Chor. _Ecce quam etc. etc._

Meine Variation fand den lautesten, unerhörtesten Beifall. Die

hochherzigen Jungen stürmten jubelnd auf mich ein, umpfoteten mich,

drückten mich an ihre klopfende Brust. Auch hier erkannte man also den

hohen Genius in meinem Innern. Es war einer der schönsten Augenblicke

meines Lebens. Nun wurde noch manchen großen, berühmten Katern,

vorzüglich solchen, die ihrer Größe und Berühmtheit unerachtet sich von

aller und jeder Philisterei entfernt gehalten und dies bewiesen hatten

durch Wort und Tat, ein feuriges Lebehoch gebracht! und dann schieden

wir auseinander.

Der Punsch war mir doch etwas zu Kopfe gestiegen, die Dächer schienen

sich zu drehen, kaum vermochte ich mittels des Schweifes, den ich als

Balancierstange benutzte, mich aufrecht zu erhalten. Der treue Muzius,

meinen Zustand bemerkend, nahm sich meiner an, und brachte mich

glücklich durch die Dachluke nach Hause.

Wüst im Kopfe, wie ich mich noch niemals gefühlt, konnte ich lange

nicht --

=(Mak. Bl.)= -- -- ebensogut gewußt, als die scharfsinnige Frau Benzon,

aber daß ich gerade heute, eben jetzt von Dir Nachricht erhalten sollte,

Du treue Seele, das hat mein Herz nicht geahnt.« So sprach Meister

Abraham, verschloß den Brief, den er erhalten, und in dessen Aufschrift

er mit freudiger Überraschung Kreislers Hand erkannt hatte, ohne ihn zu

öffnen, in den Schubkasten seines Schreibtisches und ging hinaus in den

Park. -- Meister Abraham hatte schon seit vielen Jahren die Gewohnheit,

Briefe, die er erhielt, Stunden, ja oft Tage lang uneröffnet liegen zu

lassen. Ist der Inhalt gleichgültig, sprach er, so kommt es auf den

Verzug nicht an, enthält der Brief eine böse Nachricht, so gewinn' ich

noch einige frohe, oder wenigstens ungetrübte Stunden; steht eine

Freudenpost darin, so kann ein gesetzter Mann wohl es abwarten, daß die

Freude ihm über den Hals komme. Diese Gewohnheit des Meisters ist zu

verwerfen, denn einmal ist solch ein Mensch, der Briefe liegen läßt,

ganz untauglich zum Kaufmann, zum politischen oder literarischen

Zeitungsschreiber, dann leuchtet es aber auch ein, wie manches Unheil

sich sonst noch bei Personen, die weder Kaufleute sind noch

Zeitungsschreiber, daraus erzeugen kann. -- Was gegenwärtigen Biographen

betrifft, so glaubt er ganz und gar nicht an Abrahams stoischen

Gleichmut, sondern rechnet jene Gewohnheit vielmehr einer gewissen

ängstlichen Scheu zu, das Geheimnis eines verschlossenen Briefes zu

entfalten. -- Es ist eine ganz eigene Lust, Briefe zu empfangen, und

darum sind uns die Personen besonders angenehm, die zunächst uns diese

Lust verschaffen, nämlich: die Briefträger, wie schon irgendwo ein

geistreicher Schriftsteller bemerkt hat. Dies mag eine anmutige

Selbstmystifikation genannt werden. Der Biograph erinnert sich, daß, als

er einst auf der Universität mit dem sehnlichsten Schmerz, lange

vergebens auf einen Brief von einer geliebten Person gewartet hatte, er

den Briefträger mit Tränen im Auge bat, ihm doch recht bald einen Brief

aus der Vaterstadt zu bringen, er solle auch dafür ein namhaftes

Trinkgeld erhalten. Der Kerl versprach, was von ihm verlangt wurde, mit

pfiffiger Miene, brachte den Brief, der in der Tat nach wenigen Tagen

einging, triumphierend, als habe es nur an ihm gelegen, Wort zu halten,

und strich das versprochene Trinkgeld ein. -- Doch weiß der Biograph,

der eben vielleicht selbst gewissen Selbstmystifikationen zu sehr Raum

gibt -- doch weiß er nicht, ob Du, geliebter Leser, mit ihm gleichen

Sinnes, mit jener Lust eine seltsame Angst fühlest, die Dir, indem Du

den erhaltenen Brief öffnen willst, Herzklopfen verursacht, selbst wenn

es kaum möglich, daß der Brief Wichtiges für Dein Leben enthalten

sollte. -- Mag es sein, daß dasselbe die Brust beengende Gefühl, mit dem

wir in die Nacht der Zukunft schauen, auch hier sich regt, und daß eben

deshalb, weil ein leichter Druck der Finger hinreicht, das Verborgene zu

enthüllen, der Moment auf einer Spitze steht, die uns beunruhigt. Und!

