Die Brüder traten in den Korridor und --

=(M. f. f.)= -- böse Feind und sucht den guten Bissen einem ehrlichen

harmlosen Kater recht vor dem Maule wegzuschnappen? -- Nicht lange

dauerte es nämlich, so erhielt unser gemütlicher Verein auf dem Dache

einen Stoß, der ihn erschütterte zum gänzlichen Verfall. -- Jener böse,

alles katzliche Behagen verstörende, Feind erschien uns nämlich in der

Gestalt eines gewaltigen wütenden Philisters, namens Achilles. Mit

seinem Homerischen Namensvetter war er in weniger Hinsicht zu

vergleichen, man müßte denn annehmen, daß des letzteren Heldentum

vorzüglich auch in einer gewissen unbehilflichen Tappigkeit und in

groben topfhohlen Redensarten bestanden. Achilles war eigentlich ein

gemeiner Fleischerhund, stand aber in Diensten als Hofhund, und der

Herr, bei dem er in Dienst getreten, hatte ihn, um sein Attachement an

das Haus zu befestigen, anketten lassen, so daß er nur des Nachts frei

umher laufen konnte. Mancher von uns bedauerte ihn sehr, trotz seines

unleidlichen Wesens, er aber ließ sich den Verlust seiner Freiheit gar

nicht zu Herzen gehen, da er töricht genug war, zu vermeinen, die schwer

lastende Kette gereiche ihm zur Ehre und Zierde. Achilles fand sich nun

zu seinem nicht geringen Verdruß durch unsere Konvivia in der Nacht,

wenn er umherlaufen und das Haus beschützen sollte gegen jede Unbill, im

Schlafe gestört und drohte uns als Ruhestörern Tod und Verderben. Da er

aber seiner Unbehilflichkeit halber nicht einmal auf den Boden,

geschweige denn auf das Dach kommen konnte, so machten wir uns aus

seinen Drohungen auch nicht das allermindeste, sondern trieben unser

Wesen so nach wie vorher. Achilles nahm andere Maßregeln; er begann den

Angriff gegen uns, wie ein guter General manche Schlacht, mit verdeckten

Angriffen und dann mit offenbarer Plänkelei.

Verschiedene Spitze, denen Achilles zuweilen die Ehre antat, mit ihnen

zu spielen, indem er sie mit seinen ungeschickten Tatzen handhabte,

mußten nämlich auf sein Geheiß, sobald wir unsern Gesang begannen,

dermaßen bestialisch bellen, daß wir keine vernünftige Note verstehen

konnten! -- Noch mehr! -- Bis auf den Dachboden drangen einige dieser

Philisterknechte und trieben, ohne sich mit uns, wenn wir ihnen die

Krallen zeigten, auf irgendeinen offnen ehrlichen Kampf einlassen zu

wollen, solch einen fürchterlichen Lärm mit Schreien und Bellen, daß,

wurde erst nur der Hofhund in seinem Schlaf gestört, jetzt der Herr des

Hauses selbst kein Auge zudrücken konnte und, da der Zeterspektakel gar

nicht enden wollte, die Hetzpeitsche ergriff, um die Tumultuanten über

seinem Haupte zu vertreiben.

-- O Kater, der du dieses liesest, ist dir, trägst du wahren männlichen

Sinn in der Brust, hellen Verstand im Kopf, hast du keine verwöhnte

Ohren, ist dir, sage ich, denn jemals etwas abscheulicher, widriger,

verhaßter und dabei erbärmlicher vorgekommen, als das kreischende,

gellende durch alle Tonarten dissonierende Gebelle in Harnisch geratener

Spitze? -- Diese kleinen wedelnden, schmatzenden sich niedlich

gebärdenden Kreaturen, nimm dich für sie in acht Kater! trau ihnen

nicht. Glaube mir, eines Spitzes Freundlichkeit ist gefährlicher, als

die hervorgestreckte Kralle des Tigers! -- Schweigen wir von bittren

Erfahrungen, die wir in dieser Hinsicht leider! nur zu oft gemacht und

kehren wir zurück zu dem ferneren Verlauf unsrer Geschichte.

Also wie gesagt, der Herr ergriff die Peitsche, um die Tumultuanten vom

Boden zu vertreiben. Was aber geschah! die Spitze schwanzwedelten dem

erzürnten Herrn entgegen, leckten ihm die Füße und stellten ihm vor, wie

aller Zeterlärm nur seiner Ruhe wegen erhoben, unerachtet er eben

dadurch aus aller behaglichen Ruhe gekommen. Gebellt hätten sie bloß um

uns, die wir allerlei unduldsamen Unfug trieben auf dem Dache mit Singen

von Liedern in allzuhell klingenden Tonarten u. d. zu verjagen. Der Herr

ließ sich leider durch der Spitze geschwätzige Beredsamkeit um so mehr

dahin bringen, alles zu glauben, als der Hofhund, den er darum zu

befragen nicht unterließ, in dem bittern Haß, den er wider uns im Innern

trug, es bestätigte. Uns traf nun die Verfolgung! -- Überall wurden wir

vertrieben, von Hausknechten mit Besenstielen, mit geworfenen

Dachziegeln, ja! überall waren Schlingen und Fuchseisen aufgestellt, in

die wir uns verfangen sollten, und leider! wirklich verfingen. Selbst

mein lieber Freund Muzius fiel ins Malheur, das heißt in ein Fuchseisen,

welches ihm die rechte Hinterpfote jämmerlich zerquetschte!

So war es um unser fröhliches Zusammenleben geschehen, und ich kehrte

zurück unter den Ofen des Meisters, beweinend in tiefer Einsamkeit das

Schicksal meiner unglücklichen Freunde. --

-- Eines Tages trat Herr Lothario, der Professor der Ästhetik in meines

Herrn Zimmer und hinter ihm her -- sprang Ponto herein.

Gar nicht zu sagen vermag ich, welch ein unangenehmes unheimliches

Gefühl mir Ponto's Anblick verursachte. War er auch geradezu selbst

weder Hofhund noch Spitz, so gehörte er doch zu dem Geschlecht,

dessen üble feindselige Gesinnung mein Leben in der lustigen

Katzburschen-Gesellschaft verstört hatte, und war schon deshalb mir

mitsamt aller Freundschaft, die er mir erwiesen, dennoch zweideutig.

Überdem schien mir in Ponto's Blick, in seinem ganzen Wesen etwas

Übermütiges, Verhöhnendes zu liegen und ich beschloß daher, ihn lieber

gar nicht zu sprechen. Leise, leise schlich ich weg von meinem Kissen,

und war mit einem Satz im Ofen, dessen Türe gerade offen stand, die ich

hinter mir anzog.

Herr Lothario sprach nun mit dem Meister so manches, was meine Teilnahme

um so weniger erregte, als ich meine ganze Aufmerksamkeit auf den jungen

Ponto gerichtet hatte, der, nachdem er recht stutzermäßig ein Liedchen

trällernd, im Zimmer herumgetänzelt, auf die Fensterbank gesprungen war,

zum Fenster hinausschaute, und wie es Fanfarons zu tun pflegen, jeden

Augenblick vorübergehenden Bekannten zunickte, auch wohl gar ein wenig

blaffte, gewiß, um die Blicke vorübergehender Schönen seines Geschlechts

auf sich zu ziehen. -- An mich schien der Leichtsinnige gar nicht zu

denken, und unerachtet ich, wie gesagt, ihn gar nicht zu sprechen

wünschte, so war es mir doch gar nicht recht, daß er nicht nach mir

fragte, gar keine Notiz von mir nahm.

Ganz anderer und wie es mich bedünken wollte, viel artigerer und

vernünftigerer Gesinnung war der ästhetische Professor, Herr Lothario,

der, nachdem er sich überall im Zimmer nach mir umhergeschaut, zu dem

Meister sprach: Aber wo ist denn Euer vortrefflicher Monsieur Murr! --

Es gibt für einen ehrlichen Katzburschen keine schnödere Benennung, als

das fatale Wort: Monsieur, indessen muß man von Ästhetikern in der Welt

viel leiden, und so verzieh ich dem Professor die Unbill.

Meister Abraham versicherte, daß ich seit einiger Zeit meine eignen

Gänge gehabt und vorzüglich nachts selten zu Hause gewesen, wovon ich

denn müde und ermattet geschienen. Soeben habe ich auf dem Kissen

gelegen und er wisse in der Tat nicht, wohin ich eben jetzt so schnell

verschwunden.

Ich vermute, Meister Abraham, sprach der Professor weiter, daß Euer Murr

-- Doch ist er auch hier irgendwo versteckt und lauscht? -- Laßt uns

doch einmal ein wenig nachsehen.

Leise zog ich mich in den Hintergrund des Ofens, aber man kann denken,

wie ich die Ohren spitzte, da nun von mir die Rede. -- Der Professor

hatte vergebens alle Winkel durchsucht zu nicht geringer Verwunderung

des Meisters, der lachend rief: In der Tat, Professor, Ihr tut meinem

Murr unglaubliche Ehre an!

Hoho, erwiderte der Professor, der Verdacht, den ich gegen Euch,

Meister! hege, wegen des pädagogischen Experiments, vermöge dessen ein

Kater zum Dichter und Schriftsteller wurde, kommt mir nicht aus der

Seele. Gedenkt Ihr nicht mehr des Sonetts, der Glosse, die mein Ponto

Eurem Murr recht unter den Pfoten weggeraubt? -- Doch dem sei wie ihm

wolle, ich nutze Murrs Abwesenheit, um Euch eine schlimme Vermutung

mitzuteilen und Euch recht dringend zu empfehlen, achtsam zu sein auf

Murrs Betragen. -- So wenig ich mich sonst um Katzen bekümmere, doch ist

es mir nicht entgangen, daß manche Kater, die sonst gar artig und

manierlich waren, jetzt plötzlich ein Wesen annehmen, das gegen alle

Sitte und Ordnung gröblich anstößt.

Statt wie sonst sich demütig zu biegen und zu schmiegen, stolzieren sie

trotzig daher und scheuen sich gar nicht, durch funkelnde Blicke, durch

zorniges Knurren, ihre ursprüngliche wilde Natur zu verraten, auch wohl

gar die Krallen zu zeigen. So wenig sie auf ein bescheidenes, stilles

Betragen achten, ebensowenig ist ihnen daran gelegen, was das Äußere

betrifft, als gesittete Weltleute zu erscheinen. Da ist an kein Putzen

des Bartes, an kein Glänzendlecken des Fells, an kein Abreißen der zu

lang gewordenen Krallen zu denken; zottig und rauh, mit struppigem

Schweif rennen sie daher, allen gebildeten Katzen ein Greuel und

Abscheu. Was aber vorzüglich tadelnswert erscheint und nicht geduldet

werden darf, sind die heimlichen Zusammenkünfte, die sie zur Nachtzeit

halten und dabei ein tolles Wesen treiben, welches sie Gesang nennen,

unerachtet dabei nichts vernehmbar als ein widersinniges Geschrei, dem

es an schicklichem Takt, ordnungsmäßiger Melodie und Harmonie gänzlich

mangelt. Ich fürchte, ich fürchte, Meister Abraham, daß Euer Murr sich

auch auf die schlechte Seite gelegt hat und teilnimmt an jenen

unanständigen Belustigungen, die ihm nichts einbringen können, als

tüchtige Prügel. -- Es sollte mir leid tun, wenn alle Mühe, die Ihr auf

den kleinen Grauen verwandt, umsonst wäre und, er sich, trotz aller

Wissenschaft, zu dem gewöhnlichen, wüsten Treiben gemeiner, liederlicher

Kater herabließe. -- Als ich mich, meinen guten Muzius, meine

hochherzigen Brüder verkannt sah, auf so schnöde Weise, entfloh mir

unwillkürlich ein Schmerzenslaut. Was war das, rief der Professor, ich

glaube gar, Murr sitzt doch versteckt im Zimmer! -- Ponto! Allons!

-- Such, such!« -- Mit einem Satz war Ponto herunter von der Fensterbank

und schnüffelte im Zimmer umher. Vor der Ofentüre blieb er stehen,

knurrte, bellte, sprang herauf. -- Er ist im Ofen, das hat keinen

Zweifel! so sprach der Meister und öffnete die Türe. Ich blieb ruhig

sitzen und blickte den Meister mit klaren, glänzenden Augen an.

Wahrhaftig, rief der Meister, wahrhaftig, da sitzt er ganz hinten im

Ofen. -- Nun? -- bequemt Er sich hervorzukommen? -- Ob er hinaus will!

So wenig ich auch Lust hatte, meinen Versteck zu verlassen, so mußte ich

doch wohl dem Befehl des Meisters gehorchen, wollte ich es nicht auf

Gewalt gegen mich ankommen lassen und dabei den kürzeren ziehen. Langsam

kroch ich daher hervor. Kaum war ich aber an das Tageslicht gekommen,

als beide, der Professor und der Meister, laut riefen: Murr! -- Murr!

wie siehst du aus! -- Was sind das für Streiche! --

Freilich war ich über und über voller Asche und kam noch hinzu, daß

wirklich mein Äußeres seit einiger Zeit merklich gelitten, so daß ich

mich in der Schilderung, die der Professor von schismatischen Katern

gemacht, wiedererkennen mußte, so konnte ich mir freilich die

erbärmliche Figur, in der ich erschien, wohl denken. Verglich ich nun

eben meine erbärmliche Figur mit der meines Freundes Ponto, der in

seinem stattlichen, glänzenden, schön gekräuselten Pelz in der Tat ganz

hübsch anzusehen, so erfüllte mich tiefe Scham, und ich kroch still und

betrübt in den Winkel.

Ist das, rief der Professor, der gescheute, sittige Kater Murr? der

elegante Schriftsteller, der geistreiche Dichter, der Sonette schreibt

und Glossen? -- Nein, das ist ein ganz gemeiner Katz, der sich in Küchen

auf den Herden herumtreibt und sich auf sonst weiter nichts versteht,

als Mäuse zu fangen in Kellern und auf Böden! -- Hoho! sag' mir doch,

mein sittiges Vieh, ob du bald zu promovieren verlangst oder gar das

Katheder zu besteigen als Professor der Ästhetik? -- In der Tat, ein

netter Doktorhabit, in den du dich geworfen! --

So ging es fort in verhöhnenden Redensarten; was konnt' ich tun, als,

wie es bei derlei Fällen, nämlich: wenn ich ausgehunzt wurde, meine

Sitte war, die Ohren dicht ankneifen an den Kopf.

