Erstes Kapitel

Es war Arbeitsstunde. Da trat der Rektor ein, ihm zur Seite ein

»Neuer«, in gewöhnlichem Anzuge. Der Pedell hinter den beiden,

Schulstubengerät in den Händen. Alle Schüler erhoben sich von

ihren Plätzen, wobei man so tat, als sei man aus seinen Studien

aufgescheucht worden. Wer eingenickt war, fuhr mit auf.

Der Rektor winkte ab. Man setzte sich wieder hin. Darauf wandte er

sich zu dem die Aufsicht führenden Lehrer.

»Herr Roger!« lispelte er. »Diesen neuen Zögling hier empfehle ich

Ihnen besonders. Er kommt zunächst in die Quinta. Bei löblichem

Fleiß und Betragen wird er aber in die Quarta versetzt, in die er

seinem Alter nach gehört.«

Der Neuling blieb in dem Winkel hinter der Türe stehen. Man konnte

ihn nicht ordentlich sehen, aber offenbar war er ein Bauernjunge,

so ungefähr fünfzehn Jahre alt und größer als alle andern. Die

Haare trug er mit Simpelfransen in die Stirn hinein, wie ein

Dorfschulmeister. Sonst sah er gar nicht dumm aus, nur war er

höchst verlegen. So schmächtig er war, beengte ihn sein grüner

Tuchrock mit schwarzen Knöpfen doch sichtlich, und durch den

Schlitz in den Ärmelaufschlägen schimmerten rote Handgelenke

hervor, die zweifellos die freie Luft gewöhnt waren. Er hatte

gelbbraune, durch die Träger übermäßig hochgezogene Hosen an und

blaue Strümpfe. Seine Stiefel waren derb, schlecht gewichst und

mit Nägeln beschlagen.

Man begann die fertigen Arbeiten vorzulesen. Der Neuling hörte

aufmerksamst zu, mit wahrer Kirchenandacht, wobei er es nicht

einmal wagte, die Beine übereinander zu schlagen noch den

Ellenbogen aufzustützen. Um zwei Uhr, als die Schulglocke läutete,

mußte ihn der Lehrer erst besonders auffordern, ehe er sich den

andern anschloß.

Es war in der Klasse Sitte, beim Eintritt in das Unterrichtszimmer

die Mützen wegzuschleudern, um die Hände frei zu bekommen. Es kam

darauf an, seine Mütze gleich von der Tür aus unter die richtige

Bank zu facken, wobei sie unter einer tüchtigen Staubwolke laut

aufklatschte. Das war so Schuljungenart.

Sei es nun, daß ihm dieses Verfahren entgangen war oder daß er

nicht gewagt hatte, es ebenso zu machen, kurz und gut: als das

Gebet zu Ende war, hatte der Neuling seine Mütze noch immer vor

sich auf den Knien. Das war ein wahrer Wechselbalg von

Kopfbedeckung. Bestandteile von ihr erinnerten an eine Bärenmütze,

andre an eine Tschapka, wieder andre an einen runden Filzhut, an

ein Pelzbarett, an ein wollnes Käppi, mit einem Worte: an allerlei

armselige Dinge, deren stumme Häßlichkeit tiefsinnig stimmt wie

das Gesicht eines Blödsinnigen. Sie war eiförmig, und

Fischbeinstäbchen verliehen ihr den inneren Halt; zu unterst sah

man drei runde Wülste, darüber (voneinander durch ein rotes Band

getrennt) Rauten aus Samt und Kaninchenfell und zu oberst eine Art

Sack, den ein vieleckiger Pappdeckel mit kunterbunter

Schnurenstickerei krönte und von dem herab an einem ziemlich

dünnen Faden eine kleine goldne Troddel hing. Diese Kopfbedeckung

war neu, was man am Glanze des Schirmes erkennen konnte.

»Steh auf!« befahl der Lehrer.

Der Junge erhob sich. Dabei entglitt ihm sein Turban, und die

ganze Klasse fing an zu kichern. Er bückte sich, das Mützenungetüm

aufzuheben. Ein Nachbar stieß mit dem Ellenbogen daran, so daß es

wiederum zu Boden fiel. Ein abermaliges Sich-darnach-bücken.

