Mit großer Mühe hatten beide, der Abt und Kreisler, das Gemälde an der

Wand mit Mauerschrauben befestigt, und nun stellte sich der Abt in das

rechte Licht und schaute das Bild mit einem solch innigem Wohlbehagen,

mit solch sichtlicher Freude an, daß es schien, als sei außer der in der

Tat bewundrungswürdigen Malerei, noch ein besonderes Interesse hier im

Spiele. -- Der Gegenstand des Gemäldes war ein Mirakel. Von der

strahlenden Glorie des Himmels umflossen, erschien die heilige Jungfrau;

in der linken Hand trug sie einen Lilienzweig, mit den beiden

Mittelfingern der rechten Hand berührte sie aber die nackte Brust eines

Jünglings, und man sah, wie unter den Fingern dickes Blut aus einer

offnen Wunde hervortropfte. Der Jüngling erhob sich halb von dem Lager,

auf das er ausgestreckt, er schien aus dem Todesschlafe zu erwachen,

noch hatte er nicht die Augen geöffnet, aber das verklärte Lächeln, das

auf seinem schönen Antlitz ausgebreitet, zeigte, daß er die Mutter

Gottes schaute im seligen Traum, daß ihm der Schmerz der Wunde

entnommen, daß der Tod keine Macht mehr hatte über ihn. -- Jeder Kenner

mußte die korrekte Zeichnung, die geschickte Anordnung der Gruppe, die

richtige Verteilung des Lichts und Schattens, den grandiosen Wurf der

Gewänder, die hohe Anmut der Gestalt Maria's, vorzüglich auch die

lebensvolle Farbe, die den modernen Künstlern meistens nicht zu Gebote

steht, höchlich bewundern. Worin sich aber am meisten, und wie es in der

Natur der Sache liegt auch am entschiedensten, der wahre Genius des

Künstlers offenbarte, war der unbeschreibliche Ausdruck der Gesichter.

Maria war das schönste anmutigste Weib, das man nur sehen konnte, und

doch lag auf dieser hohen Stirn des Himmels gebietende Majestät,

strahlte überirdische Seligkeit im milden Glanz aus diesen dunklen

Augen. Ebenso war die himmlische Verzückung des zum Leben erwachenden

Jünglings mit einer seltenen Kraft des schöpferischen Geistes vom

Künstler aufgefaßt und dargestellt. -- Kreisler kannte in der Tat kein

einziges Gemälde der neuern Zeit, das er diesem herrlichen Bilde hätte

an die Seite stellen können; er äußerte dies dem Abt, indem er sich über

alle einzelnen Schönheiten des Werks weitläuftig ausließ und dann

hinzufügte, daß in der neuesten Zeit wohl kaum Gediegeneres

hervorgebracht worden.

Das hat seinen guten Grund, wie Ihr, Kapellmeister! sogleich erfahren

sollt, sprach der Abt lächelnd. -- Es ist ein eignes Ding mit unsern

jungen Künstlern, sie studieren und studieren, erfinden, zeichnen,

machen gewaltige Kartons und am Ende kommt Totes, Starres hervor, das

nicht eindringen kann ins Leben, weil es selbst nicht lebt. Statt des

alten großen Meisters, den sie sich zum Muster und Vorbild gewählt

haben, Werke sorgfältig zu kopieren und so einzudringen in seinen

eigentümlichsten Geist, wollen sie gleich die Meister selbst sein und

Similia malen, verfallen aber darüber in eine Nachahmerei der

Nebendinge, die sie ebenso kindisch und lächerlich erscheinen läßt, als

jenen, der, um einem großen Mann gleich zu kommen, ebenso zu husten, zu

schnarren, etwas gebückt zu gehen sich mühte, wie dieser. -- Es fehlt

unsern jungen Malern an der wahren Begeisterung, die das Bild in aller

Glorie des vollendetsten Lebens aus dem Innern hervorruft und Ihnen vor

Augen stellt. Man sieht, wie sich dieser, jener vergebens abquält um

endlich in jene erhöhte Stimmung des Gemüts zu geraten, ohne die kein

Werk der Kunst geschaffen wird. Was dann aber die Ärmsten für wahre

Begeisterung halten, wie sie den heitern, ruhigen Sinn der alten Maler

erhob, ist nur das seltsam gemischte Gefühl von hochmütiger Bewunderung

des selbst gefaßten Gedankens und von ängstlicher, quälender Sorge, nun

bei der Ausführung es dem alten Vorbilde auch in der kleinsten

Kleinigkeit nachzutun. -- So wird denn oft die Gestalt, die selbst

lebendig, ins helle freundliche Leben treten sollte, zur widerlichen

Fratze. Unsere jungen Maler bringen es nicht zur deutlichen Anschauung

der im Innern aufgefaßten Gestalt, und mag es vielleicht nicht lediglich

daher kommen, daß sie, gerät ihnen auch sonst alles so ziemlich gut,

doch die Färbung verfehlen? -- Mit einem Wort, sie können höchstens

zeichnen, aber durchaus nicht malen. Unwahr ist es nämlich, daß die

Kenntnis der Farben und ihrer Behandlung verloren gegangen sein, daß es

den jungen Malern an Fleiß fehlen sollte. Denn was das erste betrifft,

so ist es unmöglich, da die Malerkunst seit der christlichen Zeit, in

der sie sich erst als wahrhaftige Kunst gestaltete, nie geruht hat,

sondern Meister und Schüler eine ununterbrochene, fortlaufende Reihe

bilden, und der Wechsel der Dinge, der freilich nach und nach die

Abweichungen vom Wahrhaftigen herbeiführte, auf die Übertragung des

Mechanischen keinen Einfluß haben konnte. Anlangend aber den Fleiß der

Künstler, so möchte ihnen eher Übermaß als Mangel daran vorzuwerfen

sein. Ich kenne einen jungen Künstler, der ein Gemälde, läßt es sich

auch ziemlich gut an, so lange übermalt und übermalt, bis alles in einen

stumpfen bleiernen Ton hinschwindet und so vielleicht erst dem innern

Gedanken gleicht, dessen Gestalten nicht in das vollendete, lebendige

Leben treten konnten. -- Seht da, Kapellmeister, ein Bild, aus dem

wahres, herrliches Leben haucht, und das darum, weil es die wahre fromme

Begeisterung schuf! -- Das Mirakel ist Euch deutlich. Der Jüngling, der

sich dort vom Lager erhebt, wurde in gänzlicher Hilflosigkeit von

Mördern überfallen und zum Tode getroffen. Laut rief er, der sonst ein

gottloser Frevler gewesen, der die Gebote der Kirche in höllischem Wahn

verachtet, die heilige Jungfrau um Hilfe an, und es gefiel der

himmlischen Mutter Gottes, ihn aus dem Tode zu erwecken, damit er noch

lebe, seine Irrtümer einsehe und sich in frommer Hingebung der Kirche

weihe und ihrem Dienst. -- Dieser Jüngling, dem die Gottgesandte so viel

Gnade angedeihen ließ, ist zugleich der Maler des Bildes. --

Kreisler bezeugte über das, was ihm der Abt sagte, seine nicht geringe

Verwunderung und schloß damit, daß auf diese Weise das Mirakel ja in der

neuesten Zeit sich zugetragen haben müsse?

Auch Ihr, sprach der Abt mit sanftem mildem Ton, auch Ihr, mein lieber

Johannes, seid also der törichten Meinung, daß das Gnadentor des Himmels

jetzt verschlossen sei, so daß das Mitleiden, die Barmherzigkeit in der

Gestalt des Heiligen, den der bedrängte Mensch in der zermalmenden Angst

des Verderbens brünstig anflehte, nicht mehr hindurchwandeln, selbst dem

Bedürftigen erscheinen und ihm Frieden und Trost bringen könne? -- Glaubt

mir Johannes, nie haben die Wunder aufgehört, aber des Menschen Auge ist

erblödet in sündigem Frevel, es kann den überirdischen Glanz des Himmels

nicht ertragen, und vermag daher nicht die Gnade der ewigen Macht zu

erkennen, wenn sie sich kundtut in sichtbarlicher Erscheinung. -- Doch

mein lieber Johannes: die herrlichsten göttlichsten Wunder geschehen in

dem innersten Gemüt des Menschen selbst, und diese Wunder soll er laut

verkünden, wie er es nur vermag, in Wort, Ton oder Farbe. So hat jener

Mönch, der das Bild malte, das Wunder seiner Bekehrung herrlich

verkündet, und so -- Johannes, ich muß von Euch reden, es strömt mir aus

dem Herzen -- und so verkündet Ihr in mächtigen Tönen das herrliche

Wunder der Erkenntnis des ewigen, klarsten Lichts aus Eurem tiefsten

Innern heraus. Und daß Ihr das vermöget, ist das nicht auch ein

gnadenvolles Wunder, das die ewige Macht geschehen läßt zu Euerm Heil?

--

Kreisler fühlte sich von des Abts Worten gar seltsam erregt; so wie es

selten geschehen, trat der volle Glauben an seine innere schöpferische

Kraft lebendig hervor und ihn durchbebte ein seliges Wohlbehagen.

Nicht den Blick hatte Kreisler indessen abgewandt von dem wunderbaren

Gemälde, aber wie es wohl zu geschehen pflegt, daß wir auf Bildern,

vorzüglich wenn, wie es hier der Fall, starke Lichteffekte im Vor- oder

Mittelgrunde angebracht sind, die in den dunklen Hintergrund gestellten

Figuren erst später entdecken, so gewahrte auch jetzt erst Kreisler die

Gestalt, die in einen weiten Mantel gehüllt, den Dolch, auf den nur ein

Strahl der Glorie der Himmelskönigin zu fallen schien, so daß er kaum

bemerkbar blinkte, in der Hand, durch die Türe entfloh. Es war offenbar

der Mörder; im Entfliehen blickte er rückwärts und sein Gesicht trug den

furchtbaren Ausdruck der Angst und des Entsetzens.

Wie ein Blitz traf es den Kreisler, als er in dem Antlitz des Mörders

die Züge des Prinzen Hektor erkannte; nun war es ihm auch, als habe er

den zum Leben erwachenden Jüngling schon irgendwo, wiewohl nur sehr

flüchtig, gesehen. Eine ihm selbst unerklärliche Scheu hielt ihn zurück,

diese Bemerkungen dem Abte mitzuteilen, dagegen fragte er den Abt, ob er

es nicht für störend und anstößig halte, daß der Maler ganz im

Vorgrunde, wiewohl im Schlagschatten, Gegenstände des modernen Anzuges

angebracht, und wie er jetzt erst sehe auch den erwachenden Jüngling,

also sich selbst, modern gekleidet?

In der Tat war auf dem Bilde, und zwar zur Seite des Vorgrundes, ein

kleiner Tisch und ein dicht daneben stehender Stuhl angebracht, auf

dessen Lehne ein türkischer Shawl hing, sowie auf dem Tisch ein

Offiziershut mit einem Federbusch und ein Säbel lagen. Der Jüngling trug

einen modernen Hemdkragen, eine Weste, die ganz aufgeknöpft, und einen

dunklen, ebenfalls ganz aufgeknöpften Überrock, dessen Schnitt aber

einen guten Faltenwurf zuließ. Die Himmelskönigin war gekleidet, wie man

sie auf den Bildern der besten alten Maler zu sehen gewohnt ist.

Mir ist, erwiderte der Abt auf Kreislers Frage, mir ist die Staffage im

Vorgrunde sowie des Jünglings Überrock nicht allein keineswegs anstößig,

sondern ich meine auch, daß der Maler nicht von des Himmels Gnade,

sondern von weltlicher Torheit und Eitelkeit hätte durchdrungen sein

müssen, wenn er auch nur in dem geringfügigsten Nebenpunkte von der

Wahrheit abgewichen wäre. So wie es sich wirklich begab, getreu nach

Ort, Umgebung, Kleidung der Personen u. s. w. mußte er das Mirakel

darstellen, so sieht auch jeder auf den ersten Blick, daß sich das

Mirakel in unsern Tagen begab, und so wird das Gemälde des frommen

Mönchs zur schönen Trophäe der siegenden Kirche in diesen Zeiten des

Unglaubens und der Verderbtheit.

Und doch, sprach Kreisler, und doch ist mir dieser Hut, dieser Säbel,

dieser Shawl, dieser Tisch, dieser Stuhl -- ist mir das alles, sage ich,

fatal, und ich wollte, der Maler hätte diese Staffage des Vorgrundes

weggelassen, und sich selbst ein Gewand umgeworfen, statt des Überrocks.

Sagt selbst, hochehrwürdiger Herr! könnt Ihr Euch eine heilige

Geschichte denken im modernen Kostüm, einen heiligen Joseph im

Flauschrock, einen Heiland im Frack, eine Jungfrau in einer Robe mit

umgeworfenen türkischen Shawl? Würde Euch das nicht als eine unwürdige

ja abscheuliche Profanation des Erhabensten erscheinen? Und doch

stellten die alten, vorzüglich die deutschen Maler alle biblischen und

heiligen Geschichten in dem Kostüm ihres Zeitalters dar, und ganz falsch

möchte die Behauptung sein, daß sich jene Trachten besser zur

malerischen Darstellung eigneten als die jetzigen; die freilich, bis auf

manche Kleidung der Weiber, albern und unmalerisch genug sind. Doch bis

ins Übertriebene, bis ins Ungeheuere, möcht ich sagen gingen ja manche

Moden der Vorzeit; man denke an jene Ellen hoch aufgekrümmte

Schnabelschuhe, an jene bauschichte Pluderhosen, an jene zerschnittene

Wämser und Ärmel u. s. w., vollends unausstehlich und Antlitz und Wuchs

entstellend waren aber manche Weibertrachten, wie man sie auf alten

Bildern findet, auf denen das junge blühende, bildschöne Mädchen bloß

der Tracht halber das Ansehen hat einer alten grämlichen Matrone. Und

doch sind gewiß jene Bilder niemanden anstößig gewesen.

Nun kann ich Euch, mein lieber Johannes, erwiderte der Abt, mit wenigen

Worten recht den Unterschied der alten frommen und der jetzigen

verderbten Zeit vor Augen bringen. -- Seht, damals waren die heiligen

Geschichten so in das Leben der Menschen eingedrungen, ja, ich möchte

sagen, so im Leben bedingt, daß jeder glaubte, vor seinen Augen habe

sich das Wundervolle begeben und jeden Tag könne die ewige Allmacht

Gleiches geschehen lassen. So ging dem frommen Maler die heilige

Geschichte, der er seinen Sinn zugewendet, in der Gegenwart auf; unter

den Menschen, wie sie ihn im Leben umgaben, sah er das Gnadenreiche

geschehen, und wie er es lebendig geschaut, brachte er es auf die Tafel.

