Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar
für den behandelten Beinbruch: fünfundsiebzig Franken in blanken
Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Unglück erfahren und
tröstete ihn, so gut er konnte.
»Ich weiß, wie einem da zumute ist!« sagte er, indem er dem Witwer
auf die Schulter klopfte. »Habs ja selber mal durchgemacht, ganz
so wie Sie! Als ich meine Selige begraben hatte, da lief ich
hinaus ins Freie, um allein für mich zu sein. Ich warf mich im
Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem lieben Gott zu
hadern, und machte ihm die dümmsten Vorwürfe. An einem Aste sah
ich einen verreckten Maulwurf hängen, dem der Bauch von Würmern
wimmelte. Ich beneidete den Kadaver! Und wenn ich daran dachte,
daß im selben Augenblicke andre Männer mit ihren netten kleinen
Frauen zusammen waren und sie an sich drückten, schlug ich mit
meinem Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz
richtig mit mir. Ich aß nicht mehr. Der bloße Gedanke, in ein
Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und
so nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Frühling dem
Winter und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei,
drei, und weg war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige
Wort: hinunter! Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben
nicht los. Da tief drinnen in der Brust bleibt immer was stecken.
Aber Luft kriegt man wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser
aller Schicksal, und deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins
Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben
sind. Auch Sie müssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles
vorüber! Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an
Sie. Sie hätten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Frühling.
Zerstreuen Sie sich ein bißchen bei uns. Schießen Sie ein paar
Karnickel auf meinem Revier!«
Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da
alles wie einst, das heißt wie vor fünf Monaten. Die Birnbäume
hatten schon Blüten, und der treffliche Vater Rouault war wieder
mordsgesund und von früh bis abend auf den Beinen. Und im ganzen
Gut war mächtiger Betrieb.
Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten
Rücksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so bequem
wie nur möglich zu machen, sprach im Flüstertone mit ihm wie mit
einem Genesenden, und er war sichtlich außer sich, wenn man des
Gastes wegen nicht, wie befohlen, die leichtverdaulichsten
Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel feine Eierspeisen
oder gedünstete Birnen. Er erzählte Anekdoten und Abenteuer. Zu
seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir einem Male
erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich. Der Kaffee
ward gebracht, und da vergaß er sie wieder.
Je mehr er sich an sein Witwertum gewöhnte, um so weniger gedachte
er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue Bewußtsein,
unabhängig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald erträglicher.
Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber bestimmen,
konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft darüber geben zu
müssen, und wenn er müde war, alle vier von sich strecken und sich
in seinem Bette breit machen. Er hegte und pflegte sich und ließ
alle Tröstungen über sich ergehen. Übrigens hatte der Tod seiner
Frau keine ungünstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man
wochenlang in einem fort sagte: »Der arme Doktor. Wie traurig!«
blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis vergrößerte sich.
Und dann konnte er nun nach Bertaux reiten, wann es ihm beliebte.
Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in ihm auf, ein namenloses
Glücksgefühl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich den
Bart strich, fand er sich gar nicht übel.
Eines schönen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute
angeritten. Alles war draußen auf dem Felde. Er betrat die Küche.
Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zunächst nicht. Die
Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen des Holzes
stachen die Sonnenstrahlen mit langen dünnen Nadeln auf die
Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der Möbel entzwei und
wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem Küchentische krabbelten
Fliegen an den Gläsern hinauf, purzelten summend in die
Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den
Kamin eindrang, verwandelte die rußige Herdplatte in eine
Samtfläche und färbte den Aschehaufen blau. Emma saß zwischen dem
Fenster und dem Herd und nähte. Sie hatte kein Halstuch um, und
auf ihren entblößten Schultern glänzten kleine Schweißperlen.
Nach ländlichem Brauch bot sie dem Ankömmling einen Trunk an. Als
er ihn ausschlug, nötigte sie ihn, und schließlich bat sie ihn
lachend, ein Gläschen Likör mit ihr zu trinken. Sie holte aus dem
Schranke eine Flasche Curaçao, suchte zwei Gläser heraus, füllte
das eine bis zum Rande und goß in das andre ein paar Tropfen. Sie
stieß mit Karl an und führte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel
wie nichts drin war, mußte sie sich beim Trinken zurückbiegen. Den
Kopf nach hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals
gestrafft, so stand sie da und lachte darüber, daß ihr nichts auf
die Zunge lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen
Zähnen herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals
suchend vorstieß.
Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit
zu widmen. Ein weißer baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit
gesenkter Stirn saß sie da. Sie sagte nichts und Karl erst recht
nichts. Der Luftzug, der sich zwischen Tür und Schwelle
eindrängte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl sah
diesem Tanze der Atome zu. Dabei hörte er nichts als das Hämmern
seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das Gackern einer
Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin und wieder
hielt Emma die Handflächen ihrer Hände auf den kalten Knauf der
Herdstange und preßte sie dann an ihre Wangen, um diese zu kühlen.
