Geldbetrag entlehnt, und ihm dafür den schön bewaldeten Eichelberg
versetzt. Dabei war bedungen worden, daß, wenn die Rückzahlung nicht in
einer bestimmten Zeit an den Fürsten selbst geschähe, das Pfand ihm
anheimfalle. Als die Frist sich ihrem Ende nahte, verreiste der Bischof,
und kehrte erst nach ihrem Ablaufe zurück. Er erklärte nun den
Eichelberg für sein Eigentum, aber die Bruchsaler, welche am letzten
Tage der Frist ihre Schuld hatten abtragen wollen, erhoben dagegen beim
Kaiser eine Klage. Von demselben erhielten sie ein günstiges Urtheil,
das mit goldenen Buchstaben geschrieben war. Trotz dessen wollte der
Fürst den Eichelberg behalten, und in dieser Absicht lud er die zwölf
Rathsherren von Bruchsal zu sich auf das Obergrombacher Schloß. Nachdem
er sie köstlich bewirthet hatte, bestürmte er sie mit Bitten und
Drohungen, eine Urkunde zu unterschreiben, die ihm den erwähnten Berg
überlasse; allein standhaft verweigerten es alle. Auf dieses ließ er sie
in den Burghof führen und, in seiner Gegenwart, ihrer elf, einen nach
dem andern, durch den Scharfrichter enthaupten. Hierbei floß das Blut,
wie ein Bach, den Schloßberg hinunter. Als die Reihe an den zwölften
Rathsherrn kam, fragte der Bischof den Scharfrichter, wie ihm das
Kopfabschlagen gefalle. »Wenn's Krautköpfe oder Weidenstümpfe wären, die
wieder ausschlagen, gefiele es mir schon; so aber gefällt es mir nicht!«
gab derselbe zur Antwort. Hierdurch ward der Fürst bewogen, den
Rathsherrn zu begnadigen; er ließ ihm aber das kaiserliche Urtheil
abnehmen, welches derselbe bei sich auf der Brust trug. Nachdem der
Rathsherr nach Bruchsal zurückgekommen war, verkündete er das Geschehene
und regte dadurch Alles zur Rache auf. Es wurde verabredet, daß, wenn
der Bischof bei seiner nächsten Durchreise auf die Salbrücke komme, mit
der Glocke des dortigen Kirchleins die bewaffnete Bürgerschaft zusammen
gerufen werde, um sich seiner zu bemächtigen. Dies hinterbrachte ein
Verräther dem Fürsten, der darauf, in der Nacht vor seiner Durchreise,
den Schwengel der Glocke heimlich herausnehmen und dafür einen
Fuchsschwanz hineinhängen ließ. Als er dann über die Brücke fuhr, wollte
man eilig in dem Kirchlein läuten; aber die Glocke mit dem Fuchsschwanz
tönte nicht, und so kam der Bischof unangefochten durch die Stadt. Den
Eichelberg hat diese, bis auf den heutigen Tag, nicht zurück
bekommen.[13]
[13] Keiner der Bruchsaler Fürstbischöfe hat den Eichelberg auf solche
Weise an sich gebracht.
129.
Muttergottesröslein.
Die heilige Jungfrau pflegte die Windeln des Jesuskindes an Sträuchen
wilder Rosen zum Trocknen aufzuhängen. Davon erhielten diese Stauden und
alle von ihnen abstammende einen lieblichen Geruch, und ihre Blumen den
Namen _Muttergottesröslein_.
130.
Hexenkuchen.
Am Tage der Gochsheimer Kirchweihe rief einmal eine dortige Frau, die
allgemein für eine Hexe galt, ein kleines Mädchen zu sich und schenkte
ihm ein Stück schönen, weißen Kuchens. Ohne davon zu essen, nahm das
Kind den Kuchen mit nach Hause, wo seine Mutter, als sie erfahren, woher
er komme, ihn gleich in die Küchenkammer verschloß. Am andern Morgen
fand sie, statt seiner, ein Stück groben Schwarzbrods, worin eine Menge
Menschenhaare eingebacken war.
131.
Tochter dem Teufel verschrieben.
