aufsteige, und ihr schimmerndes Gold über ihn ausstreue. Der Choral der
Sänger, noch immer vernommen in der Stille der Nacht, schien
entgegenzuziehen dem Gewölk, das glühend aufflammte, und sich über den
Bergen lagerte, die Bahn des leuchtenden Gestirns bezeichnend, vor dem
die Sterne erblaßten.
»Ach, sprach Julia, was ist es denn, das uns so bewegt, das so mit
tausend Schmerzen unser Inneres durchschneidet? -- Horche doch nur, wie
das ferne Lied so tröstend zu uns herüberhallt? Wir haben gebetet, und
aus den goldnen Wolken sprechen fromme Geister zu uns herab von
himmlischer Seligkeit. --« »Ja, meine Julia, erwiderte die Prinzessin
ernst und fest, über den Wolken ist Heil und Seligkeit, und ich wollte,
daß ein Engel des Himmels mich hinauftrüge zu den Sternen, ehe mich die
finstere Macht erfaßte. Ich möchte wohl sterben, aber ich weiß es, dann
trügen sie mich in die fürstliche Gruft, und die Ahnherrn, die dort
begraben, würden es nicht glauben, daß ich gestorben bin, und erwachen
aus der Totenerstarrung zum entsetzlichen Leben, und mich hinaustreiben.
Dann gehörte ich ja aber weder den Toten an, noch den Lebendigen, und
fände nirgends Obdach.«
»Was sprichst Du, Hedwiga, um aller Heiligen willen, was sprichst Du?«
rief Julie erschrocken.
»Mir hat, fuhr die Prinzessin fort, in demselben festen, beinahe
gleichgültigen Ton beharrend, dergleichen einmal geträumt. Es kann aber
auch sein, daß ein bedrohlicher Ahnherr im Grabe zum Vampyr geworden,
der mir nun das Blut aussaugt. Davon mögen meine häufigen Ohnmachten
herrühren.«
»Du bist krank, rief Julia, sehr krank, Hedwiga, die Nachtluft schadet
Dir, laß uns forteilen.«
Damit umschlang sie die Prinzessin, die sich schweigend fortführen ließ.
Der Mond war nun hoch heraufgestiegen über den Geierstein, und in
magischer Beleuchtung standen die Büsche, die Bäume, und flüsterten und
rauschten, mit dem Nachtwinde kosend, in tausend lieblichen Weisen.
»Es ist doch schön, sprach Julie, o es ist doch schön auf der Erde,
beut uns die Natur nicht ihre herrlichsten Wunder dar wie eine gute
Mutter ihren lieben Kindern?« -- »Meinst Du? erwiderte die Prinzessin,
und fuhr dann nach einer Weile fort: Ich wollte nicht, daß Du mich erst
ganz verstanden hättest, und bitte, alles nur für den Erguß einer bösen
Stimmung zu halten. -- Du kennst noch nicht den vernichtenden Schmerz
des Lebens. Die Natur ist grausam, sie hegt und pflegt nur die gesunden
Kinder, die kranken verläßt sie, ja richtet bedrohliche Waffen gegen ihr
Dasein. -- Ha! Du weißt, daß mir sonst die Natur nichts war, als eine
Bildergalerie, hingestellt um die Kräfte des Geistes und der Hand zu
üben, aber jetzt ist es anders worden, da ich nichts fühle, nichts ahne,
als ihr Entsetzen. Ich möchte lieber in erleuchteten Sälen zwischen
bunter Gesellschaft wandeln, als einsam mit Dir in dieser mondhellen
Nacht. --
Julien wurde nicht wenig bange, sie bemerkte, wie Hedwiga immer
schwächer, erschöpfter wurde, so daß die Arme all' ihre geringe Kraft
anwenden mußte, um sie im Gehen aufrecht zu erhalten.
Endlich hatten sie das Schloß erreicht. Unfern desselben, auf der
steinernen Bank, die unter einem Hollunderbusch stand, saß eine
finstere, verhüllte Gestalt. Sowie Hedwiga diese gewahrte, rief sie voll
Freude: Dank der Jungfrau und allen Heiligen, da ist sie! und ging
plötzlich erkräftigt, und sich von Julien losmachend auf die Gestalt
los, die sich erhob, und mit dumpfer Stimme sprach: Hedwiga, mein armes
Kind! -- Julia gewahrte, daß die Gestalt eine von Kopf bis zu Fuß in
braune Gewänder gehüllte Frau war, die tiefen Schatten ließen die Züge
ihres Gesichts nicht erkennen. Von innern Schauern durchbebt, blieb
Julia stehen.
Beide, die Frau und die Prinzessin, ließen sich auf die Bank nieder. Die
Frau strich ihr sanft die Haarlocken von der Stirne, legte dann die
Hände darauf, und sprach langsam und leise in einer Sprache, die Julie
sich nicht erinnern konnte, jemals gehört zu haben. Nachdem dies einige
Minuten gewährt, rief die Frau Julien zu: Mädchen, eile nach dem Schloß,
rufe die Kammerfrauen, sorge, daß man die Prinzessin hineinschaffe! Sie
ist in sanften Schlaf gesunken, von dem sie gesund und froh erwachen
wird.
Julie, ihrem Erstaunen nicht einen Augenblick Raum gebend, tat schnell,
wie ihr geheißen.
Als sie mit den Kammerfrauen ankam, fand man die Prinzessin, sorgsam in
ihren Shawl eingehüllt, wirklich im sanften Schlaf, die Frau war
verschwunden.
Sage mir, sprach Julie am andern Morgen, als die Prinzessin ganz genesen
erwacht, und keine Spur innerer Zerrüttung sich zeigte, was Julie
befürchtet, sage mir um Gott, wer war die wunderbare Frau?
»Ich weiß es nicht, erwiderte die Prinzessin, ein einziges Mal in
meinem Leben habe ich sie gesehen. Du erinnerst Dich, wie ich einmal,
noch ein Kind, in eine tödliche Krankheit verfallen, so daß die Ärzte
mich aufgaben. Da saß sie in einer Nacht plötzlich an meinem Bette, und
lullte mich, wie heute, ein in süßen Schlummer, von dem ich ganz genesen
erwachte. -- In der gestrigen Nacht trat zum ersten Mal das Bild dieser
Frau mir wieder vor die Augen, es war mir, als müsse sie mir wieder
erscheinen, und mich retten, und so hat es sich wirklich begeben. -- Tu'
es mir zur Liebe, und schweige ganz von der Erscheinung, laß Dir auch
nichts merken durch Wort oder Zeichen, daß uns etwas Wunderbares
begegnet. Denke an den Hamlet, und sei mein lieber Horatio! -- Es ist
gewiß, daß es mit dieser Frau eine geheimnisvolle Bewandtnis haben muß,
aber, mag das Geheimnis mir und Dir verschlossen bleiben, weiteres
Forschen bedünkt mir gefährlich. -- Ist es nicht genug, daß ich genesen
bin, und froh, frei von allen Gespenstern, die mich verfolgten? --
Alles verwunderte sich über der Prinzessin so plötzlich wiedergekehrte
Gesundheit. Der Leibarzt behauptete, der nächtliche Spaziergang nach der
Marienkapelle habe durch die Erschütterung aller Nerven so drastisch
gewirkt, und er nur vergessen denselben ausdrücklich zu verordnen. Die
Benzon sprach aber in sich hinein: Hm! -- die Alte ist bei ihr gewesen
-- mag das dies Mal hingehen! -- Es ist nun an der Zeit, daß jene
verhängnisvolle Frage des Biographen: Du --
=(M. f. f.)= liebst mich also, holde Miesmies? O wiederhol' es mir
tausendmal, damit ich noch in ferneres Entzücken geraten und soviel
Unsinn aussprechen möge, wie es einem von dem besten Romandichter
geschaffenen Liebeshelden geziemt! -- Doch Beste, du hast meine
erstaunliche Neigung zum Gesange, sowie meine Kunstfertigkeit darin,
schon bemerkt, würd' es dir wohl gefällig sein, Teure! mir ein kleines
Liedchen vorzusingen? »Ach, erwiderte Miesmies, ach, geliebter Murr,
zwar bin ich auch in der Kunst des Gesanges nicht unerfahren; aber du
weißt, wie es jungen Sängerinnen geht, wenn sie zum erstenmal singen
sollen vor Meistern und Kennern! -- Die Angst, die Verlegenheit, schnürt
ihnen die Kehle zu, und die schönsten Töne, Trillos und Mordenten
bleiben auf die fatalste Weise in der Kehle stecken, wie Fischgräten.
-- Eine Arie zu singen ist dann pur unmöglich, weshalb der Regel nach mit
einem Duett begonnen wird. Laß uns ein kleines Duett versuchen, Teurer!
wenn's dir gefällig! -- Das war mir recht. -- Wir stimmten nun gleich
das zärtliche Duett an: Bei meinem ersten Blick, flog dir mein Herz
entgegen usw. Miesmies begann furchtsam, aber bald ermutigte sie mein
kräftiges Falsett. Ihre Stimme war allerliebst, ihr Vortrag gerundet,
weich, zart, kurz, sie zeigte sich als wackre Sängerin. Ich war
entzückt, wiewohl ich einsah, daß mich Freund Ovid wiederum im Stich
gelassen. Da Miesmies mit dem _cantare_ so herrlich bestanden, so war es
mit dem _chordas tangere_ gar nichts, und ich durfte nicht erst nach der
Guitarre verlangen. --
Miesmies sang nun mit seltener Geläufigkeit, mit ungemeinem Ausdruck,
mit höchster Eleganz das bekannte: _Di tanti palpiti_ usw. Von der
heroischen Stärke des Rezitativs stieg sie herrlich hinein in die
wahrhaft kätzliche Süßigkeit des Andantes. Die Arie schien ganz für sie
geschrieben, so daß auch mein Herz überströmte und ich in ein lautes
Freudengeschrei ausbrach. Ha! -- Miesmies mußte mit dieser Arie eine
Welt fühlender Katerseelen begeistern! -- Nun stimmten wir noch ein
Duett an, aus einer ganz neuen Oper, das ebenfalls herrlich gelang, da
es ganz und gar für uns geschrieben schien. Die himmlischen Rouladen
gingen glanzvoll aus unserm Innern heraus, da sie meistenteils aus
chromatischen Gängen bestanden. Überhaupt muß ich bei dieser Gelegenheit
bemerken, daß unser Geschlecht chromatisch ist, und daß daher jeder
Komponist, der für uns komponieren will, sehr wohl tun wird, Melodien
und alles Übrige, chromatisch einzurichten. Leider hab' ich den Namen
des trefflichen Meisters, der jenes Duett komponiert, vergessen, das ist
ein wackrer lieber Mann, ein Komponist nach meinem Sinn. --
Während dieses Singens war ein schwarzer Kater heraufgestiegen, der uns
mit glühenden Augen anfunkelte. »Bleiben Sie gefälligst von dannen,
bester Freund, rief ich ihm entgegen, sonst kratze ich Ihnen die Augen
aus, und werfe Sie vom Dache hinab, wollen Sie aber eins mit uns singen,
so kann das geschehen.« -- Ich kannte den jungen, schwarz gekleideten
Mann als einen vortrefflichen Bassisten, und schlug daher vor, eine
Komposition zu singen, die ich zwar sonst nicht sehr liebe, die sich
aber zu der bevorstehenden Trennung von Miesmies sehr gut schickte.
-- Wir sangen: Soll ich dich Teurer nicht mehr sehen! Kaum versicherte
ich aber mit dem Schwarzen, daß die Götter mich bewahren würden, als
eine gewaltige Ziegelscherbe zwischen uns durchfuhr, und eine
entsetzliche Stimme rief: wollen die verfluchten Katzen wohl die Mäuler
halten! -- Wir stoben, von der Todesfurcht gehetzt, wild auseinander in
den Dachboden hinein. O der herzlosen Barbaren ohne Kunstgefühl, die
selbst unempfindlich bleiben bei den rührendsten Klagen der
unaussprechlichen Liebeswehmut, und nur Rache und Tod brüten und
Verderben! --
Wie gesagt, das, was mich befreien sollte von meiner Liebesnot,
stürzte mich nur noch tiefer hinein. Miesmies war so musikalisch, daß
wir beide auf das anmutigste miteinander zu phantasieren vermochten.
Zuletzt sang sie meine eignen Melodien herrlich nach, darüber wollte ich
denn nun ganz und gar närrisch werden, und quälte mich schrecklich ab in
meiner Liebespein, so daß ich ganz blaß, mager und elend wurde.
-- Endlich, endlich, nachdem ich mich lange genug abgehärmt, fiel mir das
letzte, wiewohl verzweifelte Mittel ein, mich von meiner Liebe zu
heilen. -- Ich beschloß, meiner Miesmies Herz und Pfote zu bieten. Sie
schlug ein, und sobald wir ein Paar worden, merkte ich auch alsbald, wie
meine Liebesschmerzen sich ganz und gar verloren. Mir schmeckte
Milchsuppe und Braten vortrefflich, ich gewann meine joviale Laune
wieder, mein Bart kam in Ordnung, mein Pelz erhielt wieder den alten
schönen Glanz, da ich nun die Toilette mehr beachtete als vorher,
wogegen meine Miesmies sich gar nicht mehr putzen mochte. Ich fertigte
demunerachtet, wie zuvor geschehen, noch einige Verse auf meine
Miesmies, die um so hübscher, um so wahrer empfunden wahren, als ich den
Ausdruck der schwärmerischen Zärtlichkeit so immer mehr und mehr
heraufschrob, bis er mir die höchste Spitze erreicht zu haben schien.
