Er trat ins Fischerhäuschen, um nun Kreislers Brief zu lesen. --

In dem fürstlichen Schlosse hatte sich Merkwürdiges begeben. Der

Leibarzt sprach: Wunderbar! -- es geht über alle Praxis, über alle

Erfahrung hinaus! -- Die Fürstin: So mußte es kommen, und die Prinzessin

ist nicht kompromittiert! -- der Fürst: Hätt' ichs nicht ausdrücklich

verboten, aber die _Crapule_ der dienenden Esel hat keine Ohren. -- Nun

-- der Oberforstmeister soll dafür sorgen, daß der Prinz kein Pulver mehr

in die Hände bekommt! die Rätin Benzon: Dank dem Himmel, sie ist

gerettet! -- Während dessen schaute Prinzessin Hedwiga zum Fenster ihres

Schlafgemachs hinaus, indem sie dann und wann abgebrochene Akkorde

anschlug auf derselben Guitarre, die Kreisler im Unmute von sich warf

und aus Julias Händen, wie er meinte geheiligt, zurück empfing. Auf dem

Sofa saß Prinz Ignatius und weinte und klagte: es tut weh, es tut weh

-- vor ihm aber Julia, die emsig beschäftigt war, in eine kleine,

silberne Schüssel hinein -- rohe Kartoffeln zu schaben.

Alles dieses bezog sich auf ein Ereignis, das der Leibarzt mit vollem

Recht wunderbar nannte und über alle Praxis erhaben. Prinz Ignatius

hatte sich, wie der geneigte Leser schon mehrmals erfahren, den

unschuldig tändelnden Sinn, die glückliche Unbefangenheit des

sechsjährigen Knaben erhalten und spielte daher gern wie dieser. Unter

anderm Spielzeug besaß er auch eine kleine, aus Metall gegossene Kanone,

die ihm zu seinem Lieblings-Spiel diente, an dem er sich jedoch höchst

selten ergötzen konnte, da manche Dinge dazu gehörten, die nicht gleich

zur Hand waren, nämlich einige Körner Pulver, ein tüchtiges Schrotkorn

und ein kleiner Vogel. Hatte er das alles, so ließ er seine Truppen

aufmarschieren, hielt Kriegsgericht über den kleinen Vogel, der eine

Rebellion angezettelt in des fürstlichen Papas verlornem Lande, lud die

Kanone, und schoß den Vogel, den er mit einem schwarzen Herzen auf der

Brust an einen Leuchter gebunden, tot, zuweilen aber auch nicht, so daß

er mit dem Federmesser nachhelfen mußte, um die gerechte Strafe an dem

Hochverräter zu vollstrecken.

Fritz, des Gärtners zehnjähriger Knabe, hatte dem Prinzen einen gar

hübschen bunten Hänfling verschafft und dafür, wie gewöhnlich, eine

Krone erhalten. Sogleich war dann aber der Prinz in die Jägerstube

geschlichen, gerade, wenn die Jäger abwesend, hatte richtig Schrotbeutel

und Pulverhorn gefunden, und sich daraus mit der nötigen Munition

versehen. Schon wollte er mit der Exekution beginnen, die Beschleunigung

zu fordern schien, da der bunte zwitschernde Rebell alle nur möglichen

Mittel versuchte, zu entwischen, als es ihm einfiel, daß er der

Prinzessin Hedwiga, die jetzt so artig geworden, durchaus nicht die Lust

versagen dürfte, bei der Hinrichtung des kleinen Hochverräters

gegenwärtig zu sein. Er nahm also den Kasten worin seine Armee

befindlich, unter den einen, die Kanone unter den andern Arm, den Vogel

aber in die hohle Hand und schlich, da es ihm von dem Fürsten untersagt

worden die Prinzessin zu sehen, leise, leise nach Hedwigas Schlafgemach,

wo er sie in dem fortdauernden kataleptischen Zustande, auf dem

Ruhebette angekleidet liegend fand. Schlimm und, wie man sehen wird

zugleich gut war es, daß die Kammerfrau die Prinzessin eben verlassen.

Ohne weiteres band nun der Prinz den Vogel an einen Leuchter, ließ die

Armee in Reihe und Glied treten und lud die Kanone, dann hob er die

Prinzessin vom Ruhebette, ließ sie an den Tisch treten und erklärte, daß

sie jetzt den kommandierenden General vorstelle, er seinerseits bleibe

der regierende Fürst und brenne nebenher die Artillerie ab, welche den

Rebellen töte. -- Überfluß an Munition hatte den Prinzen verführt und er

nicht allein das Geschütz überladen, sondern auch Pulver rund umher auf

den Tisch verstreut. Sowie er das Stück abprotzte, gab es nicht allein

einen ungewöhnlichen Knall, sondern das umher gestreute Pulver flog auch

auf, und verbrannte ihm tüchtig die Hand, so, daß er laut aufschrie, und

gar nicht einmal bemerkte, daß die Prinzessin in dem Augenblick der

Explosion hart zu Boden gestürzt war. Der Schuß hallte durch die

Korridors, alles stürzte, Unglück ahnend herbei, und selbst Fürst und

Fürstin drängten sich, alle Etikette im jähen Schreck vergessend, mit

der Dienerschaft durch die Türe hinein. Die Kammerfrauen hoben die

Prinzessin von dem Boden und legten sie auf das Ruhebett, während man

nach dem Leibarzt, nach dem Chirurgus lief. Der Fürst ersah aus den

Anstalten auf dem Tische sehr bald was geschehen, und sprach zum

Prinzen, der entsetzlich schrie und lamentierte, mit zornfunkelnden

Augen: Sieht er Ignaz! das kommt von seinen dummen kindischen Faxen.

Laß' er sich Brandsalbe auflegen und heul er nicht, wie ein

Straßenjunge! -- Mit einem Birkenreis -- sollt -- -- Hint -- Die bebenden

Lippen ließen keine Deutlichkeit der Sprache zu, der Fürst wurde

unverständlich und verließ gravitätisch das Zimmer. Tiefes Entsetzen

hatte die Dienerschaft erfaßt, denn erst zum drittenmal redete der Fürst

den Prinzen an mit Er und Ignaz und jedesmal bewies er den wildesten,

schwer zu sühnenden Zorn.

Als der Leibarzt erklärte, die Krisis sei eingetreten und er hoffe, daß

der bedrohliche Zustand der Prinzessin nun bald vorüber und sie völlig

genesen werde, sprach die Fürstin mit weniger Teilnahme, als man wohl

denken sollte. _Dieu soit loué,_ man gebe mir weitere Nachricht. Den

weinenden Prinzen schloß sie aber zärtlich in ihre Arme, tröstete ihn

mit süßen Worten und folgte dann dem Fürsten.

Indessen war die Benzon, die im Sinne gehabt, mit Julien die

unglückliche Hedwiga zu sehen, im Schlosse angekommen. Kaum hörte sie

was geschehen, als sie hinaufeilte nach dem Zimmer der Prinzessin,

zuflog auf das Ruhebett, niederkniete, Hedwiga's Hand faßte und ihr

starr in die Augen blickte, während Julia heiße Tränen vergoß wähnend,

daß wohl der Todesschlaf über die Herzensfreundin kommen werde. Da holte

Hedwiga tief Atem und sprach mit dumpfer kaum vernehmlicher Stimme: Ist

er tot? -- Sogleich hielt Prinz Ignatius ein mit Weinen trotz seines

Schmerzes, und erwiderte in voller Freude über die gelungene Exekution

lachend und kichernd: Ja, ja -- Prinzessin Schwester, ganz tot, gerade

durch das Herz geschossen. -- »Ja, sprach die Prinzessin weiter, indem

sie die Augen, die sie aufgeschlagen, wieder sinken ließ, ja ich weiß

es. Ich sah den Blutstropfen, der aus dem Herzen quoll, aber er fiel in

meine Brust und ich erstarrte zu Kristall und er nur lebte in dem

Leichnam! »Hedwiga,« begann die Rätin leise und zärtlich, »erwachen Sie

aus bösen unglücklichen Träumen! Hedwiga, erkennen Sie mich?« Die

Prinzessin winkte sanft mit der Hand, als wolle sie verlassen sein.

Hedwiga, fuhr die Benzon fort, Julia ist hier. Ein Lächeln schimmerte

auf Hedwiga's Wangen. Julia beugte sich über sie hin, drückte einen

leisen Kuß auf die erblaßten Lippen der Freundin. Da lispelte Hedwiga

kaum hörbar: Es ist nun alles vorüber, in wenigen Minuten bin ich ganz

erkräftigt, ich fühl' es. --

Niemand hatte sich bis jetzt um den kleinen Hochverräter bekümmert, der

mit zerfleischter Brust auf dem Tische lag. Nun fiel er Julien ins Auge

und erst in dem Augenblick wurde sie auch inne, daß Prinz Ignatius

wieder das abscheuliche ihr verhaßte Spiel gespielt. Prinz, sprach sie,

indem ihre Wangen sich hoch röteten, Prinz, was hat Ihnen der arme Vogel

getan, daß Sie ihn ohne Erbarmen töten hier im Zimmer? -- Das ist ein

recht einfältiges grausames Spiel. -- Sie haben mir längst versprochen es

zu lassen, und doch nicht Wort gehalten. -- Aber! tun Sie es noch

einmal, niemals ordne ich mehr Ihre Tassen oder lehre Ihre Püppchen

reden, oder erzähle Ihnen die Geschichte vom Wasserkönig! »Nicht böse

sein, Fräulein Julia!« wimmerte der Prinz. Aber es war ein bunter

Erzschelm. Er hatte allen Soldaten heimlich die Rockschöße

abgeschnitten, und überdem eine Rebellion angezettelt. Ach es tut weh

-- es tut weh! -- Die Benzon blickte den Prinzen, dann Julien an mit

seltsamen Lächeln, dann rief sie: Was das für ein Wehklagen ist über ein

paar verbrannte Finger! -- Aber es ist wahr, der Chirurgus wird ewig mit

seiner Brandsalbe nicht fertig. Doch hilft ein gemeines Hausmittel auch

wohl ungemeinen Leuten. Man schaffe rohe Kartoffel herbei! -- Sie schritt

nach der Türe; aber wie plötzlich von irgendeinem Gedanken erfaßt, blieb

sie stehen, kehrte um, schloß Julien in die Arme, küßte sie auf die

Stirne und sprach: Du bist mein gutes liebes Kind, und wirst immer das

=ganz= sein was Du sein sollst! -- Hüte Dich nur vor überspannten

wahnsinnigen Toren und verschließe Dein Gemüt dem bösen Zauber ihrer

verlockenden Reden! Damit warf sie noch einen forschenden Blick auf die

Prinzessin, die sanft und süß zu schlummern schien, und verließ das

Zimmer.