Betrübt über den Zerfall seines Vermögens ging ein Müller in den
Wald, wo er einem fremden Mann begegnete. Derselbe fragte ihn um die
Ursache seiner Traurigkeit, und als er sie erfahren hatte, versprach er
dem Müller eine Menge Geld, wenn dieser ihm dasjenige verschreibe, was
jetzt hinter der Mühle sey. In der Meinung, dies sey der Staub, welcher
beim Mahlen dahin zu fliegen pflegte, ging der Müller den Vertrag ein
und unterschrieb ihn mit seinem Blute. Er erhielt hierauf das Geld,
brachte es heim und erzählte seiner Frau, wie er dazu gekommen. Da
erfuhr er von ihr, daß er seine Tochter dem Teufel verschrieben habe,
die damals hinter der Mühle die Körner aus dem Staub gelesen, um daraus
das Essen zu bereiten. Sie waren nun sehr betrübt, beschlossen aber,
ihrer Tochter nichts zu sagen. In der Nacht kam der Böse zur Mühle und
klopfte an die Thüre; die Tochter öffnete, weil sie aber, als ein
frommes Mädchen, beim Schlafengehen sich in den drei höchsten Namen mit
Weihwasser besprengt hatte, konnte der Teufel sie nicht mit fortnehmen,
sondern stieß sie zurück. Ebenso ging es in der folgenden Nacht, worauf
der Müller, auf Befehl des Bösen, das Weihwasser hinwegschaffen mußte.
In Ermangelung dessen segnete sich das Mädchen am dritten Abend mit dem
am Fenster angelaufenen Wasser und bewirkte dadurch, daß der Teufel, als
er in der Nacht kam, ihr wieder nichts anhaben konnte. Am nächsten
Morgen erzählte sie ihren Eltern, was ihr in den drei Nächten begegnet,
worauf dieselben ihr Alles offenbarten. Da legte sie ihre Hand auf einen
Klotz und hieb sie sich mit dem Beile ab, nachher ließ sie die andere
Hand sich auch abschlagen und überließ beide dem Teufel, worauf
dieselben sogleich verschwanden. Alsdann ging sie auf und davon, betete
fleißig und bekreuzte sich dabei mit ihren Armen. Sie kam in einen
schönen Garten bei einem fürstlichen Schlosse, in welchem sie zur
Stillung ihres Hungers einige Äpfel mit dem Munde aufhob und verzehrte.
Weil ihre Wunden noch bluteten, entdeckte der Fürst ihre Spur, und
nachdem er derselben an zwei Tagen vergebens nachgegangen war, fand er
am dritten in der Frühe mittelst seines Hundes das Mädchen in einem
Busche, wo sie ruhig schlief. Sie gefiel ihm so wohl, daß er sie
heirathete, wodurch sie aber nicht hoffärtig ward, sondern stets
demüthig und fromm blieb. Nach einiger Zeit mußte er in den Krieg;
während seiner Abwesenheit gebar sie ihm Zwillingsknaben und ließ es ihm
schreiben. Der Bote, welcher den Brief überbringen sollte, schlief
unterwegs an einem Waldbrunnen ein, da kam der Böse und vertauschte den
Brief mit einem andern, worin unter dem Namen der Hofherren die
abscheulichsten Dinge über die Fürstin gemeldet wurden. Der Fürst
schrieb zurück, man solle, bis er heimkomme, seine Frau mit der
seitherigen Ehrerbietung behandeln; aber als der Bote auf dem Rückweg
abermals an dem Brunnen eingeschlafen war, nahm ihm der Teufel wieder
das Schreiben und steckte ihm ein anderes zu, worin den Hofherren
befohlen wurde, die Fürstin mit ihren Kindern unverzüglich auszutreiben.