Heutzutage sind jene Geschichten etwas ganz Entferntes, das als für sich

bestehend und in die Gegenwart nicht eintretend, nur in der Erinnerung

ein mattes Leben mühsam behauptet, und vergebens ringt der Künstler nach

lebendiger Anschauung, da, mag er es sich auch selbst nicht gestehen,

sein innerer Sinn durch das weltliche Forttreiben verflacht ist.

-- Ebenso fade und lächerlich ist es aber hiernach, wenn man den alten

Malern Unkenntnis des Kostüms vorwirft und darin die Ursache findet,

warum sie nur die Trachten ihrer Zeit in ihren Gemälden aufstellten, als

wenn unsere jungen Maler sich mühen die abenteuerlichsten

geschmackwidrigsten Trachten des Mittelalters in ihren Abbildungen

heiliger Geschichten anzubringen, dadurch aber zeigen, daß sie das, was

sie abzubilden unternommen, nicht unmittelbar im Leben anschauten,

sondern sich mit dem Reflex davon begnügten, wie er ihnen im Gemälde des

alten Meisters aufging. Eben daher, mein lieber Johannes, weil die

Gegenwart zu profan, um nicht mit jenen frommen Legenden im häßlichen

Widerspruch zu stehen, weil niemand im Stande ist, sich jene Wunder als

unter uns geschehen vorzustellen, eben daher würde allerdings die

Darstellung in unserem modernen Kostüm uns abgeschmackt, fratzenhaft, ja

frevelig bedünken. Ließe es aber die ewige Macht geschehen, daß vor

unser aller Augen nun wirklich ein Wunder geschehe, so würde es durchaus

unzulässig sein, das Kostüm der Zeit zu ändern, so wie die jungen Maler

nun freilich, wollen sie einen Stützpunkt finden, darauf bedacht sein

müssen, in alten Begebenheiten das Kostüm des jedesmaligen Zeitalters,

so wie es erforschlich, richtig zu beobachten. -- Recht, wiederhole ich

noch einmal, recht hatte der Maler dieses Bildes, daß er die Gegenwart

andeutete, und eben jene Staffage, die Ihr, lieber Johannes, verwerflich

findet, erfüllt mich mit frommen heiligen Schauern, da ich selbst

einzutreten wähne in das enge Gemach des Hauses zu Neapel, wo sich erst

vor ein paar Jahren das Wunder der Erweckung jenes Jünglings begab. --

Kreisler wurde durch die Worte des Abts zu Betrachtungen mancherlei Art

veranlaßt; er mußte ihm in vielem recht geben, nur meinte er doch, daß

was die höhere Frömmigkeit der alten Zeit und die Verderbtheit der

jetzigen betreffe, aus dem Abt gar zu sehr der Mönch spreche, der

Zeichen, Wunder, Verzückungen verlange und wirklich schaue, deren ein

frommer kindlicher Sinn, dem die krampfhafte Ekstase eines berauschenden

Kultus fremd bleibe, nicht bedürfe, um wahrhaft christliche Tugend zu

üben; und eben diese Tugend sei keineswegs von der Erde verschwunden,

und könne dies wirklich geschehen, so würde die ewige Macht, die uns

aufgegeben und dem finstern Dämon freie Willkür gegönnt, uns auch durch

kein Mirakel zurückbringen wollen auf den rechten Weg. --

Alle diese Betrachtungen behielt indessen Kreisler für sich und

betrachtete schweigend noch immer das Bild. Aber immer mehr traten auch

bei näherem und näherem Anschauen die Züge des Mörders aus dem

Hintergrunde hervor, und Kreisler überzeugte sich, daß das lebendige

Original der Gestalt niemand anders sein könne als Prinz Hektor.

Mich dünkt, hochehrwürdiger Herr! begann Kreisler, ich erblicke dort im

Hintergrunde einen wackern Freischützen, der es abgesehen hat auf das

edelste Tier, nämlich auf den Menschen, den er pirscht auf mannigfache

Weise. Er hat diesmal, wie ich sehe, ein treffliches wohlgeschliffnes

Fangeisen zur Hand genommen und gut getroffen, mit dem Schießgewehr

hapert's aber merklich, da er vor nicht langer Zeit auf dem Anstand

einen muntern Hirsch garstig fehlte. -- In der Tat, mich gelüstets gar

sehr nach dem _Curriculum vitae_ dieses entschlossenen Weidmanns, sei es

auch nur ein epitomatischer Auszug aus demselben, der mir schon zeigen

könnte, wo ich eigentlich meine Stelle finde und ob es nicht geraten,

mich nur gleich an die heilige Jungfrau zu wenden, wegen eines mir

vielleicht nötigen Frei- und Schutzbriefes! --

Laßt nur die Zeit hingehen, Kapellmeister! sprach der Abt, mich sollt'

es wundern, wenn Euch nicht in kurzem so manches klar würde, das jetzt

noch in trübem Dunkel liegt. -- Es kann sich noch vieles Euern Wünschen,

die ich erst jetzt erkannt, gar freudig fügen. Seltsam -- ja so viel

kann ich Euch wohl sagen -- seltsam genug scheint es, daß man in

Sieghartshof über Euch im gröbsten Irrtum ist. Meister Abraham mag

vielleicht der einzige sein, der Euer Innres durchschaut.

Meister Abraham, rief Kreisler, Ihr kennt den Alten, hochehrwürdiger

Herr?

Ihr vergeßt, erwiderte der Abt lächelnd, daß unsere schöne Orgel ihre

neue wirkungsvolle Struktur der Geschicklichkeit Meister Abrahams zu

verdanken hat! -- Doch künftig mehr! -- Wartet nur in Geduld der Dinge,

die da kommen werden.

Kreisler beurlaubte sich beim Abt; er wollte hinab in den Park, um so

manchen Gedanken nachzuhängen, die ihn durchkreuzten; doch als er schon

die Treppe hinabgestiegen war, hörte er hinter sich herrufen: _Domine,

domine Capellmeistere! -- paucis te volo!_ -- Es war der Pater Hilarius,

welcher versicherte, daß er mit höchster Ungeduld auf das Ende der

langen Konferenz mit dem Abt gewartet. Soeben habe er sein

Kellermeisteramt verrichtet und den herrlichsten Leistenwein abgezogen,

der seit Jahren im Keller gewesen. Ganz unumgänglich nötig sei es, daß

Kreisler sogleich einen Pokal davon leere zum Frühstück, um die Güte des

edlen Gewächses zu erkennen und sich zu überzeugen, daß es ein Wein sei,

der feurig, geist- und herzstärkend, für einen tüchtigen Kompositor und

echten Musikanten geboren.

Kreisler wußte wohl, daß es vergeblich sein würde, dem begeisterten

Pater Hilarius entgehen zu wollen und es war ihm selbst recht bei der

Stimmung, in die er sich versetzt fühlte, ein Glas guten Wein zu

genießen, er folgte daher dem fröhlichen Kellermeister, der ihn in seine

Zelle führte, wo er auf einem kleinen, mit einer saubern Serviette

bedeckten Tischchen schon eine Flasche des edlen Getränks sowie

frischgebacknes Weißbrot und Kümmel vorfand. -- _Ergo bibamus!_ rief Pater

Hilar, schenkte die zierlichen grünen Römer voll und stieß mit Kreislern

fröhlich an. Nicht wahr, begann er, nachdem die Pokale geleert, nicht

wahr, Kapellmeister, unser hochwürdiger Herr will Euch gern in den

langen Rock hineinvexieren? -- Tut's nicht, Kreisler! -- Mir ist wohl in

der Kutte, ich möchte sie um keinen Preis wieder ablegen; aber

_distinguendum est inter et inter._ -- Für mich ist ein gut Glas Wein und

ein tüchtiger Kirchengesang die ganze Welt, aber Ihr -- Ihr! Nun Ihr

seid noch zu ganz andern Dingen aufgehoben, Euch lacht noch das Leben

auf ganz andre Weise, Euch leuchten noch ganz andre Lichter, als die

Altarkerzen! -- Nun Kreisler! kurz von der Sache zu reden -- stoßt an!

_Vivat_ Euer Mädel, und wenn Ihr Hochzeit macht, so soll Euch der Herr Abt

alles Verdrusses unerachtet durch mich von dem besten Wein senden, der

nur in unserm reichen Keller befindlich!

Kreisler fühlte sich durch Hilarius Worte berührt auf unangenehme Weise,

so wie es uns schmerzt, wenn wir etwas Zartes, Schneereines erfaßt sehn

von plumpen ungeschickten Händen. Was Ihr nicht alles wißt, sprach

Kreisler, indem er sein Glas zurückzog, was Ihr nicht alles erfahrt in

Euern vier Mauern.

_Domine Kreislere,_ rief Pater Hilarius, nichts für ungut, _video

mysterium_ aber ich will das Maul halten! Wollt Ihr nicht auf Euer --

Nun! laßt uns frühstücken in _Camera et faciemus bonum cherubim_ -- und

_bibamus,_ daß der Herr uns hier in der Abtei die Ruhe und Gemütlichkeit

erhalten möge, die bisher geherrscht.

Ist denn die jetzt in Gefahr gekommen! -- fragte Kreisler gespannt.

_Domine,_ sprach Pater Hilarius leise, indem er Kreislern vertraulich

näher rückte. _Domine dilectissime!_ Ihr seid lange genug bei uns um zu

wissen, in welcher Eintracht wir leben, wie sich die verschiedensten

Neigungen der Brüder in einer gewissen Heiterkeit einigen, die von

allem, von unserer Umgebung, von der Milde der Klosterzucht, von der

ganzen Lebensweise begünstigt wird. -- Vielleicht hat das am längsten

gedauert. Erfahrt es Kreisler! eben ist Pater Cyprianus angekommen, der

längst erwartete, der von Rom aus dem Abt auf das dringendste empfohlen

wurde. Es ist noch ein junger Mann, aber auf diesem ausgedörrten starren

Antlitz ist auch nicht eine Spur eines heitern Gemüts zu finden,

vielmehr liegt in den finstern abgestorbenen Zügen eine unerbittliche

Strenge, die den bis zur höchsten Selbstqual gesteigerten Aszetiker

verkündet. Dabei zeugt sein ganzes Wesen von einer gewissen feindseligen

Verachtung alles dessen, was ihn umgibt, die vielleicht wirklich dem

Gefühl einer geistlichen Übermacht über uns alle ihren Ursprung

verdanken mag. Schon erkundigte er sich in abgebrochenen Worten nach der

Klosterzucht und schien großes Ärgernis an unserer Lebensweise zu

nehmen. -- Gebt acht, Kreisler, dieser Ankömmling wird unsre ganze

Ordnung, die uns so wohlgetan, verkehren! Gebt acht, _nunc probo!_ Die

Strenggesinnten werden sich leicht an ihn anschließen, und bald wird

sich eine Partei wider den Abt bilden, der vielleicht der Sieg nicht

entgehen kann, weil es mir gewiß scheint, daß Pater Cyprianus ein

Emissar Sr. päpstlichen Heiligkeit ist, dessen Willen sich der Abt

beugen muß! -- Kreisler! was wird aus unserer Musik, aus Eurem

gemütlichen Aufenthalt bei uns werden! -- Ich sprach von unserm

wohleingerichteten Chor und wie wir die Werke der größten Meister recht

wacker auszuführen im Stande, da schnitt aber der finstre Aszetiker ein

entsetzliches Gesicht und meinte, dergleichen Musik sei für die profane

Welt, aber nicht für die Kirche, aus der sie der Papst Marcellus der

Zweite mit Recht ganz verbannen wollen. -- _Per diem_ wenn es keinen Chor

mehr geben soll und man mir vielleicht auch den Weinkeller verschließt

so -- doch vorderhand, _bibamus!_ -- Man muß sich vor der Zeit keine

Gedanken machen, _ergo_ -- gluck-gluck.

Kreisler meinte, daß es sich wohl mit dem neuen Ankömmling, der

vielleicht strenger schiene als er es wirklich sei, besser fügen und er

seinerseits nicht glauben könne, daß der Abt bei dem festen Charakter,

den er stets bewiesen, so leicht dem Willen eines fremden Mönchs

nachgeben werde, zumal es ihm selbst an wichtigen, erfolgreichen

Verbindungen in Rom gar nicht fehle.

In dem Augenblick wurden die Glocken gezogen, ein Zeichen, daß die

feierliche Aufnahme des fremden Bruders Cyprianus in den Orden des

heiligen Benedikt vor sich gehen solle.

Kreisler begab sich mit dem Pater Hilarius, der mit einem

halbängstlichen: _bibendum quid_ noch die Neige seines Römers schnell

hinunter schluckte, auf den Weg nach der Kirche. Aus den Fenstern des

Korridors, den sie durchschritten, konnte man in die Gemächer des Abts

hineinschauen. Seht, seht! rief Pater Hilar, indem er den Kreisler in

die Ecke eines Fensters zog. Kreisler schaute hinüber und gewahrte in

dem Gemach des Abts einen Mönch, mit dem der Abt sehr eifrig sprach,

indem eine dunkle Röte sein Antlitz überzog. Endlich kniete der Abt

nieder vor dem Mönch, der ihm den Segen gab.

Hab ich recht, sprach Hilarius leise, wenn ich in diesem fremden Mönch,

der mit einem Mal hinabschneit in unsre Abtei, etwas Besonderes,

Seltsames suche und finde.

Gewiß, erwiderte Kreisler, hat es mit diesem Cyprianus eine eigne

Bewandtnis, und mich sollt es wundern, wenn nicht gewisse Beziehungen

sich sehr bald kundtun sollten.

Pater Hilarius begab sich zu den Brüdern um mit ihnen in feierlicher

Prozession, das Kreuz vorauf, die Laienbrüder mit angezündeten Kerzen

und Fahnen an den Seiten in die Kirche zu ziehen.

Als nun der Abt mit dem fremden Mönch dicht bei Kreisler vorüberkam,

erkannte dieser auf den ersten Blick, daß Bruder Cyprianus eben der

Jüngling war, den auf jenem Bilde die heilige Jungfrau aus dem Tode zum

Leben erweckte. -- Doch noch eine Ahnung erfaßte Kreislern plötzlich. Er

rannte hinauf in sein Zimmer, er holte das kleine Bildnis hervor, das

ihm Meister Abraham gegeben, er erblickte denselben Jüngling, nur

jünger, frischer und in Offizier-Uniform abgebildet. Als nun --

Vierter Abschnitt.

Ersprießliche Folgen höherer Kultur. -- Die reiferen Monate des Mannes.

