Einmal nachts gegen elf Uhr wurde das Ehepaar durch das Getrappel
eines Pferdes geweckt, das gerade vor der Haustüre zum Stehen kam.
Anastasia, das Dienstmädchen, klappte ihr Bodenfenster auf und
verhandelte eine Weile mit einem Manne, der unten auf der Straße
stand. Er wolle den Arzt holen. Er habe einen Brief an ihn.
Anastasia stieg frierend die Treppen hinunter und schob die Riegel
auf, einen und dann den andern. Der Bote ließ sein Pferd stehen,
folgte dem Mädchen und betrat ohne weiteres das Schlafgemach. Er
entnahm seinem wollnen Käppi, an dem eine graue Troddel hing,
einen Brief, der in einen Lappen eingewickelt war, und überreicht
ihn dem Arzt mit höflicher Gebärde. Der richtete sich im Bett auf,
um den Brief zu lesen. Anastasia stand dicht daneben und hielt den
Leuchter. Die Frau Doktor kehrte sich verschämt der Wand zu und
zeigte den Rücken.
In dem Briefe, den ein niedliches blaues Siegel verschloß, wurde
Herr Bovary dringend gebeten, unverzüglich nach dem Pachtgut Les
Bertaux zu kommen, ein gebrochenes Bein zu behandeln. Nun braucht
man von Tostes über Longueville und Sankt Victor bis Bertaux zu
Fuß sechs gute Stunden. Die Nacht war stockfinster. Frau Bovary
sprach die Befürchtung aus, es könne ihrem Manne etwas zustoßen.
Infolgedessen ward beschlossen, daß der Stallknecht vorausreiten,
Karl aber erst drei Stunden später, nach Mondaufgang, folgen
solle. Man würde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihm den
Weg zum Gute zeige und ihm den Hof aufschlösse.
Früh gegen vier Uhr machte sich Karl, fest in feinen Mantel
gehüllt, auf den Weg nach Bertaux. Noch ganz verschlafen überließ
er sich dem Zotteltrab seines Gaules. Wenn dieser von selber vor
irgendeinem im Wege liegenden Hindernis zum Halten parierte, wurde
der Reiter jedesmal wach, erinnerte sich des gebrochnen Beines und
begann in seinem Gedächtnisse alles auszukramen, was er von
Knochenbrüchen wußte.
Der Regen hörte auf. Es dämmerte. Auf den laublosen Ästen der
Apfelbäume hockten regungslose Vögel, das Gefieder ob des kühlen
Morgenwindes gesträubt. So weit das Auge sah, dehnte sich flaches
Land. Auf dieser endlosen grauen Fläche hoben sich hie und da in
großen Zwischenräumen tiefviolette Flecken ab, die am Horizonte
mit des Himmels trüben Farben zusammenflossen; das waren
Baumgruppen um Güter und Meiereien herum. Von Zeit zu Zeit riß
Karl seine Augen auf, bis ihn die Müdigkeit von neuem überwältigte
und der Schlaf von selber wiederkam. Er geriet in einen
traumartigen Zustand, in dem sich frische Empfindungen mit alten
Erinnerungen paarten, so daß er ein Doppelleben führte. Er war
noch Student und gleichzeitig schon Arzt und Ehemann. Im nämlichen
Moment glaubte er in seinem Ehebette zu liegen und wie einst durch
den Operationssaal zu schreiten. Der Geruch von heißen Umschlägen
mischte sich in seiner Phantasie mit dem frischen Dufte des
Morgentaus. Dazu hörte er, wie die Messingringe an den Stangen der
Bettvorhänge klirrten und wie seine Frau im Schlafe atmete ...
Als er durch das Dorf Vassonville ritt, bemerkte er einen Jungen,
der am Rande des Straßengrabens im Grase saß.
»Sind Sie der Herr Doktor?«
Als Karl diese Frage bejahte, nahm der Kleine seine Holzpantoffeln
in die Hände und begann vor dem Pferde herzurennen. Unterwegs
hörte Bovary aus den Reden seines Führers heraus, daß Herr
Rouault, der Patient, der ihn erwartete, einer der wohlhabendsten
Landwirte sei. Er hatte sich am vergangenen Abend auf dem Heimwege
von einem Nachbar, wo man das Dreikönigsfest gefeiert hatte, ein
Bein gebrochen. Seine Frau war schon zwei Jahre tot. Er lebte ganz
allein mit »dem gnädigen Fräulein«, das ihm den Haushalt führte.