Dieses ward vollzogen und ihr dabei das eine Kind auf die Brust, das
andere auf den Rücken gebunden. Vor Durst schmachtend, kam sie zu dem
Brunnen, konnte aber wegen ihrer an sie gebundenen Kinder sich nicht
niederbücken, um zu trinken. Da rief sie Gott um Hilfe an und alsbald
trat ein Mann zu ihr, band ihr die Kinder los und hieß sie ihre Arme auf
den Klotz legen, der plötzlich mit ihren abgehauenen Händen vor ihr
stand. Sie that es und der Mann heilte ihr die Hände so gut an, daß sie
dieselben gleich gebrauchen konnte. Nachdem sie in eine Wildniß
gekommen, worin kein Obdach zu finden war, betete sie um ein solches,
und siehe! auf einmal stand ein Hüttlein mit Geräth und Lebensmitteln
da. Dankbar bezog sie es mit ihren Kindern und führte ein frommes
Einsiedlerleben. So oft ihr die Nahrungsmittel ausgingen, erhielt sie
auf ihr Gebet stets neue. Als so Jahre verflossen waren, kam eines
Abends zu dem Hüttlein ein Mann und bat um Nachtlager. Da sie nur _ein_
Bett hatte, mußte sie ihn auf der Bank schlafen lassen. In der Nacht
hörte er, wie die Kinder zu einander sagten: wenn sie nur ihren Vater
sehen würden; er befragte darüber am Morgen die Frau und erfuhr von ihr,
wie sie verstoßen worden sey. »Wenn ihr keine Hände hättet, würde ich
euch für meine unschuldig verbannte Frau halten, die ich seit meiner
Rückkunft aus dem Kriege schon jahrelang suche,« erwiderte er, und
darauf erzählte sie ihm, wie sie ihre Hände wieder erhalten habe, und
zeigte, daß sie angeheilt seyen. Da erkannten sie einander zu ihrer und
ihrer Kinder großen Freude. Der Fürst beschloß, ihr Einsiedlerleben zu
theilen; auf das Gebet seiner Frau stand statt der kleinen Hütte eine
größere mit mehr Geräth und Nahrungsvorrath da, in welcher sie Gott
dienten bis zu ihrem seligen Ende.
132.
Gespenstige Rathsversammlung.
In einer Spinnstube zu Eppingen wurde spät in der Nacht die Frage
aufgeworfen: wer wohl den Muth habe, jetzt in das alte, verrufene
Rathhaus zu gehen. Ein Mädchen erbot sich dazu und nahm eine Ruthe und
eine schwarze Katze mit. Als sie in den Rathssaal kam, saßen darin zwölf
gespenstige Rathsherren um den Tisch, welche zu ihr sprachen: »Hättest
du die Ruthe und die schwarze Katze nicht bei dir, so wollten wir dir
etwas Anderes sagen!« Voll Schrecken entfloh das Mädchen und starb noch
in derselben Nacht.
133.
Meerweiblein.
Eine Viertelstunde von Waldangelloch entspringt eine frische Duelle,
die von dem Holderbusch, der früher bei ihr stand, _Holderbrunnen_
heißt. In deren Umgebung pflegte eine arme, alte Frau das Futter für
ihre Kuh zu suchen, mit dem sie eines Abends erst um 9 Uhr, als es schon
lange Nacht war, nach Hause kam. Hierwegen befragt, erwiderte sie nur,
sie sey bei guten Freundinnen gewesen, welche sie erst heute habe kennen
lernen. Eine ähnliche Antwort gab sie auch an den folgenden Tagen, wo
sie ebenfalls erst zur erwähnten Stunde heimkehrte. Endlich schlichen
ihr einige Leute nach, sahen sie mit zwei fremden, schönen Mädchen bei
dem Holderbusche stehen und letztere, als sie sich näherten, in dem
Brunnen verschwinden. Auf dieses ward die Frau noch mehr mit Fragen über
die Mädchen bestürmt und gebeten, dieselben in ihr Haus mitzubringen,
worauf sie erwiderte: »Meine Freundinnen leben unter der Erde, und ich
werde, wie sie wünschen, bald mit ihnen hinabgehen; in mein Haus kommen
sie schwerlich, jedoch will ich versuchen, sie dazu zu bereden.« Dieses
gelang ihr: am bestimmten Abend kamen die beiden Mädchen, ohne daß sie
von der Frau abgeholt wurden, oder im Orte sich nach deren Haus
erkundigten, zu ihr in die Spinnstube. Jede brachte ein brennendes
Laternchen, eine Kunkel und Hanf mit; sie waren gekleidet wie die
Dorfmädchen, hatten aber Gürtel und weiße Schürzen an. Während des
Spinnens scherzten und lachten sie mit den anwesenden Mädchen und