Hinzmanns rührender Sermon, das Trauermahl, die schöne Mina, Miesmies

Wiederfinden, der Tanz, alles das hatte in meiner Brust einen Zwiespalt

der widersprechendsten Gefühle erregt, so daß ich, wie man im

gewöhnlichen Leben gemeinhin sagt, mich eigentlich gar nicht zu lassen

wußte und in einer gewissen trostlosen Bangigkeit des Gemüts wünschte,

ich läge im Keller in der Grube, wie Freund Muzius. Das war nun freilich

sehr arg und ich wüßte gar nicht, was aus mir geworden wäre, lebte nicht

der wahre, hohe Dichtergeist in mir, der sofort mich mit reichlichen

Versen versorgte, die ich niederzuschreiben nicht unterließ. -- Die

Göttlichkeit der Poesie offenbart sich vorzüglich darin, daß das

Versemachen, kostet auch der Reim hin und wieder manchen Schweißtropfen,

doch ein wunderbares inneres Wohlbehagen erregt, das jedes irdische Leid

überwindet, so wie man denn wissen will, daß es sogar oftmals schon

Hunger und Zahnschmerzen besiegt hat. Jener soll, da der Tod ihm den

Vater, die Mutter, die Gattin raubte, zwar bei jedem Todesfall, wie

billig ganz außer sich, aber doch bei dem Gedanken an das herrliche

Trauer-Carmen, das er nun im Geist zu empfangen gedachte, niemals

untröstlich gewesen sein und bloß noch einmal sich verheiratet haben, um

die Hoffnung abermaliger tragischer Begeisterung derselben Art nicht

aufzugeben. --

Hier sind die Verse, die meinen Zustand sowie den Übergang von Leid zur

Freude mit poetischer Kraft und Wahrheit schildern.

Was wandelt horch! durch finstre Räume

In öder Keller Einsamkeit!

Was ruft mir zu: Nicht länger säume!

Wes Stimme klagt ein herbes Leid?

Dort liegt der treue Freund begraben,

Nach mir verlangt sein irrer Geist;

=Mein= Trost soll ihn im Tode laben,

=Ich= bin's, der Leben ihm verheiß!

Doch nein! -- das ist kein flücht'ger Schatten,

Der solche Töne von sich gibt!

Sie seufzen nach dem treuen Gatten,

Nach ihm, der noch so heiß geliebt!

In alte Liebesketten fallen,

Rinaldo will's, er kehrt zurück,

Doch wie! -- Schau' ich nicht spitze Krallen?

Nicht eifersücht'gen Zornes Blick?

Sie ist's -- die Frau! -- wohin entfliehen! --

Ha! welch Gefühl bestürmt die Brust.

Im keuschen Schnee der Jugend blühen,

Seh' ich des Lebens höchste Lust.

Sie springt, sie nah't, und immer heller,

Wird's um mich Hochbeglückten her.

Ein süßer Duft durchweht den Keller,

Die Brust wird leicht, das Herz wird schwer.

Der Freund gestorben -- =sie= gefunden --

Entzücken! -- Wonne! -- bittrer Schmerz!

Die Gattin -- Tochter -- neue Wunden! --

Ha! sollst du brechen armes Herz?

Doch kann den Sinn wohl so betören,

Ein Trauermahl, ein lust'ger Tanz?

Nein -- diesem Treiben muß ich wehren,

Mich blendet nur ein falscher Glanz.

Hinweg ihr eitlen Truggebilde,

Gebt höher'm Streben willig Raum.

Gar manches führt die Katz' im Schilde,

Sie liebt, sie haßt und weiß es kaum.

Kein Ton, kein Blick, senkt eure Augen,

O Mina, Miesmies, falsch Geschlecht!

Verderblich Gift, nicht will ich's saugen,

Ich flieh' und Muzius sei gerächt.

Verklärter: -- ja bei jedem Braten,

Bei jedem Fisch gedenk ich dein!

Denk' deiner Weisheit, deiner Taten,

Denk' Kater ganz wie du zu sein.

Gelang es hünd'schem Frevelwitze,

Dich zu verderben edler Freund,

So trifft die Schmach blutgier'ge Spitze,

Es rächet dich, der um dich weint.

So flau, so jammervoll im Busen

War mir's, ich wußte gar nicht wie.

Doch hoher Dank den holden Musen,

Dem kühnen Flug der Phantasie.

Mir ist jetzt wieder leidlich besser,

Spür' gar nicht g'ringen Appetit,

Bin Muzius gleich ein wackrer Esser,

Und ganz in Poesie erglüht.

Ja Kunst! du Kind aus hohen Sphären,

Du Trösterin im tiefsten Leid,

O! Verslein laß mich stets gebären,

Mit genialer Leichtigkeit!

Und: Murr, so sprechen edle Frauen,

Hochherz'ge Jünglinge, o Murr:

»Du Dichterherz, ein zart Vertrauen,

»Weckt in der Brust dein süß Gemurr!«

Die Wirkung des Verslein-Machens war zu wohltätig, ich konnte mich nicht

mit diesem Gedicht begnügen, sondern machte mehre hintereinander mit

gleicher Leichtigkeit, mit gleichem Glück. Die gelungensten würd' ich

hier dem geneigten Leser mitteilen, hätte ich nicht im Sinn, dieselben

mit mehreren Witzwörtern und Impromptus, die ich in müßigen Stunden

angefertigt und über die ich schon beinahe vor Lachen bersten mögen,

unter dem allgemeinen Titel: Was ich gebar in Stunden der Begeisterung,

herauszugeben. -- Zu meinem nicht geringen Ruhm muß ich es sagen, daß

selbst in meinen Jünglingsjahren, wenn der Sturm der Leidenschaft noch

nicht verbraust ist, ein heller Verstand, ein feiner Takt für das

Gehörige, die Oberhand behielt über jeden abnormen Sinnenrausch. So

gelang es mir auch die plötzlich aufgewallte Liebe zu der schönen Mina

gänzlich zu unterdrücken. Einmal mußte mir denn doch bei ruhiger

Überlegung diese Leidenschaft in meinen Verhältnissen etwas töricht

vorkommen; dann erfuhr ich aber auch, daß Mina des äußern Scheins

kindlicher Frömmigkeit unerachtet, ein keckes eigensinniges Ding sei,

die bei gewissen Anlässen den bescheidensten Katerjünglingen in die

blanken Augen fahre. Um mir aber jeden Rückfall zu ersparen, vermied ich

sorglich Mina zu sehen, und da ich Miesmies vermeintliche Ansprüche und

ihr seltsames überspanntes Wesen noch mehr scheute, so hielt ich mich,

um ja keiner von beiden zu begegnen, einsam im Zimmer und besuchte weder

den Keller, noch den Boden, noch das Dach. Der Meister schien dies gern

zu sehen; er erlaubte, daß ich, studierte er am Schreibtisch, mich

hinter seinem Rücken auf den Lehnstuhl setzen und mit vorgestrecktem

Halse durch den Arm in das Buch gucken durfte, welches er eben las. -- Es

waren ganz hübsche Bücher die wir, ich und mein Meister auf diese Art

zusammen durchstudierten, wie z. B. Arpe, _De prodigiosis naturae et

artis operibus, Talismanes et Amuleta dictis,_ Beckers bezauberte Welt,

Francisci Petrarca Gedenkbuch u. a. m. -- Diese Lektüre zerstreute mich

ungemein und gab meinem Geist einen neuen Schwung.

Der Meister war ausgegangen, die Sonne schien so freundlich, die

Frühlingsdüfte wehten so anmutig zum Fenster hinein; ich vergaß meine

Vorsätze und spazierte hinauf auf das Dach. Kaum war ich aber oben, als

ich auch schon Muzius Witwe erblickte, die hinter dem Schornstein

hervorkam. -- Vor Schreck blieb ich regungslos stehen, wie eingewurzelt;

schon hörte ich mich bestürmt mit Vorwürfen und Beteuerungen. -- Weit

gefehlt. -- Gleich hinterher folgte der junge Hinzmann, rief die schöne

Witwe mit süßen Namen, sie blieb stehen, empfing ihn mit lieblichen

Worten, beide begrüßten sich mit dem entschiedenen Ausdruck inniger

Zärtlichkeit und gingen dann schnell an mir vorüber, ohne mich zu grüßen

oder sonst im mindesten zu beachten. Der junge Hinzmann schämte sich

ganz gewiß vor mir, denn er senkte den Kopf zu Boden und schlug die

Augen nieder, die leichtsinnige kokette Witwe warf mir aber einen

höhnischen Blick zu.

Der Kater ist, was sein psychisches Wesen betrifft, doch eine gar

närrische Kreatur. -- Hätte ich nicht froh sein können, sein müssen, daß

Muzius Witwe anderweitig mit einem Liebhaber versehen, und doch konnte

ich mich eines gewissen innern Ärgers nicht erwehren, der beinahe das

Ansehen hatte von Eifersüchtelei. -- Ich schwor niemals mehr das Dach zu

besuchen, wo ich große Unbill erlebt zu haben glaubte. Statt dessen

sprang ich nun fleißig auf die Fensterbank, sonnte mich, schaute um mich

zu zerstreuen auf die Straße herab, stellte allerlei tiefsinnige

Betrachtungen an und verband so das Angenehme mit dem Nützlichen.

Ein Gegenstand dieser Betrachtungen war denn auch, warum es mir noch

niemals eingefallen, mich aus eignem freien Antriebe vor die Haustüre zu

setzen oder auf der Straße zu lustwandeln, wie ich es doch viele von

meinem Geschlecht tun sah, ohne alle Furcht und Scheu. Ich stellte mir

das als etwas höchst Angenehmes vor und war überzeugt, daß nun, da ich

zu reiferen Monaten gekommen und Lebenserfahrung genug gesammelt, von

jenen Gefahren in die ich geriet, als das Schicksal mich, einen

unmündigen Jüngling, hinausschleuderte in die Welt, nicht mehr die Rede

sein könne. Getrost wandelte ich daher die Treppe herab und setzte mich

fürs erste auf die Türschwelle, in den hellsten Sonnenschein. Daß ich

eine Stellung annahm, die jedem auf den ersten Blick den gebildeten,

wohlerzogenen Kater verraten mußte, versteht sich von selbst. Es gefiel

mir vor der Haustüre ganz ungemein. Indem die heißen Sonnenstrahlen

meinen Pelz wohltätig auswärmten, putzte ich mit gekrümmter Pfote

zierlich Schnauze und Bart, worüber mir ein paar vorübergehende junge

Mädchen, die den großen, mit Schlössern versehenen Mappen nach, die sie

trugen, aus der Schule kommen mußten, nicht allein ihr großes Vergnügen

bezeugten, sondern mir auch ein Stückchen Weißbrot verehrten, welches

ich nach gewohnter Galanterie dankbarlichst annahm. --

Ich spielte mehr mit der mir dargebotenen Gabe, als daß ich sie

wirklich zu verzehren Anstalt machte, aber wie groß war mein Entsetzen,

als plötzlich ein starkes Brummen dicht bei mir dies Spiel unterbrach,

und der mächtige Alte, Ponto's Oheim, der Pudel Skaramuz vor mir stand.

Mit einem Satz wollte ich fort aus der Türe, doch Skaramuz rief mir zu:

Sei er kein Hasenfuß und bleib er ruhig sitzen; glaubt er, ich werd ihn

fressen? --

Mit der demütigsten Höflichkeit fragte ich, worin ich vielleicht dem

Herrn Skaramuz nach meinen geringen Kräften dienen könne, der erwiderte

aber barsch: In nichts in gar nichts kann er mir dienen, Mosje Murr, und

wie sollte das auch möglich sein. Aber fragen wollt' ich ihn, ob er

vielleicht weiß, wo mein liederlicher Neffe steckt, der junge Ponto. Er

hat sich ja wohl schon einmal mit ihm herumgetrieben, und ihr scheinet

zu meinem nicht geringen Ärger ein Herz und eine Seele. Nun? -- sag er

nur an, ob er weiß, wo der Junge herumschwärmt; ich habe ihn schon seit

mehreren Tagen mit keinem Auge gesehen.

Verlegen durch des mürrischen Alten stolzes wegwerfendes Betragen,

versicherte ich kalt, daß von einer engen Freundschaft zwischen mir und

dem jungen Ponto gar nicht die Rede sei und auch niemals die Rede

gewesen wäre. Zumal in der letzten Zeit habe sich Ponto, den ich

übrigens gar nicht aufgesucht, ganz von mir zurückgezogen.

Nun das freut mich, brummte der Alte, das zeigt doch, daß der Junge Ehre

im Leibe hat und nicht gleich bei der Hand ist mit Leuten allerlei

Gelichters sein Wesen zu treiben.

Das war denn doch nicht auszuhalten, der Zorn übermannte mich, das

Burschentum regte sich in mir, ich vergaß alle Furcht, und prustete dem

schnöden Skaramuz ein tüchtiges: Alter Grobian! ins Gesicht, hob auch

die rechte Pfote mit ausgespreizten Krallen in die Höhe und zwar in der

Richtung nach des Pudels linkem Auge. Der Alte wich zwei Schritte zurück

und sprach weniger barsch, als vorher: Nun, nun Murr! nichts für ungut,

ihr seid sonst ein guter Kater und da will ich euch denn raten, nehmt

euch in acht vor dem Blitzjungen dem Ponto! Er ist, ihr möget es

glauben, eine ehrliche Haut, aber leichtsinnig! -- leichtsinnig! zu

allen tollen Streichen aufgelegt, kein Ernst des Lebens, keine Sitte!

-- Nehmt euch in acht, sag' ich, denn bald wird er euch verlocken in

allerlei Gesellschaften, wo ihr gar nicht hingehört und euch mit

unsäglicher Mühe zu einer Art des sozialen Umgangs zwingen müßt, die

eurer innersten Natur zuwider und über die eure Individualität, eure

einfache ungeheuchelte Sitte, wie ihr sie mir eben bewiesen, zu Grunde

geht. -- Seht, guter Murr, Ihr seid, wie ich schon gesagt, als Kater

schätzenswert und habt für gute Lehre ein williges geneigtes Ohr!

-- Seht! so viel tolle, unangenehme ja zweideutige Streiche auch ein

Jüngling verführen mag, zeigt er nur dann und wann jene weichliche ja

oft süßliche Gutmütigkeit, wie sie Leuten von sanguinischem Temperament

immer eigen, so heißt es denn gleich mit dem französischen Ausdruck: _Au

fond_ ist er doch ein guter Kerl und das soll denn alles entschuldigen,

was er beginnt gegen alle Sitte und Ordnung. Aber der _fond_, in dem der

Kern des Guten steckt, liegt so tief und über ihm hat sich so viel Unrat

eines ausgelassenen Lebens gesammelt, daß er im Keime ersticken muß.

-- Für wahrhaftes Gefühl des Guten wird einem aber oft jene alberne

Gutmütigkeit aufgetischt, die der Teufel holen soll, wenn sie nicht

vermag den Geist des Bösen in einer glänzenden Maske zu erkennen. Traut,

o Kater, den Erfahrungen eines alten Pudels, der sich was in der Welt

versucht und laßt Euch nicht durch das verdammte: _Au fond_ ist er ein

guter Kerl, betören! -- Seht Ihr etwa meinen liederlichen Neffen, so

möget Ihr ihm alles geradezu heraussagen, was ich mit Euch gesprochen,

und Euch seine fernere Freundschaft gänzlich verbitten. -- Gott

befohlen! -- Ihr freßt das wohl nicht, guter Murr?