»Leg doch deinen Helm weg!« sagte der Lehrer, ein Witzbold.

Das schallende Gelächter der Schüler brachte den armen Jungen

gänzlich aus der Fassung, und nun wußte er gleich gar nicht, ob er

seinen »Helm« in der Hand behalten oder auf dem Boden liegen

lassen oder aufsetzen sollte. Er nahm Platz und legte die Mütze

über seine Knie.

»Steh auf!« wiederholte der Lehrer, »und sag mir deinen Namen!«

Der Neuling stotterte einen unverständlichen Namen her.

»Noch mal!«

Dasselbe Silbengestammel machte sich hörbar, von dem Gelächter der

Klasse übertönt.

»Lauter!« rief der Lehrer. »Lauter!«

Nunmehr nahm sich der Neuling fest zusammen, riß den Mund weit auf

und gab mit voller Lungenkraft, als ob er jemanden rufen wollte,

das Wort von sich: »Kabovary!«

Höllenlärm erhob sich und wurde immer stärker; dazwischen gellten

Rufe. Man brüllte, heulte, grölte wieder und wieder: »Kabovary!

Kabovary!« Nach und nach verlor sich der Spektakel in vereinzeltes

Brummen, kam mühsam zur Ruhe, lebte aber in den Bankreihen

heimlich weiter, um da und dort plötzlich als halbersticktes

Gekicher wieder aufzukommen, wie eine Rakete, die im Verlöschen

immer wieder noch ein paar Funken sprüht.

Währenddem ward unter einem Hagel von Strafarbeiten die Ordnung in

der Klasse allmählich wiedergewonnen, und es gelang dem Lehrer,

den Namen »Karl Bovary« festzustellen, nachdem er sich ihn hatte

diktieren, buchstabieren und dann noch einmal im ganzen

wiederholen lassen. Alsdann befahl er dem armen Schelm, sich auf

die Strafbank dicht vor dem Katheder zu setzen. Der Junge wollte

den Befehl ausführen, aber kaum hatte er sich in Gang gesetzt, als

er bereits wieder stehen blieb.

»Was suchst du?« fragte der Lehrer.

»Meine Mü...«, sagte er schüchtern, indem er mit scheuen Blicken

Umschau hielt.

»Fünfhundert Verse die ganze Klasse!«

Wie das Quos ego bändigte die Stimme, die diese Worte wütend

ausrief, einen neuen Sturm im Entstehen.

»Ich bitte mir Ruhe aus!« fuhr der empörte Schulmeister fort,

während er sich mit seinem Taschentuche den Schweiß von der Stirne

trocknete. »Und du, du Rekrut du, du schreibst mir zwanzigmal den

Satz auf: Ridiculus sum!« Sein Zorn ließ nach. »Na, und deine

Mütze wirst du schon wiederfinden. Die hat dir niemand gestohlen.«

Alles ward wieder ruhig. Die Köpfe versanken in den Heften, und

der Neuling verharrte zwei Stunden lang in musterhafter Haltung,

obgleich ihm von Zeit zu Zeit mit einem Federhalter abgeschwuppte

kleine Papierkugeln ins Gesicht flogen. Er wischte sich jedesmal

mit der Hand ab, ohne sich weiter zu bewegen noch die Augen

aufzuschlagen.

Abends, im Arbeitssaal, holte er seine Ärmelschoner aus seinem

Pult, brachte seine Habseligkeiten in Ordnung und liniierte sich

sorgsam sein Schreibpapier. Die andern beobachteten, wie er

gewissenhaft arbeitete; er schlug alle Wörter im Wörterbuche nach

und gab sich viel Mühe. Zweifellos verdankte er es dem großen

Fleiße, den er an den Tag legte, daß man ihn nicht in der Quinta

zurückbehielt; denn wenn er auch die Regeln ganz leidlich wußte,

so verstand er sich doch nicht gewandt auszudrücken. Der Pfarrer

seines Heimatdorfes hatte ihm kaum ein bißchen Latein beigebracht,

und aus Sparsamkeit war er von seinen Eltern so spät wie nur

möglich auf das Gymnasium geschickt worden.