-- wie viele schöne Hoffnungen zerbrachen schon mit dem verhängnisvollen

Siegel, und die lieblichen Traumbilder, die aus unserm eigenen Innern

gestaltet, unsere brünstige Sehnsucht selbst schienen, zerrannen in

nichts und das kleine Blättchen war der Zauberfluch, vor dem der

Blumengarten, in dem wir zu wandeln gedachten, verdorrte, und das Leben

lag vor uns wie eine unwirtbare, trostlose Wüstenei. -- Scheint es gut,

den Geist zu sammeln, ehe jener leichte Druck der Finger das Verborgene

erschließt, so kann dies vielleicht Meister Abrahams sonst verwerfliche

Gewohnheit entschuldigen, die übrigens auch gegenwärtigen Biographen

anklebt aus einer gewissen, verhängnisvollen Zeit, in der beinahe jeder

Brief, den er erhielt, der Büchse Pandoras glich, aus der, sowie sie

geöffnet, tausend Unheil und Ungemach aufstieg ins Leben. -- Hat aber

nun auch Meister Abraham des Kapellmeisters Brief verschlossen in seinen

Schreibepult oder Schreibtischkasten, und ist er auch spazieren gegangen

in den Park, doch soll der geneigte Leser den Inhalt sogleich

buchstäblich erfahren. -- Johannes Kreisler hatte folgendes geschrieben:

»Mein herzlieber Meister!«

_»La fin couronne les oeuvres!«_ hätte ich rufen können, wie Lord

Clifford in Shakespeares Heinrich dem Sechsten, als ihm der sehr edle

Herzog von York eines versetzt hatte zum Tode. Denn bei Gott, mein Hut

stürzte schwer verwundet ins Gebüsch und ich ihm nach, rücklings, wie

einer, von dem man in der Schlacht zu sagen pflegt: er fällt, oder er

ist gefallen. -- Dergleichen Leute stehen aber selten wieder auf,

dagegen tat das aber Euer Johannes, mein lieber Meister, und das auf der

Stelle. -- Um meinen schwer verwundeten Kameraden, der nicht sowohl an

meiner Seite, als über oder von meinem Haupte gefallen, konnte ich mich

gar nicht bekümmern, da ich genug zu tun hatte, durch einen tüchtigen

Seitensatz (ich nehme das Wort Satz hier weder in philosophischem noch

in musikalischem, sondern lediglich in gymnastischem Sinn) der Mündung

einer Pistole auszuweichen, die jemand etwa drei Schritte davon auf mich

hielt. Doch ich tat noch mehr als das, ich ging plötzlich aus der

Defensive in die Offensive über, sprang auf den Pistolanten los und

stieß ihm ohne weitere Umstände meinen Stockdegen in den Leib. -- Immer

habt Ihr mir den Vorwurf gemacht, Meister! daß ich des historischen

Stils nicht mächtig und unfähig etwas zu erzählen, ohne unnütze Phrasen

und Abschweifungen. Was sagt Ihr zu der bündigen Darstellung meines

italienischen Abenteuers in dem Park zu Sieghartshof, den ein

hochsinniger Fürst so mild beherrscht, daß er selbst Banditen toleriert

vergnüglicher Abwechslung halber?

Nehmt, lieber Meister, das bisher Gesagte nur für die vorläufige

epitomatische Inhaltsanzeige des historischen Kapitels, das ich, erlaubt

es meine Ungeduld und der Herr Prior, statt eines ordinären Briefes für

Euch aufschreiben will. -- Wenig nachzuholen ist über das eigentliche

Abenteuer im Walde. -- Gewiß war es mir sogleich, daß, als der Schuß

fiel, ich davon profitieren sollte, denn im Niederstürzen empfand ich

einen brennenden Schmerz an der linken Seite meines Kopfs, den der

Konrektor in Göniönesmühl mit Recht einen =hartnäckigen= nannte.

