Drittes Kapitel

Eines Vormittags erschien Vater Rouault und brachte das Honorar

für den behandelten Beinbruch: fünfundsiebzig Franken in blanken

Talern und eine Truthenne. Er hatte Karls Unglück erfahren und

tröstete ihn, so gut er konnte.

»Ich weiß, wie einem da zumute ist!« sagte er, indem er dem Witwer

auf die Schulter klopfte. »Habs ja selber mal durchgemacht, ganz

so wie Sie! Als ich meine Selige begraben hatte, da lief ich

hinaus ins Freie, um allein für mich zu sein. Ich warf mich im

Walde hin und weinte mich aus. Fing an, mit dem lieben Gott zu

hadern, und machte ihm die dümmsten Vorwürfe. An einem Aste sah

ich einen verreckten Maulwurf hängen, dem der Bauch von Würmern

wimmelte. Ich beneidete den Kadaver! Und wenn ich daran dachte,

daß im selben Augenblicke andre Männer mit ihren netten kleinen

Frauen zusammen waren und sie an sich drückten, schlug ich mit

meinem Stocke wild um mich. Es war sozusagen nicht mehr ganz

richtig mit mir. Ich aß nicht mehr. Der bloße Gedanke, in ein

Kaffeehaus zu gehn, ekelte mich an. Glauben Sie mir das! Na, und

so nach und nach im Gang der Zeiten, wie so der Frühling dem

Winter und der Herbst dem Sommer folgte, da gings eins, zwei,

drei, und weg war der Jammer! Weg! Hinunter! Das ist das richtige

Wort: hinunter! Denn ganz kriegt man ja so was im ganzen Leben

nicht los. Da tief drinnen in der Brust bleibt immer was stecken.

Aber Luft kriegt man wieder! Sehen Sie, das ist nun einmal unser

aller Schicksal, und deshalb darf man nicht gleich die Flinte ins

Korn werfen. Man darf nicht sterben wollen, weil andere gestorben

sind. Auch Sie müssen sich aufrappeln, Herr Bovary! Es geht alles

vorüber! Besuchen Sie uns! Sie wissen ja, meine Emma denkt oft an

Sie. Sie hätten uns vergessen, meint sie. Es wird nun Frühling.

Zerstreuen Sie sich ein bißchen bei uns. Schießen Sie ein paar

Karnickel auf meinem Revier!«

Karl befolgte seinen Rat. Er kam wieder nach Bertaux und fand da

alles wie einst, das heißt wie vor fünf Monaten. Die Birnbäume

hatten schon Blüten, und der treffliche Vater Rouault war wieder

mordsgesund und von früh bis abend auf den Beinen. Und im ganzen

Gut war mächtiger Betrieb.

Es war ihm eine Ehrensache, den Arzt mit der erdenklichsten

Rücksicht auf sein Leid zu behandeln. Er bat ihn, sichs so bequem

wie nur möglich zu machen, sprach im Flüstertone mit ihm wie mit

einem Genesenden, und er war sichtlich außer sich, wenn man des

Gastes wegen nicht, wie befohlen, die leichtverdaulichsten

Gerichte auf den Tisch brachte, zum Beispiel feine Eierspeisen

oder gedünstete Birnen. Er erzählte Anekdoten und Abenteuer. Zu

seiner eignen Verwunderung lachte Karl. Aber mir einem Male

erinnerte er sich seiner Frau und wurde nachdenklich. Der Kaffee

ward gebracht, und da vergaß er sie wieder.

Je mehr er sich an sein Witwertum gewöhnte, um so weniger gedachte

er der Verstorbenen. Das angenehme, ihm neue Bewußtsein,

unabhängig zu sein, machte ihm die Einsamkeit bald erträglicher.

Jetzt durfte er die Stunden der Mahlzeiten selber bestimmen,

konnte gehen und kommen, ohne Rechenschaft darüber geben zu

müssen, und wenn er müde war, alle vier von sich strecken und sich

in seinem Bette breit machen. Er hegte und pflegte sich und ließ

alle Tröstungen über sich ergehen. Übrigens hatte der Tod seiner

Frau keine ungünstige Wirkung auf seinen Beruf als Arzt. Indem man

wochenlang in einem fort sagte: »Der arme Doktor. Wie traurig!«

blieb sein Name im Munde der Leute. Seine Praxis vergrößerte sich.