Sein Vater, Karl Dionys Barthel Bovary, war Stabsarzt a.D.; er

hatte sich um 1812 bei den Aushebungen etwas zuschulden kommen

lassen, worauf er den Abschied nehmen mußte. Er setzte nunmehr

seine körperlichen Vorzüge in bare Münze um und ergatterte sich im

Handumdrehen eine Mitgift von sechzigtausend Franken, die ihm in

der Person der Tochter eines Hutfabrikanten in den Weg kam. Das

Mädchen hatte sich in den hübschen Mann verliebt. Er war ein

Schwerenöter und Prahlhans, der sporenklingend einherstolzierte,

Schnurr- und Backenbart trug, die Hände voller Ringe hatte und in

seiner Kleidung auffällige Farben liebte. Neben seinem Haudegentum

besaß er das gewandte Getue eines Ellenreiters. Sobald er

verheiratet war, begann er zwei, drei Jahre auf Kosten seiner Frau

zu leben, aß und trank gut, schlief bis in den halben Tag hinein

und rauchte aus langen Porzellanpfeifen. Nachts pflegte er sehr

spät heimzukommen, nachdem er sich in Kaffeehäusern herumgetrieben

hatte. Als sein Schwiegervater starb und nur wenig hinterließ, war

Bovary empört darüber. Er übernahm die Fabrik, büßte aber Geld

dabei ein, und so zog er sich schließlich auf das Land zurück,

wovon er sich goldne Berge erträumte. Aber er verstand von der

Landwirtschaft auch nicht mehr als von der Hutmacherei, ritt

lieber spazieren, als daß er seine Pferde zur Arbeit einspannen

ließ, trank seinen Apfelwein flaschenweise selber, anstatt ihn in

Fässern zu verkaufen, ließ das fetteste Geflügel in den eignen

Magen gelangen und schmierte sich mit dem Speck seiner Schweine

seine Jagdstiefel. Auf diesem Wege sah er zu guter Letzt ein, daß

es am tunlichsten für ihn sei, sich in keinerlei Geschäfte mehr

einzulassen.

Für zweihundert Franken Jahrespacht mietete er nun in einem Dorfe

im Grenzgebiete von Caux und der Pikardie ein Grundstück, halb

Bauernhof, halb Herrenhaus. Dahin zog er sich zurück,

fünfundvierzig Jahre alt, mit Gott und der Welt zerfallen, gallig

und mißgünstig zu jedermann. Von den Menschen angeekelt, wie er

sagte, wollte er in Frieden für sich hinleben.

Seine Frau war dereinst toll verliebt in ihn gewesen. Aber unter

tausend Demütigungen starb ihre Liebe doch rettungslos. Ehedem

heiter, mitteilsam und herzlich, war sie allmählich (just wie sich

abgestandner Wein zu Essig wandelt) mürrisch, zänkisch und nervös

geworden. Ohne zu klagen, hatte sie viel gelitten, wenn sie immer

wieder sah, wie ihr Mann hinter allen Dorfdirnen her war und

abends müde und nach Fusel stinkend aus irgendwelcher Spelunke zu

ihr nach Haus kam. Ihr Stolz hatte sich zunächst mächtig geregt,

aber schließlich schwieg sie, würgte ihren Grimm in stummem

Stoizismus hinunter und beherrschte sich bis zu ihrem letzten

Stündlein. Sie war unablässig tätig und immer auf dem Posten. Sie

war es, die zu den Anwälten und Behörden ging. Sie wußte, wenn

Wechsel fällig waren; sie erwirkte ihre Verlängerung. Sie machte

alle Hausarbeiten, nähte, wusch, beaufsichtigte die Arbeiter und

führte die Bücher, während der Herr und Gebieter sich um nichts

kümmerte, aus seinem Zustande griesgrämlicher Schläfrigkeit nicht

herauskam und sich höchstens dazu ermannte, seiner Frau garstige

Dinge zu sagen. Meist hockte er am Kamin, qualmte und spuckte ab

und zu in die Asche.