Der Chirurgus trat herein mit einem ungeheuren Pflaster in den Händen,

unter vielen Beteuerungen versichernd, daß er schon seit geraumer Zeit

gewartet in den Zimmern des gnädigsten Prinzen, da er nicht vermuten

können, daß in dem Schlafgemach der gnädigsten Prinzessin -- Er wollte

mit dem Pflaster los auf den Prinzen, die Kammerfrau, die ein paar

stattliche Kartoffeln auf einer silbernen Schüssel herbeigebracht,

vertrat ihm aber den Weg und versicherte, daß für Verletzungen durch

Brand geschabte Kartoffeln das allerbeste Mittel wären. Und ich, fiel

Julia der Kammerfrau ins Wort, indem sie ihr die silberne Schüssel

abnahm, und ich selbst will für Sie, mein Prinzchen, das Pflaster gar

fein bereiten.

»Gnädigster Herr, sprach der Chirurg erschrocken: Bedenken Sie! -- ein

Hausmittel für verbrannte Finger eines hohen fürstlichen Herrn! -- Die

Kunst -- die Kunst soll -- muß hier allein helfen! Er wollte von neuem

auf den Prinzen los, der prallte aber zurück und rief: Weg da, weg da!

Fräulein Julia soll mir das Pflaster bereiten, die Kunst soll sich zum

Zimmer hinausscheren!

Die Kunst empfahl sich samt ihrem wohlpräparierten Pflaster, indem sie

giftige Blicke auf die Kammerfrau warf.

Stärker und stärker hörte Julia die Prinzessin atmen, doch wie erstaunte

sie als --

=(M. f. f.)= -- einschlafen. Hin und her wälzte ich mich auf meinem

Lager; ich versuchte alle nur mögliche Stellungen. Bald streckte ich

mich lang aus, bald wickelte ich mich rund zusammen, ließ den Kopf auf

den weichen Pfoten ruhen und ringelte den Schweif zierlich um mich

herum, so daß er die Augen bedeckte, bald warf ich mich auf die Seite,

ließ die Pfoten wegstarren vom Leibe, den Schweif in lebloser

Gleichgültigkeit hinabhängen vom Lager. Alles -- alles vergebens!

-- Wirrer und wirrer wurden Vorstellungen, Gedanken, bis ich endlich in

jenes Delirium fiel, das kein Schlaf, sondern ein Kampf zwischen

Schlafen und Wachen zu nennen, wie Moritz, Davidson, Rudow, Tiedemann,

Wienholt, Reil, Schubert, Kluge und andere physiologische

Schriftsteller, die über Schlaf und Traum geschrieben und die ich nicht

gelesen, mit Recht behaupten.

Die helle Sonne schien in des Meisters Zimmer hinein, als ich aus diesem

Delirium, aus diesem Kampf zwischen Schlafen und Wachen, wirklich zum

klaren Bewußtsein erwachte. Aber welch ein Bewußtsein, welch ein

Erwachen. -- O Katerjüngling, der du dieses liesest, spitze die Ohren

und lies aufmerksam, daß dir die Moral nicht entwische! -- Nimm dir zu

Herzen, was ich über einen Zustand sage, dessen unnennbare

Trostlosigkeit ich dir nur mit schwachen Farben schildern kann. -- Nimm

dir diesen Zustand, wiederhole ich, zu Herzen und dich selbst möglichst

in acht, wenn du zum erstenmal in einer Katzburschen-Gesellschaft

Katzpunsch genießest! Nippe mäßig und berufe dich, will man das nicht

leiden, auf mich und meine Erfahrung, der Kater Murr sei deine

Autorität, die jeder, hoff' ich, anerkennen und gelten lassen wird.

Nun also! -- Was zuförderst mein physisches Befinden betrifft, so fühlte

ich mich nicht allein matt und elend, sondern was mir ganz besondere

Qualen schuf, war ein gewisser kecker, abnormer Anspruch des Magens, der

eben seiner Abnormität halber nicht durchzusetzen war und nur einen

unnützen Rumor im Innern verursachte, an dem sogar die affizierten

Ganglien teilnahmen, die in ewigem physischem Wollen und nicht Vermögen

krankhaft zitterten und bebten. -- Es war ein heilloser Zustand! --

Aber beinahe noch empfindlicher war die psychische Affektion. Mit der

bittern Reue und Zerknirschung eines Gestern halber, das ich doch

eigentlich gar nicht für tadelnswert achten konnte, kam eine trostlose

Gleichgültigkeit in meine Seele gegen alles irdische Wohl! -- Ich

verachtete alle Güter der Erde, alle Gaben der Natur, Weisheit,

Verstand, Witz u. s. w. Die größten Philosophen, die geistreichsten

Dichter galten mir nicht höher als Lumpenpuppen, sogenannte Hansemänner

und was das ärgste war, auf mich selbst dehnte sich jene Verachtung aus

und ich glaubte zu erkennen, daß ich nichts sei, als ein ganz

gewöhnlicher miserabler Mausekatz! -- Niederschlagenderes gibt es nicht!

Der Gedanke, daß ich in dem größten Jammer befangen, daß die ganze

irdische Erde überhaupt ein Jammertal sei, vernichtete mich im

namenlosen Schmerz. -- Ich kniff die Augen zu und weinte sehr! --

»Du hast geschwärmt, Murr, und nun ist dir miserabel zu Mute? -- Ja, ja,

so gehts! -- Nun schlaf' nur aus, alter Junge, dann wird's besser

werden! -- So rief der Meister mir zu, als ich das Frühstück stehen ließ

und einige Schmerzenstöne von mir gab. Der Meister! -- o Gott er wußte

nicht, er kannte nicht meine Leiden! -- er ahnte nicht, wie Burschentum

und Katzpunsch wirkt auf ein zartfühlendes Gemüt! --

Es mochte Mittag sein, noch hatte ich mich nicht vom Lager gerührt, als

plötzlich, der Himmel weiß wie er sich herein zu schleichen gewußt,

Bruder Muzius vor mir stand. -- Ich klagte ihm meinen unseligen Zustand,

statt aber, wie ich gehofft, mich zu bedauern, mich zu trösten, schlug

er eine unmäßige Lache auf und rief: »Hoho, Bruder Murr, es ist weiter

nichts als die Krisis, der Übergang von unwürdiger philiströser

Knabenschaft zum würdigen Burschentum, die dich glauben läßt, daß du

krank bist und elend. Du bist das edle Kommerschieren noch nicht

gewohnt! -- Aber tu mir den Gefallen und halte das Maul und klage nicht

etwa dem Meister dein Leiden. Unser Geschlecht ist überdem schon

verrufen genug, dieser Scheinkrankheit halber, und der schmähsüchtige

Mensch hat ihr einen Namen gegeben, der sich auf uns bezieht und den ich

nicht wiederholen mag. Aber raffe dich auf, nimm dich zusammen, komm mit

mir, die frische Luft wird dir wohltun und dann mußt du vor allen Dingen

Haare auflegen. Komm nur, du wirst schon praktisch erfahren, was das

heißt.«

Bruder Muzius übte seit der Zeit, als er mich dem Philistertum

entrissen, eine unbedingte Herrschaft über mich aus; ich mußte tun was

er wollte. Mühsam stand ich daher auf von meinem Lager, dehnte mich, so

gut es bei den erschlafften Gliedern gehen wollte und folgte dem treuen

Bruder aufs Dach. Wir spazierten einigemal auf und nieder und in der

Tat, mir wurde etwas wohler, frischer zu Mute. Dann führte mich Bruder

Muzius hinter den Schornstein, und hier mußte ich, wollte ich mich auch

dagegen sträuben, zwei, drei Schnäpschen reine Heringslake nehmen. Dies

waren die Haare, die ich nach Muzius Ausdruck auflegen sollte. -- O,

wunderbarer als wunderbar war die drastische Wirkung dieses Mittels! Was

soll ich sagen? -- Des Magens abnorme Ansprüche schwiegen, der Rumor war

gestillt, das Gangliensystem beruhigt, das Leben wieder schön, ich

schätzte das irdische Wohl, die Wissenschaft, die Weisheit, den

Verstand, den Witz u. s. w., ich war mir selbst wiedergegeben, ich war

wieder der herrliche, höchst exzellente Kater Murr! -- O Natur, Natur!