Ich dedizierte endlich der Guten noch ein dickes Buch, und hatte so auch
in literarisch-ästhetischer Hinsicht alles abgetan, was von einem
honetten treuverliebten Kater nur verlangt werden kann. Übrigens führten
wir, ich und meine Miesmies, auf der Strohmatte vor der Türe meines
Meisters, ein häuslich ruhiges, glückliches Leben. -- Doch welches Glück
ist hienieden auch nur von einigem Bestand! -- Ich bemerkte bald, daß
Miesmies oft in meiner Gegenwart zerstreut war, daß sie, wenn ich mit
ihr sprach, verwirrtes Zeug antwortete, daß ihr tiefe Seufzer entflohen,
daß sie nur schmachtende Liebeslieder singen mochte, ja daß sie zuletzt
ganz matt und krank tat. Fragte ich dann, was ihr fehle, so streichelte
sie mir zwar die Wangen und erwiderte: »Nichts, gar nichts, mein liebes,
gutes Papachen,« aber das Ding war mir doch gar nicht recht. Oft
erwartete ich sie vergebens auf der Strohmatte, suchte sie vergebens im
Keller, auf dem Boden, und fand ich sie denn endlich und machte ihr
zärtliche Vorwürfe, so entschuldigte sie sich damit, daß ihre Gesundheit
weite Spaziergänge erfordere, und daß ein ärztlicher Kater sogar eine
Badereise angeraten. Das war mir wieder nicht recht. Sie mochte wohl
meinen versteckten Ärger gewahren, und ließ es sich angelegen sein, mich
mit Liebkosungen zu überhäufen, aber auch in diesen Liebkosungen lag so
etwas Sonderbares, ich weiß es nicht zu nennen, das mich erkältete,
statt mich zu erwärmen, und auch das war mir nicht recht. Ohne zu
vermuten, daß dies Betragen meiner Miesmies seinen besonderen Grund
haben könne, wurde ich nur inne, daß nach und nach auch das letzte
Fünkchen der Liebe zu der Schönsten erlosch, und daß in ihrer Nähe mich
die tötendste Langeweile erfaßte. Ich ging daher meine Wege und sie die
ihrigen; kamen wir aber einmal zufällig auf der Strohmatte zusammen, so
machten wir uns die liebevollsten Vorwürfe, waren dann die zärtlichsten
Gatten, und besangen die friedliche Häuslichkeit, in der wir lebten.
Es begab sich, daß mich einmal der schwarze Bassist in dem Zimmer meines
Meisters besuchte. Er sprach in abgebrochenen geheimnisvollen Worten,
fragte dann stürmisch, wie ich mit meiner Miesmies lebe -- kurz, ich
merkte wohl, daß der Schwarze etwas auf dem Herzen hatte, das er mir
entdecken wollte. Endlich kam es denn auch zum Vorschein. Ein Jüngling,
der im Felde gedient, war zurückgekehrt, und lebte in der Nachbarschaft
von einer kleinen Pension, die ihm ein dort wohnender Speisewirt an
Fischgräten und Speisabgang ausgeworfen. Schön von Figur, herkulisch
gebaut, wozu noch kam, daß er eine reiche fremde Uniform trug, schwarz
grau und gelb, und wegen bewiesener Tapferkeit, als er mit wenigen
Kameraden einen ganzen Speicher von Mäusen reinigen wollen, das
Ehrenzeichen des gebrannten Specks auf der Brust trug, fiel er allen
Mädchen und Frauen in der Gegend auf. Alle Herzen schlugen ihm entgegen,
wenn er auftrat keck und kühn, den Kopf emporgehoben, feurige Blicke um
sich werfend. Der hatte sich, wie der Schwarze versicherte, in meine
Miesmies verliebt, sie war ihm ebenso mit Liebe entgegengekommen, und es
war nur zu gewiß, daß sie heimliche verliebte Zusammenkünfte hielten
allnächtlich hinter dem Schornstein oder im Keller.
»Mich wundert, sprach der Schwarze, bester Freund! daß Sie bei Ihrer
sonstigen Sagazität das nicht längst bemerkt; aber liebende Gatten sind
oft blind, und es tut mir leid, daß Freundespflicht mir gebot, Ihnen die
Augen zu öffnen, da ich weiß, daß Sie in Ihre vortreffliche Gattin ganz
und gar vernarrt sind.«
O Muzius, so hieß der Schwarze, rief ich, ob ich ein Narr bin, ob ich
sie liebe, die süße Verräterin! Ich bete sie an, mein ganzes Wesen
gehört ihr! -- Nein, sie kann mir das nicht tun, die treue Seele!
-- Muzius, schwarzer Verleumder, empfange den Lohn deiner Schandtat! --
Ich hob die gekrallte Pfote auf, Muzius blickte mich freundlich an und
sprach sehr ruhig: »ereifern Sie sich nicht, mein Guter, Sie teilen das
Los vieler vortrefflichen Leute, überall ist schnöder Wankelmut zu
Hause, und leider vorzüglich bei unserm Geschlecht.« Ich ließ die
aufgehobene Pfote wieder sinken, sprang wie in voller Verzweiflung
einigemal in die Höhe und schrie dann wütend: wär es möglich, wär es
möglich! -- O Himmel -- Erde! -- was noch sonst? -- nenn' ich die Hölle
mit! -- Wer hat mir das getan, der schwarz grau gelbe Kater? -- Und sie,
die süße Gattin, treu und hold sonst, sie konnte, höllischen Trugs voll,
=den= verachten, der oft, an ihrem Busen eingewiegt, in süßen
Liebesträumen selig schwelgte? -- O fließt, ihr Zähren, fließt der
Undankbaren! -- Himmel tausend sapperment, das geht nicht an, den bunten
Kerl am Schornstein soll der Teufel holen!
»Beruhigen Sie sich doch nur, sprach Muzius, Sie überlassen sich zu sehr
der Wut des jähen Schmerzes. Als Ihr wahrer Freund mag ich Sie jetzt
weiter nicht in Ihrer angenehmen Verzweiflung stören. Wollen Sie sich in
Ihrer Trostlosigkeit ermorden, so könnte ich Ihnen zwar mit einem
tüchtigen Rattenpulver aufwarten, ich will es aber nicht tun, da Sie
sonst ein lieber charmanter Kater sind und es jammerschade wäre um Ihr
junges Leben. Trösten Sie sich, lassen sie Miesmies laufen, es gibt der
anmutigen Katzen noch viele in der Welt. -- Adieu, Bester!« -- Damit
sprang Muzius fort durch die geöffnete Türe.
Sowie ich, still unter dem Ofen liegend, mehr nachsann über die
Entdeckungen, die mir der Kater Muzius gemacht, fühlte ich wohl etwas in
mir sich regen, wie heimliche Freude. Ich wußte nun, wie ich mit
Miesmies daran war, und die Quälerei mit dem ungewissen Wesen war am
Ende. Hatte ich aber anstandshalber erst die gehörige Verzweiflung
geäußert, so glaubte ich, daß derselbe Anstand es erfordere, dem
Schwarzgraugelben zu Leibe zu gehen. Ich belauschte zur Nachtzeit das
Liebespaar hinter dem Schornstein, und fuhr mit den Worten: »höllischer
bestialischer Verräter«, auf meinen Nebenbuhler grimmig los. Der aber,
an Stärke, wie ich leider zu spät bemerkte, mir weit überlegen, packte
mich, ohrfeigte mich gräßlich ab, daß ich mehreres Pelzwerk einbüßte,
und sprang dann schnell fort. Miesmies lag in Ohnmacht, als ich mich ihr
aber näherte, sprang sie ebenso behende wie ihr Liebhaber auf, und ihm
nach in den Dachboden hinein.
Lendenlahm, mit blutigen Ohren, schlich ich hinab zu meinem Meister, und
verwünschte den Gedanken, meine Ehre konservieren zu wollen, hielt es
auch für gar keine Schande, die Miesmies dem Schwarzgraugelben ganz und
gar zu überlassen.
Welch' ein feindliches Schicksal, dacht' ich, der himmlischromantischen
Liebe halber werde ich in die Gosse geworfen, und das häusliche Glück
verhilft mir zu nichts anderm, als zu gräßlichen Prügeln.
Am andern Morgen erstaunte ich nicht wenig, als ich, aus dem Zimmer des
Meisters heraustretend, Miesmies auf der Strohmatte fand. »Guter Murr,
sprach sie sanft und ruhig, ich glaube zu fühlen, daß ich dich nicht
mehr so liebe, als sonst, welches mich sehr schmerzt.«
O teure Miesmies, erwiderte ich zärtlich, es zerschneidet mir das Herz,
aber ich muß es gestehen, seit der Zeit, daß sich gewisse Dinge begeben,
bist du mir auch gleichgültig geworden.
»Nimm es nicht übel, sprach Miesmies weiter, süßer Freund, aber es ist
mir so, als wärst du mir schon längst ganz unausstehlich gewesen.«
Mächt'ger Himmel, rief ich begeistert, welche Sympathie der Seelen, mir
geht es so, wie dir.
Nachdem wir auf diese Weise einig geworden, daß wir uns einander ganz
unausstehlich wären, und uns notwendigerweise trennen müßten auf ewig,
umpfoteten wir uns auf das zärtlichste, und weinten heiße Tränen der
Freude und des Entzückens! --
Dann trennten wir uns, jeder war hinfort von der Vortrefflichkeit, von
der Seelengröße des andern überzeugt, und pries sie jedem an, der davon
hören mochte.
Auch ich war in Arkadien, rief ich, und legte mich auf die schönen
Künste und Wissenschaften eifriger als jemals.
=(Mak. Bl.)= -- Euch, sprach Kreisler, ja ich sag' es Euch aus tiefer
Seele, diese Ruhe scheint mir bedrohlicher, als der wütendste Sturm. Es
ist die dumpfe taube Schwüle vor dem zerstörenden Gewitter, in der sich
jetzt alles an dem Hofe bewegt, den Fürst Irenäus im Duodezformat mit
vergoldetem Schnitt, wie einen Almanach ans Tageslicht gebracht.
Vergebens steckt der gnädigste Herr unaufhörlich glänzende Feste auf,
wie Gewitterableiter, als zweiter Franklin, die Blitze werden doch
einschlagen, und vielleicht sein eignes Staatskleid versengen. -- Es ist
wahr, Prinzessin Hedwiga gleicht jetzt in ihrem ganzen Wesen einer hell
und klar hinströmenden Melodie, statt daß sonst wilde unruhige Akkorde
durcheinander auffuhren aus ihrer wunden Brust, aber -- Nun! und Hedwiga
schreitet jetzt in verklärtem freundlichem Stolz an dem Arm des wackern
Neapolitaner's daher, und Julia lächelt ihn an auf ihre holdselige
Weise, und läßt sich seine Galanterien gefallen, die der Prinz, ohne ein
Auge von der bestimmten Braut zu lassen, ihr so geschickt zuzuwenden
weiß, daß sie ein junges unerfahrenes Gemüt wie Ricochett-Schüsse
schärfer treffen müssen, als wenn das bedrohliche Geschütz geradezu
darauf gerichtet! -- Und doch glaubte sich, wie mir die Benzon erzählt,
erst Hedwiga von dem _mostro turchino_ erdrückt, und der sanften ruhigen
Julia, dem Himmelskinde, wurde der schmucke General _en chef_ zum schnöden
Basilisk! -- O ihr ahnenden Seelen, ihr hattet ja recht! -- Teufel, hab
ich denn nicht in Baumgartens Welthistorie gelesen, daß die Schlange,
die uns um das Paradies gebracht, stolzierte in goldgleißendem
Schuppenwams? -- Das fällt mir ein, wenn ich den goldverbrämten Hektor
sehe. -- Hektor hieß übrigens sonst ein sehr würdiger Bullenbeißer, der
unbeschreibliche Liebe und Treue zu mir hegte. -- Ich wollt' er wär' bei
mir, und ich könnt ihn dem fürstlichen Namensvetter in die Rockschöße
hetzen, wenn er sich so recht spreizt zwischen dem holden Schwesterpaar!
Oder sagt, Meister, da Ihr so manches Kunststück wisset, sagt mir, wie
ich es anfange, mich bei schicklicher Gelegenheit in eine Wespe zu
verwandeln, und den fürstlichen Hund dermaßen zu turbieren, daß er aus
seinem verfluchten Konzept kommt! --
Ich habe Euch ausreden lassen, Kreisler, nahm Meister Abraham das Wort,
und frage Euch nun, ob Ihr mich ruhig anhören wollt, wenn ich Euch
gewisse Dinge entdecke, die Eure Ahnungen rechtfertigen?
Bin ich denn nicht, erwiderte Kreisler, ein gesetzter Kapellmeister
-- ich meine das nicht im philosophischen Sinn, daß ich mein Ich gesetzt
als Kapellmeister; sondern beziehe das bloß auf die geistige Fähigkeit,
in honetter Gesellschaft ruhig zu bleiben, wenn mich ein Floh sticht.
Nun also, fuhr Meister Abraham fort, wisset, Kreisler, daß ein seltsamer
Zufall mir tiefe Blicke in des Prinzen Leben vergönnt hat. Ihr habt
recht, wenn Ihr ihn mit der Schlange im Paradiese vergleicht. Unter der
schönen Hülle -- die werdet Ihr ihm nicht absprechen -- liegt giftige
Verderbtheit, ich möchte lieber sagen, Verruchtheit, verborgen. -- Er
führt Böses im Schilde -- er hat, aus vielem was sich zugetragen weiß
ich's -- er hat es abgesehen auf die holde Julia. --
Hoho, schrie Kreisler, indem er im Zimmer umhersprang, blanker Vogel,
sind das deine süßen Lieder? -- Wetter, Wetter, der Prinz ist ein
tüchtiger Kerl, er greift zu, mit beiden Krallen auf einmal, nach
gebotenen und verbotenen Früchten! -- Holla, süßer Neapolitaner, Du
weißt nicht, daß Julien ein wackrer Kapellmeister, mit hinlänglicher
Musik im Leibe, zur Seite steht, der hält Dich, sowie Du Dich ihr
näherst, für einen verdammten Quartquinten-Akkord, der aufgelöst werden
muß. Und der Kapellmeister tut, was seines Berufs ist, das heißt, er
löst Dich auf, indem er Dir eine Kugel durch das Gehirn jagt, oder Dir
gegenwärtigen Stockdegen durch den Leib rennt -- Damit zog Kreisler
seine Stockklinge heraus, setzte sich in Fechterpositur, und fragte den
Meister, ob er Anstand genug besitze, einen fürstlichen Hund zu
durchspießen. »Seid doch nur ruhig, Kreisler, erwiderte Meister Abraham,
es bedarf solcher Heldentaten gar nicht, um dem Prinzen das Spiel zu
verderben. Es gibt andere Waffen für ihn, und die geb' ich Euch in die
Hand. Gestern war ich im Fischerhäuschen, der Prinz kam mit seinem
Adjutanten vorüber. Sie gewahrten mich nicht. Die Prinzessin ist schön,
sprach der Prinz, aber die kleine Benzon ist göttlich! Mein ganzes Blut
wallte siedend auf, als ich sie sah -- ha, sie muß mein werden, noch ehe
ich der Prinzessin die Hand reiche. -- Glaubst Du, daß sie unerbittlich
sein wird? -- Welches Weib hat Euch widerstanden, gnädigster Herr,
erwiderte der Adjutant. -- »Aber, beim Teufel, fuhr der Prinz fort, sie
scheint ein frommes Kind zu sein« -- und ein argloses, fiel ihm der
Adjutant lachend ins Wort, und die frommen arglosen Kindlein sind es ja
eben, die überrascht von dem Angriff des sieggewohnten Mannes duldend
unterliegen und dann alles für Gottes Fügung halten, wohl gar in
ungemeine Liebe geraten zu dem Sieger! -- Das kann Euch auch so gehen,
gnädigster Herr! -- »Das wäre toll genug, rief der Prinz. Aber könnte
ich sie nur allein sehen -- wie das anfangen?« -- Nichts ist leichter
als das, erwiderte der Adjutant. Ich habe bemerkt, daß die Kleine oft
allein lustwandelt in diesem Park. Wenn nun -- Jetzt verhallten die
Stimmen in der Ferne, ich konnte nichts mehr verstehen! -- Wahrscheinlich
wird irgendein höllischer Plan schon heute ausgeführt, und der muß
vereitelt werden. Ich könnte das selbst tun, aber aus gewissen Ursachen
möchte ich mich zurzeit dem Prinzen nicht zeigen, daher müßt Ihr
Kreisler gleich fort nach Sieghartshof, und aufpassen, wenn Julia etwa
in der Dämmerung, wie sie zu tun pflegt, nach dem See lustwandelt, um
den zahmen Schwan zu füttern. Diesen Gang hat wahrscheinlich der
italienische Bösewicht erlauscht. -- Doch empfangt die Waffe, Kreisler,
und die höchst nötige Instruktion, damit Ihr im Kampf gegen den
bedrohlichen Prinzen, als ein guter Feldherr Euch zeigen möget! --
Der Biograph erschrickt abermals über das total Abrupte der
Nachrichten, aus denen er gegenwärtige Geschichte zusammenstoppeln muß.
