Wie höchst fatal müßt' es --

=(Mak. Bl.)= -- nur der kleinen rotwangigen Hofdame gelten, die Kreisler

bei der Benzon gesehen. Tun Sie mir, sprach die Prinzessin, den

Gefallen, Nannette, gehen Sie selbst herab, und sorgen Sie, daß man die

Nelkenstöcke in meinen Pavillon trage, die Leute sind saumselig genug,

um nichts auszurichten. -- Das Fräulein sprang auf, verbeugte sich sehr

zeremoniös, flog dann aber schnell zum Zimmer heraus, wie ein Vogel, dem

man den Käfig geöffnet.

Ich kann, wandte sich die Prinzessin zum Kreisler, nun einmal nichts

herausbringen, wenn ich nicht mit dem Lehrer allein bin! der den

Beichtvater vorstellt, dem man ohne Scheu alle Sünden vertrauen kann.

Überhaupt werden Sie, lieber Kreisler, die steife Etikette bei uns

seltsam, werden es lästig finden, daß ich überall von Hofdamen umgeben,

gehütet werde wie die Königin von Spanien. -- Wenigstens sollte man hier

in dem schönen Sieghartshof mehr Freiheit genießen. Wäre der Fürst im

Schlosse, ich hätte Nannette nicht fortschicken dürfen, die sich selbst

bei unseren musikalischen Studien ebensosehr langeweilt, als sie mich

geniert. -- Fangen wir noch einmal an, jetzt wird es besser gehen.

-- Kreisler, bei dem Unterricht die Geduld selbst, begann das

Gesangstück, welches die Prinzessin einzustudieren unternommen, von

neuem, aber so sichtlich Hedwiga sich auch mühte, so viel Kreisler auch

einhelfen mochte, sie verirrte sich in Takt und Ton, sie machte Fehler

über Fehler, bis sie glutrot im ganzen Gesicht aufsprang, an das Fenster

lief, und hinausschaute in den Park. Kreisler glaubte zu bemerken, daß

die Prinzessin heftig weine, und fand seinen ersten Unterricht, den

ganzen Auftritt, etwas peinlich. Was konnte er Bessers tun, als

versuchen, ob der feindliche, unmusikalische Geist, der die Prinzessin

zu verstören schiene, sich nicht bannen lasse eben durch Musik. Er ließ

daher allerlei angenehme Melodien fortströmen, variierte die

bekanntesten Lieblingslieder in kontrapunktischen Wendungen und

melismatischen Schnörkeln, so daß er zuletzt sich selbst darüber

wunderte, wie er so charmant den Flügel zu spielen verstehe, und die

Prinzessin vergaß, samt ihrer Arie, und ihrer rücksichtslosen Ungeduld.

»Wie herrlich doch der Geierstein in der leuchtenden Abendsonne steht«,

sprach die Prinzessin, ohne sich umzuwenden.

Kreisler war eben in einer Dissonanz begriffen, natürlicherweise mußte

er diese auflösen, und konnte daher nicht mit der Prinzessin den

Geierstein und die Abendsonne bewundern. »Gibt's wohl einen reizendern

Aufenthalt weit und breit, als unser Sieghartshof?« sprach Hedwiga

lauter und stärker als vorher. -- Nun mußte Kreisler wohl, nachdem er

einen tüchtigen Schlußakkord angeschlagen, zu der Prinzessin an das

Fenster treten, der Aufforderung zum Gespräch höflich genügend.

In der Tat, gnädigste Prinzessin, sprach der Kapellmeister, der Park ist

herrlich, und ganz besonders ist es mir lieb, daß sämtliche Bäume grünes

Laub tragen, welches ich überhaupt an allen Bäumen, Sträuchern und

Gräsern sehr bewundere und verehre, und jeden Frühling dem Allmächtigen

danke, daß es wieder grün worden und nicht rot, welches in jeder

Landschaft zu tadeln, und bei den besten Landschaften, wie z. B. Claude

Lorrain oder Berghem, ja selbst bei Hackert, der bloß seine Wiesengründe

was weniges pudert, nirgends zu finden.

Kreisler wollte weiter reden, als er aber in dem kleinen Spiegel, der

zur Seite des Fensters angebracht, der Prinzessin totbleiches, seltsam

verstörtes Antlitz erblickte, verstummte er vor dem Schauer, der sein

Inneres durcheiste.

Die Prinzessin unterbrach endlich das Schweigen, indem sie, ohne sich

umzuwenden, immerfort hinausschauend, mit dem rührenden Ton der tiefsten

Wehmut sprach: Kreisler, das Schicksal will es nun einmal, daß ich Ihnen

überall wie von seltsamen Einbildungen geplagt -- aufgeregt, ich möchte

sagen, albern, erscheine, daß ich Ihnen Stoff darbieten soll, Ihren

schneidenden Humor an mir zu üben. Es ist Zeit, Ihnen zu erklären, daß,

und warum Sie es sind, dessen Anblick mich in einen Zustand versetzt,

der dem nervenerschütternden Anfall eines heftigen Fiebers zu

vergleichen. Erfahren Sie alles! Ein offnes Geständnis wird meine Brust

erleichtern, und nur die Möglichkeit verschaffen, Ihren Anblick, Ihre

Gegenwart zu ertragen. -- Als ich Sie zum erstenmale dort im Park

antraf, da erfüllten Sie, da erfüllte Ihr ganzes Betragen, mich mit dem

tiefsten Entsetzen, selbst wußte ich nicht warum! -- aber es war eine

Erinnerung aus meinen frühsten Kinderjahren, die plötzlich mit all'

ihrem Schrecken in mir aufstieg, und die sich erst später in einem

seltsamen Traume deutlich gestaltete. An unserm Hofe befand sich ein

Maler, Ettlinger geheißen, den Fürst und Fürstin sehr hoch hielten, da

sein Talent wunderbar zu nennen. Sie finden auf der Galerie

vortreffliche Gemälde von seiner Hand, auf allen erblicken Sie die

Fürstin, in dieser, jener Gestalt, in der historischen Gruppe

angebracht. Das schönste Gemälde, daß die höchste Bewunderung aller

Kenner erregt, hängt aber in dem Kabinet des Fürsten. Es ist das Porträt

der Fürstin, die er, als sie in der höchsten Blüte der Jugend stand,

ohne daß sie ihm jemals gesessen, so ähnlich malte, als habe er das Bild

aus dem Spiegel gestohlen. Leonhard, so wurde der Maler mit seinem

Vornamen am Hofe genannt, muß ein milder guter Mensch gewesen sein. Alle

Liebe, deren meine kindische Brust fähig, ich mochte kaum drei Jahre alt

sein, hatte ich ihm zugewandt, ich wollte, er sollte mich nie verlassen.

Aber unermüdlich spielte er auch mit mir, malte mir kleine bunte Bilder,

schnitt mir allerlei Figuren aus. Plötzlich, es mochte ein Jahr

vergangen sein, blieb er aus. Die Frau, der meine erste Erziehung

anvertraut, sagte mir mit Tränen in den Augen, Herr Leonhard sei

gestorben. Ich war untröstlich, ich mochte nicht mehr in dem Zimmer

bleiben, wo Leonhard mit mir gespielt. So wie ich nur konnte,

entschlüpfte ich meiner Erzieherin, den Kammerfrauen, lief im Schlosse

umher, rief laut den Namen: Leonhard! Denn immer glaubt' ich, es sei

nicht wahr, daß er gestorben, und er sei irgendwo im Schlosse versteckt.

So begab es sich, daß ich auch an einem Abend, als die Erzieherin sich

nur auf einen Augenblick entfernt, mich aus dem Zimmer schlich, um die

Fürstin aufzusuchen. Die sollte mir sagen, wo Herr Leonhard sei, und mir

ihn wiederschaffen. Die Türen des Korridors standen offen, und so

gelangte ich wirklich zur Haupttreppe, die ich hinauflief, und oben, auf

gut Glück, in das erste geöffnete Zimmer trat. Als ich mich nun

umschaute, wurde die Türe, die, wie ich meinte, in die Gemächer der

Fürstin führen mußte, und an die ich zu pochen im Begriff stand, heftig

aufgestoßen, und hinein stürzte ein Mensch in zerrissenen Kleidern, mit

verwildertem Haar. Es war Leonhard, der mich mit fürchterlich funkelnden

Augen anstarrte. Totenbleich, eingefallen, kaum wiederzuerkennen, war

sein Antlitz. Ach, Herr Leonhard, rief ich, wie siehst Du aus, warum

bist Du so blaß, warum hast Du solche glühende Augen, warum starrst Du

mich so an? -- Ich fürchte mich vor Dir! -- O sei doch gut, wie sonst

-- male mir wieder hübsche bunte Bilder!« -- da sprang Leonhard mit einem

wilden wiehernden Gelächter auf mich los, -- eine Kette, die um den Leib

befestigt schien, klirrte ihm nach -- kauerte nieder auf den Boden,

sprach mit heiserer Stimme: »Ha ha, kleine Prinzeß, -- bunte Bilder?

-- ja nun kann ich erst recht malen, malen -- nun will ich Dir ein Bild

malen und Deine schöne Mutter! nicht wahr, Du hast eine schöne Mutter?

-- Aber bitte sie, daß sie mich nicht wieder verwandelt -- ich will

nicht der elende Mensch Leonhard Ettlinger sein -- der ist längst

gestorben. Ich bin der rote Geier und kann malen, wenn ich

Farbenstrahlen gespeist! -- ja malen kann ich, wenn ich heißes Herzblut

habe zum Firnis -- und Dein Herzblut brauche ich, kleine Prinzeß!« -- Und

damit faßte er mich, riß mich an sich, entblößte mir den Hals, mir

war's, als sähe ich ein kleines Messer in seiner Hand blinken. Auf das

durchdringende Angstgeschrei, das ich ausstieß, stürzten Diener hinein,

und warfen sich her über den Wahnsinnigen. Der schlug sie aber mit

Riesenkraft zu Boden. In demselben Augenblick polterte und klirrte es

aber die Treppe herauf, ein großer, starker Mann sprang hinein mit dem

lauten Ausruf: »Jesus, er ist mir entsprungen! Jesus, das Unglück!

-- Warte, warte, Höllenkerl!« -- Sowie der Wahnsinnige diesen Mann

gewahrte, schienen ihn plötzlich alle Kräfte zu verlassen, heulend

stürzte er zu Boden. Man legte ihm die Ketten an, die der Mann

mitgebracht, man führte ihn fort, indem er entsetzliche Töne ausstieß,

wie ein gefesseltes, wildes Tier.

Sie mögen sich es denken, mit welcher verstörenden Gewalt dieser

entsetzliche Auftritt das vierjährige Kind erfassen mußte. Man versuchte

mich zu trösten, mir begreiflich zu machen, was wahnsinnig sei. Ohne

dies ganz zu verstehen, ging doch ein tiefes, namenloses Grausen durch

mein Inneres, das noch jetzt wiederkehrt, wenn ich einen Wahnsinnigen

erblicke, ja wenn ich nur an den fürchterlichen Zustand denke, der einer

fortgesetzten ununterbrochenen Todesqual zu vergleichen. -- Jenem

Unglücklichen sehen Sie ähnlich, Kreisler, als wären Sie sein Bruder.

Vorzüglich erinnert mich Ihr Blick, den ich oft seltsam nennen möchte,

nur zu lebhaft an Leonhard, und dies ist es, was mich, als ich Sie zum

erstenmal erblickte, außer Fassung brachte, was mich noch jetzt in Ihrer

Gegenwart beunruhigt, beängstigt! -- --

Kreisler stand da, tief erschüttert, keines Wortes mächtig. Von je her

hatte er die fixe Idee, daß der Wahnsinn auf ihn lauere, wie ein nach

Beute lechzendes Raubtier, und ihn einmal plötzlich zerfleischen werde;

er erbebte nun in demselben Grausen, das die Prinzessin bei seinem

Anblick erfaßt, vor sich selbst, rang mit dem schauerlichen Gedanken,

daß er es gewesen, der die Prinzessin in der Raserei ermorden wollen.

Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr die Prinzessin fort: Der

unglückliche Leonhard liebte insgeheim meine Mutter, und diese Liebe,

schon selbst Wahnsinn, brach zuletzt aus in Wut und Raserei.

So, sprach Kreisler sehr weich und mild wie er pflegte, wenn ein Sturm

im Innern vorübergegangen, so war in Leonhards Brust nicht die Liebe des

Künstlers aufgegangen.

Was wollen Sie damit sagen, Kreisler, fragte die Prinzessin, indem sie

sich rasch umwandte.

Als ich, erwiderte Kreisler sanft lächelnd, einst in einem hinlänglich

toll lustigen Schauspiel einen Witzbold von Diener die Spielleute mit

der süßen Anrede beehren hörte: »Ihr guten Leute und schlechten

Musikanten«, teilte ich, wie der Weltenrichter, flugs alles Menschenvolk

in zwei verschiedene Haufen, einer davon bestand aber aus den guten

Leuten, die schlechte, oder vielmehr gar keine Musikanten sind, der

andere aber aus den eigentlichen Musikanten. Doch niemand sollte

verdammt, sondern alle sollten selig werden, wiewohl auf verschiedene

Weise. -- Die guten Leute verlieben sich leichtlich in ein paar schöne

Augen, strecken beide Arme aus nach der angenehmen Person, aus deren

Antlitz besagte Augen strahlen, schließen die Holde ein in Kreise, die,

immer enger und enger werdend, zuletzt zusammenschrumpfen zum Trauring,

den sie der Geliebten an den Finger stecken als _pars pro toto_ -- Sie

verstehen einiges Latein, gnädigste Prinzeß -- als _pars pro toto_ sag'

ich, als Glied der Kette, an der sie die in Liebeshaft Genommene

heimführen in das Ehestandsgefängnis. Dabei schreien Sie denn ungemein:

O Gott! -- oder o Himmel! oder, sind sie der Astronomie ergeben, o ihr

Sterne! oder haben sie Inklination zum Heidentum, o all' ihr Götter! sie

ist mein, die Schönste, all' mein sehnend Hoffen erfüllt! -- Also

lärmend, gedenken die guten Leute es nachzumachen den Musikanten, jedoch

vergebens, da es mit der Liebe dieser durchaus sich anders verhält. -- Es

begibt sich wohl, daß besagten Musikanten unsichtbare Hände urplötzlich

den Flor wegziehen, der ihre Augen verhüllte, und sie erschauen, auf

Erden wandelnd, das Engelsbild, das, ein süßes unerforschtes Geheimnis,

schweigend ruhte in ihrer Brust. Und nun lodert auf in reinem

Himmelsfeuer, das nur leuchtet und wärmt, ohne mit verderblichen Flammen

zu vernichten, alles Entzücken, alle namenlose Wonne des höheren aus dem

Innersten emporkeimenden Lebens, und tausend Fühlhörner streckt der

Geist aus in brünstigem Verlangen, und umnetzt die, die er geschaut, und

hat sie, und hat sie nie, da die Sehnsucht ewig dürstend fortlebt! --

Und =sie, sie= selbst ist es, die Herrliche, die, zum Leben gestaltete

Ahnung, aus der Seele des Künstlers hervorleuchtet als Gesang -- Bild --

Gedicht! -- Ach, Gnädigste, glauben Sie mir, sein Sie überzeugt, daß

wahre Musikanten, die mit ihren leiblichen Armen und den daran

gewachsenen Händen nichts tun, als passabel musizieren, sei es nun mit

der Feder, mit dem Pinsel oder sonst, in der Tat nach der wahrhaften

Geliebten nichts ausstrecken, als geistige Fühlhörner, an denen weder

Hand noch Finger befindlich, die mit konvenabler Zierlichkeit einen

Trauring erfassen und anstecken könnten an den kleinen Finger der

Angebeteten; schnöde Mesalliancen sind daher durchaus nicht zu

befürchten, und scheint ziemlich gleichgültig, ob die Geliebte, die in

dem Innern des Künstlers lebt, eine Fürstin ist oder eine

Bäckerstochter, insofern letztere nur keine Eule. Besagte Musikanten

schaffen, sind sie in Liebe gekommen, mit der Begeisterung des Himmels,

herrliche Werke und sterben weder elendiglich dahin an der Schwindsucht,

noch werden sie wahnsinnig. Sehr verdenke ich es daher dem Herrn

Leonhard Ettlinger, daß er in einige Raserei verfiel, er hätte, nach der

Art echter Musikanten, die durchlauchtige Frau Fürstin ohne allen

Nachteil lieben können, wie er nur wollte!