Kann es denn geschehen, daß ein paar Tropfen, die der leichtsinnige

Kater genießt in unzähmbarer freier Willkür, Rebellion zu erwecken

vermögen gegen dich, gegen das wohltätige Prinzip, das du mit

mütterlicher Liebe in seine Brust gepflanzt hast und nach dem er

überzeugt sein muß, daß die Welt mit ihren Freuden, als da sind

Bratfische, Hühnerknochen, Milchbrei &c. die beste sei und er das

allerbeste in dieser Welt, da ihre Freuden nur für ihn und seinethalben

geschaffen sind? -- Aber -- ein philosophischer Kater erkennt das, es

ist tiefe Weisheit darin -- jener trostlose ungeheure Jammer ist nur das

Gegengewicht, das die zum Forttreiben in der Bedingung des Seins nötige

Reaktion bewirkt und so ist derselbe (der Jammer nämlich) in dem

Gedanken des ewigen Weltalls begründet! -- Legt Haare auf,

Katerjünglinge! und tröstet euch dann mit diesem philosophischen

Erfahrungssatz eures gelehrten, scharfsinnigen Standesgenossen.

Es genügt zu sagen, daß ich nun manche Zeit hindurch ein frisches frohes

Burschenleben führte auf den Dächern rings umher, in Kompagnie mit

Muzius und andern kreuzbraven, biderben fidelen Jungen, weißen, gelben

und bunten. Ich komme zu einer wichtigeren Begebenheit meines Lebens,

die nicht ohne Folgen blieb.

Als ich nämlich einmal bei dem Anbruch der Nacht, im Schimmer des

hellen Mondscheins, mit dem Bruder Muzius zu einer Kneiperei, die die

Burschen angeordnet, gehen wollte, begegnete mir jener schwarz, grau,

gelbe Verräter, der mir meine Miesmies geraubt. Wohl konnt es sein, daß

ich bei dem Anblick des verhaßten Nebenbuhlers, dem ich noch dazu

schändlicher Weise unterliegen müssen, etwas stutzte. Er ging indessen

hart an mir vorbei, ohne mich zu grüßen, und es wollte mich bedünken als

lächle er mich verhöhnend an, im Gefühl der Übermacht, die er über mich

gewonnen. Ich dachte an die verlorne Miesmies, an die erhaltenen Prügel,

das Blut kochte mir in den Adern! Muzius bemerkte meine Aufwallung und

da ich ihm mitteilte, was ich bemerkt zu haben glaubte, so sprach er: Du

hast recht, Bruder Murr. Der Kerl schnitt solch ein schiefes Gesicht und

trat dabei so keck auf; am Ende wollte er dich wirklich tuschieren.

-- Nun das wollen wir bald erfahren. Irre ich nicht, so hat der bunte

Philister hier in der Nähe eine neue Liebschaft angesponnen, er

schleicht alle Abende hier auf diesem Dache umher. Warten wir ein wenig,

vielleicht kommt der Monsieur bald zurück und da kann sich ja wohl das

übrige bald finden.

In der Tat dauerte es nicht lange, so kam der Bunte wieder trotzig

zurück und maß schon von weiten mich mit verächtlichen Blicken. Ich trat

ihm herzhaft und keck entgegen, wir gingen so hart aneinander vorüber,

daß unsere Schweife sich unsanft berührten: Sogleich blieb ich stehen;

drehte mich um und sprach mit fester Stimme: Mau! -- Er blieb ebenfalls

stehen, drehte sich um und erwiderte trotzig: Mau! -- Dann ging ein

jeder seinen Weg.

»Das war Tusch, rief Muzius ganz zornig aus, ich werde den bunten

trotzigen Kerl morgen koramieren.«

Muzius begab sich den andern Morgen zu ihm hin und fragte ihn in meinem

Namen: ob er meinen Schweif berührt? Er ließ mir erwidern: er hätte

meinen Schweif berührt. Darauf ich: habe er meinen Schweif berührt, so

müsse ich das für Tusch nehmen. Darauf er: ich könne es nehmen wie ich

wollte. Darauf ich: ich nehme es für Tusch. Darauf er: ich sei gar nicht

im Stande zu beurteilen was Tusch sei. Darauf ich: ich wisse das sehr

gut und besser als er. Darauf er: ich sei nicht der Mann dazu, daß er

mich tuschieren solle. Darauf ich nochmals: ich nehme es aber für Tusch.

Darauf er: ich sei ein dummer Junge. Darauf ich um mich in Avantage zu

setzen: Wenn ich ein dummer Junge sei, so sei er ein niederträchtiger

Spitz! -- Dann kam die Ausforderung.

(=Randglosse des Herausgebers.= O Murr! mein Kater. Entweder hat sich der

Ehrenpunkt seit Shakespeare's Zeit nicht geändert oder ich ertappe dich

auf einer schriftstellerischen Lüge. Das heißt, auf einer Lüge, die dazu

dienen soll, der Begebenheit, die du erzählst, mehr Glanz und Feuer zu

geben! -- Ist die Art, wie es zum Duell mit dem bunten Pensionär kam,

nicht die rein ausgesprochene Parodie von Probsteins siebenmal

zurückgeschobener Lüge in Wie es euch gefällt? Finde ich nicht in deinem

angeblichen Duell-Prozeß die ganze Stufenleiter von dem höflichen

Bescheid, dem feinen Stich, der groben Erwiderung, der beherzten

Abfertigung, bis zum trotzigen Widerspruch, und kann es dich wohl

einigermaßen retten, daß du anstatt mit der bedingten und offenbaren

Lüge, mit ein paar Schimpfreden schließest? -- Murr! mein Kater! Die

Rezensenten werden über dich herfallen, aber bewiesen hast du doch

wenigstens, daß du den Shakespeare mit Verstand und Nutzen gelesen, und

das entschuldigt vieles.)

Aufrichtig gestanden, fuhr es mir doch etwas in die Glieder, als ich

die Ausforderung erhielt, die auf den Kratz lautete. Ich dachte daran,

wie übel mich der bunte Verräter zugerichtet hatte, als von Eifersucht

und Rache getrieben, ich ihn angriff, und wünschte wenigstens die

Avantage, zu der mir Freund Muzius verholfen, hinweg. Muzius mochte

gewahren, daß ich beim Lesen des blutfordernden Handbilletts erblaßte

und überhaupt meine Seelenstimmung bemerken. »Bruder Murr, sprach er,

mir scheint, als ob dir das erste Duell, das du bestehen sollst, etwas

in die Glieder führe?« -- Keinen Anstand nahm ich dem Freunde mein

ganzes Herz zu öffnen, ihm zu sagen, was meinen Mut erschütterte.

»O mein Bruder, sprach Muzius, o mein geliebter Bruder Murr! Du

vergissest, daß damals, als der übermütige Frevler dich ausprügelte auf

schnöde Weise, du noch ein blutjunger Neuling und kein wackrer,

tüchtiger Bursche warst, wie jetzt. Auch war dein Kampf mit dem Bunten

kein ordentliches Duell nach Regel und Recht, ja nicht einmal ein

Rencontre zu nennen, sondern nichts weiter, als eine philistermäßige

Balgerei, die unanständig ist für jeden Katzbursch. Merk' dir's, Bruder

Murr, daß der auf unsre besondre Gaben neidische Mensch uns die Neigung

vorwirft, uns auf ehrwidrige, beschimpfende Weise zu prügeln, und fällt

unter seinem Geschlecht dergleichen vor, dies mit dem Schimpf- und

Spottnamen: Katzbalgerei, bezeichnet. Schon darum wird und muß ein

ordentlicher Kater, der Ehre im Leibe hat und auf gute Sitten hält,

jedes böse Rencontre der Art vermeiden; er beschämt den Menschen, der

unter gewissen Umständen sehr geneigt ist, zu prügeln und geprügelt zu

werden. -- Also, geliebter Bruder, laß alle Furcht und Scheu fahren,

bewahre dein tapfres Herz und sei überzeugt, daß du im ordentlichen

Duell genugsame Rache für alle erfahrne Unbill nehmen und den bunten

Gecken dermaßen zerkratzen kannst, daß er das dumme Liebeln und alberne

Daherstolzieren wohl auf einige Zeit lassen wird. -- Doch halt! -- Eben

will mich bedünken, daß nach dem, was zwischen euch vorgefallen, der

Zweikampf auf den Kratz keinen genügenden Ausschlag geben kann, daß ihr

euch vielmehr auf entscheidendere Weise, nämlich auf den Biß, schlagen

müßt. -- Wir wollen die Meinung der Burschen hören! --

Muzius trug in einer sehr wohlgesetzten Rede den Fall, der sich mit mir

und dem Bunten ereignet, der Burschenversammlung vor. Alle stimmten dem

Redner bei, und ich ließ daher dem Bunten durch Muzius sagen: ich nehme

die Ausforderung zwar an, könnte und würde bei der Schwere der

erlittenen Beschimpfung mich aber nicht anders schlagen, als auf den

Biß. Der Bunte wollte zwar Einwendungen machen, vorschützen, er habe

stumpfe Zähne u. s. w.; da aber Muzius ihm nach seiner ernsten und

festen Weise erklärte, daß hier nur durchaus von dem entscheidenderen

Duell auf den Biß die Rede sein könne und daß, wenn er dies nicht

eingehen wolle, er den niederträchtigen Spitz auf sich sitzen lassen

müßte, entschloß er sich zu diesem Duell auf den Biß. -- Die Nacht, in

der der Zweikampf vor sich gehen sollte, kam heran. Ich stellte mich auf

dem Dache des Hauses, das an der Grenze des Reviers lag, mit Muzius um

die bestimmte Stunde ein. Auch mein Gegner kam bald mit einem

stattlichen Kater, der beinahe bunter gefleckt war und noch viel

trotzigere, keckere Züge im Antlitz trug, als er selbst. Er war, wie wir

vermuten konnten, sein Sekundant; beide hatten verschiedene Feldzüge als

Kameraden zusammen gemacht und befanden sich auch beide bei der

Eroberung des Speichers, die dem Bunten den Orden des gebrannten Specks

erwarb. Außerdem hatte sich, wie ich nachher erfuhr, auf des um- und

vorsichtigen Muzius Anlaß, eine kleine, lichtgraue Katze eingefunden,

die sich ganz außerordentlich auf Chirurgie verstehen und die

schlimmsten, gefährlichsten Wunden zweckmäßig behandeln und in kurzer

Zeit heilen sollte. -- Es wurde noch verabredet, daß der Zweikampf in

drei Sprüngen stattfinden und falls bei dem dritten Sprunge noch nichts

Entscheidendes geschehen, weiter beschlossen werden sollte, ob das Duell

in neuen Sprüngen fortzusetzen, oder die Sache als abgemacht anzusehen.

