Im Jahr 1807 mußte dieses Kirchlein nach dem Willen der Herrschaft und

des Pfarrers eingehen. Dieser und der Verwalter hoben selbst das

Altarblatt weg, und letzterer rief den Arbeitern, welche sich scheuten,

die Gelübdebilder abzunehmen, höhnisch zu: »Werft die Kerle herunter,

daß sie die Beine brechen!« Am folgenden Tage wollte er, in Hausen an

der Möhlin, eine Leiter hinaufsteigen, aber auf der zweiten Sprosse

glitt er aus und brach den einen Fuß so stark, daß derselbe nach der

Heilung, wie ein Thierfuß aussah. Auch der Pfarrer wurde alsbald von

einer anhaltenden Krankheit heimgesucht. Nachdem er zwei Jahre vergebens

alle Mittel gegen sie angewendet, bat er eines Sonntags die versammelte

Gemeinde, ihm die Kapelle wiederherstellen zu helfen, da er es allein

nicht vermöge. Mit Freude ward diese Hilfe geleistet; bald stand das

Kirchlein schöner da, als zuvor, und am Tage der Einweihung war die

Krankheit des Pfarrers auf immer verschwunden.

Einige Zeit nachher zeigte sich in mehreren Nächten das Innere der

Kapelle von wunderbarem Glanz erleuchtet. Zwei Rheinwächter sahen beim

Heimgehen diese Erhellung und beschlossen, in das Kirchlein zu schauen.

Zu dem Ende ließ sich der eine vom andern zu einem Fenster emporheben;

aber kaum hatte er hineingeblickt, so verlangte er voll Schrecken wieder

hinab. Auf die Frage: was er in der Kapelle gesehen habe -- antwortete

er nur: »Schaut selbst!« und am dritten Tage war er eine Leiche.

44.

Der Schatz im Ambringer Grunde.

Auf dem _Schloßberg_ im Ambringer Grunde stand vor Zeiten eine

stattliche Burg, und in der Nähe war ein dazu gehörendes Bergwerk.

Dasselbe lieferte an Gold und Silber so reiche Ausbeute, daß die

Burgherren in einem unterirdischen Gewölbe große Schätze aufhäufen

konnten. Darunter befanden sich neun silberne Kegel und drei goldene

Kugeln, womit die Bergleute an Festtagen, nach der Vesper, zu spielen

pflegten. Der Schlüssel des Gewölbes war von Gold und hing auf dem Altar

der Schloßkirche, an dem goldenen Standbilde ihres Schutzheiligen

Martin. Eine halbe Stunde von der Burg wohnte in einer Waldklause, an

dem Ursprung der Felsenquelle, ein Einsiedler Namens Heini, welcher auf

dem Schlosse gut bekannt war. Plötzlich wurde dieses in der Nacht von

Feinden angegriffen und nach kurzer Gegenwehr eingenommen. Während sie

darin raubten, alle Bewohner ermordeten und es den Flammen Preis gaben,

gelang es dem Einsiedler, das Standbild des heiligen Martin nebst dem

goldenen Schlüssel zu retten. In das Gewölbe kamen die Feinde nicht, und

noch jetzt liegen alle die Reichthümer darin, wobei ein schwarzer Riese

und ein zottiger Bär Wache halten. Auch Bruder Heini, der mit dem

Standbild und Schlüssel bei dem _Eselbrunnen_, in tiefer Bergschlucht,

begraben ist, muß als Geist die Schätze hüten. Wie bei seinen Lebzeiten

geht er Mittags an der Quelle auf und ab, indem er aus einem Buche

betet. Wenn man ihm ruft, bleibt er stehen, aber ohne umzuschauen.

Einen Mann aus dem Münsterthal führte er eines Abends in die verfallene

Burg und darin in einen unterirdischen Gang, der vorn, in der Mitte und

hinten eine eiserne Pforte hatte. Die letzte derselben war eine

Gitterthüre, und alle drei wurden von dem Einsiedler mit dem goldenen

Schlüssel aufgemacht. Alsdann kamen sie in das Gewölbe, wo der Mann alle

die Reichthümer betrachten, aber nichts davon mitnehmen durfte. Beim

Herausgehen schloß Heini die Pforten wieder zu und außerhalb der Burg

schied er von dem Manne.