Burschen, erzählten, daß es bei ihnen wie auf der Erde sey, und nahmen
nichts als Obst und Brod an. Schlag neun Uhr zündeten sie ihre Laternen
an und gingen, trotz alles Bittens, länger da zu bleiben, mit dem
Versprechen fort, am nächsten Abend wieder zu kommen. Dasselbe erfüllten
sie und fanden fortan dreiundzwanzig Tage lang jeden Abend, wenn es
dunkel war, sich ein. Ihr Betragen blieb stets das gleiche; nur knüpfte
die eine mit einem der Burschen eine Liebschaft an. Ihm allein erlaubten
sie, beim Heimgehen sie halbwegs zu begleiten; bis zum Brunnen hätte er
nur dann mitgedurft, wenn er Willens gewesen wäre, sich auch hinein zu
begeben. Letzteres zu thun, konnte er erst auf vieles Zureden seiner
Geliebten sich entschließen. Als sie an die Quelle kamen, wollten die
Mädchen, daß zuerst die eine, dann er und nachher die andere sich
hinunter ließe, er aber begehrte, der Letzte zu seyn. Auf dieses
schnallte ihm seine Geliebte ihren Gürtel um, indem sie ihm versicherte,
daß er durch ihn vor dem Naßwerden geschützt sey, dann stieg sie und
nachher ihre Gefährtin in den Brunnen hinab; aber der Bursch wagte
nicht, ihnen zu folgen, sondern blieb an der Quelle stehen. Auf einmal
ward deren Wasser blutroth, worauf er eilig den Gürtel hineinwarf, weil
er dachte, daß derselbe nicht hätte zurückbleiben sollen. Die Mädchen,
welches Meerweiblein waren, sind nachher niemals wieder gesehen worden.
134.
Zauberarbeit.
Ein Schuster zu Waldangelloch hatte gewettet, er allein werde vom Morgen
bis zum Abend ein Paar Stiefel und ein paar Schuhe machen. Auf sein
Verlangen schlossen ihn seine Gegner in seine Werkstätte ein, in die sie
nach einigen Stunden durch das Schlüsselloch schauten. Da sahen sie den
Schuhmacher müßig sitzen, vier unbekannte Männer aber emsig arbeiten.
Schnell drangen sie hinein, fanden aber statt dieser Männer nichts, als
vier Mücken unter vier Fingerhüten. Sie ließen darauf den Schuster
wieder allein, und am Abend hatte er die Stiefel und Schuhe fertig und
damit die Wette gewonnen.
135.
Raubmörder geht um.
Als einst eine Kriegsschaar Neufranken in Waldangelloch übernachtete,
kam einer derselben, welcher viel geplündertes Geld bei sich hatte, in
das Haus eines habsüchtigen Mannes zu liegen. Dieser bemerkte das Geld,
bettete den Soldaten auf den Speicher und brachte ihn mit dessen eigenem
Säbel im Schlafe um. Alsdann nahm er die Füße des Leichnams unter den
Arm und schleifte ihn in den Keller, wo er ihn mit Kleidung und Säbel
vergrub. Nachdem er noch jede Blutspur vertilgt hatte, meldete er in der
Frühe dem Obersten, der Soldat sey in der Nacht ausgerissen und habe ihm
zuvor das Haus so verunreinigt, daß viele Stellen hätten aufgewaschen
werden müssen. Da der Oberst im Begriff stand, mit seinen Leuten
abzuziehen, so unterließ er es, die Sache näher zu untersuchen. Auf
diese Art behielt der Mann seinen Raub, welchen er auch viele Jahre, bis
zu seinem Tode, genoß. Gleich nach diesem fing er an, Nachts in dem
Hause zu spuken, wobei er den Ermordeten, dessen Füße unterm Arme, vom
Speicher in den Keller schleifte. Den Kopf des Soldaten hörte man auf
jeder Stufe aufschlagen. Vergebens wendeten die Bewohner des Hauses alle
Mittel an, den Geist hinauszubringen; endlich ließen sie es niederreißen
und auf dem Platze ein neues bauen, das denn von dem Spuke befreit
blieb. Bei dem Bauen waren die Gebeine und der Säbel des Neufranken im
Keller ausgegraben worden.
136.
Einem Todten gehört ein Licht.
Zu Waldangelloch ließen einmal die Männer, welche bei einem
Verstorbenen wachten, ihn in der Kammer dunkel liegen während sie in der
Nebenstube Karten spielten. Da rief in der Kammer eine Stimme dreimal:
»Einem Todten gehört ein Licht!« Erschrocken eilten die Männer hinein,
fanden aber Niemand, als den Verstorbenen ohne Lebenszeichen. Nunmehr
hüteten sie sich, denselben ohne Licht zu lassen.