Die Sekundanten maßen die Schritte aus, und wir setzten uns gegenüber in

Positur. Der Sitte gemäß erhoben die Sekundanten ein Zetergeschrei und

wir sprangen aufeinander los.

Im Augenblick hatte mein Gegner, indem ich ihn fassen wollte, mein

rechtes Ohr gepackt, das er dermaßen zerbiß, daß ich wider Willen laut

aufschrie. »Auseinander!« rief Muzius. Der Bunte ließ ab, wir gingen in

die Position zurück.

Neuer Zeter der Sekundanten, zweiter Sprung. Nun glaubte ich meinen

Gegner besser zu fassen, aber der Verräter duckte sich und biß mir in

die linke Pfote, daß das Blut in dicken Tropfen hervorquoll.

-- »Auseinander! rief Muzius zum zweitenmal. »Eigentlich ist nun die

Sache ausgemacht,« sprach der Sekundant meines Gegners sich zu mir

wendend, da Sie, mein Bester, durch die bedeutende Wunde an der Pfote

_hors de combat_ gesetzt sind.« Doch Zorn, tiefer Ingrimm ließen mich

keinen Schmerz fühlen und ich entgegnete, daß es sich bei dem dritten

Sprunge finden würde, inwiefern es mir an Kraft gebräche und die Sache

als abgemacht anzusehen. »Nun, sprach der Sekundant mit höhnischem

Lachen, wenn Sie denn durchaus von der Pfote Ihres Ihnen überlegenen

Gegners fallen wollen, so geschehe Ihr Wille! -- Doch Muzius klopfte mir

auf die Schultern und rief: Brav, brav mein Bruder Murr, ein echter

Bursche achtet solch einen Ritz nicht! -- Halte dich tapfer!

Zum drittenmal Zeter der Sekundanten, dritter Sprung! -- Meiner Wut

ungeachtet, hatte ich die List meines Gegners gemerkt, der immer etwas

seitwärts sprang, weshalb ich ihn fehlte, während er mich mit Sicherheit

packte. -- Diesmal nahm ich mich in acht, sprang auch seitwärts und als

er mich zu fassen glaubte, hatte ich ihn schon dermaßen in den Hals

gebissen, daß er nicht schreien, nur stöhnen konnte. »Auseinander!« rief

jetzt der Sekundant meines Gegners. Ich sprang sogleich zurück, der

Bunte sank aber ohnmächtig nieder, indem das Blut reichlich aus der

tiefen Wunde hervorquoll. Die hellgraue Katze eilte sogleich auf ihn zu

und bediente sich, um vor dem Verbande das Blut einigermaßen zu stillen,

eines Hausmittels, das, wie Muzius versicherte, ihr stets zu Gebote

stand, da sie es immer bei sich führte. Sie goß nämlich sofort eine

Flüssigkeit in die Wunde und besprengte überhaupt den Ohnmächtigen ganz

und gar damit, die ich ihres scharfen, beizenden Geruchs halber für

stark und drastisch wirkend halten mußte. Thedensche Arkebusade war es

nicht, auch nicht Eau de Cologne. -- Muzius drückte mich feurig an seine

Brust und sprach: Bruder Murr, du hast deine Ehrensache ausgefochten,

wie ein Kater, dem das Herz auf dem rechten Flecke sitzt. -- Murr, du

wirst dich erheben zur Krone des Burschentums, du wirst keinen Makel

dulden und stets bei der Hand sein, wenn es darauf ankommt, unsre Ehre

zu erhalten. -- Der Sekundant meines Gegners, der so lange dem hellgrauen

Chirurgus beigestanden, trat nun trotzig auf und behauptete, daß ich im

dritten Gange gegen den Komment gefochten. Da setzte sich aber Bruder

Muzius in Positur und erklärte mit funkelnden Augen und

hervorgestreckten Krallen, daß der, der solches behaupte, es mit ihm zu

tun habe und daß die Sache gleich auf der Stelle ausgemacht werden

könne. Der Sekundant hielt es für geraten, nichts weiter darauf zu

erwidern, sondern packte stillschweigend den wunden Freund, der was

weniges zu sich selbst gekommen, auf den Rücken und marschierte mit ihm

ab durch die Dachluke. -- Der aschgraue Chirurgus fragte an, ob er

meiner Wunden halber mich auch etwa mit seinem Hausmittel bedienen

solle. Ich lehnte das aber ab, so sehr mich auch Ohr und Pfote

schmerzten, sondern machte mich im Hochgefühl des errungenen Sieges, der

gestillten Rache für Miesmies Entführung und erhaltene Prügel, auf den

Weg nach Hause.

Für dich, o Katerjüngling! habe ich mit gutem Bedacht, die Geschichte

meines ersten Zweikampfs so umständlich aufgeschrieben. Außerdem, daß

dich diese merkwürdige Geschichte über den Ehrenpunkt belehrt ganz und

gar, so kannst du auch noch manche für das Leben nützliche Moral daraus

schöpfen. Wie z. B. daß Mut und Tapferkeit gar nichts ausrichten gegen

Finten und daß daher das genaue Studium der Finten unerläßlich ist, um

nicht zu Boden getreten zu werden, sondern sich aufrecht zu erhalten.

_Chi no se ajuta, se nega,_ sagt Brighella in Gozzis glücklichem Bettler

und der Mann hat recht, vollkommen recht. Sieh das ein, Katerjüngling

und verachte keinesweges Finten, denn in ihnen liegt, wie im reichen

Schacht, die wahre Lebensweisheit verborgen.

-- Als ich herabkam, fand ich des Meisters Tür verschlossen und mußte

daher mit der Strohmatte, die davor lag, als Nachtlager vorlieb nehmen.

Die Wunden hatten mir einen starken Blutverlust verursacht, und mir

wurde in der Tat etwas ohnmächtig zu Mute. Ich fühlte mich sanft

fortgetragen. Es war mein guter Meister, der (ich mochte wohl, ohne es

zu wissen, etwas gewinselt haben) mich vor der Tür gehört, aufgemacht

und meine Wunden bemerkt hatte. »Armer Murr, rief er, was haben sie mit

dir gemacht? das hat tüchtige Bisse gegeben -- nun ich hoffe, du wirst

deinen Gegnern nichts geschenkt haben!« Meister, dacht ich, wenn du

wüßtest! und aufs Neue fühlte ich mich von dem Gedanken des vollständig

erfochtenen Sieges, der Ehre, die ich mir gewonnen, gar mächtig erhoben.

-- Der gute Meister legte mich auf mein Lager, holte aus dem Schrank

eine kleine Büchse, in der Salbe befindlich, hervor, bereitete zwei

Pflaster und legte sie mir auf Ohr und Pfote. Ruhig und geduldig ließ

ich alles geschehen und stieß nur ein kleines, leises Mrrr! aus, als der

erste Verband mich etwas schmerzen wollte! -- »Du bist, sprach der

Meister, ein kluger Kater, Murr! du verkennst nicht, wie andre knurrige

Wildfänge deines Geschlechts, die gute Absicht deines Herrn. Halt dich

nur ruhig, und wenn es Zeit ist, daß du die Wunde an der Pfote heil

leckst, so wirst du schon selbst den Verband lösen. Was aber das wunde

Ohr betrifft, so kannst du nichts dafür tun, armer Geselle, und mußt das

Pflaster leiden.«

Ich versprach das dem Meister und reichte zum Zeichen meiner

Zufriedenheit und Dankbarkeit für seine Hilfe ihm meine gesunde Pfote

hin, die er wie gewöhnlich nahm und leise schüttelte, ohne sie im

mindesten zu drücken. -- Der Meister verstand mit gebildeten Katern

umzugehen.

Bald spürte ich die wohltätige Wirkung der Pflaster und war froh, daß

ich des kleinen aschgrauen Chirurgus fatales Hausmittel nicht

angenommen. Muzius, der mich besuchte, fand mich heiter und kräftig.

Bald war ich im Stande, ihm zu folgen zur Burschenkneiperei. Man kann

denken, mit welchem unbeschreiblichen Jubel ich empfangen wurde. Allen

war ich doppelt lieb geworden.