Das Bergwerk ist längst eingegangen, und von ihm nichts mehr übrig, als

ein halb verschütteter Schacht.

45.

Kirchenverhöhnung bestraft.

Als die Schweden Kirchhofen angezündet hatten und dann weiter zogen,

wandte sich einer ihrer Anführer auf dem Pferde halb um und rief, auf

die Kirche zeigend: »Seht doch, wie das Geißhaus brennt!« In dieser

Stellung erstarrte er und war trotz aller Bemühungen nicht daraus zu

bringen. Da gelobte er, auf seine Kosten die Kirche so wiederherzustellen,

wie sie gewesen, wenn ihm geholfen würde. Auf dieses hörte die Erstarrung

auf, und er säumte dann nicht, sein Gelübde in Erfüllung zu bringen.

46.

Die Tafel bei Kirchhofen.

Als einst Nachts der Felsenmüller von Ehrenstetten mit vollem Geldgurt

heim ging, ward er im Walde bei Kirchhofen von drei raubsüchtigen Bauern

angefallen. In demselben Augenblick fing sein Hund in der über eine

Stunde entfernten Mühle so an zu rasen, daß die Knechte ihn von der

Kette losmachen mußten. Stracks rannte er nun seinem Herrn zu Hilfe, riß

zwei der Bauern nieder und jagte den dritten in die Flucht. Wegen dieser

wunderbaren Errettung ließ der Müller auf dem Platz eine Tafel

errichten, worauf das Auge Gottes abgebildet ist, mit der Unterschrift:

»Gott ist überall zugegen, wie in offenen Landen, so in düstern

Wäldern.«

Die Tafel ist noch an dem Orte, und er wird wegen ihr der _Tafelplatz_

genannt.

47.

Das Brunnenbecken zu St. Ulrich.

(Abweichung von Nr. 46 des Hauptwerks.)

Um den Stein zu diesem Troge seinem Kloster zu verschaffen, schloß der

heilige Ulrich mit dem Teufel folgenden Vertrag ab. Er wolle eine Messe

lesen, und der Böse unterdessen den Felsen vom Meeresgrund herholen;

treffe er damit vor Ende der Messe ein, so erhalte er als Lohn Ulrich's

Seele, komme er aber später an, dann müsse er den Stein umsonst

abliefern. Die Messe las darauf der Heilige so, daß er nur ihre

Haupttheile, Aufopferung, Wandlung und Kommunion, verrichtete, alles

Übrige aber wegließ, und daher fertig war, als der Teufel mit dem Felsen

auf dem nahen Winterberg anlangte. Sich überlistet erkennend, liest der

Böse zornig den Stein in den Klostergarten hinabrollen. Wo er ihn

angefaßt, hatten seine Krallen tiefe Eindrücke gemacht, die noch jetzt

an der Brunnenschale zu sehen sind[5].

[5] Diese Sage ist ebenso ungegründet, als die unter Nr. 46 des

Hauptwerkes.

48.

Das Huttenweiblein.

Eine Bäuerin von Sölden pflegte Sonn- und Feiertags mit Holzhippe und

Hutte[6] auf den waldigen Schönberg zu gehen und Holz zu lesen. Wegen

dieser Entheiligung muß sie, seit ihrem Tode, auf dem Berg und in dessen

Umgegend spuken und wird, weil sie eine Hutte trägt, das

_Huttenweiblein_ genannt. Sie ist alt und klein, stützt sich auf einen

Stock und hat ein Strohhütlein auf; ihre Jacke und Handschuhe sind mit

Pelz besetzt, der eine ihrer Strümpfe ist weiß, der andere roth.

Übrigens kann sie sich in viele andere Gestalten, von Menschen und

Thieren, verwandeln. Häufig schreit sie: »Hu, hu, hu!« manchmal aber,

besonders wenn sie in den Kronen der Tannen sitzt, singt sie:

»Heute strick ich,

Morgen näh ich!«

In ihrer Hutte hat man schon Farnkraut wahrgenommen; auch trägt sie

öfters darin Leseholz, das unbewacht im Wald aufgehäufelt liegt, zum

Verdruß der Eigenthümer hinweg.