Hartnäckigen Widerstand hatte der wackere Knochenbau nämlich geleistet

dem schnöden Blei, so, daß die Streifwunde kaum zu achten. Aber sagt

mir, lieber Meister, sagt mir auf der Stelle, oder heute abend, oder

wenigstens morgen in aller Frühe, in wessen Leib meine Stockklinge

gefahren? Sehr lieb würde es mir sein, zu vernehmen, daß ich eigentlich

gar kein gemeines Menschenblut vergossen, sondern bloß einigen

prinzlichen Ichor; und es will mir ahnen, als wäre dem so. -- Meister!

so hätte der Zufall denn zu der Tat geführt, die der finstere Geist mir

verkündete, bei Euch im Fischerhäuschen. -- War vielleicht diese kleine

Stockklinge in dem Augenblick, als ich sie brauchte zur Notwehr gegen

Mörder, das furchtbare Schwert der Blutschuld rächenden Nemesis?

-- Schreibt mir alles, Meister, und vor allen Dingen, was es mit der

Waffe, die Ihr mir in die Hand gabt, mit dem kleinen Bilde für eine

Bewandtnis hat. -- Doch nein -- nein, sagt mir davon nichts. Laßt mich

dieses Medusenbild, vor dessen Anblick der bedrohliche Frevel erstarrt,

bewahren, mir selbst ein unerklärliches Geheimnis. Es ist mir, als würde

dieser Talisman seine Kraft verlieren, sobald ich wüßte, was für eine

Konstellation ihn gefeit zur Zauberwaffe! -- Wollt Ihr mir's glauben,

Meister, daß ich bis jetzt Euer kleines Bild noch gar nicht einmal recht

angeschaut? -- Ist es an der Zeit, so werdet Ihr mir alles sagen, was

mir zu wissen nötig, und dann gebe ich den Talisman zurück in Eure

Hände. Also für jetzt kein Wort weiter davon! -- Doch fortfahren will

ich nun in meinem historischen Kapitel.

Als ich besagtem Jemand, besagtem Pistolanten meinen Stockdegen in den

Leib gerannt, so daß er lautlos niederstürzte, sprang ich fort mit der

Schnellfüßigkeit eines Ajax, da ich Stimmen im Park zu hören und mich

noch in Gefahr glaubte. Ich gedachte nach Sieghartsweiler zu laufen,

aber die Dunkelheit der Nacht ließ mich den Weg verfehlen. Schneller und

schneller rannte ich fort, immer noch hoffend mich zurecht zu finden.

Ich durchwatete Feldgraben, ich erklimmte eine steile Anhöhe und sank

endlich in einem Gebüsch vor Ermattung nieder. Es war, als blitze es

dicht vor meinen Augen, ich fühlte einen stechenden Schmerz am Kopf, und

erwachte aus tiefem Todesschlaf. Die Wunde hatte stark geblutet, ich

machte mir, das Taschentuch benutzend, einen Verband, der dem

geschicktesten Kompanie-Chirurgus auf dem Schlachtfelde zur Ehre

gereicht haben würde, und schaute nun ganz froh und fröhlich umher.

Unfern von mir stiegen die mächtigen Ruinen eines Schlosses empor. -- Ihr

merkt es Meister, ich war zu meiner nicht geringen Verwunderung auf den

Geierstein geraten.

Die Wunde schmerzte nicht mehr, ich fühlte mich frisch und leicht, ich

trat heraus aus dem Gebüsch, das mir zum Schlafgemach gedient, die Sonne

stieg empor und warf blinkende Streiflichter auf Wald und Flur, wie

fröhliche Morgengrüße. Die Vögel erwachten in den Gebüschen und badeten

sich zwitschernd im kühlen Morgentau, und schwangen sich auf in die

Lüfte. Noch in nächtliche Nebel gehüllt lag tief unter mir Sieghartshof,

doch bald sanken die Schleier, und in flammendem Gold standen Bäume und

Büsche. Der See des Parks glich einem blendend strahlenden Spiegel: ich

unterschied das Fischerhäuschen wie einen kleinen weißen Punkt -- sogar

die Brücke glaubte ich deutlich zu schauen. -- Das Gestern trat auf mich

ein, aber als sei es eine längst vergangene Zeit, aus der mir nichts

geblieben als die Wehmut der Erinnerung an das ewig Verlorne, die in

demselben Augenblick die Brust zerreißt und mit süßer Wonne erfüllt.

»Haselant, was willst Du denn eigentlich damit sagen, was hast Du denn

in dem längst vergangenen Gestern auf ewig verloren? so ruft Ihr mich

an, Meister, ich hör es. Ach Meister, noch einmal stelle ich mich hin

auf jene hervorragende Spitze des Geiersteins -- noch einmal breite ich

die Arme aus wie Adlersflügel, mich dort hinzuschwingen, wo ein süßer

Zauber waltete, wo jene Liebe, die nicht in Raum und Zeit bedingt, die

ewig ist, wie der Weltgeist, mir aufging in den ahnungsvollen

Himmelstönen, die die dürstende Sehnsucht selbst sind und das Verlangen.