Von nun an führte ich ein köstliches Burschenleben und übersah es gern,

daß ich dabei die besten Haare aus dem Pelz verlor. -- Doch gibt es

hienieden ein Glück, das von Dauer sein sollte? Lauert bei jeder Freude,

die man genießt, nicht schon der --

=(Mak. Bl.)= -- hohen und steilen Hügel, im flachen Lande hätte er für

einen Berg gegolten, belegen. Ein breiter, bequemer, von duftendem

Gebüsch eingeschlossener Weg, an dessen beiden Seiten häufig angebrachte

steinerne Sitze und Lauben die gastliche Sorge für die wandernden Pilger

bewiesen, führte hinauf. Oben angekommen, gewahrte man erst die Größe

und Pracht des Gebäudes, das man in der Ferne nur für eine einzeln

dastehende Kirche gehalten. Wappen, Bischofsmütze, Krummstab und Kreuz,

über dem Tor in Stein gehauen, zeigten, daß sonst hier eine bischöfliche

Residenz gewesen und die Inschrift: _Benedictus, qui venit in nomine

domini,_ lud fromme Gäste ein, zum Eintritt. Aber jeder, der eingetreten,

blieb wohl unwillkürlich stehen, überrascht, erfaßt von dem Anblick der

Kirche, die mit ihrer prächtigen, im Stil des Palladio erbauten Fassade,

mit ihren beiden hohen, luftigen Türmen in der Mitte stand, als

Hauptgebäude, an das sich von beiden Seiten Flügel anschlossen. In dem

Hauptgebäude, befanden sich noch die Zimmer des Abts, in den

Seitenflügeln dagegen die Wohnungen der Mönche, das Refektorium, andere

Versammlungssäle, sowie auch Zimmer zur Aufnahme einkehrender Fremden.

Unfern dem Kloster lagen die Wirtschaftsgebäude, die Meierei, das Haus

des Amtmanns; tiefer im Tal umflocht aber das schöne Dorf Kanzheim den

Hügel mit der Abtei wie ein bunter, üppiger Kranz.

Dieses Tal breitete sich aus bis an den Fuß des fernen Gebirges.

Zahlreiche Herden weideten in den von spiegelhellen Bächen

durchschnittenen Wiesengründen, fröhlich zogen die Landleute aus den

Dörfern, die hin und wieder verstreut lagen, durch die reichen

Kornfelder, jubelnder Gesang der Vögel scholl aus den anmutigen

Gebüschen, sehnsüchtiger Hörnerschall rief herüber aus der fernen,

dunklen Waldung, beschwingt mit weißen Segeln glitten schwer beladene

Kähne auf dem breiten Fluß, der das Tal durchströmte schnell vorüber und

man vernahm die frohen Grüße der Schiffer. Überall üppige Fülle,

reichlich gespendeter Segen der Natur, überall reges, ewig

forttreibendes Leben. Die Aussicht in die lachende Landschaft vom Hügel

herab aus den Fenstern der Abtei, erhob das Gemüt und erfüllte es

zugleich mit innigem Wohlbehagen.

Mocht' es sein, daß man dem innern Schmuck der Kirche, der edlen,

grandiosen Grundlage unerachtet, bei dem vielen bunten, vergoldeten

Schnitzwerk und der kleinlichen Bilderei mit Recht den Vorwurf der

Überladung, des mönchischen Ungeschmacks machen konnte, so fiel dafür

der reine Stil, in welchem die Zimmer des Abtes gebaut und verziert

waren, destomehr in's Auge. Aus dem Chor der Kirche trat man unmittelbar

in einen geräumigen Saal, der zur Versammlung der Geistlichen und

zugleich zur Aufbewahrung der Instrumente und Musikalien diente. Aus

diesem Saal führte ein langer Korridor, der eine ionische Säulenstellung

bildete, in die Gemächer des Abts. Seidene Tapeten, auserlesene Gemälde

der besten Meister aus verschiedenen Schulen, Büsten, Statuen großer

Männer der Kirche, Teppiche, zierlich ausgelegte Fußböden, kostbares

Gerät, alles deutete hier auf den Reichtum des wohl dotierten Klosters.

Dieser Reichtum, der in dem Ganzen herrschte, war aber nicht jener

glänzende Prunk, der das Auge blendet, ohne ihm wohlzutun und der

Staunen, aber nicht Wohlbehagen erzeugt. Alles war an seiner rechten

Stelle angebracht, nichts wollte prahlerisch die Aufmerksamkeit für sich

allein fesseln und die Wirkung des andern zerstören, und so dachte man

nicht an die Kostbarkeit dieses, jenes einzelnen Schmucks, sondern

fühlte sich vom Ganzen gemütlich angeregt. Das durchaus =Gehörige= in der

Anordnung brachte diesen gemütlichen Eindruck hervor, und eben das

richtig entscheidende Gefühl des Gehörigen möchte wohl das sein, was man

guten Geschmack zu nennen pflegt. Das Bequeme, Wohnliche dieser Gemächer

des Abts, grenzte an das Üppige, ohne in der Tat üppig zu werden, und so

durfte es keinen Anstoß geben, daß ein Geistlicher alles dies selbst

angeordnet und herbeigeschafft. Der Abt Chrysostomus hatte, als er vor

wenigen Jahren nach Kanzheim kam, die abteiliche Wohnung einrichten

lassen, wie sie sich jetzt fand, und sein ganzer Charakter, seine ganze

Art zu sein, sprach sich schon lebhaft aus in dieser Einrichtung, ehe

man ihn selbst sah und bald die hohe Stufe seiner geistigen Bildung

gewahrte. Noch in den vierziger Jahren, groß, wohlgebaut, geistvollen

Ausdruck im männlich schönen Antlitz, Anmut und Würde im ganzen

Betragen, flößte der Abt jedem, der sich ihm nahte, die Ehrfurcht ein,

die sein Stand forderte. Eifriger Kämpfer für die Kirche, rastloser

Verfechter der Rechte seines Ordens, seines Klosters, schien er doch

nachgiebig und duldsam. Aber eben diese scheinbare Nachgiebigkeit war

eine Waffe, die er wohl zu führen und damit jeden Widerstand, selbst den

der obersten Gewalt, zu besiegen wußte. Durfte man denn auch ahnen, daß

hinter einfachen, salbungsreichen Worten, die aus dem treusten Herzen zu

kommen schienen sich mönchische Schlauheit verberge, so gewahrte man nur

die Gewandtheit eines eminenten Geistes, der in die tiefern Verhältnisse

der Kirche eingedrungen. Der Abt war ein Zögling der Propaganda in Rom.

-- Selbst gar nicht geneigt, den Ansprüchen des Lebens zu entsagen,

insofern sie mit geistlicher Sitte und Ordnung verträglich, ließ er

seinen zahlreichen Untergebenen alle Freiheit, die sie nur nach ihrem

Stande fordern konnten. So kam es denn, daß, während einige dieser,

jener Wissenschaft ergeben, in einsamer Zelle studierten, andere lustig

umherschwärmten in dem Park der Abtei und sich erlustigten im heitern

Gespräch, während einige, zu schwärmerischer Andacht geneigt, fasteten

und ihre Zeit hinbrachten in stetem Gebet, andere sich es wohlschmecken

ließen an der reichbesetzten Tafel und ihre religiösen Übungen auf die

Ordensregel beschränkten, während einige die Abtei nicht verlassen

mochten, andere sich auf weitere Wege begaben, auch wohl, kam die Zeit

heran, das lange Priestergewand vertauschten mit dem kurzen Jägerrock

und sich als wackre Weidmänner herumtummelten. Waren nun aber die

Meinungen der Brüder verschieden und durfte jeder der seinigen

nachhängen, wie er wollte, so kamen sie alle in der enthusiastischen

Vorliebe für die Musik überein. Beinahe ein jeder war ausgebildeter

Musiker, und es gab Virtuosen unter ihnen, die der besten fürstlichen

Kapelle Ehre gemacht haben würden. Eine reiche Musikaliensammlung, eine

Auswahl der vortrefflichsten Instrumente setzte jeden in den Stand, die

Kunst zu treiben, wie er wollte, und häufige Aufführungen auserlesener

Werke erhielten jeden in praktischer Übung.

Eben diesem musikalischen Treiben gab nun Kreislers Ankunft in der

Abtei einen neuen Schwung. Die Gelehrten schlugen ihre Bücher zu, die

Andächtigen kürzten ihre Gebete ab, alle versammelten sich um Kreisler,

den sie liebten und dessen Werke sie hochschätzten, wie keine anderen.

Der Abt selbst hing ihm an mit inniger Freundschaft und er, sowie alle

übrigen beeiferten sich, ihm ihre Achtung, ihre Liebe darzutun, wie sie

es nur vermochten. War nun die Gegend, in der die Abtei lag, ein

Paradies zu nennen, gewährte das Leben im Kloster die bequemste

Behaglichkeit, wozu ein leckrer Tisch und edler Wein, für den der Vater

Hilarius sorgte, wohl auch zu rechnen, herrschte unter den Brüdern die

gemütliche Heiterkeit, welche von dem Abt selbst ausging, schwamm

überdem Kreisler, den die Kunst rastlos beschäftigte, recht in seinem

Elemente, so konnt' es nicht fehlen, daß sein bewegtes Gemüt ruhig

wurde, wie seit langer Zeit nicht mehr. Selbst der Zorn seines Humors

dämpfte sich, er wurde sanft und weich wie ein Kind. Aber noch mehr als

das alles, er glaubte an sich selbst, verschwunden war jener

gespenstische Doppelgänger, der emporgekeimt aus den Blutstropfen der

zerrissenen Brust.

Irgendwo[A] heißt es von dem Kapellmeister Johannes Kreisler, daß seine

Freunde es nicht dahin hätten bringen können, daß er eine Komposition

aufgeschrieben, und sei dies wirklich einmal geschehen, so habe er doch

das Werk, so viel Freude er auch über das Gelingen geäußert, gleich

nachher in's Feuer geworfen. So mag es sich begeben haben in einer sehr

verhängnisvollen Zeit, die dem armen Johannes den rettungslosen

Untergang drohte, von der gegenwärtiger Biograph bis jetzt aber nicht

recht viel weiß. Jetzt in der Abtei Kanzheim wenigstens hütete sich

Kreisler wohl, die Kompositionen zu vernichten, die recht aus seinem

Innersten hervorgingen, und seine Stimmung sprach sich in dem Charakter

süßer, wohltuender Wehmut aus, den seine Werke trugen, statt daß er

sonst nur zu oft im mächtigen Zauber aus der Tiefe der Harmonik die

gewaltigen Geister heraufbeschwor, die die Furcht, das Entsetzen, alle

Qualen hoffnungsloser Sehnsucht aufregen in der menschlichen Brust. --

[Fußnote A: Phantasiestücke in Callots Manier. Neue Ausgabe. T. 1,

Seite 32.]