Damit nahm der alte Pudel Skaramuz das Stückchen Weißbrot, das vor mir

lag, hurtig ins Maul und schritt dann gemächlich von dannen, indem er

mit gesenktem Haupt die lang behaarten Ohren an der Erde schleppen ließ

und ein ganz klein wenig mit dem Schweife wedelte. --

Gedankenvoll schaute ich dem Alten nach, dessen Lebensweisheit mir ganz

eingehen wollte. Ist er fort, ist er fort? So lispelte es dicht hinter

mir, und ich erstaunte nicht wenig, als ich den jungen Ponto erblickte,

der sich hinter die Türe geschlichen und so lange gewartet hatte, bis

der Alte mich verlassen. Ponto's plötzliche Erscheinung setzte mich

gewissermaßen in Verlegenheit, da mir des alten Onkels Auftrag, den ich

jetzt eigentlich hätte ausrichten müssen, doch etwas bedenklich schien.

Ich dachte an jene entsetzlichen Worte, die Ponto mir einst zugerufen:

Solltest du es dir etwa beikommen lassen, feindliche Gesinnungen gegen

mich zu äußern, so bin ich dir an Stärke und Gewandheit überlegen. Ein

Sprung, ein tüchtiger Biß meiner scharfen Zähne würde dir auf der Stelle

den Garaus machen. -- Ich fand es sehr ratsam zu schweigen. --

Diese inneren Bedenklichkeiten mochten mein äußeres Betragen kalt und

gezwungen erscheinen lassen, Ponto guckte mich an mit scharfem Blick.

Dann brach er aus in eine helle Lache und rief: Ich merk es schon,

Freund Murr! Mein Alter hat dir allerlei Böses vorgeredet von meinem

Treiben, er hat mich liederlich, allen tollen Streichen und

Ausschweifungen ergeben, geschildert. Sei nicht so töricht, von dem

allem auch nur ein Wörtchen zu glauben. Fürs erste! Schau mich recht

aufmerksam an und sage mir, was du von meiner äußern Erscheinung hältst?

-- Den jungen Ponto betrachtend fand ich, daß er nie so wohl genährt, so

glau ausgesehen, daß nie diese Nettigkeit, diese Eleganz in seinem

Anzuge, nie diese wohltuende Übereinstimmung in seinem ganzen Wesen

geherrscht. Ich äußerte ihm dies unverhohlen.

Nun wohl, guter Murr, sprach Ponto, glaubst du wohl, daß ein Pudel, der

sich in schlechter Gesellschaft umhertreibt, der niedrigen

Ausschweifungen ergeben, der recht systematisch liederlich ist ohne

eigentlichen Geschmack daran zu finden, sondern bloß aus Langeweile, wie

es denn nun wirklich bei vielen Pudeln der Fall ist -- glaubst du wohl,

daß ein solcher Pudel so aussehen kann wie du mich findest? Du rühmst

vorzüglich die Harmonie in meinem ganzen Wesen. Schon das muß dich

belehren, wie sehr mein grämlicher Onkel im Irrtum ist; denke, da du ein

literarischer Kater bist, an jenen Lebensweisen, welcher dem, der an

einem Lasterhaften vorzüglich das Unharmonische der ganzen Gestaltung

rügte, erwiderte: Ist es möglich, daß das Laster Einheit haben kann?

Wundere dich, Freund Murr, nicht einen Augenblick über die schwarzen

Verleumdungen meines Alten. Grämlich und geizig, wie denn nun einmal

alle Oheime sind, hat er deshalb seinen ganzen Zorn auf mich geworfen,

weil er _par honneur_ einige kleine Spielschulden bezahlen müssen, die ich

bei einem Wurstkrämer ausgeborgt hatte, der bei sich verbotenes Spiel

duldete und den Spielern oft in Cervelaten, Grützen und Lebern (zu

Würsten aptiert nämlich) bedeutende Vorschüsse machte. Dann aber denkt

der Alte auch noch immer an eine gewisse Periode, in der meine

Lebensweise eben nicht rühmlich war, die aber längst vorüber und dem

herrlichsten Anstande gewichen ist.

In dem Augenblicke kam ein kecker Pinscher des Weges, guckte mich an,

als hab' er meines gleichen noch niemals gesehen, schrie mir die

gröbsten Insolenzen in die Ohren und schnappte dann nach dem Schweif,

den ich lang aus von mir gestreckt, welches ihm zu mißfallen schien.

Sowie ich aber hochaufgerichtet mich zur Wehre setzen wollte, war Ponto

auch schon auf den ungesitteten Krakeeler losgesprungen, hatte ihn zu

Boden getreten und zwei-, dreimal überrannt, so daß er unter dem

jammervollsten Lamento, den Schweif fest eingeklemmt, schnell davonfuhr

wie ein abgeschossener Pfeil.

Dieser Beweis, den Ponto mir von seiner guten Gesinnung, von seiner

tätigen Freundschaft gab, rührte mich ungemein und ich dachte, daß hier

das: _Au fond_ ist er ein guter Kerl! welches der Onkel Skaramuz mir hatte

verdächtig machen wollen, doch auf Ponto anzuwenden sei in besserm Sinne

und ihn mit mehrerem Grunde entschuldigen könne, als manchen andern.

Überhaupt wollt' es mich bedünken, daß der Alte gewiß zu schwarz gesehen

und Ponto zwar leichtsinnige aber nie schlechte Streiche machen könne.

Alles dieses äußerte ich meinem Freunde ganz unverhohlen und dankte ihm

dabei dafür, daß er meine Verteidigung übernommen, in den

verbindlichsten Ausdrücken.

Es freut mich, guter Murr, erwiderte Ponto, indem er, wie es seine Art

war, mit muntren schalkischen Augen umherblickte, daß der pedantische

Alte dich nicht irre gemacht hat, sondern daß du mein gutes Herz

erkennst. -- Nicht wahr, Murr, ich nahm den übermütigen Jungen tüchtig

vor? -- Er wird daran denken lange Zeit. Eigentlich habe ich ihm heute

schon den ganzen Tag aufgepaßt, der Bengel stahl mir gestern eine Wurst

und mußte dafür gezüchtigt werden. Daß dabei auch nebenher die Unbill

gerächt wurde, die du von ihm erfahren, und daß ich in dieser Art dir

meine Freundschaft bewähren konnte, ist mir gar nicht unlieb; ich

schlug, wie man im Sprichwort zu sagen pflegt, zwei Fliegen mit einer

Klappe. -- Nun aber wiederum auf unser voriges Gespräch zurückzukommen!

-- Betrachte mich, guter Katz, noch einmal recht genau, und sage mir, ob

du denn gar keine merkwürdige Veränderung in meinem Äußern wahrnimmst?

--

Ich schaute meinen jungen Freund aufmerksam an und -- ach der Tausend!

nun erst fiel mir das silberne zierlich gearbeitete Halsband ins Auge,

das er trug, und auf dem die Worte graviert waren: Baron Alcibiades von

Wipp. Marschallstraße Nr. 46.

Wie Ponto, rief ich erstaunt, du hast deinen Herrn verlassen, den

ästhetischen Professor und dich zu einem Baron begeben?

Verlassen habe ich nun eigentlich den Professor nicht, erwiderte Ponto,

sondern er hat mich von sich gejagt mit Fußtritten und Prügeln.

Wie konnte das geschehen, sprach ich, dein Herr bewies dir ja sonst

alle Liebe und Güte wie nur möglich?

Ach, antwortete Ponto, das ist eine dumme ärgerliche Geschichte, die

nur durch das sonderbare Spiel des neckenden Zufalls zu meinem Glück

ausschlug. An der ganzen Sache war bloß meine alberne Gutmütigkeit

schuld, der freilich ein wenig eitle Prahlerei beigemischt. In jeder

Minute wollt' ich meinem Herrn Aufmerksamkeiten erweisen und ihm dabei

mein Geschick, meine Ausbildung zeigen. Deshalb war ich auch gewohnt

alles, was an Kleinigkeiten am Fußboden lag, dem Herrn ohne weitere

Aufforderung zu apportieren. Nun! -- Du weißt vielleicht, daß der

Professor Lothario eine blutjunge und dabei bildhübsche Frau hat, die

ihn auf das zärtlichste liebt, woran er gar nicht zweifeln darf, da sie

es ihm jeden Augenblick versichert und ihn gerade dann mit Liebkosungen

überhäuft, wenn er, in Büchern begraben, sich auf die zu haltende

Vorlesung vorbereitet. Sie ist die Häuslichkeit selbst, da sie das Haus

niemals vor zwölf Uhr verläßt da sie doch schon um halb elf Uhr

aufgestanden und einfach in ihren Sitten verschmäht sie nicht mit der

Köchin, mit dem Stubenmädchen die häuslichen Angelegenheiten bis ins

tiefste Detail zu beraten und sich, ist das Wochengeld gewisser nicht

etatsmäßiger Ausgaben halber zu früh aus dem Beutel entwischt und darf

der Herr Professor nicht angegangen werden, ihrer Kasse zu bedienen. Die

Zinsen dieser Anleihen trägt sie ab in kaum getragnen Kleidern, so wie

diese und auch wohl Federhüte, in die die erstaunte Welt der Mägde

Sonntags das Stubenmädchen geputzt sieht, als Lohn für gewisse geheime

Gänge und andre Gefälligkeiten gelten dürften. Bei so vielen

Vollkommenheiten mag wohl einer liebenswürdigen Frau die kleine Torheit

(ist es überhaupt Torheit zu nennen) kaum verargt werden, daß ihr

eifrigstes Streben, all ihr Dichten und Trachten dahin geht, stets nach

der letzten Mode gekleidet zu gehen, daß ihr das Eleganteste, das

Teuerste, nicht elegant, nicht teuer genug ist, daß sie, hat sie ein

Kleid dreimal, einen Hut viermal getragen, den türkischen Shawl einen

Monat hindurch umgehängt, eine Idiosynkrasie dagegen empfindet und die

kostbarste Garderobe wegwirft um einen Spottpreis oder wie gesagt, die

Mägde sich darin putzen läßt. Daß die Frau eines Professors der Ästhetik

Sinn hat für schöne äußere Gestaltung ist wohl gar nicht zu verwundern,

und nur erfreulich kann es dem Gemahl sein, wenn dieser Sinn sich darin

offenbart, daß die Gemahlin mit sichtlichem Wohlgefallen den Blick der

feuerblitzenden Augen auf schönen Jünglingen ruhen läßt, diesen auch

wohl zuweilen etwas nachläuft. Manchmal bemerkte ich, daß dieser, jener

junge Mann, der die Vorlesungen des Professors besuchte, die Türe des

Auditoriums verfehlte und statt dieser die Türe, welche zum Zimmer der

Professorin führte, leise öffnete und ebenso leise hineintrat. Beinahe

mußte ich glauben, daß diese Verwechslung nicht ganz absichtslos

geschah, oder wenigstens niemanden gereute, denn keiner eilte, seinen

Irrtum zu verbessern, sondern jeder, der hineingetreten, kam erst nach

einer guten Zeit heraus und zwar mit solch lächelndem zufriednem Blick

als ob ihm der Besuch bei der Professorin ebenso angenehm und nützlich

gewesen als eine ästhetische Vorlesung des Professors. Die schöne

Lätitia (so hieß des Professors Frau) war mir nicht sonderlich gewogen.

Sie litt mich nicht in ihrem Zimmer und mochte recht haben, da freilich

der kultivierteste Pudel nicht dort hingehört, wo er bei jedem Schritt

Gefahr läuft Florspitzen zu zerreißen, Kleider zu beschmutzen, die auf

allen Stühlen umherliegen. Doch wollt es der Professorin böser Genius,

daß ich einmal bis in ihr Boudoir hineindrang. Der Herr Professor hatte

eines Tages bei einem Mittagsmahl mehr Wein getrunken als gerade

dienlich und war darüber in eine hochbegeisterte Stimmung geraten. Zu

Hause angekommen, ging er, ganz gegen seine Gewohnheit geradezu in das

Kabinett seiner Frau, und ich schlüpfte, selbst wußte ich nicht, was für

eine besondere Lust mich dazu antrieb, mit hinein durch die Türe. Die

Professorin war in Hauskleidern, deren Weiße dem frisch gefallenen

Schnee zu vergleichen, ihr ganzer Anzug zeigte nicht sowohl eine gewisse

Sorglichkeit, als die tiefste Kunst der Toilette, die sich hinter dem

Einfachen verbirgt und wie ein versteckter Feind desto gewisser siegt.

Die Professorin war in der Tat allerliebst und stärker als sonst empfand

dies der halb berauschte Professor, der ganz Liebe und Entzücken die

holde Gattin mit den süßesten Namen nannte, mit den zärtlichsten

Liebkosungen überhäufte und darüber gar nicht eine gewisse Zerstreuung,

ein gewisses unruhiges Mißbehagen bemerkte, das sich in dem ganzen Wesen

der Professorin nur zu deutlich aussprach. Mir war die steigende

Zärtlichkeit des begeisterten Ästhetikers unangenehm und lästig. Ich kam

auf meinen alten Zeitvertreib und suchte am Boden umher. Gerade als der

Professor in der höchsten Ekstase laut rief: Göttliches, hehres,

himmlisches Weib, laß uns -- tänzelte ich auf den Hinterbeinen zu ihm

heran und apportierte ihm zierlich und, wie bei diesem Akt jedesmal, ein

wenig mit dem Stutzschweif wedelnd, den feinen pommeranzfarbnen

Männerhandschuh, den ich unter dem Sofa der Frau Professorin gefunden.

-- Starr blickte der Professor den Handschuh an und rief wie plötzlich

aufgeschreckt aus einem süßen Traum: Was ist das? -- Wem gehört dieser

Handschuh! wie ist er in dies Zimmer gekommen? -- Damit nahm er den

Handschuh mir aus der Schnauze, besah ihn, hielt ihn an die Nase und

rief dann wieder: Wo kommt dieser Handschuh her? Lätitia, sprich, wer

ist bei Dir gewesen? -- Wie Du, erwiderte die holde treue Lätitia mit

dem ungewissen Ton der Verlegenheit, den sie sich vergebens mühte zu

unterdrücken, wie Du nun auch seltsam bist, lieber Lothar, wem soll, wem

wird der Handschuh gehören. Die Majorin war hier und konnte bei dem

Abschiede den Handschuh nicht finden, den sie auf der Treppe ausgestreut

zu haben glaubte. -- Die Majorin, schrie der Professor ganz außer sich,

die kleine zart gebaute Frau, deren ganze Hand hineingeht in diesen

Daumen! -- Höll und Teufel, welcher Zierbengel war hier? -- Denn nach

parfümierter Seife riecht das verfluchte Ding! -- Unglückliche, wer war

hier, welcher verbrecherische Trug der Hölle zerstörte hier meine Ruhe,

mein Glück! -- Schändliches, verruchtes Weib! --

Die Professorin machte gerade Anstalt in Ohnmacht zu fallen, als das

Stubenmädchen hereintrat und ich, froh des fatalen Ehestandsauftritts,

den ich veranlaßt, entledigt zu werden, schnell hinaussprang.