137.
Ladung vor Gottes Gericht.
Wenn ein Mensch einen andern vor Gottes Gericht geladen hat, so muß
derjenige von ihnen, welcher zuerst gestorben, so lange zwischen Himmel
und Erde schweben, bis der andere nachkommt. Dies geschieht binnen sechs
Wochen und Beide gehen dann mit einander vor des Ewigen Richterstuhl.
Daß dem so sey, hat sich in neuerer Zeit wieder in Waldangelloch
erwiesen. Dort war ein Küfer von einem Zimmermann um Vieles betrogen
worden, und da er kein Recht finden konnte, lud er denselben vor Gottes
Gericht. Der Zimmermann lachte zwar darüber, und selbst nach dem bald
erfolgten Tode des Küfers hatte er bei seiner kräftigen Gesundheit keine
Furcht; aber in der vierten Woche darauf ward er plötzlich krank und
starb nach einigen Tagen.
138.
Schatzhöhle bei Waldangelloch.
Ein etwas blödsinniger Bube von Waldangelloch, welcher auf den Wiesen
am Schülzert Vieh hütete, schlenderte in diesen Bergwald. Er kam an eine
Höhle, ging hinein und stand vor einer Kiste, auf der ein schwarzer
Pudel lag. »Herunter!« sagte der Bube zu dem Hund, und nachdem derselbe
gutwillig herabgesprungen, hob er den Deckel der Kiste auf, die mit
funkelndem Silbergeld gefüllt war. Davon nahm er sich eine Handvoll,
schloß dann die Kiste und gleich war der Hund wieder darauf. Noch
etliche Tage machte der Bube es so, bis sein Geld zu Hause entdeckt und
er gezwungen wurde, zu sagen, wo er es her habe. Da mußte er mit einigen
Männern in den Schülzert, um ihnen die Höhle zu zeigen; aber nun konnte
er dieselbe nicht mehr auffinden.
139.
Fahrsamenbesitzer und Banner.
Beiläufig vor vierzig Jahren diente ein Eschelbacher Bursch als
Bauernknecht in Waldangelloch, welcher vom Teufel sich Fahrsamen
verschafft hatte und daher fahren konnte, wie und wohin er wollte. Oft
jagte er mit schwer beladenem Wagen und vier Pferden steile Bergabhänge
hinab, und wenn dabei das Gefährt auch ganz auf die Seite hing, so
stürzte es doch niemals um. Einst kam er mit einem Wagen Frucht in die
Scheuer, und da er Niemand fand, ihm zum Abladen zu helfen, fuhr er die
senkrechte Leiter hinauf auf die Obertenne und warf dort die Frucht ab.
Während dessen kam der Bauer in die Scheuer, aber als er das Fuhrwerk
oben sah, eilte er schweigend hinaus. Nach beendigtem Geschäft fuhr der
Knecht wieder die Leiter hinunter, ging zu seinem Herrn und sagte ihm:
»Das war ein Glück, daß ihr in der Scheuer kein Wort gesprochen habt,
sonst wäre ich mit Wagen und Pferden hinabgefallen.«
Auf die Bitte eines Freundes, ihm auch Fahrsamen zu verschaffen, begab
sich der Bursch, um 11 Uhr in der Christnacht, mit ihm auf einen
Kreuzweg. Dort machte er auf dem Boden einen Kreis, stellte sich mit dem
Andern hinein und ermahnte ihn, ja keinen Laut von sich zu geben, es
möge kommen, was da wolle. Hierauf zog er ein Büchlein hervor und fing
an, stille darin zu lesen. Gegen halb 12 Uhr hörten sie ein Getöse wie
vom wilden Heer durch die Lüfte ziehen, jedoch ohne etwas zu sehen, oder
sich dadurch irren zu lassen. Nach diesem drohte ein Mühlstein, an einem
dünnen Faden hängend, auf sie herabzustürzen; aber er störte sie ebenso
wenig, als eine heran rasselnde vierspännige Kutsche, deren Führer sie
vergebens um die Entfernung nach dem nächsten Orte fragte. Als dieselbe
schon eine Weile davon gejagt war, kam einer in einer großen
Holzschüssel mühsam herbeigerutscht und sprach zu ihnen: »Kann ich die
Kutsche noch einholen?« Da mußte der Freund des Burschen laut lachen,
und sogleich erhielt er von letzterem eine derbe Ohrfeige, mit den
Worten: »Dummkopf! jetzt hast Du Dich durch dein Gelächter um den
Fahrsamen gebracht.«
* * * * *
Eben dieser Knecht verstand sich auch meisterlich auf das Bannen. Eines
Sonnabends besuchte er mit einem Waldangellocher ein Mädchen im
Engelwirthshaus zu Menzingen, wo er zwölf Bursche aus dem Ort antraf.