Einer Frau aus Freiburg, die, ehe sie in die Frühmesse ging, im

Sternwald Himbeeren sammelte, begegnete das Huttenweiblein und sagte zu

ihr: »Hättest Du keine guten Gedanken gehabt, so wollte ich Dich

gezeichnet haben!«

Zu einer andern Frau kam es, zwischen Ebringen und Sölden, und fragte

sie: »Kätherle! wo willst Du hin?« Auf dieses wußte die Frau, welche

nicht Katharina hieß, gar nicht mehr, wo sie war, und fand sich erst

wieder zurecht, nachdem sie stundenlang den Wald durchirrt hatte.

Eines Abends traf ein Geflügelhändler, der nach Pfaffenweiler heim

wollte, bei Kirchhofen ein schönes Reh, welches das Huttenweiblein war.

Auf sein Locken kam es herbei und ließ sich von ihm streicheln. »Das ist

etwas in die Küche!« dachte er bei sich und wollte ihm eine Schnur um

den Hals binden; aber da ward es so riesenhaft, daß er voll Schrecken

davon lief. Die ganze Nacht rannte er in der Irre umher und erkannte

erst am Morgen, daß er auf der Eschholzmatte bei Freiburg sich befinde.

Ein Mann, der Nachts durch den Bitterswald ging, rief spottend:

»Huttenweiblein, komm und trage mich! hu, hu, hu!« Schnell, wie der

Wind, war dasselbe da, packte und trug ihn auf die Todtnauer Höhe und

stellte ihn so tief in den Sumpf, daß er nur mit vieler Mühe sich wieder

heraus helfen konnte.

Andere Männer, welche im Feld bei Pfaffenweiler das Geschrei des

Weibleins spottweise nachmachten, bekamen von ihr solche Ohrfeigen, daß

einigen die Hüte von den Köpfen flogen, andere aber sogar zu Boden

fielen.

In den Ortschaften, die um den Schönberg liegen, pflegt man die Kinder

mit dem Huttenweiblein fürchten zu machen.

[6] Köze.

49.

Der heilige Bernhard zu Freiburg.

Auf seiner Reise nach Konstanz kehrte der heilige Bernhard zu Freiburg,

im obern Eckhause der Kaiser- und Münstergasse, ein. In der Stube,

welche er da bewohnte, gibt es seitdem keine Mäuse mehr.

50.

Pferde schauen zum Speicher hinaus.

Die Frau aus dem jetzt Stutz'schen Hause am Münsterplatz zu Freiburg

war, mit reichem Geschmeide geschmückt, begraben worden. Der Bediente

und die Köchin, welche eine Liebschaft mit einander hatten, beschlossen,

die Kleinode zu entwenden, damit sie genug Geld bekämen, um sich zu

heirathen. Zu dem Ende schlichen sie tief in der Nacht auf den Kirchhof

und öffneten Grab und Sarg ihrer Herrin. Da kam diese, welche nur

scheintodt gewesen, zu sich und richtete sich in die Höhe. Entsetzt

flohen der Bediente und die Köchin nach Hause, sagten aber niemand etwas

von dem Vorfall. Bald nachher schellte die Frau an der Hausthüre, ihr

Mann machte das Fenster auf und fragte:

»Wer ist draus?«

»Die Frau aus dem Haus«, antwortete sie.

»Die ist todt und begraben«, erwiderte er, und darauf sie:

»So gewiß bin ich es, als unsere Schimmel zum Speicherloch heraussehen.«

Kaum hatte sie dies gesagt, so trappten die beiden Pferde die Treppen

hinauf auf den Speicher und schauten zur Giebelöffnung hinaus. Da ließ

der Mann seine Frau eilig herein, voll Freude, daß sie noch lebe. Weil

der Bediente und die Köchin fürchteten, sie seyen auf dem Kirchhof von

ihrer Gebieterin erkannt worden, thaten sie vor ihrem Herrn einen

Fußfall und bekannten ihr Vergehen. Statt sie zu bestrafen, dankte er

ihnen für die Wiedererlangung seiner Frau und beschenkte sie so

reichlich, daß sie sich heirathen konnten. Auch ließ er zum ewigen

Andenken die Schimmel in Holz nachbilden und innen an die Giebelöffnung

stellen, die seitdem nicht zugemauert werden kann. Seine Frau lebte noch

sieben Jahre, sprach aber wenig und lachte gar nicht mehr; dagegen

betete sie viel und spann und wirkte ein großes leinenes Tuch für das

Münster. Dasselbe brachte sie gerade fertig. Es ist aus _einem_ Stück,

mit Bildern aus dem Leben des Heilands geziert, und wird noch heutiges

Tags als Fastentuch gebraucht.