Den andern Tag war der Professor ganz stumm und in sich gekehrt; ein

einziger Gedanke schien ihn zu beschäftigen, einer einzigen Idee schien

er nachzugrübeln. Ob er es nur sein mag! -- Das waren die Worte, die

dann und wann den verstummten Lippen unwillkürlich entflohen. Gegen

Abend nahm er Hut und Stock, ich sprang und bellte freudig; er sah mich

lange an, helle Tränen traten ihm in die Augen, er sprach mit dem Ton

der tiefsten innigsten Wehmut: Mein guter Ponto! -- treue ehrliche

Seele! -- Dann lief er schnell vors Tor und ich dicht hinter ihm her,

fest entschlossen, den armen Mann aufzuheitern mittels aller Künste, die

mir nur zu Gebote standen. Dicht vor dem Tor begegnete uns der Baron

Alcibiades von Wipp, einer der zierlichsten Herren in unserer Stadt, auf

einem schönen Engländer. Sowie der Baron den Professor gewahrte,

kurbettierte er zierlich an ihn heran und fragte nach des Professors,

dann aber nach der Frau Professorin Wohlbefinden. Der Professor

stotterte in der Verwirrung einige unverständliche Worte hervor. In der

Tat, sehr heiße Witterung! sprach nun der Baron und zog ein seidnes Tuch

aus der Rocktasche, schleuderte aber mit demselben Schwunge einen

Handschuh heraus, den ich gewohnter Sitte gemäß meinem Herrn

apportierte. Hastig riß mir der Professor den Handschuh fort und rief:

Das ist Ihr Handschuh, Herr Baron? Allerdings, erwiderte dieser

verwundert über des Professors Heftigkeit, ich glaube, ich schleuderte

ihn in dem Augenblick aus der Rocktasche und der dienstfertige Pudel hob

ihn auf. So habe ich, sprach der Professor mit schneidendem Ton, indem

er den Handschuh, den ich unter dem Sofa in der Professorin Zimmer

hervorgesucht, ihm hinreichte, so habe ich das Vergnügen Ihnen den

Zwillings-Bruder dieses Handschuhes, den Sie gestern verloren,

überreichen zu können.

Ohne des sichtlich betretenen Barons Antwort abzuwarten, rannte der

Professor wild von dannen.

Ich hütete mich wohl, dem Professor in das Zimmer seiner teuren Gattin

zu folgen, da ich den Sturm ahnen konnte, der sich bald bis auf die Flur

hinausbrausend vernehmen ließ. Eben in einem Winkel des Flurs lauschte

ich und gewahrte, wie der Professor alle Flammen der Wut im

rotgleißenden Antlitz, das Stubenmädchen zur Stubentür, dann aber, als

sie sich noch unterfing einige kecke Worte zu sprechen, zum Hause

hinauswarf. Endlich in später Nacht kam der Professor ganz erschöpft auf

seinem Zimmer an. Ich gab ihm meine innige Teilnahme an seinem trüben

Malheur durch leises Winseln zu verstehen. Da umhalste er mich und

drückte mich an seine Brust, als sei ich sein bester innigster Freund.

Guter, ehrlicher Ponto, so sprach er mit ganz kläglichem Ton, treues

Gemüt, du, du allein hast mich aus dem betörenden Traum geweckt, der

mich meine Schande nicht erkennen ließ, du hast mich dahin gebracht, daß

ich das Joch abwerfen, in das mich ein falsches Weib gespannt hatte, daß

ich wieder ein freier unbefangener Mensch werden kann! Ponto, wie soll

ich dir das danken! -- Nie -- nie sollst du mich verlassen, ich will

dich hegen und pflegen wie meinen besten treusten Freund, du allein

wirst mich trösten, wenn ich bei dem Gedanken an mein hartes Mißgeschick

verzweifeln will.

Diese rührenden Äußerungen eines edlen dankbaren Gemüts wurden durch die

Köchin unterbrochen, welche mit blassem verstörten Gesicht hereinstürzte

und dem Professor die entsetzliche Botschaft hinterbrachte, daß die Frau

Professorin in den fürchterlichsten Krämpfen liege und den Geist

aufgeben wolle. Der Professor flog hinab. --

Mehrere Tage hindurch sah ich nun den Professor beinahe gar nicht.

Meine Speisung, für die sonst mein Herr liebreich selbst sorgte, war der

Köchin übertragen, die aber, eine mürrische garstige Person, mir mit

Widerwillen statt der sonstigen guten Gerichte nur die elendesten kaum

genießbaren Bissen zukommen ließ. Zuweilen vergaß sie mich auch ganz und

gar, so daß ich genötigt wurde bei guten Bekannten zu schmarotzen, auch

wohl auf Beute auszugehen, um nur meinen Hunger zu stillen.

Endlich schenkte mir, als ich eines Tages hungrig und matt mit

herabhängenden Ohren im Hause herumschlich, der Professor einige

Aufmerksamkeit. Ponto, rief er lächelnd, wie denn überhaupt sein Antlitz

ganz Sonnenschein war, Ponto, mein alter ehrlicher Hund, wo hast du denn

gesteckt? Hab' ich dich doch so lange nicht gesehen? Ich glaube gar, man

hat dich ganz gegen meinen Willen vernachlässigt und nicht sorgsam

gefüttert? -- Nun komm nur komm, heute sollst du wieder von mir selbst

deine Speise erhalten.

Ich folgte dem gütigen Herrn in das Eßzimmer. Die Frau Professorin

aufgeblüht wie eine Rose, wie der Herr Gemahl vollen Sonnenglanz im

Antlitz, kam ihm entgegen. Beide taten zärtlicher miteinander als

jemals, sie nannte ihn: englischer Mann, er sie aber: mein Mäuschen, und

dabei herzten und küßten sie sich wie ein Turteltaubenpaar. Es war eine

rechte Freude, das anzusehen. Auch gegen mich war die holde Frau

Professorin freundlich wie sonst niemals, und du kannst denken, guter

Murr, daß ich mich bei meiner angebornen Galanterie artig und zierlich

zu betragen wußte. -- Wer hätte ahnen können, was über mich verhängt

war! --

Es würde mir selbst schwer fallen, dir ausführlich all' die

heimtückischen Streiche zu erzählen, die meine Feinde mir spielten um

mich zu verderben, und noch mehr als das, es würde dich ermüden.

Beschränken will ich mich darauf nur einiges zu erwähnen, welches dir

ein treues Bild meiner unglücklichen Lage geben wird. -- Mein Herr war

gewohnt, mir im Speisezimmer während er selbst aß, die gewöhnlichen

Portionen an Suppe, Gemüse und Fleisch in einem Winkel am Ofen zu

verabreichen. Ich aß mit solchem Anstande, mit solcher Reinlichkeit, daß

auch nicht das kleinste Fettfleckchen auf dem getäfelten Fußboden

sichtbar. Wie groß war daher mein Entsetzen, als eines Mittags der Napf,

kaum hatte ich mich ihm genähert, in hundert Stücke zersprang und die

Fettbrühe sich ergoß über den schönen Fußboden! Zornig fuhr der

Professor auf mich los mit argen Scheltworten, und unerachtet die

Professorin mich zu entschuldigen suchte, las man doch den bittern

Verdruß in ihrem blassen Gesicht. Sie meinte, dürfte auch der garstige

Flecken nicht wohl fortzubringen sein, so könnte ja doch die Stelle

abgehobelt oder eine neue Tafel eingesetzt werden. Der Professor hegte

einen tiefen Abscheu gegen solche Reparaturen, er hörte schon die

Tischlerjungen hobeln und hämmern, und so waren es die liebreichen

Entschuldigungen der Professorin, die ihn mein vermeintliches Ungeschick

erst recht fühlen ließen und mir noch außer jenen Scheltworten ein

tüchtiges Paar Ohrfeigen einbrachten. -- Ich stand da im Bewußtsein

meiner Unschuld, ganz verblüfft, und wußte gar nicht, was ich denken,

was ich sagen sollte. -- Erst als mir dasselbe zwei- -- dreimal

geschehen, merkte ich die Tücke! -- Man hatte mir halb zerbrochene

Schüsseln hingestellt, die bei der leisesten Berührung in hundert Stücke

zerfallen mußten. Ich durfte nicht mehr im Zimmer bleiben, draußen

erhielt ich Speise von der Köchin, aber so kärglich, daß ich, von

nagendem Hunger getrieben manches Stück Brot, manchen Knochen zu

erschnappen suchen mußte. Darüber entstand denn nun jedesmal ein

gewaltiger Lärm, und ich mußte mir eigennützigen Diebstahl da vorwerfen

lassen, wo nur von der Befriedigung des dringendsten Naturbedürfnisses

die Rede sein konnte. -- Es kam noch ärger. Mit großem Geschrei klagte

die Köchin, daß ihr eine schöne Hammelkeule aus der Küche verschwunden

und daß ich sie ganz gewiß gestohlen. Die Sache kam als eine wichtigere

häusliche Angelegenheit vor den Professor. Der meinte, daß er sonst nie

den Hang zum Diebstahl an mir bemerkt und daß auch mein Diebsorgan

durchaus nicht ausgebildet sei. Auch sei es nicht denkbar, daß ich eine

ganze Hammelkeule so verspeiset, daß keine Spur mehr davon vorhanden.

-- Man suchte nach und -- fand in meinem Lager die Überbleibsel der

Keule! -- Murr! sieh, mit der Pfote auf der Brust schwöre ich's dir, daß

ich völlig unschuldig war, daß es mir nicht in den Sinn gekommen, den

Braten zu stehlen, doch, was halfen die Beteuerungen meiner Unschuld, da

der Beweis wider mich sprach! -- Um so ergrimmter war der Professor, als

er meine Partie genommen und sich in seiner guten Meinung von mir

getäuscht sah. -- Ich erhielt eine tüchtige Tracht Prügel. -- Ließ mich

der Professor auch nachher den Widerwillen fühlen, den er gegen mich

hegte, so war die Frau Professorin desto freundlicher, streichelte mir,

was sie sonst nie getan, den Rücken und gab mir sogar dann und wann

einen guten Bissen. Wie konnt' ich ahnen, daß das alles nur

gleisnerischer Trug, und doch sollte sich dies bald zeigen. -- Die Türe

des Eßzimmers stand offen, mit leerem Magen schaute ich sehnsüchtig

hinein und gedachte schmerzvoll jener guten Zeit, als ich, wenn das süße

Aroma des Bratens sich verbreitete, nicht vergebens den Professor

bittend anschaute und dabei, wie man zu sagen pflegt, ein wenig

schnüffelte! Da rief die Professorin: Ponto, Ponto! und hielt mir

geschickt zwischen dem zarten Daumen und dem niedlichen Zeigefinger ein

schönes Stück Braten hin. -- Mag es sein, daß ich im Enthusiasmus des

aufgeregten Appetits ein wenig heftiger zuschnappte als gerade nötig,

doch gebissen habe ich nicht die zarte Lilienhand, das kannst du mir

glauben, guter Murr. Und doch schrie die Professorin laut auf: der böse

Hund! und fiel wie ohnmächtig zurück in den Sessel, und doch sah ich zu

meinem Entsetzen wirklich ein paar Blutstropfen am Daumen. Der Professor

geriet in Wut; er schlug mich, trat mich mit Füßen, mißhandelte mich so

unbarmherzig, daß ich mit dir, mein guter Kater hier wohl nicht vor der

Türe säße im lieben Sonnenschein, hätte ich mich nicht durch die

schleunige Flucht zum Hause hinaus gerettet. An Rückkehr war nicht zu

denken. Ich sah ein, daß gegen die schwarze Kabale, die die Professorin

aus reiner Rachgier wegen des freiherrlichen Handschuhs gegen mich

angezettelt, nichts auszurichten und beschloß mir gleich einen andern

Herrn zu suchen. Sonst wäre das der schönen Gaben halber, die mir die

gütige, mütterliche Natur verliehen, ein Leichtes gewesen, Hunger und

Gram hatten mich aber so heruntergebracht, daß ich bei meinem miserablen

Aussehen in der Tat befürchten mußte, überall abgewiesen zu werden.

Traurig, von drückenden Nahrungssorgen gequält, schlich ich vors Tor.

Ich erblickte den Herrn Baron Alcibiades von Wipp, der vor mir herging

und ich weiß nicht, wie mir der Gedanke kam, ihm meine Dienste

anzubieten. Vielleicht war es ein dunkles Gefühl, daß ich auf diese

Weise Gelegenheit erhalten würde mich an dem undankbaren Professor zu

rächen, wie es sich später denn auch wirklich begab. -- Ich tänzelte an

den Baron heran, wartete ihm auf und folgte, als er mich mit einigem

Wohlgefallen betrachtete, ihm ohne Umstände nach in seine Wohnung. Sehen

Sie, so sprach er zu einem jungen Menschen, den er seinen Kammerdiener

nannte, unerachtet er sonst keinen andern Diener hatte, sehen Sie

Friedrich, was sich da für ein Pudel zu mir eingefunden hat. Wär' er nur

hübscher! Friedrich rühmte dagegen den Ausdruck meines Antlitzes, sowie

den zierlichen Wuchs und meinte, ich müsse von meinem Herrn schlecht

gehalten sein und habe ihn wahrscheinlich deshalb verlassen. Setzte er

noch hinzu, daß Pudel, die sich so von selbst aus freiem Antriebe

einfänden, gewöhnlich treue rechtschaffene Tiere wären, so konnte der

Baron nicht umhin mich zu behalten. Unerachtet ich nun durch Friedrichs

Vorsorge ein recht glaues Ansehen gewann, so schien der Baron doch nicht

sonderlich viel auf mich zu halten und litt es nur eben zur Not, daß ich

ihn auf seinen Spaziergängen begleitete. -- Das sollte anders kommen. --

Wir begegneten auf einem Spaziergange der Professorin. -- Erkenne, guter

Murr, das gemütliche Gemüt -- ja so will ich sagen -- eines ehrlichen

Pudels, wenn ich versichere, daß, unerachtet mir die Frau sehr weh

getan, ich doch eine ungeheuchelte Freude empfand, sie wiederzusehen.