-- Wäre hier nicht schicklich einzurücken gewesen, welche Instruktion
Meister Abraham dem Kapellmeister erteilte, denn zeigt sich auch später
die Waffe selbst, so wird es Dir, geliebter Leser! doch unmöglich sein,
einzusehen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Doch kein einziges
Wörtlein weiß der unglückliche Biograph zurzeit von jener Instruktion,
mittels der (so viel scheint gewiß) der wackre Kreisler in ein ganz
besonderes Geheimnis eingeweiht wurde. -- Doch! gedulde Dich, günstiger
Leser, noch ein wenig, bemeldeter Biograph setzt seinen Schreibedaumen
zum Pfande, daß noch vor dem Schluß des Buches auch dieses Geheimnis an
den Tag kommen soll. -- Es ist nun zu erzählen, daß, sowie die Sonne zu
sinken begann, Julia, ein Körbchen mit Weißbrot am Arm, singend durch
den Park wandelte, zum See, und sich mitten auf die Brücke unweit des
Fischerhäuschens stellte. Aber Kreisler lag im Hinterhalt des Gebüsches,
und hatte einen tüchtigen Dollond vor den Augen, mit dem er scharf
hinüberschaute durch die Sträucher, die ihn versteckten. Der Schwan
plätscherte heran, und Julie warf ihm Brocken hinab, die er begierig
wegnaschte. Julie fuhr fort im lauten Gesange, und so kam es, daß sie es
nicht gewahrte, wie Prinz Hektor schnell heraneilte. Als er plötzlich
bei ihr stand, fuhr sie zusammen wie im heftigen Schreck. Der Prinz
faßte ihre Hand, drückte sie an die Brust, an die Lippen und legte sich
dann dicht neben Julien über das Geländer der Brücke. Julia fütterte,
indem der Prinz eifrig sprach, den Schwan, in den See hinabschauend.
-- »Schneide nicht solche infame süße Gesichter Potentat! merkst Du denn
nicht, daß ich dicht vor Dir auf dem Geländer sitze und Dich erklecklich
maulschellieren kann? -- O Gott, warum färben sich Deine Wangen in immer
höherem Purpur, Du holdes Himmelskind? -- Warum blickst Du jetzt den
Bösen so seltsam an? -- Du lächelst? Ja es ist der glühende Gifthauch,
vor dem sich Deine Brust öffnen muß, wie vor dem sengenden Sonnenstrahl
sich die Knospe in den schönsten Blättern entfaltet, um desto jäher
hinzusterben!« -- So sprach Kreisler, das Paar beobachtend, das der gute
Dollond ihm dicht herangerückt. -- Der Prinz warf jetzt auch Brocken
hinab, der Schwan verschmähte sie aber, und brach in ein lautes widriges
Geschrei aus. Nun schlang der Prinz den Arm um Julia, und warf so die
Brocken hinab, als sollte der Schwan glauben, daß es Julia sei, die ihn
fütterte. Dabei berührte seine Wange beinahe die Wange Julia's. -- »Recht
so, sprach Kreisler, gnädigster Halunke, umkralle, würdiger Stoßvogel,
nur Deine Beute recht fest, hier liegt aber einer im Busch, der schon
auf Dich zielt, und sogleich Dir Deinen glänzenden Fittich lahmschießen
wird, und es steht dann erbärmlich mit Dir und Deiner Freijagd!«
Nun faßte der Prinz Julias Arm, und beide schritten dem Fischerhäuschen
zu. Dicht vor demselben trat aber Kreisler aus dem Gebüsch, schritt auf
das Paar zu und sprach, indem er sich vor dem Prinzen tief bückte: ein
herrlicher Abend, eine ungemein heitere Luft, ein erquickliches Aroma
darin Sie müssen sich gnädigster Herr hier befinden, wie in dem schönen
Neapolis. -- »Wer sind Sie mein Herr?« fuhr ihn der Prinz barsch an.
Doch in demselben Augenblick machte sich auch Julia los von seinem Arm,
trat freundlich auf Kreislern zu, reichte ihm die Hand und sprach: o wie
herrlich, lieber Kreisler, daß Sie wieder da sind. Wissen Sie wohl, daß
ich mich recht herzlich nach Ihnen gesehnt habe? -- In der Tat, die
Mutter schilt, daß ich mich gebärde wie ein weinerliches ungezogenes
Kind, wenn Sie nur einen einzigen Tag ausbleiben. Ich könnte krank
werden vor Verdruß, wenn ich glaube, daß Sie mich, meinen Gesang aus der
Acht lassen. »Ha, rief der Prinz, giftige Blicke schießend, auf Julien,
auf Kreislern, ha, Sie sind Monsieur de Krösel. Der Fürst sprach sehr
günstig von Ihnen!« Gesegnet, sprach Kreisler, indem sein ganzes Gesicht
in hundert Falten und Fältchen seltsam vibrierte, gesegnet sei der gute
Herr dafür, denn so wird es mir vielleicht gelingen, das zu erhalten,
warum ich Sie gnädigster Prinz anflehen wollte, nämlich Ihre angenehme
Protektion. -- Ich habe die kühne Ahnung, daß Sie mir auf den ersten
Blick Ihr Wohlwollen zuwandten, da Sie im Vorübergehen aus höchst eigner
Bewegung, mich zum Hasenfuß zu kreieren geruhten, und da nun Hasenfüße
zu allem nur Ersinnlichen taugen so -- »Sie sind, unterbrach ihn der
Prinz, ein spaßhafter Mann.« -- Ganz und gar nicht, fuhr Kreisler fort,
ich liebe zwar den Spaß, aber nur den schlechten, und der ist nun wieder
nicht spaßhaft. Gegenwärtig wollt' ich gern nach Neapel gehen, und beim
Molo einige gute Fischer- und Banditenlieder aufschreiben _ad usum
delphini._ Sie sind, bester Prinz, ein gütiger kunstliebender Herr,
sollten Sie mir vielleicht durch einige Empfehlungen. »Sie sind,
unterbrach ihn der Prinz auf's neue, Sie sind ein spaßhafter Mann,
Monsieur de Krösel, ich liebe das, ich liebe das in der Tat, aber jetzt
mag ich Sie in Ihrem Spaziergange nicht aufhalten -- Adieu! -- »Nein,
gnädigster Herr, rief Kreisler, ich kann die Gelegenheit nicht
vorüberlassen, ohne mich Ihnen in meinem vollsten Lüstre zu zeigen. Sie
wollten in das Fischerhäuschen treten, dort steht ein kleines
Pianoforte, Fräulein Julia ist gewiß so gütig, mit mir ein Duett zu
singen!« »Mit tausend Freuden, rief Julia und hing sich an Kreislers
Arm. Der Prinz biß die Zähne zusammen und schritt stolz voran. Im Gehen
flüsterte Julia Kreislern ins Ohr: Kreisler, welche seltsame Stimmung. O
Gott, erwiderte Kreisler ebenso leise, und Du liegst eingelullt in
betörenden Träumen, wenn die Schlange sich naht, Dich zu töten mit
giftigem Biß? -- Julia blickte ihn an im tiefsten Erstaunen. Nur ein
einziges Mal, im Moment der höchsten musikalischen Begeisterung, hatte
Kreisler sie Du genannt. -- Als das Duett geendet, brach der Prinz, der
schon während des Gesanges öfters _Brava, bravissima_ gerufen, aus in
stürmischen Beifall. Er bedeckte Julia's Hände mit feurigen Küssen, er
schwor, daß kein Gesang jemals so sein ganzes Wesen durchdrungen, und
bat Julien, es zu verstatten, daß er einen Kuß auf die Himmels-Lippen
drücke, über die der Nektarstrom der Paradieseslaute geflossen.
Julia wich scheu zurück. Kreisler trat vor den Prinzen hin und sprach:
»Da Sie mir, Gnädigster! auch nicht ein Wörtlein des Lobes zuwenden
wollen, das ich als Komponist und wackerer Sänger ebensogut verdient zu
haben vermeine, als Fräulein Julia, so merke ich schon, daß ich mit
meinen schwachen musikalischen Kenntnissen nicht stark genug wirke. Aber
auch in der Malerei bin ich erfahren, und werde die Ehre haben, Ihnen
ein kleines Bildnis zu zeigen, das eine Person vorstellt, deren
merkwürdiges Leben und seltsames Ende mir so bekannt ist, daß ich alles
jedem erzählen kann, der es nur hören will.« -- »Überlästiger Mensch!«
murmelte der Prinz. Kreisler zog ein Kästchen aus der Tasche, nahm ein
kleines Bildnis heraus, und hielt es dem Prinzen entgegen. Er blickte
hin, alles Blut schwand von dem Antlitz, seine Augen starrten, seine
Lippen bebten, zwischen den Zähnen murmelnd: _Maledetto!_ stürzte er fort.
»Was ist das? rief Julia zum Tode erschrocken, um aller Heiligen willen,
was ist das, Kreisler -- sagen Sie mir alles!«
»Tolles Zeug, erwiderte Kreisler, lustige Streiche, Teufelsbannerei!
Sehn Sie, teures Fräulein, wie der gütige Prinz mit den allerlängsten
Schritten, deren seine gnädigsten Beine mächtig, über die Brücke läuft!
-- Gott! er verleugnet ganz seine süße idyllische Natur, er schaut nicht
einmal in den See, er verlangt nicht mehr, den Schwan zu füttern, der
liebe gute -- Teufel!«
»Kreisler, sprach Julia, Ihr Ton geht eiskalt durch mein Inneres, ich
ahne Unheil -- was haben Sie mit dem Prinzen?«
Der Kapellmeister trat von dem Fenster weg, an dem er gestanden, schaute
tief bewegt Julia an, die vor ihm stand, die Hände gefaltet, als wolle
sie den guten Geist anflehen, daß er die Angst von ihr nehme, die ihr
Tränen aus den Augen preßte. »Nein, sprach Kreisler, kein feindlicher
Mißton soll den Wohllaut des Himmels verstören, der in Deinem Gemüt
wohnt, du frommes Kind! -- In gleisnerischer Verkappung gehen die
Geister der Hölle durch die Welt, aber sie haben keine Macht über Dich,
und Du darfst sie nicht erkennen in ihrem schwarzen Tun und Treiben!
-- Sein Sie ruhig, Julia! -- lassen Sie mich schweigen, es ist nun alles
vorüber! --«
In dem Augenblick trat die Benzon hinein in großer Bewegung. »Was ist
geschehen, rief sie, was ist geschehen? -- Wie rasend stürzt der Prinz
dicht bei mir vorüber, ohne mich zu sehen. Dicht bei dem Schloß kommt
ihm der Adjutant entgegen, sie sprechen beide heftig miteinander, dann
gibt der Prinz, so glaubt' ich zu bemerken, dem Adjutanten irgendeinen
wichtigen Auftrag, denn indem der Prinz in das Schloß schreitet, stürzt
der Adjutant in größter Eil nach dem Pavillon, in dem er wohnt. -- Der
Gärtner sagte mir, Du hättest mit dem Prinzen auf der Brücke gestanden,
da überfiel mich, selbst weiß ich nicht warum, die fürchterliche Ahnung
irgend etwas Entsetzlichen, das sich begeben -- ich eilte her, sagt, was
ist geschehen?« -- Julia erzählte alles. »Geheimnisse?« fragte die Benzon
scharf, indem sie einen durchbohrenden Blick auf Kreislern warf. »Beste
Rätin, antwortete Kreisler, es gibt Augenblicke -- Lagen -- Situationen
vielmehr, mein' ich, in denen der Mensch durchaus das Maul halten muß,
da er, sobald er es öffnet, nichts herausbringt, als konfuses Zeug, das
die vernünftigen Leute irritiert! --« Dabei blieb es, unerachtet die
Benzon verletzt schien durch Kreisler's Schweigen.
Der Kapellmeister begleitete die Rätin mit Julien bis an's Schloß, dann
begab er sich auf den Rückweg nach Sieghartsweiler. Sowie er in den
Laubgängen des Parkes verschwunden, trat der Adjutant des Prinzen aus
dem Pavillon und verfolgte denselben Weg, den Kreisler genommen. Bald
darauf fiel tief im Walde ein Schuß!
In derselben Nacht verließ der Prinz Sieghartsweiler, er hatte sich bei
dem Fürsten schriftlich beurlaubt, und baldige Rückkehr versprochen. Als
am andern Morgen der Gärtner mit seinen Leuten den Park durchsuchte,
fand er Kreisler's Hut, an dem blutige Spuren befindlich. Er selbst war
und blieb verschwunden. -- Man --
Zweiter Teil.
Dritter Abschnitt.
Die Lehrmonate. Launisches Spiel des Zufalls.