51.

St. Martin bei Oberried.

Aus amtlichen Verhandlungen.

In dem Goldberg bei Oberried war vor Zeiten eine reiche Goldgrube,

Sankt Martin genannt. Darin lag, hinter einer silbernen Thüre, ein

Standbild dieses Heiligen verborgen, welches von lauterm Gold und

dreihundert Mark schwer war. Noch im Jahr 1521 wurde der Bau betrieben,

aber bald nachher wegen des hereinbrechenden Krieges eingestellt. Die

Bergleute schlossen jedoch die Grube mit einer eisenbeschlagenen Thüre

und schütteten dieselbe mit Erde und Steinen zu. Hierdurch gelang es

ihnen, das Bergwerk den Augen der Feinde zu entziehen, die sich mit der

Plünderung und Verbrennung der Poch- und Schmelzgebäude begnügen mußten.

Kaum war es wieder ruhiger geworden, so kam die Pest und raffte die

Bergleute weg oder scheuchte sie in entfernte Gegenden. In Folge dessen

blieb die Grube uneröffnet, und mit der Zeit ist sie immer mehr in

Vergessenheit gerathen.

52.

Schützen-Klaus.

Der Schützen-Klaus war Jäger im Bezirke von St. Peter. Aus übertriebener

Sorgsamkeit für den Wald verbot er den Leuten, Geisen zu halten. Um zu

sehen, ob sie es befolgten, ging er Nachts an die Häuser und mäckerte

wie eine Ziege. Wenn nun Geisen darin waren, so erwiderten sie sein

Gemäcker, und er nahm dann die Leute in Strafe. Da sprachen dieselben

die Verwünschung aus: er möge bis zum jüngsten Tage so mäckernd umgehen.

Seit seinem Tode spukt er nun im Jagdanzuge, zwei Hunde an der Kette

führend und häufig mäckernd, in seinem Bezirke. Nach der Abendglocke hat

er Viele schon irre geführt, oder mit Steinen geworfen; und als Andere,

um ihn zu verspotten, zu mäckern anfingen, war er im Augenblick da und

schleuderte sie den Bergabhang hinunter.

53.

Teufel helfen am Bau der Eisenbahn.

Als im Jahr 1844 die Eisenbahn bei Zähringen gebaut ward, sahen zwei

unschuldige Kinder, während des Mittagessens der Arbeiter, zwei Teufel

mit Geisfüßen und Hörnern emsig an der Bahn schaffen. Sogleich holten

sie einige Arbeiter herbei; allein dieselben konnten die bösen Geister

nicht wahrnehmen.

54.

Des Schwarzenberger's Bekehrung.

Auf die schöne Tochter seines Bauers vom Wahlhof hatte der Ritter von

Schwarzenberg sein lüsternes Auge geworfen. Er verlangte sie in seinen

Dienst; aber ihr Vater, obgleich er die Härte seines Herrn kannte, ließ

sie nicht dahin. Da drohte ihm der Ritter, ihn vom Hofgut zu jagen, wenn

er nicht dessen großen und vollsten Kirschbaum fällen und, die Pferde an

die Krone gespannt, auf das Schwarzenberger Schloß schleifen würde, ohne

eine einzige all der reifen Kirschen zu verletzen. Ohne Hoffnung, dies

zu vollführen, ging der Bauer zu dem Baume, wo ein altes Männlein zu ihm

kam und ihn fragte, warum er so betrübt sey. Nachdem es die Ursache

erfahren, versprach es, ihm zu helfen. Stracks hieb es den Baum auf's

geschickteste um, rief aus dem Wald drei Kohlrappen herbei, die es an

die Krone des Baums spannte, und trieb sie dann, in Begleitung des

Bauers, nach dem hoch und steil gelegenen Bergschloß. Als der

Schwarzenberger sie dort ankommen und keine einzige Kirsche verletzt

sah, war er höchlich erstaunt; das Männlein aber sprach zu ihm: »Weißt

Du, wer den Kirschbaum hierher gezogen hat? Der erste Rappe ist Dein

Vater, der zweite Dein Großvater und der dritte Dein Urgroßvater[7],

welche die Bedrückung ihrer Unterthanen jetzt in der Hölle büßen, und

Dir geht es einst eben so, wenn Du nicht von Deinen Sünden ablässest!«

Da ergriff den Ritter die Furcht des Herrn, er that Buße und führte

fortan ein gottgefälliges Leben.