Als ein Kind zur Welt kam, mußte es einer Amme gegeben werden; und

als es wieder zu Hause war, wurde das schwächliche Geschöpf

grenzenlos verwöhnt. Die Mutter nährte es mit Zuckerzeug. Der

Vater ließ es barfuß herumlaufen und meinte höchst weise

obendrein, der Kleine könne eigentlich ganz nackt gehen wie die

Jungen der Tiere. Im Gegensatz zu den Bestrebungen der Mutter

hatte er sich ein bestimmtes männliches Erziehungsideal in den

Kopf gesetzt, nach welchem er seinen Sohn zu modeln sich Mühe gab.

Er sollte rauh angefaßt werden wie ein junger Spartaner, damit er

sich tüchtig abhärte. Er mußte in einem ungeheizten Zimmer

schlafen, einen ordentlichen Schluck Rum vertragen und auf den

»kirchlichen Klimbim« schimpfen. Aber der Kleine war von

friedfertiger Natur und widerstrebte allen diesen Bemühungen. Die

Mutter schleppte ihn immer mit sich herum. Sie schnitt ihm

Pappfiguren aus und erzählte ihm Märchen; sie unterhielt sich mit

ihm in endlosen Selbstgesprächen, die von schwermütiger

Fröhlichkeit und wortreicher Zärtlichkeit überquollen. In ihrer

Verlassenheit pflanzte sie in das Herz ihres Jungen alle ihre

eigenen unerfüllten und verlorenen Sehnsüchte. Im Traume sah sie

ihn erwachsen, hochangesehen, schön, klug, als Beamten beim

Straßen- und Brückenbau oder in einer Ratsstellung. Sie lehrte ihn

Lesen und brachte ihm sogar an dem alten Klavier, das sie besaß,

das Singen von ein paar Liedchen bei. Ihr Mann, der von gelehrten

Dingen nicht viel hielt, bemerkte zu alledem, es sei bloß schade

um die Mühe; sie hätten doch niemals die Mittel, den Jungen auf

eine höhere Schule zu schicken oder ihm ein Amt oder ein Geschäft

zu kaufen. Zu was auch? Dem Kecken gehöre die Welt! Frau Bovary

schwieg still, und der Kleine trieb sich im Dorfe herum. Er lief

mit den Feldarbeitern hinaus, scheuchte die Krähen auf, schmauste

Beeren an den Rainen, hütete mit einer Gerte die Truthähne und

durchstreifte Wald und Flur. Wenn es regnete, spielte er unter dem

Kirchenportal mit kleinen Steinchen, und an den Feiertagen

bestürmte er den Kirchendiener, die Glocken läuten zu dürfen. Dann

hängte er sich mit seinem ganzen Gewicht an den Strang der großen

Glocke und ließ sich mit emporziehen. So wuchs er auf wie eine

Lilie auf dem Felde, bekam kräftige Glieder und frische Farben.

Als er zwölf Jahre alt geworden war, setzte es seine Mutter durch,

daß er endlich etwas Gescheites lerne. Er bekam Unterricht beim

Pfarrer, aber die Stunden waren so kurz und so unregelmäßig, daß

sie nicht viel Erfolg hatten. Sie fanden statt, wenn der

Geistliche einmal gar nichts anders zu tun hatte, in der

Sakristei, im Stehen, in aller Hast in den Pausen zwischen den

Taufen und Begräbnissen. Mitunter, wenn er keine Lust hatte

auszugehen, ließ der Pfarrer seinen Schüler nach dem Ave-Maria zu

sich holen. Die beiden saßen dann oben im Stübchen. Mücken und

Nachtfalter tanzten um die Kerze; aber es war so warm drin, daß

der Junge schläfrig wurde, und es dauerte nicht lange, da

schnarchte der biedere Pfarrer, die Hände über dem Schmerbauche

gefaltet. Es kam auch vor, daß der Seelensorger auf dem Heimwege

von irgendeinem Kranken in der Umgegend, dem er das Abendmahl

gereicht hatte, den kleinen Vagabunden im Freien erwischte; dann

rief er ihn heran, hielt ihm eine viertelstündige Strafpredigt und

benutzte die Gelegenheit, ihn im Schatten eines Baumes seine

Lektion hersagen zu lassen. Entweder war es der Regen, der den

Unterricht störte, oder irgendein Bekannter, der vorüberging.

