafe. Die Säulen der Hallen auf dem
Markte warfen lange Schatten über das Pflaster. Der Boden war
hellgrau wie in einer Sommernacht. Da das Haus des Arztes nur
fünfzig Schritte vom Goldnen Löwen entfernt lag, wünschte man sich
alsbald gegenseitig Gute Nacht, und so schied man voneinander.
Als Emma die Hausflur ihres neuen Heims betrat, hatte sie die
Empfindung, als lege sich ihr die Kühle der Wände wie feuchte
Leinwand um die Schultern. Der Kalkbewurf war frisch. Die
Holztreppen knarrten. In ihrem Zimmer, im ersten Stock, fiel
fahles Licht durch die gardinenlosen Fenster. Sie sah draußen
Baumwipfel und weiterhin in der Niederung das Wiesenland, ein
Nebelmeer darüber. Das Mondlicht sickerte durch die aufwallenden
Dämpfe.
Im Zimmer standen Kommodenkästen, Flaschen, Gardinenstangen,
Möbelstücke und Geschirr kunterbunt umher. Die beiden Packer
hatten alles so stehen und liegen lassen.
Zum vierten Male schlief Emma an einem ihr noch fremden Orte. Das
erstemal war es am Tage ihres Eintritts ins Kloster gewesen, das
zweitemal an dem ihrer Ankunft in Tostes, das drittemal im Schloß
Vaubyessard und das vierte hier in Yonville. Jedesmal hatte ein
neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen. Darum glaubte sie, daß
sich die gleichen Dinge an verschiedenen Orten nicht wiederholen
könnten; und da ihr bisheriges Stück Leben häßlich gewesen war, so
müsse das, was sie noch zu erleben hatte, zweifellos schöner sein.