-- Ich tanzte vor ihr her, bellte lustig, und gab ihr meine Freude auf

alle nur mögliche Weise zu erkennen. Sieh da, Ponto! rief sie,

streichelte mich und blickte den Baron von Wipp, der stehen geblieben

war, bedeutend an. Ich sprang zu meinem Herrn zurück, der mich

liebkoste. Er schien auf besondere Gedanken zu geraten; mehrmals

hintereinander murmelte er in sich hinein: Ponto! -- Ponto, wenn das

möglich sein sollte!

Wir hatten einen nahe gelegenen Lustort erreicht; die Professorin nahm

Platz mit ihrer Gesellschaft, bei der sich jedoch der liebe gutmütige

Herr Professor nicht befand. Unfern davon setzte sich der Baron Wipp, so

daß er, ohne sonderlich von den andern bemerkt zu werden, die

Professorin beständig im Auge behielt. Ich stellte mich vor meinen Herrn

und guckte ihn an, indem ich leise mit dem Schweif wedelte, als erwarte

ich seine Befehle. Ponto, sollte es möglich sein! wiederholte er. -- Nun,

setzte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu, nun, es kommt auf den

Versuch an! -- Damit nahm er einen kleinen Papierstreifen aus der

Brieftasche, schrieb einige Worte mit Bleistift darauf, rollte ihn

zusammen, steckte ihn mir unter das Halsband, wies nach der Professorin

und rief leise: Ponto -- allons! -- Nicht ein solcher kluger, in der Welt

gewitzigter Pudel hätte ich sein müssen, als ich es wirklich bin, um

nicht sogleich alles zu erraten. Ich machte mich daher sogleich an den

Tisch, wo die Professorin saß und tat, als verspüre ich großen Appetit

nach dem schönen Kuchen, der auf dem Tische stand. -- Die Professorin

war die Freundlichkeit selbst, sie reichte mir Kuchen mit der einen

Hand, während sie mich mit der andern am Halse kraute. Ich fühlte, wie

sie den Papierstreifen hervor zog. Bald darauf verließ sie die

Gesellschaft und begab sich in einen Nebengang. Ich folgte ihr. Ich sah,

wie sie des Barons Worte eifrig las, wie sie aus ihrem Strickkästchen

einen Bleistift hervorholte, auf denselben Zettel einige Worte schrieb

und ihn dann wieder zusammenrollte. Ponto, sprach sie dann, indem sie

mich mit schalkischem Blick betrachtete, du bist ein sehr kluger

vernünftiger Pudel, wenn du zu rechter Zeit apportierst! Damit steckte

sie mir das Zettelchen unter das Halsband, und ich unterließ nicht

eiligst hinzuspringen zu meinem Herrn. Der mutmaßte sogleich, daß ich

Antwort brächte, denn er zog alsbald den Zettel unter dem Halsbande

hervor. -- Der Professorin Worte mußten sehr tröstlich lauten und

angenehm, denn des Barons Augen funkelten vor lauter Freude und er rief

entzückt: Ponto -- Ponto, du bist ein herrlicher Pudel, mein guter Stern

hat mir dich zugeführt. Du kannst denken, guter Murr! daß ich nicht

weniger erfreut war, da ich einsah, wie ich nach dem, was sich soeben

zugetragen, in der Gunst meines Herrn hoch steigen müsse.

In dieser Freude machte ich beinahe unaufgefordert alle nur möglichen

Kunststücke. Ich sprach wie der Hund, starb, lebte wieder auf,

verschmähte das Stück Weißbrot vom Juden und verzehrte mit Appetit das

vom Christen usw. Ein ungemein gelehriger Hund! So rief eine alte Dame,

die neben der Professorin saß, herüber. Ungemein gelehrig, erwiderte der

Baron. Ungemein gelehrig! hallte der Professorin Stimme nach wie ein

Echo. -- Ich will dir nur ganz kurz sagen, guter Murr! daß ich den

Briefwechsel auf die erwähnte Weise fortwährend besorgte und noch jetzt

besorge, da ich zuweilen sogar mit Briefchen in des Professors Haus

laufe, wenn er gerade abwesend. Schleicht aber manchmal in der

Abenddämmerung der Herr Baron Alcibiades von Wipp zur holden Lätitia, so

bleibe ich vor der Haustüre und mache, läßt sich der Herr Professor nur

in der Ferne blicken, solch einen grimmigen Teufelslärm mit Bellen, daß

mein Herr ebensogut als ich, die Nähe des Feindes wittert und ihm

ausweicht. --

Mir kam es vor, als könne ich Ponto's Betragen doch nicht recht

billigen, ich dachte an des verewigten Muzius, an meinen eignen tiefen

Abscheu vor jedem Halsbande, und schon dies setzte mich darüber ins

Klare, daß ein ehrliches Gemüt, so wie es ein rechtschaffener Kater in

sich trägt, dergleichen Liebeskuppeleien verschmähe. Alles dieses

äußerte ich dem jungen Ponto ganz unverhohlen. Der lachte mir aber ins

Gesicht und meinte, ob denn die Moral der Katzen so gar strenge sei, und

ob ich nicht selbst schon hin und wieder über die Schnur gehauen, d. h.

etwas getan, was für den engen moralischen Schubkasten etwas zu breit

sei. -- Ich dachte an Mina und verstummte.

Fürs erste, mein guter Murr! sprach Ponto weiter, ist es ein ganz

gemeiner Erfahrungssatz, daß niemand seinem Schicksal entgehen kann, er

mag es nun anstellen wie er auch will; du kannst als ein Kater von

Bildung das weitere darüber nachlesen in einem sehr belehrenden und ganz

angenehm stilisierten Buche, _Jacques le fataliste_ betitelt. War es nach

dem ewigen Ratschluß bestimmt, daß der Professor der Ästhetik, Herr

Lothario, ein -- Nun du verstehst mich, guter Katz, aber zudem hat ja

der Professor durch die Art, wie er sich bei der merkwürdigen

Handschuhgeschichte -- sie sollte mehr Celebrität erhalten, schreib' was

darüber Murr -- benommen, seinen ganz entschiedenen ihm von der Natur

eingepflanzten Beruf bewiesen, in jenen großen Orden zu treten, den so

viele viele Männer tragen, mit der gebietendsten Würde, mit dem

schönsten Anstande, ohne es zu wissen. Diesen Beruf hätte Herr Lothario

erfüllt, gäb' es auch keinen Baron Alcibiades von Wipp, keinen Ponto.

Hatte aber wohl überhaupt Herr Lothario etwas anderes, besseres um mich

verdient, als daß ich gerade seinem Feinde mich in die Arme warf? -- Dann

aber fand auch der Baron gewiß andere Mittel, sich mit der Professorin

zu verstehen und derselbe Schaden kam über den Professor, ohne mir den

Nutzen zu bringen, den ich jetzt wirklich von dem angenehmen Verhältnis

des Barons mit der holden Lätitia verspüre. Wir Pudel sind nicht solche

überstrenge Moralisten, daß wir in unserm eignen Fleische wühlen und die

im Leben schon sonst knapp genug zugeschnittenen guten Bissen

verschmähen sollten.

Ich fragte den jungen Ponto, ob denn der Nutzen, den ihm sein Dienst bei

dem Baron Alcibiades von Wipp verschaffe, in der Tat so groß und wichtig

sei, daß er das Unangenehme, das Drückende der damit verbundenen

Knechterei aufwiege. Dabei gab ich ihm nicht undeutlich zu verstehen,

daß eben diese Knechterei einem Kater, dessen Freiheitssinn in der Brust

unauslöschlich, immer widerlich bleiben müsse.

Du redest, guter Murr, erwiderte Ponto stolz lächelnd, wie du es

verstehst, oder vielmehr wie es dir deine gänzliche Unerfahrenheit in

den höhern Verhältnissen des Lebens erscheinen läßt. Du weißt nicht, was

es heißt, der Liebling eines solchen galanten gebildeten Mannes zu sein,

wie es der Baron Alcibiades von Wipp wirklich ist. Denn, daß ich seit

der Zeit, als ich mich so klug und dienstfertig benommen, sein größter

Liebling geworden, darf ich dir, o mein freiheitsliebender Katz, wohl

nicht erst sagen. Eine kurze Schilderung unserer Lebensweise wird dich

das Angenehme, das Wohltätige meiner jetzigen Lage sehr lebhaft fühlen

lassen. -- Des Morgens stehen wir (ich und mein Herr nämlich) nicht zu

früh aber auch nicht zu spät auf; das heißt, auf den Schlag elf Uhr.

-- Ich muß dabei bemerken, daß mein breites weiches Lager unfern dem

Bette des Barons aufgeschlagen ist und daß wir viel zu harmonisch

schnarchen, um beim plötzlichen Erwachen zu wissen, wer geschnarcht hat.

-- Der Baron zieht an der Glocke und sogleich erscheint der

Kammerdiener, der dem Baron einen Becher rauchender Schokolade, mir aber

einen Porzellannapf voll des schönsten süßen Kaffees mit Sahne bringt,

den ich mit demselben Appetit leere wie der Baron seinen Becher. Nach

dem Frühstück spielen wir ein halbes Stündchen miteinander, welche

Leibesbewegung nicht allein unserer Gesundheit zuträglich ist, sondern

auch unsern Geist erheitert. Ist das Wetter schön, so pflegt der Baron

auch wohl zum offenen Fenster hinauszuschauen und die Vorübergehenden

mit dem Fernglas zu begucken. Gehen gerade nicht viele vorüber, so gibt

es noch eine andere Belustigung, die der Baron eine Stunde hindurch

fortsetzen kann, ohne zu ermüden. -- Unter dem Fenster des Barons ist

ein Stein eingepflastert, der sich durch eine besonders rötliche Farbe

auszeichnet, in der Mitte dieses Steines befindet sich aber ein kleines

eingebröckeltes Loch. Nun kommt es darauf an, so geschickt

herabzuspucken, daß gerade in dieses kleine Loch hineingetroffen wird.

-- Durch viele anhaltende Übung hat es der Baron dahin gebracht, daß er

auf das drittemal Treffen pariert und schon manche Wette gewann. Nach

dieser Belustigung tritt der sehr wichtige Moment des Anziehens ein. Das

geschickte Kämmen und Kräuseln des Haares, vorzüglich aber das

kunstmäßige Knüpfen des Halstuchs besorgt der Baron ganz allein, ohne

Hilfe des Kammerdieners. Da diese beiden schwierigen Operationen etwas

lange dauern, so benutzt Friedrich die Zeit um mich auch anzukleiden. D.

h. mit einem in lauwarmes Wasser eingeweichten Schwamm wäscht er mir den

Pelz, kämmt die langen Haare, die der Friseur an schicklichen Örtern

zierlich stehen lassen mit einem genugsam engen Kamme durch und legt mir

das schöne silberne Halsband um, das der Baron mir gleich verehrte, als

er meine Tugenden entdeckt. Die folgenden Augenblicke sind der Literatur

und den schönen Künsten gewidmet. Wir gehen nämlich in eine Restauration

oder in ein Kaffeehaus, genießen Beefsteak oder Karbonade, trinken ein

Gläschen Madeira, und gucken etwas weniges in die neuesten Journale, in

die neuesten Zeitungen. Dann beginnen die Vormittags-Visiten. Wir

besuchen diese, jene große Schauspielerin, Sängerin, ja auch wohl

Tänzerin, um ihr die Neuigkeiten des Tages, hauptsächlich aber den

Verlauf irgend eines Debüts von gestern abend, zu hinterbringen. Es ist

merkwürdig, mit welchem Geschick der Baron Alcibiades von Wipp seine

Nachrichten einzurichten weiß, um die Damen stets bei guter Laune zu

erhalten. Niemals ist es der Gegnerin oder wenigstens Kombattantin

gelungen, sich nur einen Teil des Ruhms anzueignen, der die Gefeierte

krönt, die er soeben im Schmollzimmerchen heimsucht. Man hat die Arme

ausgezischt -- ausgelacht -- und ist denn wirklich erhaltener glänzender

Beifall nicht wohl zu verschweigen, so weiß der Baron ganz gewiß ein

neues skandalöses Geschichtchen von der Dame aufzutischen, das ebenso

begierig vernommen als verbreitet wird, damit gehöriges Gift die Blumen

des Kranzes vor der Zeit töte. -- Die vornehmeren Visiten bei der Gräfin

A., bei der Baronesse B., bei der Gesandtin C. usw. füllen die Zeit aus

bis halb vier Uhr; und nun hat der Baron seine eigentlichen Geschäfte

abgemacht, so daß er um vier Uhr sich beruhigt zu Tische setzen kann.

Dies geschieht gewöhnlich wieder in einer Restauration. Nach Tische

gehen wir zu Kaffee, spielen auch wohl eine Partie Billard und machen

dann, erlaubt es die Witterung, eine kleine Promenade, ich beständig zu

Fuß, der Baron aber manchmal zu Pferde. So ist die Theaterstunde

herangekommen, die der Baron niemals versäumt. Er soll im Theater eine

überaus wichtige Rolle spielen, da er das Publikum nicht allein von

allen Verhältnissen der Bühne und der auftretenden Künstler in Kenntnis

setzen, sondern auch das gehörige Lob, den gehörigen Tadel anordnen, so

aber überhaupt den Geschmack im richtigen Gleise erhalten muß. Er fühlt

einen natürlichen Beruf dazu. Da man den feinsten Leuten meines

Geschlechts ungerechterweise den Eingang in das Theater durchaus nicht

verstattet, so sind die Stunden während der Vorstellung die einzigen, in

denen ich mich von meinem lieben Baron trenne und mich allein auf meine

eigene Hand belustige. Wie dies nun geschieht, und wie ich die

Konnexionen mit Windspielen, englischen Wachtelhunden, Möpsen und andern

vornehmen Leuten benutze, das sollst du künftig erfahren, guter Murr!

-- Nach dem Theater speisen wir wieder in einer Restauration, und der

Baron überläßt sich in heitrer Gesellschaft ganz seiner frohen Laune.

Das heißt, alle sprechen, alle lachen und finden alles auf Ehre

göttlich, und keiner weiß, was er spricht und worüber er lacht und was

als auf Ehre göttlich gerühmt werden darf. Darin besteht aber das

Sublime der Konversation, das ganze soziale Leben derer, die sich zur

eleganten Lehre bekennen, wie mein Herr. Manchmal fährt aber auch wohl

der Baron noch in später Nacht in diese, jene Gesellschaft und soll dort

ganz exzellent sein. Auch davon weiß ich nichts, denn der Baron hat mich

noch niemals mitgenommen, wozu er vielleicht seine guten Gründe haben

mag. -- Wie ich auf dem weichen Lager in der Nähe des Barons herrlich

schlafe, habe ich dir schon gesagt. Gestehe aber nun selbst, guter Katz!

wie nach der Lebensweise, die ich hier ausführlich beschrieben, mich der

alte mürrische Oheim eines wüsten, liederlichen Wandels anklagen kann?