Übrigens war der Lehrer durchweg mit seinem Schüler zufrieden, ja

er meinte sogar, der »junge Mann« habe ein gar treffliches

Gedächtnis.

So konnte es nicht weitergehen. Frau Bovary ward energisch, und

ihr Mann gab widerstandslos nach, vielleicht weil er sich selber

schämte, wahrscheinlicher aber aus Ohnmacht. Man wollte nur noch

ein Jahr warten; der Junge sollte erst gefirmelt werden.

Darüber hinaus verstrich abermals ein halbes Jahr, dann aber wurde

Karl wirklich auf das Gymnasium nach Rouen geschickt. Sein Vater

brachte ihn selber hin. Das war Ende Oktober.

Die meisten seiner damaligen Kameraden werden sich kaum noch

deutlich an ihn erinnern. Er war ein ziemlich phlegmatischer

Junge, der in der Freizeit wie ein Kind spielte, in den

Arbeitsstunden eifrig lernte, während des Unterrichts aufmerksam

dasaß, im Schlafsaal vorschriftsmäßig schlief und bei den

Mahlzeiten ordentlich zulangte. Sein Verkehr außerhalb der Schule

war ein Eisengroßhändler in der Handschuhmachergasse, der aller

vier Wochen einmal mit ihm ausging, an Sonntagen nach Ladenschluß.

Er lief mit ihm am Hafen spazieren, zeigte ihm die Schiffe und

brachte ihn abends um sieben Uhr vor dem Abendessen wieder in das

Gymnasium. Jeden Donnerstag abend schrieb Karl mit roter Tinte an

seine Mutter einen langen Brief, den er immer mit drei Oblaten

zuklebte. Hernach vertiefte er sich wieder in seine

Geschichtshefte, oder er las in einem alten Exemplar von

Barthelemys »Reise des jungen Anacharsis«, das im Arbeitssaal

herumlag. Bei Ausflügen plauderte er mit dem Pedell, der ebenfalls

vom Lande war.

Durch seinen Fleiß gelang es ihm, sich immer in der Mitte der

Klasse zu halten; einmal errang er sich sogar einen Preis in der

Naturkunde. Aber gegen Ende des dritten Schuljahres nahmen ihn

seine Eltern vom Gymnasium fort und ließen ihn Medizin studieren.

Sie waren der festen Zuversicht, daß er sich bis zum Staatsexamen

schon durchwürgen würde.

Die Mutter mietete ihm ein Stübchen, vier Stock hoch, nach der

Eau-de-Robec zu gelegen, im Hause eines Färbers, eines alten

Bekannten von ihr. Sie traf Vereinbarungen über die Verpflegung

ihres Sohnes, besorgte ein paar Möbelstücke, einen Tisch und zwei

Stühle, wozu sie von zu Hause noch eine Bettstelle aus

Kirschbaumholz kommen ließ. Des weiteren kaufte sie ein

Kanonenöfchen und einen kleinen Vorrat von Holz, damit ihr armer

Junge nicht frieren sollte. Acht Tage darnach reiste sie wieder

heim, nachdem sie ihn tausend- und abertausendmal ermahnt hatte, ja

hübsch fleißig und solid zu bleiben, sintemal er nun ganz allein

auf sich selbst angewiesen sei.

Vor dem Verzeichnis der Vorlesungen auf dem schwarzen Brette der

medizinischen Hochschule vergingen dem neubackenen Studenten Augen

und Ohren. Er las da von anatomischen und pathologischen Kursen,

von Kollegien über Physiologie, Pharmazie, Chemie, Botanik,

Therapeutik und Hygiene, von Kursen in der Klinik, von praktischen

Übungen usw. Alle diese vielen Namen, über deren Herkunft er sich

nicht einmal klar war, standen so recht vor ihm wie geheimnisvolle

Pforten in das Heiligtum der Wissenschaft.