Ich weiß es, dicht vor meiner Nase setzt sich ein Teufelskerl von

hungrigem Opponenten hin, der nur opponiert des irdischen Gerstenbrotes

halber, und fragt mich höhnisch: ob es möglich sei, daß ein Ton

dunkelblaue Augen haben könne? Ich führe den bündigsten Beweis, daß der

Ton eigentlich auch ein Blick sei, der aus einer Lichtwelt durch

zerrissene Wolkenschleier hinabstrahlet; der Opponent geht aber weiter,

und frägt nach Stirn, nach Haar, nach Mund und Lippen, nach Armen,

Händen, Füßen, und zweifelt durchaus mit hämischem Lächeln, daß ein

bloßer, purer Ton mit diesem allen begabt sein könne. -- O Gott, ich

weiß, was der Schlingel meint, nämlich nichts weiter, als daß, solange

ich ein _glebae adscriptus_ sei, wie er und die übrigen, solange wir

alle nicht bloß Sonnenstrahlen fräßen, und uns manchmal noch auf einen

andern Stuhl setzen müßten, als auf den Lehrstuhl, es mit jener ewigen

Liebe, mit jener ewigen Sehnsucht, die nichts will als sich selbst, und

von der jeder Narr zu schwatzen weiß -- Meister! ich wünschte nicht,

daß Ihr auf die Seite des hungrigen Opponenten trätet -- es würde mir

unangenehm sein. -- Und sagt selbst, könnte Euch wohl eine einzige

vernünftige Ursache dazu treiben? -- hab' ich jemals Hang gezeigt zu

trister Sekundaner Narrheit? -- Ja hab' ich, zu reifen Jahren gekommen,

mich nicht stets nüchtern zu erhalten gewußt, hab' ich etwa jemals

gewünscht ein Handschuh zu sein bloß um Julia's Wange zu küssen wie

Vetter Romeo? -- Glaubt es nur, Meister, die Leute mögen auch sagen, was

sie wollen, im Kopf trag' ich nichts als Noten, und im Gemüt und Herzen

die Klänge dazu, denn alle Teufel! wie sollt ich sonst im Stande sein,

solche manierliche, bündige Kirchenstücke zu setzen, als die Vesper es

ist, die da eben vollendet auf dem Pulte liegt. -- Doch -- schon wieder

war es um die Historie geschehen -- ich erzähle weiter.

Aus der Ferne vernahm ich den Gesang einer kräftigen Männerstimme, der

sich immer mehr und mehr näherte. Bald gewahrte ich denn auch einen

Benediktiner Geistlichen, der, auf dem Fußsteig unterwärts fortwandelnd,

einen lateinischen Hymnus sang. Nicht weit von meinem Platze stand er

still, hielt inne mit dem Singen und schaute, indem er den breiten

Reisehut vom Kopfe nahm und sich mit einem Tuch den Schweiß von der

Stirne trocknete, in der Gegend umher, dann verschwand er ins Gebüsch.

Mir kam die Lust an, mich zu ihm zu gesellen, der Mann war mehr als

wohlgenährt, die Sonne brannte stärker und stärker, und so konnt' ich

wohl denken, daß er ein Ruheplätzchen gesucht haben würde im Schatten.