Dieselben schlichen nach und nach davon, woraus der Waldangellocher
merkte, daß sie ihm und seinem Gefährten draußen auflauern wollten. Als
er es diesem entdeckte, beruhigte ihn derselbe, und ging erst um 11 Uhr
mit ihm hinweg. Eine Viertelstunde von Menzingen fanden sie alle die
Bursche, mit Äxten, Mistgabeln, Prügeln bewaffnet, regungslos, in
verschiedenen Stellungen, am Wege stehen. Auf Zureden des Eschelbachers
betrachtete dessen Begleiter die Gebannten ganz in der Nähe, wobei er
vergebens versuchte, einem derselben die Tabakspfeife aus dem Munde zu
ziehen. Nach Verfluß einer halben Stunde setzten sie ihren Weg fort, und
als sie nicht mehr weit von Waldangelloch waren, sagte der Knecht zu dem
Andern, eben habe er die Bursche von dem Banne befreit. Bei seinen
nachherigen Besuchen in Menzingen blieb er von Jung und Alt
unangefochten.
Zufällig hatte er einst sein Zauberbüchlein bei einem Bekannten liegen
lassen, der es in die Hände bekam und durchblätterte. Das Meiste konnte
er nicht verstehen; ein Bannspruch aber war ihm deutlich, und er las ihn
ab, um ihn an einem Mann zu versuchen, welchen er an einen
Zwetschgenbaum sich lehnen sah. Alsbald erstarrte der Mann und mußte so
neun volle Stunden bleiben, da der andere den Bann nicht wieder zu lösen
vermochte. Zum Glücke kam der Knecht, um sein Büchlein zu suchen, und
als er den Vorgang erfahren, las er den Spruch von hinten nach vorn her
und befreite dadurch den Mann, der, wenn dies nicht noch vor
Sonnenuntergang geschehen wäre, in Asche würde zerfallen seyn.
* * * * *
Als der Eschelbacher sich schon lange in seinem Geburtsort
niedergelassen hatte, mahlte er einmal Nachts mit einem Mann aus
Waldangelloch in der Michelfelder Mühle. Da kamen einige Ratten herbei,
blieben aber, zur großen Verwunderung des Mannes, gleich regungslos
sitzen und ließen sich von ihm anrühren. Auf die Bitte des
herzugekommenen Müllers bannte der Eschelbacher noch mehrere Ratten, und
nachdem er sie in das Wasser geworfen hatte, sagte jener zu ihm, er
wolle ihm jedes Vierteljahr einen Zentner Mehl geben, wenn er dafür die
Mühle von den Ratten jeweils säubere. »Nein, das thue ich nicht«,
erwiderte der Eschelbacher, »denn ich habe einst ein Reh gestellt, und
dasselbe hat darauf so heftig geweint und mich so kläglich angeschaut,
daß ich es gleich wieder frei ließ und mir vornahm, kein Thier mehr zu
bannen. Heute habe ich zwar dem Mann da einen Spaß machen wollen, aber
sonst gebe ich mich nicht mehr mit solchen unrechten Dingen ab.«
140.
Schatz bei Sinsheim.
Vor vierzig Jahren sah eine Frau von Sinsheim, als sie im Wald auf den
_drei Buckeln_ graste, vier dünne Eisenketten im Viereck aus dem Boden
hervorstehen, welche sie trotz alles Ziehens nicht herausbrachte. Bei
ihrer Heimkunft erzählte sie es, worauf gleich vier Männer mit ihr
hinausgingen und auf dem Platze noch die Ketten vorfanden. Sie gruben
daselbst nach, und während die Frau sich etwas entfernt hatte, um wieder
zu grasen, stießen sie auf eine volle Kiste, die an den Ketten befestigt
war und auf der ein schwarzer Pudel mit feurigen Augen saß.