Die humoristischen Töne, die der Kapellmeister anschlug, gingen bei dem

Ohr der Prinzessin vorüber, unvernommen oder übertönt von dem Nachhall

der Saite, die er berührt, und die, in der weiblichen Brust schärfer

gespannt, stärker vibrieren mußte als alle übrigen.

»Die Liebe des Künstlers, sprach sie, indem sie niedersank in den

Lehnstuhl und wie im Nachsinnen den Kopf auf die Hand stützte, die Liebe

des Künstlers! -- so geliebt zu werden! -- o es ist ein schöner

herrlicher Traum des Himmels -- nur ein Traum, ein leerer Traum.« --

Sie scheinen, nahm Kreisler das Wort, Gnädigste, für Träume eben nicht

sehr portiert, und doch sind es lediglich die Träume, in denen uns recht

die Schmetterlingsflügel wachsen, so daß wir dem engsten, festesten

Kerker zu entfliehen, uns bunt und glänzend in die hohen, in die

höchsten Lüfte zu erheben vermögen. Jeder Mensch hat doch am Ende einen

angebornen Hang zum Fliegen, und ich habe ernste honette Leute gekannt,

die am späten Abend sich bloß mit Champagner, als einem dienlichen Gas,

füllten um in der Nacht, Luftballon und Passagier zugleich, aufsteigen

zu können. --

Sich so geliebt zu wissen, wiederholte die Prinzessin noch bewegter als

vorher.

Und, sprach, als die Prinzessin schwieg, Kreisler weiter, was die Liebe

des Künstlers betrifft, wie ich sie zu schildern mich bemüht, so haben

Sie, Gnädigste! freilich das böse Beispiel des Herrn Leonhard Ettlinger

vor Augen, der Musikant war, und lieben wollte wie die guten Leute,

worüber sein schöner Verstand freilich etwas wacklicht werden konnte,

aber eben deshalb mein ich, war Herrn Leonhard kein echter Musikant.

Diese tragen die erkorne Dame im Herzen und wollen nichts als ihr zu

Ehren singen, dichten, malen, und sind in der vorzüglichsten Courtoisie

den galanten Rittern zu vergleichen, ja was unschuldsvolle Gesinnung

betrifft, ihnen vorzuziehen, da sie nicht verfahren wie sonst diese, die

blutdürstiger Weise, waren nicht gleich Riesen, Drachen bei der Hand,

die schätzbarsten Leute niederstreckten in den Staub, um der Herzensdame

zu huldigen! --

Nein, rief die Prinzessin, wie erwachend aus einem Traum, es ist

unmöglich, daß in der Brust des Mannes ein solch reines Vestas Feuer

sich entzünden sollte! -- Was ist die Liebe des Mannes anders, als die

verräterische Waffe, die er gebraucht, einen Sieg zu feiern, der das

Weib verdirbt, ohne ihn zu beglücken.

Kreisler wollte sich eben über solche absonderlichen Gesinnungen einer

siebzehn-, achtzehnjährigen Prinzessin höchlich verwundern, als die

Türe aufging, und Prinz Ignatius hineintrat.

Der Kapellmeister war froh, ein Gespräch zu enden, das er sehr gut mit

einem wohleingerichteten Duett verglich, in dem jede Stimme ihrem

eigentümlichen Charakter getreu bleiben muß. Während die Prinzessin, so

behauptete er, im wehmütigen Adagio beharrt, und nur hie und da einen

Mordent, einen Pralltriller angebracht, sei er als ein vorzüglicher

Buffo und erzkomischer Chanteur mit einer ganzen Legion kurzer Noten

parlando dazwischengefahren, so daß er, da das Ganze ein wahres

Meisterstück der Komposition und der Ausführung zu nennen, nichts weiter

gewünscht, als der Prinzessin und sich selbst zuhören zu können aus

irgendeiner Loge oder einem schicklichen Sperrsitz.

Also Prinz Ignatius trat hinein mit einer zerbrochenen Tasse in der

Hand, schluchzend und weinend.

Es ist nötig, zu sagen, daß der Prinz, unerachtet hoch in die zwanzig,

doch sich noch immer nicht von den Lieblingsspielen der Kinderjahre

trennen konnte. Ganz vorzüglich liebte er schöne Tassen, mit denen er

stundenlang in der Art spielen konnte, daß er sie in Reihen vor sich

hinstellte auf den Tisch, und diese Reihen immer anders und anders

ordnete, so daß bald die gelbe Tasse neben der roten, dann die grüne bei

der roten usw. stehen mußte. Dabei freute er sich so innig, so herzlich,

wie ein frohes zufriedenes Kind.

Das Unglück, worüber er jetzt lamentierte, bestand darin, daß ihm der

kleine Mops unversehens auf den Tisch gesprungen war, und die schönste

der Tassen herabgeworfen hatte.

Die Prinzessin versprach, dafür zu sorgen, daß er eine Mundtasse im

neuesten Geschmack aus Paris erhalten solle. Da gab er sich zufrieden,

und lächelte mit dem ganzen Gesicht. Jetzt erst schien er den

Kapellmeister zu bemerken. Er wandte sich zu ihm mit der Frage, ob er

auch viele schöne Tassen besitze. Kreisler wußte schon, von Meister

Abraham hatte er es erfahren, was man darauf zu antworten. Er

versicherte nämlich, daß er keineswegs solche schöne Tassen besitze, wie

der gnädigste Herr, und daß es ihm auch ganz unmöglich sei, so viel Geld

darauf zu verwenden, als der gnädige Herr es tue.

Sehn Sie wohl, erwiderte Ignaz sehr vergnügt, ich bin ein Prinz und

kann deshalb schöne Tassen haben, wie ich nur mag, aber das können Sie

nicht, weil Sie kein Prinz sind, denn weil ich nun einmal ganz gewiß ein

Prinz bin, so sind schöne Tassen --. Tassen und Prinzen, und Prinzen und

Tassen gingen nun durcheinander in immer mehr verwirrter Rede, und dabei

lachte und hüpfte Ignatius und klopfte in die Hände vor seligem

Vergnügen! -- Hedwiga schlug errötend die Augen nieder, sie schämte sich

des imbezillen Bruders, sie fürchtete mit Unrecht Kreisler's Spott, dem

nach seiner innersten Gemütsstimmung, des Prinzen Albernheit, als ein

Zustand des wirklichen Wahnsinnes, nur ein Mitleid erregte, das eben

nicht wohltun konnte, vielmehr die Spannung des Augenblicks vermehren

mußte. Um den armen nur abzubringen von den unseligen Tassen, bat die

Prinzessin ihn, die kleine Handbibliothek in Ordnung zu bringen, die in

einem zierlichen Wandschrank aufgestellt war. Ganz vergnügt, unter

fröhlichem Gelächter, begann der Prinz sogleich die sauber gebundenen

Bücher herauszunehmen, und sie, nach dem Format sorglich ordnend, so

hinzustellen, daß die goldnen Schnitte nach außen stehend eine blanke

Reihe formten, worüber er sich über alle Maßen freute.

Fräulein Nannette stürzte hinein, und rief laut: der Fürst, der Fürst

mit dem Prinzen! -- O mein Gott, sprach die Prinzessin, meine Toilette,

in der Tat, Kreisler, wir haben die Stunden verplaudert, ohne daran zu

denken. -- Ich habe mich ganz vergessen! Mich und den Fürsten und den

Prinzen. Sie verschwand mit Nannetten in das Nebengemach. Prinz Ignaz

ließ sich in seinem Geschäft gar nicht stören.

Schon rollte der Staatswagen des Fürsten heran; als Kreisler sich unten

an der Haupttreppe befand, stiegen eben die beiden Laufer in

Staatslivree aus der Wurst. -- Das muß näher erklärt werden.

Fürst Irenäus ließ nicht ab von dem alten Brauch; und so hatte er zur

selben Zeit, als kein schnellfüßiger Hanswurst in bunter Jacke vor den

Pferden herzulaufen genötigt, wie ein gehetztes Tier, in der zahlreichen

Dienerschaft von allen Waffen auch noch zwei Laufer, artige hübsche

Leute von gesetzten Jahren, wohlgefüttert, und nur zuweilen von

Unterleibsbeschwerden geplagt, wegen der sitzenden Lebensweise. Viel zu

menschenfreundlich war nämlich der Fürst gesinnt, um irgendeinem Diener

zuzumuten, daß er sich zu Zeiten umsetzte in ein Windspiel, oder einen

andern vergnügten Köter, um indessen doch die gehörige Etikette im

Ansehen zu erhalten, mußten die beiden Laufer, fuhr der Fürst in Gala

aus, vorauffahren auf einer passablen Wurst, und an schicklichen

Stellen, wo z. B. einige Gaffer sich versammelt, etwas die Beine rühren

als Andeutung des wirklichen Laufs. -- Es war hübsch anzusehen. --

Also, -- die Laufer waren eben ausgestiegen, die Kammerherrn traten ins

Portal, und ihnen folgte Fürst Irenäus, an dessen Seite ein junger Mann

von stattlichem Ansehen daherschritt, in reicher Uniform der

neapolitanischen Garde, Sterne und Kreuze auf der Brust. -- _»Je vous

salue Monsieur de Krösel«_ sprach der Fürst, als er Kreisler erblickte.

-- _Krösel_ pflegte er zu sagen, statt Kreisler, wenn er bei festlichen

feierlichen Gelegenheiten französisch sprach, und sich auf keinen

deutschen Namen recht besinnen konnte. Der fremde Prinz -- denn den

jungen stattlichen Mann hatte doch wohl die Fräulein Nannette gemeint,

als sie rief, daß der Fürst komme mit dem Prinzen -- nickte Kreislern im

Vorbeigehen flüchtig zu mit dem Kopfe, eine Art der Begrüßung, die

Kreislern selbst von den vornehmsten Personen ganz unausstehlich war. Er

bückte sich daher bis tief an die Erde auf solch burleske Weise, daß der

dicke Hofmarschall, der überhaupt Kreislern für einen ausgemachten

Spaßmacher, und alles für Spaß hielt, was er tat und sprach, nicht umhin

konnte, etwas zu kichern. Der junge Fürst warf aus seinen dunklen Augen

Kreislern einen glühenden Blick zu, murmelte zwischen den Zähnen:

Hasenfuß, und schritt dann schnell dem Fürsten nach, der sich mit milder

Gravität nach ihm umschaute. -- Für einen italienischen Gardisten, rief

Kreisler laut lachend dem Hofmarschall zu, spricht der durchlauchtige

Herr ein passables Deutsch, sagen Sie ihm, beste Exzellenz, daß ich ihm

dafür mit dem auserlesensten Neapolitanisch dienen und dabei kein

artiges Romanisch, am wenigsten aber als Gozzische Maske schnödes

Venetianisch einschwärzen, kurz kein X für ein U machen will. -- Sagen

Sie ihm, beste Exzellenz --. Aber die Exzellenz stieg schon, die

Schultern hoch heraufgezogen, als Bollwerk und Schutzschanze der Ohren,

die Treppe hinauf. --

Der fürstliche Wagen, mit dem Kreisler gewöhnlich nach Sieghartshof zu

fahren pflegte, hielt, der Jäger öffnete den Schlag und fragte ob's

gefällig wäre. In dem Augenblick rannte aber ein Küchenjunge vorbei,

heulend und schreiend. Ach das Unglück -- ach das Malheur! -- Was ist

geschehen, rief ihm Kreisler nach. Ach das Unglück, erwiderte der

Küchenjunge noch heftiger weinend, da drinnen liegen der Herr

Oberküchenmeister in der Verzweiflung, in purer Raserei, und wollen sich

durchaus das Ragoutmesser in den Leib stoßen, weil der gnädigste Herr

plötzlich befohlen hat zu soupieren, und es ihm an Muscheln fehlt zum

italienischen Salat. Er will selbst nach der Stadt, und der Herr

Oberstallmeister weigern sich anspannen zu lassen, da es an einer Ordre

des gnädigsten Herrn fehlt. -- Da ist zu helfen, sprach Kreisler, der

Herr Oberküchenmeister steige in gegenwärtigen Wagen, und versehe sich

mit den schönsten Muscheln in Sieghartsweiler, während ich zu Fuß nach

selbiger Stadt promeniere. -- Damit rannte er fort in den Park.

Große Seele -- edles Gemüt -- scharmanter Herr! rief ihm der alte Jäger

nach, indem ihm die Tränen in die Augen traten.

In den Flammen des Abendrots stand das ferne Gebirge, und der goldne

glühende Widerschein gleitete spielend über den Wiesenplan, durch die

Bäume, durch die Büsche, wie getrieben von dem Abendwinde, der sich

säuselnd erhoben.

Kreisler blieb mitten auf der Brücke stehen, die über einen breiten Arm

des Sees nach dem Fischerhäuschen führte, und schaute in das Wasser

hinab, in dem sich der Park mit seinen wunderbaren Baumgruppen, der hoch

darüber emporragende Geierstein, der seine weißblinkenden Ruinen auf dem

Haupte wie eine seltsame Krone trug, abspiegelte in magischem Schimmer.