Er lernte gar nichts. So aufmerksam er auch in den Vorlesungen

war, er begriff nichts. Um so mehr büffelte er. Er schrieb fleißig

nach, versäumte kein Kolleg und fehlte in keiner Übung. Er

erfüllte sein tägliches Arbeitspensum wie ein Gaul im Hippodrom,

der in einem fort den Hufschlag hintrottet, ohne zu wissen, was

für ein Geschäft er eigentlich verrichtet.

Zu seiner pekuniären Unterstützung schickte ihm seine Mutter

allwöchentlich durch den Botenmann ein Stück Kalbsbraten. Das war

sein Frühstück, wenn er aus dem Krankenhause auf einen Husch nach

Hause kam. Sich erst hinzusetzen, dazu langte die Zeit nicht, denn

er mußte alsbald wieder in ein Kolleg oder zur Anatomie oder

Klinik eilen, durch eine Unmenge von Straßen hindurch. Abends nahm

er an der kargen Hauptmahlzeit seiner Wirtsleute teil. Hinterher

ging er hinauf in seine Stube und setzte sich an seine Lehrbücher,

oft in nassen Kleidern, die ihm dann am Leibe bei der Rotglut des

kleinen Ofens zu dampfen begannen.

An schönen Sommerabenden, wenn die schwülen Gassen leer wurden und

die Dienstmädchen vor den Haustüren Ball spielten, öffnete er sein

Fenster und sah hinaus. Unten floß der Fluß vorüber, der aus

diesem Viertel von Rouen ein häßliches Klein-Venedig machte. Seine

gelben, violett und blau schimmernden Wasser krochen träg zu den

Wehren und Brücken. Arbeiter kauerten am Ufer und wuschen sich die

Arme in der Flut. An Stangen, die aus Speichergiebeln lang

hervorragten, trockneten Bündel von Baumwolle in der Luft.

Gegenüber, hinter den Dächern, leuchtete der weite klare Himmel

mit der sinkenden roten Sonne. Wie herrlich mußte es da draußen im

Freien sein! Und dort im Buchenwald wie frisch! Karl holte tief

Atem, um den köstlichen Duft der Felder einzusaugen, der doch gar

nicht bis zu ihm drang.

Er magerte ab und sah sehr schmächtig aus. Sein Gesicht bekam

einen leidvollen Zug, der es beinahe interessant machte. Er ward

träge, was gar nicht zu verwundern war, und seinen guten Vorsätzen

mehr und mehr untreu. Heute versäumte er die Klinik, morgen ein

Kolleg, und allmählich fand er Genuß am Faulenzen und ging gar

nicht mehr hin. Er wurde Stammgast in einer Winkelkneipe und ein

passionierter Dominospieler. Alle Abende in einer schmutzigen

Spelunke zu hocken und mit den beinernen Spielsteinen auf einem

Marmortische zu klappern, das dünkte ihn der höchste Grad von

Freiheit zu sein, und das stärkte ihm sein Selbstbewußtsein. Es

war ihm das so etwas wie der Anfang eines weltmännischen Lebens,

dieses Kosten verbotener Freuden. Wenn er hinkam, legte er seine

Hand mit geradezu sinnlichem Vergnügen auf die Türklinke. Eine

Menge Dinge, die bis dahin in ihm unterdrückt worden waren,

gewannen nunmehr Leben und Gestalt. Er lernte Gassenhauer

auswendig, die er gelegentlich zum besten gab. Béranger, der

Freiheitssänger, begeisterte ihn. Er lernte eine gute Bowle

brauen, und zu guter Letzt entdeckte er die Liebe. Dank diesen

Vorbereitungen fiel er im medizinischen Staatsexamen glänzend

durch.