Die Radfurchen wurden tiefer. Man näherte sich dem Gute. Plötzlich
verschwand der Junge in der Lücke einer Gartenhecke, um hinter der
Mauer eines Vorhofes wieder aufzutauchen, wo er ein großes Tor
öffnete. Das Pferd trat in nasses rutschiges Gras, und Karl mußte
sich ducken, um nicht vom Baumgezweig aus dem Sattel gerissen zu
werden. Hofhunde fuhren aus ihren Hütten, schlugen an und
rasselten an den Ketten. Als der Arzt in den eigentlichen Gutshof
einritt, scheute der Gaul und machte einen großen Satz zur Seite.
Das Pachtgut Bertaux war ein ansehnliches Besitztum. Durch die
offenstehenden Türen konnte man in die Ställe blicken, wo kräftige
Ackergäule gemächlich aus blanken Raufen ihr Heu kauten. Längs der
Wirtschaftsgebäude zog sich ein dampfender Misthaufen hin. Unter
den Hühnern und Truthähnen machten sich fünf bis sechs Pfauen
mausig, der Stolz der Güter jener Gegend. Der Schafstall war lang,
die Scheune hoch und ihre Mauern spiegelglatt. Im Schuppen standen
zwei große Leiterwagen und vier Pflüge, dazu die nötigen
Pferdegeschirre, Kumte und Peitschen; auf den blauen Woilachs aus
Schafwolle hatte sich feiner Staub gelagert, der von den Kornböden
heruntersickerte. Der Hof, der nach dem Wohnhause zu etwas
anstieg, war auf beiden Seiten mit einer Reihe Bäume bepflanzt.
Vom Tümpel her erscholl das fröhliche Geschnatter der Gänse.
An der Schwelle des Hauses erschien ein junges Frauenzimmer in
einem mit drei Volants besetzten blauen Merinokleide und begrüßte
den Arzt. Er wurde nach der Küche geführt, wo ein tüchtiges Feuer
brannte. Auf dem Herde kochte in kleinen Töpfen von verschiedener
Form das Frühstück des Gesindes. Oben im Rauchfang hingen
naßgewordene Kleidungsstücke zum Trocknen. Kohlenschaufel,
Feuerzange und Blasebalg, alle miteinander von riesiger Größe,
funkelten wie von blankem Stahl, während längs der Wände eine
Unmenge Küchengerät hing, über dem die helle Herdflamme um die
Wette mit den ersten Strahlen der durch die Fenster huschenden
Morgensonne spielte und glitzerte.
Karl stieg in den ersten Stock hinauf, um den Kranken aufzusuchen.
Er fand ihn in seinem Bett, schwitzend unter seinen Decken. Seine
Nachtmütze hatte er in die Stube geschleudert. Es war ein
stämmiger kleiner Mann, ein Fünfziger, mit weißem Haar, blauen
Augen und kahler Stirn. Er trug Ohrringe. Neben ihm auf einem
Stuhle stand eine große Karaffe voll Branntwein, aus der er sich
von Zeit zu Zeit ein Gläschen einschenkte, um »Mumm in die Knochen
zu kriegen«. Angesichts des Arztes legte sich seine Erregung.
Statt zu fluchen und zu wettern -- was er seit zwölf Stunden getan
hatte -- fing er nunmehr an zu ächzen und zu stöhnen.
Der Bruch war einfach, ohne jedwede Komplikation. Karl hätte sich
einen leichteren Fall nicht zu wünschen gewagt. Alsbald erinnerte
er sich der Allüren, die seine Lehrmeister an den Krankenlagern
zur Schau getragen harten, und spendete dem Patienten ein
reichliches Maß der üblichen guten Worte, jenes Chirurgenbalsams,
der an das Öl gemahnt, mit dem die Seziermesser eingefettet
werden. Er ließ sich aus dem Holzschuppen ein paar Latten holen,
um Holz zu Schienen zu bekommen. Von den gebrachten Stücken wählte
er eins aus, schnitt die Schienen daraus zurecht und glättete sie
mit einer Glasscherbe. Währenddem stellte die Magd Leinwandbinden
her, und Fräulein Emma, die Tochter des Hauses, versuchte Polster
anzufertigen. Als sie ihren Nähkasten nicht gleich fand, polterte
der Vater los. Sie sagte kein Wort. Aber beim Nähen stach sie sich
in den Finger, nahm ihn in den Mund und sog das Blut aus.