[7] Andere sagen, es seyen _sechs_ Rappen und diese die _sechs_

nächsten Vorfahren des Schwarzenberger's gewesen.

55.

Forelle am Kandelfelsen.

Als eines Abends auf dem Kandel zwei Buben vom dortigen Hofe das Vieh

zusammentrieben, sah der eine, unten am Kandelfelsen, eine Lache und

darin eine große, goldschimmernde Forelle. Er rief seinen Gefährten

herbei und wadete in das Wasser, um den Fisch zu fangen; allein er fand

ihn an der Kette eines Lotteisens hängen, das im Felsen stack, und

konnte ihn nicht los bringen. Sie fuhren nun mit dem Vieh heim und

erzählten ihrem Herrn das Geschehene, worauf sie gleich mit ihm zum

Felsen zurück mußten, wo aber weder Lache, noch Forelle, noch Lotteisen

mehr zu sehen waren. Im folgenden Jahre nahmen jedoch die Buben die

Lache mit der angeketteten Forelle abermals wahr, und im dritten und

letzten ihres Aufenthalts auf dem Hofe nochmals; stets fanden sie den

Fisch größer und glänzender geworden, aber alle ihre Bemühungen, ihn los

zu machen, waren vergebens.

Drei Jahre nachher wurde von Holzhauern auf dem Kandelfelsen ein

beschriebenes Pergament gefunden, welches die erwähnten Vorgänge

umständlich erzählte und sagte, daß, wenn die Forelle ihr Ziel erreiche,

sie mit dem Lotteisen den Felsen herausreiße und dadurch den See im

Innern des Berges auf das Elzthal loslasse. Das Pergament brachten die

Holzhauer nach Waldkirch, wo man es bei Erbauung der jetzigen Kirche in

deren Grundstein legte.

56.

Die Namen Gutach's, Bleibach's und Simonswald's.

Zu der ersten Äbtissin des Waldkircher Fräuleinstifts kamen drei Brüder

und baten, sich in ihrem öden Gebiete ansiedeln zu dürfen. Sie erlaubte

ihnen, sich die Plätze selbst zu wählen. An einer hübschen Stelle sprach

der Eine: »Hier ist's gut!« und baute sich da an. Wegen dieser Rede

erhielt der Ort den Namen _Gutach_. Der zweite fand jenseits des Baches

einen Platz, der ihm wohl gefiel, und sagte. »Hier bleib' ich!« Davon

wurde der Ort _Bleibach_ genannt. Der dritte endlich, welcher Simon

hieß, siedelte sich in einem Walde an, und seitdem trägt dieser den

Namen _Simonswald_.

57.

Der Ahornbauer.

Als ein Mann von Simonswald wegen Zauberei verbrannt werden sollte,

sprach er. »So gewiß bin ich unschuldig, als bei meinem Haus ein

Ahornbaum wachsen wird.« Gleich nach der Hinrichtung kam auch bei dem

Haus ein Ahorn hervor, und seitdem ist dort immer ein solcher Baum; denn

wenn man den einen umhaut, wächst unverzüglich ein anderer nach. Von dem

Baum hat der Hofbesitzer den Namen _Ahornbauer_ erhalten.

58.

Der Blindensee will ausbrechen.

Vor langer Zeit drohte dieser Bergsee bei dem Triberger Wasserfall

auszubrechen, und das dortige Thal zu überschwemmen. Da kam die Mutter

Gottes und spannte vor die Öffnung ein Netz von Fäden, wodurch das

Wasser, wie durch einen Damm, zurückgehalten ward. Jedes Jahr aber

verfault einer der Fäden, und wenn endlich alle verwest sind, dann

bricht der See heraus und überfluthet das ganze Thal. Dies geschieht am

Bartholomäustag, an welchem in Triberg Jahrmarkt gehalten wird.