Ich hatte mich nicht geirrt, denn in das Gebüsch tretend, erblickte ich

den ehrwürdigen Herrn, der sich auf einen dickbemoosten Stein

niedergelassen hatte. Ein höheres Felsstück dicht daneben diente ihm zum

Tisch; -- er hatte ein weißes Tuch darüber ausgebreitet, und holte eben

aus dem Reisesack Brot und gebratenes Geflügel hervor, das er mit vielem

Appetit zu bearbeiten begann: _Sed praeter omnia bibendum quid,_ so rief

er sich selbst zu und schenkte aus einer Korbflasche Wein ein in den

kleinen, silbernen Becher, den er aus der Tasche hervorgezogen. Eben

wollte er trinken, als ich mit einem »Gelobt sei Jesus Christ« zu ihm

hintrat. Mit dem Becher an den Lippen, schaute er auf, und ich

erkannte im Augenblick meinen alten, gemütlichen Freund aus der

Benediktiner-Abtei zu Kanzheim, den ehrlichen Pater und Präfectus Chori

Hilarius. In Ewigkeit! stammelte Pater Hilarius, indem er mich mit weit

aufgerissenen Augen starr anblickte. Ich dachte sogleich an meinen

Kopfputz, der mir vielleicht ein fremdes Ansehen geben mochte und

begann: O, mein sehr geliebter, würdiger Freund Hilarius, haltet mich

nicht für einen verlaufenen, vagabondierenden Hindus, auch nicht für ein

auf den Kopf gefallenes Landeskind, da ich doch nun einmal nichts

anderes bin und sein will, als Euer Intimus, der Kapellmeister Johannes

Kreisler! --

Beim heiligen Benedikt, rief Pater Hilarius freudig, ich hatte Euch

gleich erkannt, herrlicher Kompositor und angenehmer Freund, aber _per

diem_ sagt mir, wo kommt Ihr her, was ist Euch geschehen, Euch, den ich

mir _in floribus_ dachte am Hofe des Großherzogs?

Ich nahm gar keinen Anstand, dem Pater kürzlich alles zu erzählen, was

sich mit mir begeben und wie ich genötigt gewesen, dem, dem es beliebt

nach mir, wie nach einem aufgesteckten Ziel, Probeschüsse zu tun, meinen

Stockdegen in den Leib zu stoßen und wie besagter Zielschießer

wahrscheinlich ein italienischer Prinz gewesen, der Hektor geheißen, wie

mancher würdige Pirschhund. -- »Was nun beginnen, zurückkehren nach

Sieghartsweiler, oder -- ratet mir, Pater Hilarius!«

So schloß ich meine Erzählung. -- Pater Hilarius, der manches -- Hm!

-- so! -- ei! -- heiliger Benedikt -- dazwischen geworfen, sah jetzt vor

sich nieder, murmelte: _bibamus!_ und leerte den silbernen Becher auf

einen Zug.

Dann rief er lachend: in der Tat, Kapellmeister, der beste Rat, den ich

Euch fürs erste erteilen kann, ist, daß Ihr Euch fein zu mir hersetzt

und mit mir frühstückt. Ich kann Euch diese Feldhühner empfehlen, erst

gestern schoß sie unser ehrwürdiger Bruder Macarius, der, wie Ihr Euch

wohl erinnert, alles trifft, nur nicht die Noten in den Responsorien,

und wenn Ihr den Kräuteressig vorschmeckt, mit dem sie angefeuchtet, so

verdankt Ihr das der Sorgfalt des Bruders Eusebius der sie selbst

gebraten mir zuliebe. Was aber den Wein betrifft, so ist er wert, die

Zunge eines landflüchtigen Kapellmeisters zu netzen. Echter Bocksbeutel,

_carissime_ Johannes, echter Bocksbeutel aus dem St. Johannis-Hospital zu

Würzburg, den wir, unwürdige Diener des Herrn, erhalten in bester

Qualität. -- _Ergo bibamus!_

Damit schenkte er den Becher voll und reichte ihn mir hin. -- Ich ließ

mich nicht nötigen, ich trank und aß, wie einer, der solcher Stärkung

bedarf.

Pater Hilarius hatte den anmutigsten Platz gewählt, um sein Frühstück

einzunehmen. Ein dichtes Birkengebüsch beschattete den blumigten Rasen

des Bodens, und der kristallhelle Waldbach, der über hervorragendes

Gestein plätscherte, vermehrte noch die erfrischende Kühle. Die

einsiedlerische Heimlichkeit des Orts erfüllte mich mit Wohlbehagen und

Ruhe, und während Pater Hilarius mir von allem erzählte, was sich seit

der Zeit in der Abtei begeben, wobei er nicht vergaß, seine gewöhnlichen

Schwänke und sein hübsches Küchenlatein einzumischen, horchte ich auf

die Stimmen des Waldes, der Gewässer, die zu mir sprachen in tröstenden

Melodien.

Pater Hilarius mochte mein Schweigen der bittern Sorge zuschreiben, die

mir das Geschehene verursachte.