Karl war erstaunt, was für blendendweiße Nägel sie hatte. Sie
waren mandelförmig geschnitten und sorglich gepflegt, und so
schimmerten sie wie das feinste Elfenbein. Ihre Hände freilich
waren nicht gerade schön, vielleicht nicht weiß genug und ein
wenig zu mager in den Fingern; dabei waren sie allzu schlank,
nicht besonders weich und in ihren Linien ungraziös. Was jedoch
schön an ihr war, das waren ihre Augen. Sie waren braun, aber im
Schatten der Wimpern sahen sie schwarz aus, und ihr offener Blick
traf die Menschen mit der Kühnheit der Unschuld.
Als der Verband fertig war, lud Herr Rouault den Arzt feierlich
»einen Bissen zu essen«, ehe er wieder aufbräche. Karl ward in das
Eßzimmer geführt, das zu ebener Erde lag. Auf einem kleinen
Tische war für zwei Personen gedeckt; neben den Gedecken blinkten
silberne Becher. Aus dem großen Eichenschranke, gegenüber dem
Fenster, strömte Geruch von Iris und feuchtem Leinen. In einer
Ecke standen aufrecht in Reih und Glied mehrere Säcke mit
Getreide; sie hatten auf der Kornkammer nebenan keinen Platz
gefunden, zu der drei Steinstufen hinaufführten. In der Mitte der
Wand, deren grüner Anstrich sich stellenweise abblätterte, hing in
einem vergoldeten Rahmen eine Bleistiftzeichnung: der Kopf einer
Minerva. In schnörkeliger Schrift stand darunter geschrieben.
»Meinem lieben Vater!«
Sie sprachen zuerst von dem Unfall, dann vom Wetter, vom starken
Frost, von den Wölfen, die nachts die Umgegend unsicher machen.
Fräulein Rouault schwärmte gar nicht besonders von dem Leben auf
dem Lande, zumal jetzt nicht, wo die ganze Last der Gutswirtschaft
fast allein auf ihr ruhe. Da es im Zimmer kalt war, fröstelte sie
während der ganzen Mahlzeit. Beim Essen fielen ihre vollen Lippen
etwas auf. Wenn das Gespräch stockte, pflegte sie mit den
Oberzähnen auf die Unterlippe zu beißen.
Ihr Hals wuchs aus einem weißen Umlegekragen heraus. Ihr
schwarzes, hinten zu einem reichen Knoten vereintes Haar war in
der Mitte gescheitelt; beide Hälften lagen so glatt auf dem Kopfe,
daß sie wie zwei Flügel aus je einem Stücke aussahen und kaum die
Ohrläppchen blicken ließen. Über den Schläfen war das Haar
gewellt, was der Landarzt noch nie in seinem Leben gesehen hatte.
Ihre Wangen waren rosig. Zwischen zwei Knöpfen ihrer Taille lugte
-- wie bei einem Herrn -- ein Lorgnon aus Schildpatt hervor.
Nachdem sich Karl oben beim alten Rouault verabschiedet hatte,
trat er nochmals in das Eßzimmer. Er fand Emma am Fenster stehend,
die Stirn an die Scheiben gedrückt. Sie schaute in den Garten
hinaus, wo der Wind die Bohnenstangen umgeworfen hatte. Sich
umwendend, fragte sie:
»Suchen Sie etwas?«
»Meinen Reitstock, wenn Sie gestatten!«
Er fing an zu suchen, hinter den Türen und unter den Stühlen. Der
Stock war auf den Fußboden gefallen, gerade zwischen die Säcke und
die Wand. Emma entdeckte ihn. Als sie sich über die Säcke beugte,
wollte Karl ihr galant zuvorkommen. Wie er seinen Arm in der
nämlichen Absicht wie sie ausstreckte, berührte seine Brust den
gebückten Rücken des jungen Mädchens. Sie fühlten es beide. Emma
fuhr rasch in die Höhe. Ganz rot geworden, sah sie ihn über die
Schulter weg an, indem sie ihm seinen Reitstock reichte.
Er hatte versprochen, in drei Tagen wieder nachzusehen; statt
dessen war er bereits am nächsten Tag zur Stelle, und von da ab
kam er regelmäßig zweimal in der Woche, ungerechnet die
gelegentlichen Besuche, die er hin und wieder machte, wenn er
»zufällig in der Gegend« war. Übrigens ging alles vorzüglich; die
Heilung verlief regelrecht, und als man nach sechs und einer
halben Woche Vater Rouault ohne Stock wieder in Haus und Hof
herumstiefeln sah, hatte sich Bovary in der ganzen Gegend den Ruf
einer Kapazität erworben. Der alte Herr meinte, besser hätten ihn
die ersten Ärzte von Yvetot oder selbst von Rouen auch nicht
kurieren können.