-- Man hatte eines Abends im Chor der Kirche die letzte Probe eines

Hochamts gehalten, mit dem Kreisler fertig worden und das am folgenden

Morgen aufgeführt werden sollte. Die Brüder waren zurückgekehrt in ihre

Zellen, Kreisler allein weilte in dem Säulengange und schaute hinaus in

die Gegend, die im Schimmer der letzten Strahlen der sinkenden Sonne vor

ihm lag. Da war es ihm, als vernähme er aus weiter Ferne noch einmal

sein Werk, das ihm eben lebendig dargestellt von den Brüdern. Als nun

aber das _Agnus Dei_ kam, da erfaßte ihn aufs Neue und stärker die

namenlose Wonne jener Augenblicke, in denen ihm dieses _Agnus_

aufgegangen. »Nein, rief er aus, indem glühende Tränen seine Augen

füllten; -- nein! -- ich bin es nicht, du allein! du, mein einziger

Gedanke, du mein einziges Sehnen!« --

Wunderbar war es wohl, auf welche Weise Kreisler diesen Satz, in welchem

der Abt, die Brüder den Ausdruck der brünstigsten Andacht, der

himmlischen Liebe selbst fanden, hervorgebracht hatte. Ganz erfüllt von

dem Hochamt, das er zu setzen begonnen, aber noch lange nicht vollendet

hatte, träumte er in einer Nacht, der Heiligentag, für den die

Komposition bestimmt, sei da, das Hochamt eingeläutet, er stehe an dem

Pult, die fertige Partitur vor sich, der Abt, selbst Messe lesend,

intoniere und sein _Kyrie_ fange an. --

Satz auf Satz folge nun, die Aufführung, gediegen und kraftvoll,

überrasche ihn, reiße ihn fort bis zum _Agnus Dei._ Da gewahre er zu

seinem Schreck in der Partitur weiße Blätter, keine Note aufgeschrieben,

die Brüder schauten ihn, der plötzlich den Taktstock sinken lassen, an,

gewärtig, daß er endlich anfangen, daß die Stockung endlich aufhören

werde. Aber bleischwer drücke ihn Verlegenheit und Angst nieder und er

könne, ungeachtet er das ganze _Agnus_ fertig in seiner Brust bewahre, nur

es nicht herausbringen in die Partitur. Da erschiene aber plötzlich eine

holde Engelsgestalt, trete an den Pult, sänge das _Agnus_ mit Tönen des

Himmels und diese Engelsgestalt wäre Julia! -- Im Entzücken hoher

Begeisterung erwachte Kreisler und schrieb das _Agnus_ auf, das im seligen

Traum ihm aufgegangen. -- Und diesen Traum träumte Kreisler nun noch

einmal, er vernahm Julias Stimme, höher und höher schlugen die Wellen

des Gesanges, als nun der Chor einfiel: _Dona nobis pacem,_ er wollte

untergehen in dem Meer von tausend seligen Wonnen, das ihn überströmte.

Ein leiser Schlag auf die Schulter weckte Kreisler aus der Ekstase, in

die er geraten. Es war der Abt, der vor ihm stand und ihn mit

Wohlgefallen anblickte.

»Nicht wahr, begann der Abt, nicht wahr, mein Sohn Johannes! was Du

tief in Deinem Gemüt empfunden, was Dir gelang, herrlich und kräftig in

das Leben zu rufen, das erfreut jetzt Deine ganze Seele? -- Ich meine,

Du dachtest an Dein Hochamt, das ich zu den besten Werken zähle, die Du

jemals geschaffen.«

Kreisler starrte den Abt stillschweigend an, noch war er keines Wortes

mächtig.

»Nun nun, fuhr der Abt lächelnd fort, steige herab aus der obern Region,

zu der Du Dich hinaufgeschwungen! -- Ich glaube gar, Du komponierst in

Gedanken und lässest so nicht ab von der Arbeit, die Dir freilich eine

Lust ist, wiewohl eine gefährliche, da sie zuletzt Deine Kräfte

aufzehrt. Entschlage Dich jetzt aller schaffenden Gedanken, laß uns in

diesem kühlen Gange auf- und abwandeln und unbefangen miteinander

plaudern.

Der Abt sprach nun von den Einrichtungen des Klosters, von der

Lebensweise der Mönche, rühmte den wahrhaft heiter frommen Sinn, den

alle in sich trügen und fragte zuletzt den Kapellmeister, ob er (der

Abt) sich nicht täusche, wenn er bemerkt zu haben glaube, daß Kreisler

seit den Monaten, daß er sich in der Abtei befinde, ruhiger,

unbefangener, dem tätigen Forttreiben in der hohen Kunst, die den Dienst

der Kirche verherrliche, geneigter geworden.

Kreisler konnte nicht anders, als dies zugeben und überdies versichern,

daß die Abtei sich ihm aufgetan wie ein Asyl, in das er geflüchtet und

daß er sich hier so heimisch dünke, als sei er wirklich Ordensbruder und

werde das Kloster niemals mehr verlassen.

»Lassen Sie mir, ehrwürdiger Herr!« so endete Kreisler, »die Täuschung,

die dies Kleid befördert. Lassen Sie mich glauben, daß von bedrohlichem

Sturm verschlagen, mich die Gunst des versöhnten Geschicks an einem

Eilande stranden ließ, wo ich geborgen, wo nie mehr der schöne Traum

zerstört werden kann, der nichts anders ist, als die Begeisterung der

Kunst selbst.«

In der Tat, mein Sohn Johannes, erwiderte der Abt, indem eine besondere

Freundlichkeit sein Antlitz überstrahlte, das Kleid, das Du angelegt, um

als unser Bruder zu erscheinen, steht Dir wohl, und ich wollte, daß Du

es nie wieder ablegtest. Du bist der würdigste Benediktiner, den man nur

sehen kann.

Doch, fuhr der Abt nach einem kurzem Stillschweigen fort, indem er

Kreislers Hand faßte, kein Scherz ist hier zu treiben. Sie wissen, mein

Johannes! wie lieb Sie mir gewesen sind seit dem Augenblick, als ich Sie

kennen lernte, wie meine innige Freundschaft, sich mit der hohen Achtung

für Ihr ausgezeichnetes Talent paarend, immer höher gestiegen ist. Für

den, den man liebt, wird man mit Sorge erfüllt und eben diese Sorge war

es, die mich Sie seit der Zeit Ihres Aufenthalts im Kloster bis zur

Ängstlichkeit beobachten ließ. Das Resultat dieser Beobachtungen brachte

mich zu einer Überzeugung, die ich nicht aufgeben darf! Längst wollt'

ich Ihnen in dieser Hinsicht mein ganzes Herz öffnen, ich wartete auf

einen günstigen Augenblick, er ist gekommen! -- Kreisler! Entsagen Sie

der Welt, treten Sie in unsern Orden!

So sehr sich auch Kreisler in der Abtei gefiel, so willkommen es ihm

war, einen Aufenthalt verlängern zu können, der ihm Ruhe und Frieden

gab, indem er seine rege, künstlerische Tätigkeit in Anspruch nahm, doch

überraschte ihn der Antrag des Abts auf beinahe unangenehme Weise, da er

an nichts weniger mit wirklichem Ernst gedacht, als seine Freiheit

aufgebend, sich unter die Mönche stecken zu lassen auf immer, wiewohl

ihm manchmal schon solch eine Grille aufgestiegen und dies vom Abt

bemerkt sein mochte. Ganz verwundert schaute er den Abt an, der ihn aber

nicht zum Worte kommen ließ, sondern fortfuhr: Hören Sie mich erst ruhig

an, Kreisler, ehe Sie mir antworten. Wohl muß es mir angelegen sein der

Kirche einen tüchtigen Diener zu gewinnen, indessen verwirft die Kirche

selbst jede künstliche Überredung und will nur, daß der innere Funke der

wahren Erkenntnis angeregt werde, damit er zur hell lodernden Flamme des

Glaubens aufleuchte und jede Betörung vernichte. Und so will ich nur

das, was dunkel und verworren vielleicht in Ihrer eignen Brust liegt,

entfalten, Ihnen selbst zur deutlichen Erkenntnis bringen. Darf ich zu

Ihnen, mein Johannes! denn von den aberwitzigen Vorurteilen sprechen,

die man in der Welt gegen das Klosterleben hegt? -- Immer muß den Mönch

irgendein ungeheures Schicksal in die Klause getrieben haben, wo er

aller Lust der Welt entsagend unter beständiger Qual ein trostloses

Leben vertrauert. So wäre das Kloster der finstre Kerker, wo die

trostloste Trauer um ewig verlornes Gut, die Verzweiflung, der Wahnsinn

erfinderischer Selbstqual sich eingesperrt, wo abgehärmte bleiche

Todesgestalten ein elendes Dasein hinschleppten und ihre herzzermalmende

Angst aushauchten in dumpf murmelnden Gebeten!

Kreisler konnte sich nicht eines Lächelns erwehren, denn er gedachte,

als der Abt von abgehärmten bleichen Todesgestalten sprach, so manches

wohlgenährten Benediktiners und vorzüglich des wackern rotwangigten

Hilarius, der keine größere Qual kannte, als Wein zu trinken von

schlechtem Gewächs und nur die Angst, die ihm eine neue Partitur

verursachte, welche er nicht gleich verstand.