Beide, der Professor und der Meister, schlugen zuletzt eine helle Lache

auf, die mir das Herz durchbohrte. Beinahe noch empfindlicher war mir

aber Ponto's Betragen. Nicht allein, daß er durch Mienen und Gebärden

den Hohn seines Herrn teilte, so bewies er auch durch allerlei

Seitensprünge offenbar seine Scheu sich mir zu nahen, wahrscheinlich

fürchtete er seinen schönen, reinen Pelz zu beschmutzen. Es ist nichts

Geringes für einen Kater, der sich solcher Vortrefflichkeit bewußt ist,

als ich, von einem stutzerhaften Pudel dergleichen Verachtung dulden zu

müssen.

Der Professor geriet nun mit dem Meister in ein weitläuftiges Gespräch,

das sich nicht auf mich und auf mein Geschlecht zu beziehen schien und

von dem ich eigentlich wenig verstand. Doch so viel vernahm ich wohl,

daß davon die Rede war, ob es besser sei, dem oftmals wirren,

ungezügelten Treiben exaltierter Jugend mit offner Gewalt

entgegenzutreten, oder es nur einzugrenzen auf geschickte, unbemerkbare

Weise und Raum zu geben der eignen Erkenntnis, in der sich jenes Treiben

alsbald selbst vernichtet. Der Professor war für die offene Gewalt, da

die Gestaltung der Dinge zum äußern Wohl es fordere, daß jeder Mensch,

alles Widerstrebens unerachtet, so zeitig als möglich in die Form

gepreßt werde, wie sie durch das Verhältnis aller einzelnen Teile zum

Ganzen bedingt werde, da sonst sogleich eine verderbliche Monstruosität

entstehe, die allerlei Unheil verursachen könne. -- Der Professor

sprach dabei etwas von Pereatbringen und Fenstereinwerfen, welches

ich aber durchaus nicht verstand. -- Der Meister meinte dagegen,

daß es mit jugendlichen, exaltierten Gemütern so gehe, wie mit

Partiell-Wahnsinnigen, die der offne Widerstand immer wahnsinniger

mache, wogegen die selbst errungene Erkenntnis des Irrtums radikal heile

und nie einen Rückfall befürchten lasse.

Nun, rief der Professor endlich, indem er aufstand und Stock und Hut

ergriff, nun, Meister, was die offne Gewalt gegen exaltiertes Treiben

betrifft, so werdet Ihr mir doch insofern recht geben, daß sie da

schonungslos eintreten muß, wenn jenes Treiben verstörend hineingreift

in das Leben und so ist es nun, wieder auf Euern Kater Murr

zurückzukommen, denn doch recht gut, daß, wie ich höre, tüchtige Spitze

die verwünschten Kater auseinander getrieben haben, die so bestialisch

sangen und dabei wunder sich große Virtuosen dünken.

Wie man es nimmt, erwiderte der Meister, hätte man sie singen lassen,

vielleicht wären sie das geworden, was sie sich irrtümlicherweise schon

zu sein dünkten, nämlich: in der Tat gute Virtuosen, statt daß sie jetzt

vielleicht an der wahren Virtuosität zweifeln ganz und gar.

Der Professor empfahl sich, Ponto sprang hinterdrein, ohne mich einmal,

wie er doch sonst mit vieler Freundschaft getan, eines Abschiedsgrußes

zu würdigen.

Ich bin selbst bisher unzufrieden gewesen mit deinem Betragen, Murr,

wandte sich nun der Meister zu mir, und es ist Zeit, daß du einmal

wieder ordentlich und vernünftig wirst, damit du wieder zu besserm Ruf

gelangest, als in dem du jetzt zu stehen scheinst. Wäre es möglich, daß

du mich ganz verstündest, so würde ich dir raten, immer still,

freundlich zu sein, und alles, was du beginnen magst, ohne alles

Geräusch zu vollbringen, denn auf diese Weise erhält man sich den guten

Ruf am besten. -- Ja, ich würde dir als Beispiel zwei Leute zeigen, von

denen der eine jeden Tag still für sich allein im Winkel sitzt, und so

lange eine Flasche Wein nach der andern trinkt, bis er in völlig

trunknen Zustand gerät, den er aber vermöge langer praktischer Übung so

gut zu verbergen weiß, daß ihn niemand ahnet. Der andere trinkt dagegen

nur dann und wann in Gesellschaft fröhlicher, gemütlicher Freunde ein

Glas Wein; das Getränk macht ihm Herz und Zunge frei, er spricht, indem

seine Laune steigt, viel und eifrig, doch ohne Sitte und Anstand zu

verletzen, und eben ihn nennt die Welt einen leidenschaftlichen

Weintrinker, während jener geheime Trunkenbold für einen stillen,

mäßigen Mann gilt. Ach, mein guter Kater Murr! Kenntest du den Lauf der

Welt, so würdest du einsehen, daß ein Philister, der stets die

Fühlhörner einzieht, es am besten hat. Aber wie kannst du wissen, was

ein Philister ist, unerachtet es wohl in deinem Geschlecht auch

dergleichen genug geben mag.

Bei diesen Worten des Meisters konnte ich mich im Bewußtsein der

vortrefflichen Katerkenntnis, die ich mir durch des wackern Muzius

Belehrungen sowohl, als durch eigne Erfahrung erworben, eines lauten,

freudigen Prustens und Knurrens nicht erwehren.

Ei Murr, mein Kater! rief der Meister laut lachend, ich glaube gar, du

verstehst mich, und der Professor hat recht, der in dir einen besonderen

Verstand entdeckt haben will, und dich gar fürchtet, als seinen

ästhetischen Nebenbuhler?

Zur Bestätigung, daß dem wirklich so sei, gab ich ein sehr klares,

wohltönendes Miau von mir und sprang ohne weiteres dem Meister auf den

Schoß. Nicht bedacht hatte ich indessen, daß der Meister gerade seinen

Staatsschlafrock von gelbem, großgeblümtem, seidenem Zeuge angezogen,

den ich notwendigerweise beschmutzen mußte. Mit einem zornigen: Will Er

wohl! schleuderte der Meister mich so heftig von sich, daß ich

überpurzelte, und ganz erschrocken die Ohren ankneifend, die Augen

zudrückend, niederduckte auf den Fußboden. Gepriesen sei aber die

Gutmütigkeit meines guten Meisters! Nun, sprach er freundlich, nun, nun,

Murr, mein Kater! so böse war es nicht gemeint! -- Ich weiß es, deine

Absicht war gut, du wolltest mir deine Zuneigung beweisen, aber das

tatst du auf täppische Weise, und geschieht dieses, so fragt man

freilich den Henker was nach der Absicht! -- Nun, komm nur her, kleiner

Äscherling, ich muß dich putzen, damit du wieder aussiehst, wie ein

honetter Kater! --

Damit warf der Meister den Schlafrock ab, nahm mich in die Arme und ließ

es sich nicht verdrießen, mir mit einer weichen Bürste den Pelz rein zu

bürsten und dann die Haare mit einem kleinen Kamm glänzend zu kämmen.

Als die Toilette geendet und ich bei dem Spiegel vorüberspazierte,

erstaunte ich selbst, wie ich so plötzlich ein ganz anderer Kater

worden. Ich konnt' es gar nicht unterlassen, mich selbst behaglich

anzuschnurren, so schön kam ich mir vor und nicht leugnen mag ich, daß

in dem Augenblick sich große Zweifel gegen die Anständigkeit und

Nützlichkeit des Burschenklubs in mir regten. Daß ich in den Ofen

gekrochen, schien mir ein wahrer Barbarismus, den ich nur einer Art

Verwilderung zuschreiben konnte, und nicht einmal nötig war daher die

Warnung des Meisters, der mir zurief: Daß Er mir nur nicht wieder in den

Ofen kriecht!

In der folgenden Nacht war es mir, als vernehme ich an der Türe ein

leises Kratzen und ein furchtsames Miau! das mir sehr bekannt vorkam.

Ich schlich heran und fragte, wer da sei? -- Da erwiderte (ich erkannte

ihn sogleich an der Stimme) der wackere Senior Puff: Ich bin es, trauter

Bruder Murr, und habe dir eine höchst betrübte Nachricht zu bringen! -- O

Himmel, was --

=(Mak.-Bl.)= -- großes Unrecht getan, meine liebe süße Freundin. -- Nein!

mehr bist du mir als das, meine treue Schwester! Ich habe dich nicht

genug geliebt, dir nicht genug vertraut. Erst jetzt öffnet sich dir

meine ganze Brust, erst jetzt, da ich weiß --

Die Prinzessin stockte, ein Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, aufs

neue drückte sie Julien zärtlich an ihr Herz.

Hedwiga, sprach Julie sanft, hast Du mich denn nicht sonst mit ganzer

Seele geliebt, trugst Du denn jemals Geheimnisse in Dir, die Du mir

nicht vertrauen wolltest? -- Was weißt Du, was hast Du erst jetzt

erfahren! Doch nein, nein! kein Wort weiter, bis diese Pulse wieder

ruhig schlagen, bis diese Augen nicht mehr so düster glühen. --

Ich weiß nicht was Ihr alle wollt, erwiderte die Prinzessin plötzlich

zur Empfindlichkeit gereizt. Krank soll ich noch sein und nie fühlte ich

mich kräftiger, gesünder. Der seltsame Zufall, der mich traf, hat Euch

erschreckt, und doch mag es sein, daß solche elektrische Schläge, die

den ganzen Organismus des Lebens in's Stocken bringen, mir gerade nötig

und nützlicher sind, als alle Mittel, die eine blöde, dürftige Kunst in

unglückseliger Selbsttäuschung darbietet. -- Wie er mir fatal ist,

dieser Leibarzt, der die menschliche Natur zu handhaben vermeint wie ein

Uhrwerk, das man abstäuben, aufziehen muß. -- Grauenhaft ist er mir mit

seinen Tropfen, mit seinen Essenzen. -- Von diesen Dingen soll mein Wohl

abhängig sein? -- So wäre ja das Leben hienieden eine entsetzliche

Neckerei des Weltgeistes. --

Und eben diese Überspannung ist der Beweis, unterbrach Julie die

Prinzessin, daß Du noch krank bist, meine Hedwiga, und Dich viel mehr

schonen solltest, als Du es wirklich tust.

Auch Du willst mir weh tun! So rief die Prinzessin, sprang hastig auf

und eilte ans Fenster, das sie öffnete und hinaus schaute in den Park.

Julia folgte ihr nach, umschlang sie mit einem Arm, und bat mit der

zärtlichsten Wehmut, daß sie doch wenigstens den rauhen Herbstwind

scheuen und sich =die= Ruhe gönnen möge, die der Leibarzt für so heilsam

geachtet. Die Prinzessin erwiderte indessen, daß sie sich gerade durch

den kalten Luftzug, der zum Fenster hereinströme, erquickt und gestärkt

fühle.

Recht aus dem innigsten Gemüt heraus sprach nun Julia von der

letztvergangenen Zeit, in der ein finster, bedrohlicher Geist gewaltet,

und wie sie alle innere Kraft aufbieten müssen, um nicht verstört zu

werden von so mancher Erscheinung, die ihr ein Gefühl erregt, dem sie

kein anderes gleichstellen könne, als die wahre, tötende

Gespensterfurcht. Dahin rechnete sie vorzüglich den geheimnisvollen

Zwiespalt, der sich zwischen dem Prinzen Hektor und Kreisler erhoben,

und der das Entsetzlichste ahnen lassen, denn nur zu gewiß sei es, daß

der arme Johannes fallen sollen von der Hand des rachsüchtigen

Italieners, und nur, wie Meister Abraham versichere, durch ein Wunder

gerettet worden.

Und dieser furchtbare Mann, so sprach Julia, er sollte Dein Gemahl

werden? -- Nein, -- nimmermehr! Dank der ewigen Macht! Du bist gerettet!

Niemals kehrt er zurück. Nicht wahr, Hedwiga? Niemals!

Niemals, erwiderte die Prinzessin mit dumpfer, kaum vernehmbarer Stimme.

Dann seufzte sie auf aus tiefer Brust und sprach leise weiter wie im

Traume: Ja dieses reine Himmelsfeuer soll nur leuchten und wärmen, ohne

mit verderblichen Flammen zu vernichten und aus der Seele des Künstlers

leuchtet die zum Leben gestaltete Ahnung -- sie selbst -- seine Liebe

hervor! So sprachst Du hier an dieser Stelle. --

Wer sprach so? rief Julia ganz bestürzt. -- An wen dachtest Du, Hedwiga?

Die Prinzessin fuhr mit der Hand über die Stirne, als müsse sie sich

besinnen auf die Gegenwart, der sie entrückt. Dann wankte sie von Julien

unterstützt, zum Sofa, auf dem sie sich ganz erschöpft niederließ.

Julia, um die Prinzessin besorgt, wollte die Kammerfrauen herbeirufen,

Hedwiga zog sie aber sanft nieder auf den Sofa, indem sie leise

lispelte: Nein, Mädchen! -- Du, Du allein sollst bei mir bleiben, glaube

ja nicht, daß mich etwa Krankheit erfaßt. -- Nein, es war der Gedanke der

höchsten Seligkeit, der zu mächtig wurde, der diese Brust sprengen

wollte, und dessen Himmelsentzücken sich gestaltete wie tötender

Schmerz. Bleibe bei mir, Mädchen, Du weißt es selbst nicht, welch einen

wunderbaren Zauber Du über mich zu üben vermagst! -- Laß mich schauen in

Deine Seele, wie in einen klaren, reinen Spiegel, damit ich mich selbst

nur wiedererkenne! -- Julia! oft ist es mir, als käme die Begeisterung

des Himmels über Dich, und die Worte, die wie Liebeshauch über Deine

süßen Lippen strömten, wären trostreiche Prophezeiung. Julia! -- Mädchen,

bleibe bei mir, verlasse mich nie -- nie!

Damit sank die Prinzessin, indem sie Julias Hände festhielt, mit

geschlossenen Augen zurück in den Sofa.