Sie klagte über die Schwindelanfälle, von denen sie seit
Frühjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl
Seebäder dienlich wären. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt
im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in
ein Gespräch. Sie führte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre
Notenhefte von damals und die niedlichen Bücher, die sie als
Schulprämien bekommen hatte, und die Eichenlaubkränze, die im
untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erzählte sie von
ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im Garten das
Beet, wo die Blumen wüchsen, die sie der Toten jeden ersten
Freitag im Monat hintrug. Der Gärtner, den sie hatten, verstünde
nichts. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr Wunsch wäre es,
wenigstens während der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann
aber meinte sie wieder, an den langen Sommertagen sei das Leben
auf dem Lande noch langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte,
klang ihre Stimme hell oder scharf; oder sie nahm plötzlich einen
matten Ton an, und wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward
sie wieder ganz anders, wie flüsternd und murmelnd. Bald war Emma
lustig und hatte große unschuldige Augen, dann wieder schlossen
sich ihre Lider zur Hälfte, und ihr schimmernder Blick sah
teilnahmslos und traumverloren aus.
Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie
geredet hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn
ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von
der Existenz schaffen, die Emma geführt, ehe er sie kennen gelernt
hatte. Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu
erschauen als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten
Male erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte.
Dann fragte er sich, wie es wohl würde, wenn sie sich
verheiratete, aber mit wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so
reich und sie ... so schön!
Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen,
und eine Art eintönige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das
Surren eines Kreisels: »Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn du
dich nun verheiratetest!« In der Nacht konnte er keinen Schlaf
finden. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er verspürte Durst,
stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das Fenster auf. Der
Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind strich in das
Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die Rötung nach
Bertaux.
Endlich kam er auf den Gedanken, daß es den Hals nicht kosten
könne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten Gelegenheit
um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese Gelegenheit bot,
wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte nicht über die
Lippen. Vater Rouault hätte längst nichts dagegen gehabt, wenn ihm
jemand seine Tochter geholt hätte. Im Grunde nützte sie ihm in
Haus und Hof nicht viel. Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie
war eben für die Landwirtschaft zu geweckt. »Ein gottverdammtes
Gewerbe!« pflegte er zu schimpfen. »Das hat auch noch keinen zum
Millionär gemacht!« Ihm hatte es in der Tat keine Reichtümer
gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch
auf den Märkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl bekannt war,
so war er eigentlich doch für Ackerbau und Viehzucht durchaus
nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht
gern die Hände aus den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe war
er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen
warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein gutes Glas Landwein, ein
halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein Täßchen Mokka mit
Kognak gehörten zu den Idealen seines Lebens. Er nahm seine
Mahlzeiten in der Küche ein und zwar allein für sich, in der Nähe
des Herdfeuers an einem kleinen Tische, der ihm -- wie auf der
Bühne -- fix und fertig gedeckt hereingebracht werden mußte.
Als er die Entdeckung machte, daß Karl einen roten Kopf bekam,
wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, daß früher oder später
ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald überlegte er sich die
Geschichte. Besonders schneidig sah ja Karl Bovary nicht gerade
aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen künftigen Schwiegersohn
ein bißchen anders gedacht, aber er war doch als anständiger Kerl
bekannt, sparsam und tüchtig in seinem Berufe. Und zweifellos
würde er wegen der Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault
hatte gerade eine Menge großer Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu
bezahlen, sah er sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem
Grund und Boden zu verkaufen. Die Kelter mußte auch erneuert
werden. Und so sagte er sich: »Wenn er um Emma anhält, soll er sie
kriegen!«
Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag
und Stunde auf Stunde, ohne daß Karls Wille zur Tat ward. Rouault
gab ihm ein kleines Stück Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs
vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden.
Das war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis
zuallerletzt. Erst als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er
los:
»Verehrter Herr Rouault, ich möchte Ihnen gern etwas sagen!«
Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden Männer blieben stehen.
»Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!« Rouault
lachte gemütlich.
»Vater Rouault! Vater Rouault!« stammelte Karl.
»Meinen Segen sollen Sie haben!« fuhr der Gutspächter fort. »Meine
Kleine denkt gewiß nicht anders als ich, aber gefragt werden muß
sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins
Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, -- wohlverstanden! -- brauchen Sie
jedoch nicht umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie
sich erst ein bißchen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu
lange Blut schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde
einen Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da
oben über die Hecke gucken, können Sie das ungesehen beobachten!«
Damit ging er.
Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die Böschung
hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand.
Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ...
Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden
blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile.
Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde über
und über rot, als sie ihn sah. Sie lächelte gezwungen ein wenig,
um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen künftigen
Schwiegersohn. Die Besprechung der geschäftlichen Punkte wurde
verschoben. Übrigens war noch viel Zeit dazu, da die Hochzeit
anstandshalber vor Ablauf von Karls Trauerjahr nicht stattfinden
konnte, das hieß, nicht vor dem nächsten Frühjahr.
In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault
beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in
Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten,
die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte
das Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde
überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel
Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für Vorspeisen
es geben solle.
Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts
zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber für
solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. Man einigte
sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig Gäste
Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch sitzen
bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es so
weitergehen.