Karl dachte gar nicht daran, sich zu befragen, warum er so gern
nach dem Rouaultschen Gute kam. Und wenn er auch darüber
nachgesonnen hätte, so würde er den Beweggrund seines Eifers
zweifellos in die Wichtigkeit des Falles oder vielleicht in das in
Aussicht stehende hohe Honorar gelegt haben. Waren dies aber
wirklich die Gründe, die ihm seine Besuche des Pachthofes zu
köstlichen Abwechselungen in dem armseligen Einerlei seines
tätigen Lebens machten? An solchen Tagen stand er zeitig auf, ritt
im Galopp ab und ließ den Gaul die ganze Strecke lang kaum zu Atem
kommen. Kurz vor seinem Ziele aber pflegte er abzusitzen und sich
die Stiefel mit Gras zu reinigen; dann zog er sich die braunen
Reithandschuhe an, und so ritt er kreuzvergnügt in den Gutshof
ein. Es war ihm ein Wonnegefühl, mit der Schulter gegen den
nachgebenden Flügel des Hoftores anzureiten, den Hahn auf der
Mauer krähen zu hören und sich von der Dorfjugend umringt zu
sehen. Er liebte die Scheune und die Ställe; er liebte den Papa
Rouault, der ihm so treuherzig die Hand schüttelte und ihn seinen
Lebensretter nannte; er liebte die niedlichen Holzpantoffeln des
Gutsfräuleins, die auf den immer sauber gescheuerten Fliesen der
Küche so allerliebst schlürften und klapperten. In diesen Schuhen
sah Emma viel größer aus denn sonst. Wenn Karl wieder ging, gab
sie ihm jedesmal das Geleit bis zur ersten Stufe der Freitreppe.
War sein Pferd noch nicht vorgeführt, dann wartete sie mit. Sie
hatten schon Abschied voneinander genommen, und so sprachen sie
nicht mehr. Wenn es sehr windig war, kam ihr flaumiges Haar im
Nacken in wehenden Wirrwarr, oder die Schürzenbänder begannen ihr
um die Hüften zu flattern. Einmal war Tauwetter. An den Rinden der
Bäume rann Wasser in den Hof hinab, und auf den Dächern der
Gebäude schmolz aller Schnee. Emma war bereits auf der Schwelle,
da ging sie wieder ins Haus, holte ihren Sonnenschirm und spannte
ihn auf. Die Sonnenlichter stahlen sich durch die taubengraue
Seide und tupften tanzende Reflexe auf die weiße Haut ihres
Gesichts. Das gab ein so warmes und wohliges Gefühl, daß Emma
lächelte. Einzelne Wassertropfen prallten auf das Schirmdach, laut
vernehmbar, einer, wieder einer, noch einer ...
Im Anfang hatte Frau Bovary häufig nach Herrn Rouault und seiner
Krankheit gefragt, auch hatte sie nicht verfehlt, für ihn in ihrer
doppelten Buchführung ein besondres Konto einzurichten. Als sie
aber vernahm, daß er eine Tochter hatte, zog sie nähere
Erkundigungen ein, und da erfuhr sie, daß Fräulein Rouault im
Kloster, bei den Ursulinerinnen, erzogen worden war, sozusagen
also »eine feine Erziehung genossen« hatte, daß sie infolgedessen
Kenntnisse im Tanzen, in der Erdkunde, im Zeichnen, Sticken und
Klavierspielen haben mußte. Das ging ihr über die Hutschnur, wie
man zu sagen pflegt.
»Also darum!« sagte sie sich. »Darum also lacht ihm das ganze
Gesicht, wenn er zu ihr hinreitet! Darum zieht er die neue Weste
an, gleichgültig, ob sie ihm vom Regen verdorben wird! Oh dieses
Weib, dieses Weib!«
Instinktiv haßte sie Emma. Zuerst tat sie sich eine Güte in
allerhand Anspielungen. Karl verstand das nicht. Darauf versuchte
sie es mit anzüglichen Bemerkungen, die er aus Angst vor einer
häuslichen Szene über sich ergehen ließ. Schließlich aber ging sie
im Sturm vor. Karl wußte nicht, was er sagen sollte. Weshalb renne
er denn ewig nach Bertaux, wo doch der Alte längst geheilt sei,
wenn die Rasselbande auch noch nicht berappt habe? Na freilich,
weil es da »eine Person« gäbe, die fein zu schwatzen verstünde,
ein Weibsbild, das sticken könne und weiter nichts, ein
Blaustrumpf! In die sei er verschossen! Ein Stadtdämchen, das sei
ihm ein gefundenes Fressen.