Wohl war Julia an Augenblicke gewöhnt, in denen Hedwiga geistig

krankhafter Überspannung erlag, doch fremd, ganz fremd und rätselhaft

war ihr der Paroxysmus, wie er sich eben jetzt zeigte. Sonst war es eine

leidenschaftliche Verbitterung, die, erzeugt von dem Mißverhältnis des

innern Gefühls mit der Gestaltung des Lebens, beinahe bis zum Gehässigen

sich steigernd, Julias kindliches Gemüt verletzte. Jetzt schien Hedwiga,

wie sonst niemals, ganz aufgelöst im Schmerz und namenloser Wehmut, und

dieser trostlose Zustand rührte Julien in eben dem Grade, als ihre Angst

stieg um die geliebte Freundin.

Hedwiga, rief sie, meine Hedwiga, ich verlasse Dich ja nicht, kein

treueres Herz neigt sich zu Dir, als das meinige, aber sprich, o sprich

doch nur, vertraue mir doch nur, welch eine Qual Dein Inneres zerreißt?

-- Mit Dir will ich klagen, mit Dir will ich weinen!

Da verbreitete sich ein seltsames Lächeln auf Hedwigas Antlitz, ein

sanftes Rot schimmerte auf den Wangen, und ohne die Augen zu öffnen,

lispelte sie leise: Nicht wahr, Julia, Du bist nicht in Liebe?

Seltsam fühlte sich Julia von dieser Frage der Prinzessin getroffen, als

durchbebe sie ein jäher Schreck.

In welches Mädchens Brust regen sich nicht Ahnungen einer Leidenschaft,

die das Hauptbedingnis scheint seiner Existenz, denn nur das liebende

Weib ist dies ganz. Doch ein reiner, kindlicher, frommer Sinn läßt diese

Ahnungen ruhen, ohne weiter zu forschen, ohne im lüsternen Vorwitz das

süße Geheimnis enthüllen zu wollen, das nur in =dem= Moment aufgeht, den

eine dunkle Sehnsucht verheißen. So war es mit Julia, die plötzlich

ausgesprochen hörte, was sie zu denken nicht gewagt und geängstigt, als

zeihe man sie einer Sünde, der sie selbst nicht klar sich bewußt, ihr

eignes Innere ganz zu durchschauen sich mühte.

Julia, wiederholte die Prinzessin, Du liebst nicht? -- sage es mir!

-- sei aufrichtig!

Wie sonderbar, erwiderte Julia, wie seltsam Du mich frägst, was kann,

was soll ich Dir antworten.

Sprich, o sprich, flehte die Prinzessin! -- Da ward es sonnenhell in

Julias Seele und sie fand Worte, das auszusprechen, was sie deutlich

erblickte in ihrem eignen Innern.

Was geht vor in Deinem Gemüt, Hedwiga, indem du mich so frägst? so

begann Julia sehr ernst und gefaßt. Was ist Dir die Liebe, von der Du

sprichst? Nicht wahr, man soll sich hingezogen fühlen zu dem Geliebten,

mit solcher unwiderstehlichen Macht, daß man nur ist, nur lebt in dem

Gedanken an ihn, daß man sein ganzes Ich aufgibt um ihn, daß er allein

uns alles Sehnen, alles Hoffen, alles Verlangen, die ganze Welt dünkt?

Und diese Leidenschaft soll die höchste Stufe der Seligkeit gewähren?

-- Mich schwindelts vor dieser Höhe, denn dem Blick hinab gähnt der

bodenlose Abgrund, mit allen Schrecknissen des rettungslosen Verderbens,

entgegen. Nein, Hedwiga, diese Liebe, die ebenso entsetzlich ist, als

sündhaft, hat dies Gemüt nicht erfaßt, und fest will ich halten an dem

Glauben, daß es ewig rein, ewig davon frei bleiben wird. Doch wohl mag

es sich begeben, daß ein Mann vor allen übrigen in uns die höchste

Achtung, ja, bei der männlich eminenten Kraft seines Geistes wahre

Bewunderung erregt. Doch noch mehr als das, wir fühlen uns in seiner

Nähe von einem gewissen, gemütlichen Wohlbehagen geheimnisvoll

durchströmt, erhoben über uns selbst, es scheint, als wenn unser Geist

dann erst recht erwache, als wenn uns das Leben dann erst recht leuchte,

und so sind wir froh, wenn er kommt, und traurig, wenn er geht. -- Nennst

Du dieses Liebe? -- Nun warum sollte ich es Dir nicht gestehen, daß

unser verlorner Kreisler mir dies Gefühl erweckt hat, und daß ich ihn

schmerzhaft vermisse.

Julia, rief die Prinzessin plötzlich auffahrend und Julien mit glühendem

Blick durchbohrend, kannst Du ihn Dir denken in den Armen einer andern,

ohne zu vergehn in namenloser Qual?

Hoch errötete Julia, und mit einem Ton, der erkennen ließ, wie sehr sie

sich verletzt fühlte, erwiderte sie: Nie habe ich =ihn= mir gedacht in

meinen Armen! --

Ha! -- Du liebst ihn nicht -- Du liebst ihn nicht! -- so schrie die

Prinzessin gellend auf, und sank dann wieder zurück in dem Sofa!

O, sprach Julia, o daß er wiederkehrte! -- Rein und schuldlos ist das

Gefühl, das ich für den teuern Mann hege in dieser Brust, und sehe ich

ihn niemals wieder, so wird der Gedanke an ihn, den Unvergeßlichen, in

mein Leben hineinleuchten, wie ein schöner, heller Stern. -- Doch gewiß,

er kehrt zurück! -- Denn wie kann --

Niemals, unterbrach die Prinzessin Julien mit schroffem, schneidendem

Ton, kann, darf er wiederkehren, denn wie man vernimmt, befindet er sich

in der Abtei Kanzheim und wird, sich der Welt entziehend, in den Orden

des heiligen Benedikt treten.

Julien kamen die hellen Tränen in die Augen, sie stand schweigend auf

und begab sich an das Fenster.

Deine Mutter hat recht, ganz recht, fuhr die Prinzessin fort. Wohl uns,

daß er fort ist, dieser Wahnsinnige, der sich wie ein böser Geist

eindrängte in unseres Herzens Rat, der uns in unserm eignen Innern zu

zerreißen wußte. -- Und die Musik war das Zaubermittel, mit dem er uns

umstrickte. -- Nie mag ich ihn wiedersehen. --

Dolchstiche waren für Julien die Worte der Prinzessin, sie griff nach

Hut und Shawl.

Du willst mich verlassen, meine süße Freundin? rief die Prinzessin.

-- Bleibe -- bleibe -- tröste mich, wenn Du kannst! -- Unheimliches

Grauen geht durch diese Säle, durch den Park! denn wisse -- Damit führte

Hedwiga Julien an das Fenster, zeigte nach dem Pavillon hin, in dem der

Adjudant des Prinzen Hektor gewohnt hatte, und begann mit dumpfer

Stimme: Schau dort hin, Julia, jene Mauern verbergen ein bedrohliches

Geheimnis; der Kastellan, die Gärtner, beteuern, daß seit der Abreise

des Prinzen niemand dort wohne, daß die Türe fest verschlossen, und doch

-- O schau nur hin -- schau nur hin! -- Siehst Du es nicht am Fenster?

In der Tat gewahrte Julia an dem Fenster, das in dem Giebel des

Pavillons angebracht war, eine dunkle Gestalt, die in demselben

Augenblicke wieder schnell verschwand.

Hier dürfe, meinte Julia, indem sie fühlte, wie Hedwiga's Hand

krampfhaft in der ihrigen bebte, von einem bedrohlichen Geheimnis, oder

gar von etwas Gespenstischem durchaus nicht die Rede sein, da es nur zu

leicht möglich, daß irgend jemand von der Dienerschaft den leeren

Pavillon unbefugter Weise benutze. Der Pavillon könne ja augenblicklich

durchsucht und so auf der Stelle aufgeklärt werden, was es mit der

Gestalt, die sich am Fenster blicken lasse, für eine Bewandtnis habe,

die Prinzessin versicherte aber dagegen, daß der alte, treue Kastellan

dies längst auf ihren Wunsch getan und beteuert, daß er in dem ganzen

Pavillon auch nicht die Spur eines menschlichen Wesens gefunden.

Laß es dir erzählen, sprach die Prinzessin, was sich vor drei Nächten

begab! -- Du weißt, daß mich oft der Schlaf flieht, und daß ich dann

aufzustehen, und so lange durch die Zimmer zu wandeln pflege, bis mich

eine Müdigkeit überfällt, der ich mich überlasse, und es wirklich zum

Einschlafen bringe. So geschah es, daß mich vor drei Nächten

Schlaflosigkeit in dies Zimmer trieb. Plötzlich zitterte der Widerschein

eines Lichts an der Wand vorüber, ich schaute durch das Fenster, und

gewahrte vier Männer, von denen einer eine Blendlaterne trug, und die in

der Gegend des Pavillons verschwanden, ohne daß ich bemerken konnte, ob

sie wirklich hineingingen in den Pavillon. Nicht lange dauerte es aber,

so wurde eben jenes Fenster hell und Schatten huschten inwendig hin und

her. Dann wurde es wieder finster, aber durch das Gebüsch strahlte nun

bald ein blendender Schimmer, der aus der Türe des geöffneten Pavillons

kommen mußte. Immer mehr näherte sich der Schein, bis endlich aus dem

Gebüsch ein Benediktiner-Mönch heraustrat, der in der linken Hand eine

Fackel, in der rechten aber ein Kruzifix trug. Ihm folgten vier Männer,

eine mit schwarzen Tüchern behängte Bahre auf den Schultern. Nur einige

Schritte waren sie gezogen, als ihnen eine in einen weiten Mantel

eingehüllte Gestalt entgegentrat. Sie standen still, setzten die Bahre

nieder, die Gestalt zog die Tücher weg, und ein Leichnam wurde sichtbar.

Mir wollten die Sinne vergehn, kaum gewahrte ich noch, daß die Männer

die Bahre aufhoben und dem Mönche nacheilten auf dem breiten Seitenwege,

der bald zum Park hinausführt auf die Straße nach der Abtei Kanzheim.

Seit dieser Zeit läßt sich jene Gestalt am Fenster sehen, und vielleicht

ist es der Spuk eines Ermordeten, der mich ängstigt.

Julia war geneigt, den ganzen Vorgang, wie ihn Hedwiga erzählte, für

einen Traum, oder, stand sie in der Tat wach am Fenster, für das

täuschende Spiel der aufgeregten Sinne zu halten. Wer sollte, wer konnte

der Tote sein, den man unter solchen geheimnisvollen Umständen aus dem

Pavillon forttrug, da niemand vermißt worden, und wer mochte daran

glauben, daß dieser unbekannte Tote noch spuken solle in der Behausung,

aus der man ihn fortgebracht? Julia äußerte dieses alles der Prinzessin

und fügte noch hinzu, daß jene Erscheinung am Fenster auch wohl auf

optischer Illusion beruhen, auch wohl gar ein Scherz des alten Magikers,

Meister Abraham sein könne, der ja oft sein Wesen treibe mit solchem

Spiel und vielleicht dem leeren Pavillon einen gespenstischen Einsassen

gegeben habe.

Wie, sprach die Prinzessin, die ihre ganze Fassung wiedergewonnen, sanft

lächelnd, wie man doch gleich mit der Erklärung bei der Hand ist,

geschieht das Wunderbare, Übernatürliche! -- Was den Toten betrifft, so

vergissest Du das, was sich in dem Park begab, ehe Kreisler uns verließ.

-- Um Gott, rief Julia, sollte denn wirklich eine gräßliche Tat begangen

sein? -- Wer? -- von wem? --

Du weißt ja, Mädchen, daß Kreisler lebt, fuhr Hedwiga fort. Aber auch

er lebt, der in Liebe ist zu Dir -- Sieh mich nicht so erschrocken an!

-- Solltest Du das nicht längst ahnen, was ich Dir sagen muß, damit Dir

es klar werde, was, länger verborgen, Dich verderben könnte? -- Prinz

Hektor liebt =Dich, Dich= Julia, mit all der wilden Leidenschaft, die

seiner Nation eigen. Ich war, ich bin seine Braut, Du aber, Julia, bist

seine Geliebte. Die letzten Worte betonte die Prinzessin auf eine eigne

scharfe Weise, ohne übrigens jenen besonderen Accent hineinzulegen, der

dem Gefühl innerer Kränkung eigen.

O ewige Macht, rief Julia heftig, indem ihr die Tränen aus den Augen

stürzten, Hedwiga, willst Du denn meine Brust zerreißen? -- Welcher

finstre Geist spricht aus Dir! -- Nein, nein, gern will ich es leiden,

daß Du aller bösen Träume halber, die Dich verstörten, an mir Ärmsten

Rache nimmst, aber nie werde ich an die Wahrheit dieser bedrohlichen

Phantome glauben! -- Hedwiga! -- besinne Dich doch nur, Du bist ja nicht

mehr die Braut des entsetzlichen Mannes, der uns erschien, wie das

Verderben selbst! Nie kehrt er zurück, niemals wirst Du sein!

Doch, erwiderte die Prinzessin, doch! -- Fasse Dich nur, Mädchen! -- Nur

dann, wenn die Kirche mich mit dem Prinzen verbunden, löst sich

vielleicht das ungeheure Mißverständnis des Lebens, das mich elend

macht! -- Dich rettet des Himmels wunderbare Fügung. -- Wir trennen uns,

ich folge dem Gemahl, Du bleibst! -- Die Prinzessin verstummte vor

innerer Bewegung, auch Julia war keines Wortes mächtig, beide fielen

sich schweigend, in Tränen zerfließend, an die Brust!

Man meldete, daß der Tee serviert sei. Julia war aufgeregter, als es ihr

besonnenes, ruhiges Gemüt zuzulassen schien. Es war ihr unmöglich, in

der Gesellschaft zu bleiben, und die Mutter erlaubte ihr gern, nach

Hause zu gehen, da die Prinzessin sich ebenfalls nach Ruhe sehnte.

Fräulein Nannette versicherte auf Befragen der Fürstin, daß die

Prinzessin den Nachmittag und Abend sich sehr wohl befunden, indessen

mit Julien durchaus allein sein wollen. So viel sie im Nebenzimmer

beobachten können, hätten beide, die Prinzessin und Julia sich allerlei

Geschichten erzählt, auch Komödie gespielt und bald gelacht und bald

geweint.