Und dann konnte er nun nach Bertaux reiten, wann es ihm beliebte.

Eine unbestimmbare Sehnsucht wuchs in ihm auf, ein namenloses

Glücksgefühl. Wenn er sich im Spiegel betrachtete und sich den

Bart strich, fand er sich gar nicht übel.

Eines schönen Tages kam er nachmittags gegen drei Uhr im Gute

angeritten. Alles war draußen auf dem Felde. Er betrat die Küche.

Emma war drinnen, aber er bemerkte sie zunächst nicht. Die

Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen des Holzes

stachen die Sonnenstrahlen mit langen dünnen Nadeln auf die

Fliesen, oder sie brachen sich an den Kanten der Möbel entzwei und

wirbelten hinauf zur Decke. Auf dem Küchentische krabbelten

Fliegen an den Gläsern hinauf, purzelten summend in die

Apfelweinneigen und ertranken. Das Sonnenlicht, das durch den

Kamin eindrang, verwandelte die rußige Herdplatte in eine

Samtfläche und färbte den Aschehaufen blau. Emma saß zwischen dem

Fenster und dem Herd und nähte. Sie hatte kein Halstuch um, und

auf ihren entblößten Schultern glänzten kleine Schweißperlen.

Nach ländlichem Brauch bot sie dem Ankömmling einen Trunk an. Als

er ihn ausschlug, nötigte sie ihn, und schließlich bat sie ihn

lachend, ein Gläschen Likör mit ihr zu trinken. Sie holte aus dem

Schranke eine Flasche Curaçao, suchte zwei Gläser heraus, füllte

das eine bis zum Rande und goß in das andre ein paar Tropfen. Sie

stieß mit Karl an und führte dann ihr Glas zum Munde. Da soviel

wie nichts drin war, mußte sie sich beim Trinken zurückbiegen. Den

Kopf nach hinten gelegt, die Lippen zugespitzt, den Hals

gestrafft, so stand sie da und lachte darüber, daß ihr nichts auf

die Zunge lief, obgleich diese mit der Spitze aus den feinen

Zähnen herausspazierte und bis an den Boden des Glases mehreremals

suchend vorstieß.

Emma nahm wieder Platz und begann sich von neuem ihrer Handarbeit

zu widmen. Ein weißer baumwollener Strumpf war zu stopfen. Mit

gesenkter Stirn saß sie da. Sie sagte nichts und Karl erst recht

nichts. Der Luftzug, der sich zwischen Tür und Schwelle

eindrängte, wirbelte ein wenig Staub von den Fliesen auf. Karl sah

diesem Tanze der Atome zu. Dabei hörte er nichts als das Hämmern

seines Blutes im eignen Hirne und aus der Ferne das Gackern einer

Henne, die irgendwo im Hofe ein Ei gelegt hatte. Hin und wieder

hielt Emma die Handflächen ihrer Hände auf den kalten Knauf der

Herdstange und preßte sie dann an ihre Wangen, um diese zu kühlen.

Sie klagte über die Schwindelanfälle, von denen sie seit

Frühjahrsanfang heimgesucht wurde, und fragte, ob ihr wohl

Seebäder dienlich wären. Dann plauderte sie von ihrem Aufenthalt

im Kloster und er von seiner Gymnasiastenzeit. So gerieten sie in

ein Gespräch. Sie führte ihn in ihr Zimmer und zeigte ihm ihre

Notenhefte von damals und die niedlichen Bücher, die sie als

Schulprämien bekommen hatte, und die Eichenlaubkränze, die im

untersten Schrankfache ihr Dasein fristeten. Dann erzählte sie von

ihrer Mutter, von deren Grabe, und zeigte ihm sogar im Garten das

Beet, wo die Blumen wüchsen, die sie der Toten jeden ersten

Freitag im Monat hintrug. Der Gärtner, den sie hatten, verstünde

nichts. Mit dem seien sie schlecht dran. Ihr Wunsch wäre es,

wenigstens während der Wintermonate in der Stadt zu wohnen. Dann

aber meinte sie wieder, an den langen Sommertagen sei das Leben

auf dem Lande noch langweiliger. Und je nachdem, was sie sagte,

klang ihre Stimme hell oder scharf; oder sie nahm plötzlich einen

matten Ton an, und wenn sie wie mit sich selbst plauderte, ward

sie wieder ganz anders, wie flüsternd und murmelnd. Bald war Emma

lustig und hatte große unschuldige Augen, dann wieder schlossen

sich ihre Lider zur Hälfte, und ihr schimmernder Blick sah

teilnahmslos und traumverloren aus.

