Sobald es herbstlich zu werden begann, siedelte Emma aus ihrem
Zimmer in die Große Stube über, einem länglichen niedrigen Raume
im Erdgeschosse. Gewöhnlich saß sie am Fenster in ihrem Lehnstuhle
und betrachtete die Leute, die draußen vorübergingen.
Leo kam täglich zweimal vorbei, auf seinem Wege nach dem Goldnen
Löwen und zurück. Seine Tritte erkannte Emma schon von weitem. Sie
neigte sich jedesmal vor und lauschte, und der junge Mann glitt an
der Scheibengardine vorüber, immer tadellos gekleidet und ohne den
Kopf zu wenden. Oft aber in der Dämmerung, wenn sie, auf dem
Schoße die begonnene Stickerei, verträumt dasaß, überlief sie ein
Schauer beim plötzlichen Vorübergleiten seines Schattens. Dann
fuhr sie auf und befahl das Essen.
Der Apotheker kam mitunter während der Tischzeit. Sein Käppchen in
der Hand, trat er geräuschlos ein, um ja niemanden zu stören,
jedesmal mit derselben Redensart: »Guten Abend, die Herrschaften!«
Er setzte sich an den Tisch zwischen das Ehepaar und fragte den
Arzt, ob er neue Patienten habe, worauf sich Bovary seinerseits
erkundigte, ob diese auch zahlungsfähig seien. Sodann unterhielten
sich die beiden über das, was in der Zeitung gestanden hatte. Um
diese Stunde wußte Homais sie bereits auswendig. Er rekapitulierte
sie von Anfang bis zu Ende: den Leitartikel genau so wie alle
darin berichteten merkwürdigen Vorgänge des In- und Auslands. Wenn
auch dieser Gesprächsstoff erschöpft war, konnte er ein paar
Bemerkungen über die Gerichte auf dem Tische nicht unterdrücken.
Manchmal erhob er sich sogar ein wenig und machte Frau Bovary
artig auf das zarteste Stück Fleisch aufmerksam, oder er wandte
sich an das Dienstmädchen und gab ihr Ratschläge über die
Zubereitung eines Ragouts oder über die richtige Verwendung der
Gewürze. Er verstand mit erstaunlicher Fachkenntnis über
aromatische Zutaten, Fleischertrakte, Saucen und Säfte zu
sprechen. Er hatte in seinem Kopfe mehr Rezepte als Arzneiflaschen
in seiner Apotheke. In der Herstellung von Konfitüren, Weinessig
und süßen Likören war er ein Meister. Ferner kannte er auch alle
neuen Erfindungen auf dem Gebiete der Küchenökonomie, nicht minder
das beste Verfahren, Käse zu konservieren und verdorbne Weine
wieder verwendbar zu machen.
Um acht Uhr erschien Justin, der Lehrling, um seinen Herrn zum
Schließen des Ladens zu holen. Homais pflegte ihm einen pfiffigen
Blick zuzuwerfen, zumal wenn Felicie zufällig im Zimmer war. Er
kannte nämlich die Vorliebe seines Famulusses für das Haus des
Arztes.
»Der Schlingel setzt sich Allotria in den Kopf!« meinte er. »Der
Teufel soll mich holen: ich glaub, er hat sich in Ihr Dienstmädel
verguckt!«
Übrigens machte er ihm noch einen schwereren Vorwurf: er horche
auf alles, was in seinem Hause gesprochen würde. Beispielsweise
sei er an den Sonntagen nicht aus dem Salon hinauszubringen, wenn
er die schon halb eingeschlafenen Kinder hole, um sie ins Bett zu
schaffen.
An diesen Sonntagsabenden erschienen übrigens nur wenige Gäste.
Homais hatte sich nach und nach mit verschiedenen
Hauptpersönlichkeiten des Ortes wegen seiner Klatschsucht und
seiner politischen Ansichten überworfen. Aber der Adjunkt stellte
sich regelmäßig ein. Sobald er die Haustürklingel hörte, eilte er
Frau Bovary entgegen, nahm ihr das Umschlagetuch ab und die
Überschuhe, die sie bei Schnee trug.
Zunächst machte man ein paar Partien Dreiblatt, sodann spielten
Emma und der Apotheker Ecarté. Leo stand hinter ihr und half ihr.
Die Hände auf die Rückenlehne ihres Stuhles gestützt, betrachtete
er sich die Zinken des Kammes, der ihr Haar zusammenhielt. Bei
jeder ihrer Bewegungen während des Kartenspiels raschelte ihr
Kleid. Im Nacken, unterhalb des heraufgesteckten Haares, hatte
ihre Haut einen bräunlichen Farbenton, der sich nach dem Rücken zu
aufhellte und im Schatten des Kragens verschwamm. Ihr Rock
bauschte sich zu beiden Seiten des Stuhlsitzes auf; er schlug eine
Menge Falten und bedeckte ein Stück des Bodens. Wenn Leo hin und
wieder aus Versehen mit der Sohle seines Schuhes darauf geriet,
zog er den Fuß rasch zurück, als habe er einen Menschen getreten.