Die lieben Mädchen, sprach der Hofmarschall leise. Die aimable

Prinzessin, das liebe Mädchen! verbesserte der Fürst, indem er den

Hofmarschall mit großen Augen anblitzte. Dieser wollte in der Bestürzung

über den entsetzlichen Fehlgriff ein ziemliches Stücklein Zwieback, das

er sattsam in Tee getränkt, auf einmal hinunterschlucken. Das blieb ihm

aber in der Kehle stecken, und er brach aus in ein fürchterliches

Husten, so daß er schnell den Saal verlassen mußte, und nur dadurch

gerettet werden konnte vom schnöden Erstickungstode, daß der Hoffurier

im Vorsaal mit geübter Faust ein wohlgesetztes Paukensolo ausführte auf

seinem Rücken.

Nach zwei Unschicklichkeiten, deren er sich schuldig gemacht, fürchtete

indessen der Hofmarschall noch die dritte zu begehen, er wagte es daher

nicht, zurückzukehren in den Saal, sondern ließ sich bei dem Fürsten mit

plötzlich ihm angewandelter Krankheit entschuldigen.

Durch des Hofmarschalls Abwesenheit wurde aber die Whistpartie

zerrissen, wie sie der Fürst gewöhnlich zu spielen pflegte.

Als nun die Spieltische geordnet, war alles in gespannter Erwartung, was

der Fürst in diesem kritischen Fall tun werde. Der tat aber nichts, als

daß er, da auf seinen Wink die übrigen sich zum Spiel gesetzt hatten,

die Hand der Rätin Benzon faßte, sie zum Kanapee führte, und Platz

nehmen hieß, indem er selbst sich ihr zur Seite hinsetzte.

Unlieb wäre es mir doch gewesen, wenn der Hofmarschall erstickt wäre am

Zwieback, sprach er dann sanft und leise, wie immer zur Benzon. Doch

schien er Abwesenheiten des Geistes zu haben, wie ich es schon oftmals

bemerkt, daß er die Prinzessin Hedwiga ein Mädchen nannte, und würde

daher im Whist miserabel gewesen sein. -- Überhaupt, liebe Benzon, ist

es mir heute recht erwünscht und angenehm, statt des Spiels mit Ihnen

hier in der Einsamkeit einige Worte vertraulich zu wechseln, wie sonst.

Ach -- wie sonst! Nun Sie kennen mein Attachement für Sie, geliebte

Frau! Nie kann es aufhören, ein fürstliches Herz ist jedesmal ein

treues, sobald nicht unabwendbare Verhältnisse ein anderes gebieten.

Bei diesen Worten küßte der Fürst der Benzon viel zärtlicher die Hand,

als es Stand, Alter und Umgebung zu erlauben schienen. Die Benzon

versicherte mit vor Freude funkelnden Augen, daß sie längst den Moment

ersehnt, mit dem Fürsten vertraulich zu reden, da sie ihm so manches

mitzuteilen habe, was ihm nicht unangenehm sein werde.

Erfahren Sie, gnädigster Herr, sprach die Benzon, daß der

Geheime-Legationsrat auf's Neue geschrieben, daß unsere Angelegenheiten

plötzlich eine günstigere Wendung genommen, daß --

Still, beste Frau, unterbrach sie der Fürst, nichts von

Regierungsgeschäften! Auch der Fürst trägt Schlafröcke, und setzt eine

Nachtmütze auf, wenn er beinahe erdrückt von der Last des Regierens,

sich zur Ruhe begibt, wovon freilich Friedrich der Große, König von

Preußen eine Ausnahme machte, der, wie es Ihnen als einer belesenen Frau

bekannt sein wird, auch im Bette einen Filzhut aufsetzte. Nun, ich

meine, daß auch der Fürst immer zu viel von dem in sich trägt, was

-- nun! was eben, wie die Leute sagen, das sogenannte bürgerliche

Verhältnis, Ehe, Vaterfreuden usw. begründet, um sich diesen Gefühlen

ganz zu entschlagen, und es ist mindestens pardonabel, wenn er sich

ihnen überläßt in Augenblicken, da der Staat, die Vorsorge für den

gehörigen Anstand am Hofe und im Lande nicht sein ganzes Selbst in

Anspruch nimmt, -- Gute Benzon! solche Augenblicke sind die jetzigen;

fertig liegen sieben Unterschriften in meinem Kabinett, und nun lassen

Sie mich den Fürsten ganz vergessen, lassen Sie mich hier beim Tee ganz

Hausvater sein -- der deutsche Hausvater vom Freiherrn von Gemmingen!

Lassen Sie mich von meinen -- ja, von meinen Kindern reden, die mir

solchen Kummer verursachen, daß ich oft in eine ganz unschickliche

Gemütsunruhe verfalle. Von Ihren Kindern soll die Rede sein, gnädigster

Herr? sprach die Benzon mit spitzem Tone. Das heißt also, von dem

Prinzen Ignaz und von der Prinzessin Hedwiga! -- Sprechen Sie,

gnädigster Herr, sprechen Sie, vielleicht kann ich Rat und Trost geben,

wie Meister Abraham. -- Ja, sprach der Fürst weiter, ja Rat und Trost,

der möchte mir manchmal von nöten sein. -- Sehn Sie, gute Benzon, was

zuerst den Prinzen betrifft, so bedurfte er freilich nicht besonderer

Geistesgaben, die die Natur denjenigen zuzuteilen pflegt, die sonst

ihres Standes halber obskur und fühllos bleiben würden, aber etwas mehr

esprit wäre ihm doch zu wünschen, er ist und bleibt ein -- _Simple!_

-- Sehn Sie nur, da sitzt er und baumelt mit den Füßen und spielt eine

falsche Karte aus nach der andern, und kichert und lacht wie ein Knabe

von sieben Jahren! -- Benzon! _entre nous soit dit,_ nicht die Kunst des

Schreibens, insofern sie ihm nötig, ist ihm beizubringen; sein

fürstlicher Name sieht aus wie eine Eulenkralle. Ewige Barmherzigkeit,

was soll daraus werden? Neulich wurde ich in meinen Geschäften gestört

durch abscheuliches Gebelle vor meinem Fenster, ich schaue heraus, um

den unangenehmen Spitz fortjagen zu lassen, und was muß ich erblicken!

Sollten Sie es glauben, gute Frau! Es ist der Prinz, der wie wahnsinnig

laut bellend hinter dem Gärtnerburschen herspringt. -- Sie spielen

mitsammen Hase und Hund! -- Ist wohl nur einiger Verstand darin, sind das

fürstliche Passionen? -- Kann der Prinz wohl jemals zu der geringsten

Selbständigkeit kommen?

Darum ist es nötig, erwiderte die Benzon, daß der Prinz alsbald

vermählt werde, und eine Gemahlin erhalte, deren Anmut, deren Liebreiz,

deren klarer Verstand seine schlafenden Sinne weckt und die gutmütig

genug ist, sich ganz zu ihm hinabzuneigen, um ihn dann allmählich zu

sich heraufzuziehen. Diese Eigenschaften sind dem weiblichen Wesen, das

dem Prinzen angehören soll, unerläßlich, um ihn aus einem Seelenzustande

zu retten, der, mit Schmerz spreche ich es aus, gnädigster Herr! zuletzt

in wirklichen Wahnsinn ausarten kann. Eben daher dürfen auch nur diese

seltenen Eigenschaften entscheiden, und der Stand nicht in allzustrengen

Betracht kommen.

Niemals gab es Mesalliancen in unserm Hause, sprach der Fürst, indem er

die Stirn runzelte, lassen Sie ab von einem Gedanken, den ich nicht

billigen kann. Immer war und bin ich noch bereit, sonst Ihre Wünsche zu

erfüllen! --

Daß ich nicht wüßte, gnädigster Herr! erwiderte die Benzon mit scharfem

Ton. -- Wie oft mußten gerechte Wünsche schweigen chimärischer

Rücksichten halber! Aber es gibt Ansprüche, die aller Verhältnisse

spotten. --

_Laissons cela,_ unterbrach der Fürst die Benzon, indem er sich

ausräusperte und Tabak nahm. Nach einigen Augenblicken des

Stillschweigens fuhr er fort: Noch mehr Kummer als der Prinz, macht mir

die Prinzessin. Sagen Sie, Benzon, wie war es möglich, daß uns eine

Tochter von dieser seltsamen Gemütsart, noch mehr von dieser

absonderlichen Krankhaftigkeit, die selbst den Leibarzt in Verlegenheit

setzt, geboren werden konnte? Hat sich die Fürstin nicht immer einer

blühenden Gesundheit erfreut, hat sie zu mystischen Nervenzufällen

inkliniert? Bin ich selbst nicht, was Leib und Seele betrifft, ein

robuster Fürst gewesen? Wie kommen wir zu dem Kinde, das, gestehen muß

ich es zu meinem bittern Leidwesen, mir oft -- ganz verrückt erscheint,

alles fürstlichen Anstandes los und ledig? -- Auch mir ist der

Organismus der Prinzessin unbegreiflich, erwiderte die Benzon. -- Die

Mutter ist sich immer klar, verständig, von jeder zu heftigen,

verderblichen Leidenschaftlichkeit frei gewesen. -- Die letzten Worte

sprach die Benzon dumpf und leise vor sich hin, indem sie den Blick

niedersenkte. Sie meinen die Fürstin, fragte der Fürst mit Accent, da es

ihm nicht anständig schien, daß dem Worte: Mutter, nicht das Prädikat:

Fürstin hinzugefügt war.

Wen sonst sollte ich meinen, erwiderte die Benzon gespannt.

Hat mich nicht der letzte fatale Zufall der Prinzessin um den Erfolg

meiner Bemühungen, und die Freude ihrer baldigen Vermählung, meinen

Wünschen gemäß, gebracht? sprach der Fürst weiter. -- Denn, gute Benzon,

_entre nous soit dit,_ der Prinzessin plötzliche Katalepsie, die ich bloß

einer starken Erkältung zuschreibe, war wohl lediglich schuld an der

plötzlichen Abreise des Prinzen Hektor. -- Er will abbrechen und -- _juste

ciel!_ selbst muß ich es gestehen, ich kann es ihm nicht ganz verdenken,

so daß, verböte nicht ohnehin der Anstand jede weitere Annäherung, schon

dieses mich, den Fürsten, abhalten müßte, jetzt noch Schritte zu tun zur

Erfüllung eines Wunsches, den ich freilich sehr ungern und nur

notgedrungen aufgebe. Recht werden Sie mir nämlich geben, geliebte Frau,

daß es immer etwas Ängstliches hat mit einer Gemahlin, die solchen

wunderlichen Zufällen unterworfen. Kann eine solche fürstliche und

zugleich kataleptische Gemahlin nicht mitten in der glänzendsten Cour

davon erfaßt werden, automatisch dastehen und sämtliche, würdige

Anwesende zwingen, es ihr nachzutun und regungslos zu bleiben? --

Freilich kann man wohl auch eine, von einer allgemeinen Katalepsie

befallene Cour, sich als die feierlichste und erhabenste denken, die es

in der Welt nur geben mag, da die leiseste Verletzung der nötigen Würde

auch dem Leichtsinnigsten unmöglich. Doch ein Gefühl, das mich eben in

solchen hausväterlichen Augenblicken, wie die jetzigen, hier beim Spiel

befällt, läßt es mich bemerken, daß ein solcher Zustand der Braut, dem

fürstlichen Bräutigam einiges fröstelnde Grauen erregen kann, und darum

-- Benzon! Sie sind eine liebenswürdige, verständige Frau, fänden Sie

vielleicht eine Möglichkeit, die Sache mit dem Prinzen zu realisieren,

irgend ein Mittel --

Es bedarf dessen gar nicht, gnädigster Herr! unterbrach die Benzon

lebhaft den Fürsten. Nicht der Prinzessin Krankheit trieb den Prinzen so

schnell fort, ein anderes Geheimnis ist hier im Spiele, und in dieses

Geheimnis ist der Kapellmeister Kreisler verflochten.

Wie, was sagen Sie, Benzon? der Kapellmeister Kreisler? rief der Fürst

erstaunt! So sollte es doch wahr sein, daß er --

Ja, gnädigster Herr, sprach die Rätin weiter, ein Zwiespalt zwischen ihm

und dem Prinzen Hektor, der vielleicht geschlichtet werden sollte auf zu

heroische Weise, war es, der den Prinzen entfernte. --

Zwiespalt, unterbrach der Fürst die Benzon, Zwiespalt -- geschlichtet

-- heroische Weise: -- Der Schuß im Park -- der blutige Hut! -- Benzon!

es ist ja unmöglich -- der Prinz -- der Kapellmeister! -- ein Duell --

ein Renkontre, beides ist ja undenkbar! --

So viel, gnädigster Herr, ist gewiß, fuhr die Benzon fort, daß Kreisler

auf der Prinzessin Gemüt nur zu mächtig einwirkte, daß jene seltsame

Angst, ja, jenes Entsetzen, das sie erst empfand in Kreislers Gegenwart,

sich gestalten wollte zur verderblichen Leidenschaft. Möglich, daß der

Prinz scharf genug sah, dies zu gewahren, daß er in Kreisler, der ihm

von Anfang an entgegen trat, mit feindlicher, verhöhnender Ironie, einen

Widersacher fand, den er sich vom Halse schaffen zu müssen glaubte, und

daß hieraus sich eine Tat erzeugte, die freilich nur dem blutigen Haß

des gekränkten Ehrgefühls, der Eifersucht verziehen werden darf, und

die, Dank sei der ewigen Macht, nicht gelang. Ich gestehe, daß dies

alles die schnelle Abreise des Prinzen nicht erklärt, und daß, wie

gesagt, noch ein dunkles Geheimnis waltet. Der Prinz floh, wie mir Julia

erzählt, entsetzt vor einem Bilde, das Kreisler bei sich trug und ihm

vorzeigte. -- Nun, mag dem sein, wie ihm wolle, Kreisler ist fort und der

Prinzessin Krisis ist vorüber! -- Glauben Sie mir, gnädigster Herr,

blieb Kreisler, so flammte die heftigste Leidenschaft für ihn auf in der

Prinzessin Brust, und sie wäre lieber gestorben, als daß sie dem Prinzen

ihre Hand gegeben hätte. Alles hat sich jetzt anders gestaltet, bald

kehrt Prinz Hektor zurück, und die Vermählung mit der Prinzessin endigt

alle Besorgnisse.

Sehn Sie, rief der Fürst zornig, die Insolenz des schnöden Musikanten!