=(M. f. f.)= Sehnsucht, heißes Verlangen erfüllt die Brust, aber hat man
endlich das gewonnen, nach dem man rang mit tausend Not und Sorgen, so
erstarrt jenes Verlangen alsbald zur todkalten Gleichgültigkeit, und man
wirft das errungene Gut von sich, wie ein abgenutztes Spielzeug. Und
kaum ist dies geschehen, so folgt bittere Reue der raschen Tat, man
ringt aufs neue und das Leben eilt dahin in Verlangen und Abscheu. -- So
ist einmal der Katz. -- Richtig bezeichnet dieser Ausdruck mein
Geschlecht, zu dem sich auch der hochmütige Löwe zählt, den deshalb auch
der berühmte Hornvilla in Tiecks Oktavian einen großen Katz nennt. -- Ja,
wiederhole ich, so und nicht anders ist einmal der Katz, und das
katzliche Herz ein gar wankelmütiges Ding.
Des ehrlichen Biographen erste Pflicht ist, aufrichtig zu sein, und sich
beileibe nicht selbst zu schonen. Ganz aufrichtig, Pfote aufs Herz, will
ich daher gestehen, daß trotz des unsäglichen Eifers, mit dem ich mich
auf die Künste und Wissenschaften legte, doch oft der Gedanke an die
schöne Miesmies plötzlich in mir aufstieg und mein Studium unterbrach
ganz und gar.
Es war mir, als hätte ich sie nicht lassen sollen, als hätte ich ein
treuliebendes Herz verschmäht, das nur von einem falschen Wahn
augenblicklich verblendet. Ach! oft, wenn ich mich an dem großen
Pythagoras erlaben wollte, (ich studierte zu der Zeit viel Mathematik)
verschob plötzlich ein zartes, schwarzbestrumpftes Pfötchen alle
Katheten und Hypotenusen, und vor mir stand sie selbst, die holde
Miesmies, ihr kleines, allerliebstes Samtkäppchen auf dem Haupt, und aus
dem anmutigen Grasgrün der schönsten Augen traf mich der funkelnde Blitz
des zärtlichsten Vorwurfs. -- Welche niedliche Seitensprünge, welches
holdselige Wirbeln und Schlängeln des Schweifs. -- Umpfoten wollt' ich
sie mit Entzücken neu entflammter Liebe, doch verschwunden war die
neckende Truggestalt. --
Nicht fehlen konnt' es, daß dergleichen Träumereien aus dem Arkadien
der Liebe mich in eine gewisse Schwermut versenkten, die der gewählten
Laufbahn als Dichter und Gelehrter schädlich werden mußte, zumal sie
bald in eine Trägheit ausartete, der ich nicht zu widerstehen vermochte.
Mit Gewalt wollte ich mich herausreißen aus diesem verdrießlichen
Zustande, einen raschen Entschluß fassen, Miesmies wieder aufzusuchen.
Doch, hatte ich schon die Pfote auf die erste Treppenstufe gesetzt, um
hinaufzusteigen in die obern Regionen, wo ich die Holde zu finden hoffen
durfte, so wandelte mich Scham und Scheu an, und ich zog die Pfote
wieder zurück, und begab mich traurig unter den Ofen.
Dieser psychischen Bedrängnisse unerachtet, erfreute ich mich indessen
doch eines außerordentlichen körperlichen Wohlseins, ich nahm merklich
zu, wo nicht in Wissenschaften, so doch in der Stärke meines Leibes, und
bemerkte, wenn ich mich im Spiegel anschaute, mit Vergnügen, daß mein
rundbackiges Antlitz nächst der jugendlichen Frische etwas
Ehrfurchtgebietendes zu erhalten begann.
Selbst der Meister gewahrte meine veränderte Stimmung. Es ist wahr,
sonst knurrte ich und machte lustige Sprünge, wenn er mir schmackhafte
Speisung reichte; sonst wälzte ich mich zu seinen Füßen, kabolzte und
sprang auch wohl auf seinen Schoß, wenn er, nachdem er morgens
aufgestanden, mir zurief: Guten Morgen Murr! -- Jetzt unterließ ich das
alles und begnügte mich mit einem freundlichen Miau! und jener anmutig
stolzen Erhebung des Rückens, die dem geneigten Leser unter dem Namen
>Katzenbuckel< bekannt sein wird. Ja, ich verachtete jetzt sogar das mir
sonst so liebe Vogelspiel. -- Es möchte für junge Gymnastiker oder Turner
meines Geschlechts lehrreich sein zu sagen, worin dieses Spiel bestand.
-- Mein Meister band nämlich eine oder ein paar Schreibfedern an einen
langen Faden, und ließ sie schnell in der Luft auf und absteigen,
ordentlich fliegen. Im Winkel lauernd und die richtigen Tempos
wahrnehmend, sprang ich nun so lange nach den Federn, bis ich sie
erwischte und wacker zerzauste. Dies Spiel riß mich oft ganz hin, ich
hielt die Federn wirklich für einen Vogel, ich geriet in Feuer und
Flammen, so daß Geist und Körper zugleich in Anspruch genommen, sich
bildeten und stärkten. -- Ja selbst dies Spiel verachtete ich jetzt, und
blieb ruhig auf meinem Kissen liegen, der Meister mochte seine Federn
fliegen lassen, soviel er wollte. »Kater, sprach der Meister eines Tages
zu mir, als ich, wenn die Feder, an meine Nase streifend selbst auf mein
Kissen flog, kaum blinzelnd die Pfote darnach ausstreckte, Kater, du
bist gar nicht mehr wie sonst, du wirst mit jedem Tage träger und
fauler. Ich glaube, du frissest, du schläfst zu viel.
Ein Lichtstrahl fiel bei diesen Worten des Meisters in meine Seele!
-- Nur dem Andenken an Miesmies, an das verscherzte Paradies der Liebe,
hatte ich meine träge Traurigkeit zugeschrieben, nun erst gewahrte ich
aber, wie das irdische Leben mich mit meinen aufwärts strebenden Studien
entzweit, und seine Ansprüche geltend gemacht hatte. Es gibt Dinge in
der Natur, die es deutlich erkennen lassen, wie die gefesselte Psyche
dem Tyrannen, Körper genannt, ihre Freiheit hinopfern muß. Zu diesen
Dingen rechne ich nun ganz vorzüglich den wohlschmeckenden Brei von
Mehl, süßer Milch und Butter, sowie ein breites, mit Roßhaaren
wohlgepolstertes Kissen. Jenen süßen Brei wußte die Aufwärterin des
Meisters gar herrlich zu bereiten, so daß ich jeden Morgen zum Frühstück
zwei tüchtige Teller voll mit dem größten Appetit verzehrte. Hatte ich
aber dermaßen gefrühstückt, dann wollten mir die Wissenschaften gar
nicht mehr munden, sie kamen mir vor, wie trockene Speise, und nichts
half es auch, wenn ich davon ablassend mich rasch in die Poesie warf.
Die hochgepriesensten Werke der neuesten Autoren, die gerühmtesten
Trauerspiele hochgefeierter Dichter, konnten meinen Geist nicht
festhalten, ich geriet in ein ausschweifendes Gedankenspiel,
unwillkürlich trat die kunstfertige Aufwärterin des Meisters in Konflikt
mit dem Autor, und es wollte mir gemuten, als verstehe jene sich viel
besser auf die gehörige Gradation und Mischung der Fettigkeit, Süße und
Stärke als dieser. -- Unglückliche, träumerische Verwechselung des
geistigen und leiblichen Genusses! -- Ja, träumerisch kann ich sie
nennen, diese Verwechslung, denn Träume stiegen auf, und ließen mich
jenes zweite gefährliche Ding, das breite mit Roßhaaren gepolsterte
Kissen suchen, um sanft darauf zu entschlummern. Dann erschien mir das
süße Bild der holden Miesmies! -- Himmel, so stand wohl alles im
Zusammenhange, Milchbrei, Verachtung der Wissenschaften, Melancholie,
Polster, unpoetische Natur, Liebesandenken! -- Der Meister hatte recht,
ich fraß, ich schlief zu viel! -- Mit welchem stoischen Ernst nahm ich
mir vor, mäßiger zu sein, aber schwach ist des Katers Natur, die besten,
herrlichsten Entschlüsse scheiterten an dem süßen Geruch des
Milchbreies, an dem einladend aufgeschwellten Polster. -- Eines Tages
hört' ich den Meister, da er zum Zimmer herausgetreten, auf dem Flur zu
jemanden sagen: Mag es sein, meinetwegen, vielleicht heitert ihn
Gesellschaft auf. Aber macht ihr mir dumme Streiche, springt ihr mir auf
die Tische, schmeißt ihr mir das Tintenfaß um, oder sonst was herab, so
werf ich euch alle beide zum Tempel hinaus. Darauf öffnete der Meister
die Türe ein wenig und ließ jemanden herein. Dieser Jemand war aber kein
anderer, als Freund Muzius. Beinahe hätte ich ihn nicht wieder erkannt.
Seine Haare, sonst glatt und glänzend, waren struppig und unscheinbar,
die Augen lagen ihm tief im Kopf und sein, sonst zwar etwas rauhes, aber
doch ganz leidliches Wesen, hatte etwas Übermütiges, Brutales
angenommen. »Na, prustete er mich an, na, findet man euch einmal! Muß
man euch aufsuchen hinter euerm verfluchten Ofen? -- »Doch mit Verlaub!«
-- Er trat an den Teller und verzehrte die Backfische, die ich mir
aufgespart hatte zum Abendbrot. »Sagt, sprach er dazwischen, sagt mir
nur in's Teufels Namen, wo ihr steckt, warum ihr auf kein Dach mehr
kommt, euch nirgends mehr sehen laßt, wo es munter hergeht?«
Ich erklärte, daß, nachdem ich die Liebe zur holden Miesmies aufgegeben,
mich die Wissenschaften ganz und gar beschäftigt hätten, weshalb denn an
Spaziergänge nicht zu denken gewesen wäre. Nicht im mindesten sehne ich
mich nach Gesellschaft, da ich bei dem Meister alles hätte, was mein
Herz nur wünschen könne, Milchbrei, Fleisch, Fische, ein weiches Lager
usw. Ein ruhiges, sorgenfreies Leben, das sei für einen Kater von meinen
Neigungen und Anlagen das ersprießlichste Gut, und um so mehr müßt' ich
fürchten, daß dies, ginge ich aus, verstört werden könne, da, wie ich
leider wahrgenommen, meine Inklination zur kleinen Miesmies noch nicht
ganz erloschen, und ihr Wiedersehen mich leicht zu Übereilungen
hinreißen dürfe, die ich nachher vielleicht sehr schwer zu bereuen haben
würde.
»Ihr könnt mir nachher noch einen Backfisch aufwichsen!« So sprach
Muzius, putzte sich mit gekrümmter Pfote nur ganz obenhin Maul, Bart und
Ohren und nahm Platz dicht neben mir auf dem Polster.
»Rechnet, begann Muzius, nachdem er zum Zeichen seiner Zufriedenheit
ein paar Sekunden gesponnen, mit sanfter Stimme und Gebärde, rechnet es
euch, mein guter Bruder Murr, für ein Glück an, daß ich auf den Einfall
geriet, euch zu besuchen in eurer Klause, und daß der Meister mich zu
euch ließ ohne Widerrede! Ihr seid in der größten Gefahr, in die ein
tüchtiger, junger Kerl von Kater, der Grütz' im Kopfe hat, und Stärke in
den Gliedern, nur geraten kann. Das heißt: ihr seid in der Gefahr, ein
arger, abscheulicher Philister zu werden. Ihr sagt, daß ihr den
Wissenschaften zu strenge obliegt, um Zeit übrig zu behalten, euch
umzusehen unter Katern. Verzeiht Bruder, das ist nicht wahr, ihr seht,
rund, gemästet, spiegelglatt, wie ich euch finde, gar nicht aus, wie ein
Bücherwurm, wie ein Lukubrant. Glaubt mir, das verfluchte bequeme Leben
ist es, was euch faul und träge macht. Ganz anders würde euch zu Mute
sein, wenn ihr euch wie unsereins abstrapazieren müßtet, bis ihr einmal
ein paar Fischgräten erwischtet, oder ein Vögelein finget.« --
Ich dachte, unterbrach ich den Freund, daß Ihre Lage gut und glücklich
zu nennen, Sie waren ja sonst --
»Davon, fuhr mich Muzius zornig an, ein andermal, aber nennt mich nicht
=Sie,= das verbitt' ich mir, sondern =Ihr,= bis wir Schmolles getrunken
haben. -- Doch Ihr seid ein Philister und versteht Euch nicht auf den
Komment.«
Nachdem ich mich bei dem erzürnten Freunde zu entschuldigen gesucht,
fuhr er sanfter fort: Also wie gesagt, Eure Lebensart taugt nichts,
Bruder Murr. Ihr müßt heraus, Ihr müßt heraus in die Welt. --
Himmel! rief ich voll Schreck, was sprecht Ihr, Bruder Muzius! in die
Welt soll ich? -- Habt Ihr vergessen, was ich Euch vor einigen Monaten
im Keller davon erzählte, wie ich einst hinaussprang aus einem
englischen Halbwagen in die Welt? Welche Gefahren mir von allen Seiten
drohten? wie mich endlich der gute Ponto rettete und zurückbrachte zu
meinem Meister? Muzius lachte hämisch. -- Ja, sprach er dann, ja, das
ist es eben, darin liegt es eben, der gute Ponto! -- Der stutzerische,
superkluge, narrenhafte, stolze Heuchler, der sich eurer annahm, weil er
gerade nichts Besseres zu tun wußte, weil es ihn gerade belustigte, der,
suchtet Ihr ihn auf in seinen Assembleen und Koterien, Euch gar nicht
wiederkennen, ja Euch, weil Ihr nicht seinesgleichen seid, herausbeißen
würde! der gute Ponto, der statt Euch einzuführen in das wahre
Weltleben, Euch unterhielt mit albernen, menschlichen Geschichten!
-- Nein, guter Murr, jenes Ereignis hat Euch eine ganz andere Welt
gezeigt, als die ist, in welche Ihr hineingehört! Glaubt mir auf's Wort,
all Euer einsames Studieren hilft Euch ganz und gar nichts, und ist Euch
vielmehr noch schädlich. Denn Ihr bleibt dennoch ein Philister, und es
gibt auf der ganzen weiten Erde nichts langweiligeres und
abgeschmackteres als einen gelehrten Philister!