Der zahme Schwan, der auf den Namen Blanche hörte, plätscherte auf dem

See daher, den schönen Hals stolz emporgehoben, rauschend mit den

glänzenden Schwingen. »Blanche, Blanche, rief Kreisler laut indem er

beide Arme weit ausstreckte, singe dein schönstes Lied, glaube ja nicht,

daß du dann sterben mußt! du darfst dich nur singend an meine Brust

schmiegen, dann sind deine herrlichsten Töne mein, und nur ich gehe

unter in brünstiger Sehnsucht, während du in Liebe und Leben

daherschwebst auf den kosenden Wellen! --« Selbst wußte Kreisler nicht,

was ihn plötzlich so tief bewegte, er stützte sich auf das Geländer,

schloß unwillkürlich die Augen. Da hörte er Julia's Gesang, und ein

unnennbar süßes Weh durchbebte sein Inneres.

Düstere Wolken zogen daher, und warfen breite Schatten über das Gebirge,

über den Wald, wie schwarze Schleier. Ein dumpfer Donner dröhnte im

Morgen; stärker sauste der Nachtwind, rauschten die Bäche, und

dazwischen schlugen einige Töne der Wetterharfe an, wie ferne

Orgelklänge, aufgescheucht erhob sich das Geflügel der Nacht, und

schweifte kreischend durch das Dickicht.

Kreisler erwachte aus dem Traume, und erblickte seine dunkle Gestalt im

Wasser. Da war es ihm, als schaue ihn Ettlinger, der wahnsinnige Maler,

an aus der Tiefe. »Hoho, rief er hinab, bist Du da geliebter

Doppelgänger, wackerer Kumpan? -- Höre, mein ehrlicher Junge, für einen

Maler, der etwas über die Schnur gehauen, der im stolzen Übermut

fürstliches Herzblut verbrauchen wollte, statt Firnis, siehst Du

passabel genug aus. -- Ich glaube am Ende, guter Ettlinger, daß Du

illustre Familien genarrt hast mit Deinem wahnsinnigen Treiben! -- Je

länger ich Dich anschaue, desto mehr gewahre ich an Dir die vornehmsten

Manieren, und so Du magst, will ich der Fürstin Maria versichern, Du

wärst, was Deinen Stand oder Deine Lage im Wasser betrifft, ein Mann von

dem importantesten Range, und sie könne Dich lieben ohne alle weiteren

Umstände. -- Willst Du aber, Kumpan, daß die Fürstin noch jetzt Deinem

Bilde gleiche, so mußt Du es nachtun dem fürstlichen Dilettanten, der

seine Porträts ausglich mit den zu porträtierenden, durch geschicktes

Anpinseln der letztern. -- Nun! -- haben sie Dich einmal unverdienter

Weise hinabgeschickt in den Orkus, so trage ich Dir hiermit allerlei

Neuigkeiten zu! -- Wisse, verehrter Tollhauskolonist, daß die Wunde, die

Du dem armen Kinde, der schönen Prinzessin Hedwiga beibrachtest, noch

immer nicht recht geheilt ist, so daß sie vor Schmerz manchmal allerlei

Faxen macht. Trafst Du denn ihr Herz so hart, so schmerzlich, daß ihr

noch jetzt heißes Blut entquillt, wenn sie deine Larve erblickt, so wie

Leichname bluten, wenn der Mörder hinantritt? Rechne es mir nicht zu,

Guter, daß sie mich für ein Gespenst hält, und zwar für das Deinige.

-- Aber bin ich so recht in voller Lust ihr zu beweisen, daß ich kein

schnöder Revenant bin, sondern der Kapellmeister Kreisler, dann kommt

mir der Prinz Ignatius in die Quere, der offenbar an einer _paranoia_

laboriert, an einer _fatuitas, stoliditas_, die nach =Kluge= eine sehr

angenehme Sorte der eigentlichen Narrheit ist. -- Mache mir nicht alle

Gesten nach, Maler, wenn ich ernsthaft mit Dir rede! -- Schon wieder?

Fürchtete ich mich nicht vor dem Schnupfen, ich spränge zu Dir hinab,

und prügelte Dich erklecklich! -- Schere Dich zum Teufel, halunkischer

Mimiker! --

Kreisler sprang schnell fort.

Es war nun ganz finster geworden, Blitze leuchteten durch die schwarzen

Wolken, der Donner rollte, und der Regen begann in großen Tropfen

herabzufallen. Aus dem Fischerhäuschen strahlte ein helles blendendes

Licht, dem eilte Kreisler entgegen.

Unfern der Türe, im vollen Schimmer des Lichts, erblickte Kreisler sein

Ebenbild, sein eigenes Ich, das neben ihm daherschritt. Vom tiefsten

Entsetzen erfaßt, stürzte Kreisler hinein in das Häuschen, sank atemlos,

zum Tode erbleicht, in den Sessel.

Meister Abraham, der vor einem kleinen Tische saß, auf dem eine

Astrallampe ihre blendenden Strahlen umherwarf, in einem großen

Folianten lesend, fuhr erschrocken in die Höhe, nahte sich Kreisler,

rief: Um des Himmels willen, was ist Euch, Johannes, wo kommt Ihr her am

späten Abend -- was hat Euch so entsetzt! --

Mit Mühe ermannte sich Kreisler, und sprach dann mit dumpfer Stimme: Es

ist nun nicht anders, wir sind unserer Zwei -- ich meine, ich und mein

Doppelgänger, der aus dem See gesprungen ist, und mich verfolgt hat,

hieher. -- Seid barmherzig Meister, nehmt Euern Dolchstock, stoßt den

Halunken nieder -- er ist rasend, glaubt mir das, und kann uns beide

verderben. Er hat draußen das Wetter heraufbeschworen. -- Die Geister

rühren sich in den Lüften, und ihr Choral zerreißt die menschliche

Brust! -- Meister -- Meister, lockt den Schwan herbei, -- er soll singen

-- erstarrt ist mein Gesang, denn der Ich hat seine weiße kalte

Totenhand auf meine Brust gelegt, die muß er wegziehen, wenn der Schwan

singt -- und sich wieder untertauchen in den See. -- Meister Abraham

ließ Kreislern nicht weiter reden, er sprach ihm zu mit

freundschaftlichen Worten, nötigte ihm einige Gläser eines feurigen

italienischen Weins ein, den er eben zur Hand hatte, und fragte ihm dann

nach und nach ab, wie sich alles begeben.

Aber kaum hatte Kreisler geendet, als Meister Abraham laut lachend rief.

Da sieht man den eingefleischten Phantasten, den vollendeten

Geisterseher! -- Was den Organisten betrifft, der Euch draußen in dem

Park schauerliche Chorale vorgespielt hat, so ist das niemand anders

gewesen, als der Nachtwind, der durch die Lüfte brausend, daher fuhr,

und vor dem die Saiten der Wetterharfe erklangen. Ja ja, Kreisler, die

Wetterharfe habt Ihr vergessen, die zwischen den beiden Pavillons am

Ende des Parks aufgespannt ist[A]. Und was Euern Doppelgänger betrifft,

der im Schimmer meiner Astrallampe neben Euch her lief, so will ich Euch

sogleich beweisen, daß, sobald ich nur vor die Türe trete, auch mein

Doppelgänger bei der Hand ist, ja, daß ein jeder, der zu mir

hineintritt, solch einen Chevalier d'Honneur seines Ichs an der Seite

leiden muß.

[Fußnote A: Der Abt Gattoni zu Mailand ließ, von einem Turme zum

andern fünfzehn eiserne Saiten ausspannen, und dergestalt stimmen, daß

sie die diatonische Tonleiter angaben. Bei jeder Veränderung in der

Atmosphäre erklangen diese Saiten stärker oder schwächer, nach dem Maß

jener Veränderung. Man nannte diese Äolsharfe im großen, Riesen- oder

Wetterharfe.]

Meister Abraham trat vor die Türe, und sogleich stand in dem Schimmer

ein zweiter Meister Abraham ihm zur Seite.

Kreisler merkte die Wirkung eines verborgenen Hohlspiegels, und ärgerte

sich, wie jeder, dem das Wunderbare, woran er geglaubt, zu Wasser

gemacht wird. Dem Menschen behagt das tiefste Entsetzen mehr, als die

natürliche Aufklärung dessen, was ihm gespenstisch erschienen, er will

sich durchaus nicht mit dieser Welt abfinden lassen; er verlangt etwas

zu sehen aus einer andern, die des Körpers nicht bedarf, um sich ihm zu

offenbaren.

Ich kann, nun einmal, Meister, sprach Kreisler, Euren seltsamen Hang zu

solchen Foppereien nicht begreifen. Ihr präpariert das Wunderbare wie

ein geschickter Mundkoch, aus allerlei scharfen Ingredienzien, und

meint, daß die Menschen, deren Phantasie, wie der Magen der Schlemmer,

flau geworden, irritiert werden müssen durch solches Unwesen. Nichts ist

abgeschmackter, als wenn man bei solchen vermaledeiten Kunststückchen,

die einem die Brust zusammenschnüren, dahinterkommt, daß alles natürlich

zugegangen.

Natürlich! -- natürlich, rief Meister Abraham, als ein Mann vom

ziemlichen Verstande, solltet Ihr doch einsehen, daß nichts in der Welt

natürlich zugeht, gar nichts! -- Oder glaubt Ihr, werter Kapellmeister,

daß deshalb, weil wir mit uns zu Gebote stehenden Mitteln eine bestimmte

Wirkung hervorzubringen vermögen, uns die aus dem geheimnisvollen

Organism strömende Ursache der Wirkung klar vor Augen liegt? -- Ihr habt

doch sonst vielen Respekt vor meinen Kunststücken gehabt, unerachtet Ihr

die Krone davon niemals schautet. -- Ihr meint das unsichtbare Mädchen,

sprach Kreisler.

Allerdings, fuhr der Meister fort, eben dieses Kunststück -- es ist wohl

mehr als das -- würde Euch bewiesen haben, daß die gemeinste am

leichtesten zu berechnende Mechanik oft mit den geheimnisvollsten

Wundern der Natur in Beziehung treten, und dann Wirkungen hervorbringen

kann, die unerklärlich, -- selbst dies Wort im gewöhnlichen Sinn

genommen, bleiben müssen. Hm, sprach Kreisler, wenn Ihr nach der

bekannten Theorie des Schalls verfuhret, den Apparat geschickt zu

verbergen wußtet, und ein schlaues gewandtes Wesen an der Hand hattet --

O Chiara, rief Meister Abraham, indem Tränen in seinen Augen perlten, o

Chiara mein süßes liebes Kind!

Kreisler hatte noch nie den Alten so tief bewegt gesehen, wie dieser

denn von jeher keiner wehmütigen Empfindung Raum geben wollte, sondern

dergleichen wegzuspotten pflegte.

Was ist das mit der Chiara? fragte der Kapellmeister.

Es ist wohl dumm, sprach der Meister lächelnd, daß ich Euch heute

erscheinen muß, wie ein alter weinerlicher Geck, aber die Gestirne

wollen es nun einmal, daß ich von einem Moment meines Lebens mit Euch

reden soll, über den ich so lange schwieg. -- Kommt her, Kreisler,

schaut dieses große Buch, es ist das merkwürdigste, was ich besitze, das

Erbstück eines Tausendkünstlers, Severino geheißen, und eben sitze ich

da und lese die wunderbarsten Sachen, und schaue die kleine Chiara an,

die darin abgebildet, und da stürzt Ihr herein, außer Euch selbst, und

verachtet meine Magie in dem Augenblick, als ich eben in der Erinnerung

schwelge an ihr schönstes Wunder, das mein war in der Blütezeit meines

Lebens!

Nun erzählt nur, rief Kreisler, damit ich stracks mit Euch heulen kann

--

Es ist nun eben nicht sehr merkwürdig, begann Meister Abraham,

daß ich, sonst ein junger kräftiger Mann, von ganz hübschem Ansehn, aus

übertriebenem Eifer und großer Ruhmbegier, mich matt und krank

gearbeitet hatte an der großen Orgel in der Hauptkirche zu Göniönesmühl.

Der Arzt sprach laufen Sie, werter Orgelbauer, laufen Sie über Berg und

Tal, weit in die Welt hinein, und das tat ich denn wirklich, indem ich

mir den Spaß machte, überall als Mechaniker aufzutreten, und den Leuten

die artigsten Kunststücke vorzumachen. Dies ging recht gut, und brachte

viel Geld ein, bis ich auf den Mann stieß, Severino geheißen, der mich

derb auslachte mit meinen Kunststückchen, und durch manches mich beinahe

dahin gebracht hätte, mit dem Volk zu glauben, er stehe mit dem Teufel

oder wenigstens mit andern honetteren Geistern im Bunde. Das mehreste

Aufsehen erregte sein weibliches Orakel, ein Kunststück, das eben später

unter dem Namen des unsichtbaren Mädchens bekannt worden. Mitten im

Zimmer, von der Decke herab, hing frei eine Kugel von dem feinsten,

klarsten Glase, und aus dieser Kugel strömten, wie ein linder Hauch, die

Antworten auf die an das unsichtbare Wesen gerichteten Fragen. Nicht

allein das unbegreiflich scheinende dieses Phänomens, sondern auch die

ins Herz dringende, das Innerste erfassende Geisterstimme der

Unsichtbaren, das Treffende ihrer Antworten, ja ihre wahrhafte

Weissagungsgabe, verschaffte dem Künstler unendlichen Zulauf. Ich

drängte mich an ihn, ich sprach viel von meinen mechanischen

Kunststücken, er verachtete aber, wiewohl im andern Sinn, als Ihr es

tut, Kreisler, all mein Wissen, und bestand darauf, ich sollte ihm eine

Wasserorgel bauen zu seinem häuslichen Gebrauch, unerachtet ich ihm

bewies, daß, wie auch der verstorbene Herr Hofrat Meister zu Göttingen,

in seinem Traktat: _De veterum Hydraulo_ versichre, an einem solchen

_Hydraulos_ gar nichts sei, und nichts erspart werde, als einige Pfund

Luft, die man, dem Himmel sei es gedankt, doch noch überall umsonst

haben könne. Endlich beteuerte Severino, er brauche die sanfteren Töne

eines solchen Instruments, um der Unsichtbaren beizustehen, und er wolle

mir das Geheimnis entdecken, wenn ich auf das Sakrament schwöre, es

weder selbst zu gebrauchen, noch andern zu entdecken, wiewohl er glaube,

daß es nicht leicht möglich sein werde, sein Kunstwerk nachzuahmen, ohne

-- hier stockte er und machte ein geheimnisvolles, süßes Gesicht, wie

weiland Cagliostro, wenn er von seinen zaubrischen Verzückungen zu

Weibern sprach. Voll Begier, die Unsichtbare zu schauen, versprach ich

die Wasserorgel zu verfertigen, so gut es ginge, und nun schenkte er mir

sein Zutrauen, -- gewann mich sogar lieb, als ich ihm willig Beistand

leistete in seinen Arbeiten. Eines Tages, eben wollte ich zu Severino

gehen, war das Volk auf der Straße zusammengelaufen. Man sagte mir, ein

anständig gekleideter Mann sei ohnmächtig zu Boden gefallen. Ich drängte

mich durch, und erkannte Severino, den man eben aufhob und ins nächste

Haus trug. Ein Arzt, der des Weges gekommen, nahm sich seiner an.