Abends auf dem Heimritt wiederholte sich Karl alles, was sie

geredet hatte, bis ins einzelne, und versuchte den vollen Sinn

ihrer Worte zu erfassen. Er wollte sich damit eine Vorstellung von

der Existenz schaffen, die Emma geführt, ehe er sie kennen gelernt

hatte. Aber es gelang ihm nicht, sie in seinen Gedanken anders zu

erschauen als so, wie sie ausgesehen hatte, als er sie zum ersten

Male erblickt, oder so, wie er sie eben vor sich gehabt hatte.

Dann fragte er sich, wie es wohl würde, wenn sie sich

verheiratete, aber mit wem? Ja, ja, mit wem? Ihr Vater war so

reich und sie ... so schön!

Und immer wieder sah er Emmas Gesicht vor seinen geistigen Augen,

und eine Art eintönige Melodie summte ihm durch die Ohren wie das

Surren eines Kreisels: »Emma, wenn du dich verheiratetest! Wenn du

dich nun verheiratetest!« In der Nacht konnte er keinen Schlaf

finden. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er verspürte Durst,

stand auf, trank ein Glas Wasser und machte das Fenster auf. Der

Himmel stand voller Sterne. Der laue Nachtwind strich in das

Zimmer. Fern bellten Hunde. Er wandte den Blick in die Rötung nach

Bertaux.

Endlich kam er auf den Gedanken, daß es den Hals nicht kosten

könne, und so nahm er sich vor, bei der ersten besten Gelegenheit

um Emmas Hand zu bitten. Aber sooft sich diese Gelegenheit bot,

wollten ihm vor lauter Angst die passenden Worte nicht über die

Lippen. Vater Rouault hätte längst nichts dagegen gehabt, wenn ihm

jemand seine Tochter geholt hätte. Im Grunde nützte sie ihm in

Haus und Hof nicht viel. Er machte ihr keinen Vorwurf daraus: sie

war eben für die Landwirtschaft zu geweckt. »Ein gottverdammtes

Gewerbe!« pflegte er zu schimpfen. »Das hat auch noch keinen zum

Millionär gemacht!« Ihm hatte es in der Tat keine Reichtümer

gebracht; im Gegenteil, er setzte alle Jahre zu. Denn wenn er auch

auf den Märkten zu seinem Stolz als gerissener Kerl bekannt war,

so war er eigentlich doch für Ackerbau und Viehzucht durchaus

nicht geschaffen. Er verstand nicht zu wirtschaften. Er nahm nicht

gern die Hände aus den Hosentaschen, und seinem eigenen Leibe war

er kein Stiefvater. Er hielt auf gut Essen und Trinken, einen

warmen Ofen und ausgiebigen Schlaf. Ein gutes Glas Landwein, ein

halb durchgebratenes Hammelkotelett und ein Täßchen Mokka mit

Kognak gehörten zu den Idealen seines Lebens. Er nahm seine

Mahlzeiten in der Küche ein und zwar allein für sich, in der Nähe

des Herdfeuers an einem kleinen Tische, der ihm -- wie auf der

Bühne -- fix und fertig gedeckt hereingebracht werden mußte.