Aufrichtig gestand ich dem Freunde Muzius, daß ich den Ausdruck
Philister, sowie seine eigentliche Meinung nicht ganz fasse. »O mein
Bruder, erwiderte Muzius, indem er anmutig lächelte, so daß er in dem
Augenblick sehr hübsch aussah, und wieder ganz der alte propre Muzius
schien, o mein Bruder Murr, ganz vergeblich würde der Versuch sein, Euch
dieses alles zu erklären, denn nimmermehr könnt Ihr begreifen, was ein
Philister ist, solange Ihr selber einer seid. Wollt Ihr indessen zur
Zeit mit einigen Grundzügen eines Katzphilisters vorlieb nehmen, so
kann --
=(Mak. Bl.)= -- -- gar seltsames Schauspiel. In der Mitte des Zimmers
stand Prinzessin Hedwiga; ihr Antlitz war leichenblaß, todstarr ihr
Blick. Prinz Ignatius trieb sein Spiel mit ihr, wie mit einer
Gliederpuppe. Er hob ihr den Arm in die Höhe, der stehen blieb, und
sank, wenn er ihn niederbeugte. Er stieß sie sanft vorwärts, sie ging,
er ließ sie stehen, sie stand, er setzte sie in den Sessel, sie saß. So
vertieft war der Prinz in dies Spiel, daß er die Eintretenden gar nicht
bemerkte.
»Was machen Sie da, Prinz!« -- So rief ihm die Fürstin zu, da
versicherte er kichernd und fröhlich sich die Hände reibend, daß
Schwester Hedwiga jetzt gut und artig geworden und alles tue, was er
wünsche, auch ihm gar nicht so widerspreche und ihn ausschelte, wie
sonst. -- Und damit begann er auf's neue, indem er militärisch
kommandierte, die Prinzessin in allerlei Stellungen zu bringen, und
jedesmal, wenn sie wie festgezaubert in der Stellung blieb, die er ihr
gegeben, lachte er laut und sprang vor Freuden in die Höhe. »Das ist
nicht zu ertragen, sprach die Fürstin leise mit zitternder Stimme, indem
Tränen ihr in den Augen glänzten, doch der Leibarzt trat auf den Prinzen
zu, und rief mit strengem, gebietendem Ton: lassen Sie das bleiben,
gnädigster Herr! Dann nahm er die Prinzessin in die Arme, ließ sie sanft
nieder auf die Ottomane, die im Zimmer befindlich, und zog die Vorhänge
zu. »Es ist, wandte er sich dann zur Fürstin, zur Zeit der Prinzessin
nichts nötiger, als die unbedingteste Ruhe, ich bitte, daß der Prinz das
Zimmer verlasse.
Prinz Ignatius stellte sich sehr ungebärdig an, und klagte schluchzend,
daß jetzt allerlei Leute, die gar keine Prinzen wären, und nicht einmal
vom Adel, sich unterfingen, ihm zu widersprechen. Er wolle nun bei der
Prinzessin Schwester bleiben, die ihm lieber geworden sei als seine
schönsten Tassen, und der Herr Leibarzt habe ihm gar nichts zu befehlen.
»Gehen Sie in Ihre Zimmer, lieber Prinz, sprach die Fürstin sanft, die
Prinzessin muß jetzt schlafen, und nach der Tafel kommt Fräulein Julia.
»Fräulein Julia! rief der Prinz, indem er kindisch lachte und hüpfte,
Fräulein Julia! -- Ha, das ist schön, der zeige ich die neuen
Kupferstiche und wie ich abgebildet bin in der Geschichte vom
Wasserkönig als Prinz Lachs mit dem großen Orden! -- damit küßte er der
Fürstin zeremoniös die Hand und reichte die seinige mit stolzem Blick
dar, dem Leibarzt zum Kuß. Der faßte aber die Hand des Prinzen und
führte ihn zur Türe, die er öffnete, sich höflich verneigend. Der Prinz
ließ es sich gefallen, auf diese Art hinausgewiesen zu werden.
Die Fürstin sank, ganz Schmerz und Erschöpfung, nieder in den Lehnstuhl,
stützte den Kopf in die Hand und sprach mit dem Ausdruck des tiefsten
Weh's leise vor sich hin: Welche Todsünde lastet auf mir, daß mich der
Himmel so hart straft. -- Dieser Sohn zu ewiger Unmündigkeit verdammt
-- und nun -- Hedwiga -- meine Hedwiga! -- Die Fürstin verfiel in trübes,
düstres Nachdenken.
Der Leibarzt hatte indessen mit Mühe der Prinzessin ein paar Tropfen
irgend einer heilsamen Arzenei eingeflößt und die Kammerfrauen
herbeigerufen, die die Prinzessin, deren automatischer Zustand sich
nicht im mindesten änderte, fortbrachten in ihre Zimmer, nachdem sie von
dem Leibarzt die Weisung erhalten, bei dem kleinsten Zufall, den die
Prinzessin erleiden könne, ihn sogleich herbeizurufen.
Gnädigste Frau, wandte sich der Leibarzt zur Fürstin, so höchst seltsam,
so höchst besorglich auch der Zustand der Prinzessin scheinen mag, so
glaube ich doch mit Gewißheit versichern zu können, daß er bald aufhören
wird, ohne die mindesten gefährlichen Folgen zu hinterlassen. Die
Prinzessin leidet an jener ganz besondern wunderbaren Art des
Starrkrampfs, die in der ärztlichen Praxis so selten vorkommt, daß
mancher hochberühmte Arzt niemals in seinem Leben Gelegenheit fand,
dieselbe zu beobachten. Ich muß mich daher in der Tat glücklich schätzen
-- Der Leibarzt stockte --
Ha, sprach die Fürstin mit bitterm Ton, daran erkenne ich den
praktischen Arzt, der grenzenloses Leiden nicht achtet, wenn er nur
seine Kenntnis bereichert.
Noch vor ganz kurzer Zeit, fuhr der Leibarzt fort, ohne den Vorwurf der
Fürstin zu beachten, fand ich in einem wissenschaftlichen Buche das
Beispiel eines Zufalls, der ganz dem gleich ist, in den die Prinzessin
verfallen. Eine Dame (so erzählt mein Autor) kam von Vesoul nach
Besançon um einen Rechtshandel zu betreiben. Die Wichtigkeit der Sache,
der Gedanke, daß der Verlust des Prozesses die letzte, höchste Stufe der
empfindlichsten Widerwärtigkeiten, die sie erduldet, sei, und sie in Not
und Elend stürzen mußte, erfüllte sie mit der lebhaftesten Unruhe, die
bis zu einer Exaltation ihres ganzen Gemüts stieg. Sie brachte die
Nächte schlaflos zu, aß wenig, man sah sie in der Kirche auf
ungewöhnliche Weise niederfallen und beten, genug, auf verschiedene Art
tat sich der abnorme Zustand kund. Endlich aber an demselben Tage, da
ihr Prozeß entschieden werden sollte, traf sie ein Zufall, den die
anwesenden Personen für einen Schlagfluß hielten. Die herbeigerufenen
Ärzte fanden die Dame in einem Lehnstuhle unbeweglich mit gen Himmel
gerichteten, funkelnden Augen, offenen und unbeweglichen Augenlidern,
mit erhobenen Armen und gefalteten Händen. Ihr vorher trauriges,
bleiches Gesicht war blühender, heiterer, angenehmer als sonst, ihr
Atemzug ungehindert und gleich, der Puls weich, langsam, ziemlich voll,
beinahe wie bei einer ruhig schlafenden Person. Ihre Glieder waren
biegsam, leicht, und ließen ohne den geringsten Widerstand sich in alle
Stellungen bringen. Aber darin äußerte sich die Krankheit und die
Unmöglichkeit irgendeiner Täuschung, daß die Glieder von selbst nicht
aus der Stellung kamen, in die sie versetzt worden. Man drückte ihr Kinn
abwärts -- der Mund öffnete sich und blieb offen. Man hob einen Arm,
nachher den andern auf, sie fielen nicht abwärts, man bog sie ihr nach
dem Rücken hin, streckte sie hoch in die Höhe, so daß es jedem unmöglich
gewesen sein würde, sich lange in dieser Stellung zu behaupten, und doch
geschah es. Man mochte den Körper so sehr herabbeugen, als man wollte,
immer blieb er in dem vollkommensten Gleichgewicht. Sie schien gänzlich
ohne Empfindung, man rüttelte, kneipte, quälte sie, stellte ihr die Füße
auf ein heißes Kohlenbecken, schrie ihr in die Ohren, sie werde ihren
Prozeß gewinnen, alles umsonst, sie gab kein Zeichen des willkürlichen
Lebens von sich. Nach und nach kam sie zu sich selbst, doch führte sie
unzusammenhängende Reden. -- Endlich --
Fahren Sie fort, sprach die Fürstin, als der Leibarzt innehielt, fahren
Sie fort, verschweigen Sie mir nichts und sei es das Entsetzlichste!
-- Nicht wahr? -- in Wahnsinn verfiel die Dame!
Es genügt, sprach der Leibarzt weiter, hinzuzufügen, daß ein sehr böser
Zustand der Dame nur vier Tage hindurch anhielt, daß sie in Vesoul,
wohin sie zurückkehrte, völlig genas und nicht die mindesten schlimmen
Folgen ihrer harten ungewöhnlichen Krankheit verspürte. --
Während die Fürstin aufs neue in trübes Nachdenken versank, verbreitete
sich der Leibarzt weitläufig über die ärztlichen Mittel, die er
anzuwenden gedenke, um der Prinzessin zu helfen und verlor sich zuletzt
in solche wissenschaftlichen Demonstrationen, als spräche er in einer
ärztlichen Beratung zu den tief gelehrtesten Doktoren.
Was, unterbrach endlich die Fürstin den wortreichen Leibarzt, was helfen
alle Mittel, die die spekulierende Wissenschaft darbietet, wenn das
Heil, das Wohl des Geistes gefährdet.
Der Leibarzt schwieg einige Augenblicke, dann fuhr er fort: Gnädigste
Frau, das Beispiel von der wunderbaren Starrsucht jener Dame in Besançon
zeigt, daß der Grund ihrer Krankheit in einer psychischen Ursache lag.
Man fing, als sie zu einiger Besinnung gekommen, ihre Kur damit an, daß
man ihr Mut einsprach und ihr den bösen Prozeß als gewonnen darstellte.
-- Einig sind auch die erfahrensten Ärzte darüber, daß eben irgendeine
plötzliche starke Gemütsbewegung jenen Zustand am ersten hervorbringt.
Prinzessin Hedwiga ist reizbar bis zum höchsten ungewöhnlichen Grade, ja
ich möchte den Organismus ihres Nervensystems manchmal schon an und für
sich selbst abnorm nennen. Gewiß scheint es, daß irgend eine heftige
Erschütterung des Gemüts auch ihren Krankheitszustand erzeugte. Man muß
die Ursache zu erforschen suchen, um psychisch mit Erfolg auf sie wirken
zu können! -- Die schnelle Abreise des Prinzen Hektor. -- Nun, gnädigste
Frau, die Mutter dürfte vielleicht tiefer schauen als jeder Arzt, und
diesem die besten Mittel an die Hand geben können zur heilsamen Kur.
Die Fürstin erhob sich und sprach stolz und kalt: Selbst die Bürgerfrau
bewahrt gern die Geheimnisse des weiblichen Herzens, das Fürstenhaus
erschließt sein Inneres nur der Kirche und ihren Dienern, zu denen der
Arzt sich nicht zählen darf.
Wie, rief der Leibarzt lebhaft, wer vermag das leibliche Wohl so scharf
zu trennen von dem geistigen? Der Arzt ist der zweite Beichtvater, in
die Tiefe des psychischen Seins müssen ihm Blicke vergönnt werden, wenn
er nicht jeden Augenblick Gefahr laufen will zu fehlen. Denken Sie an
die Geschichte jenes kranken Prinzen gnädigste Frau --
Genug! unterbrach die Fürstin den Arzt beinahe mit Unwillen, genug!
-- Nie werde ich mich bewegen lassen eine Unschicklichkeit zu begehen;
ebensowenig als ich glauben kann, daß irgendeine Unschicklichkeit auch
nur in Gedanke und Empfindung die Krankheit der Prinzessin veranlaßt
haben kann.
Damit entfernte sich die Fürstin und ließ den Leibarzt stehen.
Wunderliche Frau, sprach dieser zu sich selbst, diese Fürstin! Gern
möchte sie andere ja sich selbst überreden, daß der Kitt, womit die
Natur Seele und Körper zusammenleimt, wenn es darauf ankommt etwas
Fürstliches zu bilden, von ganz besonderer Art sei, und keineswegs dem
zu vergleichen, den sie bei uns armen Erdensöhnen bürgerlicher Abkunft
verbraucht. -- Man soll gar nicht daran denken, daß die Prinzessin ein
Herz hat, so wie jener höfische Spanier, der das Geschenk von seidnen
Strümpfen, das gute niederländische Bürger seiner Fürstin machen
wollten, deshalb verschmähte, weil es unschicklich sei daran zu
erinnern, daß eine spanische Königin wirklich Füße habe wie andere
ehrliche Leute! -- Und doch: zu wetten ist es, daß in dem Herzen, dem
Laboratorio alles weiblichen Weh's, die Ursache des fürchterlichsten
aller Nervenübel zu suchen ist, das die Prinzessin befallen. --
Der Leibarzt dachte an Prinz Hektor's schnelle Abreise, an der
Prinzessin übermäßige krankhafte Reizbarkeit, an die leidenschaftliche
Art, wie sie sich (so hatte er es vernommen) gegen den Prinzen betragen
haben sollte, und so schien es ihm gewiß, daß irgendein plötzlicher
Liebeszwist die Prinzessin bis zu jäher Krankheit verletzt. -- Man wird
sehen, ob des Leibarztes Vermutungen Grund hatten oder nicht. Was die
Fürstin betrifft, so mochte sie Ähnliches vermuten und eben deshalb alle
Nachfrage, alles Forschen des Arztes für unschicklich halten, da der Hof
überhaupt jedes tiefere Gefühl als unstatthaft verwirft und gemein.
-- Die Fürstin hatte sonst Gemüt und Herz, aber das seltsam halb
lächerliche, halb widrige Ungeheuer, Etikette genannt, hatte sich auf
ihre Brust gelegt wie ein bedrohlicher Alp, und keine Seufzer, kein
Zeichen des innern Lebens sollte mehr hinaufsteigen aus dem Herzen.