-- In ihn will die Prinzessin sich verlieben, seinetwegen die Hand des

liebenswürdigsten Prinzen ausschlagen! -- _Ah, le coquin!_ -- Nun verstehe

ich Euch, Meister Abraham, erst ganz! -- Ihr sollt mir den fatalen

Menschen vom Halse schaffen, daß er niemals wiederkehrt. --

Jede Maßregel, sprach die Rätin, die der weise Meister Abraham deshalb

etwa vorschlagen dürfte, würde überflüssig sein, da das Erforderliche

deshalb schon geschehen ist. Kreisler befindet sich in der Abtei

Kanzheim, und wie mir der Abt Chrysostomus schreibt, wird er

wahrscheinlich sich entschließen, der Welt zu entsagen, und in den Orden

zu treten. Die Prinzessin hat dies schon erfahren von mir zur günstigen

Stunde, und daß ich dabei keine sonderliche Gemütsbewegung der

Prinzessin gewahrte, bürgt mir dafür, daß die bedrohliche Krisis wie

gesagt, schon vorüber.

Herrliche, liebenswürdige Frau! nahm der Fürst das Wort, welches

Attachement beweisen Sie mir und meinen Kindern! Wie sorgen Sie für das

Wohl, für das Beste meines Hauses?

Wirklich? sprach die Benzon mit bittrem Tone, tue ich das? =Konnte,

durfte= ich immer für das Wohl Ihrer Kinder sorgen?

Die Benzon legte auf die letzten Worte einen besonderen Nachdruck, der

Fürst sah schweigend vor sich nieder, und spielte mit den Daumen der

zusammengefalteten Hände. Endlich murmelte er leise: »Angela! -- noch

immer keine Spur? -- ganz verschwunden?«

So ist es, erwiderte die Benzon, und ich fürchte, daß das unglückliche

Kind das Opfer irgend einer Schändlichkeit geworden ist. Man wollte sie

in Venedig gesehen haben, aber gewiß war dies ein Irrtum. -- Gestehen

Sie es, gnädigster Herr! es war grausam -- entsetzlich, daß Sie Ihr Kind

von der Brust der Mutter reißen ließen, es in ein trostloses Exil

verbannten! -- Diese Wunde, die mir Ihre Strenge schlug, werde ich

niemals verschmerzen!

Benzon, sprach der Fürst, habe ich Ihnen, dem Kinde nicht ein

ansehnliches Jahrgehalt ausgesetzt? -- konnte ich mehr tun? Mußte ich

nicht, blieb Angela bei uns, jeden Augenblick befürchten, daß unsre

_foiblesses_ verraten werden und auf unangenehme Weise die anständige

Ruhe unseres Hofes zerstören konnten? -- Sie kennen die Fürstin, gute

Benzon! Sie wissen, daß sie manchmal besondere Grillen hat. --

Also Geld, nahm die Benzon das Wort, ein Jahrgehalt soll die Mutter

entschädigen für allen Schmerz, für alle Trauer, für alle bittre Klage

um das verlorne Kind? -- In der Tat, gnädigster Herr! es gibt eine

andere Art für sein Kind zu sorgen, die die Mutter besser

zufriedenstellt, als alles Gold! --

Die Benzon sprach diese Worte mit einem Blick, mit einem Ton, der den

Fürsten in einige Verlegenheit setzte.

Vortreffliche Frau, begann er betreten, warum diese seltsame Gedanken!

-- Glauben Sie denn nicht, daß mir ebenfalls das spurlose Verschwinden

unserer lieben Angela sehr unangenehm, sehr fatal ist? Es muß ein

artiges, schönes Mägdlein geworden sein, da es von hübschen scharmanten

Eltern geboren. Aufs neue küßte der Fürst der Benzon sehr zärtlich die

Hand, die sie aber schnell wegzog und mit funkelndem, durchbohrendem

Blick dem Fürsten ins Ohr flüsterte: Gestehen Sie es, gnädigster Herr,

Sie waren ungerecht, grausam, als Sie darauf bestanden, daß das Kind

entfernt werden müsse. Ist es nicht Ihre Pflicht, den Wunsch nicht

zurückzuweisen, dessen Erfüllung ich gutmütig genug, wirklich für

einigen Ersatz all meines Leid's ansehen will?

Benzon, erwiderte der Fürst noch kleinlauter als zuvor, gute, herrliche

Benzon, kann denn unsere Angela nicht wiedergefunden werden? Ich will

Heroisches tun für Ihre Wünsche, teure Frau. Ich will mich dem Meister

Abraham anvertrauen, mich mit ihm beraten. -- Es ist ein vernünftiger

erfahrner Mann; vielleicht kann er helfen.

O, unterbrach die Benzon den Fürsten, o des weisen Meisters Abraham!

Glauben Sie denn, gnädigster Herr, daß Meister Abraham wirklich

aufgelegt ist, für Sie etwas zu unternehmen, daß er Ihnen, Ihrem Hause

getreulich anhängt? Und wie sollte er im Stande sein, etwas

herauszubringen über Angela's Schicksal, nachdem in Venedig, in Florenz,

alle Nachforschungen vergeblich geblieben sind und, was das Schlimmste

ist, ihm jenes geheimnisvolle Mittel geraubt wurde, dessen er sich sonst

bediente, um das Unbekannte zu erforschen.

Sie meinen sein Weib, die böse Zauberin Chiara, sprach der Fürst.

Sehr fraglich möchte es sein, erwiderte die Benzon, ob die vielleicht

nur inspirierte, mit höheren, wunderbaren Kräften begabte Frau, diesen

Namen verdient. Auf jeden Fall war es ungerecht, unmenschlich, dem

Meister das geliebte Wesen zu rauben, an dem er hing mit ganzer Seele,

ja, die ganz ein Teil seines Ich's war.

Benzon, rief der Fürst ganz erschrocken, Benzon, ich verstehe Sie heute

nicht! -- Mir schwindelts im Kopfe! Waren Sie selbst nicht dafür, daß

das bedrohliche Geschöpf, vermöge dessen der Meister bald alle unsere

Verhältnisse beherrschen möchte, entfernt werden möchte? Billigten Sie

nicht selbst mein Schreiben an den Großherzog, in dem ich vorstellte,

daß, da jede Zauberei im Lande längst verboten, Personen, die in dieser

Art beeigenschaftet ihr Wesen trieben, nicht geduldet werden dürften und

Sicherheits halber ein wenig eingesperrt werden müßten? Geschah es nicht

aus purer Schonung gegen den Meister Abraham, daß der mysteriösen Chiara

nicht der offne Prozeß gemacht, sondern daß sie in aller Stille

aufgegriffen und fortgeschafft wurde, wohin weiß ich nicht einmal, da

ich mich darum nicht weiter bekümmert? -- Welch' ein Vorwurf kann mich

hier treffen?

Verzeihung, gnädigster Herr, erwiderte die Benzon, aber es ist doch in

der Tat der Vorwurf des wenigstens übereilten Verfahrens, der Sie wohl

mit Recht trifft. -- Aber! -- erfahren Sie es gnädigster Herr! Meister

Abraham ist davon unterrichtet, daß seine Chiara weggeschafft wurde auf

Ihren Anlaß. Er ist still, er ist freundlich, aber glauben Sie nicht,

gnädigster Herr, daß Haß und Rache brütet in seinem Innern, gegen den,

der ihm sein Liebstes raubte auf Erden! Und diesem Mann wollen Sie

vertrauen, wollen ihm Ihr Inneres erschließen? -- Benzon, sprach der

Fürst, indem er sich die Schweißtropfen von der Stirne wegtrocknete,

Benzon! Sie alterieren mich sehr -- ganz unbeschreiblich möcht' ich

sagen! -- Barmherziger! Kann ein Fürst so aus der Contenance gebracht

werden? Muß beim Teufel -- Gott ich glaube gar, ich fluche, wie ein

Dragoner hier beim Tee! -- Benzon! warum sprachen Sie nicht früher! -- Er

weiß schon alles! -- Im Fischerhäuschen, gerade als ich ganz außer mir

war über der Prinzessin Zustand, da floß mir das Herz, der Mund über.

Ich sprach von Angela, entdeckte ihm -- Benzon, schrecklich ist es! --

_j'étois -- un_ -- Esel! -- _Voilà tout!_ --

Und er erwiderte? So fragte die Benzon gespannt.

Beinahe ist es mir so, sprach der Fürst weiter, als habe der Meister

Abraham zuerst angefangen von unserm früheren Attachement zu sprechen,

und wie ich ein glücklicher Vater sein können, statt daß ich nun ein

malheureuser sei. -- So viel ist aber richtig, daß, als ich meine

Beichte geendet, er lächelnd erklärte, wie er schon längst alles wisse

und hoffe, daß sich vielleicht in ganz kurzer Zeit aufklären werde, wo

Angela geblieben. -- Mancher Trug würde dann vernichtet werden, manche

Täuschung zerrinnen. --

Das sagte der Meister? sprach die Benzon mit bebenden Lippen.

_Sur mon honneur,_ erwiderte der Fürst, das sprach er. -- Tausend

Sapperment -- pardonieren Sie Benzon, aber ich bin im Zorn -- wenn der

Alte es mir nachtragen sollte? -- Benzon, _que faire?_

Beide, der Fürst und die Benzon, starrten sich sprachlos an.

Durchlauchtigster Herr! lispelte leise ein Kammerlakai, indem er dem

Fürsten Tee präsentierte. _Bête!_ schrie aber der Fürst, im hastigen

Aufspringen dem Lakai Präsentierteller samt der Tasse aus den Händen

schleudernd; alles fuhr entsetzt von den Spieltischen in die Höhe, das

Spiel war geendet, der Fürst, sich mit Macht bezwingend, lächelte ein

freundliches Adieu den Erschrockenen zu und begab sich mit der Fürstin

in die inneren Gemächer. Auf jedem Gesicht las man aber ganz deutlich:

Gott was ist das, was bedeutet das? -- Der Fürst spielte nicht, sprach

so lange, so angelegentlich mit der Rätin und geriet dann in solch

entsetzlichen Zorn! --

Unmöglich konnte die Benzon auch nur entfernt ahnen, was sie in ihrer

Wohnung, die in einem Seitengebäude dicht neben dem Schlosse belegen,

für ein Auftritt erwartete. -- Kaum eingetreten, stürzte ihr nämlich

ganz außer sich Julia entgegen und -- Doch! gegenwärtiger Biograph ist

sehr zufrieden, daß er diesmal das, was sich mit Julia während des

fürstlichen Tees begeben, viel besser und deutlicher zu erzählen vermag,

als manches andere Faktum der bis jetzt wenigstens etwas verworrenen

Geschichte. -- Also! -- Wir wissen, daß Julien erlaubt wurde, früher

nach Hause zurückzukehren. Ein Leibjäger leuchtete ihr mit einer Fackel

vor. Kaum waren sie aber einige Schritte von dem Schlosse entfernt, als

der Leibjäger plötzlich stillstand und die Fackel hoch emporhob. Was

gibt es, fragte Julia. Ei, erwiderte der Leibjäger, ei Fräulein Julia,

haben Sie wohl die Gestalt bemerkt, die dort vor uns so schnell

forthuschte? Ich weiß gar nicht, was ich davon denken soll, seit

mehreren Abenden schleicht hier ein Mensch umher, der bei seiner

Heimlichkeit was Böses im Schilde führen muß. Wir haben ihm schon

nachgestellt auf alle nur mögliche Weise, aber er entwischt uns unter

den Händen, ja er wird vor unsern Augen unsichtbar, wie ein Gespenst

oder wie der, Gott sei bei uns! selbst. --

Julia dachte an die Erscheinung im Giebelfenster des Pavillons und

fühlte sich von unheimlichen Schauern durchbebt. Fort, ach nur schnell

fort, rief sie dem Jäger zu, der meinte aber lachend, das liebe Fräulein

möge sich nur nicht fürchten, denn ehe ihr etwas geschehe, müsse ihm

erst das Gespenst den Hals umdrehen, überdem habe aber wohl das

unbekannte Ding, was sich in der Gegend des Schlosses blicken lasse,

Fleisch und Bein wie andere ehrliche Leute und sei ein furchtsamer,

lichtscheuer Hase.

Julia schickte ihr Mädchen, das über Kopfschmerz und Fieberfrost klagte,

zu Bette und legte ohne ihre Beihilfe die Nachtkleider an.

Nun, als sie einsam auf ihrem Zimmer, ging noch einmal alles in ihrer

Seele auf, was Hedwiga in einem Zustande zu ihr gesprochen, den sie nur

krankhafter Überspannung zuschreiben wollte. Und doch war es gewiß, daß

eben jene krankhafte Überspannung nur eine psychische Ursache haben

konnte. -- Mädchen von solch unbefangenem reinem Gemüt, wie Julia,

erraten in derlei intrikaten Fällen wohl selten das Richtige. So glaubte

auch Julia, als sie sich alles nochmals in den Sinn gerufen, nichts

anderes, als daß Hedwiga von jener entsetzlichen Leidenschaft ergriffen,

die sie selbst ihr so furchtbar, als die Ahnung davon in ihrer eignen

Seele lag, geschildert, und daß Prinz Hektor der Mann sei, dem sie ihr

eignes Selbst geopfert. -- Nun, schloß sie ferner, sei, der Himmel wisse

wie, der Wahn in Hedwiga aufgestiegen, daß der Prinz in anderer Liebe

befangen, und habe sie gequält wie ein fürchterliches, rastlos sie

verfolgendes Gespenst, so daß daraus sich die heillose Zerrüttung im

Innern erzeugt. Ach, sprach Julia zu sich selbst, ach du gute liebe

Hedwiga, kehrte Prinz Hektor zurück, wie bald würdest du dich

überzeugen, daß du von deiner Freundin nichts zu befürchten! Doch in dem

Augenblick, als Julia diese Worte sprach, trat der Gedanke, daß der

Prinz sie liebe, so aus dem Innersten hervor, daß sie vor seiner Macht

und Lebendigkeit erschrak, daß sie sich von unnennbarer Angst erfaßt

fühlte, es könne doch wahr, was die Prinzessin glaube, und ihr Verderben

gewiß sein. Jener seltsame fremdartige Eindruck, den des Prinzen Blick,

sein ganzes Wesen auf sie gemacht, kam ihr wieder zu Sinn, jenes

Entsetzen durchbebte aufs neue ihre Glieder. Sie gedachte jenes Momentes

auf der Brücke, als der Prinz sie umschlingend, den Schwan fütterte,

all' der verfänglichen Worte, die er damals sprach und die, so harmlos

ihr damals alles vorgekommen, ihr jetzt von tieferer Bedeutung schienen.