Als er die Entdeckung machte, daß Karl einen roten Kopf bekam,

wenn er Emma sah, war er sich sofort klar, daß früher oder später

ein Heiratsantrag zu erwarten war. Alsobald überlegte er sich die

Geschichte. Besonders schneidig sah ja Karl Bovary nicht gerade

aus, und Rouault hatte sich ehedem seinen künftigen Schwiegersohn

ein bißchen anders gedacht, aber er war doch als anständiger Kerl

bekannt, sparsam und tüchtig in seinem Berufe. Und zweifellos

würde er wegen der Mitgift nicht lange feilschen. Vater Rouault

hatte gerade eine Menge großer Ausgaben. Um allerlei Handwerker zu

bezahlen, sah er sich gezwungen, zweiundzwanzig Acker von seinem

Grund und Boden zu verkaufen. Die Kelter mußte auch erneuert

werden. Und so sagte er sich: »Wenn er um Emma anhält, soll er sie

kriegen!«

Zur Weinlese war Karl drei Tage lang da. Aber Tag verging auf Tag

und Stunde auf Stunde, ohne daß Karls Wille zur Tat ward. Rouault

gab ihm ein kleines Stück Wegs das Geleite; am Ende des Hohlwegs

vor dem Dorfe pflegte er sich von seinem Gaste zu verabschieden.

Das war also der Moment! Karl nahm sich noch Zeit bis

zuallerletzt. Erst als die Hecke hinter ihnen lag, stotterte er

los:

»Verehrter Herr Rouault, ich möchte Ihnen gern etwas sagen!«

Weiter brachte er nichts heraus. Die beiden Männer blieben stehen.

»Na, raus mit der Sprache! Ich kann mirs schon denken!« Rouault

lachte gemütlich.

»Vater Rouault! Vater Rouault!« stammelte Karl.

»Meinen Segen sollen Sie haben!« fuhr der Gutspächter fort. »Meine

Kleine denkt gewiß nicht anders als ich, aber gefragt werden muß

sie. Reiten Sie getrost nach Hause. Ich werde sie gleich mal ins

Gebet nehmen. Wenn sie Ja sagt, -- wohlverstanden! -- brauchen Sie

jedoch nicht umzukehren. Wegen der Leute nicht, und auch weil sie

sich erst ein bißchen beruhigen soll. Damit Sie aber nicht zu

lange Blut schwitzen, will ich Ihnen ein Zeichen geben: ich werde

einen Fensterladen gegen die Mauer klappen lassen. Wenn Sie da

oben über die Hecke gucken, können Sie das ungesehen beobachten!«

Damit ging er.

Karl band seinen Schimmel an einen Baum; kletterte die Böschung

hinauf und stellt sich auf die Lauer, die Taschenuhr in der Hand.

Eine halbe Stunde verstrich -- und dann noch neunzehn Minuten ...

Da gab es mit einem Male einen Schlag gegen die Mauer. Der Laden

blieb sperrangelweit offen und wackelte noch eine Weile.

Am andern Morgen war Karl vor neun Uhr in Bertaux. Emma wurde über

und über rot, als sie ihn sah. Sie lächelte gezwungen ein wenig,

um ihre Fassung zu bewahren. Rouault umarmte seinen künftigen

Schwiegersohn. Die Besprechung der geschäftlichen Punkte wurde

verschoben. Übrigens war noch viel Zeit dazu, da die Hochzeit

anstandshalber vor Ablauf von Karls Trauerjahr nicht stattfinden

konnte, das hieß, nicht vor dem nächsten Frühjahr.

In dieser Erwartung verging der Winter. Fräulein Rouault

beschäftigte sich mit ihrer Aussteuer. Ein Teil davon wurde in

Rouen bestellt. Die Hemden und Hauben stellte sie nach Schnitten,

die sie sich lieh, selbst her. Wenn Karl zu Besuch kam, plauderte

das Brautpaar von den Vorbereitungen zur Hochzeitsfeier. Es wurde

überlegt, in welchem Raume das Festmahl stattfinden, wieviel

Platten und Schüsseln auf die Tafel kommen und was für Vorspeisen

es geben solle.

Am liebsten hätte es Emma gehabt, wenn die Trauung auf nachts

zwölf Uhr bei Fackelschein festgesetzt worden wäre; aber für

solche Romantik hatte Vater Rouault kein Verständnis. Man einigte

sich also auf eine Hochzeitsfeier, zu der dreiundvierzig Gäste

Einladungen bekamen. Sechzehn Stunden wollte man bei Tisch sitzen

bleiben. Am nächsten Tage und an den folgenden sollte es so

weitergehen.

Frau Bovary · 第 6 / 43 题