Gelingen mußt' es ihr daher selbst Szenen der Art, wie sie sich eben mit
dem Prinz und der Prinzessin begeben, zu verwinden und den stolz
abweisen, der nichts wollte als helfen.
Während sich dies im Schlosse begab, ereignete sich auch im Park
manches, was hier beizubringen ist.
In dem Gebüsch links bei dem Eingange stand der dicke Hofmarschall, zog
ein kleines goldenes Döschen aus der Tasche, wischte, nachdem er eine
Prise Tabak genommen, mit dem Rockärmel einigemal darüber weg, reichte
es dem Leibkammerdiener des Fürsten hin und sprach also: Schätzenswerter
Freund, ich weiß, Sie lieben dergleichen artige Pretiosen, nehmen Sie
gegenwärtiges Döschen als ein geringes Zeichen meines gnädigen
Wohlwollens an, auf das Sie stets rechnen können. -- Doch sagen Sie,
Liebster! wie kam das mit dem seltsamen ungewöhnlichen Spaziergange?
Mich untertänigst zu bedanken! erwiderte der Leibkammerdiener indem er
die goldne Dose einsteckte. Dann räusperte er sich und fuhr fort:
Versichern kann ich, hochgebietende Exzellenz, daß unser gnädigster Herr
sehr alarmiert sind, seit dem Augenblick, als der gnädigsten Prinzessin
Hedwiga, man weiß nicht wie, die fünf Sinne abhanden gekommen. Heute
standen sie am Fenster ganz hoch aufgerichtet wohl eine halbe Stunde und
trommelten mit den gnädigsten Fingern der rechten Hand schrecklich auf
die Spiegelscheibe, daß es klirrte und krachte. Aber lauter hübsche
Märsche von anmutiger Melodie und frischem Wesen, wie mein seliger
Schwager der Hoftrompeter zu sagen pflegte. -- Exzellenz wissen, mein
seliger Schwager der Hoftrompeter war ein geschickter Mann, er brachte
sein Flattergrob heraus wie ein Däuschen, seine Grobstimme, seine
Faulstimme klang wie Nachtigallschlag, und was das Prinzipalblasen
betrifft. -- Alles weiß ich, unterbrach der Hofmarschall den Schwätzer,
mein Bester! Ihr seliger Herr Schwager war ein vortrefflicher
Hoftrompeter, aber jetzt, was taten, was sprachen Durchlaucht, als sie
die Märsche zu trommeln geruht hatten?
Taten, sprachen! fuhr der Leibkammerdiener fort, hm! -- eben nicht viel.
Durchlaucht wandten sich um, sahen mich starr an mit recht feurigen
Augen, zogen die Klingel auf furchtbare Weise und riefen dabei laut:
François -- François! Durchlaucht ich bin schon hier, rief ich. Da
sprachen aber der gnädige Herr ganz zornig: Esel, warum sagt er das
nicht gleich! Und darauf: Mein Promenadenkleid! Ich tat wie mir
geheißen. Durchlaucht geruhten den grünseidenen Überrock ohne Stern
anzulegen und sich nach dem Park zu begeben. Sie verboten mir ihnen zu
folgen aber -- hochgebietende Exzellenz, man muß doch wissen wo sich der
gnädigste Herr befinden, wenn etwa ein Unglück -- Nun! -- ich folgte so
ganz von weitem und gewahrte, daß der gnädigste Herr sich in das
Fischerhäuschen begaben. --
Zum Meister Abraham! -- rief der Hofmarschall ganz verwundert. »So ist
es, sprach der Leibkammerdiener und schnitt ein sehr wichtiges
geheimnisvolles Gesicht.«
Ins Fischerhäuschen, wiederholte der Hofmarschall, zum Meister Abraham!
-- Nie haben Durchlaucht den Meister aufgesucht im Fischerhäuschen! --
Ein ahnungsvolles Stillschweigen folgte, dann sprach der Hofmarschall
weiter: und sonst äußerten Durchlaucht gar nichts? »Gar nichts,
erwiderte der Leibkammerdiener bedeutungsvoll. Doch, fuhr er
schlaulächelnd fort, ein Fenster des Fischerhäuschens geht heraus nach
dem dicksten Gebüsch, es ist dort eine Vertiefung, man versteht jedes
Wort, was drinnen im Häuschen gesprochen wird -- man könnte -- Bester,
wenn Sie das tun wollten, rief der Hofmarschall entzückt! -- Ich tue es,
sprach der Kammerdiener und schlich leise fort. Doch als er aus dem
Gebüsch hervortrat, stand der Fürst, der eben nach dem Schloß
zurückkehrte, dicht vor ihm, so daß er ihn beinahe berührte. In scheuer
Ehrfurcht prallte er zurück: »_Vous êtes un grand_ Tölpel!« donnerte ihn
der Fürst an, rief den Hofmarschall ein kaltes _dormez bien!_ zu und
entfernte sich mit dem Leibkammerdiener, der ihm folgte, ins Schloß.
Ganz bestürzt blieb der Hofmarschall stehen, murmelte, Fischerhäuschen
-- Meister Abraham -- _dormez bien_ -- und beschloß sogleich zu dem
Kanzler des Reichs zu fahren, um sich über die außerordentliche
Begebenheit zu beraten, und womöglich die Konstellation herauszufinden,
die am Hofe ob dieses Ereignisses sich erzeugen könne. --
Meister Abraham hatte den Fürsten bis eben an das Gebüsch begleitet, in
welchem sich der Hofmarschall und der Leibkammerdiener befanden, hier
war er umgekehrt auf Geheiß des Fürsten, der nicht wollte, daß man ihn
aus den Fenstern des Schlosses in Gesellschaft des Meisters bemerke.
-- Der geneigte Leser weiß, wie gut es dem Fürsten gelungen, seinen
einsamen geheimen Besuch bei dem Meister Abraham im Fischerhäuschen zu
verbergen. Aber noch eine Person außer dem Kammerdiener hatte den
Fürsten, ohne daß er es ahnen konnte, belauscht.
Beinahe war Meister Abraham angelangt in seiner Wohnung, als ihm ganz
unvermutet, aus den Gängen, die schon zu dunkeln begannen, die Rätin
Benzon entgegentrat.
Ha, rief die Benzon mit bittrem Lachen: der Fürst hat sich bei Euch Rats
erholt, Meister Abraham. In der Tat, Ihr seid die wahre Stütze des
fürstlichen Hauses, dem Vater und dem Sohne laßt Ihr Eure Weisheit und
Erfahrung zufließen, und wenn guter Rat teuer oder gar nicht zu haben
ist -- So, fiel Meister Abraham der Benzon ins Wort, so gibt es eine
Rätin, die eigentlich das glanzvolle Gestirn ist, das hier alles
erleuchtet, und unter dessen Einfluß auch nur ein armer alter Orgelbauer
bestehen, und sein einfaches Leben ungestört durchfristen kann.
Scherzt nicht so bitter, sprach die Benzon, Meister Abraham, ein
Gestirn, das glanzvoll geleuchtet, kann unserm Horizont entfliehend
schnell verbleichen, und endlich ganz untergehen. Die seltsamsten
Ereignisse scheinen sich durchkreuzen zu wollen, in diesem einsamen
Familienkreise, den eine kleine Stadt und ein paar Dutzend Menschen
mehr, als eben darin wohnen, Hof zu nennen gewohnt sind. -- Die schnelle
Abreise des sehnlich erwarteten Bräutigams -- Hedwiga's bedrohlicher
Zustand! -- In der Tat, tief niederbeugen mußte dies den Fürsten, wäre
er nicht ein ganz gefühlloser Mann. -- Nicht, nicht immer waren Sie
dieser Meinung, unterbrach der Meister Abraham die Benzon, Frau Rätin.
--
Ich verstehe Euch nicht, sprach die Benzon mit verächtlichem Ton, indem
sie dem Meister einen stechenden Blick zuwarf und dann schnell das
Gesicht abwandte. --
Fürst Irenäus hatte im Gefühl des Vertrauens, das er dem Meister Abraham
schenken, ja der geistigen Übermacht, die er ihm zugestehen mußte, alle
fürstliche Bedenklichkeiten beiseite gestellt, und im Fischerhäuschen
sein ganzes Herz ausgeschüttet, auf alle Äußerungen der Benzon über die
verstörenden Ereignisse des Tages aber geschwiegen. Dies wußte der
Meister, und um so weniger durfte ihm die Empfindlichkeit der Rätin
auffallen, wiewohl er sich verwunderte, daß, kalt und in sich
verschlossen, wie sie war, sie diese Empfindlichkeit nicht besser zu
verbergen vermochte.
Wohl mußte es aber die Rätin tief schmerzen, daß sie das Monopol der
Vormundschaft über den Fürsten, das sie sich angeeignet, aufs Neue, und
zwar in einem kritischen, verhängnisvollen Augenblick, gefährdet sah.
Aus Gründen, die sich vielleicht später klar entwickeln dürften, war die
Verbindung der Prinzessin Hedwiga mit dem Prinzen Hektor der Rätin
feurigster Wunsch. Auf dem Spiele stand diese Verbindung, so mußte sie
glauben, und jede Einmischung eines dritten in diese Angelegenheit ihr
bedrohlich erscheinen. Überdies sah sie sich zum erstenmal von
unerklärlichen Geheimnissen umringt, zum ersten Mal schwieg der Fürst,
konnte sie, die gewohnt das ganze Spiel des phantastischen Hofes zu
regieren, tiefer gekränkt werden?
Meister Abraham wußte, daß einem aufgeregten Weibe nichts besser
entgegenzusetzen ist als unüberwindliche Ruhe, er sprach daher kein
Wörtchen, sondern schritt schweigend daher neben der Benzon, die sich in
tiefen Gedanken nach jener Brücke wandte, die der geneigte Leser schon
kennt. Sich auf das Geländer stützend schaute die Rätin hinein in die
fernen Büsche, denen die sinkende Sonne, noch wie zum Abschiede, goldene
leuchtende Blicke zuwarf.
»Ein schöner Abend«, sprach die Rätin, ohne sich umzuwenden. Gewiß,
erwiderte Meister Abraham, still, ruhig, heiter wie ein unbefangenes,
unverstörtes Gemüt.
»Sie können, fuhr die Rätin fort, das vertraulichere Ihr, mit dem sie
sonst den Meister anredete, aufgebend, mein lieber Meister, es mir nicht
verargen, daß ich mich schmerzhaft berührt fühlen muß, wenn der Fürst
plötzlich nur =Sie= zu seinem Vertrauten macht, nur Sie zu Rate zieht, in
einer Angelegenheit, über die eigentlich die welterfahrene Frau besser
zu raten, zu entscheiden weiß. Doch vorüber, ganz vorüber ist die
kleinliche Empfindlichkeit, die ich nicht zu bergen vermochte. Ich bin
ganz beruhigt, da nur die Form verletzt ist. Der Fürst selbst hätte mir
das alles sagen sollen, was ich nun erfahren habe auf andere Weise, und
ich kann in der Tat alles, was Sie, lieber Meister, ihm erwiderten, nur
höchlich billigen. -- Selbst will ich gestehen, daß ich etwas tat, was
eben nicht lobenswert ist. Mag es nicht sowohl weibliche Neugierde, als
die tiefste Teilnahme an allem, was sich in dieser fürstlichen Familie
begibt, entschuldigen. Erfahren Sie es, Meister: ich habe Sie belauscht,
Ihre ganze Unterredung mit dem Fürsten angehört, jedes Wort
verstanden --
Den Meister Abraham erfaßte bei diesen Worten der Benzon ein seltsames,
von höhnender Ironie und tiefer Verbitterung gemischtes Gefühl.
Ebensogut wie jener Leibkammerdiener des Fürsten, hatte Meister Abraham
bemerkt, daß man in der buschichten Vertiefung, dicht vor dem einen
Fenster des Fischerhäuschens versteckt, jedes Wort vernehmen konnte, was
drinnen gesprochen wurde. Durch eine geschickte akustische Vorrichtung
war ihm indessen gelungen, es zu bewirken, daß jedes Gespräch im Innern
des Häuschens dem draußen Stehenden nur wie ein verwirrtes
unverständliches Geräusch klang und es schlechterdings unmöglich blieb,
auch nur eine Silbe zu unterscheiden. -- Erbärmlich mußte es daher dem
Meister erscheinen, wenn die Benzon zu einer Lüge ihre Zuflucht nahm, um
hinter Geheimnisse zu kommen, die sie zwar ahnen mochte, aber nicht der
Fürst, und die dieser daher auch nicht wohl dem Meister Abraham
vertrauen konnte. -- Man wird erfahren, was der Fürst mit dem Meister im
Fischerhäuschen verhandelte.
O! rief der Meister, o meine Gnädige, es war der rege Geist der
lebensweisen, unternehmenden Frau selbst, der Sie an das Fischerhäuschen
führte. Wie kann ich armer, alter, jedoch unerfahrner Mann mich in allen
diesen Dingen zurechtfinden, ohne Ihren Beistand! Eben wollt' ich alles,
was mir der Fürst vertraut, weitläuftig hererzählen, aber es bedarf
keiner fernern Erläuterungen, da Ihnen schon alles bekannt. Möchten Sie,
Gnädige, mich würdig achten, sich über alles, was vielleicht schlimmer
sich darstellen mag, als es wirklich ist, recht von Herzen
auszusprechen.
Meister Abraham traf den Ton der biederen Zutraulichkeit so gut, daß die
Benzon, all' ihrer Scharfsichtigkeit unerachtet, nicht gleich zu
entscheiden wußte, ob es hier auf eine Mystifikation abgesehen sei oder
nicht, und die Verlegenheit darüber schnitt ihr jeden Faden ab, den sie
erfassen und zur für den Meister verfänglichen Schlinge hätte verknüpfen
können. So geschah es aber, daß sie vergebens nach Worten ringend, wie
festgebannt auf der Brücke stehen blieb, und hinabschaute in den See.
Der Meister weidete sich einige Augenblicke an ihrer Pein, dann
richteten sich aber seine Gedanken auf die Begebnisse des Tages. Er
wußte wohl, wie Kreisler in dem Mittelpunkt eben dieser Begebnisse
gestanden, ein tiefer Schmerz über den Verlust des teuersten Freundes
erfaßte ihn, und unwillkürlich entfloh ihm der Ausruf: Armer Johannes!