Aber auch des verhängnisvollen Traumes gedachte sie, als sie sich von

eisernen Armen fest umschlungen gefühlt und es der Prinz gewesen, der

sie festgehalten, als sie dann erwacht den Kapellmeister im Garten

erblickt und sein ganzes Wesen ihr klar geworden und sie daran geglaubt,

daß er sie schützen werde vor dem Prinzen.

Nein, rief Julia laut, nein es ist nicht so, es kann dem nicht so sein,

es ist nicht möglich! Es ist der böse Geist der Hölle selbst, der diese

sündhaften Zweifel in mir Ärmsten aufregt! -- Nein er soll nicht Macht

haben über mich! --

Mit dem Gedanken an den Prinzen, an jene gefahrvollen Augenblicke regte

sich in Julia's tiefster Brust eine Empfindung, deren Bedrohlichkeit nur

daran zu erkennen, daß sie die Scham weckte, die das wallende Blut ihr

in die Wangen, heiße Tränen in die Augen trieb. Wohl der holden, frommen

Julia, daß sie Kraft genug besaß den bösen Geist zu beschwören, ihm

keinen Raum zu verstatten, in dem er fest fußen können. Es ist hier noch

wiederholt zu bemerken, daß Prinz Hektor der schönste liebenswürdigste

Mann war, den man nur sehen konnte, daß seine Kunst zu gefallen auf die

tiefe Weiberkenntnis gegründet war, die ihm das Leben voll glücklicher

Abenteuer erworben und daß eben ein junges unbefangenes Mädchen wohl

erschrecken mochte vor der siegenden Kraft seines Blicks, seines ganzen

Wesens.

O Johannes, sprach sie sanft, du guter herrlicher Mann, kann ich denn

nicht bei dir den Schutz suchen, den du mir versprochen? Kannst du nicht

selbst zu mir tröstend reden mit den Himmelstönen, die recht widerhallen

in meiner Brust?

Damit öffnete Julia das Pianoforte und begann die Kompositionen

Kreislers, die ihr die liebsten waren, zu spielen und zu singen. In der

Tat fühlte sie sich bald getröstet, erheitert, der Gesang trug sie fort

in eine andere Welt, es gab keinen Prinzen, ja keine Hedwiga mehr, deren

krankhafte Phantome sie verstören durften!

-- Nun noch meine liebste Kanzonetta! -- So sprach Julia und begann das

von so vielen Komponisten gesetzte: _Mi lagnero tacendo etc._ In der Tat

war Kreislern dieses Lied vor allen übrigen gelungen. Der süße Schmerz

der brünstigsten Liebessehnsucht war darin in einfacher Melodie, mit

einer Wahrheit, mit einer Stärke ausgedrückt, die jedes fühlende Gemüt

unwiderstehlich ergreifen mußte. Julia hatte geendet, in das Andenken an

Kreisler ganz und gar versunken, schlug sie noch einzelne Akkorde an,

die ein Echo schienen ihrer innern Gefühle. Da ging die Türe auf, sie

schaute hin und ehe sie sich vom Sitz erheben konnte, lag Prinz Hektor

ihr zu Füßen und hielt sie fest, beide Hände erfassend. Laut schrie sie

auf vor jähem Schreck, doch der Prinz beschwor sie bei der Jungfrau und

allen Heiligen ruhig zu sein, ihm nur zwei Minuten den Himmel ihres

Anblicks, ihres Worts zu gönnen. Mit Ausdrücken wie sie nur die Raserei

der heftigsten Leidenschaft einzugeben vermag, sagte er ihr dann, daß er

nur sie, nur sie anbete, daß der Gedanke der Vermählung mit Hedwiga ihm

schrecklich, todbringend sei. Daß er deshalb fliehen wollen, doch bald,

von der Macht einer Leidenschaft, die erst mit seinem Tode enden könne,

getrieben, zurückgekehrt sei, nur um Julien zu sehen, zu sprechen, ihr

zu sagen, daß nur sie allein sein Leben, sein Alles sei! --

Fort, rief Julia in trostloser Herzensangst, -- Sie töten mich Prinz!

Nimmermehr, schrie der Prinz, indem er in Liebeswut Julia's Hände an die

Lippen drückte, der Moment ist da, der Leben über mich bringt oder Tod!

-- Julia! Kind des Himmels! Kannst Du mich, kannst Du den verwerfen,

dessen ganzes Sein, dessen Seligkeit Du bist? -- Nein Du liebst mich

Julia, ich weiß es, o sprich es aus, daß Du mich liebst, und alle Himmel

überschwenglichen Entzückens sind mir geöffnet.

Damit umschlang der Prinz die vor Entsetzen und Angst halb ohnmächtige

Julia und drückte sie heftig an seine Brust.

Weh mir -- erbarmt sich niemand meiner, rief sie mit halberstickter

Stimme.

Da erhellte Fackelglanz die Fenster und mehrere Stimmen ließen sich vor

der Türe hören. Julia fühlte einen glühenden Kuß auf den Lippen brennen

und schnell war der Prinz entflohen.

Also -- ganz außer sich, stürzte, wie gesagt Julia der eintretenden

Mutter entgegen und mit Entsetzen vernahm diese, was sich begeben. Sie

begann damit die arme Julia zu trösten, wie sie nur vermochte, ihr zu

versichern, daß sie den Prinzen zu seiner Scham aus dem Versteck, in dem

er sich befinden müsse, hervorziehen werde.

O tue das nicht Mutter, sprach Julia, ich muß vergehen, wenn der Fürst,

wenn Hedwiga erfährt -- Sie fiel schluchzend an der Mutter Brust ihr

Antlitz verbergend.

Du hast recht, mein liebes gutes Kind, erwiderte die Rätin, niemand darf

zur Zeit wissen, ahnen, daß der Prinz sich hier befindet, daß er Dir

nachstellt, Du liebe fromme Julia! -- Die im Komplott sind müssen

schweigen. Denn daß es deren gibt, die im Bunde sind mit dem Prinzen,

hat nicht den mindesten Zweifel, da er sonst ebensowenig unbemerkt hier

in Sieghartshof sich hätte aufhalten, als in unsre Wohnung schleichen

können. -- Unbegreiflich ist es mir, wie es den Prinzen möglich wurde

aus dem Hause zu entfliehen, ohne mir und Friedrich, der mir

vorleuchtete, zu begegnen? Den alten Georg fanden wir im tiefen

unnatürlichen Schlaf, aber wo ist Nanny? Weh mir, lispelte Julia, weh

mir, daß sie krank war und ich sie fortschicken mußte.

Vielleicht kann ich ihr Arzt sein, sprach die Benzon, und stieß rasch

die Türe des Nebenzimmers auf. Da stand die kranke Nanny völlig

angekleidet; sie hatte gelauscht und sank nun vor Schreck und Furcht

nieder der Benzon zu Füßen.

Wenige Fragen der Benzon reichten hin, um zu erfahren, daß der Prinz

durch den alten für so treu gehaltenen Kastellan --

=(M. f. f.)= -- mußt ich erfahren! -- Muzius mein treuer Freund, mein

herziger Bruder war an den Folgen der bösen Verwundung am Hinterbeine

Todes verblichen. -- Die Trauerpost traf mich sehr hart, nun erst fühlte

ich, was mir Muzius gewesen! -- In künftiger Nacht sollte, wie mir Puff

sagte, in dem Keller desselben Hauses, wo der Meister wohnte und wo man

die Leiche hingeschafft, die Totenfeier gehalten werden. Ich versprach,

mich nicht allein zu gehöriger Zeit einzufinden, sondern auch für Speise

und Trank zu sorgen, damit nach alter edler Sitte auch das Trauermahl

gehalten werden könne. Ich besorgte dies auch wirklich, indem ich den

Tag über nach und nach meinen reichlichen Vorrat an Fischen,

Hühnerknochen und Gemüse hinabtrug. -- Für Leser die alles gern auf das

genaueste erklärt haben und daher auch wohl wissen möchten, wie ich es

angefangen, das Getränk hinabzutransportieren bemerke ich, daß ohne

weiteres Mühen mir eine freundliche Hausmagd dazu verhalf. Die Hausmagd,

welche ich gar oft im Keller zu treffen und auch wohl in der Küche zu

besuchen pflegte, schien meinem Geschlecht und insonderheit mir ganz

vorzüglich gewogen, so daß wir uns nie sahen, ohne auf anmutige Weise

miteinander zu spielen. Sie reichte mir manchen Bissen, der eigentlich

schlechter war als wie ich ihn von meinem Meister empfing, den ich aber

doch verzehrte und dabei tat, als wenn er mir ganz vorzüglich schmeckte,

aus purer Galanterie. So was rührt wohl das Herz einer Hausmagd und sie

tat worauf es eigentlich abgesehen war. Ich sprang ihr nämlich auf den

Schoß und sie kratzte mir so lieblich Kopf und Ohren, daß ich ganz Wonne

und Seligkeit war und an die Hand mich gar sehr gewöhnte, die: Wochtags

ihren Besen führt, und Sonntags dann am besten karessiert! -- An diese

freundliche Person wandte ich mich nun in dem Augenblick, als sie aus

dem Keller, in dem ich mich gerade befand, einen großen Topf voll süßer

Milch herauftragen wollte und äußerte auf ihr verständliche Weise, den

lebhaften Wunsch, die Milch für mich zu behalten. »Närrischer Murr,«

sprach das Mädchen, die ebensogut wie alle übrigen Leute im Hause, ja

wie die ganze Nachbarschaft meinen Namen wußte, du willst gewiß die

Milch nicht für dich allein, du willst gewiß traktieren! Nun, behalt nur

die Milch, kleiner Graukittel, ich muß oben schon für andere sorgen!

Damit setzte sie den Topf mit Milch auf den Boden nieder, streichelte

mir, der ich in den zierlichsten Purzelbäumen meine Freude und meinen

Dank zu erkennen gab, noch was weniges den Rücken und stieg dann die

Kellertreppe hinauf. -- Merke dir o Katerjüngling hiebei, daß die

Bekanntschaft, ja ein gewisses sentimentell gemütliches Verhältnis mit

einer freundlichen Köchin für junge Leute unseres Standes und

Geschlechts ebenso angenehm ist als ersprießlich.

Um die Mitternachtsstunde begab ich mich hinab in den Keller.

Trauriger, herzzerreißender Anblick! Da lag in der Mitte auf einem

Katafalk, der freilich dem einfachen Sinn, den der Verstorbene stets in

sich trug, gemäß nur in einem Bündel Stroh bestand, die Leiche des

teuern geliebten Freundes! -- Alle Kater waren schon versammelt, wir

drückten uns, keines Wortes mächtig, die Pfoten, setzten uns, heiße

Tränen in den Augen, in einen Kreis rings um den Katafalk umher und

stimmten einen Klagegesang an, dessen die Brust durchschneidende Töne

furchtbar in den Kellergewölben widerhallten. Es war der trostloseste,

entsetzlichste Jammer, der jemals gehört worden, kein menschliches Organ

vermag ihn herauszubringen.

Nachdem der Gesang geendet, trat ein sehr hübscher, anständig in Weiß

und Schwarz gekleideter Jüngling aus dem Kreise, stellte sich an das

Kopfende der Leiche und hielt nachfolgende Standrede, welche er mir,

unerachtet er sie aus dem Stegreif gesprochen, schriftlich mitteilte.

=Trauerrede=

am Grabe des zu früh verblichenen Katers

=Muzius,=

der Phil. und Gesch. Befliss.

gehalten von seinem treuen Freunde und Bruder,

dem Kater =Hinzmann,=

der Poes. und Bereds. Befliss.

Teure in Betrübnis versammelte Brüder!

Wackre hochherzige Bursche!

Was ist der Kater! -- ein gebrechliches, vergängliches Ding wie alles,

was geboren auf Erden! -- Ist es wahr, was die berühmtesten Ärzte und

Physiologen behaupten, daß der Tod, dem alle Kreatur unterworfen,

hauptsächlich in dem gänzlichen Aufhören alles Atmens bestehe, o so ist

unser biederer Freund, unser wackerer Bruder, dieser treue, tapfere

Genosse in Freud und Leid, o so ist unser edler Muzius gewiß tot! -- Seht

da liegt der Edle auf dem kalten Stroh und hat alle viere von sich

gestreckt! -- Nicht der leiseste Atemzug stiehlt sich durch die auf ewig

geschlossenen Lippen! Eingefallen sind die Augen, die sonst bald sanftes

Liebesfeuer, bald vernichtenden Zorn strahlten in grüngleißendem Gold!