Severino schlug, nachdem verschiedene Mittel angewandt, mit einem tiefen

Seufzer die Augen auf. Der Blick, mit dem er unter den krampfhaft

zusammengezogenen Augenbrauen mich anstarrte, war furchtbar, alle

Schrecken des Todeskampfs glühten darin in düstrem Feuer. Seine Lippen

bebten, er versuchte zu reden, und vermocht's nicht. Endlich schlug er

einigemal heftig mit der Hand auf die Westentasche. Ich faßte hinein,

und zog einige Schlüssel hervor. »Das sind die Schlüssel Eurer Wohnung«,

sprach ich, er nickte mit dem Kopfe. Das ist, fuhr ich fort, indem ich

ihm einen von den Schlüsseln vor Augen hielt, der Schlüssel zu dem

Kabinett, in das Ihr mich niemals hineinlassen wolltet. Er nickte auf's

neue. Als ich aber weiter fragen wollte, begann er wie in fürchterlicher

Angst zu ächzen und zu stöhnen, kalte Schweißtropfen standen ihm auf der

Stirne, er breitete die Arme aus, und bog sie im Zirkel zusammen, wie

wenn man etwas umfaßt, und wies auf mich. »Er will, sprach der Arzt, daß

Sie seine Sachen, seine Apparate, in Sicherheit bringen, vielleicht;

stirbt er, behalten sollen?« Severino nickte stärker mit dem Kopfe,

schrie endlich: _Corre_! und sank auf's neue ohnmächtig zurück. Schnell

eilte ich nun nach Severinos Wohnung, vor Neugier, vor Erwartung bebend,

öffnete ich das Kabinett, in dem die geheimnisvolle Unsichtbare

verschlossen sein mußte, und erstaunte nicht wenig, als ich es ganz leer

fand. Das einzige Fenster war dicht verhängt, so daß das Licht nur

hinein dämmerte, und ein großer Spiegel hing an der Wand, der Türe des

Zimmers gegenüber. Sowie ich zufällig vor diesen Spiegel trat, und meine

Gestalt im schwachen Schimmer erblickte, durchströmte mich ein seltsames

Gefühl, als befände ich mich auf dem Isolierstuhl einer

Elektrisiermaschine. In demselben Augenblick sprach die Stimme des

unsichtbaren Mädchens auf italienisch: verschont mich nur heute Vater!

Geißelt mich nicht so grausam, Ihr seid ja doch nun gestorben! -- Schnell

öffnete ich die Türe des Zimmers, so, daß das volle Licht hineinströmte,

aber keine lebendige Seele konnt' ich erblicken. »Es ist gut, Vater,

sprach die Stimme, daß Ihr Herrn Liscov geschickt habt, aber der läßt es

nicht mehr zu, daß Ihr mich geißelt, er zerbricht den Magnet, und Ihr

könnt nicht mehr aus dem Grabe heraus, in das er Euch legen läßt, Ihr

möget Euch sträuben, wie Ihr wollt, denn Ihr seid doch nun ein

Verstorbener, und gehört nicht mehr dem Leben.« Ihr könnt wohl denken,

Kreisler, daß mich tiefe Schauer durchbebten, da ich niemand sah, und

die Stimme doch dicht vor meinen Ohren schwebte. Teufel, sprach ich

laut, um mich zu ermutigen, säh ich nur irgendwo ein lumpiges

Fläschchen, so würd ich es zerschmeißen, und der _diable boiteux_ stünde,

seinem Kerker entronnen, leibhaftig vor mir, aber so. -- Nun kam es mir

plötzlich vor, als gingen die leisen Seufzer, die durch das Kabinett

wehten, aus einem Verschlage hervor, der in der Ecke stand, und mir viel

zu klein schien, um ein menschliches Wesen zu beherbergen. Doch springe

ich hin, öffne den Schieber, und zusammengekrümmt, wie ein Wurm, liegt

ein Mädchen darin, starrt mich an mit großen, wunderbar schönen Augen,

streckt endlich mir den Arm entgegen, als ich rufe: Komm heraus, mein

Lämmchen, komm heraus meine kleine Unsichtbare! -- Ich fasse endlich die

Hand, die sie emporhält, und ein elektrischer Schlag fährt mir durch

alle Glieder. -- Halt, Meister Abraham, rief Kreisler, was ist das, als

ich zum erstenmal zufällig der Prinzessin Hedwiga Hand berührte, ging es

mir ebenso, und noch immer, wiewohl schwächer, fühl' ich dieselbe

Wirkung, wenn sie mir sehr gnädig die Hand reicht. Hoho, erwiderte

Meister Abraham, am Ende ist unser Prinzeßlein eine Art von _Gymnotus

electricus_ oder _Raja torpedo_ oder _Trichiurus indicus_, wie in gewisser

Art meine süße Chiara es war, oder auch wohl nur eine muntere Hausmaus,

wie jene, die dem wackern Signor Cotugno eine tüchtige Ohrfeige

versetzte, als er sie beim Rücken erfaßte, um sie zu sezieren, was Ihr

freilich mit der Prinzessin nicht im Sinn haben konntet! -- Doch

sprechen wir ein andermal von der Prinzessin, und bleiben wir jetzt bei

meiner Unsichtbaren! -- Als ich, erschrocken über den unvermuteten

Schlag des kleinen Torpedo zurückprallte, sprach das Mädchen mit

wunderbar anmutigem Ton auf deutsch: Ach, nehmet es doch nur ja nicht

übel, Herr Liscov, aber ich kann nicht anders, der Schmerz war gar zu

groß. -- Ohne mich weiter mit meinem Erstaunen aufzuhalten, faßte ich

die Kleine sanft bei den Schultern, zog sie aus dem abscheulichen

Gefängnis, und ein zart gebautes, liebliches Ding in der Größe eines

zwölfjährigen Mädchens, nach der körperlichen Ausbildung zu urteilen

aber wenigstens sechzehn Jahre alt, stand vor mir. Schaut nur dort in's

Buch hinein, das Bild ist ähnlich, und Ihr werdet gestehen müssen, daß

es kein lieblicheres, ausdrucksvolleres Antlitz geben kann, wozu Ihr

aber rechnen müßt, daß das wunderbare, das Innerste entzündende Feuer

der schönsten schwarzen Augen in keinem Bilde zu erreichen. Jeder, der

nicht auf eine Schneehaut und Flachshaar erpicht ist, mußte das

Gesichtlein für vollendet schön anerkennen, denn freilich war die Haut

meiner Chiara etwas zu braun, und ihr Haar glänzte im brennenden

Schwarz. -- Chiara -- Ihr wißt nun schon, daß die kleine Unsichtbare so

geheißen war -- Chiara fiel vor mir nieder, ganz Wehmut und Schmerz, ein

Tränenstrom stürzte ihr aus den Augen, und sie sprach mit einem

unnennbaren Ausdruck _je suis sauvée_. Ich fühlte mich von dem tiefsten

Mitleid durchdrungen, ich ahnte entsetzliche Dinge! -- Man brachte jetzt

Severinos Leiche, ein zweiter Anfall des Schlages hatte ihn, gleich

nachdem ich ihn verlassen, getötet. Sowie Chiara den Leichnam gewahrte,

versiegten ihre Tränen, sie schaute den toten Severino an mit ernstem

Blick, und entfernte sich dann, als die Leute, die mitgekommen, sie

neugierig betrachteten und lachend meinten, das sei wohl gar am Ende das

unsichtbare Mädchen in dem Kabinett. Ich fand es unmöglich, das Mädchen

allein zu lassen bei dem Leichnam, die gutmütigen Wirtsleute erklärten

sich bereit, sie bei sich aufzunehmen. Als ich nun aber, nachdem sich

alles entfernt, hineintrat in's Kabinett, saß Chiara vor dem Spiegel in

dem seltsamsten Zustande. Mit fest auf den Spiegel gerichteten Augen

schien sie nichts zu gewahren, gleich einer Mondsüchtigen. Sie lispelte

unverständliche Worte, die aber immer deutlicher und deutlicher wurden,

bis sie, deutsch, französisch, italienisch, spanisch, wechselnd von

Dingen sprach, die sich auf entfernte Personen zu beziehen schienen.

-- Ich bemerkte zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß gerade die Stunde

eingetreten, in der Severino das weibliche Orakel reden zu lassen

pflegte. -- Endlich schloß Chiara die Augen, und schien in tiefen Schlaf

verfallen. Ich nahm das arme Kind in meine Arme, und trug sie herab zu

den Wirtsleuten. Am andern Morgen fand ich die kleine heiter und ruhig,

erst jetzt schien sie ihre Freiheit ganz zu begreifen, und erzählte

alles, was ich zu wissen verlangte. -- Es wird Euch nicht verschnupfen,

Kapellmeister, unerachtet Ihr sonst auf gute Geburt was haltet, daß

meine kleine Chiara nichts anders war, als ein Zigeunermägdlein, die mit

einer ganzen Bande des schmutzigen Volks auf dem Markte in irgendeiner

großen Stadt, von Häschern bewacht, sich von der Sonne braten ließ, als

eben Severino vorüberging. »Blanker Bruder, soll ich Dir wahrsagen?«

rief ihm das achtjährige Mädchen an. Severino sah der Kleinen lange in

die Augen, ließ sich dann wirklich die Züge seines Handtellers deuten,

und äußerte ein besonderes Erstaunen. Er mußte etwas ganz Besonderes an

dem Mädchen gefunden haben, denn sogleich trat er zu dem

Polizei-Lieutenant, der den Zug der verhafteten Zigeuner führte, und

meinte, er wolle was Erkleckliches geben, wenn es ihm vergönnt würde,

das Zigeunermädchen mit sich zu nehmen. Der Polizei-Lieutenant erklärte

barsch, es sei hier kein Sklavenmarkt; setzte indessen hinzu, da die

Kleine doch eigentlich nicht zu den wirklichen Menschen zu rechnen, und

das Zuchthaus nur molestiere, so stände sie zu Befehl, wenn der Herr

zehn Dukaten zur Stadtarmenkasse zahlen wolle. Severino zog sogleich

seinen Beutel hervor, und zählte die Dukaten ab. Chiara und ihre alte

Großmutter, beide hatten die ganze Verhandlung gehört, fingen an zu

heulen und zu schreien, und wollten sich nicht trennen, da traten aber

die Häscher hinzu, schmissen die Alte auf den Leiterwagen, der zum

Abfahren bereit stand; der Polizei-Lieutenant, der vielleicht seinen

Beutel in dem Augenblick für die Stadtarmenkasse halten mochte, steckte

die blanken Dukaten ein, und Severino schleppte die kleine Chiara fort,

die er dadurch möglichst zu beruhigen suchte, daß er ihr auf demselben

Markt, wo er sie gefunden, ein hübsches neues Röcklein kaufte, und sie

überdies mit Zuckerwerk fütterte. -- Es ist gewiß, daß Severino damals

eben das Kunststück mit dem unsichtbaren Mädchen im Kopf hatte, und in

der kleinen Zigeunerin alle Anlagen fand, die Rolle der Unsichtbaren zu

übernehmen. Neben einer sorgfältigen Erziehung suchte er auf ihren

Organismus, der zu einem erhöhten Zustande besonders geeignet, zu

wirken. Er brachte diesen erhöhten Zustand, in dem ein prophetischer

Geist in dem Mädchen aufglühte, durch künstliche Mittel hervor, -- denkt

an Mesmer und seine furchtbaren Operationen -- und versetzte sie

jedesmal, wenn sie wahrsagen sollte, in diesen Zustand. Ein

unglückliches Ungefähr ließ ihn wahrnehmen, daß die Kleine nach

empfundenem Schmerz vorzüglich reizbar war, und daß dann ihre Gabe, das

fremde Ich zu durchschauen, bis zum Unglaublichen stieg, so daß sie ganz

vergeistigt schien. Und nun geißelte sie der entsetzliche Mensch

jedesmal vor der Operation, die sie in den Zustand des höhern Wissens

versetzte, auf die grausamste Weise. Zu dieser Qual kam noch, daß

Chiara, die Ärmste, oft tagelang, wenn Severino abwesend, sich

zusammenkrümmen mußte in jenem Verschlag, damit, dränge selbst jemand in

das Kabinett, doch Chiara's Gegenwart ein Geheimnis bliebe. Ebenso

machte sie die Reisen mit Severino in jenem Kasten. Unglücklicher,

fürchterlicher, war Chiara's Schicksal, als das jenes Zwerges, den der

bekannte Kempelen mit sich führte, und der, in dem Türken versteckt,

Schach spielen mußte. -- Ich fand in Severinos Pult eine namhafte Summe

in Gold und Papieren, es gelang mir, der kleinen Chiara dadurch ein

gutes Einkommen zu sichern, den Apparat zum Orakel, das heißt die

akustischen Vorrichtungen, im Zimmer und Kabinett vernichtete ich, sowie

manches andere Kunstwerk, das nicht transportabel, wogegen ich nach

Severinos deutlich ausgesprochenem Vermächtnis manches Geheimnis aus

seinem Nachlaß mir zu eigen machte. Dies alles abgetan, nahm ich von der

kleinen Chiara, die die Wirtsleute halten wollten wie ihr liebes

Kindlein, den wehmütigsten Abschied, und verließ den Ort. -- Ein Jahr

war vergangen, ich wollte zurück nach Göniönesmühl, wo der hochlöbliche

Magistrat die Reparatur der Stadtorgel von mir verlangte, aber der

Himmel hatte ein besonderes Wohlgefallen daran, mich als Taschenspieler

hinzustellen vor den Leuten, und gab daher einem verfluchten Spitzbuben

die Macht, meine Börse, in der mein ganzer Reichtum befindlich, zu

stehlen, und mich so zu zwingen, noch als berühmter, mit vielen Attesten

und Konzessionen versehener Mechaniker Künste zu machen des nötigen

Proviants halber. -- Das geschah an einem Örtchen unsern

Sieghartsweiler. Eines Abends sitze ich und hämmere und feile an einem

Zauberkästchen, da geht die Türe auf, ein weibliches Wesen tritt herein,

ruft: nein, ich konnte es nicht länger ertragen, ich mußte Euch nach,

Herr Liscov -- ich wäre gestorben vor Sehnsucht! -- Ihr seid mein Herr,

gebietet über mich! -- stürzt auf mich zu, will mir zu Füßen fallen, ich

fange sie auf in meinen Armen -- es ist Chiara! -- Kaum erkenne ich das

Mädchen, wohl einen Fuß höher, stärker ist sie geworden, ohne daß das

den zartesten Formen ihres Wuchses geschadet! -- Liebe süße Chiara!