Stillschweigend zogen sie sie an den Ketten heraus; da kam gerade die
Frau zurück, und beim Anblick des Hundes, der den Rachen aufsperrte,
schrie sie: »O Jesus!« Im Nu versanken Kiste, Ketten und Pudel und sind
weder von der Frau, noch von den Männern je wieder gesehen worden.
141.
Fußstapfe im Stein.
(Zu Nr. 353 des Hauptwerkes.)
Auf dem großen Söller des Heidelberger Schlosses ist in einer
Steinplatte eine ziemlich tiefe Fußstapfe. Sie wurde von einem Ritter
bei der nächtlichen Entführung einer Pfalzgrafentochter eingedrückt, als
er, diese auf dem Arme tragend, aus einem Giebelfenster glücklich
herabsprang.
142.
Vorzeichen reicher Weinernte.
Wenn es zu Weinheim einen guten Herbst gibt, sieht man in der
Johannisnacht den verstorbenen Freiherrn v. Bonn auf einem Schimmel, von
seinem Schloß in Birkenau bis zum Bonnhof, in der Weschnitz reiten.
143.
Der wilde Jäger.
Über die Gegend von Schlossau im Odenwald fährt zuweilen Nachts der
wilde Jäger, mit großem Jagdgetöse, durch die Luft hin. Wer dann im
Freien ist und ihn heran kommen hört, der muß ihm ausweichen, oder sich
mit dem Gesicht auf den Boden legen, sonst wird er (wie es schon
geschehen) vom wilden Jäger mit dessen Jagdnetz gefangen, fortgenommen
und in einem fremden Land zur Erde gesetzt.
144.
Geisterlärm verhindert Waldfrevel.
In einer Winternacht, um 1 Uhr, ging ein Mann von Schlossau in den
fürstlichen Wald des Rothenbergs, um sich einen Stamm zu Fackeln zu
holen. Eben setzte er die Axt an eine junge Buche, als plötzlich um ihn
her solch fürchterliches Jagdgetöse ausbrach, daß er erschrocken inne
hielt und umher schaute. Nichts war zu erblicken, und allmählig
entfernte sich der Lärm und verhallte. Nun wollte der Mann wieder den
Baum fällen; allein abermals ward er durch das um ihn entstehende
Jagdgetöse daran verhindert. Auf gleiche Weise ging es zum dritten Male.
Da merkte er endlich, daß er den Frevel unterlassen solle, und trat
ungesäumt den Heimweg an.
145.
Die Schefflenzer erwerben im Waidach das Jagdrecht.
In dem Waidachwald wurde einst ein durchreisender deutscher Kaiser von
Räubern angefallen. Auf seinen Hilferuf kamen Männer aus den drei Orten
Schefflenz, welche in dem Walde wilderten, schleunig herbei und trieben
die Räuber in die Flucht. Zum Danke verlieh der Kaiser den drei Orten
das alleinige Jagdrecht im Waidach auf ewige Zeiten.
146.
Boxberg's Name.
Ehe Boxberg diesen Namen führte, ward es einmal so lange belagert, bis
es keine Lebensmittel mehr hatte. Da ließ ein kluger Schneider sich in
eine Bockshaut nähen und schritt dann, auf allen Vieren, auf der
Stadtmauer hin und her. Als die Feinde das stattliche Thier sahen,
ließen sie ihre Hoffnung, den Ort bald auszuhungern, fahren und hoben
die Belagerung auf. Zum Danke für die glückliche Errettung legte das
Städtlein sich den Namen _Boxberg_ auf ewige Zeiten bei.
147.
Dosten und Johanniskraut schützt vor dem Teufel.
In Werbach kam einst ein sechsjähriges Mädchen von seiner Pathe heim
und sagte seiner Mutter, es habe von jener erlernt, Mäuse und Gewitter
zu machen. Da untersagte sie ihm strenge, je wieder hin zu gehen, und
nähte ihm Dosten und Johanniskraut in die Kleider. Trotz des Verbots
schlich das Kind wieder zu der Pathe und wurde von ihr in den Keller
geführt, wo der Teufel auf es paßte. Beim Anblick des Mädchens rief er
aber aus:
»Dosten und Johanniskraut
Verführt mir meine Braut!«
Denn wegen der eingenähten Kräuter hatte er über das Kind keine Gewalt
mehr.
148.
Hexe verunglückt.