Totenblässe überzieht das Antlitz, schlaff hängen die Ohren, hängt der

Schweif herab! -- O Bruder Muzius, wo sind nun deine lustigen Sprünge,

wo ist deine Heiterkeit, deine gute Laune, dein klares fröhliches: Miau!

das alle Herzen erfreute, dein Mut, deine Standhaftigkeit, deine

Klugheit, dein Witz? -- Alles, alles hat dir der bittre Tod geraubt und

du weißt vielleicht nun nicht einmal genau, ob du gelebt hast? -- Und

doch warst du die Gesundheit, die Kraft selbst, gerüstet gegen alles

körperliche Weh, als solltest du ewig leben! Kein Rädchen des Uhrwerks,

das dein Inneres trieb, war ja auch schadhaft, und der Todesengel hatte

sein Schwert nicht über dein Haupt geschwungen, weil das Räderwerk

abgelaufen und nicht mehr wieder aufgezogen werden konnte. -- Nein! ein

feindliches Prinzip griff gewaltsam hinein in den Organismus und

zerstörte frevelnd, was noch lange hätte bestehen können. -- Ja! -- Noch

oft hätten diese Augen freundlich gestrahlt, noch oft wären lustige

Einfälle, fröhliche Lieder diesen Lippen, dieser erstarrten Brust

entströmt, noch oft hätte dieser Schweif, frohen Mutes innere Kraft

verkündend, sich in Wellenlinien geringelt, noch oft hätten diese Pfoten

Stärke und Gewandtheit bewiesen in den mächtigsten gewagtesten Sprüngen

-- und nun. -- -- O kann es die Natur zulassen, daß das, was sie auf

lange Dauer mühsam konstruiert hat, vor der Zeit zerstört werde, oder

gibt es wirklich einen finstern Geist, Zufall genannt, der in

despotischer frevelnder Willkür hineingreifen darf in die Schwingungen,

die alles Sein dem ewigen Naturprinzip gemäß zu bedingen scheinen? -- O

du Toter, könntest du das hier der betrübten, jedoch lebendigen

Versammlung sagen! -- Doch werte Anwesende, wackre Brüder, laßt uns

solchen tiefsinnigen Betrachtungen nicht nachhängen, sondern uns ganz

der Klage um den viel zu früh verlornen Freund Muzius zuwenden. -- Es

ist gebräuchlich, daß der Trauerredner den Anwesenden die ganze

vollständige Biographie mit lobpreisenden Zusätzen und Anmerkungen

vorträgt, und dieser Gebrauch ist sehr gut, da durch einen solchen

Vortrag auch in dem betrübtesten Zuhörer der Ekel der Langeweile erregt

werden muß, dieser Ekel aber nach der Erfahrung und dem Ausspruch

bewährter Psychologen am besten jede Betrübnis zerstört, weshalb denn

auf jene Weise der Trauerredner beide Pflichten, die, dem Verewigten die

gehörige Ehre zu erweisen und die, die Hinterlassenen zu trösten, auf

einmal erfüllt. Man hat Beispiele, und die sind natürlich, daß der

Gebeugteste nach solcher Rede ganz vergnügt und munter von hinnen

gegangen ist; über der Freude erlöst zu sein von der Qual des Vortrags,

verschmerzte er den Verlust des Hingeschiedenen. -- Teure, versammelte

Brüder! wie gern folgte auch ich dem löblichen bewährten Gebrauch, wie

gern trüge ich euch die ganze ausführliche Biographie des erblaßten

Freundes und Bruders vor und setzte euch um aus betrübten Katern in

vergnügte, aber es geht nicht, es geht wahrhaftig nicht. -- Seht das

ein, teure, geliebte Brüder, wenn ich euch sage, daß ich von dem

eigentlichen Leben des Verblichenen, was Geburt, Erziehung, weiteres

Fortkommen betrifft, beinahe gar nichts weiß, daß ich daher euch lauter

Fabeln auftischen müßte, wozu der Ort hier bei der Leiche des Erblaßten

viel zu ernst und unsere Stimmung viel zu feierlich ist. -- Nichts für

ungut, Bursche, aber ich will statt alles weitern langweiligen Sermons

nur mit wenigen schlichten Worten sagen, was für ein schmähliches Ende

der arme Teufel, der hier starr und tot vor uns liegt, nehmen mußte und

was es für ein wackrer, tüchtiger Kerl im Leben war! -- Doch o Himmel!

ich falle aus dem Ton der Beredsamkeit, unerachtet ich derselben

beflissen und, will es das Schicksal, _Professor poeseos et eloquentiae_

zu werden hoffe! --

(Hinzmann schwieg, putzte sich mit der rechten Pfote Ohren, Stirn,

Nase und Bart, betrachtete lange unverwandten Blicks die Leiche,

räusperte sich aus, fuhr nochmals mit der Pfote übers Gesicht und

sprach dann mit erhöhtem Tone weiter.)

O bittres Verhängnis! -- o grauser Tod! mußtest du auf solch' grausame

Weise den verewigten Jüngling hinraffen in der Blüte seiner Jahre?

-- Brüder! ein Redner darf dem Zuhörer nochmals sagen, was dieser schon

erfahren bis zum Überdruß, darum wiederhole ich, was ihr schon alle

wißt, daß nämlich der dahingeschiedene Bruder fiel, als ein Opfer des

wütenden Hasses der Spitzphilister. -- Dorthin auf jenes Dach, wo sonst

wir uns ergötzten in Friede und Freude, wo fröhliche Lieder schallten,

wo Pfot in Pfot und Brust an Brust wir =ein= Herz, =eine= Seele waren,

wollte er hinaufschleichen, um in stiller Einsamkeit mit dem Senior Puff

das Andenken jener schönen Tage, wahrer Tage in Aranjuez, die nun

vorüber, zu feiern, da hatten die Spitzphilister, die auf jede Weise

jede Erneuerung unsers frohen Katerbundes hintertreiben wollten, in die

dunklen Winkel des Bodens Fuchseisen hingestellt; in eins derselben

geriet der unglückliche Muzius, zerquetschte sich das Hinterbein und

-- mußte sterben! -- Schmerzhaft und gefährlich sind die Wunden, die

Philister schlagen, denn sie bedienen sich jederzeit stumpfer,

schartiger Waffen, doch stark und kräftig von Natur hätte der

Dahingeschiedene der bedrohlichen Verletzung unerachtet wieder aufkommen

können, aber der Gram, der tiefe Gram sich von schnöden Spitzen

überwunden, in seiner schönen glanzvollen Laufbahn ganz zerstört zu

sehen, der stete Gedanke an die Schmach, die wir alle erlitten, das war

es, was an seinem Leben zehrte. -- Er litt keinen gehörigen Verband,

nahm keine Arzenei -- man sagt, er wollte sterben! --

(Ich, wir alle konnten uns bei diesen letzten Worten Hinzmanns

nicht lassen vor grimmem Schmerz, sondern brachen alle in solch ein

klägliches Geheul und Jammergeschrei aus, daß ein Felsen hätte

erweicht werden können. Als wir uns nur einigermaßen beruhigt

hatten, so daß wir zu hören vermochten, sprach Hinzmann mit Pathos

weiter.)

O Muzius! o schau herab! schau die Tränen, die wir um dich vergießen,

höre die trostlose Klage, die wir um dich erheben verewigter Kater!

-- Ja, schau auf uns herab oder hinauf, wie es du nun eben vermagst, sei

im Geiste unter uns, wenn du noch überhaupt eines Geistes mächtig und

derselbige, der dir innegewohnt, nicht schon anderweitig verbraucht

worden! -- Brüder! -- wie gesagt, ich halte das Maul über die Biographie

des Erblaßten, weil ich nichts davon weiß, aber desto lebhafter sind mir

die vortrefflichen Eigenschaften des Verewigten im Gedächtnis und die

will ich euch, meine teuersten, geliebtesten Freunde, vor die Nase

rücken, damit ihr den entsetzlichen Verlust, den ihr durch den Tod des

herrlichen Katers erlitten im ganzen Umfange fühlen möget! Vernehmt es,

o Jünglinge! die ihr geneigt seid nie abzuweichen von dem Pfade der

Tugend, vernehmt es! -- Muzius war, was wenige im Leben sind, ein

würdiges Glied der Katzengesellschaft, ein guter treuer Gatte, ein

vortrefflicher liebender Vater, ein eifriger Verfechter der Wahrheit und

des Rechts, ein unermüdlicher Wohltäter, eine Stütze der Armen, ein

treuer Freund in der Not! -- Ein würdiges Glied der Katzengesellschaft?

-- Ja! denn immer äußerte er die besten Gesinnungen und war sogar zu

einiger Aufopferung bereit, wenn geschah was er wollte, feindete auch

nur ausschließlich diejenigen an, die ihm widersprachen und seinem

Willen sich nicht fügten. -- Ein guter treuer Gatte? -- Ja! -- denn er

lief andern Kätzchen nur dann nach, wenn sie jünger und hübscher waren

als sein Gemahl und unwiderstehliche Lust ihn dazu trieb. Ein

vortrefflicher liebender Vater? Ja! denn niemals hat man vernommen, daß

er, wie es wohl von rohen lieblosen Vätern unsers Geschlechts zu

geschehen pflegt, im Anfall eines besonderen Appetits eines seiner

erzielten Kleinen verspeiset; es war ihm vielmehr ganz recht, wenn die

Mutter sie sämtlich forttrug und er von ihrem dermaligen Aufenthalt

weiter nichts erfuhr. Ein eifriger Verfechter der Wahrheit und des

Rechts? Ja! -- denn sein Leben hätte er gelassen dafür, weshalb er, da

man nur einmal lebt, sich um beides nicht viel kümmerte, welches ihm

auch nicht zu verargen. Ein unermüdlicher Wohltäter, eine Stütze der

Armen? Ja! denn Jahr aus Jahr ein trug er am Neujahrstage ein kleines

Heringsschwänzlein oder ein paar subtile Knöchelchen hinab in den Hof,

für die armen Brüder, die der Speisung bedurften und konnte wohl, da er

auf diese Weise seine Pflicht als würdiger Katzenfreund erfüllte,

diejenigen bedürftigen Kater mürrisch anknurren, die außerdem noch etwas

von ihm verlangten. Ein treuer Freund in der Not? Ja! denn geriet er in

Not, so ließ er nicht ab selbst von denjenigen Freunden, die er sonst

ganz vernachlässigt, ganz vergessen hatte. -- Verewigter! was soll ich

noch sagen von deinem Heldenmut, von deinem hohen geläuterten Sinn für

alles Schöne und Edle, von deiner Gelehrsamkeit, von deiner

Kunst-Kultur, von all' den tausend Tugenden, die sich in dir vereinten!

Was, sag' ich, soll ich sagen davon, ohne unsern gerechten Schmerz über

dein klägliches Hinscheiden nicht noch um vieles zu vermehren!

-- Freunde, gerührte Brüder! -- denn in der Tat an einigen unzweideutigen

Bewegungen bemerke ich zu meiner nicht geringen Befriedigung, daß es mir

gelang euch zu rühren. -- Also! gerührte Brüder! -- laßt uns ein

Beispiel nehmen an diesem Verstorbenen, laßt uns alle Mühe anwenden,

ganz in seine würdige Fußtapfen zu treten, laßt uns ganz das sein, was

der Vollendete war, und auch wir werden im Tode die Ruhe des wahrhaft

weisen, des durch Tugenden jeder Art und Gattung geläuterten Katers

genießen, wie dieser Vollendete! --

Seht nur selbst wie er so still daliegt, wie er keine Pfote rührt, wie

ihm all' mein Lob seiner Vortrefflichkeit auch nicht ein leises Lächeln

des Wohlgefallens abgewonnen! -- Glaubt ihr wohl, Traurige! daß der

bitterste Tadel, die gröbsten beleidigendsten Schmähungen ebenso jeden

Eindruck auf den Verewigten verfehlt haben würden? Glaubt ihr wohl, daß

selbst der dämonische Spitzphilister, träte er hinein in diesen Kreis,

dem er sonst unmaßgeblich beide Augen ausgekratzt haben würde, jetzt ihn

nur im mindesten in Harnisch bringen, seine sanfte süße Ruhe verstören

dürfte?

Über Lob und Tadel, über alle Anfeindungen, alle Foppereien, allen

neckhaften Spott und Hohn, über allen wirrigen Spuk des Lebens ist unser

herrlicher Muzius erhaben, er hat kein anmutiges Lächeln, keine feurige

Umarmung, keinen biedern Pfotendruck mehr für den Freund, aber auch

keine Krallen, keine Zähne mehr für den Feind! -- Er ist vermöge seiner

Tugenden zu der Ruhe gelangt, der er im Leben vergebens nachgestrebt!

-- Zwar will es mich beinahe bedünken, daß wir alle, so wie wir hier

zusammen sitzen und heulen um den Freund, zu der Ruhe kommen würden,

ohne gerade so ein Ausbund von aller Tugend zu sein als er, und daß es

wohl noch ein anderes Motiv geben müsse tugendhaft zu sein, als gerade

die Sehnsucht nach dieser Ruhe, indessen ist das nur solch ein Gedanke,

den ich euch zu fernerer Bearbeitung überlasse. -- Soeben wollte ich

euch an's Herz legen, euer ganzes Leben vorzüglich dazu anzuwenden um so

schön sterben zu lernen als Freund Muzius, indessen will ich es lieber

nicht tun, da ihr mir so manches Bedenkliche entgegensetzen könntet. Ich

meine nämlich, daß ihr mir einwenden dürftet, der Verewigte hätte auch

lernen sollen, behutsam zu sein und Fuchseisen zu vermeiden, um nicht zu

sterben vor der Zeit. Dann gedenke ich aber auch, wie ein sehr junger

Katerknabe auf gleiche Ermahnung des Lehrers, daß der Kater sein ganzes

Leben darauf verwenden müsse, um sterben zu lernen, schnippisch genug

erwiderte: es könne doch so gar schwer nicht sein, da es jedem gelinge

aufs erste Mal! -- Laßt uns jetzt, hochbetrübte Jünglinge, einige

Augenblicke stiller Betrachtung widmen! --

(Hinzmann schwieg und fuhr sich wiederum mit der rechten Pfote über

Ohren und Gesicht, dann schien er in tiefes Nachdenken zu

versinken, indem er die Augen fest zudrückte. Endlich als es zu

lange währte, stieß ihn der Senior Puff an und sprach leise:

Hinzmann ich glaube gar, du bist eingeschlafen. Mache nur, daß du

fertig wirst mit deinem Sermon, denn wir verspüren alle einen

desperaten Hunger. Hinzmann fuhr in die Höhe, setzte sich wieder in

die zierliche Rednerstellung und sprach weiter.)

Teuerste Brüder! -- ich hoffte noch zu einigen erhabenen Gedanken zu

gelangen und gegenwärtige Standrede glänzend zu schließen, es ist mir

aber gar nichts eingefallen, ich glaube der große Schmerz, den ich zu

empfinden mich bemüht, hat mich ein wenig stupid gemacht. Laßt uns daher

meine Rede, der ihr den vollkommensten Beifall nicht versagen könnet,

für geschlossen annehmen und jetzt das gewöhnliche _De_ oder _Ex profundis_

anstimmen! --

So endete der artige Katerjüngling seinen Trauersermon, der mir zwar in

rhetorischer Hinsicht wohlgeordnet und von guter Wirkung zu sein schien,

an dem ich aber doch manches auszusetzen fand. Mir kam es nämlich vor,

daß Hinzmann gesprochen, mehr, um ein glänzendes Rednertalent zu zeigen,

als den armen Muzius noch zu ehren nach seinem betrübten Hinscheiden.

Alles was er gesagt, paßte gar nicht recht auf den Freund Muzius, der

ein einfacher, schlichter, gerader Kater und, ich hatte es ja wohl recht

erfahren, eine treue gutmütige Seele gewesen. Überdem war auch das Lob,

das Hinzmann gespendet, von zweideutiger Art, so daß mir eigentlich die

Rede hinterher mißfiel, und ich während des Vortrags bloß durch die

Anmut des Redners, und durch seine in der Tat ausdrucksvolle Deklamation

bestochen worden. Auch der Senior Puff schien meiner Meinung zu sein;

wir wechselten Blicke, die Hinzmanns Rede betreffend, von unserm

Einverständnis zeugten.