Da wandte sich die Benzon rasch zu dem Meister und sprach mit
losbrechender Heftigkeit: Wie, Meister Abraham, Ihr seid doch nicht so
töricht, an Kreislers Untergang zu glauben? Was kann ein blutiger Hut
beweisen? -- Was sollte ihn auch so plötzlich zu dem schrecklichen
Entschluß gebracht haben, sich selbst zu töten -- man hätte ihn ja auch
gefunden. --
Nicht wenig erstaunte der Meister, die Benzon von Selbstmord sprechen
zu hören, hier, wo ein ganz anderer Verdacht sich zu regen schien, ehe
er indessen antworten konnte, fuhr die Rätin fort: Wohl uns, wohl uns,
daß er fort ist, der Unglückliche, der überall, wo er sich blicken läßt,
nur verstörendes Unheil anrichtet! Sein leidenschaftliches Wesen, seine
Verbitterung, nicht anders kann ich seinen hochgepriesenen Humor
bezeichnen, steckt jedes reizbare Gemüt an, mit dem er dann sein
grausames Spiel treibt. Zeugt die höhnende Verachtung aller
konventionellen Verhältnisse, ja der Trotz gegen alle üblichen Formen
von Übergewicht des Verstandes, so müssen wir alle unsere Knie beugen
vor diesem Kapellmeister, doch soll er uns in Ruhe lassen und sich nicht
auflehnen gegen alles, was durch die richtige Ansicht des wirklichen
Lebens bedingt, und als unsere Zufriedenheit begründend anerkannt wird.
Darum! -- dem Himmel sei gedankt, daß er fort ist, ich hoffe ihn nie
wiederzusehen.
Und doch, sprach der Meister sanft, waren Sie sonst die Freundin meines
Johannes, Frau Rätin, und doch nahmen Sie sich seiner an, in einer
bösen kritischen Zeit und führten ihn selbst auf die Bahn, von der ihn
nur eben jene konventionellen Verhältnisse, die Sie so eifrig in
Schutz nehmen, wegverlockt hatten? -- Welch ein Vorwurf trifft jetzt so
plötzlich meinen guten Kreisler? -- Was für Böses hat sich aus seinem
Innern aufgetan? Will man ihn darum hassen, weil in den ersten
Augenblicken, da der Zufall ihn in eine neue Region geworfen, das Leben
feindlich auf ihn zutrat, weil das Verbrechen ihn bedrohte, weil -- ein
italienischer Bandit ihm nachschlich? --
Die Rätin fuhr bei diesen Worten sichtlich zusammen. Welch', sprach sie
dann mit zitternder Stimme, welch einen Gedanken der Hölle, hegt Ihr in
der Brust, Meister Abraham? -- Aber wäre es so, wäre Kreisler wirklich
gefallen, so wurde in dem Augenblick die Braut gerächt, die er
verdorben. Eine innere Stimme sagt es mir, Kreisler allein ist schuld an
dem fürchterlichen Zustande der Prinzessin. Schonungslos spannte er die
zarten Saiten im innern Gemüt der Kranken, bis sie zersprangen. So war,
erwiderte Meister Abraham giftig, der italienische Herr ein Mann von
raschem Entschluß, der die Rache der Tat vorausschickte. Sie haben ja,
Gnädige, alles angehört, was ich mit dem Fürsten gesprochen im
Fischerhäuschen, Sie wissen daher auch, daß Prinzessin Hedwiga in
demselben Augenblick, als der Schuß im Walde fiel, zur Leblosigkeit
erstarrte.
In der Tat, sprach die Benzon, man möchte an all' das schimärische Zeug
glauben, das uns jetzt aufgetischt wird, an psychische Korrespondenzen
und dergleichen! -- Doch! noch einmal, wohl uns, daß er fort ist, der
Zustand der Prinzessin kann und wird sich ändern. -- Das Verhängnis hat
den Störer unserer Ruhe vertrieben und -- sagt selbst, Meister Abraham,
ist nicht unser Freund im Innersten zerrissen auf solche Weise, daß das
Leben ihm keinen Frieden mehr zu geben vermag? -- Gesetzt also wirklich
daß --
Die Rätin endete nicht, aber Meister Abraham fühlte den Zorn, den er mit
Mühe unterdrückt, hoch aufflammen.
Was habt Ihr alle gegen diesen Johannes, rief er mit erhöhter Stimme,
was hat er euch Böses getan, daß Ihr ihm keine Freistatt, kein Plätzchen
gönnt auf dieser Erde? -- wißt Ihrs nicht? -- Nun so will ich es Euch
sagen. Seht, der Kreisler trägt nicht Eure Farben, er versteht nicht
Eure Redensarten, der Stuhl, den Ihr ihm hinstellt, damit er Platz nehme
unter Euch, ist ihm zu klein, zu enge! Ihr könnt' ihn gar nicht für
euresgleichen achten, und das ärgert Euch. Er will die Ewigkeit der
Verträge, die Ihr über die Gestaltung des Lebens geschlossen, nicht
anerkennen, ja er meint, daß ein arger Wahn, von dem Ihr befangen, Euch
gar nicht das eigentliche Leben erschauen lasse, und daß die
Feierlichkeit, mit der Ihr über ein Reich zu herrschen glaubt, das Euch
unerforschlich, sich gar spaßhaft ausnehme, und das alles nennt Ihr
Verbitterung. Vor allen Dingen liebt er jenen Scherz, der sich aus der
tiefern Anschauung des menschlichen Seins erzeugt und der die schönste
Gabe der Natur zu nennen, die sie aus der reinsten Quelle ihres Wesens
schöpft. Aber Ihr seid vornehme ernste Leute und wollet nicht scherzen.
-- Der Geist der wahren Liebe wohnt in ihm, doch vermag dieser ein Herz
zu erwärmen, das auf ewig zum Tode erstarret ist, ja in welchem niemals
der Funke war, den jener Geist zur Flamme aufhaucht? Ihr möget den
Kreisler nicht, weil Euch das Gefühl des Übergewichts, das Ihr ihm
einzuräumen gezwungen, unbehaglich ist, weil Ihr ihn, der Verkehr treibt
mit höheren Dingen als die gerade in Euern engen Kreis passen, fürchtet.
--
Meister Abraham, sprach die Benzon mit dumpfer Stimme, der Eifer, mit
dem Du für Deinen Freund sprichst, führt Dich zu weit. Du wolltest mich
verletzen? -- Nun wohl, es ist Dir gelungen, denn Du hast Gedanken in
mir geweckt, die lange, lange schlummerten! -- Todstarr nennst Du mein
Herz? -- Weißt Du denn, ob jemals der Geist der Liebe freundlich zu ihm
gesprochen, ob ich nicht allein in konventionellen Verhältnissen des
Lebens, die der überspannte Kreisler verächtlich finden mag, Trost und
Ruhe fand? -- Glaubst Du denn nicht überhaupt, alter Mann, der auch wohl
so manches Leid erfahren, daß es ein gefährliches Spiel ist, sich über
jene Verhältnisse erheben, und dem Weltgeist näher treten zu wollen in
der Mystifikation des eigenen Seins? Ich weiß es, die kälteste,
regungsloseste Prosa des Lebens selbst, hat mich Kreisler gescholten und
es ist sein Urteil, das sich in dem Deinigen ausspricht, wenn Du mich
todstarr nennst, aber habt Ihr jemals dieses Eis zu durchblicken
vermocht, das meiner Brust schon längst ein schützender Harnisch war?
-- Mag bei den Männern die Liebe nicht das Leben schaffen, sondern es nur
auf eine Spitze stellen, von der herab noch sichre Wege führen, unser
höchster Lichtpunkt, der unser ganzes Sein erst schafft und gestaltet,
ist der Augenblick der ersten Liebe. Will es das feindliche Geschick,
daß dieser Augenblick verfehlt wurde, verfehlt ist das ganze Leben für
das schwache Weib, das untergeht in trostloser Unbedeutsamkeit, während
das mit stärkerer Geisteskraft begabte sich mit Gewalt emporrafft, und
eben in den Verhältnissen des gewöhnlichen Lebens eine Gestaltung
erringt, die ihm Ruhe und Frieden gibt. -- Laß es Dir sagen, alter Mann
-- hier in der Dunkelheit der Nacht, die das Vertrauen verschleiert, laß
es Dir sagen! -- Als jener Moment in mein Leben trat, als ich =den=
erblickte, der alle Glut der innigsten Liebe, deren die weibliche Brust
nur fähig, in mir entzündete -- da stand ich vor dem Traualtar mit jenem
Benzon, der ein guter Ehemann wurde wie kein anderer. Seine völlige
Bedeutungslosigkeit gewährte mir alles, was ich, um ein friedfertiges
Leben zu führen, nur wünschen konnte, und nie ist eine Klage, ein
Vorwurf meinen Lippen entflohen. Nur den Kreis des Gewöhnlichen nahm ich
in Anspruch, und wenn dann selbst in diesem Kreise sich manches begab,
das mich unvermerkt irre leitete, wenn ich manches, das strafbar
erscheinen möchte, mit nichts anderm zu entschuldigen weiß als mit dem
Drange des augenblicklichen Verhältnisses, so mag =das= Weib mich zuerst
verdammen, die, so wie ich, den schweren Kampf durchkämpfte, der zu
gänzlichem Verzicht auf alles höhere Glück führt, sollte dies auch
nichts anders sein, als ein süßer träumerischer Wahn. -- Fürst Irenäus
machte meine Bekanntschaft. -- Doch ich schweige von dem, was längst
vergangen, nur von der Gegenwart soll noch die Rede sein. -- Ich hab es
Dir vergönnt in mein Innerstes zu schauen, Meister Abraham, Du weißt
nun, warum ich, so wie die Dinge sich hier gestalten, jedes
Hineindrängen eines fremdartigen exotischen Prinzips als bedrohlich
fürchten muß. Mein eigenes Geschick in jener verhängnisvollen Stunde
grinset mich an, wie ein furchtbar warnendes Gespenst. Retten muß ich
die, die mir teuer sind, ich habe meine Pläne gemacht. -- Meister
Abraham, seid mir nicht entgegen, oder, wollt Ihr in den Kampf treten
mit mir, so seht Euch vor, daß ich Eure besten Taschenspielerkünste
nicht zu Schanden mache!
Unglückliche Frau, rief Meister Abraham.
Unglücklich nennst Du mich, erwiderte die Benzon, mich, die ich ein
feindliches Geschick zu bekämpfen wußte und mir da, wo alles verloren
schien, Ruhe und Zufriedenheit gewann?
Unglückliche Frau, rief Meister Abraham nochmals mit einem Ton, der von
seiner innern Bewegung zeugte, arme, unglückliche Frau! Ruhe,
Zufriedenheit vermeinst Du gewonnen zu haben, und ahnst nicht, daß es
die Verzweiflung war, die -- ein Vulkan, -- alle flammenden Gluten aus
Deinem Innern hinausströmen ließ, und daß Du nun die tote Asche aus der
keine Blüte, keine Blume mehr sproßt, in starrer Betörung für das reiche
Feld des Lebens hältst, das Dir noch Früchte spenden soll. -- Ein
künstliches Gebäude willst Du aufführen auf dem Grundstein, den ein
Blitzstrahl zermalmte und befürchtest nicht, daß es einstürzen wird in
dem Augenblick, da lustig bunte Bänder wehen von der Blumenkrone, die
den Sieg des Baumeisters verkünden soll? -- Julia -- Hedwiga -- ich weiß
es, für sie wurden jene Pläne künstlich gewoben! -- Unglückliche Frau,
hüte Dich, daß jenes unheilbringende Gefühl, jene eigentliche
Verbitterung, die Du mit großem Unrecht meinem Johannis vorwirfst, nicht
aus Deinem eignen tiefsten Innern hervortritt, so daß Deine weisen
Entwürfe weiter nichts sind, als das feindliche Auflehnen gegen ein
Glück, das Du niemals genossest, und das Du nun selbst Deinen Lieben
mißgönnst. -- Ich weiß mehr von Deinen Entwürfen als Du es glauben
magst, mehr von Deinen gerühmten Verhältnissen des Lebens, die Dir Ruhe
bringen sollen und die -- Dich verlockten zu strafbarer Schande!
Ein dumpfer, unartikulierter Schrei, den die Benzon bei diesen letzten
Worten des Meisters ausstieß, verriet ihre tiefe Erschütterung. Der
Meister hielt inne, da aber die Benzon ebenfalls schwieg ohne sich von
der Stelle zu rühren, fuhr er gelassen fort: Zu nichts wenigerm habe ich
Lust, als mich in irgendeinen Kampf mit Ihnen zu begeben, Gnädige. Was
aber meine sogenannten Taschenspielerkünste betrifft, so wissen Sie ja
recht gut, werteste Frau Rätin, daß seit der Zeit, da mein unsichtbares
Mädchen mich verlassen -- In dem Augenblick erfaßte den Meister der
Gedanke an die verlorne Chiara mit einer Gewalt, wie seit langer Zeit
nicht mehr, er glaubte ihre Gestalt zu erblicken in der dunklen Ferne,
er glaubte ihre süße Stimme zu vernehmen. O Chiara! -- meine Chiara! So
rief er in der schmerzlichsten Wehmut! --
Was ist Euch, sprach die Benzon sich schnell nach ihm umwendend, Meister
Abraham! -- welchen Namen nanntet Ihr? -- Doch noch einmal, laßt ruhen
alles Vergangene, beurteilt mich nicht nach jenen seltsamen Ansichten
des Lebens, die Ihr mit Kreislern teilt, versprecht mir das Vertrauen
nicht zu mißbrauchen, daß Euch Fürst Irenäus geschenkt, versprecht mir
nicht entgegen zu sein, in meinem Tun und Treiben.
So ganz vertieft in das schmerzliche Andenken an seine Chiara war
Meister Abraham, daß er kaum vernahm was die Rätin sprach und nur
unverständliche Worte zu erwidern vermochte.