-- Es ist wahr, daß ich, schon hab' ich dir's gestanden, vor einiger Zeit

gerechten Anlaß gab zu allerlei Vorwürfen. Ich trieb mich umher in

schlechter Gesellschaft und fand eine besondere Lust darin, mich

überall, vorzüglich in Vermählungsschmäuse ungebeten einzudrängen und

ganz unnützen Skandal anzufangen. Alles dies geschah aber nicht aus

reinem Trieb zu wüster Balgerei, sondern aus bloßem Mangel an höherer

Kultur, die ich bei den Verhältnissen, wie sie in dem Hause des

Professors bestanden, nicht erhalten konnte. Jetzt ist das alles anders.

Doch! wen erblick' ich? -- Dort geht der Baron Alcibiades von Wipp! -- Er

sieht sich nach mir um -- er pfeift! _Au revoir,_ Bester! --

Schnell wie der Blitz sprang Ponto seinem Herrn entgegen. Das Äußere des

Barons entsprach ganz dem Bilde, das ich mir wohl nach dem, was Ponto

von ihm gesagt, machen durfte. -- Er war sehr groß und nicht sowohl

schlank gewachsen als spindeldürr. Kleidung, Stellung, Gang, Gebärde,

alles konnte für den Prototypus der letzten Mode gelten, die aber, bis

ins Phantastische hinausgetrieben, seinem ganzen Wesen etwas Seltsames,

Abenteuerliches gab. Er trug ein kleines sehr dünnes Röhrchen mit einer

stählernen Krücke in der Hand, über das er Ponto einigemal springen

ließ. So herabwürdigend mir dieses auch schien, gestehen mußte ich doch,

das Ponto mit der höchsten Geschicklichkeit und Stärke jetzt eine Anmut

verband, die ich sonst noch niemals an ihm bemerkt. Überhaupt, wie nun

der Baron mit vorgestreckter Brust, den Leib eingezogen, mit einem

sonderbaren ausgespreizten Hahnentritt weiter fortwandelte und Ponto in

sehr zierlichen Kurbetten bald vorwärts, bald nebenher sprang und sich

nur ganz kurze, zum Teil stolze Begrüßungen vorübergehender Kameraden

erlaubte, so sprach sich darin ein gewisses Etwas aus, das ohne mir

deutlich zu werden, dennoch mir imponierte. -- Ich ahnte, was mein

Freund Ponto mit der höheren Kultur gemeint und suchte, so viel möglich,

darüber ganz ins klare zu kommen. Das hielt aber sehr schwer, oder

vielmehr, meine Bemühungen blieben ganz vergebens. --

Später habe ich eingesehen, daß an gewissen Dingen alle Probleme, alle

Theorien, die sich in dem Geiste bilden mögen, scheitern und daß nur

durch die lebendige Praxis die Erkenntnis zu erringen; die höhere

Kultur, welche beide, der Baron Alcibiades von Wipp und der Pudel Ponto

in der feinen Welt erlangt, gehört aber zu diesen gewissen Dingen. --

Der Baron Alcibiades von Wipp lorgnettierte mich im Vorübergehen sehr

scharf. Es schien mir, als läs' ich Neugierde und Zorn in seinem Blick.

Sollte er vielleicht Ponto's Unterhaltung mit mir gewahrt und ungnädig

vermerkt haben? Mir wurde etwas ängstlich zumute, ich eilte schnell die

Treppe hinauf. --

Ich sollte nun, um alle Pflichten eines tüchtigen Selbstbiographen zu

erfüllen, wiederum meinen Seelenzustand beschreiben und könnte das nicht

besser tun, als mittels einiger sublimer Verse, die ich seit einiger

Zeit so recht, wie man zu sagen pflegt, aus dem Pelzärmel schüttle. Ich

will --

=(Mak. Bl.)= -- -- mit diesem einfältigen armseligen Spielwerk den besten

Teil meines Lebens vergeudet. -- Und nun jammerst du alter Tor und

klagst das Geschick an, dem du vermessen Trotz botest! -- Was gingen dich

die vornehmen Leute, was ging dich die ganze Welt an, die du

verhöhntest, weil du sie für närrisch hieltest, und selbst am

närrischsten warst! -- Beim Handwerk, beim Handwerk mußtest du bleiben,

Orgeln bauen und nicht den Hexenmeister spielen und den Wahrsager. -- Sie

hätten sie mir nicht gestohlen, mein Weib wäre bei mir, ein tüchtiger

Arbeiter säß' ich in der Werkstatt und rüstige Gesellen klopften und

hämmerten um mich her, und wir förderten Werke, die sich hören und sehen

ließen, wie keine andere weit und breit. -- Und Chiara! -- vielleicht

hingen muntre Knaben mir am Halse, vielleicht schaukelte ich ein

schmuckes Töchterlein auf den Knien. -- Tausend Teufel, was hält mich

ab, daß ich nicht den Augenblick davonrenne und das verlorene Weib suche

in der ganzen weiten Welt! -- Damit warf Meister Abraham, der dies

Selbstgespräch gehalten, das kleine begonnene Automat sowie alles

Handwerkszeug unter den Tisch, sprang auf, und schritt heftig hin und

her. -- Der Gedanke an Chiara, der ihn jetzt beinahe niemals verließ,

rief alle schmerzliche Wehmut in seinem Innern hervor, und wie mit

Chiara damals sein höheres Leben begonnen, verließ ihn auch jetzt jener

trotzige, dem Gemeinen entsprossene Unwille darüber, daß er über sein

Handwerk hinweggeschaut und wirkliche Kunst zu üben sich unterfangen.

-- Er schlug Severino's Buch auf und schaute lange die holde Chiara an.

Wie ein Mondsüchtiger, der der äußeren Sinne beraubt nur nach dem innern

Gedanken automatisch handelt, ging Meister Abraham dann zu einem Kasten,

der in einem Winkel des Zimmers stand, räumte Bücher und Sachen, womit

er bepackt, herunter, öffnete ihn, nahm die Glaskugel, den ganzen

Apparat zum geheimnisvollen Experiment mit dem unsichtbaren Mädchen

hervor, befestigte die Kugel an einer dünnen seidnen Schnur, die von der

Decke herabhing, stellte im Zimmer alles so her, wie es zu dem

versteckten Orakel nötig. Erst als er mit allem fertig geworden,

erwachte er aus der träumerischen Betäubung und erstaunte nicht wenig

darüber, was er begonnen. Ach, jammerte er dann laut, indem er ganz

ermattet, ganz trostlos in den Lehnstuhl sank, ach Chiara, arme verlorne

Chiara, niemals werd' ich wieder deine süße Stimme verkünden hören, was

in des Menschen tiefster Brust verschlossen. Kein Trost mehr auf Erden,

-- keine Hoffnung als das Grab. --

Da schwankte die Glaskugel hin und her und ein melodischer Ton ließ sich

vernehmen, wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der

Harfe. Aber bald wurde der Ton zu Worten:

Noch ist Leben nicht dahin,

Trost und Hoffnung nicht verschwunden.

Was vermag der frömmste Sinn,

Hält ihn schwerer Eid gebunden?

Meister! Mut! -- du wirst gesunden,

Blick auf zu der Dulderin,

Die da heilt die tiefsten Wunden,

Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn.

O du barmherziger Himmel, lispelte der Alte mit bebenden Lippen, sie ist

es selbst, die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab; sie wandelt

nicht mehr unter den Lebendigen! -- Da ließ sich jener melodische Ton

abermals vernehmen und noch leiser, noch entfernter erklangen die Worte:

Nicht erfaßt der bleiche Tod,

Die im Herzen Liebe tragen;

Dem glänzt noch das Abendrot,

Der am Morgen wollt' verzagen.

Bald kann dir die Stunde schlagen,

Die entreißt dich aller Not;

Zu vollbringen magst du wagen,

Was die ew'ge Macht gebot.

Stärker anschwellend und wieder verhallend lockten die süßen Töne den

Schlaf herbei, der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich. Aber

in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen

Glücks auf und Chiara lag wieder an des Meisters Brust und beide waren

wieder jung und selig, und kein finstrer Geist vermochte den Himmel

ihrer Liebe zu trüben. --

Hier hat, wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich

machen muß, der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz

weggerissen, wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum

eine Lücke entstanden. Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht

Kolumnen, die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben

scheinen, da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das

Vorhergegangene reiht. Also weiter heißt es:

-- -- -- nicht erwarten durfte. Fürst Irenäus war überhaupt ein

abgesagter Feind von allen ungewöhnlichen Vorfällen, vorzüglich wenn

seine eigne Person in Anspruch genommen wurde, die Sache näher zu

untersuchen. Er nahm daher, wie er es in kritischen Fällen zu tun

pflegte, eine Doppelprise, starrte den Leibjäger an mit dem bekannten

niederschmetternden Friedrichsblick und sprach: Lebrecht, ich glaube,

wir sind ein mondsüchtiger Träumer und sehen Gespenster, und machen

einen ganz unnötigen Hallas?

Durchlauchtigster Herr, erwiderte der Leibjäger in sehr ruhiger Fassung,

lassen Sie mich fortjagen wie einen ordinären Schuft, wenn nicht alles

buchstäblich wahr ist, wie ich es erzählt habe! Ich wiederhole es keck

und freimütig. Rupert ist ein ausgemachter Spitzbube.

Wie, Rupert, rief der Fürst in vollem Zorn, mein alter treuer Kastellan,

der fünfzig Jahre dem Fürstenhause gedient, ohne jemals ein Schloß

einrosten zu lassen, oder im Auf- und Zuschließen zu mankieren, der soll

ein Spitzbube sein? Lebrecht! -- Er ist besessen, Er ist rasend!

Himmeltausend Sapp --

Der Fürst stockte wie immer, wenn er sich auf dem Fluchen ertappte, das

allem fürstlichen Anstande entgegen. Der Leibjäger nutzte diesen

Augenblick, um ganz geschwinde einzufallen: Durchlauchtigster Herr

werden nur gleich so hitzig und fluchen denn so gräßlich, und man darf

über so etwas doch nicht schweigen, man kann doch nichts behaupten als

die reine Wahrheit. -- Wer ist hitzig, sprach der Fürst gelassen, wer

flucht? -- Esel fluchen! -- Ich will, daß Er mir die ganze Sache in

gedrängter Kürze wiederhole, damit ich in einer geheimen Sitzung alles

meinen Räten vortragen kann zur umständlichen Beratung und Entscheidung

über die fernerhin zu ergreifenden Maßregeln. Ist Rupert wirklich ein

Spitzbube, so -- Nun, das weitere wird sich dann finden.

Wie gesagt, begann der Leibjäger, als ich gestern Fräulein Julien

vorleuchtete, schlüpfte derselbe Mensch, der hier schon längst

herumschleicht, bei uns vorüber. Halt, dacht ich in meinem Sinn, den

Urian wirst du doch ertappen, und löschte, als ich das liebe Fräulein

bis oben hinaufgebracht, meine Fackel aus und stellte mich ins Dunkel.

Nicht lange dauerte es, so kam derselbe Mensch aus dem Gebüsch hervor

und klopfte leise an das Haus. Behutsam schlich ich einher. Da wurde das

Haus geöffnet und ein Mädchen trat heraus und mit diesem Mädchen

schlüpfte der Fremde hinein. Es war die Nanni, Sie kennen sie doch,

durchlauchtigster Herr, der Frau Rätin schöne Nanni?

_Coquin,_ rief der Fürst, mit hohen gekrönten Häuptern spricht man nicht

von schönen Nanni's, doch! -- fahr Er fort, _mon fils._ -- Ja die schöne

Nanni, sprach der Leibjäger weiter, ich hätt' ihr solchen dummen Verkehr

gar nicht zugetraut. -- Also weiter nichts als eine einfältige

Liebschaft, dacht ich in meinem Sinn; aber es wollte mir gar nicht in

den Kopf, daß nicht noch was anders dahinter stecken sollte. Ich blieb

am Hause stehen. Da kam nach einer guten Weile die Frau Rätin zurück,

und kaum war sie ins Haus getreten, als oben ein Fenster geöffnet wurde

und mit unglaublicher Behendigkeit der fremde Mensch hinaussprang,

gerade in die schönen Nelken- und Levkojenstöcke hinein, die dort

vergattert stehen und die das liebe Fräulein Julia selbst so sorglich

wartet. Der Gärtner lamentiert schrecklich; er ist mit den zerbrochenen

Scherben draußen und wollte bei dem durchlauchtigsten Herrn selbst Klage

führen. Ich habe ihn aber nicht hereingelassen, denn der Schlingel ist

angesoffen schon am frühen Morgen. Lebrecht, das scheint eine Imitation

zu sein, unterbrach der Fürst den Leibjäger, denn selbiges kommt schon

in der Oper von Herrn Mozart Figaro's Hochzeit geheißen, vor, die ich zu

Prag geschaut. Bleib Er der Wahrheit getreu, Jäger? -- Auch nicht eine

Silbe rede ich anders, als ich es bekräftigen kann mit einem

körperlichen Eide, sprach Lebrecht weiter. Der Kerl war hingestürzt, und

ich gedachte ihn nun zu fassen; doch schnell wie der Blitz raffte der

Kerl sich auf und rannte spornstreichs -- wohin? was denken Sie wohl,

durchlauchtigster Fürst, wohin er rannte? Ich denke nichts, erwiderte

der Fürst feierlich, turbier Er mich nicht mit lästigen Fragen nach

Gedanken, Jäger! sondern erzähle Er ruhig so lange, bis die Geschichte

aus ist, dann will ich denken.

Gerade nach dem unbewohnten Pavillon rannte der Mensch, fuhr der Jäger

fort. Ja -- unbewohnt! Sowie er an die Türe geklopft, wurd' es inwendig

hell, und wer nun heraustrat, war niemand anders als der saubere,

ehrliche Herr Rupert, dem der Fremde hineinfolgte ins Haus, das er nun

wieder fest verschloß. Sie sehen, durchlauchtigster Herr, daß Rupert

Verkehr treibt mit fremden, gefährlichen Gästen, die bei ihrer

Schleicherei gewiß Böses im Schilde führen. Wer weiß, worauf alles

abzielt und es ist ja möglich, daß selbst mein durchlauchtigster Fürst

hier in dem stillen ruhigen Sieghartshof von schlechten Menschen bedroht

wird.