Sie belächeln, sprach der Abt weiter, den Kontrast des Bildes, das ich

aufstellte mit dem Klosterleben, wie Sie es hier kennen gelernt, und

haben gewiß Ursache dazu. -- Mag es auch sein, daß mancher zerrissen von

irdischem Leid, alles Glück, alles Heil der Welt für immer aufgebend, in

das Kloster flieht, wohl ihm dann, daß die Kirche ihn aufnimmt und er in

ihrem Schoß einen Frieden findet, der allein ihn über alles erlittene

Ungemach trösten und ihn erheben kann über das verderbliche Geschick im

weltlichen Treiben. Aber wie viele gibt es, die der wahre innere Hang

zum andächtigen kontemplativen Leben in das Kloster führt, die ungefügig

in der Welt, jeden Augenblick verstört durch das Andringen aller

kleinlichen Verhältnisse, wie sie sich nun einmal im Leben erzeugen, nur

in selbstgewählter Einsamkeit sich wohl befinden. Dann gibt es aber

andere, die ohne entschiedenen Hang zum klösterlichen Leben doch

nirgends anders hingehören, als eigentlich ins Kloster. -- Ich meine

diejenigen, die Fremdlinge in der Welt sind und bleiben, weil sie einem

höheren Sein angehören und die Ansprüche dieses höheren Seins für die

Bedingung des Lebens halten, so aber rastlos das verfolgend, was

hienieden nicht zu finden, ewig dürstend in nie zu befriedigender

Sehnsucht, hin und her schwanken und vergeblich Ruhe suchen und Frieden,

deren offne Brust jeder abgeschossene Pfeil trifft, für deren Wunden es

keinen Balsam gibt, als die bittre Verhöhnung des stets wider sie

bewaffneten Feindes. Nur die Einsamkeit, ein einförmiges Leben ohne

feindliche Unterbrechung und vor allem das stete freie Aufschauen zur

Lichtwelt, der sie angehören, kann das Gleichgewicht herstellen und sie

im Innern eine überirdische Zufriedenheit fühlen lassen, die in dem

wirren Treiben der Welt nicht zu erringen. -- Und Sie -- Sie mein

Johannes gehören zu diesen Menschen, die die ewige Macht im Druck des

Irdischen hoch erhebt zum Himmlischen. Das rege Gefühl des höhern Seins,

das Sie ewig mit dem schalen irdischen Treiben entzweien wird, entzweien

muß, strahlt mächtig heraus in der Kunst, die einer andern Welt gehört

und die, ein heiliges Geheimnis der himmlischen Liebe, mit Sehnsucht in

ihrer Brust verschlossen. Die glühendste Andacht selbst in diese Kunst

und ihr ganz ergeben haben Sie nichts mehr gemein mit einer

buntscheckigen Welttändelei, die Sie von sich werfen mit Verachtung, wie

der zum Jüngling gereifte Knabe das abgenutzte Spielzeug. -- Entfliehen

Sie für immer den aberwitzigen Neckereien hohnlächelnder Toren, die Sie,

mein armer Johannes, oft gequält haben bis auf's Blut! -- Der Freund

breitet die Arme aus Sie zu empfangen, Sie einzuführen in den sichern

Port, den kein Gewittersturm bedroht! --

Tief, sprach mein Johannes, da der Abt schwieg, ernst und düster, tief

fühle ich die Wahrheit ihrer Worte, mein ehrwürdiger Freund! tief, daß

ich wirklich nicht in eine Welt tauge, die sich mir gestaltet wie ein

ewiges rätselhaftes Mißverständnis. Und doch -- ich gestehe es frei,

erregt mir der Gedanke Schauer, auf Kosten so mancher Überzeugung, die

ich mit der Muttermilch eingesogen, dies Kleid zu tragen, wie einen

Kerker, aus dem ich nimmer wieder heraus kann. Es ist mir, als wenn dem

Mönch Johannes dieselbe Welt, in der der Kapellmeister Johannes doch so

manches hübsche Gärtlein voll duftender Blumen fand, plötzlich eine öde

unwirtbare Wüste sein würde, als wenn einmal in das rege Leben

verflochten, die Entsagung -- Entsagung? -- unterbrach der Abt den

Kapellmeister mit erhöhter Stimme. Gibt es für Dich, Johannes, eine

Entsagung, wenn der Geist der Kunst immer mächtiger wird in Dir, wenn Du

mit starkem Fittich Dich erhebst in die leuchtenden Wolken? -- Welche

Lust des Lebens gibt es denn noch, die Dich betören könnte? -- Doch (so

fuhr der Abt mit sanfterer Stimme fort) wohl hat die ewige Macht ein

Gefühl in unsere Brust gelegt, das mit unbesiegbarer Gewalt unser ganzes

Wesen erschüttert; es ist das geheimnisvolle Band, das Geist und Körper

verbindet, indem jener nach dem höchsten Ideal einer chimärischen

Glückseligkeit zu streben vermeint und doch nur will, was dieser als

notwendiges Bedürfnis in Anspruch nimmt, und so eine Wechselwirkung

entsteht, die in der Fortexistenz des menschlichen Geschlechts bedingt

ist. -- Nicht hinzufügen darf ich, daß ich von der Geschlechtsliebe

spreche und daß ich es allerdings für nichts Geringes achte, ihr ganz zu

entsagen. -- Doch Johannes! wenn Du entsagst, so rettest Du Dich vom

Verderben; niemals, niemals kannst Du, wirst Du des eingebildeten Glücks

der irdischen Liebe teilhaftig werden. Der Abt sprach die letzten Worte

so feierlich, mit solcher Salbung, als läge das Buch des Schicksals

offen vor ihm und er verkündige daraus dem armen Kreisler alles

bedrohliche Leid, dem zu entgehen, er sich hineinretten müsse ins

Kloster.

Da begann aber auf Kreislers Antlitz jenes seltsame Muskelspiel, das

den Geist der Ironie zu verkünden pflegte, der seiner mächtig worden.

Hoho! sprach er, Ew. Hochehrwürden haben unrecht, haben durchaus

unrecht. Ew. Hochwürden irren sich in meiner Person, werden konfuse

durch das Gewand, das ich angelegt, um _en masque_ einige Zeit hindurch

die Leute zu foppen und selbst unerkannt, ihnen ihre Namen in die Hand

zu schreiben, damit sie wissen, woran sie sind! -- Bin ich denn nicht

ein passabler Mensch, noch in den besten Jahren, von leidlich hübschem

Ansehn und sattsam gebildet und artig? -- Kann ich nicht den schönsten

schwarzen Frack ausbürsten, ihn anlegen und was die Unterkleider

betrifft, ganz Seide keck hintreten vor jede rotwangigte Professors, vor

jede blau- oder braunäugigte Hofrats Tochter, und alle Süßigkeit des

zierlichsten Amoroso in Gebärde, Antlitz und Ton, ohne weiteres fragen:

Allerschönste, wollen Sie mir Ihre Hand geben und Ihre ganze werte

Person dazu, als Attinenz derselben? Und die Professors Tochter würde

die Augen niederschlagen und ganz leise lispeln: Sprechen Sie mit Papa!

oder die Hofrats Tochter mir gar einen schwärmerischen Blick zuwerfen

und dann versichern, wie sie schon lange im stillen die Liebe bemerkt,

der ich nun erst Sprache geliehen und beiläufig vom Besatz des

Brautkleides sprechen. Und o Gott, die respektiven Herrn Väter, wie gern

würden sie die Töchter losschlagen auf das Gebot einer solchen

respektablen Person, als es ein großherzoglicher Exkapellmeister ist!

-- Aber ich könnte mich auch versteigen in das höhere Romantische, eine

Idylle beginnen und der glauen Pachterstochter mein Herz offerieren und

meine Hand, wenn sie eben Ziegenkäse bereitet, oder, ein zweiter Notar

Pistofolus, in die Mühle laufen und meine Göttin suchen in den

Himmelswolken des Mehlstaubs! -- Wo würde ein treues ehrliches Herz

verkannt werden, das nichts will, nichts verlangt als Hochzeit

-- Hochzeit -- Hochzeit! -- Kein Glück in der Liebe? -- Ew. Hochehrwürden

bedenken gar nicht, daß ich eigentlich recht der Mann dazu bin, um in

=der= Liebe ganz horrend glücklich zu sein, deren einfaches Thema weiter

nichts ist als: Willst Du mich, so nehm' ich Dich! dessen weitere

Variationen nach dem Allegro brillante der Hochzeit dann in der Ehe

weiter fortgespielt werden. Ew. Hochehrwürden wissen ferner nicht, daß

ich schon vor mehrerer Zeit sehr ernsthaft daran gedacht, mich zu

vermählen. Ich war damals freilich noch ein junger Mensch von weniger

Erfahrung und Ausbildung, nämlich erst sieben Jahr alt, aber das drei

und dreißigjährige Fräulein, das ich zu meiner Braut erkieset, versprach

mir doch mit Hand und Mund keinen andern zum Mann zu nehmen als mich,

und ich weiß selbst nicht, warum sich die Sache nachher zerschlug.

Bemerken Ew. Hochehrwürden doch nur, daß mir das Glück der Liebe lachte

von Kindesbeinen an und nun -- Seidene Strümpfe her -- seidene Strümpfe

her -- Schuhe her um gleich mit beiden Freiersfüßen hineinzufahren und

unmäßig zu rennen nach der, die schon den niedlichsten Zeigefinger

ausgestreckt hat, damit er stracks bereist werde. -- Wäre es nicht für

einen ehrsamen Benediktiner unanständig sich in Hasensprüngen zu

erlustieren, ich tanzte sogleich hier auf der Stelle vor Ew.