59.

Zum todten Hund.

In die Wohnstube eines Schwarzwälderhofs schlug der Blitz und fuhr durch

einen Tisch, worauf ein kleines Kind schlief; dasselbe ließ er

unversehrt, tödtete aber einen Hund, der, gerade unter dem Kind, auf dem

Stubenboden lag. Von diesem Vorgang wird der Hof »zum todten Hund«

genannt.

60.

Messen angelobt.

Als im Jahr 1796 die Neufranken verheerend gegen Ettenheimweiler zogen,

gelobte die Pächterin eines benachbarten Hofes, fünfzig Messen lesen zu

lassen, wenn ihr Haus von der Grausamkeit dieser Feinde verschont

bliebe. Letzteres geschah, zur allgemeinen Verwunderung; die Frau

unterließ jedoch, ihr Gelübde zu erfüllen, und ohne dasselbe Jemand

offenbart zu haben, starb sie nach drei Jahren in Ettenheimweiler. Als

ihre dort verheirathete Tochter, nach Verfluß von ebenso viel Jahren,

Nachmittags auf dem Fuchsberg die Reben schnitt, erschien ihr plötzlich

eine Frau mit grauem Gesicht und grauem Kleid und sprach: »Du mußt mich

erlösen!« Vor Schrecken fiel jene in Ohnmacht; als sie daraus erwachte,

war die graue Gestalt verschwunden. Dieselbe kam aber, einige Tage

nachher, am Morgen zu ihr in die Küche und sagte, sie sey ihre Mutter,

und um sie zu erlösen, solle die Tochter von Haus zu Haus so viel Geld

zusammenbetteln, daß davon die fünfzig Messen gelesen und vierundzwanzig

Kreuzer der Magd bezahlt werden konnten, der sie, bei ihren Lebzeiten,

drei Batzen am Lohne abgezogen habe. Hierauf verschwand sie, die Tochter

aber eilte zu ihrem Mann und erzählte ihm, was ihr begegnet. Um ihr das

Betteln zu ersparen, wollte er selbst das Geld hergeben, was auch der

Pfarrer, den sie darüber um Rath fragten, für genügend erklärte. Ehe

jedoch der Mann das Geld beisammen hatte, erschien seiner Frau ihre

Mutter wieder in der Küche und sprach drohend: »Willst Du Alles thun,

was ich Dir geheißen habe, oder willst Du meinen Zorn fühlen!« Voll

Angst versprach die Frau, zu gehorchen, machte sich auch alsbald auf den

Weg und bettelte von Haus zu Haus bis gegen Freiburg hinauf. In vierzehn

Tagen hatte sie das Geld beisammen; damit bezahlte sie die Magd und ließ

in den benachbarten Klöstern die fünfzig Messen abhalten. In der Nacht

nach Lesung der letzten Messe kam die Mutter, in glänzend weißer

Gestalt, zu dem Mann und der Frau in die Schlafstube, sagte für ihre

Erlösung Dank und legte, um diesen zu bezeugen, ihre rechte Hand auf

eine Flegelruthe, die, nach ihrem Begehren, ihre Tochter ihr hinhielt.

Da brannten sich ihre fünf Finger hinein, und sie verschwand. Die

Flegelruthe wird noch jetzt in dem Hause aufbewahrt.

61.

Das Kruzifix zwischen Ettenheim und Altdorf.

Ein frommer Jüngling in Ettenheim wollte sich auf den Wunsch seiner

Eltern verheirathen; er schwankte aber zwischen zwei gleich braven

Mädchen, deren eines zu Straßburg, das andere zu Freiburg wohnte. In

dieser Ungewißheit betete er eines Tages in der Messe inbrünstig um

Erleuchtung, und da kam ihm in den Sinn: er solle sich auf eines seiner

Pferde setzen und es laufen lassen, wohin es wolle; denn es bringe ihn

an den Wohnort desjenigen der beiden Mädchen, welches ihm von Gott zur

Frau bestimmt sey. Nachdem er aufgesessen, schlug das Pferd von selbst

den Weg gegen Altdorf ein, daß er dachte, es gehe nach Straßburg; aber

plötzlich springt es von diesem Weg ab und über die benachbarten Felder

auf die Landstraße nach Freiburg, wo es den Jüngling glücklich

hinbringt. Derselbe heirathete nun das dortige Mädchen, und er lebte mit

ihr so glücklich, daß er zum Danke an der Stelle, wo das Pferd den Weg

nach Straßburg verlassen, ein steinernes Kruzifix errichtete, welches

das _Kreuz zum guten Rathe_ genannt wird[8].