Man erwartete ihn am nämlichen Abend zu Haus, wo sein Erfolg bei

einem Schmaus gefeiert werden sollte. Er machte sich zu Fuß auf

den Weg und erreichte gegen Abend seine Heimat. Dort ließ er seine

Mutter an den Dorfeingang bitten und beichtete ihr alles. Sie

entschuldigte ihn, schob den Mißerfolg der Ungerechtigkeit der

Examinatoren in die Schuhe und richtete ihn ein wenig auf, indem

sie ihm versprach, die Sache ins Lot zu bringen. Erst volle fünf

Jahre darnach erfuhr Herr Bovary die Wahrheit. Da war die

Geschichte verjährt, und so fügte er sich drein. Übrigens hätte er

es niemals zugegeben, daß sein leiblicher Sohn ein Dummkopf sei.

Karl widmete sich von neuem seinem Studium und bereitete sich

hartnäckigst auf eine nochmalige Prüfung vor. Alles, was er

gefragt werden konnte, lernte er einfach auswendig. In der Tat

bestand er das Examen nunmehr mit einer ziemlich guten Note. Seine

Mutter erlebte einen Freudentag. Es fand ein großes Festmahl

statt.

Wo sollte er seine ärztliche Praxis nun ausüben? In Tostes. Dort

gab es nur einen und zwar sehr alten Arzt. Mutter Bovary wartete

schon lange auf sein Hinscheiden, und kaum hatte der alte Herr das

Zeitliche gesegnet, da ließ sich Karl Bovary auch bereits als sein

Nachfolger daselbst nieder.

Aber nicht genug, daß die Mutter ihren Sohn erzogen, ihn Medizin

studieren lassen und ihm eine Praxis ausfindig gemacht hatte: nun

mußte er auch eine Frau haben. Selbige fand sie in der Witwe des

Gerichtsvollziehers von Dieppe, die neben fünfundvierzig Jährlein

zwölfhundert Franken Rente ihr eigen nannte. Obgleich sie häßlich

war, dürr wie eine Hopfenstange und im Gesicht so viel Pickel wie

ein Kirschbaum Blüten hatte, fehlte es der Witwe Dubuc keineswegs

an Bewerbern. Um zu ihrem Ziele zu gelangen, mußte Mutter Bovary

erst alle diese Nebenbuhler aus dem Felde schlagen, was sie sehr

geschickt fertig brachte. Sie triumphierte sogar über einen

Fleischermeister, dessen Anwartschaft durch die Geistlichkeit

unterstützt wurde.

Karl hatte in die Heirat eingewilligt in der Erwartung, sich

dadurch günstiger zu stellen. Er hoffte, persönlich wie pekuniär

unabhängiger zu werden. Aber Heloise nahm die Zügel in ihre Hände.

Sie drillte ihm ein, was er vor den Leuten zu sagen habe und was

nicht. Alle Freitage wurde gefastet. Er durfte sich nur nach ihrem

Geschmacke kleiden, und die Patienten, die nicht bezahlten, mußte

er auf ihren Befehl hin kujonieren. Sie erbrach seine Briefe,

überwachte jeden Schritt, den er tat, und horchte an der Türe,

wenn weibliche Wesen in seiner Sprechstunde waren. Jeden Morgen

mußte sie ihre Schokolade haben, und die Rücksichten, die sie

erheischte, nahmen kein Ende. Unaufhörlich klagte sie über

Migräne, Brustschmerzen oder Verdauungsstörungen. Wenn viel Leute

durch den Hausflur liefen, ging es ihr auf die Nerven. War Karl

auswärts, dann fand sie die Einsamkeit gräßlich; kehrte er heim,

so war es zweifellos bloß, weil er gedacht habe, sie liege im

Sterben. Wenn er nachts in das Schlafzimmer kam, streckte sie ihm

ihre mageren langen Arme aus ihren Decken entgegen, umschlang

seinen Hals und zog ihn auf den Rand ihres Bettes. Und nun ging

die Jeremiade los. Er vernachlässige sie, er liebe eine andre! Man

habe es ihr ja gleich gesagt, diese Heirat sei ihr Unglück.

Schließlich bat sie ihn um einen Löffel Arznei, damit sie gesund

werde, und um ein bißchen mehr Liebe.

Frau Bovary · 第 4 / 43 题