Hochehrwürden Augen einen Matelot, oder eine Gavotte, oder einen

Hopswalzer aus purer Freude, die mich ganz übernimmt, wenn ich nur an

Braut und Hochzeit denke. -- Hoho! -- was Liebesglück und Heirat

betrifft, da bin ich ein ganzer Kerl! -- Ich wünschte, Ew. Hochehrwürden

möchten das einsehen. -- Ich habe, erwiderte der Abt, als Kreisler nun

endlich innehielt, Sie nicht unterbrechen mögen in Ihren seltsamen

Scherzreden, Kapellmeister, die eben das beweisen, was ich behaupte.

-- Wohl fühle ich auch den Stachel, der mich verwunden sollte, aber nicht

verwundet hat! -- Wohl mir, daß ich nie an jene chimärische Liebe

geglaubt, die körperlos in den Lüften schwebt und nichts gemein haben

soll mit dem Bedingnis des menschlichen Prinzips! -- Wie ist es möglich,

daß Sie, bei dieser krankhaften Spannung des Geistes -- Doch genug

hiervon! -- Es ist an der Zeit dem bedrohlichen Feinde näher zu treten,

der Sie verfolgt -- Haben Sie während Ihres Aufenthalts in Sieghartshof

nicht von dem Schicksal jenes unglücklichen Malers, jenes Leonhard

Ettlinger gehört? -- Kreislern durchfuhren die Schauer des unheimlichen

Grauens, als der Abt diesen Namen nannte. Weggelöscht vom Antlitz war

jede Spur jener bittern Ironie, die ihn zuvor erfaßt und er fragte mit

dumpfer Stimme: Ettlinger? -- Ettlinger? was soll mir der? -- was habe

ich mit dem zu schaffen? -- Nie hab' ich ihn gekannt, nur ein Spiel

erhitzter Phantasie war es, als ich einmal wähnte, er spreche zu mir

herauf aus dem Wasser. --

Ruhig, sprach der Abt sanft und milde, indem er Kreisler's Hand faßte,

ruhig mein Sohn Johannes! -- Nichts hast du gemein mit jenem

Unglücklichen, den die Verirrung einer zu mächtig gewordenen

Leidenschaft in das tiefste Verderben stürzte. Doch zum warnenden

Beispiel mag Dir sein entsetzliches Schicksal dienen. Mein Sohn

Johannes! -- noch auf schlüpfrigerem Wege befindest Du Dich, als jener,

drum entflieh -- entflieh! -- Hedwiga! -- Johannes! ein böser Traum hält

die Prinzessin fest in Banden, die unauflöslich scheinen, wenn ein

freier Geist sie nicht durchschneidet! -- Und du? --

Tausend Gedanken gingen auf in Kreisler bei diesen Worten des Abts. Er

gewahrte, daß der Abt nicht allein mit allen Begebnissen des fürstlichen

Hauses zu Sieghartshof, sondern auch mit dem bekannt war, was sich dort

während seines Aufenthalts zugetragen. Klar wurd' es ihm, daß die

krankhafte Reizbarkeit der Prinzessin wohl in seiner Annäherung eine

Gefahr befürchten lassen, an die er gar nicht gedacht, und eben diese

Furcht, wer anders konnte sie hegen und darum wünschen, daß er vom

Schauplatz ganz abtrete, als die Benzon? -- Eben diese Benzon mußte mit

dem Abt in Verbindung stehen, von seinem (Kreisler's) Aufenthalt in der

Abtei unterrichtet sein und so war sie die Triebfeder alles Beginnens

des ehrwürdigen Herrn. Lebhaft gedachte er aller Momente, in denen die

Prinzessin wirklich, wie von einer im Innern aufkeimenden Leidenschaft

befangen, erschienen, aber selbst wußte er nicht, warum bei dem

Gedanken, daß er selbst der Gegenstand jener Leidenschaft sein könne, es

ihn erfaßte wie Gespensterfurcht. Es war ihm als wolle eine fremde

geistige Macht gewaltsam in sein Inneres dringen und ihm die Freiheit

des Gedankens rauben. Prinzessin Hedwiga stand plötzlich vor ihm, und

starrte ihn an mit jenem seltsamen Blick der ihr eigen, aber in dem

Augenblick dröhnte ein Pulsschlag ihm durch alle Nerven, wie damals, als

er zum erstenmal der Prinzessin Hand berührte. Doch war ihm auch nun

jene unheimliche Angst entnommen, er fühlte eine elektrische Wärme

wohltätig sein Inneres durchgleiten, er sprach leise wie im Traum:

Kleiner schalkischer _Raja torpedo_, neckst Du mich schon wieder und weißt

doch, daß Du nicht ungestraft verwunden darfst, da ich aus reiner Liebe

zu Dir Benediktinermönch geworden?

Der Abt betrachtete den Kapellmeister mit durchbohrendem Blick, als

wolle er sein ganzes Ich durchschauen, und begann dann ernst und

feierlich: Mit wem redest Du, mein Sohn Johannes?

Kreisler wurde aber wach aus seinen Träumen; es fiel ihm ein, daß der

Abt, war er von allem was sich in Sieghartshof zugetragen, unterrichtet,

vor allen Dingen den weitern Verlauf der Katastrophe, die ihn

fortgetrieben, wissen mußte, und wohl war ihm daran gelegen, mehr davon

zu erfahren.

Mit niemandem anders, erwiderte er dem Abt, skurril lächelnd, sprach

ich, Hochehrwürdiger Herr, als, wie Sie ja vernommen haben, mit einer

schalkischen _Raja torpedo,_ die sich ganz unberufener Weise in unser

vernünftiges Gespräch mischen und mich noch konfuser machen wollte, als

ich es schon wirklich bin. -- Doch aus allem muß ich ja zu meinem großen

Leid gewahren, daß diverse Leute mich für eben solch' einen großen

Narren halten, als den seligen Hofporträtisten Leonardus Ettlinger, der

eine erhabene Person, die sich natürlicherweise aus ihm gar nichts

machen konnte, nicht bloß malen wollte, sondern auch lieben und zwar so

ganz ordinär, wie Hans seine Grete. O Gott! hab' ich es denn jemals an

Respekt fehlen lassen, wenn ich die schönsten Akkorde griff zu schnöder

Singefaselei! -- Habe ich jemals unziemliche oder grillenhafte Materien

aufs Tapet zu bringen gewagt von Entzücken und Schmerz, von Liebe und

Haß, wenn der kleine fürstliche Eigensinn sich seltsam gebärden in

allerlei wunderbaren Gemütsergötzlichkeiten, und ehrsame Leute vexieren

wollte mit magnetischen Visionen? -- habe ich solches jemals getan?

Sagt. --

Doch sprachst Du, mein Johannes! unterbrach ihn der Abt, einst von der

Liebe des Künstlers --

Kreisler starrte den Abt an, dann rief er, indem er die Hände

zusammenschlug und den Blick aufwärts richtete: O Himmel! Das also!

-- Schätzbare Leute, sprach er dann weiter, indem jenes skurrile Lächeln

auf dem Antlitz wieder die Oberhand gewann und dabei die innere Wehmut

die Stimme beinahe erstickte, schätzbare Leute allzumal, habt Ihr denn

nicht jemals irgendwo, sei es auch auf ordinären Brettern, den Prinzen

Hamlet zu einem ehrlichen Mann, Güldenstern geheißen, sagen gehört: Ihr

könnt mich zwar verstimmen, aber nicht auf mir spielen? -- Wetter! -- das

ist ja ganz mein Kasus! -- Warum belauscht Ihr den harmlosen Kreisler,

wenn der Wohllaut der Liebe, der in seiner Brust verschlossen, Euch nur

mißtönt? -- O Julia! --

Der Abt schien, plötzlich von etwas ganz Unerwartetem überrascht,

vergebens Worte zu suchen, während Kreisler vor ihm stand und ganz

verzückt in das Feuermeer schaute, das im Abend emporgewogt.

Da erhoben sich die Glockentöne von den Türmen der Abtei und zogen,

wunderbare Stimmen des Himmels, durch das golden leuchtende Abendgewölk.

Mit euch will ich ziehen ihr Akkorde! rief Kreisler, indem er beide Arme

weit ausbreitete. Von euch getragen soll sich aller trostlose Schmerz

emporrichten zu mir und sich selbst vernichten in meiner eignen Brust

und eure Stimmen sollen wie himmlische Friedensboten es verkünden, daß

der Schmerz untergegangen in der Hoffnung, in der Sehnsucht der ewigen

Liebe.

Die Abendhora, sprach der Abt, wird eingeläutet, ich höre die Brüder

kommen. Morgen, mein lieber Freund, sprechen wir vielleicht weiter von

manchen Begebnissen in Sieghartshof. --

Ei, rief Kreisler, dem nun erst wieder einfiel, was er von dem Abt zu

wissen verlangt, ei, hochehrwürdiger Herr, ich will viel erfahren von

lustiger Hochzeit und dergleichen! -- Prinz Hektor wird doch nun nicht

zaudern, die Hand zu ergreifen, nach der er schon aus der Ferne gelangt?

Dem herrlichen Bräutigam ist doch nichts Arges widerfahren?

Da verschwand alles Feierliche aus des Abts Antlitz und er sprach mit

dem gemütlichen Humor, der ihm sonst wohl eigen: Nichts ist dem

herrlichen Bräutigam geschehen, mein ehrlicher Johannes, aber seinen

Adjutanten soll im Walde eine Wespe gestochen haben. Hoho! erwiderte

Kreisler, eine Wespe, die er mit Feuer und Dampf vertreiben wollte!

Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern · 第 24 / 27 题