-- rief ich tief bewegt, und drückte sie an meine Brust! Nicht wahr,

spricht nun Chiara, Ihr leidet mich bei Euch, Herr Liscov, Ihr verstoßet

nicht die arme Chiara, die Euch Freiheit und Leben zu verdanken hat?

-- Und damit springt sie schnell an den Kasten, den eben ein Postknecht

hineinschiebt, drückt den Kerl so viel Geld in die Hand, daß er mit

einem großen Katzensprung zur Türe hinaus, laut ruft: ei der Daus, das

liebe Mohrenkind, öffnet den Kasten, nimmt dieses Buch heraus, gibt mir

es sprechend: Da, Herr Liscov, nehmt das Beste aus Severinos Nachlaß,

das Ihr vergessen, fängt an, während ich das Buch aufschlage, ganz

getrost Kleider und Wäsche auszupacken -- Ihr möget denken, Kreisler,

daß mich die kleine Chiara in nicht geringe Verlegenheit setzte; aber

-- nun ist es Zeit, Kerl! daß Du auf mich was halten lernst, da Du, weil

ich Dir half, dem Oheim die reifen Birnen vom Baume naschen, und ihm

hölzerne mit saubrer Malerei hinhängen, oder ihm gedüngtes

Pommeranzenwasser hinstellen in der Gießkanne, womit er die auf dem

Rasen zum Bleichen ausgespannten weißen Kanevashosen begoß, und einen

schönen Marmor herausbrachte ohne Mühe, -- kurz, weil ich Dich zu tollen

Narrenstreichen anführte, da Du, sag' ich, sonst mich selbst zu nichts

anderm machtest, als zu einem puren Schalksnarren, der niemals ein Herz,

oder wenigstens die Hanswurstjacke so dick darüber gelegt hatte, daß er

nichts von seinen Schlägen spürte! -- Brüste Dich nicht, Mensch, mit

Deiner Empfindsamkeit, mit Deinen Tränen, denn siehe, schon wieder muß

ich, so wie Du es nur zu oft tust, niederträchtig flennen; aber der

Teufel hole doch alles, wenn man erst im hohen Alter jungen Leuten das

Innere aufschließen soll wie eine Chambre garnie. -- Meister Abraham

trat ans Fenster, und schaute hinaus in die Nacht. Das Gewitter war

vorüber, im Säuseln des Waldes hörte man die einzelnen Tropfen fallen,

die der Nachtwind herabschüttelte. Von fern her aus dem Schlosse ertönte

lustige Tanzmusik. Prinz Hektor, sprach Meister Abraham, eröffnet die

Partie _à la chasse_ mit einigen Sprüngen, glaub ich --

Und Chiara? fragte Kreisler.

Recht, mein Sohn, fuhr Meister Abraham fort, indem er sich erschöpft in

den Lehnstuhl niederließ, daß Du mich erinnerst an Chiara, denn ich muß

in dieser verhängnisvollen Nacht den Kelch der bittersten Erinnerungen

nun einmal ausschlürfen bis auf den letzten Tropfen. -- Ach! -- so wie

Chiara geschäftigt hin und her hüpfte, wie aus ihren Blicken die reinste

Freude strahlte, da fühlt' ich es wohl, daß es mir ganz unmöglich sein

würde, mich jemals von ihr zu trennen, daß sie mein Weib werden müsse.

-- Und doch sprach ich: aber Chiara, was soll ich mit Dir anfangen, wenn

Du nun hier bleibst? -- Chiara trat vor mich hin und sprach sehr ernst:

Meister, Ihr findet in dem Buche, das ich Euch gebracht, die genaue

Beschreibung des Orakels, Ihr habt ja ohnedies die Vorrichtungen dazu

gesehen. -- Ich will Euer unsichtbares Mädchen sein! -- Chiara, rief ich

ganz bestürzt, was sprichst Du? -- Kannst Du mich für einen Severino

halten! -- »O, schweigt von Severino,« erwiderte Chiara. -- Nun, was soll

ich Euch alles umständlich erzählen, Kreisler, Ihr wißt ja schon, daß

ich alle Welt in Erstaunen setzte mit meinem unsichtbaren Mädchen, und

möget mir wohl zutrauen, daß ich es verabscheute, auch nur durch

irgendein künstliches Mittel meine liebe Chiara aufzuregen, oder auf

irgendeine Weise ihre Freiheit zu verschränken. -- Sie deutete mir

selbst Zeit und Stunde an, wenn sie sich fähig fühlte, oder vielmehr

fühlen würde, die Rolle der Unsichtbaren zu spielen, und nur dann sprach

mein Orakel. -- Überdies war meiner Kleinen jene Rolle zum Bedürfnis

geworden. Gewisse Umstände, die Ihr künftig erfahren sollt, brachten

mich nach Sieghartsweiler. Es lag in meinem Plan, sehr geheimnisvoll

aufzutreten. Ich bezog eine einsame Wohnung bei der Witwe des

fürstlichen Mundkochs, durch die ich sehr bald das Gerücht von meinen

wunderbaren Kunststücken an den Hof brachte. Was ich erwartet hatte,

geschah. Der Fürst, ich meine den Vater des Fürsten Irenäus, suchte mich

auf, und mein weissagende Chiara war die Zauberin, die, wie von

überirdischer Kraft beseelt, ihm oft sein eigenes Inneres erschloß, so

daß er manches, was ihm sonst verschleiert gewesen, jetzt klar

durchschaute. Chiara, die mein Weib worden, wohnte bei einem mir

vertrauten Mann in Sieghartshof, und kam zu mir im Dunkel der Nacht, so

daß ihre Gegenwart ein Geheimnis blieb. Denn seht Kreisler, so versessen

sind die Menschen auf Wunder, das, war auch das Kunststück mit dem

unsichtbaren Mädchen nicht anders möglich, als durch die Mitwirkung

eines menschlichen Wesens, sie doch das ganze Ding für eine dumme

Fopperei geachtet haben würden, sobald sie erfuhren, daß das unsichtbare

Mädchen von Fleisch und Bein. So wie denn in jener Stadt den Severino

nach seinem Tode, alle Leute einen Betrüger schalten, da es

herausgekommen, daß eine kleine Zigeunerin im Kabinett gesprochen, ohne

die künstliche akustische Einrichtung die den Ton aus der Glaskugel

kommen ließ, auch nur im mindesten zu beachten. -- Der alte Fürst starb,

ich hatte die Kunststücke, die Geheimniskrämerei mit meiner Chiara,

herzlich satt, ich wollte mit meinem lieben Weibe hinziehen nach

Göniönesmühl, und wieder Orgeln bauen. Da blieb eine Nacht Chiara, die

zum letztenmal, die Rolle des unsichtbaren Mädchens spielen sollte, aus,

ich mußte die Neugierigen unbefriedigt fortschicken. Mir schlug das Herz

vor banger Ahnung. -- Am Morgen lief ich nach Sieghartshof, Chiara war

zur gewöhnlichen Stunde fortgegangen. -- Nun Kerl! was schaust Du mich

so an? ich hoffe, daß Du keine alberne Frage tun wirst! -- Du weißt es ja

-- Chiara war spurlos verschwunden, nie -- nie hab' ich sie

wiedergesehen! -- Meister Abraham sprang rasch auf, und stürzte ans

Fenster. Ein tiefer Seufzer machte den Blutstropfen Luft, die aus der

aufgerissenen Herzwunde quollen. Kreisler ehrte den tiefen Schmerz des

Greises durch Schweigen. Ihr könnet nun, begann endlich Meister Abraham,

nicht mehr zurück nach der Stadt, Kapellmeister. Mitternacht ist heran,

draußen, Ihr wißt es, hausen böse Doppelgänger, und allerlei anderes

bedrohliches Zeug könnt' uns in den Kram pfuschen. Bleibt bei mir! Toll,

ganz toll müßt es ja --

=(M. f. f.)= aber sein, wenn dergleichen Unschicklichkeiten vorfielen an

heiliger Stätte, -- ich meine im Auditorio. -- Es wird mir so enge, so

beklommen um's Herz -- ich vermag, von den erhabensten Gedanken

durchströmt, nicht weiter zu schreiben -- ich muß abbrechen, muß ein

wenig spazieren gehen!

Ich kehre zurück an den Schreibtisch, mir ist besser -- Aber wovon das

Herz voll ist, davon geht der Mund über, und auch wohl der Federkiel des

Dichters! -- Ich hört' einmal den Meister Abraham erzählen, in einem

alten Buche stände etwas von einem kuriosen Menschen, dem eine besondere

_Materia peccans_ im Leibe rumorte, die nicht anders abging, als durch die

Finger. Er legte aber hübsches weißes Papier unter die Hand, und fing so

alles, was nur von dem bösen rumorenden Wesen abgehen wollte, auf, und

nannte diesen schnöden Abgang Gedichte, die er aus dem Innern

geschaffen. Ich halte das Ganze für eine boshafte Satire, aber wahr ist

es, zuweilen fährt mir ein eignes Gefühl, beinahe möcht' ich's geistiges

Leibkneifen nennen, bis in die Pfoten, die alles hinschreiben müssen,

was ich denke. -- Eben jetzt geht's mir so -- es kann mir Schaden tun,

betörte Kater können in ihrer Verblendung böse werden, sogar mich ihre

Krallen fühlen lassen, aber es muß heraus! --

Mein Meister hatte heute den ganzen Vormittag hindurch in einem

schweinsledernen Quartanten gelesen, als er sich endlich zur

gewöhnlichen Stunde entfernte, ließ er das Buch aufgeschlagen auf dem

Tische liegen. Schnell sprang ich herauf, um neugierig, erpicht auf die

Wissenschaften, wie ich nun einmal bin, zu erschnuppern, was das wohl

für ein Buch sein könne, worin der Meister mit so vieler Anstrengung

studiert. Es war das schöne herrliche Werk des alten Johannes

Kunisperger, vom natürlichen Einfluß der Gestirne, Planeten und zwölf

Zeichen. Ja wohl, mit Recht kann ich das Werk schön und herrlich nennen,

denn, indem ich las, gingen mir da nicht die Wunder meines Seins, meines

Wandelns hienieden, auf in voller Klarheit? -- Ha! indem ich dieses

schreibe, flammt über meinem Haupt das herrliche Gestirn, das in treuer

Verwandtschaft in meine Seele herein, aus meiner Seele hinaus leuchtet

-- ja ich fühle den glühenden, sengenden Strahl des langgeschweiften

Kometen auf meiner Stirne, -- ja ich bin selbst der glänzende

Schwanzstern, das himmlische Meteor, das in hoher Glorie prophetisch

dräuend durch die Welt zieht. So wie der Komet alle Sterne überleuchtet,

so verschwindet ihr -- stell' ich nur nicht meine Gaben unter den

Scheffel, sondern lasse mein Licht gehörig leuchten, und das dependiert

ganz von mir -- ja, so verschwindet ihr alle in finstre Nacht, ihr

Kater, andere Tiere und Menschen! -- Aber trotz der göttlichen Natur,

die aus mir, dem geschwänzten Lichtgeist, herausstrahlt, teile ich doch

nicht das Los aller Sterblichen? -- Mein Herz ist gut, ich bin ein zu

empfindsamer Kater, möchte mich gern gemütlich anschließen den

Schwächern, und gerate darüber in Trauer und Herzeleid. -- Denn muß ich

nicht überall gewahren, daß ich allein stehe, wie in der tiefsten

Einöde, da ich nicht dem jetzigen Zeitalter, nein einem künftigen der

höhern Ausbildung angehöre, da es keine einzige Seele gibt, die mich

gehörig zu bewundern versteht? Und es macht mir doch so viel Freude,

wenn ich tüchtig bewundert werde, selbst das Lob junger, gemeiner,

ungebildeter Kater tut mir unbeschreiblich wohl. Ich weiß sie vor

Erstaunen außer sich zu setzen, aber was hilft's, sie können doch, bei

aller Anstrengung, nicht den rechten Lobposaunenton treffen, schreien

sie auch noch so sehr, Mau -- Mau! -- An die Nachwelt muß ich denken,

die mich würdigen wird. Schreib' ich jetzt ein philosophisches Werk, wer

ist's, der die Tiefen meines Geistes durchdringt? Laß ich mich herab,

ein Schauspiel zu dichten, wo sind die Schauspieler, die es aufzuführen

vermögen? Laß ich mich ein auf andere literarische Arbeiten; schreib'

ich z. B. =Kritiken=, die mir schon deshalb anstehen, weil ich über alles,

was Dichter, Schriftsteller, Künstler heißt, schwebe, mich gleich

überall selbst, als freilich unerreichbares Muster, als Ideal der

Vollkommenheit hinstellen, deshalb auch allein ein kompetentes Urteil

aussprechen kann, wer ist's, der sich auf meinen Standpunkt

hinaufzuschwingen, meine Ansichten mit mir zu teilen vermag? -- Gibt es

denn Pfoten oder Hände, die mir den verdienten Lorbeerkranz auf die

Stirne drücken könnten? -- Doch dafür ist guter Rat vorhanden, das tue

ich selbst, und lasse den die Krallen fühlen, der sich etwa unterstehen

möchte, an der Krone zu zupfen. -- Es existieren wohl solche neidische

Bestien, ich träume oft nur, daß ich von ihnen angegriffen werde, fahre,

in der Einbildung, mich verteidigen zu müssen, mir selbst ins Gesicht

mit meinen spitzen Waffen und verwunde kläglich das holde Antlitz. -- Man

wird auch wohl im edeln Selbstgefühl etwas mißtrauisch, aber es kann

nicht anders sein. Hielt ich es doch neulich für einen versteckten

Angriff auf meine Tugend und Vortrefflichkeit, als der junge Ponto mit

mehreren Pudeljünglingen auf der Straße über die neuesten Erscheinungen

des Tages sprach, ohne meiner zu erwähnen, unerachtet ich doch kaum

sechs Schritte von ihm an der Kellerluke meiner Heimat saß. Nicht wenig

ärgerte es mich, daß der Fant, als ich ihm darüber Vorwürfe machte,

behaupten wollte, er habe mich wirklich gar nicht bemerkt.