Wenn die Partie zu Ende war, begannen Homais und Karl Domino zu
spielen. Emma setzte sich dann an das andre Ende des Tisches und
sah sich, die Ellbogen aufgestützt, die »Illustrierte Zeitung« an.
Oft hatte sie auch ihren »Bazar« mitgebracht. Leo nahm neben ihr
Platz. Sie betrachteten zusammen die Holzschnitte und warteten mit
dem Umblättern aufeinander. Manchmal bat sie ihn, Gedichte
vorzulesen. Leo trug mit langsamer Stimme vor, die bei verliebten
Stellen flüsternd wurde. Das Klappern der Dominosteine störte ihn.
Der Apotheker war ein gerissener Spieler und hatte dabei auch noch
unverschämtes Glück. Wenn die dreihundert Points erreicht waren,
setzten sich die Spieler an den Kamin, und es dauerte nicht lange,
da waren sie alle beide eingenickt. Das Feuer im Kamin war im
Erlöschen, die Teekanne leer. Leo las weiter, und Emma hörte ihm
zu, wobei sie halb unbewußt in einem fort den Lampenschirm
herumdrehte, auf dessen dünnen Kattun Pierrots in einer Kutsche
und Seiltänzerinnen mit Balancierstangen aufgedruckt waren. Mit
einem Male hielt der Leser inne und wies durch eine Geste auf die
eingeschlafene Zuhörerschaft, und nun sprachen sie lispelnd
miteinander. Diese leise Plauderei dünkte beide um so süßer, als
niemand ihrer lauschte.
So bestand zwischen ihnen eine gewisse Gemeinschaft und ein
fortwährender Austausch von Romanen und Gedichtbüchern. Karl, der
keine Neigung zur Eifersucht besaß, hatte nichts dagegen. Zu
seinem Geburtstage bekam er einen phrenologischen Schädel, der
über und über mit blauen Linien und Zeichen bedeckt war, eine
Aufmerksamkeit Leos. Andre folgten. Er fuhr sogar mitunter nach
Rouen, um dort Besorgungen für das Ehepaar zu machen. Als infolge
eines Moderomans die Kakteen in Beliebtheit kamen, brachte er ein
Exemplar, das er während der Fahrt in der Post vor sich auf den
Knien hielt. Das stachlige Ding zerstach ihm alle Finger.
Emma ließ vor ihrem Fenster ein kleines Blumenbrett für ihre
Blumentöpfe anbringen, ganz so, wie der Adjunkt eins hatte. Beim
Begießen ihrer Blumen sahen sich die beiden.
Eines Abends, als Leo nach Haus kam, fand er in seinem Zimmer eine
Reisedecke aus mattfarbenem Samt, auf dem mir Seide und Wolle
Blumen und Blätter gestickt waren. Er zeigte sie Frau Homais, dem
Apotheker, dem Lehrling, den Kindern und der Köchin; sogar seinem
Chef erzählte er davon. Alle Welt wollte nun die Decke sehen. Aber
warum machte die Frau des Doktors dem Adjunkten so kostbare
Geschenke? Das war doch sonderbar. Und alsobald stand es
unumstößlich fest: sie war »seine gute Freundin.«
Leo verstärkte unvorsichtigerweise diesen Klatsch, weil er
unaufhörlich und vor jedermann von Emmas Schönheit und Klugheit
schwärmte. Binet wurde ihm deshalb einmal gehörig grob:
»Was geht mich denn das an? Ich gehöre nicht zu der Clique!«
Der Verliebte marterte sich mit Grübeleien ab, wie er sich Emma
erklären könne. Er schwankte fortwährend zwischen der Furcht, sich
ihren Unwillen zuzuziehen, und der Scham über seine Feigheit. Er
vergoß Tränen ob seiner Mutlosigkeit und seiner Sehnsucht. Oft
genug entschloß er sich zu kühner Entscheidung. Er schrieb Briefe,
die er wieder zerriß; nahm sich Tage der Tat vor, die er dann doch
verstreichen ließ. Manchmal ging er mir dem festen Vorsatz zu ihr,
alles zu wagen; aber in ihrer Gegenwart verlor er alsbald den Mut,
und wenn gar Karl dazukam und ihn einlud, sich mit in den Dogcart
zu setzen, um irgendeinen Patienten in der Umgegend zu besuchen,
war er sofort dazu bereit. Dann sagte er der »gnädigen Frau« adieu
und fuhr mit. War nicht ihr Mann auch ein Stück von ihr?
Emma ihrerseits fragte sich gar nicht, ob sie Leo liebe. Es war
ihr Glaube, daß die Liebe mit einem Male dasein müsse, unter
Donner und Blitz, wie ein Sturm aus blauem Himmel, der die
Menschen packt und erschüttert, ihnen den freien Willen entreißt,
wie einem Baum das Laub, und das ganze Herz in den Abgrund
schwemmt. Sie wußte nicht, daß der Regen auf den flachen Dächern
der Häuser Seen bildet, wenn die Traufen verstopft sind. Und so
wäre sie in ihrem Selbstbetrug verblieben, wenn sie nicht mit
einem Male den Riß in der Mauer bemerkt hätten.