»Seid guten Muts, Kapellmeister!« begann er, indem er mir den aufs Neue

gefüllten Becher hinreichte, »Ihr habt Blut vergossen, das ist wahr, und

Blutvergießen ist Sünde, doch _distinguendum est inter et inter_. -- Jedem

ist sein Leben das Liebste, er hat es nur einmal. Ihr habt das Eurige

verteidigt, und das verbietet die Kirche keinesweges, wie sattsam zu

erweisen, und weder unser hochwürdiger Herr Abt, noch irgendein anderer

Diener des Herrn, wird Euch die Absolution versagen, seid Ihr auch

unversehens in fürstliche Eingeweide gefahren. -- _Ergo bibamus! Vir

sapiens non te abhorrebit Domine!_ -- Aber teuerster Kreisler, kehrt Ihr

zurück nach Sieghartsweiler, so wird man Euch garstig befragen über das

_cur, quomodo, quando, ubi_ und wollt Ihr den Prinzen des mörderischen

Angriffs zeihen, wird man Euch glauben? _Ibi iacet lepus in pipere!_

-- Aber seht, Kapellmeister, wie -- doch, _bibendum quid!_ -- Er leerte den

vollgeschenkten Becher und fuhr dann fort: Ja seht, Kapellmeister, wie

der gute Rat kommt mit dem Bocksbeutel. -- Erfahrt, daß ich mich eben

zum Kloster Allerheiligen begeben wollte, um mir von dem dortigen

Präfektus Chori Musik zu holen zu den nächsten Festen. Ich habe die

Kasten schon zwei-, dreimal umgekehrt; es ist alles alt und verbraucht,

und was die Musik betrifft, die Ihr uns komponiert habt während Eures

Aufenthalts in der Abtei, ja, die ist gar schön und neu, aber -- nehmt

mir es nicht übel, Kapellmeister, so auf kuriose Weise gesetzt, daß man

keinen Blick wenden darf von der Partitur. Will man nur ein bißchen

durchs Gitter schielen nach dieser, jener hübschen Dirne unten im

Schiff, gleich hat man einen Halt verfehlt oder sonst was und schlägt

einen falschen Takt und schmeißt das Ganze um. -- Pump, da liegt's und

Di--di--Diedel, diedel greift Bruder Jakob in die Orgeltasten! -- _ad

patibulum cum illis_ -- Ich durfte also -- doch _bibamus!_ --

Nachdem wir beide getrunken, floß der Strom der Rede also weiter:

_Desunt_ die nicht da sind und die nicht da sind, können nicht gefragt

werden, ich dächte daher, Ihr wandertet sogleich mit mir zurück nach der

Abtei, die, schlägt man Richtwege ein, kaum zwei Stunden von hier

entfernt ist. In der Abtei seid Ihr gesichert gegen alle Nachstellungen,

_contra hostium insidias,_ ich bringe Euch hin, als lebendige Musik und

Ihr bleibt da, solange es Euch gefällt oder solange Ihr es geraten

findet. Der hochwürdige Herr Abt versorgt Euch mit allem Nötigen. Ihr

kleidet Euch in die feinste Wäsche und zieht das Benediktinergewand

darüber, das Euch sehr wohl stehen wird. Aber damit Ihr nicht unterwegs

ausseht wie der wundgeschlagene auf dem Bilde vom mitleidigen Samariter,

so setzt meinen Reisehut auf, ich werde mir die Kapuze schon über die

Glatze ziehn. -- _Bibendum quid,_ Liebster!

Damit leerte er den Becher noch einmal, schwenkte ihn aus im nahen

Waldbach, packte alles schnell in seinen Reisesack, drückte mir seinen

Hut auf die Stirne und rief ganz fröhlich: Kapellmeister, wir dürfen nur

ganz langsam und bequem einen Fuß vor den andern setzen und kommen doch

gerade an, wenn sie läuten _ad conventum conventuales,_ d. h. wenn der

hochwürdige Herr Abt sich zu Tische setzt.

Ihr dürft wohl denken, lieber Meister, daß ich gegen den Vorschlag des

fröhlichen Paters Hilarius nicht das mindeste einzuwenden hatte, daß es

mir vielmehr gar willkommen sein mußte, mich an einen Ort zu begeben,

der mir in so mancher Hinsicht ein wohltätiges Asyl werden konnte.

Wir schritten gemächlich fort unter allerlei Gesprächen und langten so,

wie Pater Hilarius es gewollt, in der Abtei an, als man gerade die

Tischglocke läutete.

Um vorderhand allen Fragen zuvorzukommen, sagte Pater Hilarius dem Abt,

daß, da er zufällig erfahren, wie ich mich in Sieghartsweiler aufhalte,

er es vorgezogen, statt der Musik aus dem Kloster Allerheiligen, lieber

den Komponisten zu holen, der ja ein ganzes unerschöpfliches Magazin von

Musik in sich trage.