Doch es ist Zeit, daß ich Euch, mir verwandte Seelen einer schönern

Nachwelt, -- o ich wollte, diese Nachwelt befände sich schon mitten in

der Gegenwart, und hätte gescheute Gedanken über Murrs Größe, und

spräche diese Gedanken laut aus, mit so heller Stimme, daß man nichts

anderes vernehmen könnte vor dem lauten Geschrei, -- ja, daß Ihr etwas

weiteres davon erfahrt, was sich mit Eurem Murr zutrug in seinen

Jünglingsjahren. Paßt auf gute Seelen, ein merkwürdiger Lebenspunkt

tritt ein. --

Des Märzen Idus war angebrochen, die schönen milden Strahlen der

Frühlingssonne fielen auf das Dach, und ein sanftes Feuer durchglühte

mein Inneres. Schon seit ein paar Tagen hatte mich eine unbeschreibliche

Unruhe, eine unbekannte, wunderbare Sehnsucht geplagt, -- jetzt wurde

ich ruhiger, doch nur um bald in einen Zustand zu geraten, den ich

niemals geahnt! --

Aus einer Dachluke, unfern von mir, stieg leis und linde ein Geschöpf

heraus, -- o, daß ich es vermöchte, die Holdeste zu malen! -- Sie war

ganz weiß gekleidet, nur ein kleines schwarzes Samtkäppchen bedeckte die

niedliche Stirn, so wie sie auch schwarze Strümpfchen an den zarten

Beinen trug. Aus dem lieblichsten Grasgrün der schönsten Augen funkelte

ein süßes Feuer, die sanften Bewegungen der feingespitzten Ohren ließen

ahnen, daß Tugend in ihr wohne und Verstand, so wie das wellenförmige

Ringeln des Schweifes hohe Anmut aussprach und weiblichen Zartsinn! --

Das holde Kind schien mich nicht zu erschauen, es blickte in die Sonne,

blinzelte und nieste. -- O der Ton durchbebte mein Innerstes mit süßen

Schauern, meine Pulse schlugen -- mein Blut wallte siedend durch alle

Adern, -- mein Herz wollte zerspringen, -- alles unnennbar schmerzliche

Entzücken, das mich außer mir selbst setzte, strömte heraus in dem lang

gehaltenen Miau! -- das ich ausstieß. Schnell wandte die Kleine den Kopf

nach mir, blickte mich an, Schreck, kindliche süße Scheu in den Augen.

-- Unsichtbare Pfoten rissen mich hin zu ihr mit unwiderstehlicher

Gewalt -- aber, sowie ich auf die Holde lossprang, um sie zu erfassen,

war sie, schnell wie der Gedanke, hinter dem Schornstein verschwunden!

-- Ganz Wut und Verzweiflung rannte ich auf dem Dache umher, und stieß

die kläglichsten Töne aus, alles umsonst -- sie kam nicht wieder! -- Ha

welcher Zustand! -- mir schmeckte kein Bissen, die Wissenschaften

ekelten mich an, ich mochte weder lesen noch schreiben. -- Himmel! rief

ich andern Tages aus, als ich die Holde überall gesucht, auf dem Dache,

auf dem Boden, in dem Keller, in allen Gängen des Hauses, und nun

trostlos heim kehrte, als, da ich die Kleine beständig in Gedanken, mich

nun selbst der Bratfisch, den mir der Meister vorgesetzt, aus der

Schüssel anstarrte mit ihren Augen, so daß ich laut rief im Wahnsinn des

Entzückens: bist du es, Langersehnte und ihn auffraß mit einem Schluck;

ja da rief ich: Himmel o Himmel! sollte das Liebe sein? Ich wurde

ruhiger, ich beschloß als ein Jüngling von Erudition mich über meinen

Zustand ganz ins klare zu setzen, und begann sogleich, wiewohl mit

Anstrengung, den Ovid _de arte amandi_ durchzustudieren, sowie Manso's

Kunst zu lieben, aber keines von den Kennzeichen eines Liebenden, wie es

in diesen Werken angegeben, wollte recht auf mich passen. Endlich fuhr

es mir plötzlich durch den Sinn, daß ich in irgend einem Schauspiel[B]

gelesen, ein gleichgültiger Sinn und ein verwilderter Bart seien sichere

Kennzeichen eines Verliebten! -- Ich schaute in einen Spiegel, Himmel

mein Bart war verwildert! -- Himmel mein Sinn war gleichgültig!

[Fußnote B: Der Kater meint Shakespeares: Wie es Euch gefällt, dritter

Aufzug, zweite Szene. A. d. H.]

Da ich nun wußte, daß es seine Richtigkeit hatte mit meinem

Verliebtsein, kam Trost in meine Seele. Ich beschloß, mich gehörig mit

Speis' und Trank zu stärken, und dann die Kleine aufzusuchen, der ich

mein ganzes Herz zugewandt. Eine süße Ahnung sagte mir, daß sie vor der

Türe des Hauses sitze, ich stieg die Treppe hinab, und fand sie

wirklich! -- O welch ein Wiedersehen! -- wie wallte in meiner Brust das

Entzücken, die unnennbare Wonne des Liebesgefühls. -- Miesmies, so wurde

die Kleine geheißen, wie ich von ihr später erfuhr, Miesmies saß da in

zierlicher Stellung auf den Hinterfüßen, und putzte sich, indem sie mit

den Pfötchen mehrmals über die Wangen, über die Ohren fuhr. Mit welcher

unbeschreiblichen Anmut besorgte sie vor meinen Augen das, was

Reinlichkeit und Eleganz erfordern, sie bedurfte nicht schnöder

Toiletten-Künste, um die Reize, die ihr die Natur verliehen, zu erhöhen!

Bescheidner als das erste Mal nahte ich mich ihr, setzte mich zu ihr

hin! -- Sie floh nicht, sie sah mich an mit forschendem Blick, und

schlug dann die Augen nieder. -- Holdeste, begann ich leise, sei mein!

-- »Kühner Kater, erwiderte sie verwirrt, wer bist du? Kennst du mich

denn? -- Wenn du aufrichtig bist, so wie ich, und wahr, so sage und

schwöre mir, daß du mich wirklich liebst!« -- O rief ich begeistert, ja

bei den Schrecken des Orkus, bei dem heiligen Mond, bei allen sonstigen

Sternen und Planeten, die künftige Nacht scheinen werden, wenn der

Himmel heiter, schwöre ich dir's, daß ich dich liebe! -- Ich dich auch,

lispelte die Kleine, und neigte in süßer Verschämung das Haupt mir zu.

Ich wollte sie voll Inbrunst umpfoten, da sprangen aber mit teuflischem

Geknurre zwei riesige Kater auf mich los, zerbissen, zerkratzten mich

kläglich, und wälzten mich zum Überfluß noch in die Gosse, so daß das

schmutzige Spülwasser über mich zusammenschlug.

Kaum konnt' ich mich aus den Krallen der mordlustigen Bestien retten,

die meinen Stand nicht achteten; mit vollem Angstgeschrei lief ich die

Treppe hinauf. Als der Meister mich erblickte, rief er, laut lachend:

Murr, Murr, wie siehst du aus? Ha ha! ich merke schon, was geschehen,

du hast Streiche machen wollen, wie der im Irrgarten der Liebe

herumtaumelnde Kavalier, und dabei ist's dir übel ergangen! -- Und

dabei brach der Meister zu meinem nicht geringen Verdruß aufs neue aus

in ein schallendes Gelächter. Der Meister hatte ein Gefäß mit lauwarmem

Wasser füllen lassen, darein stülpte er mich ohne Umstände einigemal

ein, so daß mir vor Niesen und Prusten Hören und Sehen verging, wickelte

mich dann fest in Flanell ein, und legte mich in meinen Korb.

Ich war beinahe besinnungslos vor Wut und Schmerz, ich vermochte kein

Glied zu rühren. Endlich wirkte die Wärme wohltätig auf mich, ich fühlte

meine Gedanken sich ordnen. »Ha, klagte ich, welch neue bittere

Täuschung des Lebens! -- Das ist also die Liebe, die ich schon so

herrlich besungen, die das Höchste sein, die uns mit namenloser Wonne

erfüllen, die uns in den Himmel tragen soll! -- Ha! -- mich hat sie in

die Gosse geworfen! -- ich entsage einem Gefühl, das mir nichts

eingebracht als Bisse, ein abscheuliches Bad, und niederträchtige

Einmummung in schnöden Flanell! -- Aber kaum war ich wieder in Freiheit

und genesen, als aufs neue Miesmies mir unaufhörlich vor Augen stand,

und ich, jener ausgestandenen Schmach wohl eingedenk, zu meinem

Entsetzen gewahrte, daß ich noch in Liebe. Mit Gewalt nahm ich mich

zusammen, und las als ein vernünftiger gelehrter Kater den Ovid nach, da

ich mich wohl erinnerte, in der _Ars amandi_ auch auf Rezepte =gegen= die

Liebe gestoßen zu sein.

Ich las die Verse:

_Venus otia amat. Qui finem quaeris amoris

Cedit amor rebus; res age, tutus eris;_

Mit neuem Eifer wollt' ich mich dieser Vorschrift gemäß in die

Wissenschaften vertiefen, aber Miesmies hüpfte auf jedem Blatte mir vor

den Augen, Miesmies dachte -- las -- schrieb ich! -- Der Autor, dacht'

ich muß andere Arbeit meinen, und da ich von andern Katern gehört, daß

die Mäusejagd ein ungemein angenehmes zerstreuendes Vergnügen sein

solle, war es ja möglich, das unter den rebus auch die Mäusejagd

begriffen sein konnte. Ich begab mich daher, sowie es finster worden, in

den Keller, und durchstrich die düstern Gänge indem ich sang: »Im Walde

schlich ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr --«

Ha! -- statt des Wildes, das ich zu jagen trachtete, schaute ich aber

wirklich ihr holdes Bild, aus den tiefen Gründen trat es wirklich

überall hervor! Und dabei zerschnitt der herbe Liebesschmerz mein nur zu

leicht verwundbar Herz! Und ich sprach: Lenk auf mich die holden Blicke,

Jungfräulichen Morgenschein, Und als Braut und Bräut'gam wandeln Murr

und Miesmies selig heim. Also sprach ich, freud'ger Kater, Hoffend auf

des Sieges Preis. -- Armer! mit verhüllten Augen floh die scheue Katz

dachein! -- So geriet ich Bedaurenswürdiger immer mehr und mehr in

Liebe, die ein feindlicher Stern mir zum Verderben in meiner Brust

entzündet zu haben schien. Wütend, mich auflehnend gegen mein Schicksal,

fiel ich auf's neue her über den Ovid und las die Verse:

_Exige quod cantet, si qua est sine voce puella,

Non didicit chordas tangere, posce lyram._

Ha, rief ich zu ihr hinauf auf's Dach; -- Ha ich werde sie wiederfinden

die süße Huldin, da, wo ich sie zum erstenmal erblickte aber singen soll

sie, ja singen, und bringt sie nur eine einzige falsche Note heraus,

dann ist's vorbei, dann bin ich geheilt, gerettet. -- Der Himmel war

heiter, und der Mond bei dem ich der holden Miesmies Liebe zugeschworen,

schien wirklich, als ich auf das Dach stieg, um sie zu erlauern. Lange

gewahrte ich sie nicht, und meine Seufzer wurden laute Liebesklagen.

Ich stimmte endlich ein Liedlein an im wehmütigsten Ton, ungefähr

folgendermaßen:

Rauschende Wälder, flüsternde Quellen

Strömender Ahnung spielende Wellen

Mit mir o klaget!

Saget o saget!

Miesmies die Holde, wo ist sie gegangen,

Jüngling in Liebe, Jüngling wo hat er,

Miesmies die süße Huldin umfangen?

Tröstet den Bangen.

Tröstet den gramverwilderten Kater!

Mondschein o Mondschein,

Sag' mir wo thront mein

Artiges Kindlein, liebliches Wesen!

Wütender Schmerz kann niemals genesen!

Trostloser liebender kluger Berater,

Eil ihn zu retten

Von Liebesketten!

Hilf ihm, o hilf dem verzweifelnden Kater.

Seht ein, geliebte =Leser=! daß ein wackerer Dichter weder sich im

rauschenden Walde befinden, noch an einer flüsternden Quelle sitzen

darf, ihm strömen der Ahnung spielende Wellen doch zu, und in diesen

Wellen erschaut er doch alles, =was= er will, und kann davon singen wie er

will. Sollte jemand über die hohe Vortrefflichkeit obiger Verse zu sehr

in Erstaunen geraten, so will ich bescheiden ihn darauf aufmerksam

machen, daß ich mich in der Ekstase befand, in verliebter Begeisterung,

und nun weiß jeder, daß jedem, der von dem Liebesfieber ergriffen,

konnt' er auch sonst kaum Wonne auf Sonne, und Triebe auf Liebe reimen,

konnt' er, sag' ich, auf diese nicht ganz ungewöhnlichen Reime trotz

aller Anstrengung, sich durchaus nicht besinnen, plötzlich das Dichten

ankommt und er die vortrefflichsten Verse heraussprudeln muß, wie einer,

der vom Schnupfen befallen, unwiderstehlich ausbricht in schreckliches

Niesen. Wir haben dieser Ekstase prosaischer Naturen schon viel

Vortreffliches zu verdanken, und schön ist es, daß oft dadurch

menschliche Miesmiese von nicht sonderlicher beauté auf einige Zeit

einen herrlichen Ruf erhielten. Geschieht das nun am dürren Holz, was

muß sich am grünen begeben? -- Ich meine, werden schon hündische

Prosaiker, bloß durch die Liebe umgesetzt in Dichter, was muß erst

wirklichen Dichtern geschehen in diesem Stadium des Lebens? -- Nun!

weder im rauschenden Walde saß ich, noch an flüsternder Quelle, ich saß

auf einem kahlen, hohen Dache, das bißchen Mondschein war kaum zu

rechnen, und doch flehte ich in jenen meisterhaften Versen, Wälder und

Quellen und Wellen, und zuletzt meinen Freund Ovid an, mir zu helfen,

mir beizustehen in der Liebesnot. Etwas schwer wurde es mir, Reime zu

den Namen meines Geschlechts zu finden, den gewöhnlichen Vater wußte ich

selbst in der Begeisterung nicht anzubringen. Daß ich aber wirklich

Reime fand, bewies mir auf's neue den Vorzug meines Geschlechts vor dem

menschlichen, da auf das Wort Mensch sich bekanntlich nichts reimt,

weshalb, wie schon irgend ein Witzbold von Theaterdichter bemerkt hat,

der Mensch ein ungereimtes Tier ist. Ich bin dagegen ein gereimtes.