»Blödsinn!« polterte sie weiter. »Die Tochter des alten Rouault,
die und eine feine Dame! O jeh! Ihr Großvater hat noch die Schafe
gehütet, und ein Vetter von ihr ist beinahe vor den Staatsanwalt
gekommen, weil er bei einem Streite jemanden halbtot gedroschen
hat! So was hat gar keinen Anlaß, sich was Besonders einzubilden
und Sonntags aufgedonnert in die Kirche zu schwänzeln, in seidnen
Kleidern wie eine Prinzessin. Und der Alte, der arme Schluder!
Wenn im vergangenen Jahre die Rapsernte nicht so unverschämt gut
ausgefallen wäre, hätte er seinen lumpigen Pacht nicht mal blechen
können!«
Die Freude war Karl verdorben. Er stellte seine Ritte nach Bertaux
ein. Seine Frau hatte ihn nach einer Flut von Tränen und Küssen
und unter tausend Zärtlichkeiten auf ihr Meßbuch schwören lassen,
nicht mehr hinzugehen. Er gehorchte. Aber in seiner heimlichen
Sehnsucht war er kühner; da war er empört über seine tatsächliche
eigne Feigheit. Und in naivem Machiavellismus sagte er sich,
gerade ob dieses Verbots habe er ein Recht auf seine Liebe. Was
war die ehemalige Witwe auch für ein Weib: sie war spindeldürr und
hatte häßliche Zähne; Sommer wie Winter trug sie denselben
schwarzen Schal mit dem über den Rücken herabhängenden langen
Zipfel; ihre steife Figur stak in den immer zu kurzen Kleidern wie
in einem Futteral, und was für plumpe Schuhe trug sie über ihren
grauen Strümpfen.
Karls Mutter kam von Zeit zu Zeit zu Besuch. Dann wurde es noch
schlimmer; dann hackten sie alle beide auf ihn ein. Das viele
Essen bekäme ihm schlecht. Warum er dem ersten besten immer gleich
ein Glas Wein vorsetze? Und es sei bloß Dickköpfigkeit von ihm,
keine Flanellwäsche zu tragen.
Zu Beginn des Frühlings begab es sich, daß der Vermögensverwalter
der Frau verwitweten Dubuc, ein Notar in Ingouville, samt allen
ihm anvertrauten Geldern übers Meer das Weite suchte. Nun besaß
sie allerdings außerdem einen Schiffsanteil in der Höhe von
sechstausend Franken und ein Haus in Dieppe. Aber von allen diesen
vielgepriesenen Besitztümern hatte man nie etwas Ordentliches zu
sehen bekommen. Die Witwe hatte nichts mit in die Ehe gebracht als
ein paar Möbel und etliche Nippsachen. Nunmehr ging man der Sache
auf den Grund, und da stellte sich denn heraus, daß besagtes Haus
bis an die Feueresse mit Hypotheken belastet, daß kein Mensch
wußte, wieviel Geld wirklich mit dem Notar zum Teufel gegangen,
und daß die Schiffshypothek keine tausend Taler wert war. Folglich
hatte die liebe Frau Heloise geflunkert. In seinem Zorn warf der
alte Bovary einen Stuhl gegen die Wand, daß er in tausend Stücke
ging, und machte seiner Frau den Vorwurf, sie habe den Jungen in
das Unglück gestürzt und ihn mit einer alten Kracke eingespannt,
die des Futters nicht einmal mehr wert sei.
Sie fuhren nach Tostes. Es kam zu einer Auseinandersetzung und zu
heftigen Szenen. Heloise warf sich weinend in die Arme ihres
Gatten und beschwor ihn, sie den Eltern gegenüber in Schutz zu
nehmen. Karl wollte die Partei seiner Frau ergreifen. Aber das
nahmen ihm die Alten übel. Sie reisten ab.
Diesen Schlag vermochte Heloise nicht zu verwinden. Acht Tage
darnach, als sie dabei war, Wäsche im Hofe aufzuhängen, bekam sie
einen Blutsturz, und am andern Morgen war sie tot.
Als Karl vom Friedhofe zurückkam, fand er im Erdgeschoß keinen
Menschen. Er stieg die Treppe hinauf. Wie er in das Schlafzimmer
trat, fiel sein Blick auf einen Rock Heloisens, der am Bette hing.
Er lehnte sich gegen das Schreibpult und blieb da hocken, bis es
dunkel wurde, in schmerzliche Träumereien versunken. Alles in
allem hatte sie ihn doch geliebt ...