Der Abt Chrysostomus (mich dünkt, ich hätte Euch schon viel von ihm

erzählt) empfing mich mit jener gemütlichen Freude, die nur wahrhaft

guter Gesinnung eigen, und lobte den Entschluß des Paters Hilarius. --

Seht mich nun, Meister Abraham, wie ich, umgeschaffen zum passablen

Benediktinermönch, in einem hohen, geräumigen Zimmer des Hauptgebäudes

der Abtei, sitze und emsig Vespern und Hymnen ausarbeite, ja wie ich

schon mitunter Gedanken notiere zu einem feierlichen Hochamt -- wie sich

die singenden und spielenden Brüder, die Chorknaben versammeln, wie ich

emsig Proben halte, wie ich hinter dem Gitter des Chors dirigiere! In

der Tat, so vergraben fühle ich mich in diese Einsamkeit, daß ich mich

mit Tartini vergleichen möchte, der, die Rache des Kardinals Cornaro

fürchtend, in das Minoritenkloster zu Assisi floh, wo ihn endlich nach

Jahren ein Paduaner entdeckte, der sich in der Kirche befand und den

verlornen Freund auf dem Chore erblickte, als ein Windstoß den Vorhang,

der das Orchester verhüllte, einige Augenblicke aufhob. -- Es hätte Euch

selbst, Meister! so mit mir gehen können, wie jenem Paduaner, aber ich

mußte Euch ja doch sagen, wo ich geblieben, Ihr könntet sonst wunder

gedacht haben, was aus mir geworden. -- Hat man vielleicht meinen Hut

gefunden und sich gewundert, daß ihm der Kopf abhanden gekommen?

-- Meister! Eine besondere, wohltätige Ruhe ist in mein Inneres gekommen;

sollte ich vielleicht hier am Ankerplatz gelandet sein? Als ich neulich

an dem kleinen See, der in der Mitte des weitläuftigen Gartens der Abtei

liegt, wandelte, und mein Bild neben mir wandelnd im See erblickte, da

sprach ich: der Mensch, der da unten neben mir hergeht, das ist ein

ruhiger, besonnener Mensch, der nicht mehr wild umherschwirrend in vagen

unbegrenzten Räumen, die gefundene Bahn fest hält, und es ist ein Glück

für mich, daß der Mensch kein anderer ist, als ich selbst. -- Aus einem

andern See schaute mich einst ein fataler Doppelgänger an. Doch still

-- still von dem allen. -- Meister, nennt mir keinen Namen -- erzählt mir

nichts -- auch nicht einmal, wen ich gespießt. -- Aber von Euch selbst

schreibt mir viel. -- Die Brüder kommen zur Probe, ich schließe mein

historisches Kapitel und zugleich meinen Brief. Lebt wohl, mein guter

Meister, und gedenkt meiner! &c. &c. &c. &c.

-- In den fernen, wild verwachsenen Gängen des Parks einsam wandelnd,

bedachte Meister Abraham das Schicksal des geliebten Freundes und wie er

ihn, kaum wiedergewonnen, auf's Neue verloren. Er sah den Knaben

Johannes, sich selbst in Göniösmühl vor dem Flügel des alten Onkels, der

Kleine hämmerte mit stolzem Blick Sebastian Bachs schwerste Sonaten

herunter, mit beinahe männlicher Faust, er steckte ihm dafür eine Tüte

Zuckerwerk heimlich in die Tasche. -- Es war ihm, als sei dies erst

wenige Tage her und er mußte sich verwundern, daß der Knabe eben kein

anderer als der Kreisler, der in ein wunderliches, launenhaftes Spiel

geheimnisvoller Verhältnisse verflochten schien. Aber mit dem Gedanken

an jene vergangene Zeit, an die verhängnisvolle Gegenwart, stieg das

Bild seines eigenen Lebens vor ihm auf.

Sein Vater, ein strenger, eigensinniger Mann, hatte ihn beinahe mit

Zwang zu der Kunst des Orgelbaues angehalten, die er selbst trieb, wie

ein gewöhnliches rohes Handwerk. Er litt nicht, daß irgendein anderer,

als der Orgelbauer selbst Hand anlege an das Werk, und so mußten die

Lehrlinge geübte Tischler, Zinngießer usw. werden, ehe sie zu der innern

Mechanik gelangten. -- Genauigkeit, Dauerhaftigkeit, gute Spielart des

Werks galt dem Alten für alles; für die Seele, für den Ton hatte er

keinen Sinn, und merkwürdig genug sprach sich dies aus in den Orgeln,

die er baute und denen man mit Recht, einen harten, spitzen Klang

vorwarf. Nächstdem war der Alte den kindischen Künsteleien verjährter

Zeit ganz und gar ergeben. So hatte er an einer Orgel die Könige David

und Salomo angebracht, die während des Spiels wie vor Verwunderung die

Köpfe drehten; so fehlte es keinem seiner Werke an paukenden,

posaunenden, taktierenden Engeln, mit den Flügeln schlagenden, krähenden

Hähnen u. s. w. Abraham konnte oft verdienten oder nicht verdienten

Schlägen nicht anders entgehen und dem Alten eine Äußerung väterlicher

Freude entlocken, als wenn er vermöge eigner Erfindungsgabe irgendeine

neue Künstelei, etwa ein schärfer tönendes Kikeriki, herausgebracht für

den nächsten Orgelhahn. Mit angstvoller Sehnsucht hatte Abraham die Zeit

herbeigewünscht, in der er dem Handwerks-Gebrauch gemäß auf die

Wanderschaft gehen sollte. Endlich kam diese Zeit heran und Abraham

verließ das väterliche Haus, um nie wieder zurückzukehren.