-- Nicht vergebens hatte ich die Töne der schmerzhaften Sehnsucht

angeschlagen, nicht vergebens Wälder, Quellen, den Mondschein

beschworen, mir die Dame meiner Gedanken zuzuführen, hinter dem

Schornstein kam die Holde daherspaziert mit leichten, anmutigen

Schritten. »Bist du es, lieber Murr, der so schön singt?« So rief mir

Miesmies entgegen. Wie, erwiderte ich mit freudigem Erstaunen, du kennst

mich, süßes Wesen? »Ach, ja wohl, sprach sie, du gefielst mir gleich

beim ersten Blick, und es hat mir in der Seele weh getan, daß meine

beiden unartigen Vettern dich so unbarmherzig in die Gosse« -- Schweigen

wir, unterbrach ich sie, von der Gosse, bestes Kind -- o sage mir, ob du

mich liebst? -- »Ich habe mich, sprach Miesmies weiter, nach deinen

Verhältnissen erkundigt, und erfahren, daß du Murr hießest, und bei

einem sehr gütigen Mann nicht allein dein reichliches Auskommen hättest,

sondern auch alle Bequemlichkeiten des Lebens genössest, ja, diese wohl

mit einer zärtlichen Gattin teilen könntest! -- o ich liebe dich sehr,

guter Murr! -- Himmel, rief ich im höchsten Entzücken, ist es möglich,

ist es Traum, ist es Wahrheit? -- O halte dich, -- halte dich Verstand,

schnappe nicht über! -- Ha! bin ich noch auf der Erde? -- sitze ich noch

auf dem Dache? -- schwebe ich noch in den Wolken? Bin ich noch der Kater

Murr, bin ich nicht der Mann im Monde? -- Komm an meinen Busen Geliebte

-- doch sage mir erst deinen Namen Schönste. -- Ich heiße Miesmies,

erwiderte die Kleine süß lispelnd in holder Verschämtheit, und setzte

sich traulich neben mir hin. Wie schön sie war! Silbern glänzte ihr

weißer Pelz im Mondschein, in sanftem, schmachtendem Feuer funkelten die

grünen Äuglein. Du --

=(Mak. Bl.)= -- Hättest, geliebter Leser, das freilich schon etwas früher

erfahren können, aber der Himmel gebe, daß ich nicht noch mehr

querfeldein springen muß, als es bis jetzt schon geschehen. -- Also, wie

gesagt, dem Vater des Prinzen Hektor war es ebenso ergangen wie dem

Fürsten Irenäus: er hatte, selbst wußte er nicht wie, sein Ländlein aus

der Tasche verloren. Prinz Hektor, der zu nichts Wenigerem aufgelegt,

als zum stillen, friedlichen Leben, der, unerachtet ihm der Fürstenstuhl

unter den Beinen weggezogen, doch gern aufrecht stehen, und statt zu

regieren, wenigstens kommandieren wollte, nahm französische Dienste, war

ungemein tapfer, ging aber, als ihn eines Tages ein Zittermädel

anplärrte: Kennst du das Land, wo die Zitronen glühn? sofort nach dem

Lande, wo dergleichen Zitronen wirklich glühn, das heißt nach Neapel,

und zog statt der französischen Uniform eine neapolitanische Uniform an.

Er wurde nämlich so geschwinde General, wie es nur irgendeinem Prinzen

geschehen kann. -- Als der Vater des Prinzen Hektor gestorben, schlug

Fürst Irenäus das große Buch auf, worin er selbst sämtliche fürstliche

Häupter in Europa verzeichnet, und notierte den erfolgten Tod seines

fürstlichen Freundes und Gefährten im Malheur. Nachdem dies geschehen,

schaute er lange den Namen des Prinzen Hektor an, rief dann sehr laut:

Prinz Hektor! und klappte den Folianten so heftig zu, daß der

Hofmarschall entsetzt drei Schritte zurückprallte. Nun stand der Fürst

auf, ging langsam im Zimmer auf und ab, und schnupfte so viel Spaniol,

als nötig, um eine ganze Welt von Gedanken in Ordnung zu bringen. Der

Hofmarschall sprach viel von dem seligen Herrn, der nächst vielen

Reichtümern ein aimables Herz besessen, vom jungen Prinzen Hektor, der

vergöttert werde in Neapel von dem Monarchen und der Nation usw. Fürst

Irenäus schien das alles nicht zu beachten, er blieb plötzlich dicht vor

dem Hofmarschall stehen, schaute ihn an mit dem entsetzlichen

Friedrichsblick, sprach sehr stark: _Peutêtre_! und verschwand in das

Nebenkabinett.

Gott, sprach der Hofmarschall, der gnädigste Fürst haben gewiß die

konsiderabelsten Gedanken, vielleicht gar Pläne.

Es war dem so. -- Fürst Irenäus dachte an den Reichtum des Prinzen, an

seine Verwandtschaft mit mächtigen Häuptern, er rief sich die

Überzeugung in's Gedächtnis, daß Prinz Hektor gewiß noch den Degen mit

dem Zepter vertauschen werde, und ihm kam der Gedanke, daß die

Vermählung des Prinzen mit der Prinzessin Hedwiga von den

ersprießlichsten Folgen sein könne. Ganz im geheimsten Geheim mußte der

Kammerherr, den der Fürst sogleich absandte, um dem Prinzen seinerseits

namhaftes Beileid über den Tod des Vaters zu bezeigen, das bis auf die

Farbe der Haut wohlgetroffene Miniaturbild der Prinzessin in die Tasche

stecken. -- Es ist hier zu bemerken, daß die Prinzessin in der Tat eine

vollendete Schönheit zu nennen gewesen, hätte ihre Haut weniger in's

Gelbe gespielt. Daher war ihr die Beleuchtung des Kerzenscheins günstig.

--

Der Kammerherr richtete den geheimen Auftrag des Fürsten -- niemanden,

selbst nicht der Fürstin, hatte dieser das mindeste von seiner Absicht

vertraut, -- sehr geschickt aus. Als der Prinz das Gemälde sah, geriet

er beinahe in dieselbe Ekstase, wie sein prinzlicher Kollege in der

Zauberflöte. Wie Tamino hätte er beinahe, wenn auch nicht gesungen, doch

gerufen: »dies Bildnis ist bezaubernd schön, und dann weiter: soll die

Empfindung Liebe sein, ja, ja die Liebe ist's allein!« -- Bei Prinzen

ist es sonst eben nicht die Liebe allein, die sie streben läßt nach der

Schönsten, indessen dachte Prinz Hektor gerade nicht an andere

Verhältnisse, als er sich hinsetzte und an den Fürsten Irenäus schrieb:

es möge ihm vergönnet sein, sich um Herz und Hand der Prinzessin Hedwiga

zu bewerben.

Fürst Irenäus antwortete, daß, da er mit Freuden in eine Vermählung

willige, die er schon seines verstorbenen fürstlichen Freundes halber

aus dem Grunde des Herzens wünsche, es gar keiner weitern Bewerbung

eigentlich bedürfe. Da aber die Form sauviert werden müsse, möge der

Prinz einen artigen Mann von dem gehörigen Stande nach Sieghartsweiler

senden, den er ja auch gleich mit Vollmacht versehen könne, die Trauung

zu vollziehen, und nach altem schönem Herkommen, gestiefelt und

gespornt, den Bettsprung zu unternehmen. Der Prinz schrieb zurück: Ich

komme selbst, mein Fürst! --

Dem Fürsten war das nicht recht, er hielt die Trauung durch einen

Bevollmächtigten für schöner, erhabner, fürstlicher, hatte sich im

Innersten auf das Fest gefreut, und beruhigte sich nur damit, daß vor

dem Beilager ein großes Ordensfest gefeiert werden könne. Er wollte

nämlich das Großkreuz eines Hausordens, den sein Vater gestiftet hatte,

und den kein Ritter mehr trug, nicht tragen durfte, dem Prinzen umhängen

auf die solenneste Weise.

Prinz Hektor kam also nach Sieghartsweiler, um die Prinzessin Hedwiga

heimzuführen, und nebenher das Großkreuz eines verschollenen Hausordens

zu erhalten. Es schien ihm erwünscht, daß der Fürst seine Absicht geheim

gehalten, er bat vorzüglich, rücksichts Hedwiga's in diesem Schweigen zu

verharren, da er erst der vollen Liebe Hedwiga's versichert sein müsse,

ehe er mit seiner Bewerbung hervortreten könne.

Der Fürst verstand nicht recht, was der Prinz damit sagen wollte, und

meinte, daß, so viel er wisse und sich erinnere, diese Form, was nämlich

die Versicherung der Liebe vor dem Beilager beträfe, in fürstlichen

Häusern niemals üblich gewesen sei. Verstehe der Prinz aber darunter

weiter nichts, als die Äußerung eines gewissen Attachements, so dürfe

das vorzüglich während des Brautstandes wohl eigentlich nicht

stattfinden, könne aber, da doch die leichtsinnige Jugend über alles,

was die Etikette gebiete, hinwegzuspringen geneigt, ja in der Kürze

abgemacht werden, drei Minuten vor dem Ringewechseln. Herrlich und

erhaben wär's freilich, wenn das fürstliche Brautpaar in diesem

Augenblick einigen Abscheu gegeneinander bewiese, leider wären aber

diese Regeln des höchsten Anstandes in neuester Zeit zu leeren Träumen

geworden.

Als der Prinz Hedwiga zum erstenmal erblickte, flüsterte er seinem

Adjutanten in, den andern unverständlichem, neapolitanischen Dialekt zu:

bei allen Heiligen! sie ist schön, aber unfern des Vesuvs geboren, und

sein Feuer blitzt aus ihren Augen.

Prinz Ignaz hatte sich bereits sehr angelegentlich erkundigt, ob es in

Neapel schöne Tassen gebe, und wieviel davon Prinz Hektor besitze, so

daß dieser, durch die ganze Tonleiter der Begrüßungen durchgestiegen,

sich wieder zu Hedwiga wenden wollte, als die Türen sich öffneten, und

der Fürst den Prinzen einlud zu der Prachtszene, die er durch

Zusammenberufung sämtlicher Personen, welche nur im mindesten was

Hoffähiges an und in sich trugen, im Prunksaal bereitet. Er war diesmal

in dem Auswählen weniger strenge gewesen als sonst, da der Zirkel in

Sieghartshof eigentlich für eine Landpartie zu achten. Auch die Benzon

war zugegen mit Julien.

Prinzessin Hedwiga war still, in sich gekehrt, teilnahmlos, sie schien

den schönen Fremdling aus dem Süden nicht mehr, nicht weniger zu

beachten, als jede andere neue Erscheinung am Hofe, und fragte ziemlich

mürrisch ihr Hoffräulein, die rotwangige Nannette, ob sie närrisch

geworden, als diese nicht aufhören konnte, ihr in's Ohr zu flüstern, der

fremde Prinz sei doch gar zu hübsch und eine schönere Uniform habe sie

zeit ihres Lebens nicht gesehen.

Prinz Hektor entfaltete nun vor der Prinzessin den bunten prahlenden

Pfauenschweif seiner Galanterie, sie, beinahe verletzt durch den

Ungestüm seiner süßlichen Verzücktheit, fragte nach Italien, nach

Neapel. Der Prinz gab ihr die Beschreibung eines Paradieses, in dem sie

als herrschende Göttin wandelte. Er bewährte sich als ein Meister in der

Kunst, zu der Dame so zu sprechen, daß alles, alles sich gestaltet, als

ein Hymnus, der ihre Schönheit, ihre Anmut preiset. Mitten aus diesem

Hymnus sprang aber die Prinzessin heraus, und hin zu Julien, die sie in

der Nähe gewahrte. Die drückte sie an ihre Brust, nannte sie mit tausend

zärtlichen Namen, rief, das ist meine liebe, liebe Schwester, meine

herrliche, süße Julia! als der Prinz etwas betroffen über Hedwiga's

Flucht, hinzutrat. Der Prinz heftete einen langen, seltsamen Blick auf

Julien, so daß diese, über und über errötend, die Augen niederschlug,

und sich scheu zur Mutter wandte, die hinter ihr stand. Aber die

Prinzessin umarmte sie auf's Neue und rief: »Meine liebe, liebe Julia«,

und dabei traten ihr die Tränen in die Augen. Prinzessin, sprach die

Benzon leise, warum dieses krampfhafte Benehmen? Die Prinzessin, ohne

die Benzon zu beachten, drehte sich zu dem Prinzen, dem wirklich über

alles das der Strom der Rede versiegt, und war sie erst still, ernst,

mißmütig gewesen, so schweifte sie beinahe jetzt aus in seltsamer,

krampfhafter Lustigkeit. Endlich ließen die zu stark gespannten Saiten

nach, und die Melodien, die nun aus ihrem Innern heraustönten, waren

weicher, milder, jungfräulich zarter. Sie war liebenswürdiger als

jemals, und der Prinz schien ganz und gar hingerissen. Endlich begann

der Tanz. Der Prinz, nachdem mehrere Tänze gewechselt, erbot sich, einen

neapolitanischen Nationaltanz anzuführen, und es gelang ihm bald, den

Tanzenden die volle Idee davon zu geben, so daß sich alles gar artig

fügte, und selbst der leidenschaftlich zärtliche Charakter des Tanzes

gut hervortrat.

Niemand hatte aber eben diesen Charakter so ganz begriffen, als Hedwiga,

die mit dem Prinzen tanzte. Sie verlangte die Wiederholung, und als der

Tanz zum zweitenmal geendet, bestand sie, des Mahnens der Benzon, die

auf ihren Wangen schon die verdächtige Blässe wahrnahm, nicht achtend,

darauf, zum drittenmal den Tanz auszuführen, der ihr nun erst recht

gelingen werde. Der Prinz war entzückt. Er schwebte hin mit Hedwiga, die

in jeder Bewegung die Anmut selbst schien. Bei einer der vielen

Verschlingungen, die der Tanz gebot, drückte der Prinz die Holde

stürmisch an die Brust, aber in demselben Augenblicke sank auch Hedwiga

entseelt in seinen Armen zusammen. --

Der Fürst meinte, eine unschicklichere Störung eines Hofballes könne es

nicht geben, und nur das Land entschuldige vieles. --

Prinz Hektor hatte selbst die Ohnmächtige in ein benachbartes Zimmer auf

ein Sofa getragen, wo ihr die Benzon die Stirne rieb mit irgendeinem

starken Wasser, das der Leibarzt zur Hand gehabt. Dieser erklärte

übrigens die Ohnmacht für einen Nervenzufall, den die Erhitzung des

Tanzes veranlaßt, und der sehr bald vorübergehen werde.

Der Arzt hatte recht, nach wenigen Sekunden schlug die Prinzessin mit

einem tiefen Seufzer die Augen auf. Der Prinz, sobald er vernommen, die

Prinzessin habe sich erholt, drang durch den dichten Kreis der Damen,

von dem sie umschlossen, kniete nieder bei dem Sofa, klagte sich bitter

an, daß er allein schuld sei an dem Begegnis, das ihm das Herz

durchschneide. Sowie die Prinzessin ihn aber erblickte, rief sie mit

allen Zeichen des Abscheues: Fort, fort, und sank auf's Neue in

Ohnmacht.