[8] An dem Kruzifix ist folgende Inschrift:

=ChrIste IesV bonI ConsILII Dator MIserere nobIs.=

=D. O. M.=

=Piorum consiliorum inspiratori benignissimo crucem hanc in debitae

gratitudinis pignus erexit Franc. Valentini Satori et Annae Mariae

Neumayer P. M. relicta progenies 1763.=

62.

Spinne nicht in der Nacht vor Fronfasten.

In der Nacht vor Fronfasten spann eine Frau zu Orschweier noch nach elf

Uhr. Da kam die Fronfastenfrau zur Thüre herein und legte ihr ein

Dutzend Spulen hin, mit den Worten: »Alle diese Spulen mußt Du bis zwölf

Uhr vollgesponnen haben, wo ich sie wieder holen werde!« Nicht lange war

sie weggegangen, so lief die Frau, welche sich nicht zu helfen wußte,

zum Pfarrer, und fragte ihn, was sie machen solle. Er rieth ihr, um jede

Spule drei Fäden im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen

Geistes zu spinnen, was sie auch that und Schlag zwölf Uhr fertig war.

Als gleich darauf die Fronfastenfrau die Spulen abholte, sprach sie: »Du

hast wohl gethan, den Rath des Schwarzrocks zu befolgen; denn sonst

solltest Du gesehen haben, was ich mit Dir gemacht hätte!« Nach dieser

Rede entfernte sie sich.

63.

Mordthat offenbart.

Zu Ottenheim hatte ein armes Mädchen mit einem vermöglichen Burschen,

der Soldat war, Bekanntschaft und wurde in Folge davon schwanger.

Dessenungeachtet bewarb er sich bald darauf um eine reiche

Bauerstochter, und weil er befürchtete, daß jenes Mädchen ihm hinderlich

sey, beschloß er, es aus dem Wege zu räumen. In dieser Absicht ging er

Samstag Nachts mit einer Schaufel in den Wald, wo er in einem

abgelegenen Schlag eine tiefe Grube machte. Am andern Nachmittag lud er

das Mädchen zu einem Gange dahin ein, und als sie dort waren, sagte er

ihr: sie solle Reue und Leid erwecken; denn sie müsse jetzt sterben.

Flehentlich bat sie ihn, ihrer und seines Kindes zu schonen, sie wolle

gern in die weite Welt hinaus, um ihn an der reichen Heirath nicht zu

hindern; aber Alles war vergebens, und er gewährte ihr nur noch so viel

Zeit, um drei Vaterunser zu beten. Als sie damit fertig war, sprach sie

zu ihm: »Das sage ich Dir, wenn Du mich umbringst, wird mein Blut Dich

verrathen!« Hierüber lachend, tödtete er sie mit mehreren Stichen und

verscharrte sie in die Grube. Bald nachher begab er sich auf einige

Jahre zu seiner Fahne, während welcher Zeit der Wald in Gemeindewiesen

umgewandelt ward. Nachdem der Bursch im Heere ausgedient hatte, ließ er

sich in Ottenheim nieder und heirathete die reiche Bauerstochter. Einst

mußte er die Gemeindewiesen mähen helfen, wobei er gerade auf die Grube

zu stehen kam. Beim ersten Hieb, welchen er in's Gras that, wurde die

Sense voll Blut; erschrocken wischte er es ab und verließ gleich die

Stelle. Zu Hause entdeckte er seiner Frau den Vorfall und die Ermordung

des Mädchens. Einige Zeit nachher gerieth er mit ihr in Hader und

brachte sie durch Stockschläge so in Harnisch, daß sie auf die Straße

lief und laut die Mordthat verkündete. Er ward darauf festgenommen und,

nachdem er Alles eingestanden, mit dem Schwerte hingerichtet. Die

Gebeine des Mädchens fand man noch in der Grube und brachte sie auf den

Gottesacker.

64.

Wunderbarer Hirsch.

Neugesammelte Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden · 第 2 / 7 段