Auf dieser Wanderung, die er in Gemeinschaft mit andern Gesellen,

meistens wüsten, rohen Burschen, unternahm, sprach er einst ein in der

Abtei St. Blasius, die im Schwarzwalde belegen und hörte dort das

berühmte Orgelwerk des alten Johannes Andreas Silbermann. In den vollen,

herrlichen Tönen dieses Werks ging zum erstenmal der Zauber des

Wohllauts auf in seinem Innern, er fühlte sich in eine andere Welt

versetzt, und von dem Augenblick an war er ganz Liebe für eine Kunst,

die er sonst mit Widerwillen treiben müssen. -- Nun kam ihm aber auch

sein ganzes Leben in der Umgebung, wie er es bis jetzt geführt hatte, so

nichtswürdig vor, daß er alle Kraft aufbot sich herauszureißen aus dem

Schlamm, in den er sich versunken glaubte. -- Sein natürlicher Verstand,

seine Fassungsgabe ließen ihn in der wissenschaftlichen Bildung

Riesenschritte machen und doch -- fühlte er oft die Bleigewichte, die die

frühere Erziehung, das Forttreiben in der Gemeinheit ihm angehängt.

-- Chiara, die Verbindung mit diesem seltsamen, geheimnisvollen Wesen,

das war der zweite Lichtpunkt in seinem Leben, und so bildete beides,

jenes Erwachen des Wohllauts und Chiaras Liebe einen Dualismus seines

poetischen Seins, der wohltätig hineinwirkte in seine rohe aber kräftige

Natur. -- Kaum den Herbergen, kaum den Schenken, wo im dicken

Tabaksqualm Zotenlieder ertönten, entronnen, brachte der Zufall oder

vielmehr die Geschicklichkeit in mechanischen Künsteleien, denen er den

Anstrich des Geheimnisses zu geben wußte (wie der geneigte Leser schon

erfahren) den jungen Abraham in Umgebungen, die ihm eine neue Welt sein

mußten, und in denen er, ewig Fremdling bleibend, sich nur dadurch

aufrecht erhielt, daß er den festen Ton behauptete, den seine innere

Natur ihm angegeben. Dieser feste Ton wurde mit der Zeit immer fester,

und da er keinesweges der eines simplen Grobians, sondern auf klaren,

gesunden Menschenverstand, richtiger Lebensansicht, und daraus sich

erzeugendem treffenden Spott basiert war, so konnt es nicht fehlen, daß

da, wo der Jüngling sich nur aufrecht erhalten und toleriert worden, der

Mann als ein zu fürchtendes Prinzip großen Respekt einflößte. Es ist

nichts leichter, als gewissen vornehmen Leuten zu imponieren, die immer

noch weiter unter dem stehen, wofür man sie etwa halten möchte. Daran

dachte nun Meister Abraham eben in dem Augenblick, als er von seinem

Spaziergange wieder an das Fischerhäuschen gekommen, und schlug eine

laute, herzliche Lache auf, die Luft machte seiner gepreßten Brust.

Zur innigsten Wehmut, die ihm sonst wohl gar nicht eigen, hatte den

Meister nämlich das lebhafte Andenken an den Moment in der Kirche der

Abtei St. Blasius gestimmt. »Warum blutet eben die Wunde jetzt so

häufig, die ich längst verharscht glaubte,« sprach er zu sich selbst,

»warum hänge ich jetzt leeren Träumereien nach, da es mir scheint, als

müsse ich tätig eingreifen in das Maschinenwerk, das ein böser Geist

falsch zu treiben scheint!« -- Der Meister fühlte sich beängstigt durch

den Gedanken, daß er, selbst wußte er nicht wodurch, in seinem

eigentümlichsten Tun und Treiben sich gefährdet sah, bis, wie gesagt, er

im Ideengange auf die vornehmen Leute kam, über die er lachte und

augenblicklich merkliche Linderung verspürte.

Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern · 第 23 / 27 题