Kommen Sie, sprach der Fürst, indem er den Prinzen bei der Hand

erfaßte, kommen Sie, bester Prinz, Sie wissen nicht, daß die Prinzessin

oft an den seltsamsten Reverien leidet. Weiß der Himmel, auf welche

sonderbare Weise Sie ihr in diesem Augenblick erschienen sind!

-- Imaginieren Sie sich, bester Prinz, schon als Kind -- _entre nous soit

dit_! -- hielt mich einmal die Prinzessin einen ganzen Tag hindurch für

den Großmogul, und prätendierte, ich solle in Samtpantoffeln ausreiten,

wozu ich mich auch endlich entschloß, wiewohl nur im Garten.

Prinz Hektor lachte dem Fürsten ohne Umstände in's Gesicht, und rief

nach dem Wagen.

Die Benzon mußte, so wollt' es die Fürstin aus Besorgnis für Hedwiga,

mit Julien im Schlosse bleiben. Sie wußte, welche psychische Macht sonst

die Benzon über die Prinzessin übte, und ebenso, daß dieser psychischen

Macht auch Krankheitszufälle der Art zu weichen pflegten. In der Tat

geschah es auch diesmal, daß Hedwiga in ihrem Zimmer sich bald erholte,

als die Benzon ihr unermüdlich zugeredet mit sanften Worten. Die

Prinzessin behauptete nichts Geringeres, als daß im Tanzen der Prinz

sich in ein drachenartiges Ungeheuer verwandelt, und mit spitzer,

glühender Zunge ihr einen Stich ins Herz gegeben habe. »Gott behüte,

rief die Benzon, am Ende ist Prinz Hektor gar das _mostro turchino_ aus

der Gozzischen Fabel! -- Welche Einbildungen! zuletzt wird es sich so

begeben, wie mit Kreisler, den Sie für einen bedrohlichen Wahnsinnigen

hielten!« -- »Nimmermehr, rief die Prinzessin heftig, und setzte dann

lachend hinzu: wahrhaftig, ich wollte nicht, daß mein guter Kreisler

sich so plötzlich in das _mostro turchino_ verwandelte, wie Prinz Hektor!«

--

Als am frühsten Morgen die Benzon, die bei der Prinzessin gewacht, in

Juliens Zimmer trat, kam ihr diese entgegen, erblaßt, übernächtig, das

Köpfchen gehängt, wie eine kranke Taube. »Was ist Dir, Julie«, rief ihr

die Benzon, die nicht gewohnt, die Tochter in solchem Zustande zu sehen,

erschrocken entgegen. »Ach Mutter«, sprach Julie ganz trostlos, »ach

Mutter, niemals mehr in diese Umgebungen; mein Herz erbebt, wenn ich an

die gestrige Nacht denke. -- Es ist etwas Entsetzliches in diesem

Prinzen; als er mich anblickte, ich kann Dir's nicht beschreiben, was in

meinem Innern vorging. -- Ein Blitzstrahl fuhr tötend aus diesen dunklen,

unheimlichen Augen, von dem getroffen ich Ärmste vernichtet werden

konnte. -- Lache mich nicht aus, Mutter, aber es war der Blick des

Mörders, der sein Opfer erkoren, das mit der Todesangst getötet wird,

noch ehe der Dolch gezückt! -- Ich wiederhol' es, ein ganz fremdes

Gefühl, ich vermag es nicht zu nennen, bebte wie ein Krampf mir durch

alle Glieder! -- Man spricht von Basilisken, deren Blick, ein giftiger

Feuerstrahl, augenblicklich tötet, wenn man es wagt, sie anzuschauen.

Der Prinz mag solchem bedrohlichen Untier gleichen.«

»Nun, rief die Benzon laut lachend, muß ich in der Tat glauben, daß es

mit dem _mostro turchino_ seine Richtigkeit hat, da der Prinz, ist er

gleich der schönste, liebenswürdigste Mann, zweien Mädchen erschienen

ist als Drache, als Basilisk. Der Prinzessin traue ich die tollsten

Einbildungen zu, aber daß meine ruhige sanfte Julie, mein süßes Kind,

sich hingeben sollte, närrischen Träumen.« -- Und Hedwiga, unterbrach

Julie die Benzon, ich weiß nicht, welch' eine böse feindliche Macht sie

losreißen von meinem Herzen, ja mich hineinstürzen will in den Kampf

einer fürchterlichen Krankheit, der in ihrem Innern wütet! -- Ja,

Krankheit nenne ich der Prinzessin Zustand, gegen den die Ärmste nichts

vermag. Als sie gestern sich schnell abwandte von dem Prinzen, als sie

mich liebkoste, umarmte, da fühlte ich, wie sie in Fieberhitze glühte.

Und dann das Tanzen, das entsetzliche Tanzen! Du weißt Mutter, wie ich

die Tänze hasse, in denen es den Männern vergönnt, uns zu umschlingen.

-- Es ist mir, als müßten wir in dem Augenblick alles aufgeben, was

Sitte und Anstand erfordern und den Männern eine Übermacht einräumen,

die wenigstens den zartfühlenden unter ihnen unerfreulich bleiben wird.

-- Und nun Hedwiga, die nicht aufhören konnte, jenen südlichen Tanz zu

tanzen, der mir, je länger er dauerte, desto abscheulicher schien.

Rechte teuflische Schadenfreude war es, die aus den Augen des Prinzen

blitzte --«

»Närrin, sprach die Benzon, was fällt Dir alles ein! -- Doch! -- ich kann

Deine Gesinnung über das alles nicht tadeln, bewahre sie treulich, aber

sei nicht ungerecht gegen Hedwiga, denke überhaupt gar nicht weiter

nach, was mit ihr ist und mit dem Prinzen, schlage es Dir aus dem Sinn!

-- Willst Du, so werd' ich dafür sorgen, daß Du eine Zeitlang weder

Hedwiga noch den Prinzen sehen darfst. Nein, Deine Ruhe soll nicht

gestört werden, mein gutes, liebes Kind! Komm an mein Herz!« -- Damit

umarmte die Benzon Julien mit aller mütterlicher Zärtlichkeit.

»Und, fuhr Julie fort, indem sie das glühende Antlitz an die Brust der

Mutter drückte, aus der entsetzlichen Unruhe, die ich empfand, mochten

auch wohl die seltsamen Träume kommen, die mich ganz verstört haben.«

»Was träumtest Du denn?« fragte die Benzon.

»Mir war's, sprach Julie weiter, ich wandle in einem herrlichen Garten,

in dem unter dichtem, dunklem Gebüsch Nachtviolen und Rosen

durcheinander blühten, und ihr süßes Aroma in die Lüfte streuten. Ein

wunderbarer Schimmer, wie Mondesglanz, ging auf in Ton und Gesang, und

wie er die Bäume, die Blumen mit goldnem Strahl berührte, bebten sie vor

Entzücken, und die Büsche säuselten und die Quellen flüsterten in

leisen, sehnsüchtigen Seufzern. Da gewahrte ich aber, daß ich selbst der

Gesang sei, der durch den Garten ziehe, doch sowie der Glanz der Töne

verbleiche, müsse ich auch vergehen in schmerzlicher Wehmut! -- Nun

sprach aber eine sanfte Stimme: nein! der Ton ist die Seligkeit und

keine Vernichtung, und ich halte Dich fest mit starken Armen, und in

Deinem Wesen ruht mein Gesang, der ist aber ewig wie die Sehnsucht! -- Es

war Kreisler, der vor mir stand und diese Worte sprach. Ein himmlisches

Gefühl von Trost und Hoffnung ging durch mein Inneres, und selbst wußte

ich nicht -- ich sage Dir alles, Mutter! -- ja selbst wußte ich nicht,

wie es kam, daß ich Kreislern an die Brust sank. Da fühlte ich

plötzlich, wie mich eiserne Arme fest umschlangen, und eine

entsetzliche, höhnende Stimme rief: Was sträubst Du Dich, Elende, Du

bist ja schon getötet und mußt nun mein sein. -- Es war der Prinz, der

mich festhielt. -- Mit einem lauten Angstgeschrei fuhr ich auf aus dem

Schlafe, ich warf mein Nachtkleid über, und lief an's Fenster, das ich

öffnete, da die Luft im Zimmer schwül und dunstig. In der Ferne gewahrte

ich einen Mann, der mit einem Perspektiv nach den Fenstern des Schlosses

schaute, dann aber die Allee hinabsprang auf seltsame, ich möchte sagen,

närrische Weise, indem er von beiden Seiten allerlei Entrechats und

andere Tänzerpas ausführte, mit den Armen in den Lüften herumfocht und,

wie ich zu vernehmen glaubte, laut dazu sang. Ich erkannte Kreislern,

und indem ich über sein Beginnen herzlich lachen mußte, kam er mir doch

vor, wie der wohltätige Geist, der mich schützen würde vor dem Prinzen.

Ja es war, als würde mir jetzt erst Kreislers inneres Wesen recht klar,

und ich sähe jetzt erst ein, wie sein schalkisch scheinender Humor, von

dem mancher sich oft verwundet fühle, aus dem treuesten, herrlichsten

Gemüte komme. Ich hätte hinablaufen in den Park, ich hätte Kreislern

alle Angst des entsetzlichen Traums klagen mögen! --«

»Das ist, sprach die Benzon ernst, ein einfältiger Traum und das

Nachspiel noch einfältiger! -- Du bedarfst der Ruhe, Julie, ein leichter

Morgenschlummer wird Dir wohltun, auch ich gedenke noch ein paar Stunden

zu schlafen.«

Damit verließ die Benzon das Zimmer und Julie tat, wie ihr geheißen.

Als sie erwachte, strahlte die Mittagssonne in die Fenster hinein, und

ein starker Duft von Nachtviolen und Rosen strömte durch das Zimmer.

»Was ist das; rief Julie voll Erstaunen, was ist das! -- mein Traum! --«

Doch wie sie sich umschaute, lag über ihr auf der Lehne des Sofas, auf

dem sie geschlafen, ein schöner Strauß jener Blumen! --

»Kreisler, mein lieber Kreisler,« sprach Julie sanft, nahm den Strauß,

und geriet in träumerisches Sinnen.

Prinz Ignaz ließ anfragen, ob es ihm nicht erlaubt sei, Julien ein

Stündchen zu sehen. Schnell kleidete sich Julie an, und eilte in das

Zimmer, wo Ignaz sie schon mit einem ganzen Korbe voll Porzellantassen

und chinesischer Puppen erwartete. Julie, das gute Kind, ließ es sich

gefallen, stundenlang mit dem Prinzen, der ihr tiefes Mitleid einflößte,

zu spielen. Kein Wort der Neckerei, oder wohl gar der Verachtung,

entschlüpfte ihr, wie es wohl andern bisweilen, vorzüglich der

Prinzessin Hedwiga, geschah, daher kam es, das dem Prinzen Julias

Gesellschaft über alles ging, und er sie oft gar seine kleine Braut

nannte. -- Die Tassen waren aufgestellt, die Puppen geordnet, Julie

hielt eben im Namen eines kleinen Harlekins eine Anrede an den Kaiser

von Japan (beide Püppchen standen einander gegenüber) als die Benzon

hereintrat.

Nachdem sie eine Weile dem Spiele zugeschaut, drückte sie Julien einen

Kuß auf die Stirn und sprach: »Du bist doch mein liebes, gutes Kind! --«

Es war späte Dämmerung eingebrochen. Julie, die, wie sie gewünscht, bei

der Mittagstafel nicht erscheinen dürfen, saß einsam in ihrem Zimmer und

erwartete die Mutter. Da schlichen leise Tritte hinan, die Türe öffnete

sich und totenbleich, mit starren Augen, in weißem Kleide, gespenstisch,

trat die Prinzessin hinein. »Julia, sprach sie leise und dumpf, Julia!

-- nenne mich töricht, ausgelassen -- wahnsinnig, aber entziehe mir nicht

Dein Herz, ich bedarf Deines Mitleids, Deines Trostes! -- Es ist nichts

als der Überreiz, die heillose Erschöpfung des abscheulichen Tanzes, die

mich krank gemacht hat, aber es ist vorüber, mir ist besser! -- Der

Prinz ist fort nach Sieghartsweiler! -- Ich muß in die Luft, laß uns

hinabwandeln in den Park! --«

Als beide, Julie und die Prinzessin, sich am Ende der Allee befanden,

strahlte ein helles Licht ihnen aus dem tiefsten Dickicht entgegen, und

sie vernahmen fromme Gesänge. »Das ist die Abendlitanei aus der

Marien-Kapelle,« rief Julia.

»Ja, sprach die Prinzessin, wir wollen hin, laß uns beten! -- bete Du

auch für mich, Julie! --«

»Wir wollen, erwiderte Julie, vom tiefsten Schmerz über der Freundin

Zustand ergriffen, wir wollen beten, daß nie ein böser Geist Macht habe

über uns, daß unser reines, frommes Gemüt nicht verstört werden möge

durch des Feindes Verlockung.«

Eben zogen, als die Mädchen bei der Kapelle angekommen, die am äußersten

Ende des Parks befindlich, die Landleute von dannen, die die Litanei vor

dem mit Blumen geschmückten, und mit vielen Lampen erleuchteten

Marienbilde gesungen. Sie knieten nieder in dem Betstuhl. Da begannen

die Sänger auf dem kleinen Chor, der zur Seite des Altars angebracht,

das _Ave maris stella_, das Kreisler erst vor kurzem komponiert.

Leise beginnend brauste der Gesang stärker und mächtiger auf in dem _dei

mater alma_, bis die Töne in dem _felix coeli porta_ dahinsterbend,

fortschwebten auf den Fittichen des Abendwindes.

Noch immer lagen die Mädchen auf den Knien, tief versunken in brünstige

Andacht. Der Priester murmelte Gebete, und aus weiter Ferne, wie ein

Chor von Engelstimmen aus dem nächtlichen verschleierten Himmel, hallte

der Hymnus: _O sanctissima_, den die hereinziehenden Sänger angestimmt.

Endlich erteilte ihnen der Priester den Segen. Da standen sie auf, und

fielen sich in die Arme. Ein namenloses Weh, aus Entzücken und Schmerz

gewoben, schien gewaltsam sich loswinden zu wollen aus ihrer Brust, und

Blutstropfen, dem wunden Herzen entquollen, waren die heißen Tränen, die

aus ihren Augen stürzten. »Das war =er=,« lispelte die Prinzessin leise.

»Er war's,« erwiderte Julie. -- Sie verstanden sich.

Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern · 第 16 / 27 题