Dem Schluß der Rede gemäß, stimmten wir ein _De profundis_ an, das

womöglich noch viel jämmerlicher, viel herzzerschneidender klang als das

entsetzliche Grabeslied vor der Rede. -- Es ist bekannt, daß die Sänger

von unserm Geschlecht den Ausdruck des tiefsten Weh's, des trostlosesten

Jammers, mag nun die Klage wegen zu sehnsüchtiger oder verschmähter

Liebe oder um einen geliebten Verstorbenen ertönen, ganz vorzüglich in

der Gewalt haben, so daß selbst der kalte gefühllose Mensch von Gesängen

solcher Art tief durchdrungen wird und der gepreßten Brust nur Luft zu

machen vermag durch seltsames Fluchen. -- Als das _De profundis_ geendigt,

hoben wir die Leiche des verewigten Bruders auf und senkten sie in ein

tiefes in einer Ecke des Kellers befindliches Grab.

In diesem Augenblick begab sich aber das Unerwartetste und zugleich

anmutig Rührendste der ganzen Totenfeier. Drei Katzenmädchen schön wie

der Tag, hüpften heran und streuten Kartoffel- und Petersilienkraut, das

sie im Keller gepflückt, in das offene Grab, während eine ältere ein

einfaches herziges Lied dazu sang. Die Melodie war mir bekannt, irre ich

nicht, so fängt der Originaltext des Liedes, dem die Stimme

untergeschoben, mit den Worten an: O Tannenbaum! o Tannenbaum u. s. w.

Es waren, wie mir der Senior Puff ins Ohr sagte, die Töchter des

verstorbenen Muzius, die auf diese Weise des Vaters Trauerfest mit

begingen.

Nicht das Auge abwenden konnte ich von der Sängerin; sie war

allerliebst, der Ton ihrer süßen Stimme, selbst das Rührende tief

Empfundene in der Melodie des Trauerliedes riß mich hin, ganz und gar;

ich konnte mich der Tränen nicht enthalten. Doch der Schmerz, der mir

sie auspreßte, war von ganz besonderer seltsamer Art, da er mir das

süßeste Wohlbehagen erregte.

Daß ich es nur geradezu heraussage! -- Mein ganzes Herz neigte sich der

Sängerin hin, es war mir, als habe ich nie eine Katzjungfrau erblickt

von dieser Anmut, von diesem Adel in Haltung und Blick, kurz von dieser

siegenden Schönheit! --

Das Grab wurde mit Mühe von vier rüstigen Katern, die so viel Sand und

Erde herankratzten als nur möglich, gefüllt, die Beerdigung war vorbei

und wir gingen zu Tische. Muzius schöne liebliche Töchter wollten sich

entfernen, das litten wir jedoch nicht, sie mußten vielmehr teilnehmen

am Trauermahl und ich wußte es so geschickt anzufangen, daß ich die

Schönste zur Tafel führte und mich dicht neben ihr hinsetzte. Hatte mir

erst ihre Schönheit geglänzt, hatte mich ihre süße Stimme bezaubert, so

versetzte mich jetzt ihr heller klarer Verstand, die Innigkeit, die

Zartheit ihres Gefühls, das rein weibliche fromme Wesen, das aus ihrem

Innern hervorstrahlte, in den höchsten Himmel des Entzückens. Alles

erhielt in ihrem Munde, in ihren süßen Worten einen ganz eignen

Zauberreiz, ihr Gespräch war ganz liebliche zarte Idylle. -- So sprach

sie z. B. mit Wärme von einem Milchbrei, den sie wenige Tage vor des

Vaters Tode nicht ohne Appetit genossen, und als ich sagte, daß bei

meinem Meister solch ein Brei ganz vorzüglich bereitet würde und zwar

mit einer guten Zutat von Butter, da blickte sie mich an mit ihren

frommen grünstrahlenden Taubenaugen und fragte mit einem Ton, der mein

ganzes Herz durchbebte: O gewiß -- gewiß mein Herr! -- Sie lieben auch

den Milchbrei? -- Mit Butter! wiederholte sie dann, wie in

schwärmerische Träume versunken. -- Wer weiß nicht, daß hübschen

blühenden Mädchen von sechs bis acht Monaten (so viele konnte die

Schönste zählen) nichts besser kleidet, als ein kleiner Anstrich von

Schwärmerei, ja daß sie dann oft ganz unwiderstehlich sind. So geschah

es, daß ich ganz in Liebe entflammt, die Pfote der Schönsten heftig

drückend laut rief: Eng'lisches Kind! frühstücke mit mir Milchbrei und

es gibt keine Seligkeit des Lebens, gegen die ich mein Glück austausche!

-- Sie schien verlegen, sie schlug errötend die Augen nieder, doch ließ

sie ihre Pfote in der meinigen, welches die schönsten Hoffnungen in mir

erregte. Ich hatte nämlich einmal bei meinem Meister einen alten Herrn,

der, irre ich nicht, ein Advokat war, sagen gehört, es sei für ein

junges Mädchen sehr gefährlich, ihre Hand lange in der Hand eines Mannes

zu lassen, weil dieser es mit Recht für eine _traditio brevi manu_ ihrer

ganzen Person ansehen und allerlei Ansprüche darauf begründen könne, die

dann nur mit Mühe zurückzuweisen. -- Zu solchen Ansprüchen hatte ich nun

aber große Lust und wollte eben damit beginnen, als das Gespräch durch

eine Libation zu Ehren des Verstorbenen unterbrochen wurde. --

Die drei jüngeren Töchter des hingeschiedenen Muzius hatten indessen

eine frohe Laune, eine schalkhafte Naivität entwickelt, über die alle

Kater entzückt waren. Schon durch Speise und Trank merklich dem Gram und

Schmerz entnommen, wurde nun die Gesellschaft immer froher und

lebendiger. Man lachte, man scherzte und als die Tafel aufgehoben, war

es der ernste Senior Puff selbst, welcher vorschlug, ein Tänzchen zu

machen. Schnell war alles fortgeräumt; drei Kater stimmten ihre Kehlen

und bald sprangen und drehten sich Muzius aufgeweckte Töchter mit den

Jünglingen wacker herum.

Nicht von der Seite wich ich der Schönsten, ich forderte sie auf zum

Tanz, sie gab mir die Pfote, wir flogen in die Reihen. -- Ha! wie ihr

Atem an meiner Wange spielte! wie meine Brust an der ihrigen bebte! wie

ich ihren süßen Leib mit meinen Pfoten umschlungen hielt! -- O des

seligen, himmlisch seligen Augenblicks!

Als wir zwei, auch wohl drei Hopser getanzt, führte ich die Schönste in

eine Ecke des Kellers und bediente sie galanter Sitte gemäß mit einigen

Erfrischungen, wie sie sich eben vorfinden lassen wollten, da das Fest

eigentlich auf einen Ball nicht eingerichtet. Nun ließ ich meinem innern

Gefühl ganz freien Lauf. Einmal übers andere drückte ich ihre Pfote an

meine Lippen und versicherte ihr, daß ich der glücklichste Sterbliche

sein werde, wenn sie mich ein bißchen lieben wolle.

Unglücklicher, sprach plötzlich eine Stimme dicht hinter mir,

Unglücklicher, was beginnst du! -- es ist deine Tochter Mina!

Ich erbebte, denn wohl erkannte ich die Stimme! -- Es war Miesmies!

-- Launisch spielte der Zufall mit mir, daß in dem Augenblick, als ich

Miesmies ganz vergessen zu haben geglaubt, ich erfahren, was ich nicht

ahnen können, ich in Liebe kommen mußte zu eignem Kinde! -- Miesmies war

in tiefer Trauer, ich wußte selbst nicht, was ich davon denken sollte.

Miesmies, sprach ich sanft, was führt Sie hieher, warum in Trauer und

-- o Gott! -- jene Mädchen -- Mina's Schwestern? -- Ich erfuhr das

Seltsamste! -- Mein gehässiger Nebenbuhler, der Schwarzgraugelbe, hatte

sich gleich nachher, als er in jenem mörderischen Zweikampf meiner

ritterlichen Tapferkeit erlegen, von Miesmies getrennt und war, als nur

seine Wunden geheilt, fortgegangen niemand wußte wohin. Da warb Muzius

um ihre Pfote, die sie ihm willig reichte, und es machte ihm Ehre und

bewies sein Zartgefühl, daß er mir dies Verhältnis gänzlich verschwieg.

So waren aber jene muntre naive Kätzchen nur meiner Mina

Stiefschwestern!

O Murr, sprach Miesmies zärtlich, nachdem sie erzählt, wie sich das

alles ergeben, o Murr! ihr schöner Geist hat sich nur in dem Gefühl

geirrt, das ihn überströmte. Es war die Liebe des zärtlichsten Vaters,

nicht des verlangenden Liebhabers, die in Ihrer Brust erwachte, als Sie

unsre Mina sahen. =Unsere= Mina! o welch ein süßes Wort! -- Murr! können

Sie dabei unempfindlich bleiben, sollte alle Liebe erloschen sein in

Ihrem Innern gegen die, die Sie so innig liebte -- o Himmel noch so

innig liebt, die Ihnen treu geblieben, bis in den Tod, wäre nicht ein

anderer dazwischen gekommen, und hätte Sie verlockt durch schnöde

Verführungskünste? -- O Schwachheit, dein Name ist Katz! Das denken Sie,

ich weiß es, aber ist es nicht Katertugend, der schwachen Katze zu

verzeihen? -- Murr! Sie sehen mich gebeugt! trostlos über den Verlust

des dritten zärtlichen Gatten, aber in dieser Trostlosigkeit flammt aufs

neue die Liebe auf, die sonst mein Glück, mein Stolz, mein Leben war!

-- Murr! hören Sie mein Geständnis! -- ich liebe Sie noch und ich dächte

wir verhei -- Tränen erstickten ihre Stimme!

Mir war bei dem ganzen Auftritt sehr peinlich zu Mute. Mina saß da,

bleich und schön, wie der erste Schnee, der manchmal im Herbste die

letzten Blumen küßt und gleich in bitteres Wasser zerfließen wird.

(=Anmerkung des Herausgebers.= Murr! -- Murr! schon wieder ein

Plagiat! -- In Peter Schlemihls wundersamer Geschichte beschreibt

der Held des Buches seine Geliebte, auch Mina geheißen, mit

denselben Worten.)

Schweigend betrachtete ich beide, Mutter und Tochter, die letzte gefiel

mir doch unendlich viel besser, und da bei unserm Geschlecht die

nächsten verwandtschaftlichen Verhältnisse kein kanonisches Ehehindernis

-- Vielleicht verriet mich mein Blick, denn Miesmies schien meine

innersten Gedanken zu durchschauen. Barbar! was willst du beginnen?

-- rief sie, indem sie schnell auf Mina lossprang und sie heftig

umpfotend, an ihre Brust riß. Wie? du kannst dies dich liebende Herz

verschmähen und Verbrechen häufen auf Verbrechen! Unerachtet ich nun gar

nicht begriff, was für Ansprüche Miesmies geltend machen und welche

Verbrechen sie mir vorwerfen konnte, so fand ich es, um den Jubel, in

den sich das Trauerfest aufgelöst, nicht zu verstören doch geratener,

gute Miene zu machen zu bösem Spiel. Ich versicherte daher der ganz aus

sich selbst gekommenen Miesmies, daß bloß die unaussprechliche

Ähnlichkeit Mina's mit ihr mich irre geführt und ich geglaubt habe,

dasselbe Gefühl entflamme mein Inneres, das ich für sie, die noch immer

schöne Miesmies, in mir trage. Miesmies trocknete alsbald ihre Tränen,

setzte sich dicht zu mir und fing ein so vertrauliches Gespräch mit mir

an, als sei nie etwas Böses unter uns vorgefallen. Hatte nun noch der

junge Hinzmann die schöne Mina zum Tanz aufgefordert, so kann man

denken, in welcher unangenehmen peinlichen Lage ich mich befand.

Ein Glück für mich war es, daß der Senior Puff endlich Miesmies aufzog

zum Kehraus, da sie mir sonst noch allerlei seltsame Propositionen hätte

machen können. Ich schlich leise leise aus dem Keller herauf und dachte:

Kommt Zeit, kommt Rat!

Ich sehe dieses Trauerfest für den Wendepunkt an, in dem sich meine

Lehrmonate schlossen und ich eintrat in einen anderen Kreis des Lebens.

=(Mak. Bl.)= -- Kreisler veranlaßt, sich in aller Frühe in die Gemächer

des Abts zu begeben. Er fand den hochehrwürdigen Herrn, wie er eben mit

Beil und Meißel in der Hand, beschäftigt war, eine große Kiste

aufzuschlagen, in welcher der Form nach, ein Gemälde eingepackt sein

mußte. Ha! rief der Abt dem eintretenden Kreisler entgegen, gut, daß Ihr

kommt, Kapellmeister! Ihr könnt mir beistehen in einer schweren,

mühseligen Arbeit. Die Kiste ist mit tausend Nägeln zugehämmert, als

solle sie verschlossen bleiben in Ewigkeit. Sie kommt gerades Weges aus

Neapel und es ist ein Gemälde darin, das ich vorderhand in meinem

Kabinett aufhängen und den Brüdern nicht zeigen will. Darum rief ich mir

keinen zur Hülfe; aber nun sollt Ihr mir helfen Kapellmeister. Kreisler

legte Hand an, und nicht lange dauerte es, so war das große Gemälde, das

in einen prächtigen vergoldeten Rahmen gefaßt, aus der Kiste zu Tage

gefördert. Nicht wenig verwunderte sich Kreisler, als er in dem Kabinett

des Abts die Stelle über dem kleinen Altar, wo sonst ein sehr anmutiges

Bild von Leonardo da Vinci, die heilige Familie darstellend, aufgehängt

war, leer fand. Der Abt hatte dies Gemälde für eins der besten geachtet,

was die an alten Originalen reiche Sammlung besaß, und doch sollte

dieses Meisterstück Platz machen einem Gemälde, dessen große Schönheit,

aber auch entschiedene Neuheit Kreisler auf den ersten Blick erkannte.

--

Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern · 第 25 / 27 题