Da Fürst Irenäus sich für eine höchst bedeutende fürstliche Person

hielt, so konnt' es nicht fehlen, daß er manchmal von allerlei höfischen

Kabalen und bösen Nachstellungen träumte. Des Jägers letzte Äußerung

fiel ihm deshalb gar schwer aufs Herz, und er versank einige Augenblicke

in tiefes Nachsinnen. Jäger! Er hat recht, sprach er dann mit weit

aufgerissenen Augen. Die Sache mit dem fremden Menschen, der hier

herumschleicht, mit dem Licht, das sich zur Nachtzeit im Pavillon sehen

läßt, ist bedenklicher, als sie im ersten Augenblick erscheint. -- Mein

Leben steht in Gottes Hand! aber mich umgeben treue Diener, und sollte

einer sich für mich aufopfern, so würde ich ganz gewiß die Familie

reichlich bedenken! -- Verbreit' Er das unter meinen Leuten, guter

Lebrecht! -- Er weiß, ein fürstliches Herz ist frei von jeder

Bangigkeit, von jeder menschlichen Todesfurcht, aber man hat auch

Pflichten gegen sein Volk, ihm muß man sich konservieren, zumal wenn der

Thronerbe noch unmündig. Darum will ich das Schloß nicht eher verlassen,

bis die Kabale im Pavillon zerstört ist. -- Der Förster soll mit den

Revierjägern und allen übrigen Forstbedienten herankommen, alle meine

Leute sollen sich bewaffnen. Der Pavillon soll sogleich umstellt, das

Schloß fest verschlossen werden. Besorg' Er das guter Lebrecht! Ich

selbst schnalle meinen Hirschfänger um, lade Er meine Doppelpistolen,

aber vergesse Er nicht den Schieber vorzulassen, damit kein Unglück

geschieht. -- Und daß man mir Nachricht gibt, wenn etwa die Zimmer des

Pavillons erstürmt und so die Verschwornen gezwungen werden sollen, sich

zu ergeben, damit ich mich zurückziehen kann in die innern Gemächer. Und

daß man die Gefangenen auf das sorglichste durchsucht, ehe sie vor den

Thron gebracht werden, damit keiner etwa in der Verzweiflung -- doch was

steht Er, was sieht Er mich an, was lächelt Er, was soll das heißen

Lebrecht?

Ei, durchlauchtigster Herr, erwiderte der Leibjäger mit pfiffiger Miene,

ich meine nur, daß es gar nicht von nöten, den Förster mit seinen Leuten

herzubeordern.

Warum nicht? fragte der Fürst erzürnt. Ich glaube gar, Er untersteht

sich mir zu widersprechen? -- Und in jeder Sekunde steigt die Gefahr!

Tausend Sapp -- Lebrecht, werf' Er sich auf Pferd -- der Förster -- seine

Leute -- geladene Büchsen -- den Augenblick sollen sie einrücken. --

Sie sind aber schon da, durchlauchtigster Herr! sprach der Leibjäger.

Wie -- was! -- rief der Fürst, indem er den Mund offen behielt um dem

Erstaunen Luft zu gönnen.

Schon als der Morgen graute, fuhr der Jäger fort, war ich draußen beim

Förster. Schon ist der Pavillon so sorglich umstellt, daß keine Katze

heraus kann, viel weniger ein Mensch.

Er ist ein vortrefflicher Jäger, Lebrecht, und ein treuer Diener des

fürstlichen Hauses, sprach der Fürst gerührt. Rettet Er mich aus dieser

Gefahr, so kann Er sicher auf eine Verdienstmedaille rechnen, die ich

selber erfinden und ausprägen lassen werde, von Silber oder von Gold, je

nachdem bei der Erstürmung des Pavillons weniger oder mehr Menschen

geblieben sind.

Erlauben Sie es, durchlauchtigster Herr, sprach der Jäger, so gehen wir

nun gleich ans Werk. Das heißt, wir schlagen die Türe des Pavillons ein,

nehmen das Gesindel, das darin hauset, gefangen und alles ist vorüber.

Ja, ja, den Kerl, der mir so oft entschlüpft, der solch ein verfluchter

Springer ist, den verdammten Kerl, der sich dort im Pavillon als ein

ungebetener Gast selbst einquartiert hat, den will ich schon fassen, den

Spitzbuben den, der Fräulein Julien turbiert hat! --

Welcher Spitzbube hat Julien turbiert? fragte die Rätin Benzon in das

Zimmer tretend. Wovon sprecht Ihr, guter Lebrecht? -- Der Fürst schritt

feierlich, bedeutsam, wie jemand, dem Großes, Ungeheures begegnet, das

er mit aller Stärke des Geistes bemüht ist zu tragen, der Benzon

entgegen. Er faßte ihre Hand, drückte sie zärtlich und sprach dann mit

sehr weicher Stimme: Benzon! selbst in der einsamsten, tiefsten

Zurückgezogenheit folgt die Gefahr dem fürstlichen Haupt. -- Es ist das

Los der Fürsten, daß alle Milde, alle Güte des Herzens sie nicht schützt

vor dem feindlichen Dämon, der den Neid, die Herrschsucht entflammt in

der Brust verräterischer Vasallen! -- Benzon, die schwärzeste Verräterei

hat ihr schlangenhaariges Medusenhaupt erhoben gegen mich, Sie finden

mich in der dringendsten Gefahr! -- Aber bald ist der Augenblick der

Katastrophe da, diesem Getreuen verdanke ich vielleicht bald mein Leben,

meinen Thron! -- Und ist es anders beschlossen -- nun so ergebe ich mich

in mein Schicksal. -- Ich weiß, Benzon, Sie konservieren Ihre

Gesinnungen gegen mich, und so kann ich, wie jener König in dem

Trauerspiel eines deutschen Dichters, mit dem Prinzessin Hedwiga mir

neulich den Tee verdarb, hochsinnig rufen: Nichts ist verloren, denn Sie

blieben mein! -- Küssen Sie mich gute Benzon! -- Teures Malchen, wir

sind und bleiben die Alten! -- Guter Gott, ich radottiere wohl in der

Seelenangst! -- Lassen Sie uns gefaßt sein, meine Liebe, wenn die

Verräter gefangen sind, werd' ich sie mit einem Blick vernichten.

-- Leibjäger, es beginne der Angriff auf den Pavillon. -- Der Leibjäger

wollte schnell fort. -- Halt, rief die Benzon, was für ein Angriff? Auf

welchen Pavillon?

Der Leibjäger mußte auf den Befehl des Fürsten nochmals über den ganzen

Vorfall genauen Rapport abstatten.

Immer mehr und mehr schien die Benzon durch des Leibjägers Erzählung

gespannt zu werden. Als er geendet, rief die Benzon lachend: Nun das ist

das drolligste Mißverständnis, das es wohl geben mag. Ich bitte,

gnädigster Herr, daß der Förster mit seinen Leuten sogleich nach Hause

geschickt werde. -- Es ist von gar keiner Verschwörung die Rede; Sie

befinden sich nicht in der mindesten Gefahr, gnädigster Herr! -- Der

unbekannte Bewohner des Pavillons ist schon Ihr Gefangener.

Wer, fragte der Fürst voll Erstaunen, wer, welcher Unglückselige bewohnt

den Pavillon ohne meine Erlaubnis?

Es ist Prinz Hektor, der sich im Pavillon verbirgt! raunte die Benzon

dem Fürsten ins Ohr.

Der Fürst prallte einige Schritte zurück, als träfe ihn plötzlich ein

Schlag von unsichtbarer Hand, dann rief er: Wer? -- wie? _est il

possible_! -- Benzon! träume ich? -- Prinz Hektor? des Fürsten Blicke

fielen auf den Leibjäger, der ganz verblüfft den Hut in der Hand

zusammenknillte. Jäger, schrie der Fürst ihn an, scher' Er sich hinab,

der Förster, die Leute sie sollen fort -- fort nach Hause! kein Mensch

soll sich blicken lassen! -- Benzon, wandte er sich dann zur Rätin, gute

Benzon, können Sie es sich vorstellen, einen Kerl, einen Spitzbuben hat

Lebrecht den Prinzen Hektor genannt! -- Der Unglückliche! -- Doch es

bleibt unter uns, Benzon, es ist ein Staatsgeheimnis. -- Sagen Sie,

erklären Sie mir nur, wie es geschehen konnte, daß der Prinz vorgibt

abzureisen, und sich hier versteckt, als wolle er auf Abenteuer

ausgehen?

Die Benzon sah sich durch die Beobachtungen des Leibjägers aus großer

Verlegenheit gerettet. Hatte sie sich vollkommen überzeugt, daß es

ihrerseits nicht ratsam, dem Fürsten die Gegenwart des Prinzen in

Sieghartshof, am wenigsten aber seinen Anschlag auf Julien zu entdecken,

so konnte doch auch die Sache nicht in der Lage bleiben, die mit jeder

Minute sich für Julien, für das ganze Verhältnis das sie, die Benzon

selbst, mit aller Mühe aufrecht erhielt, bedrohlicher gestalten mußte.

Jetzt, da der Leibjäger den Schlupfwinkel des Prinzen erlauscht, und

dieser Gefahr lief, auf nicht sehr ehrenvolle Weise hervorgezogen zu

werden, konnte, durfte sie ihn verraten, ohne Julia preiszugeben. Sie

erklärte also dem Fürsten, daß wahrscheinlich ein Liebeszwist mit der

Prinzessin Hedwiga den Prinzen vermocht, eine schnelle Abreise

vorzugeben und sich mit seinem treusten Kammerdiener ganz in der Nähe

der Geliebten zu verstecken. Daß dies Beginnen etwas Romanhaftes,

Abenteuerliches in sich trage, sei nicht zu leugnen, doch welcher

Liebende habe nicht Hang zu dergleichen. Übrigens sei des Prinzen

Kammerdiener ein sehr eifriger Liebhaber ihrer Nanni, und durch diese

ihr das Geheimnis verraten worden.

Ha! rief der Fürst, dem Himmel sei es gedankt, so war es der

Kammerdiener und nicht der Prinz selbst, der sich zu Ihnen ins Haus

stahl und dann durchs Fenster sprang in die Blumentöpfe, wie der Page

Cherubim. -- Mir stiegen schon allerlei unangenehme Gedanken auf. Ein

Prinz und durchs Fenster springen, wie könnte sich das wohl in aller

Welt reimen.

Ei, erwiderte die Benzon schalkisch lachend, ich kenne doch eine

fürstliche Person, die den Weg zum Fenster hinaus nicht verschmähte,

als --

Sie alterieren mich, Benzon, unterbrach der Fürst die Rätin, Sie

alterieren mich ganz ungemein! Schweigen wir von vergangenen Dingen,

überlegen wir lieber, was jetzt mit dem Prinzen anzufangen! Alle

Diplomatie, alles Staatsrecht, alles Hofgesetz holt der Teufel in dieser

verdammten Lage! -- Soll ich ihn ignorieren? -- soll ich ihn zufällig

finden? -- soll ich ... soll ich? Alles dreht sich in meinem Kopfe wie

ein Wirbel. Das kommt davon, wenn fürstliche Häupter sich zu

wunderlichen Romanstreichen herabwürdigen!

Die Benzon wußte in der Tat nicht, wie das weitere Verhältnis mit dem

Prinzen zu formen. Doch auch dieser Verlegenheit wurde abgeholfen. Noch

ehe die Rätin nämlich dem Fürsten antworten konnte, trat der alte

Kastellan Rupert hinein und überreichte ein klein zusammengefaltetes

Billett, indem er schelmisch lächelnd versicherte, es käme von einer

hohen Person, die er gar nicht weit von hier die Ehre hätte unter Schloß

und Riegel zu bewahren. Er wußte also, Rupert, sprach der Fürst sehr

gnädig zu dem Alten, daß? Nun ich habe Ihn immer für einen ehrlichen

treuen Diener meines Hauses gehalten, und Er hat sich auch jetzt als

einen solchen bewährt, da Er, wie es seine Pflicht war, dem Befehl

meines erhabenen Eidams gehorchet. -- Ich werde an Seine Belohnung

denken. Rupert dankte in den demütigsten Ausdrücken und entfernte sich

aus dem Zimmer.

Es begibt sich gar oft im Leben, daß einer für besonders ehrlich und

tugendhaft gehalten wird, gerade in dem Augenblick, wenn er einen

Spitzbubenstreich begangen. Daran dachte die Benzon, die von des Prinzen

bösem Anschlage besser unterrichtet und überzeugt war, daß der alte

heuchlerische Rupert in das böse Geheimnis eingeweiht.

Der Fürst erbrach das Billett und las:

_Che dolce più, che più giocondo stato

Saria, di quel d'un amoroso core?

Che viver più felice, e più beato,

Che ritrovarsi in servitù d'Amore?

Se non fosse l'huom sempre stimulato

Da quel sospetto rio, da quel timore,

Da quel martir, da quella frenesia,

Da quella rabbia, detta gelosia._

In diesen Versen eines großen Dichters finden Sie, mein Fürst, die

Ursache meines geheimnisvollen Beginnens. Ich glaubte mich nicht geliebt

von der, die ich anbete, die mein Leben ist, all mein Sehnen und Hoffen,

für die alle brünstige Glut lodert in der entflammten Brust. Wohl mir!

-- ich habe mich eines Bessern überzeugt, ich weiß seit wenigen Stunden,

daß ich geliebt bin, und trete aus meinem Schlupfwinkel hervor. -- Liebe

und Glück, das sei das Losungswort, das mich ankündigt. -- Bald begrüße

ich Sie, mein Fürst! mit der Ehrfurcht des Sohnes.

=Hektor.=

Vielleicht ist es dem geneigten Leser nicht ganz unlieb, wenn der

Biograph hier auf zwei Sekunden die Geschichte ruhen läßt und den

Versuch einer Übersetzung jener italienischen Verse einschiebt. -- Sie

könnten ungefähr also lauten:

»Gäb's süßres noch, gäb's höheres Entzücken,

Als wenn das Herz entbrannt in brünst'ger Liebe?

Könnt' den ein sel'gres Himmelslos beglücken,

Der in des mächt'gen Gottes Fesseln bliebe?

Vermöchte nicht den Menschen zu berücken

Der finstre Geist, Verdacht! der Furcht Getriebe,

Trostlose Qual, Wahnsinns wuchernder Samen,

Der Hölle Furie, Eifersucht ihr Namen!

Der Fürst las das Billett zwei-, dreimal sehr aufmerksam durch und je

öfter er es las, desto finstrer zogen sich die Falten auf seiner Stirne

zusammen. Benzon! was ist das mit dem Prinzen? sprach er endlich. Verse,

italienische Verse an ein fürstliches Haupt, an einen gekrönten

Schwiegervater, statt deutlicher vernünftiger Erklärung? -- Was soll

das! -- Es ist kein Verstand darin. -- Der Prinz scheint überspannt zu

sein auf ganz ungebührliche Weise. Die Verse sprechen, soviel ich davon

verstehe, von dem Glück der Liebe und von den Qualen der Eifersucht. Was

will der Prinz mit der Eifersucht, auf wen, um tausend Himmels willen

kann er hier eifersüchtig sein? -- Sagen Sie mir gute Benzon, finden Sie

in diesem Billett des Prinzen auch nur ein Fünkchen gesunden

Menschenverstand? --

Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern · 第 26 / 27 题