Weiset mich nicht zurück, Meister Abraham, fuhr die Rätin fort, Ihr
seid, wie es scheint, in der Tat mit manchem mehr bekannt, als ich
vermuten durfte, doch ist es möglich, daß ich auch noch Geheimnisse
bewahre, deren Mitteilung Euch sehr viel wert sein würde, ja, daß ich
Euch vielleicht einen Liebesdienst erzeigen könnte, an den Ihr gar nicht
denkt. Laßt uns zusammen diesen kleinen Hof beherrschen, der in der Tat
des Gängelbandes bedarf. -- Chiara rieft Ihr mit einem Ausdrucke des
Schmerzes der -- Ein starkes Geräusch vom Schlosse her unterbrach die
Benzon. Meister Abraham erwachte aus Träumen, das Geräusch -- --
=(M. f. f.)= -- ich folgendes beibringen. Ein Katzphilister beginnt, ist
er auch noch so durstig, die Schüssel Milch vom Rande rundumher an
aufzulecken, damit er sich nicht Schnauze und Bart bemilche und
anständig bleibe, denn der Anstand gilt ihm mehr als der Durst. Besuchst
du einen Katzphilister, so bietet er dir alles nur mögliche an,
versichert dich aber, wenn du scheidest, bloß seiner Freundschaft, und
frißt nachher heimlich und allein die Leckerbissen, die er dir
angeboten. Ein Katzphilister weiß vermöge eines sichern untrüglichen
Takts überall, auf dem Boden, im Keller usw. den besten Platz zu finden,
wo er sich so wohlbehaglich und bequem hinstreckt, als es nur geschehen
kann. Er erzählt viel von seinen guten Eigenschaften und wie er, dem
Himmel sei Dank, nicht klagen könne, daß das Schicksal diese guten
Eigenschaften übersehen. Sehr wortreich setzt er dir auseinander, wie er
zu dem guten Platz gekommen, den er behaupte, und was er noch alles tun
werde, um seine Lage zu verbessern. Willst du nun aber auch endlich von
dir und deinem geringer günstigen Schicksal etwas sagen, so kneift der
Katzphilister sofort die Augen zu und drückt die Ohren an, tut auch
wohl, als wenn er schliefe oder spinnt. Ein Katzphilister leckt sich
fleißig den Pelz rein und glänzend, und passiert selbst auf der Mausjagd
keine nasse Stelle, ohne bei jedem Schritt die Pfoten auszuschütteln,
damit er, geht auch das Wild darüber verloren, doch in allen
Verhältnissen des Lebens ein feiner, ordentlicher, wohlgekleideter Mann
bleibe. Ein Katzphilister scheut und vermeidet die leiseste Gefahr und
bedauert, befindest du dich in solcher und sprichst seine Hilfe an,
unter den heiligsten Beteuerungen seiner freundschaftlichen Teilnahme,
daß gerade in dem Augenblick es seine Lage, die Rücksichten, die er
nehmen müsse, es ihm nicht erlaubten dir beizustehen. Überhaupt ist
alles Tun und Treiben des Katzphilisters bei jeder Gelegenheit abhängig
von tausend und tausend Rücksichten. Selbst z. B. gegen den kleinen
Mops, der ihn in den Schwanz gebissen auf empfindliche Weise, bleibt er
artig und höflich, um es nicht mit dem Hofhunde zu verderben, dessen
Protektion er zu erlangen gewußt, und er nutzt nur den nächtlichen
Hinterhalt, um jenem Mops ein Auge auszukratzen. Tages darauf bedauert
er den teuern Mopsfreund gar von Herzen und schmält über die Bosheit
arglistiger Feinde. Übrigens gleichen diese Rücksichten einem
wohlangelegten Fuchsbau, der dem Katzphilister Gelegenheit gibt, überall
zu entwischen in dem Augenblick, als Du ihn zu fassen glaubst. Ein
Katzphilister bleibt am liebsten unter dem heimischen Ofen, wo er sich
sicher fühlt, das freie Dach verursacht ihm Schwindel. -- Und seht ihr
nun wohl, Freund Murr, das ist euer Fall. Sage ich euch nun, daß der
Katzbursch offen, ehrlich, uneigennützig, herzhaft, stets bereit dem
Freunde zu helfen ist, daß er keine andere Rücksichten kennt, als die
Ehre und redlicher Sinn gebieten, genug, daß der Katzbursch durchaus der
Antipode des Katzphilisters ist, so werdet Ihr keinen Anstand nehmen,
euch zu erheben aus dem Philistertum, um ein ordentlicher, tüchtiger
Katzbursch zu werden. --
Lebhaft fühlte ich die Wahrheit in Muzius Worten. Ich sah ein, daß ich
nur das Wort Philister nicht gekannt, wohl aber den Charakter, da mir
schon manche Philister, d. h. schlechte Katzkerle vorgekommen waren, die
ich herzlich verachtet hatte. Um so schmerzhafter fühlte ich daher den
Irrtum, von dem befangen ich in die Kategorie jener verächtlichen Leute
hätte geraten können und beschloß, Muzius Rat in allem zu folgen, um so
vielleicht noch ein tüchtiger Katzbursche zu werden. -- Ein junger
Mensch sprach einst zu meinem Meister von einem treulosen Freunde, und
bezeichnete diesen mit einem sehr seltsamen, mir unverständlichen
Ausdruck. Er nannte ihn einen pomadigen Kerl. Nun war es mir, als sei
das Beiwort: pomadig, sehr passend dem Hauptwort Philister hinzuzufügen,
und ich befragte Freund Muzius darum. Kaum hatte ich aber das Wort
pomadig ausgesprochen, als Muzius laut jauchzend aufsprang, und, mich
kräftig umhalsend rief: Herzensjunge, nun gewahre ich, daß du mich ganz
verstanden hast -- ja, pomadiger Philister! das ist die verächtliche
Kreatur, die sich auflehnt gegen das edle Burschentum und die wir
überall, wo wir sie finden, tothetzen möchten. Ja, Freund Murr, du hast
jetzt schon dein inneres, wahrhaftes Gefühl für alles Edle, Große,
bewiesen, laß dich nochmals an diese Brust drücken, in der ein treues,
deutsches Herz schlägt. -- Damit umhalste mich Freund Muzius aufs neue
und erklärte, wie er in der nächstfolgenden Nacht mich einzuführen
gedenke in das Burschentum, ich möge mich nur in der Mitternachtsstunde
einfinden auf dem Dache, wo er mich abholen werde zu einem Fest, das ein
Katzsenior veranstaltet, nämlich der Kater Puff.
Der Meister trat ins Zimmer. Ich sprang wie gewöhnlich ihm entgegen,
schmiegte mich, wälzte mich auf dem Boden, um ihm meine Freude zu
bezeugen. Auch Muzius glotzte ihn an mit zufriedenem Blick. Nachdem der
Meister etwas weniges mir Kopf und Hals gekraut, sah er sich um im
Zimmer und sprach, da er alles in gehöriger Ordnung fand: Nun das ist
recht! Eure Unterhaltung ist still und friedlich gewesen, wie es
anständigen, gut erzogenen Leuten geziemt. Das verdient belohnt zu
werden.
Der Meister schritt zu der Türe heraus, die nach der Küche führte, und
wir, Muzius und ich, seine gute Absicht erratend, schritten hinter ihm
her mit einem fröhlichen Mau -- Mau -- Mau! Wirklich öffnete auch der
Meister den Küchenschrank und holte die Skelette und Knöchelchen von ein
paar jungen Hühnern hervor, deren Fleisch er gestern verzehrt hatte. Es
ist bekannt, daß mein Geschlecht Hühnerskelette zu den allerfeinsten
Leckerbissen rechnet, die es geben kann, und daher kam es, daß Muzius
Augen in glanzvollem Feuer strahlten, daß er den Schweif in den
anmutigsten Windungen schlängelte, daß er laut schnurrte, als der
Meister die Schüssel vor uns hinsetzte auf den Boden. Des pomadigen
Philisters wohl eingedenk, schob ich dem Freunde Muzius die besten
Bissen hin, die Hälse, die Bäuche, die Steiße, und begnügte mich mit den
gröbern Schenkel- und Flügelknochen. Als wir mit den Hühnern fertig
waren, wollte ich den Freund Muzius fragen, ob ihm vielleicht mit einer
Tasse süßer Milch gedient sei. Doch den pomadigen Philister stets vor
Augen, unterließ ich es und schob statt dessen die Tasse, welche, wie
ich wußte, unter dem Schrank stand, hervor und lud Muzius freundlich ein
zuzusaufen, indem ich ihm Bescheid tat. -- Muzius soff die Tasse rein
aus, dann drückte er mir die Pfote und sprach, während ihm die hellen
Tränen in die Augen traten: Freund Murr, ihr lebt lukullisch, aber ihr
habt mir euer treues, biederes und edelmütiges Herz kund getan, und so
wird die eitle Lust der Welt euch nicht verlocken zum schnöden
Philistertum! Habt Dank, habt innigen Dank! --
Mit einem biedern, deutschen Pfotendruck nach altväterischer Sitte
nahmen wir Abschied. Muzius war, gewiß um die tiefe Rührung, die ihm
Tränen auspreßte, zu verbergen, mit einem halsbrechenden Satze schnell
zum offenen Fenster hinaus auf das nächst anstoßende Dach. -- Selbst
mich, den die Natur doch mit vorzüglicher Schwungkraft begabt, setzte
dieser gewagte Satz in Erstaunen, und ich fand Gelegenheit, auf's Neue
mein Geschlecht zu preisen, das aus gebornen Turnern besteht, die keines
Springstocks, keiner Kletterstange bedürfen.
Übrigens gab mir Freund Muzius auch den Beweis, wie oft hinter einem
rauhen, abschreckenden Äußern, sich ein zartes, tieffühlendes Gemüt
verbirgt. --
Ich kehrte ins Zimmer zu meinem Meister zurück und legte mich unter den
Ofen. Hier in der Einsamkeit die Gestaltung meines bisherigen Seins
bedenkend, meine letzte Stimmung, meine ganze Lebensweise erwägend,
erschrak ich bei dem Gedanken, wie nahe ich dem Abgrunde gewesen, und
Freund Muzius erschien mir trotz seines struppigen Balgs, wie ein
schöner, rettender Engel. In eine neue Welt sollte ich treten, die Leere
im Innern sollte ausgefüllt, ein anderer Kater sollte ich werden, mir
klopfte das Herz vor banger, freudiger Erwartung.
Noch lange war es nicht Mitternacht, als ich den Meister mit der
gewöhnlichen Redensart: Ma--au bat, mich hinauszulassen. Recht gerne,
erwiderte er, indem er die Türe öffnete, Recht gerne, Murr. Aus dem
ewigen Unterm-Ofen-Liegen und -Schlafen kommt gar nichts heraus. Geh
-- geh, daß du wieder in die Welt unter Kater kommst. Vielleicht findest
du gemütsverwandte Katerjünglinge, die sich mit dir ergötzen in Ernst
und Scherz.
Ach! -- der Meister ahnte wohl, daß ein neues Leben mir bevorstand!
-- Endlich, nachdem ich bis Mitternacht gewartet, stellte sich Freund
Muzius ein, und führte mich fort über verschiedene Dächer, bis endlich
auf einem beinahe ganz platten italienischen Dache, uns zehn stattliche,
nur ebenso nachlässig und seltsam wie Muzius gekleidete Katerjünglinge
mit lautem Jubelgeschrei empfingen. Muzius stellte mich den Freunden
vor, rühmte meine Eigenschaften, meinen treuen, biedern Sinn, hob
vorzüglich hervor, wie ich ihn mit Backfischen, Hühnerknochen und süßer
Milch gastlich bewirtet und schloß damit, daß ich als tüchtiger
Katzbursch aufgenommen sein wolle. Alle gaben ihre Beistimmung.
Es erfolgten nun gewisse Feierlichkeiten, die ich indessen verschweige,
da geneigte Leser meines Geschlechts vielleicht argwöhnen, ich sei in
einen verbotenen Orden getreten und noch jetzt Red' und Antwort darüber
von mir verlangen könnten. Ich versichere aber auf Gewissen, daß von
einem Orden und seinen Bedingnissen, als da sind Statuten, geheime
Zeichen u. s. w. durchaus nicht die Rede war, sondern daß der Verein
lediglich auf Gleichheit der Gesinnung beruhte. Denn es fand sich bald,
daß jeder von uns süße Milch lieber zu sich nahm als Wasser, Braten
lieber als Brot.
Nachdem die Feierlichkeiten vorüber, empfing ich von allen den
brüderlichen Kuß und Pfotendruck, und sie nannten mich: du! -- Dann
setzten wir uns zu einem einfachen aber fröhlichen Mahl, dem eine
wackere Zecherei folgte. Muzius hatte trefflichen Katzpunsch bereitet.
-- Sollte ein lüsterner Katerjüngling nach dem Rezept dieses köstlichen
Getränks Begierde tragen, so kann ich leider darüber keine genügende
Auskunft geben. So viel ist gewiß, daß die hohe Annehmlichkeit des
Geschmacks, sowie die siegende Kraft, vorzüglich durch eine derbe Zutat
von Heringslake hervorgebracht wird.
Mit einer Stimme, die weit über viele Dächer hinwegdonnerte, intonierte
nun der Senior Puff das schöne Lied: _Gaudeamus igitur._ Mit Wonne fühlte
ich mich im Innern und Äußern ganz trefflicher _Juvenis_ und mochte gar
nicht an den _tumulus_ denken, den ein düstres Verhängnis unserm
Geschlechte selten in der stillen, friedlichen Erde gönnt. Es wurden
noch verschiedene schöne Lieder gesungen, wie z. B. Laßt die Politiker
nur sprechen u. s. w., bis der Senior Puff mit gewichtiger Pfote auf den
Tisch schlug und verkündete, daß nun das wahre, echte Weihelied, nämlich
das _Ecce quam bonum_ gesungen werden müsse, und intonierte sofort den
Chor: _Ecce etc. etc._
Noch nie hatte ich dieses Lied gehört, dessen Komposition ebenso tief
gedacht, so harmonisch und melodisch richtig, als wunderbar und
geheimnisvoll zu nennen. Der Meister ist, soviel ich weiß, nicht bekannt
geworden, doch schreiben viele dieses Lied dem großen Händel zu, andere
dagegen behaupten, daß es lange, lange vor Händels Zeit schon existiert
habe, da nach der Chronik von Wittenberg es schon gesungen worden, als
Prinz Hamlet noch Fuchs gewesen. Doch gleichviel, wer es gemacht hat,
das Werk ist groß und unsterblich und vorzüglich zu bewundern, wie die
in den Chor eingeflochtenen Solos den Sängern freien Spielraum lassen zu
den anmutigsten, unerschöpflichsten Veränderungen. Einige dieser
Veränderungen, die ich in dieser Nacht hörte, habe ich treu im
Gedächtnis behalten.
Als der Chor geendet, fiel ein schwarz und weiß gefleckter Jüngling
ein:
Gar zu spitzig klafft der Spitz,
Gar zu grob der Pudel;
Jenem gönnt den Steiß zum Sitz,
Dem die Schnauz' zum Hudel.